Geschichte der Schweiz

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Geschichte der Schweiz
«Der Stammbaum der Eidgenossenschaft». Das Schmuckblatt des 19. Jahrhunderts illustriert die Entstehung des 1848 gegrĂŒndeten modernen Schweizer Bundesstaates

Die Geschichte der Schweiz beginnt als Bundesstaat in ihrer gegenwĂ€rtigen Form mit der Annahme der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1848. VorlĂ€ufer der modernen Schweiz waren die seit dem Ende des 13. Jahrhunderts als lockerer Staatenbund organisierte Alte Eidgenossenschaft, die zwischen 1798 und 1803 bestehende zentralistisch aufgebaute Helvetische Republik sowie die 1803 gegrĂŒndete und 1815 neu organisierte «Schweizerische Eidgenossenschaft». Die eidgenössischen Kantone gewannen 1648 im WestfĂ€lischen Frieden die SouverĂ€nitĂ€t vom Heiligen Römischen Reich. Diese SouverĂ€nitĂ€t wurde 1815 am Wiener Kongress erneut bestĂ€tigt, der bis auf kleinere Abweichungen die heutigen Grenzen der Schweiz anerkannte. Wichtige Grundlinien in der Schweizer Geschichte sind der ausgeprĂ€gte Föderalismus und seit dem 16. Jahrhundert die NeutralitĂ€t.

Inhaltsverzeichnis

VorlÀufer

Flagge der Helvetischen Republik 1798–1803
Eidgenössisches Wappen

Die moderne Schweiz geht auf drei VorlĂ€ufer zurĂŒck:

  1. Die «Alte Eidgenossenschaft», ein lockeres GefĂŒge verschiedener LĂ€nder und Stadtstaaten (Staatenbund) auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Sie wurde 1291/1315 durch die Drei WaldstĂ€tte Uri, Schwyz und Unterwalden begrĂŒndet und erkĂ€mpfte sich eine weitgehende Autonomie vom Heiligen Römischen Reich, zuletzt im Schwabenkrieg 1499. Durch den WestfĂ€lischen Frieden wurden die 13 «Orte» (Kantone), ihre Untertanengebiete und VerbĂŒndeten («Zugewandte») völkerrechtlich souverĂ€n, d. h. unabhĂ€ngig vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der französische Einmarsch in die Schweiz und die Helvetische Revolution 1798 bedeuteten das Ende des innerlich seit der Reformation zerstrittenen Gebildes.
  2. Unter dem Druck der Republik Frankreich, d. h. vor allem NapolĂ©on Bonapartes, wurde 1798 das Gebiet der ehemaligen Alten Eidgenossenschaft grösstenteils zur zentralistisch strukturierten «Helvetischen Republik» zusammengefasst. Die bisherigen unabhĂ€ngigen Teilstaaten der Eidgenossenschaft wurden zu Verwaltungseinheiten degradiert, teilweise aufgeteilt oder zu grösseren Einheiten zusammengefasst. Nach dem Abzug der französischen Truppen 1802 ging die Helvetische Republik im BĂŒrgerkrieg zwischen den Verfechtern des Einheitsstaates und den Föderalisten unter. Aufgrund der föderalen Tradition der alten Eidgenossenschaft und deren Verwurzelung in der Bevölkerung behielten die Föderalisten dabei klar die Oberhand, der Einheitsstaat war nie breit akzeptiert.
  3. 1803 einigten sich die Vertreter der Kantone unter der Vermittlung (franz. mĂ©diation) von NapolĂ©on Bonaparte. Durch die Mediationsakte als konföderale Verfassung wurde die «Schweizerische Eidgenossenschaft» als Staatenbund wiedergegrĂŒndet. Nach dem Sturz NapolĂ©ons löste sich dieser Bund 1813 wieder auf. Die 13 alten und die neun seit 1798 neu gegrĂŒndeten Kantone schlossen sich darauf im Bundesvertrag vom 7. August 1815 zu einem neuen Staatenbund zusammen. Vom Wiener Kongress 1814/15 wurde die Struktur der Schweizerischen Eidgenossenschaft, ihre territoriale IntegritĂ€t sowie die «immerwĂ€hrende NeutralitĂ€t» anerkannt. In den 1830er Jahren wurden die seit 1815 wiedererstarkten aristokratischen Geschlechter in den einzelnen Kantonen endgĂŒltig politisch entmachtet, die liberal-demokratisch geprĂ€gte Staatsform hielt Einzug. Die Schweizerische Eidgenossenschaft wurde nach dem Sonderbundskrieg am 12. September 1848 durch die Annahme einer Bundesverfassung in den bis heute existierenden Bundesstaat mit der Bundesstadt Bern umgewandelt. Als offizielle Bezeichnung dient weiterhin «Schweizerische Eidgenossenschaft» bzw. Confoederatio Helvetica.

Überblick ĂŒber die Geschichte der Schweiz vor 1291

Die Schweiz in römischer Zeit
Karte Alamanniens und Hochburgunds um das Jahr 1000
Die Feudalherrschaften der ZĂ€hringer, Habsburger, Kyburger und Savoyer in der Schweiz um 1200
Das Reich der Ottonen und Salier im 10. Jahrhundert

Das Gebiet der heutigen Schweiz ist seit der Altsteinzeit besiedelt. Erst nach der Eiszeit wurde das schweizerische Mittelland dichter besiedelt, besonders die Gebiete um die Seen (→ Pfahlbauten). Mit dem Beginn der Eisenzeit setzte die keltische Besiedlung des Mittellands ein. Keltische Funde bei La TĂšne im Kanton Neuenburg gaben der gesamten Periode der jĂŒngeren Eisenzeit ihren Namen (→ LatĂšnekultur). Die Kelten pflegten Handelsbeziehungen bis in den griechischen Kulturraum. Wahrscheinlich sind auch auf Schweizer Gebiet in dieser Phase die ersten AnsĂ€tze von Schrift entstanden, die allerdings noch nicht alphabetischer Natur waren.

→ Hauptartikel: Schweiz in römischer Zeit

Vor der Eroberung durch die Römer lebten laut Aufzeichnungen des römischen Feldherrn und Politikers Julius Caesar in seiner Rechtfertigungsschrift fĂŒr den Gallischen Krieg (→ De Bello Gallico) auf dem Gebiet der heutigen Schweiz verschiedene keltische StĂ€mme und Völker: die Helvetier (Mittelland), die Lepontier (Tessin), die Seduner (Wallis, Genfersee) und die Raetier (Ostschweiz). Im Zuge der Ausdehnung des Römischen Reiches ĂŒber die Alpen wurde das Gebiet der heutigen Schweiz bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. unterworfen, um die strategisch wichtigen AlpenpĂ€sse nach Germanien zu sichern. Der grösste Teil der Schweiz war wĂ€hrend der Kaiserzeit der römischen Provinz Germania superior zugeteilt. Die Ostschweiz, Wallis und GraubĂŒnden gehörten zur Provinz Raetia, Teile des Tessins schliesslich zur Provinz Gallia Transpadana. Zentren der römischen Schweiz waren die alte helvetische Hauptstadt Aventicum (Avenches) sowie die römischen Kolonien Julia Equestris (Nyon), Augusta Raurica (Augst) und Forum Claudii Vallensium (Martigny). Bis in die SpĂ€tantike ĂŒbernahm die keltische Bevölkerung der Schweiz römische Sitten, Kultur und Sprache, zuletzt auch das Christentum. Bei der Reorganisation der römischen Provinzen im 3. Jahrhundert durch Kaiser Diokletian wurde die Nordschweiz der Provinz Maxima Sequanorum zugeteilt und entlang des Rheins eine dichte Kette von befestigten StĂ€dten, Kastellen und WachtĂŒrmen angelegt (→ Donau-Iller-Rhein-Limes). Nach dem Einfall der Goten ins Weströmische Reich wurden im Jahr 401 alle römischen Truppen zum Schutz Italiens aus den Gebieten nördlich der Alpen zurĂŒckgezogen. Die Herrschaft ĂŒber die Westschweiz ging an das Reich der Burgunder ĂŒber, die Zentral- und Ostschweiz wurde von den Alamannen kontrolliert und besiedelt, wĂ€hrend die Alpengebiete noch weiter in der Hand kelto-romanischer Lokalherrscher verblieben. Einige römische Strukturen prĂ€gten die Schweiz ĂŒber das Ende der römischen Herrschaft hinaus: Das Strassennetz, die römischen Siedlungen und die alte römische Raumeinteilung, insbesondere die kirchliche Organisation mit den Bistumsgrenzen.

→ Hauptartikel: Schweiz im Mittelalter

Im FrĂŒhmittelalter ĂŒbernahm die romanische Bevölkerung der Ost- und der Zentralschweiz die alamannische Sprache, wĂ€hrend sich in der Westschweiz die burgundische Sprache nicht durchsetzen konnte, sondern sich lateinische Dialekte hielten. SpĂ€ter entstand daraus die französische Sprache. In GraubĂŒnden und dem Tessin konnten sich ebenfalls lateinische Dialekte halten, aus denen sich die italienische und rĂ€toromanische Sprache entwickelte. Nach kurzer UnabhĂ€ngigkeit wurden die Reiche der Burgunden und der Alamannen im 6. Jahrhundert n. Chr. in das FrĂ€nkische Reich eingegliedert.

Unter frĂ€nkischer Herrschaft wurde das ganze Gebiet der heutigen Schweiz christianisiert, durch das Wirken von Missionaren und die GrĂŒndung zahlreicher Klöster, etwa St. Gallen, Reichenau, Moutier-Grandval und RomainmĂŽtier. Im FrĂŒhmittelalter fand auch die Feudalisierung statt: Bauern begaben sich in ein Erbhörigkeits-VerhĂ€ltnis zu geistlichen oder adeligen Grundherren. Mit der Teilung des Frankenreichs Karls des Grossen durch seine Enkel im Vertrag von Verdun (843) kam die Westschweiz zuerst zu Lotharingien, dann zu einem neuen Königreich Burgund, wĂ€hrend die Ostschweiz als Teil des Stammesherzogtums Schwaben zum Ostfrankenreich, dem spĂ€teren Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation), kam. Nach der Erwerbung Burgunds durch die Kaiserdynastie der Ottonen (1033) gehörte das gesamte Gebiet der heutigen Schweiz zum Heiligen Römischen Reich.

FĂŒr die römisch-deutschen Kaiser waren die AlpenpĂ€sse von entscheidender Bedeutung fĂŒr die Kontrolle Italiens, speziell fĂŒr die RomzĂŒge anlĂ€sslich der Kaiserkrönungen. Aus diesem Grund besassen die Kaiser seit dem FrĂŒhmittelalter im Alpenraum umfangreiche Gebiete, die sie als Reichsgut direkt verwalteten und nicht als Lehen vergaben. Daneben rivalisierten verschiedene Adelsgeschlechter im Alpenraum, die ZĂ€hringer, Kyburger, Lenzburger, Habsburger und Savoyer. Weite Gebiete der Schweiz gehörten verschiedenen kirchlichen Institutionen, zum Beispiel Klöstern, Stiftungen oder sogar direkt den Bischöfen. Einigen davon gelang im Hochmittelalter der Aufstieg in den FĂŒrstenstand wie den FĂŒrstĂ€bten von St. Gallen oder den FĂŒrstbischöfen von Basel, Chur, Sitten und Konstanz.

Entstehung und Wachstum der Alten Eidgenossenschaft 1291–1515

Das Aussterben mĂ€chtiger Adelsgeschlechter sowie die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst begĂŒnstigten im 13. Jahrhundert die VerselbstĂ€ndigung der wichtigeren StĂ€dte und Talschaften der Schweiz. 1218 wurden ZĂŒrich, Bern, Freiburg und Schaffhausen nach dem Aussterben der ZĂ€hringer zu «ReichsstĂ€dten»; Uri (1231) und Schwyz (1240) erhielten ebenfalls das Privileg der Reichsunmittelbarkeit. Das heisst, diese StĂ€dte und Landschaften standen unmittelbar unter dem Kaiser bzw. dem König und waren von der Herrschaftsgewalt der lokalen Grafen ausgenommen. Damit sicherte Kaiser Friedrich II. den Weg ĂŒber den Gotthard, wĂ€hrend er im Krieg mit den lombardischen StĂ€dten war, und sicherte sich die LoyalitĂ€t der StĂ€dte im Kampf mit Papst Innozenz IV. Nachdem Friedrich II. 1245 vom Papst gebannt und fĂŒr abgesetzt erklĂ€rt worden war, hielten denn auch Bern, Basel und ZĂŒrich zum Kaiser. Das Ende der Dynastie der Staufer und der Beginn des Interregnums im Reich markiert auch fĂŒr das Gebiet der heutigen Schweiz den Übergang zum SpĂ€tmittelalter. Zur selben Zeit, um 1230, wurde der Gotthardpass durch den Bau der TeufelsbrĂŒcke zu einer Handelsstrasse. Die BĂŒndner PĂ€sse waren allerdings weiterhin wichtiger.

Die Eidgenossenschaft und Habsburg um 1315
Die Berner und ihre VerbĂŒndete beim Gebet vor der Schlacht bei Laupen 1339. Die Eidgenossen tragen als gemeinsames Erkennungszeichen erstmals das weisse Kreuz aus Leinwand auf ihren Waffenröcken (→ Fahne und Wappen der Schweiz)

Die drei WaldstĂ€tte Uri, Schwyz und Unterwalden bilden den Kern der Alten Eidgenossenschaft. 1291 erneuerten sie im Anschluss an den Tod des römisch-deutschen Königs Rudolf I. von Habsburg ein Ă€lteres BĂŒndnis, was heute mythologisch verklĂ€rt als «GrĂŒndung» der Alten Eidgenossenschaft gilt (→ Bundesbrief von 1291). Das KernbĂŒndnis der drei WaldstĂ€tte in der heutigen Innerschweiz erweiterte sich schrittweise um weitere Partner, vor allem ReichsstĂ€dte im Schweizerischen Mittelland zwischen Rhein und Aare. Insbesondere die BĂŒndnisse mit den ReichsstĂ€dten ZĂŒrich und Bern trugen wesentlich zur machtpolitischen Festigung und territorialen Erweiterung bei, da die StĂ€dte ĂŒber weite Untertanengebiete verfĂŒgten. Seit der ersten Konfrontation 1315 (→ Schlacht am Morgarten) kam es immer wieder zu Konflikten zwischen dem Adelsgeschlecht der Habsburger und der Alten Eidgenossenschaft (Schlacht bei Sempach 1386), die zur Annexion der habsburgischen LĂ€ndereien links des Rheins bis 1460 fĂŒhrten. Die expansionistische Politik der Stadt Bern, die in der heutigen Westschweiz selbst Zentrum einer «burgundischen Eidgenossenschaft» war, fĂŒhrte die nur lose zusammengefĂŒgte Eidgenossenschaft in eine erste Konfrontation auf europĂ€ischer Ebene mit dem burgundischen Herzog Karl dem KĂŒhnen. Die Burgunderkriege endeten mit einem aufsehenerregenden Sieg der Eidgenossenschaft ĂŒber Burgund und begrĂŒndeten den guten Ruf der Schweizer Söldner. Das «Reislaufen», der Kriegsdienst in fremdem Sold, bildete seitdem einen wichtigen Bestandteil der Wirtschaft der Alten Eidgenossenschaft, besonders in der Innerschweiz. Innere Streitigkeiten zwischen LĂ€ndern und StĂ€dteorten wurden 1481 im Anschluss an die Burgunderkriege durch das Stanser Verkommnis geregelt.

Die Wappen der eidgenössischen Orte und der wichtigsten Zugewandten gruppiert um den Reichsadler in einer Darstellung 1507

Nach dem Sieg ĂŒber Burgund war die Eidgenossenschaft zur vorherrschenden Macht im sĂŒddeutschen Raum geworden. Der schwĂ€bische Adel, allen voran Habsburg, traten dem wachsenden Einfluss der Eidgenossen in Mitteleuropa im Waldshuterkrieg 1468 und im Schwabenkrieg 1499 vergeblich entgegen. Im Schwabenkrieg ging es zwar vordergrĂŒndig um eine Durchsetzung der Reichsreform von 1495, aber eigentlich war dies der letzte Versuch des Hauses Habsburg, sich gegenĂŒber den Eidgenossen durchzusetzen. Im Frieden zu Basel musste der deutsche König Maximilian I. die faktische SelbstĂ€ndigkeit der Eidgenossenschaft innerhalb des Heiligen Römischen Reiches anerkennen. Die Zugehörigkeit der Eidgenossen zum Reich blieb aber bis 1648 bestehen. Der Schwabenkrieg markiert das Ende der Expansion der Eidgenossenschaft in Richtung Norden. 1513 trat Appenzell als letzter und 13. Kanton der Alten Eidgenossenschaft bei, die miteinander durch ein kompliziertes BĂŒndnisgeflecht verbunden waren. Sie beherrschten gemeinsame Untertanengebiete (→ Gemeine Herrschaft) und fast jeder Kanton besass dazu individuelle, «einzelörtische» Untertanengebiete, insbesondere die Stadtkantone, in denen eigentlich nur die StadtbĂŒrger gleichrangige Eidgenossen waren. Um die «XIII-örtige Eidgenossenschaft» gruppierten sich die Zugewandten Orte, die zwar mit der Eidgenossenschaft verbunden waren, aber keine Mitsprache im einzigen gemeinsamen Organ, der Tagsatzung, besassen. So gehörten seinerzeit etwa Gebiete wie das Veltlin oder die Stadt MĂŒlhausen noch zur Eidgenossenschaft. Anhand der damaligen Entwicklung lassen sich auch die Wurzeln der heutigen multikulturellen Schweiz rekonstruieren: Entweder aufgrund seinerzeitiger EroberungszĂŒge oder auf freiwilliger Basis (aufgrund eines militĂ€rischen SchutzbedĂŒrfnisses oder wirtschaftlichen Interesses) wurden die romanisch-sprachigen Gebiete in den Staatenbund integriert.

Territoriale Entwicklung der Eidgenossenschaft 1291–1797

Der habsburgisch-französische Gegensatz, der sich nach 1477 um Burgund und das Herzogtum Mailand ergab, zog die Eidgenossenschaft als Hauptlieferantin von Söldnern an beide Kriegsparteien sowie als eigenstĂ€ndige Macht in einen Konflikt auf europĂ€ischer Ebene. In den Ennetbirgischen FeldzĂŒgen im Rahmen der MailĂ€nderkriege zwischen 1499 und 1525 fand die militĂ€rische Bedeutung der Eidgenossenschaft sowohl ihren Höhe- als auch ihren Endpunkt. Die FeldzĂŒge nach Italien blieben vorerst siegreich und brachten der Eidgenossenschaft die Herrschaft ĂŒber das Tessin und das Veltlin sowie das Protektorat ĂŒber das Herzogtum Mailand. Der Beginn der Reformation entzweite die verschiedenen Orte der Eidgenossenschaft jedoch noch stĂ€rker als bisher und schwĂ€chte ihre Position in den italienischen Streitigkeiten zwischen Habsburg, dem Papst und Frankreich. 1515 bezwang der französische König Franz I. ein durch den Abzug zahlreicher Kantone dezimiertes eidgenossisches Heer bei Marignano. In der traditionellen Schweizergeschichte endet damit die expansionistische Phase der Eidgenossenschaft und macht einer NeutralitĂ€t aus innerer SchwĂ€che Platz. Ob angesichts der SoldbĂŒndnisse mit Frankreich von NeutralitĂ€t gesprochen werden kann, ist umstritten. Der Export von Schweizer Söldnern durch verschiedene eidgenössische Orte hielt auch nach 1515 bis zum endgĂŒltigen Verbot 1859 an. Einzige Ausnahme bildet seither die pĂ€pstliche Schweizergarde.

Reformation und Gegenreformation 1519–1712

Der ZĂŒrcher Reformator Ulrich Zwingli

In ZĂŒrich begann Ulrich Zwingli, nachdem er die Katastrophe von Marignano und eine Pesterkrankung ĂŒberlebt hatte und die Bibel nun als wichtigstes Mass der Entscheidung rund um die Religion ansah, ab 1519 eine Reform der Kirche durchzufĂŒhren, die zur GrĂŒndung der Reformierten Kirche fĂŒhrte. Zwingli predigte gegen Verehrung von Bildern, Reliquien und Heiligen, ausserdem engagierte er sich gegen Zölibat und Eucharistie. Er versuchte seine Reformation in der ganzen Schweiz zu verbreiten, als Politiker trĂ€umte er von einer erstarkten Eidgenossenschaft reformierten Glaubens. Ein wichtiger Erfolg fĂŒr Zwingli war 1528 die EinfĂŒhrung des neuen Glaubens in seiner Heimatstadt ZĂŒrich. ZĂŒrich stand damals auf der Seite der französisch-deutschen Koalition gegen Habsburg und den Papst â€“ die EinfĂŒhrung der Reformation ist auch unter diesem politischen Gesichtspunkt zu sehen. SpĂ€ter folgten die StĂ€dte Basel, Schaffhausen und St. Gallen dem ZĂŒrcher Beispiel ebenso wie Bern. In den LandstĂ€nden Appenzell, Glarus und in den Drei BĂŒnden sowie im Thurgau, im Rheintal und in der FĂŒrstabtei St. Gallen konnte sich die Reformation ebenfalls grösstenteils durchsetzen.

Die konfessionelle Spaltung der Eidgenossenschaft durch die Reformation um 1536

Die LandstĂ€nde in der Innerschweiz, die mit dem Papst verbĂŒndet sowie gegen die Stadtkantone eingestellt waren, wehrten sich erbittert gegen die Reformation. Die Politik Zwinglis trug ebenfalls dazu bei, die Innerschweizer zu entfremden, da er eine starke FĂŒhrungsrolle der StĂ€dte Bern und ZĂŒrich in einer politisch reformierten Eidgenossenschaft und die Abschaffung des Söldnerwesens propagierte. Im Unterschied zu den HandelsstĂ€dten im Mittelland war die lokale Elite in der Innerschweiz aber auf das lukrative Söldnerwesen angewiesen.

Die Eidgenossenschaft 1536 zur Zeit der Reformation

Die Streitigkeiten zwischen den katholischen und den reformierten StĂ€nden ĂŒber die Verbreitung der Reformation in den Gemeinen Herrschaften fĂŒhrten zu den zwei Kappelerkriegen zwischen ZĂŒrich und den Innerschweizer Kantonen 1529/31. Im Zweiten Kappeler Landfrieden wurde ein Kompromiss gefunden: Die Religionshoheit wurde den Kantonen zugesprochen, die sich entscheiden konnten, was fĂŒr ein Glaube in ihrem Herrschaftsgebiet gelten sollte. So fĂŒhrte Bern etwa 1536 mit Zwang in den neu eroberten Gebieten im Waadtland den neuen Glauben ein. Weiter wurde die Ausbreitung der Reformation in den Gemeinen Herrschaften gestoppt. Als religiös gemischte Gebiete wurde unter anderen das Toggenburg anerkannt. In den Drei BĂŒnden blieb die Wahl der Religion den Gerichtsgemeinden ĂŒberlassen, weshalb sich ein religiöser Flickenteppich entwickelte. Die Auseinandersetzung zwischen den Religionen dauerte dort noch bis ins 17. Jahrhundert (BĂŒndner Wirren).

Der Genfer Reformator Jean Calvin

Als letzte Stadt fĂŒhrte durch den Einfluss Berns 1541 Genf (seit 1526 Zugewandter Ort) die Reformation ein. Der dortige Reformator Jean Calvin begrĂŒndete mit seiner besonders strengen Auslegung der Bibel den «Calvinismus». Calvin grĂŒndete 1559 die Genfer Akademie als Hochschule des reformierten Glaubens, die europaweite Ausstrahlung entwickelte und Genf zu einem «protestantischen Rom» machte. Der Calvinismus verbreitete sich in Frankreich («Hugenotten» ist eine französische Umformung von «Eidgenossen»), England (Puritaner), Schottland und den Niederlanden und von dort aus bis nach Amerika. Erst mit ihrer Ă€ussersten Zuspitzung durch Calvin erlangte die Reformation weltweite Bedeutung. WĂ€hrend in der Eidgenossenschaft durch die Zusammenarbeit des ZĂŒrchers Heinrich Bullinger mit Calvin im Consensus Tigurinus von 1549 eine Einigung in der Abendmahlfrage zwischen Reformierten und Calvinisten erfolgte, blieben die Fronten zwischen Reformierten und Lutheranern bis in die neuere Zeit verhĂ€rtet. Der Calvinismus verbreitete sich bis ins 17. Jahrhundert weiter, vor allem in den aktiven fĂŒhrenden Schichten und in den StĂ€dten Deutschlands und Osteuropas. Die besondere Arbeitsethik des Calvinismus soll nach Max Webers umstrittener These von der Protestantischen Ethik fĂŒr den spĂ€teren wirtschaftlichen Erfolg der reformierten LĂ€nder wesentlich verantwortlich gewesen sein. Auf katholischer Seite zu erwĂ€hnen wĂ€re der Walliser Kardinal MatthĂ€us Schiner als einflussreicher Berater des jungen Kaisers Karl V., der auch mit seiner Papst-Kandidatur nur knapp scheiterte.

Kardinal Carlo Borromeo, FĂŒhrer der Gegenreformation

Die katholischen Orte der Innerschweiz wurden im 16. und 17. Jahrhundert zum Ausgangspunkt der Gegenreformation in der Eidgenossenschaft. Als InitialzĂŒndung der Gegenreformation gilt die Visitationsreise des italienischen Kardinals Carlo Borromeo in der Eidgenossenschaft von 1570. 1574 wurde in Luzern die erste Jesuitenschule eröffnet und 1579 in Mailand das Collegium Helveticum gegrĂŒndet, eine UniversitĂ€t fĂŒr katholische Schweizer Priester im Sinne des Konzils von Trient. 1586 liess sich der pĂ€pstliche Nuntius fĂŒr die Eidgenossenschaft, Giovanni Francesco Bonomi, in Luzern nieder und die Kapuziner wurden in die Schweiz gerufen. Durch die Gegenreformation kam es zu stĂ€ndigen Konflikten in den gemischten Kantonen. Aus diesem Grund trennte sich etwa der Kanton Appenzell 1597 in zwei Halbkantone. Bis ins 17. Jahrhundert konnten durch die Gegenreformation grosse Gebiete der Eidgenossenschaft wieder fĂŒr den katholischen Glauben gewonnen werden, besonders in der Nordwestschweiz (Bistum Basel) und in der Ostschweiz (FĂŒrstenland, Uznach, Gaster, Sargans).

Die Konfessionen in der Eidgenossenschaft nach Abschluss der Gegenreformation

Durch die Reformation wurde die Eidgenossenschaft langfristig stark geschwĂ€cht, da gemeinsame BeschlĂŒsse der reformierten und katholischen Orte in der Tagsatzung praktisch unmöglich wurden. Die Tagsatzung war ein Gesandtenkongress der verschiedenen eidgenössischen Orte und besass als einzige gemeinschaftliche Institution nur sehr beschrĂ€nkte legislative und exekutive Befugnisse. Die katholischen Orte trugen stellenweise sogar dazu bei, dass reformierte Orte Gebiete verloren. So zwang etwa eine Allianz der katholischen Orte mit Savoyen Bern und Wallis 1567/69 das Chablais und das Pays de Gex, das sie 1536 erobert hatten, wieder an Savoyen abzutreten. Die vollstĂ€ndige Aufnahme der verbĂŒndeten reformierten StĂ€dte MĂŒlhausen, Genf, Strassburg und Konstanz in die Eidgenossenschaft wurde ebenfalls durch die katholischen Orte verhindert. Trotzdem konnte sich das reformierte Genf gegen die savoyardischen Übergriffe (Escalade 1602) behaupten. Die konfessionelle und politische Spaltung der Eidgenossenschaft wurde 1586 durch den Goldenen Bund der sieben katholischen Kantone besiegelt. In den Hugenottenkriegen in Frankreich kĂ€mpften die Eidgenossen je nach Konfession in unterschiedlichen Lagern: Die Katholiken unterstĂŒtzten Heinrich III., spĂ€ter die Liga, die Reformierten Heinrich von Navarra.

Die Wappen der XIII-örtigen Eidgenossenschaft und ihrer VerbĂŒndeten auf der Titelseite der «Topographia Helvetiae» von MatthĂ€us Merian, 1652

Die Zweiteilung der Eidgenossenschaft entlang der Konfessionsgrenzen wurde 1602 durch ein SoldbĂŒndnis der XIII Orte ohne ZĂŒrich mit Frankreich wieder etwas gemildert. Der Schwerpunkt der europĂ€ischen Politik in Hinblick auf die Eidgenossenschaft verschob sich auf die Drei BĂŒnde, wo seit dem Ausbruch des DreissigjĂ€hrigen Krieges 1618 Spanien und Frankreich um die Kontrolle der AlpenpĂ€sse kĂ€mpften. Dadurch wurde GraubĂŒnden wĂ€hrend der «BĂŒndner Wirren» 1618–1641 als einziges Land der Eidgenossenschaft durch den DreissigjĂ€hrigen Krieg verheert. Die XIII Orte verweigerten den Drei BĂŒnden jedoch den Beistand und wurden so nicht in diesen Krieg hineingezogen, nur Bern und ZĂŒrich intervenierten 1620 kurzzeitig und erfolglos direkt in GraubĂŒnden. Die Eidgenossenschaft als ganzes blieb wĂ€hrend des DreissigjĂ€hrigen Krieges zwar neutral, stellte jedoch Frankreich – die katholischen Orte auch Spanien – vertragsgemĂ€ss Söldner. HauptgrĂŒnde fĂŒr die NeutralitĂ€t waren die veralteten militĂ€rischen Einrichtungen und die konfessionelle Spaltung. Jede Parteinahme hĂ€tte den BĂŒrgerkrieg und damit das Ende der Eidgenossenschaft bedeutet: 1634 stand ein BĂŒndnis ZĂŒrichs und Berns mit Schweden kurz vor dem Abschluss und die katholischen Orte verhandelten mit Spanien, allein die schwedische Niederlage bei Nördlingen verhinderte den BĂŒrgerkrieg. Im Defensionale von Wil, der ersten eidgenössischen Wehrverfassung, beschlossen die XIII Orte 1647 die bewaffnete NeutralitĂ€t. WĂ€hrend des ganzen Krieges bildete die Schweiz aus deutscher Sicht eine ruhige, vom Sturm umbrandete Insel des Wohlstands und des relativen Friedens. In wirtschaftlicher Hinsicht profitierten viele Gegenden der Schweiz sogar vom Krieg, da die Preise fĂŒr Nahrungsmittel wegen der weitreichenden VerwĂŒstungen in Deutschland und Italien stark stiegen.

Im WestfĂ€lischen Frieden vom 24. Oktober 1648 erreichten die Schweizer Kantone durch den Vertreter Johann Rudolf Wettstein in Art. VI IPO bzw. § 61 IPM ihre Exemtion, ein reichsrechtliches Privileg mit dem ein Reichsstand seine unmittelbare Unterstellung unter Kaiser und Reich verlor und damit seinen Gerichten nicht mehr unterstellt war. Die Interpretation und die Folgen dieser Massnahme war bereits bei den Zeitgenossen umstritten, wurde aber im 18. Jahrhundert nach der sich verbreitenden französischen SouverĂ€nitĂ€tslehre allgemein als Ausgliederung aus dem Heiligen Römischen Reich verstanden und ĂŒberwiegend als Anerkennung der völkerrechtlichen SouverĂ€nitĂ€t interpretiert. Seither betrachteten sich alle eidgenössischen Orte als souverĂ€ne Staaten und verkehrten mit anderen europĂ€ischen Staaten diplomatisch auf gleicher Augenhöhe. Die staats- und völkerrechtliche Stellung der Eidgenossenschaft wurde folglich als souverĂ€ne, neutrale Republik beschrieben.[1]

Die starke Aristokratisierung der Stadtorte im Zuge der Zentralisierung der Landesherrschaften, die absolutistische Tendenz der HerrschaftsausĂŒbung und die Wirtschaftskrise, die in der Schweiz auf den «Boom» des DreissigjĂ€hrigen Krieges folgte, bewirkten grosse Unzufriedenheit in den Untertanengebieten der StĂ€dte im Mittelland, besonders unter den Bauern. 1653 kam es deshalb im Herrschaftsgebiet der StĂ€dte Bern, Luzern, Solothurn und Basel zum Schweizer Bauernkrieg, der grausam niedergeschlagen wurde. Der Krieg bewirkte deshalb sogar noch eine VerstĂ€rkung der aristokratischen Tendenzen und eine Vergrösserung der Kluft zwischen Stadt und Land. Zahlreiche Bauern wanderten nach dem Bauernkrieg in das entvölkerte Deutschland aus, wo verschiedene Staaten Einwanderer durch Privilegien und finanzielle Anreize anzogen.

Bereits wenige Jahre nach dem Bauernkrieg bewirkte das Projekt einer Bundesreform 1655 das Wiederaufbrechen der religiösen Zwiste. Im Ersten Villmergerkrieg 1656 versuchten Bern und ZĂŒrich vergeblich, den Zweiten Kappeler Landfrieden gewaltsam zu ihren Gunsten zu verĂ€ndern. Der Sieg der katholischen Orte in der Ersten Schlacht von Villmergen am 24. Januar 1656 bestĂ€tigte erneut die Schlechterstellung der Reformierten in den Gemeinen Herrschaften. Die innere SchwĂ€che und Zerstrittenheit der Eidgenossenschaft stellte das SoldbĂŒndnis mit Frankreich aber nicht in Frage, das auch mit Ludwig XIV. durch alle Orte und Zugewandte erneuert wurde. Die Eidgenossen erlaubten fortan die Anwerbung von bis zu 16'000 Söldnern, wogegen sie HandelsvergĂŒnstigungen und regelmĂ€ssige hohe Geldzahlungen, sog. «Pensionen», erhielten. SpĂ€ter wurde Frankreich auch zum Schiedsrichter fĂŒr innere Konflikte der Eidgenossenschaft erklĂ€rt und erhielt freies Durchmarschrecht durch die Schweiz. Die Eidgenossenschaft sank durch die engen Verbindungen mit Frankreich im 18. Jahrhundert faktisch zu einem französischen Protektorat ab. Trotzdem fanden nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 etwa 60 000 Hugenotten in der reformierten Schweiz Aufnahme. Sie brachten in den StĂ€dten und im Jura eine starke Belebung der Textil- und Uhrenindustrie.

Der wirtschaftliche Aufschwung in den StĂ€dten liess den militĂ€rischen Vorteil der LĂ€nderorte schwinden, weshalb 1712 im Zweiten Villmergerkrieg, der durch religiöse Spannungen in der FĂŒrstabtei St. Gallen ausgelöst wurde, die reformierten StĂ€dte die Überhand behielten. In dem nach der Zweiten Schlacht von Villmergen geschlossenen Frieden von Aarau verloren die katholischen Orte ihren Einfluss in den Gemeinen Herrschaften Baden, Freie Ämter, Rapperswil und mussten Bern in die Verwaltung der Herrschaften Thurgau, Rheintal und Sargans aufnehmen. Das Prinzip der ParitĂ€t, also der Gleichberechtigung beider Konfessionen in den Gemeinen Herrschaften beendete die katholische Vormachtstellung in der Eidgenossenschaft.

Ancien RĂ©gime 1712–1798

Die Struktur der Alten Eidgenossenschaft im 18. Jahrhundert
Schema der Struktur der Alten Eidgenossenschaft im 18. Jahrhundert

Die StÀrkung der Staatsgewalt nach dem französischen Vorbild des Absolutismus brachte in den verschiedenen Orten der Schweiz drei Verfassungstypen hervor, die aristokratische Formen und Gottesgnadentum mit den republikanischen Traditionen vereinten:

  • In den StĂ€dteorten Bern, Solothurn, Freiburg und Luzern das Patriziat, das Regiment weniger alteingesessener Geschlechter;
  • die Zunftaristokratie in ZĂŒrich, Basel und Schaffhausen; sie begrenzte die Oligarchie der alteingesessenen Geschlechter durch den Einfluss der ZĂŒnfte;
  • in den Landsgemeindeorten schliesslich entwickelte sich ebenfalls eine gemeinsame Aristokratie des alten Landadels und der durch den Solddienst zu Reichtum und AdelsprĂ€dikaten gekommenen Familien.

Die absolutistischen Tendenzen in der HerrschaftsausĂŒbung bewirkten im 18. Jahrhundert eine ganze Reihe von AufstĂ€nden in den betroffenen Untertanengebieten, die jedoch bis 1798 allesamt mit Ă€usserster HĂ€rte niedergeschlagen wurden.

Die AufklĂ€rung konnte in der Eidgenossenschaft aber trotz der aristokratischen Tendenzen Fuss fassen. Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau lösten durch ihre Verherrlichung der NatĂŒrlichkeit, Einfachheit und Unverdorbenheit der Eidgenossenschaft eine regelrechte Schweizbegeisterung und eine erste Welle des Tourismus aus. Mit seiner Staatstheorie hat Rousseau zudem einen wichtigen Beitrag zur spĂ€teren Entstehung der direkten Demokratie geleistet. ZĂŒrich wurde gleichzeitig durch eine Ansammlung europaweit bekannter Gelehrter, etwa Johann Jakob Bodmer, Salomon Gessner, Johann Heinrich Pestalozzi und Johann Caspar Lavater, zum «Athen an der Limmat». Der Einzug von Vernunft und Planung brachte neben der Verbesserung von Infrastruktur und Wirtschaft auch eine Lockerung der strengen religiösen Zucht in den reformierten Orten und eine WiederannĂ€herung der Konfessionen im Zeichen gegenseitiger Toleranz.

Die zeitgenössischen Dichter und Gelehrten liessen durch ihre Verteidigung der bestehenden oder eingebildeten schweizerischen Eigenarten zum ersten Mal ein Schweizer Nationalbewusstsein entstehen. 1761/62 manifestierten sich diese patriotischen und aufklĂ€rerischen Strömungen in der GrĂŒndung der Helvetischen Gesellschaft, die sich fĂŒr Freiheit, Toleranz, die Überwindung der Standesunterschiede und die patriotische Verbundenheit der Eidgenossen einsetzte. In der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts entdeckte die Literatur auch das Motiv der gemeinsamen heldenhaften Vergangenheit vor Marignano, die seither als «Schlachtengeschichte» bis ins spĂ€te 20. Jahrhundert das Geschichtsbild der Schweiz bestimmte. Durch den RĂŒckbezug auf die gemeinsame idealisierte Vergangenheit konnte so die Auseinandersetzung mit der schwierigen Zeit der konfessionellen Spannungen vermieden werden.

Die «Franzosenzeit»: Helvetik und MĂ©diation 1798–1814

«Die politische Schaukel». Napoleon Bonaparte spielt mit den in Parteienhadern gespaltenen Schweizern 1802.
Die Schweizerische Eidgenossenschaft wĂ€hrend der Mediationszeit 1803–1814

1798 wurde die Alte Eidgenossenschaft, wĂ€hrend des Franzoseneinfalls, von Frankreich resp. Truppen NapolĂ©on Bonapartes besetzt und nach französischem Vorbild der zentralistische Einheitsstaat Helvetische Republik gegrĂŒndet. Die Kantone (bisher selbstĂ€ndige Staaten!) wurden zu Verwaltungseinheiten degradiert und nach dem Vorbild der französischen DĂ©partements neu eingeteilt. WĂ€hrend der «Helvetik» wurden die Kantone LĂ©man, Oberland, Aargau, WaldstĂ€tte, SĂ€ntis, Linth, Thurgau, Bellinzona, Lugano, RhĂ€tien, Baden und Fricktal neu geschaffen. Genf, MĂŒlhausen und der Jura mit Biel kamen zu Frankreich; Neuenburg blieb preussisch, stand aber in keiner Verbindung mehr mit der Schweiz. Hauptstadt des Einheitsstaates war vorerst Aarau. Zwischen 1799 und 1803 kam es in der Helvetischen Republik zu vier Staatsstreichen (unter anderem wollte dabei der WaadtlĂ€nder F. Laharpe â€“ nach Napoleons Vorbild in Frankreich â€“ eine Alleinherrschaft errichten[2]), die Einteilung der Kantone wie auch die Verfassung wurden mehrfach verĂ€ndert.

1802 kam es nach dem Abzug der franz. Truppen zu einem kurzen BĂŒrgerkrieg («Stecklikrieg») zwischen den Unitariern, die fĂŒr einen Zentralstaat nach franz. Vorbild eintraten und den Föderalisten, die eine Wiederherstellung der alten Kantone wĂŒnschten. Allerdings besassen die Unitarier aufgrund der stark verwurzelten föderalen Traditionen wenig RĂŒckhalt in der Bevölkerung. Erst durch das Eingreifen NapolĂ©on Bonapartes 1803 kam die Schweiz wieder zur Ruhe. Napoleon versammelte die politische Elite der Schweiz in Paris an der Helvetischen Consulta und erarbeitete mit ihr die Mediationsakte (Vermittlungsakte), eine neue föderalistische Verfassung, die Napoleon garantierte. Die SelbstĂ€ndigkeit der Kantone wurde wieder gestĂ€rkt, der Einheitsstaat wurde zum Staatenbund. Die «Schweizerische Eidgenossenschaft», so der nun offizielle Staatsname, zĂ€hlte gemĂ€ss der Mediationsakte XIX Kantone, deren Verfassungen ebenfalls in der Mediationsakte enthalten waren. Die XIII alten Kantone wurden wieder hergestellt. Neu hinzu kamen die Kantone St. Gallen, Aargau, Thurgau, Tessin und Waadt. Das Wallis wurde wegen der strategischen Bedeutung des Simplonpasses fĂŒr Frankreich zuerst eine unabhĂ€ngige Republik und kam 1810 zu Frankreich.

Bis zur Niederlage Napoleons in den Befreiungskriegen im Herbst 1813 war die Schweiz ein Vasallenstaat Frankreichs. Schweizerische TruppenverbĂ€nde und Söldner nahmen deshalb sowohl am Krieg in Spanien als auch am Russlandfeldzug teil. Im Dezember 1813 löste sich das von Napoleon geschaffene schweizerische Staatswesen unter dem Druck der innenpolitischen Gegenrevolution und der anrĂŒckenden Truppen der sechsten Koalition wieder auf. Zwischen den alten und den neuen Kantonen bestanden kurzzeitig betrĂ€chtliche Spannungen, die Schweiz stand vor einem BĂŒrgerkrieg. Erst unter Ă€usserem Druck durch die siegreiche Koalition der GrossmĂ€chte rĂŒckten die nur noch lose im Bundesverein von 1813 organisierten souverĂ€nen Kantone im Sommer 1814 enger zusammen, so dass am 7. August 1815 mit den neu dazu stossenden Kantonen Genf, Wallis und Neuenburg nunmehr 22 Kantone mit dem sogenannten Bundesvertrag die Schweiz wieder als Staatenbund konstituierten.

Die Schweiz als Staatenbund 1814–1847

Der Bundesvertrag von 1815
Die Schweiz am Wiener Kongress 1814
Die Schweiz wĂ€hrend der Restauration 1814–1847
Karte zum Sonderbundskrieg 1847

1815 wurden am Wiener Kongress die grösstenteils bis heute bestehenden inneren und Ă€usseren Grenzen der Eidgenossenschaft anerkannt. Genf, Neuenburg und das Wallis wurden neu zu Vollkantonen. Bern erhielt als EntschĂ€digung fĂŒr die Verluste der Waadt und des Aargau die Gebiete des ehemaligen FĂŒrstbistums Basel im Jura inklusive die Stadt Biel. Der nördliche, katholische Teil dieses Gebietes bildet heute den Kanton Jura. Die Erwerbung weiterer Gebiete fĂŒr die Schweiz, etwa des Umlands von Genf, der Stadt Konstanz oder des Veltlins, scheiterte jedoch. Um das strategisch wichtige Alpengebiet aus dem Einflussbereich Frankreichs zu lösen, bekrĂ€ftigten die GrossmĂ€chte die «immer wĂ€hrende bewaffnete NeutralitĂ€t» der Eidgenossenschaft.

Im Innern wurde die Eidgenossenschaft wĂ€hrend der Restaurationszeit durch den «Bundesvertrag» von 1815 zusammengehalten, der die Mediationsakte ersetzte und eine sehr weitgehende SelbstĂ€ndigkeit der Kantone zuliess. Die Wehr-, MĂŒnz- und Zollhoheit wurde wieder den Kantonen ĂŒbertragen. Als Zentralinstanz fungierte wie in alter Zeit die eidgenössische Tagsatzung, die sich in jĂ€hrlichem Turnus in den drei «Vororten» ZĂŒrich, Bern oder Luzern versammelte. Als einzige stĂ€ndige Institution existierte eine eidgenössische Kanzlei, die mit der Tagsatzung jĂ€hrlich in die Vororte umzog. In den Kantonen des Mittellands mĂŒndete die Phase der konservativen Restauration dann in die liberale «Regeneration» von 1830/31: Die aristokratischen Vorherrschaften wurden endgĂŒltig gebrochen und durch liberal-demokratische Systeme ersetzt. Allerdings ergaben sich wĂ€hrend einer Übergangsphase erneut innerkantonale Spannungen unter etwas anderen Vorzeichen: Entweder kĂ€mpften Liberale gegen Katholisch-Konservative oder dann «Altliberale» (AnhĂ€nger der reprĂ€sentativen Demokratie mit Zensuswahlrecht) gegen «Demokraten» (AnhĂ€nger der direkten Demokratie mit allgemeinem gleichem Wahlrecht).

Auf Grund einer fortwĂ€hrenden Polarisierung zwischen liberalen (mehrheitlich stĂ€dtisch-reformierten) und konservativen (mehrheitlich lĂ€ndlich-katholischen) Kantonen nach den FreischarenzĂŒgen schlossen sich die katholischen Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis 1845 zu einem Sonderbund zusammen, um ihre Interessen zu wahren. Als Folge entschied sich die liberale Mehrheit der Tagsatzung fĂŒr eine gewaltsame Auflösung des Sonderbundes, was noch im November 1847 unter General Henri Dufour geschah. Der Sonderbundskrieg war der letzte bewaffnete Konflikt auf dem Gebiet der Schweiz.

 Wikisource: Bundesvertrag von 1815 â€“ Quellen und Volltexte

Der moderne Schweizer Bundesstaat

GrĂŒndung und Konsolidierung bis zum Ersten Weltkrieg

Erinnerungsblatt an das Inkrafttreten der ersten Bundesverfassung am 12. September 1848
Der erste Bundesrat der Schweiz, gewÀhlt am 16. November 1848
Die ersten MĂŒnzen der neu eingefĂŒhrten WĂ€hrung «Schweizer Franken» 1850
Das «Bundes-Rathshaus» in Bern 1857, heute «Bundeshaus West»
Der Genfer Henry Dunant, GrĂŒnder des Roten Kreuzes, um 1860

Durch den Sieg der liberalen Kantone wurde der Weg frei fĂŒr eine stĂ€rkere Zentralisierung des bisherigen Staatenbundes, die mit der ersten schweizerischen Bundesverfassung am 12. September 1848 umgesetzt wurde. Damit konstituierte sich die Schweiz als «parlamentarischer Bundesstaat». Ein Wesensmerkmal der neuen Bundesverfassung war die Vereinheitlichung vom Mass- und MĂŒnzwesen sowie die Abschaffung der vielen Binnenzölle, was in der Schweiz einen einheitlichen Wirtschaftsraum schuf. Die Bundesverfassung wurde bisher nur zweimal, 1874 und 1999, gesamthaft ĂŒberarbeitet. Die Absetzbewegungen in Neuenburg vom Königreich Preussen bedeuteten 1857 fĂŒr den jungen Bundesstaat eine erste grosse aussenpolitische Herausforderung. WĂ€hrend unter General Dufour die Mobilmachung anlief, gelang es im letzten Moment, den sog. Neuenburgerhandel diplomatisch zu regeln. Weitere Grenzbesetzungen erfolgten wĂ€hrend der österreichisch-italienischen Kriege 1859 und 1866. Die Kontroverse um die Rolle der Schweizer Söldner in Italien fĂŒhrte schliesslich 1859 zum Verbot des traditionsreichen «Reislaufens». 1860 verursachte die Abtretung Savoyens durch Sardinien-Piemont an Frankreich eine weitere aussenpolitische Krise, da nationalistisch gesinnte Kreise unter FĂŒhrung von Bundesrat Jakob StĂ€mpfli das Recht der Schweiz ausĂŒben wollten, Chablais, Faucigny und Teile des Genevois zu besetzen. Ein Plebiszit in Savoyen ergab jedoch eine eindeutige Mehrheit fĂŒr den Anschluss an Frankreich. Der sog. Savoyer Handel wurde durch die Einrichtung einer Freizone um Genf beigelegt. 1870/71 machte der Deutsch-Französische Krieg eine Grenzbesetzung unter General Hans Herzog erforderlich. Im Februar 1871 ĂŒberquerten unter den Augen der Schweizer Armee etwa 87'000 Mann der geschlagenen französischen «Bourbaki-Armee» in den Kantonen Neuenburg und Waadt die Grenze und wurden interniert.

Die Auseinandersetzungen zwischen Radikalen und Konservativen dauerten nach 1848 auf Kantonsebene weiter an. Ab 1863 kĂ€mpfte dann zusĂ€tzlich eine neue sog. Demokratische Bewegung fĂŒr den Übergang von der reprĂ€sentativen zur direkten Demokratie und fĂŒr wirtschaftlich-soziale Reformen. Die Demokraten erhielten Auftrieb durch die als Folge der Industrialisierung immer dringender werdende soziale Frage, weshalb der 1838 gegrĂŒndete Arbeiterbildungsverein GrĂŒtli sowie linke Idealisten die radikal-demokratischen Forderungen stĂŒtzten. Obwohl einzelne Kantone Schutzbestimmungen fĂŒr Fabrikarbeiter und Kinder erliessen (→ Glarner Fabrikgesetz von 1864), blieben die Probleme der Arbeiterschaft dringend. Schrittweise erkĂ€mpften die Demokraten Verfassungsrevisionen in den Kantonen, die z. B. in ZĂŒrich 1869 die EinfĂŒhrung der Volksinitiative, des obligatorischen Gesetzesreferendums sowie die Volkswahl der Regierung beinhalteten. Nach einem ersten gescheiterten Versuch 1872 wurde deshalb 1874 auch die Bundesverfassung im Sinne der Demokraten revidiert. Die neue Verfassung enthielt neben dem Ausbau der direkten Demokratie auch eine Zentralisation des Wehrwesens sowie eine allgemeine Rechts-Vereinheitlichung.

1873 brach auch in der Schweiz wegen des Unfehlbarkeitsdogmas des Ersten Vatikanischen Konzils der «Kulturkampf» zwischen dem Staat und der katholischen Kirche aus. Es ging primĂ€r um den Einfluss der Kirche im neuen liberal-sĂ€kularen Staatswesen. Ein kleinerer Teil der römisch-katholischen GlĂ€ubigen spaltete sich zur neuen Christkatholischen Kirche ab. Starke Spannungen zwischen der röm.-katholischen Kirche und den liberalen Kantonen gab es im Bereich des Bistums Basel, besonders im vom reformierten Bern beherrschten katholischen Nord-Jura. Der Kulturkampf fand seinen Niederschlag in der Bundesverfassung von 1874, zum Beispiel im Verbot des Jesuitenordens, in der EinfĂŒhrung der Zivilehe und der GewĂ€hrung der vollen Glaubens- und Kultusfreiheit.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die traditionellen Konfliktlinien zwischen Liberalen und Konservativen aufgeweicht durch das Aufkommen der Arbeiterbewegung. 1888 schlossen sich kantonale Arbeiterparteien zur Sozialistischen Partei (SP) zusammen, der heutigen Sozialdemokratischen Partei. Nur wenige Jahre spĂ€ter vereinigten sich auch die konservativen und liberal-demokratischen Bewegungen auf nationaler Ebene in Parteien: 1894 wurden die Freisinnig-Demokratische Partei (FdP) und die Konservativ-Katholische Partei (KK), die heutige Christlichdemokratische Volkspartei (CVP), gegrĂŒndet. Dominiert wurde die Bundespolitik damals mit deutlichen Mehrheiten von den GrĂŒndern des liberaldemokratischen Staatswesens, von den Freisinnigen. 1891 wĂ€hlte die Bundesversammlung den Luzerner Joseph Zemp als ersten Katholiken und Vertreter des gemĂ€ssigten FlĂŒgels der katholisch-konservativen Bewegung in den Bundesrat. Damit begann die Integration der 1848 und 1874 unterlegenen konservativ-katholischen KrĂ€fte in den Bundesstaat.

Ebenfalls im 19. Jahrhundert, am 9. August 1847, wurde im Zuge der allgemeinen Industrialisierung des Landes zwischen ZĂŒrich und Baden die erste gesamthaft in der Schweiz liegende Eisenbahnlinie eröffnet, die im Volksmund den Namen «Spanisch-Brötli-Bahn» erhielt. Einige Jahre zuvor war Basel bereits durch eine französische Bahnlinie mit Strassburg verbunden worden. Der Ausbau des schweizerischen Bahnnetzes erfolgte vorerst durch private Bahngesellschaften. Nach schweren politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen um den Bahnbau gerieten viele Eisenbahngesellschaften in den 1870er Jahren in eine Krise. Trotzdem gelang 1882 die Eröffnung der Gotthardbahn mit finanzieller Hilfe Deutschlands und Italiens. Nach 1898 wurden die Bahnen schrittweise bis 1909 verstaatlicht und in die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) ĂŒberfĂŒhrt (→ Geschichte der Schweizer Eisenbahn). Nachdem die ersten kantonalen Briefmarken, die ZĂŒrich 4 und ZĂŒrich 6, 1843 herausgegeben worden waren, wurde ferner bereits 1848 die Schweizerische Post gegrĂŒndet (→ Postgeschichte und Briefmarken der Schweiz).

Auf Initiative des Genfers Henry Dunant (1828–1910) erfolgte 1863 in Genf die GrĂŒndung des spĂ€teren Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Durch die Genfer Konvention, der bis 1868 alle europĂ€ischen Staaten beitraten, wurde das Rote Kreuz als Hilfsdienst des Heeres anerkannt und der SanitĂ€tsdienst neutralisiert. Als Sitz des Roten Kreuzes wurde Genf zur Metropole mit internationaler Ausstrahlung und zog bis ins 20. Jahrhundert weitere wichtige internationale Organisationen an.

In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht war die zweite HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts durch die Industrialisierung des schweizerischen Mittellandes und eine starke Zunahme der Bevölkerung geprĂ€gt. Die Schweiz wurde vom Agrarland zum Industriestaat. FĂŒhrend war bis zum Ersten Weltkrieg die Textilindustrie in der Ostschweiz. In ihrem Gefolge entwickelten sich die Maschinenindustrie und vor allem in Basel die chemische Industrie. Nach dem Aufkommen der Elektroindustrie entstand zwischen Rheinfelden AG und Rheinfelden (Baden) das erste grosse europĂ€ische Flusskraftwerk (→ Altes Wasserkraftwerk Rheinfelden), bald gefolgt von zahlreichen kleineren und grösseren Wasserkraftwerken zur Erzeugung von Strom fĂŒr die Textil- und die Aluminiumindustrie, spĂ€ter auch fĂŒr die Privathaushalte und die Bahnen. In der Landwirtschaft wurde der Getreideanbau wegen der billigeren Importe immer mehr zugunsten der Milch- und Viehwirtschaft aufgegeben. KĂ€se, Schokolade und Kondensmilch wurden zu wichtigen ExportgĂŒtern. Trotz des industriellen Aufschwungs waren zahlreiche Schweizer und Schweizerinnen durch die schlechten wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse zur Auswanderung nach Nord- und SĂŒdamerika sowie nach Russland gezwungen.[3] Die Landflucht bewirkte ein starkes Wachstum der StĂ€dte, so dass der prozentuale Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung zwischen 1850 und 1920 von 6,4 auf 27,6 Prozent anstieg.[4]

Erster Weltkrieg

General Ulrich Wille, GemÀlde von Ferdinand Hodler, 1916
Flugblatt des Oltener Aktionskomitees von 1918 mit dem Aufruf zum Landesstreik

WĂ€hrend des Ersten Weltkriegs bewahrte die Schweiz die bewaffnete NeutralitĂ€t. Unter General Ulrich Wille erfolgte die Grenzbesetzung. Der Schlieffen-Plan der Deutschen sah schon vor dem Krieg vor, Frankreich ĂŒber Belgien und nicht etwa ĂŒber die Schweiz hinweg anzugreifen. Obwohl französische und italienische PlĂ€ne bestanden, die MittelmĂ€chte mittels Durchmarsch durch die Schweiz zu attackieren, blieb die Schweiz von militĂ€rischen Übergriffen auf ihr Territorium verschont.

Fast gefĂ€hrlicher fĂŒr das Fortbestehen der Schweiz war die politische und kulturelle Spaltung des Landes entlang der Konfliktlinien Deutsch-Welsch (→ Â«Röstigraben») bzw. bĂŒrgerlich-sozialistisch. Teile der Deutschschweizer Bevölkerung sympathisierten mit den MittelmĂ€chten (vorab Deutschland), wĂ€hrend in der Westschweiz Frankreich unterstĂŒtzt wurde. Besonders die deutschschweizerische MilitĂ€relite um General Wille und Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg stand nach der «Obersten-AffĂ€re» in der Westschweiz unter Verdacht, mit Deutschland bzw. Österreich-Ungarn zu paktieren.

Das Vertrauen der Bevölkerung in das Schweizer MilitĂ€r und die Politik wurde wiederholt von AffĂ€ren und Skandalen erschĂŒttert. So unternahm etwa 1917 Bundesrat Arthur Hoffmann den Versuch einer Friedensvermittlung zwischen Russland und Deutschland. Hoffmann musste schliesslich auf Druck der Entente zurĂŒcktreten, weil ihm vorgeworfen wurde, Deutschland zu einer Entlastung an der Ostfront verhelfen zu wollen (→ Grimm-Hoffmann-AffĂ€re). WĂ€hrend des ganzen Krieges bot die Schweiz humanitĂ€re Dienste an, so bei der Heimschaffung Zivilinternierter beider Seiten, der Organisation des Verwundeten-Austausches sowie dem Angebot von Erholungs-Aufenthalten fĂŒr Verwundete in Kurorten.

Wirtschaftlich bedeutete der Weltkrieg fĂŒr die Schweiz und ihre Bevölkerung eine starke Belastung. Die stark steigenden Ausgaben des Bundes liessen die Schulden anwachsen, so dass 1915 eine einmalige Kriegssteuer und 1916 eine Kriegsgewinnsteuer eingefĂŒhrt wurden. Um die Versorgung des Landes mit Kohle, Lebensmitteln und Stahl sicherzustellen, willigte der Bundesrat in eine Überwachung des Aussenhandels durch die Kriegsparteien ein und gewĂ€hrte ihnen grössere Kredite. Trotzdem machte die Versorgungskrise 1917 die Rationierung der wichtigsten Nahrungsmittel und EnergietrĂ€ger nötig. Wegen der erst spĂ€t eingefĂŒhrten Rationierung und der fehlenden Lohnersatzordnung fĂŒr die WehrmĂ€nner sowie der steigenden Arbeitslosigkeit als Folge des Mangels an Rohstoffen bzw. auslĂ€ndischer Nachfrage stieg die Armut in der Schweiz.

Die politischen Parteien willigten im August 1914 in einen «Burgfrieden» ein, so dass zu Beginn des Krieges die Parteistreitigkeiten ruhten. Nach den internationalen sozialistischen Konferenzen von Zimmerwald (1915) (→ Zimmerwalder Manifest) und Kiental (1916) im Kanton Bern wuchs jedoch innerhalb der SP der Einfluss der antimilitaristischen und revolutionĂ€r gesinnten KrĂ€fte stark an. 1917 beschloss die SP ein neues antimilitaristisches und revolutionĂ€res Parteiprogramm, das einen klaren Bruch mit der restlichen Parteienlandschaft signalisierte. Die sich verschĂ€rfenden sozialen Probleme stĂ€rkten die Sozialisten, besonders in den StĂ€dten. Seit November 1917 entluden sich die Spannungen in Form von gewaltsamen Unruhen, Streiks und Demonstrationen. Der Landesstreik vom November 1918 gilt als Höhepunkt der politischen Konfrontation zwischen dem «BĂŒrgerblock», den traditionellen liberalen und konservativen KrĂ€ften, und der Arbeiterbewegung. Der Landesstreik wurde als nicht rechtmĂ€ssiger Akt von der Armee niedergeschlagen.

Zwischen 1914 und 1917 lebte der nachmalige russische RevolutionsfĂŒhrer Lenin als FlĂŒchtling in der Schweiz.[5]

Nach dem Ende des Krieges versuchte das österreichische Bundesland Vorarlberg, einen Anschluss an die Schweiz zu erreichen. In den Pariser VorortvertrĂ€gen wurde die NeutralitĂ€t der Schweiz erneut bestĂ€tigt, Vorarlberg jedoch definitiv Österreich zugeteilt sowie die Neutralisierung Hochsavoyens aufgehoben. 1920 trat die Schweiz nach einer Volksabstimmung dem Völkerbund bei, der seinen Sitz in Genf hatte. Damit begann eine Phase der differenzierten NeutralitĂ€t der Schweiz, d. h. dass sie zwar an wirtschaftlichen nicht aber an militĂ€rischen Sanktionen des Völkerbundes teilnahm.

Zwischenkriegszeit

Postkarte zur Reform des Wahlrechts fĂŒr den Nationalrat, 1910

1919 setzte der bĂŒrgerliche Bundesrat Reformen um, die weitgehend die Forderungen der Arbeiterbewegung erfĂŒllten, zum Beispiel die EinfĂŒhrung der 48-Stundenwoche. Im Oktober 1919 wurde der Nationalrat erstmals im Proporzwahlrecht bestimmt, was ein Ende der Dominanz des Freisinns und einen starken Aufschwung fĂŒr die Sozialisten bedeutete. Die SP beschloss Ende des Jahres trotzdem ein Parteiprogramm, das durch seine antimilitaristische Stossrichtung und der Ablehnung der Demokratie, die Partei in eine klare Opposition zur bĂŒrgerlich-demokratischen Staatsordnung setzte. Trotzdem kam es zur Abspaltung radikaler Sozialisten in der Kommunistischen Partei der Schweiz. Die grossen bĂŒrgerlichen Parteien bildeten als Reaktion den «BĂŒrgerblock», der wĂ€hrend der Zwischenkriegszeit die schweizerische Regierung stellte und die SP auf Bundesebene politisch isolierte. Die schweizerische Innenpolitik der Zwischenkriegszeit wurde durch die wachsenden GegensĂ€tze zwischen Bauern und Gewerbetreibenden einerseits und den Angestellten bzw. den diese vertretenden Parteien und Organisationen geprĂ€gt. Als neue bĂŒrgerliche Kraft wurde 1918 im Kanton Bern von dem BauernfĂŒhrer Rudolf Minger die Bauern-, Gewerbe- und BĂŒrgerpartei (BGB) gegrĂŒndet. Sie stand ursprĂŒnglich als zentristische Bauernpartei in Opposition zu den bestehenden bĂŒrgerlichen wie auch sozialistischen Parteien, wurde aber dennoch relativ rasch in den BĂŒrgerblock integriert und erhielt mit der Wahl Mingers in den Bundesrat 1929 einen Regierungssitz.

Nach dem Kriegsende kam es in der Schweiz zu einer ersten Wirtschaftskrise, die besonders die Ostschweiz traf, wo die Textilindustrie wegen der fehlenden auslĂ€ndischen Nachfrage nach Luxusprodukten praktisch zusammenbrach. Nach der Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland 1923/24 erholte sich die Wirtschaft zwar wieder, wurde aber im Laufe der Jahre 1930/31 ebenfalls in den Sog der Weltwirtschaftskrise gerissen. Der Zusammenbruch des Exports auf fast einen Drittel fĂŒhrte zu einem starken Preiszerfall und Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die öffentliche Hand versuchte auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene durch Notarbeiten, Grossprojekte und verschiedene andere wirtschaftspolitische Eingriffe vergeblich ein Ende der Krise herbeizufĂŒhren. Die staatliche Preis- und Lohnsenkungspolitik verstĂ€rkte durch ihre deflationĂ€re Wirkung die Krise sogar noch. In der Arbeiterschaft kam es angesichts der Krise zu einer starken Radikalisierung. Ende 1932 kamen bei der gewaltsamen militĂ€rischen Niederschlagung von Arbeiterprotesten in Genf 13 Arbeiter ums Leben (→ Unruhen von Genf 1932).

Im Rahmen des Kampfes gegen das «Landstreichertum» wurde 1926 das Hilfswerk Kinder der Landstrasse der Pro Juventute gegrĂŒndet, um jenische Kinder ihren Eltern zu entreissen. Ziel war die erzwungene Integration der Jenischen. Ab 1972 wurde die Praxis auf Druck der Medien vom Bund aufgearbeitet. Ein weiteres dĂŒsteres Kapitel in der Geschichte der Schweiz des frĂŒhen 20. Jahrhunderts war der Umgang mit sogenannten Verdingkindern. Kinder aus armen oder sozial schwierigen VerhĂ€ltnissen wurden durch die Vormundschaftsbehörden meist an Bauern vermittelt, welche die Kinder hĂ€ufig als gĂŒnstige ArbeitskrĂ€fte ausnutzen und misshandelten. Die zustĂ€ndigen Behörden schauten weg. Die Praxis wurde erst in den 1970er Jahren aufgegeben. Angangs des 21. Jahrhunderts griffen die Medien dieses Thema intensiver auf, nachdem es lange Zeit von der Gesellschaft verdrĂ€ngt worden war.

Die anhaltende Krise fĂŒhrte auch in der Schweiz zur Entstehung einer rechtsbĂŒrgerlichen antimarxistischen nationalen Erneuerungsbewegung, der Frontenbewegung. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland im FrĂŒhjahr 1933 spĂŒrten die schweizerischen Erneuerungsbewegungen im «FrontenfrĂŒhling» zwar Aufwind, konnten jedoch keine nennenswerten politischen Erfolge verbuchen. Trotz starker politischer Spannungen, einer Vertrauenskrise der Landesregierung, scheiterte 1935 die von der Nationalen Front lancierte Volksinitiative zur Totalrevision der Bundesverfassung, mit der eine faschistische Umgestaltung der Schweiz hĂ€tte herbeigefĂŒhrt werden sollen. Die faschistisch-nationalsozialistische Bedrohung fĂŒhrte die SP und die Gewerkschaftsbewegung mit den bĂŒrgerlichen Parteien enger zusammen. Die SP gab ihre Oppositionsrolle auf und anerkannte die Landesverteidigung und die Demokratie in einem neuen Parteiprogramm. Gleichzeitig schaffte der Bundesrat 1936 mit der Abwertung des Schweizerfrankens um 30 Prozent die Voraussetzungen fĂŒr eine Erholung der Exportwirtschaft und ein Ende der Wirtschaftskrise. 1937 lĂ€utete das Friedensabkommen in der Metall- und Uhrenindustrie zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen das Zeitalter des Arbeitsfriedens und der GesamtarbeitsvertrĂ€ge ein.

1938 wurden in zwei Volksabstimmungen das RĂ€toromanische als vierte Landessprache anerkannt und das Schweizerische Strafgesetzbuch eingefĂŒhrt. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland kehrte die Schweiz zurĂŒck zur integralen NeutralitĂ€t, was vom Völkerbund anerkannt wurde. Unter dem Eindruck der deutschen Expansion bekrĂ€ftigten Schweizer Politiker, Gelehrte und MilitĂ€rs den geistigen und militĂ€rischen Widerstands- und Selbstbehauptungswillen der Schweiz. Bundesrat Hermann Obrecht verkĂŒndete «Wer unsere UnabhĂ€ngigkeit [
] angreifen sollte, dem wartet der Krieg! Wir Schweizer werden nicht zuerst ins Ausland wallfahrten gehen.» Die «Geistige Landesverteidigung» wurde zu einem prĂ€genden Element fĂŒr das Schweizer Kultur und Geistesleben bis weit in die Nachkriegszeit.

Nach der EinfĂŒhrung der NĂŒrnberger Rassengesetze in Deutschland verstĂ€rkte sich die Auswanderung und Flucht deutscher Juden in die Schweiz. Da die Schweiz nur politischen FlĂŒchtlingen Asyl gewĂ€hrte und nicht Verfolgten «aus RassengrĂŒnden» verlangte Heinrich Rothmund, Chef der Fremdenpolizei, 1938 von Deutschland Massnahmen, die es den Schweizer Grenzbeamten ermöglichen sollten, jĂŒdische FlĂŒchtlinge mit deutschen Pass zu identifizieren. Darauf begann Deutschland jĂŒdische PĂ€sse mit einem J-Stempel zu kennzeichnen. Auch an der Konferenz von Evian 1938 verweigerte die Schweiz die dauerhafte Aufnahme eines bestimmten Kontingents von FlĂŒchtlingen und bestand darauf, einzig ein Transitland zu bleiben, weshalb nur Emigranten in die Schweiz einreisen durften, die glaubhaft machen konnten, baldmöglichst weiterreisen zu können.[6]

Zweiter Weltkrieg

Lebensmittelrationierung in der Schweiz vom 9. Oktober 1940 bis 24. Juni 1948
BĂŒste von General Henri Guisan

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs berief sich die Schweiz erneut auf die bewaffnete NeutralitĂ€t und ordnete die allgemeine Mobilmachung der Armee unter dem Oberbefehlshaber General Henri Guisan an. Das Parlament gewĂ€hrte dem Bundesrat unter Berufung auf einen Staatsnotstand und in Anwendung von so genanntem extrakonsitutionellem Notstandsrecht eigentlich verfassungswidrige (vgl. Ausnahmezustand) umfassende Vollmachten, direkt Massnahmen zur Verteidigung der Schweiz und ihrer wirtschaftlichen Interessen zu ergreifen, die erst nachtrĂ€glich von der Legislative bewilligt werden mussten (→ Vollmachten-Regime). WĂ€hrend des deutschen Einmarsches in Frankreich fielen der deutschen Wehrmacht in La CharitĂ©-sur-Loire geheime PlĂ€ne in die HĂ€nde, die schweizerische und französische Absprachen im Falle eines Deutschen Angriffes auf die Schweiz enthĂŒllten. Am 10. Mai 1940 löste die Armee die Zweite Generalmobilmachung aus. WĂ€hrend des Frankreichfeldzuges flohen Anfang Juni 1940 ca. 42'000 französische und polnische Soldaten in die Schweiz und wurden bis 1941 interniert und dann zum Teil nach Frankreich zurĂŒckgefĂŒhrt. Nach der französischen Niederlage setzte General Guisan den RĂ©duitplan zur weiteren Verteidigung der nun völlig von den AchsenmĂ€chten eingeschlossenen Schweiz um. Im Fall eines deutschen Einmarsches wĂ€re danach das Mittelland preisgegeben und der Widerstand auf das Alpenmassiv konzentriert worden.

Zeitweise planten die AchsenmĂ€chte in Generalstabs-Planspielen die Invasion der Schweiz (Operation Tannenbaum). In diesem Zusammenhang wurde auch von Rorschach aus mit dem spĂ€ter ermordeten Wilhelm Gustloff die Grundlage fĂŒr eine nationalsozialistische Politik in der Schweiz gelegt. Von kriegerischen AktivitĂ€ten blieb die Schweiz wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs zwar weitgehend verschont aber nicht gĂ€nzlich unberĂŒhrt. Neben deutschen Luftraumverletzungen in der ersten Kriegsphase fĂŒhrte der Bombenkrieg der Alliierten bis Kriegsende zu stĂ€ndigen ÜberflĂŒgen und versehentlichen Bombardierungen von Schweizer StĂ€dten und Dörfern, auch weil die Schweiz auf Druck der AchsenmĂ€chte die Verdunkelung einfĂŒhrte. Schweizer Territorium wurde insgesamt 77-mal bombardiert, 84 Menschen kamen dabei ums Leben. Der schwerwiegendste Zwischenfall mit 40 Toten, ĂŒber 100 Verletzten sowie Verlust von KulturgĂŒtern war die Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944.[7]

WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges beherbergte die Schweiz bei einer Gesamtbevölkerung von unter vier Millionen wĂ€hrend kĂŒrzerer oder lĂ€ngerer Zeit insgesamt knapp 300'000 Schutzsuchende. Darunter fielen so unterschiedliche Kategorien wie internierte MilitĂ€rpersonen (103'000), temporĂ€r aufgenommene GrenzflĂŒchtlinge (67'000), Kinder auf Erholungsurlaub (60'000), ZivilflĂŒchtlinge (ca. 51'000, von denen ca. 21'000 jĂŒdischer Abstammung waren), Emigranten (10'000) und politische FlĂŒchtlinge (250). Angesichts der prekĂ€ren Versorgungslage war die Aufnahme von FlĂŒchtlingen in Politik und Bevölkerung umstritten. Bundesrat Eduard von Steiger prĂ€gte in diesem Zusammenhang das politische Schlagwort «das Boot ist voll». Ab 1942 ordnete der Bundesrat verschĂ€rfte Massnahmen gegen den illegalen GrenzĂŒbertritt an. Da das schweizerische Asylrecht nur FlĂŒchtlinge aus politischen GrĂŒnden anerkannte, wurde jĂŒdischen FlĂŒchtlingen, die «aus RassengrĂŒnden» Deutschland oder seinen Machtbereich zu verlassen versuchten, die Einreise in die Schweiz verweigert. Erst im Juli 1944 wurden Juden als politische FlĂŒchtlinge anerkannt. Nach neueren Untersuchungen wurden ca. 24'398 FlĂŒchtlinge an der Grenze zurĂŒckgewiesen. Eine Untersuchung im Genf hat jedoch gezeigt, dass trotz der theoretisch geschlossenen Grenze 86 Prozent der «illegalen» FlĂŒchtlinge aufgenommen wurden.[6]

Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg wurde ab 1939 die soziale Belastung durch den aktiven Dienst der WehrmĂ€nner durch die EinfĂŒhrung der Lohn- und Verdienstersatzordnung gedĂ€mpft, so dass soziale Unruhen ausblieben. Trotzdem wurde die SP in den Parlamentswahlen 1943 mit 56 Sitzen zur stĂ€rksten Fraktion im Nationalrat. Die Wahl des Sozialdemokraten Ernst Nobs in den Bundesrat besiegelt die Integration der SP in das schweizerische Parteiensystem und das Ende der ParteienkĂ€mpfe zwischen BĂŒrgerblock und Sozialisten. Die öffentliche Meinung wurde durch die Zensur (Abteilung Presse und Funkspruch) kontrolliert, extremistische und staatsgefĂ€hrdende Propaganda wurde verboten. 1940 wurden die Kommunistische Partei der Schweiz und die Nationale Bewegung der Schweiz verboten. Zahlreiche Schweizer und AuslĂ€nder wurden wĂ€hrend des Krieges wegen Spionage fĂŒr Deutschland verhaftet. Über 1000 Schweizer Nationalsozialisten kĂ€mpften im Verlauf des Krieges in der deutschen Waffen-SS. Gesamthaft wurden 33 MĂ€nner wĂ€hrend des Aktivdienstes wegen Landesverrat zum Tode verurteilt, wobei nur 17 Urteile vollstreckt wurden. Zahlreiche weitere Personen wurden zu Haftstrafen verurteilt oder ausgebĂŒrgert bzw. ausgewiesen.

Durch die frĂŒhzeitige wirtschaftliche Vorbereitung und die schnelle EinfĂŒhrung der Rationierung wie auch die «Anbauschlacht» konnte der Bundesrat die Versorgung der Schweiz mit Lebensmitteln sicherstellen (→ Plan Wahlen). Die hohen finanziellen Belastungen fĂŒr den Bundeshaushalt machten die Erhebung von einmaligen Zusatzsteuern und schliesslich 1941 die EinfĂŒhrung einer Wehrsteuer auf Einkommen und Vermögen nötig, die bis heute als direkte Bundessteuer ĂŒberdauert. Nach der völligen Einkreisung der Schweiz durch die AchsenmĂ€chte schloss der Bundesrat notgedrungen mit Deutschland ein Wirtschaftsabkommen, um den Austausch von Kohle, Stahl und anderer kriegswichtiger GĂŒter zu regeln. Die Schweiz musste Deutschland Kredite im Umfang von einer Milliarde Franken gewĂ€hren. Trotz der Blockade konnte die Schweiz aber weiter kriegswichtige PrĂ€zisionsinstrumente an die Alliierten liefern. Die Alliierten fĂŒhrten seit 1939 «Schwarze Listen», um die schweizerische Maschinenindustrie zur Einstellung der Exporte nach Deutschland zu zwingen. Im MĂ€rz 1945 einigten sich die Schweiz und die Alliierten im Currie-Abkommen auf ein Ende der schweizerischen Ausfuhren nach Deutschland und eine teilweise Auslieferung deutscher Vermögenswerte. Im Washingtoner Abkommen von 1946 gestand die Schweiz den Alliierten schliesslich die Konfiskation des gesamten deutschen Besitzes in der Schweiz zu.[8] Der Streit um das sogenannte Raubgold, das ĂŒber die deutsche Reichsbank in die Schweiz gekommen war, wurde mit der Zahlung von 250 Millionen Franken beendet. Danach hoben die Alliierten alle wirtschaftlichen und finanziellen Massnahmen gegen die Schweiz auf. Im gleichen Jahr nahmen die Schweiz und die Sowjetunion diplomatische Beziehungen auf. Die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wurde letztmals in den 1990er Jahren durch den Bergier-Bericht revidiert.

Die Schweiz in der Nachkriegszeit und im Kalten Krieg

  • ï»żaktuelle Mitglieder der EFTA
  • ï»żehemalige Mitglieder der EFTA

Die Schweiz sah sich im Kalten Krieg in ihrer langen Tradition als politisch und militĂ€risch neutral, gehörte aber ideologisch klar zum liberal-westlichen BĂŒndnis. Die Schweiz trat aus NeutralitĂ€tsgrĂŒnden weder der UNO noch der NATO bei. Der europĂ€ische Sitz der UNO blieb nach der Auflösung des Völkerbunds trotzdem in Genf. Die SupermĂ€chte USA und Sowjetunion bewerteten 1945 diese Haltung negativ, trotzdem waren sie bestrebt formell die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen, was sich im Abschluss des Washingtoner Abkommens niederschlug.[9] Vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit war die unzerstörte Schweiz sowohl wirtschaftlich als auch militĂ€risch ein wichtiger Faktor in Mitteleuropa. Der beginnende Kalte Krieg fĂŒhrte besonders seit 1951 zu einer unter grossen Kosten vorangetriebenen AufrĂŒstung und Modernisierung der Schweizer Armee. Die Wehrpflicht in der Milizarmee dauerte fĂŒr alle diensttauglichen Schweizer vom 20. bis zum 50. Altersjahr (Armeereform 60). Bis 1967 wurden auch erste Schritte zu einer atomaren AufrĂŒstung unternommen, die Schweiz galt als atomares Schwellenland. Mit der Unterzeichnung des Atomsperrvertrags 1969 gab die Schweiz die atomare Option freiwillig auf.[10] Die Geistige Landesverteidigung richtete sich in der Nachkriegszeit gegen die Gefahr einer Besetzung des Landes durch die Truppen des Warschauer Pakts bzw. gegen die kommunistische Unterwanderung der Schweiz. Aus diesem Grund wurden 1956 rund 10'000 Ungarn und 1968 rund 12'000 Tschechoslowaken aufgenommen, die vor der sowjetischen Intervention in ihren LĂ€ndern flohen. Die NeutralitĂ€t der Schweiz begĂŒnstigte die sogenannten «Guten Dienste» der Schweiz, so dass wiederholt internationale Friedenskonferenzen in der Schweiz, meistens in Genf, abgehalten wurden, zum Beispiel 1954 die Indochinakonferenz oder die regelmĂ€ssigen Gipfeltreffen der SupermĂ€chte.

Weil die Schweiz der EuropĂ€ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) aus politischen GrĂŒnden nicht beitreten wollte, grĂŒndete sie 1960 zusammen mit DĂ€nemark, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden und dem Vereinigten Königreich die EuropĂ€ische Freihandelsassoziation (EFTA). Am 6. Mai 1963 trat die Schweiz auch dem Europarat bei. 1970 unternahm der Bundesrat erste Schritte in Hinblick auf eine europĂ€ische Integration der Schweiz, die 1972 in einem Freihandelsabkommen mit der EWG mĂŒndeten. Im gleichen Jahr unterzeichnete die Schweiz auch die EuropĂ€ische Menschenrechtskonvention. Wirtschaftlich erlebte die Schweiz nach 1945 eine noch nie gesehene Hochkonjunktur, die bis in die 1970er Jahre anhielt. In dieser Zeit wurden die Exporte nahezu verzehnfacht. Bei stetig steigender Bevölkerung verĂ€nderte sich das Gesicht der Schweiz durch starke BautĂ€tigkeit und MobilitĂ€tssteigerung der Bevölkerung. Besonders das Mittelland zwischen Genf und Lausanne und zwischen Bern und ZĂŒrich sowie St. Gallen verlor durch die Zersiedelung der Landschaft ihren lĂ€ndlichen Charakter. Der wachsende Energiebedarf wurde durch den Bau von fĂŒnf Atomkraftwerken und den Ausbau der Wasserkraftgewinnung befriedigt. Die wirtschaftliche Entwicklung, besonders im Dienstleistungssektor, fĂŒhrte zu einer starken Steigerung der privaten Einkommen und des allgemeinen Wohlstands. Der Ausbau des Wohlfahrtsstaates (1947 EinfĂŒhrung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), 1959 Invalidenversicherung (IV)) und die Reduktion der Arbeitszeiten bei gleichzeitigem starken wirtschaftlichen Wachstum beschied der Schweiz bis in die 1990er Jahre sozialen Frieden.

Das Wirtschaftswachstum machte seit den 1960er Jahren den Import von «billigen» ArbeitskrĂ€ften aus dem Ausland fĂŒr die Bau- und Tourismusindustrie nötig. Der Anteil der auslĂ€ndischen Wohnbevölkerung stieg zwischen 1960 und 1970 von 10 Prozent auf 17,5 Prozent an, wobei die Italiener die grösste Einwanderergruppe stellten, da Italien 1948 mit der Schweiz einen Vertrag zur Vermittlung von italienischen ArbeitskrĂ€ften geschlossen hatte. Seit dem Ende der Hochkonjunktur in den 1970er Jahren machten sich ÜberfremdungsĂ€ngste bei Teilen der Bevölkerung bemerkbar. Mehrere Versuche, die Zahl der AuslĂ€nder in der Schweiz durch sogenannte Â«Ăœberfremdungsinitiativen» (James Schwarzenbach) zu beschrĂ€nken, scheiterten in der Volksabstimmung. Der Bundesrat versuchte zwar, mit der Schaffung des Saisonnierstatuts die dauerhafte Niederlassung der sogenannten «Gastarbeiter» zu verhindern, schuf damit jedoch nur soziale HĂ€rtefĂ€lle und behinderte die rasche Integration der Migranten.[11]

Vereidigung von Elisabeth Kopp, der ersten Frau im Bundesrat 1984

Die EinfĂŒhrung des Frauenstimm- und Wahlrechts auf Bundesebene scheiterte 1959 erstmals in einer Volksabstimmung. Waadt und Neuenburg fĂŒhrten es jedoch im gleichen Jahr auf kantonaler Ebene ein. Erst 1971 stimmten die Schweizer MĂ€nner der EinfĂŒhrung des Frauenstimmrechts zu. Auf kantonaler Ebene liess zuletzt der Kanton Appenzell Innerrhoden 1991 auf Druck des Bundesgerichts Frauen an die Landsgemeinde zu. Die Frauen erhielten nach der politischen Gleichberechtigung 1981 auch jene auf gesellschaftlicher Ebene juristisch zugesprochen. 1984 wurde Elisabeth Kopp (FDP) als erste Frau in den Bundesrat gewĂ€hlt.

Innenpolitisch wurde die Schweiz durch die seit 1959 erreichten Konkordanz unter den fĂŒhrenden Parteien geprĂ€gt, die sich in der sogenannten Zauberformel bei der Verteilung der Bundesratssitze manifestierte. Die Konkordanz geriet erst nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 und dem Aufstieg der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) in eine Krise, die 2003 zur Sprengung der Zauberformel fĂŒhrte. In der Nachkriegszeit wurde das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden wiederholt durch politische AffĂ€ren und Skandale auf die Probe gestellt, so 1964 durch die Mirage-AffĂ€re und 1989 durch den Fichenskandal oder 1990 durch die Aufdeckung der P-26. Die StimmbĂŒrger verweigerten dem Bundesrat 1949 die WeiterfĂŒhrung des Vollmachtenregimes, indem das fakultative Referendum auch auf die dringlichen BundesbeschlĂŒsse ausgedehnt wurden. Die Krise um die separatistische Bewegung im Berner Jura wurde hingegen 1979 auf demokratischem Weg durch die GrĂŒndung des Kantons Jura gelöst. Die internationale Jugendbewegung fĂŒhrte 1968 (→ 68er-Bewegung) und 1980 (→ Jugendunruhen in der Schweiz) vor allem in ZĂŒrich zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und den Behörden und teils blutigen Krawallen. Politisch und gesellschaftlich kam es zu einer Ablösung der alten Eliten und zum Aufbrechen der Geistigen Landesverteidigung, gleichzeitig entstand aber auch eine konservative Gegenbewegung in den bĂŒrgerlichen Parteien. Eine markante gesellschaftspolitische Auseinandersetzung ergab sich in diesem Zusammenhang 1989 anlĂ€sslich der von der Gruppe fĂŒr eine Schweiz ohne Armee (GSoA) herbeigefĂŒhrten Abstimmung ĂŒber eine Abschaffung der Schweizer Armee («Armeeabschaffungsinitiative»). Trotz starkem Engagement von Politik, Behörden und Armee fĂŒr die Beibehaltung der Armee stimmten 35,6 Prozent der Stimmberechtigten der Initiative zu. Zusammen mit den ErschĂŒtterungen der FichenaffĂ€re bewirkte die Kontroverse um die Armee das endgĂŒltige Ende der Geistigen Landesverteidigung.

Die Schweiz in den 1990er Jahren

Der Bundesrat scheiterte wiederholt, als er versuchte die politische Selbstisolation der Schweiz zu beenden. 1986 lehnte das Stimmvolk den Beitritt der Schweiz zur UNO und 1992 auch denjenigen zum EuropĂ€ischen Wirtschaftsraum (EWR) ab. Der Bundesrat hielt trotz wachsender Opposition rechts-bĂŒrgerlicher Kreise an seinem europĂ€ischen Integrationskurs fest und reichte im gleichen Jahr in BrĂŒssel ein Gesuch zu einem Beitritt der Schweiz zur EU ein. Der Aufstieg der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die sich als einzige Bundesratspartei klar gegen die europĂ€ische Integration stellte und die negative Stimmung im Volk drĂ€ngte den Bundesrat auf den «bilateralen Weg». Ohne formellen Beitritt vollzog die Schweiz autonom EU-Recht nach und einigte sich zweimal mit der EU in Bilateralen VertrĂ€gen auf eine Teilintegration der Schweiz in den EU-Binnenmarkt sowie die Liberalisierung des Personen- und GĂŒterverkehrs.

Die 1990er Jahre waren daneben durch eine langjĂ€hrige Wirtschaftskrise bzw. geringes Wirtschaftswachstum geprĂ€gt, die einen starken Anstieg der öffentlichen Verschuldung zur Folge hatte. Gleichzeitig fanden sich die Kantone und Gemeinden einem intensiven Steuerwettbewerb ausgesetzt, der Steuererhöhungen weitgehend ausschloss. Der Niedergang der schweizerischen Maschinen- und Textilindustrie fĂŒhrte besonders in der Ostschweiz zu einer teilweise bis in die Gegenwart anhaltende Deindustrialisierung, zum Beispiel im Kanton Glarus und im Kanton St. Gallen. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg stieg auch die Arbeitslosigkeit wieder fĂŒr lĂ€ngere Zeit auf ĂŒber vier Prozent. Hart getroffen wurde besonders die Industriearbeiterschaft. Ein Ende der Krise brachte erst der internationale Wirtschaftsaufschwung um die Jahrtausendwende. Ob der Nichtbeitritt der Schweiz zum EWR bzw. zur EU oder die verfehlte Konjunkturpolitik des Bundes oder die Geldpolitik der Nationalbank ausschlaggebend fĂŒr die lange Krise waren, ist bis heute politisch umstritten.

WĂ€hrend der 1990er Jahre nahm die Schweiz zahlreiche FlĂŒchtlinge aus verschiedenen internationalen Konfliktregionen auf. Besonders aus Sri Lanka, der TĂŒrkei und dem ehemaligen Jugoslawien. WĂ€hrend des Krieges in Bosnien und Herzegowina (1992–1995) nahm die Schweiz fast 30'000 Schutzsuchende auf, wĂ€hrend des Kosovo-Konfliktes (1998/99) waren es ca. 53'000.[12] Der markante Zustrom von Menschen aus lĂ€ndlichen Gebieten SĂŒdosteuropas fĂŒhrte zu gesellschaftspolitischen Spannungen, besonders wegen der schwierigen kulturellen Integration der FlĂŒchtlinge.

Die wehrpolitische Debatte um die Zukunft der Schweizer Armee wurde auch in den 1990er Jahren weitergefĂŒhrt. 1993 scheiterte die GSoA knapp in einer Volksabstimmung mit ihrem Antrag, auf die kostenintensive Beschaffung neuer Kampfflugzeuge vom Typ F/A-18 zu verzichten. Die Armee gewann zwar durch eine erste Armeereform 1995 wieder Vertrauen zurĂŒck, konnte aber die strukturelle Krise, die durch das Ende des Kalten Krieges und den Wegfall der realen Bedrohungsszenarien ausgebrochen war, erst durch die Armeereform XXI ansatzweise ĂŒberwinden. Seit Ende der 1990er Jahre stand die WeiterfĂŒhrung der Miliz bzw. eine Professionalisierung der Armee zur Debatte.

21. Jahrhundert

Politische Situation

Als einer der letzten international anerkannten Staaten trat die Schweiz nach einer Volksabstimmung am 10. September 2002 den Vereinten Nationen (UNO) bei. (→ Die Schweiz in den Vereinten Nationen). Der UNO-Beitritt war zuletzt nur noch von rechtskonservativen KrĂ€ften um die SVP bekĂ€mpft worden.

Am 10. Dezember 2003 wurde Christoph Blocher, die fĂŒhrende Figur der SVP, an Stelle von Ruth Metzler (CVP) in den Bundesrat gewĂ€hlt. Dass eine regierende Amtsperson nicht wiedergewĂ€hlt wurde, kam letztmalig 1872 vor.[13] Damit endete die seit 1959 andauernde Phase der politischen Konkordanz im Bundesrat und machte einer verstĂ€rkten Polarisierung zwischen den Parteien Platz. Formal blieb die Konkordanz jedoch auch bei der neuen Zusammensetzung der Landesregierung gewahrt. Die «Abwahl» Christoph Blochers als Bundesrat am 12. Dezember 2007 durch eine vorher erfolgte Absprache der Mittelinksfraktionen CVP, SP und der GrĂŒnen brachte die Uneinigkeit unter den Bundesratsparteien deutlich zum Vorschein. Die SVP sah sich nicht mehr durch die neu an Blochers Stelle gewĂ€hlte gemĂ€ssigte SVP-Politikerin Eveline Widmer-Schlumpf vertreten und kĂŒndigte an, verstĂ€rkt Opposition gegen die Landesregierung zu betreiben. Die Auswirkungen dieser Umsetzung der Opposition bei gleichzeitiger Beibehaltung der Vertretung in der Regierung auf die nationale Politik blieben jedoch bescheiden, fĂŒhrten aber zu starken parteiinternen Spannungen.

Eine direkte Folge der Wahl von Widmer-Schlumpf in den Bundesrat war die GrĂŒndung der BĂŒrgerlich-Demokratischen Partei als liberale Abspaltung der SVP in den Kantonen GraubĂŒnden, Bern und Glarus. Eine Reihe von SVP-MandatstrĂ€gern auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene sind seither der BDP beigetreten, so die beiden SVP-BundesrĂ€te Eveline Widmer-Schlumpf und Samuel Schmid. Im November 2008 fand die GrĂŒndung der BDP Schweiz statt, zu der sich in der Zwischenzeit einige Kantonalparteien angeschlossen haben. Bundesrat Samuel Schmid gab zur selben Zeit seinen RĂŒcktritt per Ende 2008 bekannt. Als sein Nachfolger wĂ€hlte die Bundesversammlung den ehemaligen SVP-ParteiprĂ€sidenten Ueli Maurer, womit die SVP wieder in der Regierung vertreten ist. Die BDP erreichte mit den Glarner Ersatzwahlen im Februar 2009 FraktionsstĂ€rke im Nationalrat. Der Aufbau von neuen Parteisektionen in den Kantonen Aargau, Thurgau, ZĂŒrich, Wallis, St. Gallen und Obwalden ist noch im Gang.[14] Ob sich die BDP lĂ€ngerfristig als neue bĂŒrgerliche Kraft durchsetzen kann, wird sich erst bei den nĂ€chsten Gesamterneuerungswahlen fĂŒr National- und StĂ€nderat 2011 erweisen.

Übrige Ereignisse

Expo-Arteplage Neuenburg

Im Oktober des Jahres 2001 wurde im Parlament des Kantons Zug von einem AmokschĂŒtzen ein Attentat verĂŒbt, das mehrere Todesopfer forderte. Ein Monat darauf geschah einer der grössten Wirtschaftskollapse der Schweizer Geschichte: Die Flugzeugflotte der Swissair musste wegen Insolvenz am Boden bleiben (wird in der Schweiz gemeinhin als Grounding bezeichnet), ein Jahr spĂ€ter musste die Firma schliesslich den Betrieb einstellen. Reste der Fluglinie gingen in der neuen Gesellschaft Swiss auf.

Im Sommer und Herbst 2002 fand in der Drei-Seen-Landschaft um den Bieler-, den Neuenburger und den Murtensee die Landesausstellung Expo.02 statt. Austragungsorte der Arteplages (franz: «Kunst-StrĂ€nde») waren Biel/Bienne, Yverdon-les-Bains, Neuenburg, Murten sowie eine fahrbare Plattform auf den drei Seen selbst, die Arteplage mobile du Jura. Jeder der Austragungsorte widmete sich einem Überthema, so Yverdon der emotionalen Ebene, Biel der Wissenschaft, Murten der Kunst und Kultur usw. Die Expo schlug wegen einer verkorksten Finanzplanung bereits im Vorfeld hohe Wellen, konnte aber in den letzten Wochen noch Besucherrekorde verzeichnen.

Erstmals seit 1954 fand im Sommer 2008 in der Schweiz in Zusammenarbeit mit Österreich wieder ein sportliches Grossereignis statt, die Fussball-Europameisterschaft. In der Schweiz waren Austragungsorte (in Klammern Stadien): Basel (St. Jakobspark), Bern (Stade de Suisse), ZĂŒrich (Letzigrund) und Genf (Stade de GenĂšve). Der St. Jakobspark in Basel konnte mit 42'500 SitzplĂ€tzen aufwarten und somit schweizweit die meisten Zuschauer aufnehmen.

WĂ€hrend der Wirtschaftsaufschwung um die Jahrtausendwende von kurzer Dauer war, konnte die schweizerische Volkswirtschaft 2006 bis 2008 wieder ein starkes Wirtschaftswachstum erreichen, besonders dank des starken Wachstums der Exporte. Ökonomen und Politiker sehen die Erholung der Schweizer Wirtschaft auch in einem Zusammenhang zu der seit 2002 eingefĂŒhrten PersonenfreizĂŒgigkeit mit der EU, dank der zahlreiche gut ausgebildete FachkrĂ€fte aus der EU, besonders aus Deutschland, in die Schweiz zuwandern konnten. Als eines der wenigen LĂ€nder Europas weist die Schweiz aufgrund eines positiven Wanderungssaldos (2007: +75'400 Personen) ein Bevölkerungswachstum von 1,1 Prozent (2007) auf.[15] Der Anteil der stĂ€ndigen auslĂ€ndischen Wohnbevölkerung an der Gesamtbevölkerung stieg dadurch von 20,4 Prozent (April 2007) auf 21,1 Prozent (April 2008).[16]. Im Jahr 2008 wuchs die Schweizer Bevölkerung dann sogar um 106'700 Personen (+1,4 Prozent), was gemĂ€ss Bundesamt fĂŒr Statistik den grössten Zuwachs seit 1963 bedeutete. 85 Prozent des Zuwachses waren auf Migration zurĂŒckzufĂŒhren.[17]

Zeitleiste der wichtigsten Ereignisse

Reihenfolge des Eintritts der Kantone in den Bund

Siehe auch

Literatur

Allgemeine neuere Literatur:

Atlanten und Kartenwerk:

  • Hektor Ammann, Karl Schib (Hrsg.): Historischer Atlas der Schweiz. SauerlĂ€nder, Aarau 1958.
  • Jörg Rentsch, Dominik SauerlĂ€nder (Hrsg.): Putzger. Historischer Weltatlas – Schweizer Ausgabe. Cornelsen, Berlin 2004. ISBN 3-464-64404-9

Historische Quellen:

  • Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz. Administration des Historisch-biographischen Lexikons der Schweiz, Neuenburg 1921–1934.
  • Anton von Sprecher, Markus Lutz: Vollstaendiges geographisch-statistisches Hand-Lexikon der schweizerischen Eidgenossenschaft. H. R. Sauerlaender, 1856 (Google eBook).

Sachthemen:

  • Andres Furger: Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter. NZZ Verlag, ZĂŒrich 1996. ISBN 3-85823-560-1
  • Alfred Kölz (Hrsg.): Quellenbuch zur neueren schweizerischen Verfassungsgeschichte. 2 Bde. StĂ€mpfli, Bern 1992–1996. ISBN 3-7272-9381-0 (Band 1: Vom Ende der Alten Eidgenossenschaft bis 1848) / ISBN 3-7272-9383-7 (Band 2: Von 1848 bis in die Gegenwart).
  • Alfred Kölz: Neuere schweizerische Verfassungsgeschichte. 2 Bde. StĂ€mpfli, Bern 1992–2004. ISBN 3-7272-9380-2 (Band 1: Ihre Grundlinien vom Ende der Alten Eidgenossenschaft bis 1848) / ISBN 3-7272-9455-8 (Band 2: Ihre Grundlinien in Bund und Kantonen seit 1848).
  • Roger Sablonier: GrĂŒndungszeit ohne Eidgenossen. Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300. Hier und Jetzt, Baden 2008. ISBN 3-03919-085-7

Weblinks

 Wikisource: Schweiz â€“ Quellen und Volltexte

Einzelnachweise und Fussnoten

  1. ↑ Maissen, Geschichte der Schweiz, S. 123–125
  2. ↑ Hist. Lexikon der Schweiz
  3. ↑ Damals wurde zugleich in Norddeutschland die Bezeichnung «Schweizer» fĂŒr die auf grossen Bauernhöfen eingesetzten Melker generell ĂŒblich.
  4. ↑ Auszug aus der Schweizergeschichte. Nach Karl DĂ€ndliker, völlig neu bearbeitet und weitergefĂŒhrt von Max Bandle. 5. ĂŒberarbeitete Auflage. ZĂŒrich 1977, S. 179
  5. ↑ Urs P. Engeler, Grosser Bruder Schweiz, 1990
  6. ↑ a b Mauro Cerutti: FlĂŒchtlinge im Historischen Lexikon der Schweiz
  7. ↑ Die militĂ€risch betroffene Schweiz im Historischen Lexikon der Schweiz
  8. ↑ Siehe http://www.gesetze.ch/sr/0.982.1/0.982.1_000.htm
  9. ↑ Aussenpolitik und Aussenwirtschaft der Schweiz wĂ€hrend des Kalten Krieges im Historischen Lexikon der Schweiz
  10. ↑ Atomwaffen im Historischen Lexikon der Schweiz
  11. ↑ http://www.ideesuisse.ch/216.0.html
  12. ↑ http://www.jugendweb.asyl.admin.ch/php/get_pdf.php?id=200
  13. ↑ tagesschau.de: Rechtspopulist Blocher nicht wiedergewĂ€hlt (nicht mehr online verfĂŒgbar)
  14. ↑ «Das Haus ist gebaut». Die BDP erreicht FraktionsstĂ€rke, NZZ 8. Februar 2009
  15. ↑ http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/01/key.html
  16. ↑ http://www.bfm.admin.ch/bfm/de/home/themen/statistik/auslaenderstatistik/aktuelle_ergebnisse.html
  17. ↑ "Schweiz wĂ€chst rekordschnell", Medienmitteilung des BFS vom 26. Februar 2009, auf www.swissinfo.ch

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