Geschichte des Kinos

Kinovorläufer: Stereoskop im „Kaiserpanorama“ des Wiener Prater, um 1900

Die Geschichte des Kinos begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Schaubuden und Panoptiken auf Jahrmärkten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Kino eine etablierte Kunst- und Kultureinrichtung. Ende des Jahrhunderts geriet es, vor allem durch die Konkurrenz des Fernsehens, in eine tiefe Krise. Heute erlebt es eine kleine Renaissance.

Inhaltsverzeichnis

Vorläufer

Vorgänger – und zugleich Ausgangspunkte – des Kinos waren Schaubuden und Panoptiken, wie sie zumeist an Jahrmärkten sowie in Städten zu finden waren. Dort wurden seit je her neben allerlei Kuriositäten auch Optische Täuschungen präsentiert. Besonders beliebt und häufig zu finden waren etwa Stereoskope, mit denen man dem Besucher dreidimensionale Fotos darbot. Der deutsche Unternehmer August Fuhrmann war hier mit seinem 1880 eingeführten System Kaiserpanorama sehr erfolgreich.

1893 präsentierte der Erfinder Thomas Alva Edison auf der Weltausstellung in Chicago das von seinem Chefingenieur William Kennedy Laurie Dickson entwickelte Kinetoskop – einen Schaukasten, in dem jeweils eine Person kurze Filme betrachten konnte. Die Erfindung verbreitete sich in den Vereinigten Staaten, bevor der Cinématographe der Lumière-Gesellschaft die USA erreichte. Die Gebrüder Lumière konnten sowohl Filme aufnehmen als auch abspielen. In den Vereinigten Staaten erfand – ebenfalls vor den Brüdern Lumière – Thomas Armat einen Filmprojektor, der den Betrachter vom Guckkasten befreite und damit gemeinsame Filmerlebnisse ermöglichte.

Stummfilmzeit

Erste Filmvorführungen

Die erste öffentliche Filmvorführung fand vermutlich am 5. Februar 1894 in Manhattan statt und wurde von Jean-Aimé LeRoy veranstaltet, die erste nachgewiesene öffentliche Filmvorführung vor einem zahlenden Publikum am 1. November 1895 im Berliner „Wintergarten“ durch die Brüder Skladanowsky. Am 28. Dezember 1895 veranstaltete die Familie Lumière in einem Kellersalon („Salon Indien“) des „Grand Café“ in Paris die erste öffentliche Vorstellung gegen Eintrittsgeld in Frankreich. Die erste belegte öffentliche Kinovorführung Österreichs fand am 20. März 1896 in der Wiener Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren mit dem Lumière’schen Kinematographen vor geladenem Publikum statt.

Mit der Erfindung des Films, also „bewegten Bildern“ oder „lebender Fotografie“, wie das neue Medium damals häufig bezeichnet wurde, ergab sich eine neue Attraktion für die Schaubuden und Panoptiken. Nachdem die Gebrüder Lumière ab 1895 mit ihrem „Réversible“, dem Cinématographen – der sowohl die Wiedergabe wie die Aufnahme ermöglichte – die großen Städte der Welt bereisten und ihren Apparat bewarben, beschafften sich viele Schaubudenbesitzer oder andere geschäftstüchtige Personen das Gerät. Als Konkurrenz zum Cinématographe der Brüder Lumière kaufte Edison die Projektorversion von Armat und ließ sie unter dem Namen Kinetograph patentieren, produzieren und verkaufen. Auch die Erfinder und Geschäftsleute Max und Emil Skladanowsky und William K. L. Dickson entwickelten Filmapparate. Ihre Filmaufnahmegeräte und -projektoren verbreiteten sich jedoch nicht so rasch und in dem Ausmaß wie der Cinématograph. Frühe Filmemacher und Amateurfilmer benutzten ihn, um Dokumentarszenen aufzunehmen. Schaubuden-, Panoptiken- und bald auch die ersten Kinobesitzer verwendeten ihn als Vorführgerät.

Zuerst wurden alltägliche Szenen oder gespielte Witze aufgenommen und gezeigt. Die Filme waren schwarzweiß, stumm mit einer Bildgröße von 18 × 24 mm, also dem Seitenverhältnis von 3 zu 4 auf Kinetoskop-Film. Die Brüder Lumière verwendeten ein Bildseitenverhältnis von 4 zu 5. Anfänglich wurden 15 bis 20 Bilder in der Sekunde aufgenommen und vorgeführt. Bis zum Tonfilm stieg sie auf 30 und mehr Bilder pro Sekunde im Kino.

Abgesehen von Schaubuden waren auch Gasthäuser und Hotels Stätten der Filmvorführung. In manchen Fällen wurden passende Räume dauerhaft zu Kinos umgestaltet. In anderen Fällen, vor allem in kleineren Städten und ländlichen Gebieten, wurden sie nur gelegentlich für Filmvorführungen genutzt, etwa wenn Wanderkinos zu Gast waren. Diese zogen von Ortschaft zu Ortschaft – manchmal waren es Zirkusse, die sich auch als Filmvorführer betätigten – um in Gasthäusern oder Gemeindesälen für mehrere Tage ihr Filmprogramm vorzuführen. Durch ihre ständige Wanderschaft benötigten sie vor allem in den ersten Jahren nur wenige Filme, die sie immer wieder vor einem neuen Publikum zeigen konnten. In den USA wurde außerdem das Programm der Varietétheater mit Filmen bereichert, was sich in Deutschland nicht durchsetzen konnte.

Die Filme überschritten selten die Länge von einer Minute. Der Reiz, „lebende Bilder“ zu sehen, war in den ersten Jahren ausreichend, um große Menschenmengen zu begeistern. Erst als sich der Sensationswert allmählich erschöpfte, begann man, gegenwärtige Ereignisse zu dokumentieren oder kurze, in der Regel komische Geschichten aufzunehmen. Der Dokumentar- und Spielfilm respektive die Filmkomödie entstand. Dadurch konnte das Publikumsinteresse weiterhin aufrecht gehalten werden. In vielen Schaubuden nahmen Filmvorführungen größer werdenden Raum ein, während die anderen Kuriositäten immer mehr zurückgedrängt wurden. Nach und nach – etwa ab 1900 – gaben viele das Schaubudengeschäft vollkommen auf und widmeten sich nur noch den Filmvorführungen: die ersten Kinos waren geboren. Bis zu einer flächendeckenden Versorgung der Städte in Europa und den Vereinigten Staaten mit Kinos dauerte es in den meisten Ländern jedoch noch bis etwa zum Ersten Weltkrieg. Danach war – einhergehend mit immer aufwändiger hergestellten und längeren Filmen – vor allem der Ausbau der Kinos vorrangig.

Die Entstehung des Lichtspieltheaters

Anzahl der Kinos weltweit
per 31. Dezember 1927[1]
Kontinent / Region /
ausgewählte Staaten
Anzahl
Europa 21.642
Deutschland
4.300
England
3.700
Frankreich
3.300
Italien
1.500
Spanien
1.500
Österreich
500
Ungarn
370
Schweiz
130
Nordamerika (ohne Mexiko) 21.519
Vereinigte Staaten
20.500
Kanada
1.019
Asien 3.690
Japan
850
Kleinasien
71
Mittel- und Südamerika 3.598
Australien 1.200
Afrika 644
Gesamt 51.103

Ab der Jahrhundertwende, als das Medium Film von immer mehr Personen als dauerhafte Errungenschaft und keine vorübergehende Kuriosität erkannt wird, werden nach und nach Kinos eröffnet – also Einrichtungen, die sich ausschließlich der regelmäßigen Vorführungen von Filmen widmen. Je größer sie wurden, desto mehr waren sie in ihrer Bauweise Theatern nachempfunden – sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten. Mit dem Wachstum der Filmproduktion, die immer mehr Genres für sich entdeckte und gegen Ende der 1900er-Jahre auch erste Filmstars hervorbrachte, wuchs auch die Größe der Kinos. Bis in die 1920er-Jahre entstanden so in den Großstädten richtige Kinopaläste, die in ihrer Architektur und Eleganz den prunkvollen Theatern und Opernhäusern meist um nichts nachstanden. In den ersten Jahrzehnten des Films spielten vor allem zur Versorgung kleinerer Städte und ländlicher Regionen die Wanderkinos eine bedeutende Rolle.

Mit der Elektrifizierung wurden viele Lichtspielhäuser als feste Einrichtungen in den Städten eröffnet. Zunächst waren provisorische Einrichtungen, umgebaut aus Verkaufsläden, die Regel. Sie wurden als Kintöppe bezeichnet und entsprechen dem amerikanischen Nickelodeon dieser Zeit. Ab 1908 entstanden immer größere und luxuriösere Neubauten, die das Aus für die Kintöppe bedeuteten.

Die inzwischen länger werdenden Filme wurden mit Klavier, in großen Kinos auch mit Orchester begleitet (siehe dazu Filmmusik). Bis 1927 gab es fast ausschließlich Stummfilme. In diesem Zeitraum entstanden monumentale Werke, wie beispielsweise „Cabiria“ (1912), „Die Geburt einer Nation“ (Birth of a Nation) von David Wark Griffith, Metropolis von Fritz Lang, Ben Hur von Fred Niblo (mit Farbsequenzen) oder Napoléon von Abel Gance, der bei diesem Titel auch mit Farbfilm, 3D-Film und Breitwandfilm (als Vorläufer von CinemaScope) experimentierte.

Im November 1896 eröffnete an der Friedrichstraße das erste Berliner Kino. Bekannt wurde Knopfs Lichtspielhaus am Spielbudenplatz der Hamburger Reeperbahn. Eberhard Knopf kaufte 1900 für sein „Konzert- und Automatenhaus“ einen Vorführapparat. Das erste Programm bestand aus drei Teilen, „1. Ankunft eines Eisenbahnzuges, 2. Einschiffung auf hoher See und 3. Ein Bauern-Wettreiten“ (Hamburger Tageblatt vom 1. November 1935). 1906 zog das Theater wegen des großen Erfolges in den eigens neu errichteten Anbau um. Das älteste, heute noch bespielte Kino der Welt ist das Kino Neues Gabriel in München. Es wurde 1906 eröffnet und wurde seitdem durchgängig bespielt[2]. Im Guinness-Buch der Rekorde ist, mangels Anmeldung der Münchner, das Kino Pionier aufgeführt. Es wurde 1907 in Stettin (heute Szczecin, Polen) eröffnet. Der älteste noch im Betrieb befindliche Kinozweckbau Deutschlands ist das am 3. Juni 1911[3] eröffnete Lichtspiele/Palast-Theater in Burg (bei Magdeburg), heute Burg-Theater. Der zweitälteste deutsche Kinozweckbau ist das Filmtheater Weltspiegel, in Cottbus. Eines der ersten Kinos Österreichs war der „Münstedt Kino Palast“ im Wiener Prater. Dessen Betreiber Gustav Münstedt erhielt bereits 1902 die Konzession zur Errichtung eines Kinos anstelle der Singspielhalle.

Die Glanzzeit der Kinopaläste

Das Centralhotel an der Berliner Friedrichstraße, in dem sich der Wintergarten befand

Ab 1913, als in New York ein elegantes, dem Theater nachempfundenes Großkino entstand, um dem anspruchsvoller gewordenen Film (Film d’Art) einen angemesseneren Rahmen zu geben und so vor Anfeindungen von „Kulturhütern“ zu bewahren, entstanden in den westlichen Ländern die ersten Filmpaläste.[4] Vor allem in den 1920er-Jahren entwickelten sich immer mehr Kinos zu solchen eleganten Großkinos. Die Bezeichnung „Kinopalast“ kommt nicht von ungefähr, imitierte man doch mit vielen neu- oder umgebauten Großkinos antike, barocke oder andere prachtvolle historische Bauwerke. Das Fassungsvermögen solcher Großkinos, deren Vorbilder große, noble Theater und Opernhäuser mit all ihren typischen Merkmalen waren, überschritt je nach Standort deutlich die Tausender-Grenze. So wurden in Berlin elegante Großkinos für bis zu 2.500 Besucher (Mercedes-Palast) errichtet, die 1929 vom 2.665 Besucher fassenden Ufa-Palast am Gänsemarkt in Hamburg, dem damals größten Kino Europas, sogar noch übertroffen wurden. In Wien fassten die größten Kinos immerhin 1.000 bis 1.800 (Busch-Kino) Besucher. In den Vereinigten Staaten, dem Land mit den meisten Kinos und Kinobesuchen der Welt, standen die größten Kinos in New York. Dort entstanden in den 1920er-Jahren kaum noch neue Kinos, die weniger als 3.000 Sitzplätze aufwiesen. Das größte Kino war das 6.200 Besucher fassende Roxy Theatre.[5]

Mit solchen Großkinos versuchte man, dem Kinobesucher nicht bloß einen Film zu bieten, sondern ein regelrechtes Spektakel oder gar eine Reise in eine andere Welt. In den Vereinigten Staaten dürfte man das besonders gut verstanden haben, was schon die überdurchschnittlich hohe Anzahl an Kinos im Vergleich zur Bevölkerungsgröße sowie die folglich beeindruckenden Kinobesuchszahlen nahelegen. 1927 wurde von den geschätzten sechs Milliarden Kinobesuchen weltweit die Hälfte in den USA getätigt.[6] Dass diese enorme Kinobegeisterung in den USA nicht von ungefähr kam, versuchte der britische Filmtheoretiker L’Estrange Fawcett im Jahr 1927 am Beispiel der Kinopaläste New Yorks, die zu den größten und aufwändigsten der Welt gezählt haben, zu erklären. Dort versuchte man dem Besucher nicht nur durch Innen- und Außenarchitektur eine prunkvolle, elegante, andere Welt vorzutäuschen, man behandelte den Besucher mit einer Vielzahl von Angestellten auch wie einen Millionär oder Adeligen, im ursprünglichen Sinne der Maxime „Der Gast ist König“.

  • So beschrieb Fawcett die Wirkung der Kinopaläste New Yorks auf ihre Besucher: „Schon das Vestibül [...] ist sehenswert. Die Raumverschwendung einer Kathedrale vereinigt sich dort mit der strahlenden Pracht überladener Ornamentik, was aber den Massen gefällt und sie anlockt. [...] Betreten wir einmal an einem heißen Sommernachmittag nach Geschäftsschluss einen New-Yorker Kinopalast. Die überhitzte Atmosphäre, der Staub und der Trubel der hauptstädtischen Straßen sind unerträglich; wie matte Fliegen schleppen sich die Leute durch den glühenden Hexenkessel – da reißt ein prächtig uniformierter Portier die doppelten Flügeltüren des Lichtspieltheaters auf, und wenn wir eintreten, fühlen wir uns in eine schönere Welt versetzt. Die Temperatur ist sofort um 6 bis 7 Grad gesunken, reine, duftende, eisgekühlte Luft durchflutet das ganze Gebäude [...] alles richtet sich auf, man fühlt sich neu belebt und das Leben ist wieder einmal wert, genossen zu werden.[7]
  • Über den Komfort: Nach dem Ticketkauf wird der Gönner ins Innere des Heiligtums geführt und mit höfischer Grazie, die verdienen würde, in einem aristokratischen Salon des achtzehnten Jahrhunderts geübt zu werden ins sogenannte Mezzanin eskortiert. Dieses Mezzanin ist für das amerikanische Kinotheater fast ebenso wichtig wie der Film selbst. Es ist ein Riesenraum von 25 bis 30 Meter Länge, in überladenem Stil gehalten, mit Marmorsäulen und gewölbtem Stuckplafond, von dem kostbare Kristallüster das Licht von vielen Tausend Kerzen erstrahlen lassen; ungeheuer dicke Perser bedecken den Boden, längs der Wände laden gepolsterte Divans und köstliche weiche Fauteuils zum Ruhen ein.[8]
  • Über die Dekorationen und den Prunk, die den Besucher vor und nach der Filmschau imponieren sollten: „Im Vestibül plätschern frische Springbrunnen gegen marmorne Nymphen und Mosaikwände: Blumen überall, ein mildes Licht erfüllt den Raum, weiche Teppiche tun den Füßen wohl. Am Rückweg [nach der Vorstellung] bewundern wir noch einmal die Pracht der Innendekoration. Manche Spielhäuser sind in reinem Stil gehalten, Louis Quinze oder orientalisch, andere zeigen eine groteske Verschmelzung aller möglichen Stilrichtungen: ägyptisch, gotisch, mexikanisch, griechisch, chinesisch [...] Farbig beleuchtete Nischen in den Wänden enthalten bizarre Statuen, die Stiegenhäuser sind von riesenhaften Marmorsäulen getragen, Unmengen von Stuckornamenten auf Decken und Wänden verteilt. Oft enthalten die Kinotheater sogar kleine Museen, wo in Vitrinen kostbare Reliquien aufbewahrt werden – die Rüstung Alexanders VI. Borgia, die Galionsfigur der ‚Mayflower‘, [...] und ähnliche kindische Kostbarkeiten.[9]
  • Über die Mitarbeiter und die Behandlung des Besuchers: „Ein Heer von Angestellten [...] steht in langen Reihen bei den Kassen. Die Burschen [...] lernen stehen und gehen, sich anmutig zu bewegen, sich höflich auszudrücken, und ohne Unterlass gefällig zu sein. [...] Bei der Eingangstür [zum Kinosaal] erwartet uns ebenfalls eine Schar von Bediensteten, entsprechend dem Inhalt des Hauptfilms kostümiert. [...] Durch diese Vermummung sollen wir in die lokale Atmosphäre des Wunders eingeführt werden, das alsbald aus der Dunkelheit vor uns entstehen wird. Beim Einnehmen der Plätze gibt es kein Gedränge, keinen Streit; jeder Besucher wird geradewegs auf seinen Sitz geführt. [...] Alle Angestellten sind auf ihr eigenes Theater stolz, die besonderen Vorzüge des Hauses, der Ventilatoren, der Beleuchtung, des Orchesters, werden bescheiden hervorgehoben, Trinkgelder dankend zurückgewiesen.[10]
  • Über die Ausstattung des Kinosaals: “Rechts von der Bühne, deren Vorhang herabgelassen ist, erblickt man die hängenden Gärten der Semiramis oder die anmutigen Kuppeln und schlanken Minaretts eines orientalischen Palastes [...] In diesem plastischen Gebäude befindet sich eine Riesenorgel, deren gedämpfte Akkorde soeben den Saal erfüllen. Links vom Orchester die Szenerie einer morgenländischen Stadt.[11]

Folglich resümierte Fawcett: „Wie man sieht, werden in Amerika ungeheure Summen darauf verwendet, das Publikum anzuziehen, ohne jedoch praktische Geschäftsmethoden zu verabsäumen.“ Von den Unmengen an Dekorations- und Ausstellungsobjekten weiß er zu berichten: „Offenbar muss der Durchschnittsbesucher durch solche läppischen Spielereien angelockt werden, sonst hätte man es in Amerika nicht eingeführt; allein das tiefe Niveau solcher Schaustellungen gibt zu denken. Immerhin spricht der Kassenerfolg dafür, dass die Besitzer die Massenpsychologie wesentlich besser zu beurteilen vermögen, als alle die sterilen Erwägungen kunstbegeisterter Ästheten.

Eine Kinovorstellung in einem New-Yorker Kinopalast im Jahr 1927 sah wie folgt aus:[12]

  • Eintritt: 75 Cent (damals umgerechnet 3 Mark, was im Jahr 2005 einer Kaufkraft von 19,5 Euro entsprechen würde[13])
  1. Beginn der Vorstellung mit einem ca. 15 Minuten dauernden „kleinen Singspiel, einer Tanzpantomime oder dergleichen“, begleitet von einem Kino-Orchester
  2. Danach werden die Tagesereignisse abgespielt (Wochenschau)
  3. kurze Filmkomödie
  4. Hauptfilm: in der Regel um die 80 Minuten
  • Dasselbe Programm wurde den ganzen Tag von 1 Uhr Nachmittag bis Mitternacht wiederholt.

Filmvorführungen zur Stummfilmzeit

Eine Filmvorführung in der Stummfilmzeit unterscheidet sich wesentlich von einer heutigen Filmvorführung. Der markanteste Unterschied ergab sich durch die Stummheit der Filme selbst. Der zweite markante Unterschied ist, dass eine Kinovorstellung in der Frühzeit der Kinogeschichte, als die Filme zuerst zwischen wenigen bis 20 Minuten und schließlich eine Stunde und länger waren, mehrere Filme beinhaltete. Dem Zuseher wurde ein Filmprogramm, mit dem „Hauptfilm“ als Kernstück, geboten.

Um dieses Manko – das spätestens ab dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als die Filme länger und die Handlungen allmählich komplexer wurden, eines war – auszugleichen, entwickelten sich mehrere Praktiken.[14]

So gab es anfangs, als die meisten Kinos noch umgebaute Räumlichkeiten in Hotels, Gaststätten oder Schaubuden (in den USA von Beginn an Nickelodeons) waren, Filmerklärer. In Japan überlebte dieser Beruf sogar das Ende der Stummfilmzeit und war unter der Bezeichnung Benshi noch lange in die Tonfilmzeit hinein bedeutend. In Europa und den USA wurde der Filmerklärer jedoch schon bald durch Zwischentitel, die grob den Handlungsablauf oder Dialoge wiedergaben, abgelöst. Zudem wurden schon früh Instrumente – zumeist Klaviere oder Kinoorgeln – eingesetzt, um den stummen Film zu begleiten. Wurden diese Stücke anfangs noch improvisiert oder aus dem zeitgenössisch-populären Repertoire adaptiert – oder stur bereits bestehende Klavierstücke unabhängig zur Handlung vorgespielt – entstand aus dieser Praktik bald der Beruf des Filmkomponisten, der für Stummfilme eigene Kompositionen schrieb, die von den Pianisten oder anderen Musikern in den Kinos gespielt wurden. In großen Kinos – die häufig Erstaufführungs- bzw. Premierenkinos waren, die die neuesten Filme spielten und auch teurere Eintrittspreise hatten – wie sie ab den 1910er-Jahren, vor allem aber in den 1920er-Jahren entstanden, wurden häufig ganze Orchester betrieben und manchmal auch Chöre und Opernsänger eingesetzt.[14]

Kleine Kinos, die sich Originalkompositionen nicht leisten konnten oder wollten, engagierten weiterhin Musiker, die von eigens für solche Zwecke erstellten „cue sheets“ bzw. Themenlisten spielten. Diese beinhalteten die passende Untermalung für verschiedene Filmszenen – von fröhlich über ernst und dramatisch bis tragisch. Auch Jahrmarktsorgeln und Pianolas waren in kleinen, billigen Kinos zu finden. Für weitere akustische Untermalung sorgten mitunter Geräuschemacher oder eigene Maschinen.[14]

In den ersten Jahren, als hauptsächlich wenige Minuten lange Alltagsszenen und Aktualitätenberichte hergestellt wurden, wurden diese Kurzfilme als ein Teil im Programm von Varietébühnen, Zirkussen oder in zu Schauräumen umgebauten Räumlichkeiten in Schaubuden oder Gaststätten gezeigt. Mit zunehmender Länge und Unterhaltungswert der Filme wurden andere Programmpunkte vernachlässigt und als absehbar wurde, das der Film keine vorübergehende Kuriosität bleiben würde, entstanden häufig aus solchen Räumlichkeiten die ersten Kinos, die als einzige „Attraktion“ Filmvorführungen boten.[15]

Vor 1910 waren Spielfilme in der Regel eine Rolle (One-Reeler bzw. Einakter) lang, ab etwa 1910 erreichte ein durchschnittlicher Spielfilm eine Länge von etwa 20 Minuten – also zwei Filmrollen – und nach dem Ersten Weltkrieg bzw. um 1920 etablierte sich der Langspielfilm mit Spiellängen von 60 und mehr Minuten. Je nach Länge der in den Kinos aufgeführten „Hauptfilme“ entwickelte sich die Zusammenstellung von Filmprogrammen, die Kinobesucher für ihr Eintrittsgeld zu sehen bekamen. Ein fester Bestandteil eines solchen Programms waren Berichte von aktuellen Ereignissen aus der Stadt, dem Land oder von anderswo auf der Welt – etwa große Gesellschaftsereignisse, Großbrände, Naturkatastrophen, etc. Dieser Programmpunkt entwickelte sich zur Wochenschau, die wöchentlich mit neuen Berichten in die Kinos kam, und sich weltweit noch wesentlich länger als die Stummfilmzeit hielt.[15]

Weitere Programmpunkte waren zumeist komische Kurz- oder Trickfilme, die jeweils etwa fünf bis 20 Minuten einnahmen, ab den 1910er-Jahren auch Folgen von Filmserien – etwa Detektivserien – sowie diverse andere kürzere Filme, wie Dokumentationen oder Kulturfilme. Der Hauptfilm wurde in der Regel zuletzt, als Höhepunkt der Vorstellung, gezeigt.[15]

Umstellungsphase von Stumm- auf Tonfilm

Seit geraumer Zeit versuchte man, den Film mit Ton zu versehen. Der Hauptgrund war, die Schauspieler sprechen zu lassen, um dadurch auf die lästigen Zwischentitel verzichten zu können. Auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 wurden zwar bereits Ton- und Farbfilm vorgeführt, die Verfahren (z. B. Handcoloration) erwiesen sich aber als zu kostspielig für die kommerzielle Nutzung. Auch Versuche mit Nadelton (mittels einer Schallplatte, die parallel zum Film lief) waren nicht sehr zufriedenstellend, da diese nur sehr schwer mit dem Film zu synchronisieren war. Durch häufig auftretende Filmrisse wurde ein Film im Laufe seiner Vorführgeschichte immer kürzer und damit der Tonversatz zum Ende des Films immer größer.

1926 kam der erste abendfüllende Spielfilm in der Nadeltontechnik des Vitaphone-Patents zur Aufführung: „Don Juan“ von Alan Crosland mit Warner Oland (der später als Charlie Chan berühmt wurde).

1927 kam der Film Der Jazzsänger von Alan Crosland als Nadeltonfilm in die Kinos. Nach dem überragenden Erfolg wurde der Film später auf Lichtton-Film umkopiert. Hierbei wird am linken Bildrand ein 2,54 mm breiter Streifen für die Tonspur reserviert. Eine kleine Lampe leuchtet auf den Tonstreifen, der je nach Lautstärke und Frequenz des Tonsignals mehr oder weniger stark lichtdurchlässig ist. Das Licht fällt durch den Film auf eine Fotozelle, und die dabei entstehenden Helligkeitsschwankungen werden in eine Wechselspannung für ein Tonsignal umgewandelt, das nach Verstärkung den Lautsprechern im Kinosaal zugeführt werden kann. Durch diese Kopplung von Bild und Ton auf demselben Trägermedium stellten Filmrisse hinsichtlich der Synchronität der beiden Spuren kein Problem mehr dar. Innerhalb von nur wenigen Jahren verdrängte dann der Tonfilm den Stummfilm.

Kinogeschichte bis heute

Fußballfans schauen Englandspiel in HDTV im Kino[16]. Zu sehen ist „HD1“

Die große Zeit der Kinos dauerte ein halbes Jahrhundert. In den 1950er Jahren setzte durch das Fernsehen ein Rückgang der Besucherzahlen in Kinos und folglich die Schließung vieler Kinos ein. Die Filmproduktionsfirmen versuchten deshalb durch neue, teilweise aber kurzlebige Techniken, um die Zuschauer zurückzugewinnen. So wurde mit 3D-Filmen ein kurzzeitiger Boom ausgelöst und mit neuen Breitwandtechniken experimentiert (CINERAMA, CinemaScope, Todd-AO 70 mm, Cinemiracle u. a.), die im Fernsehen wirkungslos sind. Dennoch gaben viele Kinobetriebe bis Anfang der 1980er Jahre auf. In deutschen Städten mit mehreren Kinos blieb oft nur noch ein Kino übrig. Dieses wurde dann in kleinere Einzelsäle aufgeteilt, was zu beengten Kleinkinos mit schlechten klimatischen und akustischen Bedingungen führte; spöttisch hießen diese Räume „Schachtelkinos“ bezeichnet. Die seit den 1980er Jahren neu gebauten Kinos, vor allem die so genannten Multiplex-Kinos an den Stadträndern und auch in der Provinz, sind technisch gut ausgerüstet. Dazu gehören Dolby-Digital- und DTS-Tonanlagen (vereinzelt THX-zertifiziert), in besonderen Sälen auch SDDS. Nach dem Kinosterben hat damit eine Konsolidierung des Marktes auf niedrigem Niveau begonnen, manche sprechen von einer Renaissance.

Literatur

Sachbücher
Aufsätze
  • Ramin Rowghani: Berlin, der Ursprungsort des Films und die Stadt der Kinos. Von einer originären Stätte zum großen Kinosterben. Ein Berliner Spaziergang ganz anderer Art. In: Menschen und Medien. Zeitschrift für Kultur und Kommunikationspsychologie, Berlin 2002.
  • Ipse und Michael Sennhauser: Wer hat angefangen mit dem Kino? Anmerkungen zur neuen Frühgeschichte des Kinos in Basel. In: Basellandschaftliche Zeitung. Liestal, 15. Januar 1993, S. 25.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Kinos – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Kino – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. L’Estrange Fawcett: Die Welt des Films. Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien 1928, S. 34, 79 und 151 (übersetzt von C. Zell, ergänzt von S. Walter Fischer)
  2. Süddeutsche Zeitung vom 2. September 2007, http://www.sueddeutsche.de/muenchen/937/416704/text/
  3. Burger Tageblatt vom 2. Juni 1911
  4. Roberta Pearson: Das Kino des Übergangs. In: Geoffrey Nowell-Smith (Hrsg.): Geschichte des internationalen Films. Broschierte Sonderausgabe, Metzler Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-476-02164-5, S. 37
  5. Fawcett, S. 42
  6. Fawcett, S. 80
  7. Fawcett, S. 81
  8. Fawcett, S. 82
  9. Fawcett, S. 81, 82 u. 84
  10. Fawcett, S. 82 u. 84
  11. Fawcett, S. 83
  12. Fawcett, S. 83 u. 84
  13. Umrechnungsmultiplikator nach Berechnung Fredrik Matthaeis auf Grundlage von Angaben des Hamburger Staatsarchivs und des Statistischen Bundesamtes, http://fredriks.de/HVV/kaufkraft.htm
  14. a b c Pearson, Nowell-Smith (Hrsg.), Das Kino des Übergangs, S. 9–10
  15. a b c Nowell-Smith, Einführung, S. 4
  16. HDTV im Kino: England fans watch match in cinema auf: en:wikinews, 21. Juni 2006 (englisch)

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