Geschichte des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland

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Geschichte des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland

Vorhergehende Geschichte Großbritanniens: Geschichte des Königreichs Großbritannien und Geschichte Irlands


Die Geschichte des Vereinigten K√∂nigreiches von Gro√übritannien und Irland umfasst die Geschichte der seit dem Act of Union 1800 unter der Herrschaft der britischen Krone zusammengefassten Territorien England, Schottland und Irland bis zum Anglo-Irischen Vertrag von 1921, der die Unabh√§ngigkeit S√ľdirlands einleitete.

Inhaltsverzeichnis

Großbritannien im napoleonischen Zeitalter

Politische Entwicklung

Königin Victoria

Als Folge von Aufst√§nden in Irland von 1798 beschloss die britische Regierung unter William Pitt dem J√ľngeren, die formelle Unabh√§ngigkeit Irlands endg√ľltig zu beenden. So wurde Irland mit dem Act of Union 1800 dem K√∂nigreich Gro√übritannien angeschlossen, was einerseits den Verlust des irischen Parlaments, andererseits die rechtliche Einheit und damit die formelle Gleichstellung von Gro√übritannien und Irland zum 1. Januar 1801 nach sich zog. Es entstand das Vereinigte K√∂nigreich von Gro√übritannien und Irland. Irland entsandte rund 100 Abgeordnete in das House of Commons und 28 Peers in das House of Lords. Die von Pitt ebenfalls angestrebte staatsb√ľrgerliche Gleichstellung der Katholiken scheiterte am Widerstand Georges III, worauf der Premierminister zur√ľcktrat.

Diese Version des Union Jacks wurde 1801 die Flagge des Vereinigten Königreichs.

1802 schloss Henry Addington, der Nachfolger Pitts den Vertrag von Amiens mit Frankreich. Dieser Friedensschluss war √§u√üerst popul√§r, da der Krieg mit Frankreich und die mit ihm verbundene Wirtschaftskrise unter anderem zur erstmaligen Erhebung einer allgemeinen Einkommensteuer gef√ľhrt hatte. Allerdings folgte nur eine etwa einj√§hrige Friedenszeit, die Gro√übritannien zur massiven Aufr√ľstung und zu einer erneuten Kriegserkl√§rung an Frankreich am 18. Mai 1803 nutzte.

In der Auseinandersetzung mit Napol√©on Bonaparte behielten die Briten in der Schlacht von Trafalgar 1805 die Oberhand und beendeten mit ihr jede franz√∂sische Handlungsf√§higkeit zur See. In der europ√§ischen Kriegsf√ľhrung zu Lande blieb Bonaparte jedoch erfolgreich. Mit der Kontinentalsperre schloss Frankreich 1806 alle kontinentalen H√§fen f√ľr den britischen Handel. Dies f√ľhrte zwar zu Arbeitslosigkeit, Lohnverfall und Preissteigerungen auf der Insel, zwang Gro√übritannien aber nicht in die Knie. Vor allem im Baltikum und in Portugal war die Kontinentalsperre durchl√§ssig zudem konnte Frankreich den Schmuggel nicht unter Kontrolle bringen. Zum Ausgleich f√ľr die Kontinentalsperre und auch als Ersatz f√ľr den verlorenen Absatzmarkt in den nordamerikanischen Kolonien konzentrierte sich der britische Handel zunehmend auf S√ľdamerika. Zudem waren mit der Unabh√§ngigkeit der Vereinigten Staaten die Absatzm√§rkte f√ľr den Sklavenhandel zusammengebrochen und eine immer st√§rkere Abolitionsbewegung war entstanden, so dass die britische Regierung den Sklavenhandel 1807 verbot.

Schlacht von Waterloo, Gemälde von William Sadler

W√§hrend Napoleon 1812 seine Kr√§fte in der Auseinandersetzung mit Russland √ľberforderte, konzentrierte sich Gro√übritannien auf einen Expeditionsfeldzug nach Spanien. 1809 waren Truppen unter Arthur Wellesley, 1. Herzog von Wellington, dem bedeutendsten britischen Heerf√ľhrer dieser Zeit, auf der Iberischen Halbinsel gelandet und f√ľhrten dort gemeinsam mit Aufst√§ndischen einen z√§hen Kampf gegen die Truppen Napoleons und erzielten 1813 den auf diesem Kriegsschauplatz entscheidenden Sieg. Nach der Schlacht bei Waterloo im Juni 1815 war Gro√übritannien mit seinem Gesandten Castlereagh auf dem Wiener Kongress ma√ügeblich an der Neuordnung Europas beteiligt, verzichtete trotz seiner starken Stellung aber auf erneuten Territorialbesitz auf dem Kontinent. Die britische Au√üenpolitik war in erster Linie an einer Machtbalance auf dem Festland interessiert, in der sich die dortigen M√§chte gegenseitig neutralisieren sollten. Dar√ľber hinaus sollte das Prinzip des Freihandels den Kontinent zum Absatzmarkt f√ľr britische Waren machen.

Kulturelle Entwicklung

Wie die meisten europ√§ischen Nationen erlebte auch Gro√übritannien eine Abwendung von Klassizismus hin zur Romantik. Bereits kurz nach 1700 wurden kulturelle R√ľckgriffe auf das Mittelalter sowie auf Shakespeare intensiviert, die allerdings auch zuvor nie ganz verschwunden waren. Ab 1760 wurde die Lyrik des angeblichen g√§lischen Barden Ossian sehr popul√§r, kurz darauf der Schauerroman. Beides wurden bestimmende Elemente der britischen Romantik. Das Heroische, Pathetische, Erhabene wurde zum Leitbild der k√ľnstlerischen Ausdrucksformen. Die romantische Literatur im Vereinigten K√∂nigreich war vor allem historische Literatur. In der Malerei dr√ľckte sich die Romantik vor allem in der Form der Landschaftsmalerei in Aquarelltechnik aus.

Die Industrielle Revolution

Technische Neuerungen

Eine Dampfmaschine nach einem Entwurf von James Watt, ausgestellt in Madrid.

W√§hrend sich die innenpolitische Auseinandersetzung im sp√§ten 18. und fr√ľhen 19. Jahrhundert um die Modernisierung des Wahlrechts entspannte und in der Au√üenpolitik eine Reaktion auf die kontinentaleurop√§ischen Entwicklungen gefragt war, begann sich die Industrielle Revolution zu entwickeln.

Die entscheidenden technischen Neuerungen (Spinning Jenny, Dampfmaschine) waren bereits im späten 18. Jahrhundert entwickelt worden. In den folgenden Jahrzehnten wurden sie verbessert und fanden immer weitere Verbreitung. Auch hatte sich um 1800 bereits ein Proletariat an den wichtigsten Industriestandorten entwickelt.

Gesellschaftliche Entwicklung

Die technischen Neuerungen ver√§nderten auch den Arbeitsprozess. An die Stelle selbstst√§ndiger Handwerks- oder Heimarbeit im Verlagssystem trat die Fabrikarbeit mit ihren zentralen Arbeitsorten, festen Zeiten und zunehmender Kinderarbeit. Letztere wurde als Problem erkannt und ab 1819 per Gesetz zunehmend eingeschr√§nkt. Die Arbeiter hatten sich im 18. Jahrhundert zun√§chst in Combinations, gewisserma√üen Handwerksz√ľnften, vereinigt. Diese wurden zun√§chst verboten. Als darauf Geheimb√ľnde zunahmen, lie√ü die Regierung 1824 die Zusammenschl√ľsse wieder zu, die schnell die Form moderner Gewerkschaften annahmen. Der Kampf der Arbeiterschaft f√ľr ihre eigenen Interessen nahm vorerst eher selten die Form organisierter oder spontaner Streiks an, sondern √§u√üerte sich vor allem im Ph√§nomen der Maschinenst√ľrmer (Ludditen).

Die Anforderungen und Abl√§ufe der Industriearbeit f√ľhrten zu grundlegenden gesellschaftlichen Umw√§lzungen.

Durch Thomas Malthus' Schrift Essay on the Principle of Population von 1798 entstand erstmals eine wissenschaftliche und politische Diskussion um die demografische Entwicklung. 1801 gab es die erste moderne Volksz√§hlung in Gro√übritannien. In diese Zeit f√§llt auch ein massiver Bev√∂lkerungsanstieg in ganz Gro√übritannien von etwas √ľber 8 Millionen 1794 auf √ľber 13 Millionen im Jahr 1831. Parallel zum Wachstum gab es auch eine regionale Konzentration der Einwohner in den Industrieregionen im Norden und Westen Englands, in Wales, in den Lowlands in S√ľdschottland und in London, das um 1800 die Marke von einer Million Einwohnern √ľberstieg. Das Wachsen der st√§dtischen Ballungsr√§ume hatte eine Explosion der Nachfrage nach Nahrungsmitteln zur Folge, was wiederum einen Aufschwung der Landwirtschaft ausl√∂ste. Dennoch begannen auch die sozialen Probleme anzuwachsen, vor allem unter den Lohnabh√§ngigen, also den Fabrikarbeitern und den Lohnarbeitern in der Landwirtschaft.

Vorviktorianische Reformen

Georg IV.

Der Kampf gegen Napoleon hatte eine Reihe von inneren Krisen des Vereinigten K√∂nigreiches √ľberdeckt, unter anderem die Schw√§che des geistig umnachteten K√∂nigs Georg III., f√ľr den ab 1810 sein Sohn regierte, der 1820 als Georg IV. offiziell die Krone √ľbernahm. Zudem hatte der Friede die Kriegsindustrie und mit ihr die gesamte Schwerindustrie und den Schiffbau ihrer Absatzm√§rkte weitgehend beraubt und die 300.000 zur√ľckkehrenden Soldaten mussten teilweise demobilisiert und mit Arbeitspl√§tzen versorgt werden. Ab 1815 r√ľckte zudem die Diskussion um die grunds√§tzliche Ausrichtung der britischen Wirtschaftspolitik in den Mittelpunkt der √∂ffentlichen Aufmerksamkeit. Dabei ging es in erster Linie um die Corn Laws, die Beschr√§nkungen f√ľr Getreideimporte, die unmittelbar den Getreidepreis steuerten. W√§hrend die gesellschaftliche Eliten, die zumeist Grundbesitzer waren und beide H√§user des Parlaments dominierten, ein Interesse an hohen Getreidepreisen hatten, forderte sowohl die anwachsende Arbeiterschaft als auch die neue Unternehmerschicht geringere Preise; letztere vor allem, um die Lohnkosten senken zu k√∂nnen.

In dieser Situation stieg die Unzufriedenheit mit der Regierung sp√ľrbar an. Im ganzen Land begannen sich politische Clubs zu bilden, Petitionsbewegungen und Demonstrationen zu formieren. 1819 wurde im Peterloo-Massaker eine Massenversamlung in Manchester blutig niedergeschlagen. Zu ersten Wirtschaftsreformen kam es 1822, als eine Reihe von direkten Abgaben auf Waren gesenkt wurden. In den folgenden Jahren gab es einzelne Handelsabkommen mit anderen Staaten, die die gegenseitige Absenkung von Z√∂llen zur Folge hatten. Langsam begann sich dadurch die Wirtschaftslage zu bessern.

Au√üenpolitisch agierte Gro√übritannien nach dem Wiener Kongress zur√ľckhaltend. In Europa griff es durch die Beteiligung an einer Reihe von Kongressen ein, milit√§risch jedoch nur noch 1826 im Fall der Thronfolge in Portugal. Russland verdr√§ngte Frankreich zunehmend als die f√ľr bedrohlich gehaltene Macht auf dem Kontinent. Der griechische Freiheitskampf gegen das Osmanische Reich war eher ein Ph√§nomen, das die Sympathien der Massen auf sich zog als tats√§chliches Engagement der Regierung.

1827 und 1828 kam es zu mehreren schnell wechselnden Regierungen sowie jeweils zu Spaltungsprozessen innerhalb der Tories und der Whigs. Zudem begannen in diesen Jahren erneut scharfe Auseinandersetzungen um die Emanzipation der religi√∂sen Minderheiten. 1828 wurden die Dissenters gleichberechtigt, 1829 die Katholiken. Zugleich wurde der Wahlzensus massiv angehoben, um vor allem die katholischen Bauern Irlands von der Mitbestimmung fern zu halten. Missernten sowie eine allgemeine Konjunkturkrise f√ľhrten dazu, dass sich in vielen St√§dten die Arbeiterschaft und kleinere selbstst√§ndige Gewerbetreibenden zusammenschlossen, um gemeinsam Reformen zu fordern. Angesichts der neuen Revolution in Frankreich begann sich auch in den Eliten des Vereinigten K√∂nigreiches Revolutionsangst auszubreiten.

Georg IV. starb 1830, auf dem Thron folgte ihm sein Bruder Wilhelm IV., den Neuwahlen dazu zwangen, den reformorientierten Whig Charles Grey zum Premierminister zu ernennen. Wichtigstes Reformprojekt war die Neuverteilung der Wahlkreise, die oft noch ihre aus dem Mittelalter √ľberkommene Gr√∂√üe hatten und der Bev√∂lkerungskonzentration durch die Industrialisierung nicht mehr entsprachen (rotten boroughs). Die tiefgreifende Verfassungsreform passierte erst nach einer Unterhausaufl√∂sung und Neuwahlen sowie gewaltsamen Ausschreitungen gegen Reformgegner 1832 das Parlament. In ihr wurden 56 Wahlkreise aufgel√∂st, 30 von zwei auf einen Abgeordneten heruntergestuft und 42 neue in den dicht besiedelten Regionen geschaffen. Der Zensus wurde nicht abgeschafft, aber gesenkt, so dass sich die W√§hlerschaft in England und Wales in etwa verdoppelte, in Schottland mehr als verf√ľnfzehnfachte. In London erhielten sogar einzelne, gut verdienende Arbeiter dadurch das Wahlrecht. An der Zusammensetzung des Unterhauses √§nderte die Reform jedoch wenig. Die eindeutige Mehrheit der Abgeordneten entstammte weiterhin der Landbesitzerschicht.

Weitere Reformgesetze folgten. Die Neuregelung des Armengesetzes von 1834 sollte die massiv angestiegenen Abgaben f√ľr die Armenf√ľrsorge wieder senken und au√üerdem die Armenf√ľrsorge von einer lokalen und regionalen auf eine gesamtstaatliche Basis stellen. Zentrales Instrument der neuen Armenpolitik waren die fl√§chendeckend eingerichteten Arbeitsh√§user. Bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts waren die sozialen Folgen der Industrialisierung in die Diskussion geraten, vor allem die harten Arbeitsbedingungen von Frauen und Kindern. Der Factory Act von 1833 schr√§nkte zumindest in der Textilindustrie die Arbeitszeit von Kindern ein und setzte vor allem erstmals staatliche Kontrolleure ein, die die privaten Fabriken beaufsichtigen sollten. Zudem begann 1833 die politische Diskussion √ľber eine Schulpflicht, die allerdings noch nicht verwirklicht wurde. Nach den Toleranzgesetzen von 1828/29 griffen in den 1830er Jahren Reformen auch verst√§rkt in die Anglikanische Kirche selbst ein. Ab 1836 waren Eheschlie√üungen auch au√üerhalb von ihr m√∂glich, ab 1837 die Verleihung akademischer Grade. Ebenfalls ab 1836 tagte eine Kommission, die vorsichtige Verwaltungsreformen in der Kirche durchsetzte. Gegen diese staatliche Einflussnahme bildete sich mit dem Oxford Movement eine akademisch-theologische Gegenbewegung, die Traditionen erhalten und staatlichen sowie Laien-Einfluss zur√ľckdr√§ngen wollte. 1850 durfte die katholische Kirche ihre Bistumsstruktur in England wiedererrichten.

Das viktorianische Zeitalter

‚Üí Hauptartikel: Viktorianisches Zeitalter

1836 kam es zur Abfassung der People's Charter und der Gr√ľndung der Chartisten-Bewegung, die gleiches Wahlrecht f√ľr alle M√§nner und andere politische Forderungen erhob. Zwar setzten sie ihre Forderungen nicht direkt durch, doch wurde langfristig vieles in ihrem Sinne ver√§ndert. So wurden z.B. ab 1851 √ľberregionale Berufsgenossenschaften gebildet. 1846 schaffte das Kabinett Robert Peel die Getreidez√∂lle entsprechend den W√ľnschen der Arbeiter wie der Industriellen ab und entschied sich damit f√ľr Freihandel. Daraufhin spaltete sich ein Fl√ľgel der Tory-Partei unter Benjamin Disraeli ab, der die Interessen der Gro√ügrundbesitzer vertrat.
Ab 1830 begann eine verst√§rkte Auswanderung in die Kolonien besonders in die Kapkolonie (S√ľdafrika), Kanada, Australien und Neuseeland. Deshalb erhielten die wei√üen Siedlungskolonien 1865 Selbstverwaltungsrechte.
1845‚Äď1849 herrscht die Gro√üe Hungersnot in Irland. 1865/67 kommt es zu Aufst√§nden in Irland, die vom Bund der Fenier angef√ľhrt wurden.
1867 f√ľhrte Disraeli die zweite Wahlrechtsreform durch, die zwar die Zahl der W√§hler von 1,4 auf 2,5 Mill. erh√∂hte, aber den Arbeitern auf dem Lande weiterhin das Wahlrecht vorenthielt.
1869 wurde f√ľr Irland die Anglikanische Kirche als Staatskirche abgeschafft. 1875 kaufte Disraeli f√ľr 4 Mio. ¬£ Sueskanalaktien.

Eintritt in die Phase des Imperialismus

Benjamin Disraeli

Der Einstieg Gro√übritanniens in dieses neue imperialistische Zeitalter l√§sst sich auf das Jahr 1875 festlegen. Damals kaufte die konservative Regierung Disraeli f√ľr 4 Mio. Pfund die Aktienanteile des √§gyptischen Herrschers Ismail an der Sueskanal-Gesellschaft auf, um diesen strategisch wichtigen Handelsweg nach Indien zu sichern. Die gemeinsame britisch-franz√∂sische Finanzkontrolle √ľber √Ągypten wurde mit der formellen Besetzung durch Gro√übritannien im Jahre 1882 beendet.

Die Angst vor der s√ľdlichen Expansion Russlands war ein weiterer Faktor der britischen Politik. 1878 wurde die Insel Zypern besetzt, als Reaktion auf eine russische Attacke auf das Osmanische Reich und den Krimkrieg von 1854 bis 1856. Auch Afghanistan wurde zeitweise besetzt, um dort den russischen Einfluss zur√ľckzudr√§ngen. Gro√übritannien f√ľhrte in Afghanistan drei blutige und erfolglose Kriege gegen Aufst√§ndische und heilige Krieger. Der erste britisch-afghanische Krieg endete mit einer der verheerendsten Niederlagen des viktorianischen Zeitalters, als die britische Armee 1842 beim Abzug aus Kabul durch paschtunische St√§mme, die mit russischen Waffen ausger√ľstet waren, fast vollst√§ndig ausgel√∂scht wurde. Der zweite britisch-afghanische Krieg f√ľhrte 1880 zu einer verheerenden Niederlage bei Maiwand, der Belagerung Kabuls durch die Afghanen und dem britischen R√ľckzug nach Indien. Im dritten britisch-afghanischen Krieg von 1919 wurden die Briten endg√ľltig vertrieben. Das Great Game um die Vorherrschaft in Zentralasien endete mit einer blutigen, erfolglosen und v√∂llig unn√∂tigen britischen Invasion in Tibet in den Jahren 1903 und 1904.

Zur selben Zeit kamen m√§chtige Interessengruppen aus Wirtschaft und Politik zur Ansicht, dass die Bildung eines ‚Äěformellen‚Äú Imperiums n√∂tig sei, um den Bedeutungsverlust in den Weltm√§rkten aufzuhalten. Vor allem Joseph Chamberlain setzte sich vehement daf√ľr ein. W√§hrend der 1890er wurde der neue Imperialismus zur Leitidee der britischen Politik. Gro√übritannien √ľbernahm bald darauf die Vorreiterrolle in der Aufteilung Afrikas. Der neue Imperialismus entstand also nicht aus einer Position der St√§rke heraus, sondern war vielmehr eine Folge der Angst vor dem wirtschaftlichen Bedeutungsverlust.

Auf dem Weg zu Labour Party und Home Rule

William Ewart Gladstone

1884 wurde das dritte Wahlrechts√§nderungsgesetz beschlossen, nach dem in jedem Wahlkreis nur noch ein Parlamentssitz vergeben wurde. William Ewart Gladstone, als F√ľhrer der Liberalen Partei Disraelis Gegenspieler, setzte sich energisch f√ľr Home Rule, eine Autonomie Irlands, ein. Dar√ľber kam es 1886 zur Spaltung der Liberalen Partei, Anf√ľhrer der unionistischen Fraktion war Joseph Chamberlain. Die 1883 gebildete Fabian Society schloss sich mit der 1893 gegr√ľndeten Independant Labour Party zusammen. Das B√ľndnis nannte sich ab 1906 Labour Party.

Weg in den Ersten Weltkrieg

Schleichende Veränderungen

1901 folgte Eduard VII. seiner Mutter Viktoria auf dem Thron. Er mischte sich nicht in die Regierungsgesch√§fte ein, so dass die sp√§tviktorianische Politik weitgehend bruchlos fortgesetzt wurde. Ver√§nderungen begannen sich lediglich auf dem Feld der Kolonialpolitik abzuzeichnen: Bereits ab 1880 hatte sich Gro√übritannien im Einvernehmen mit den USA weitgehend aus S√ľd- und Mittelamerika zur√ľckgezogen. W√§hrend Indien ein stabiler Bestandteil des Imperiums blieb, kam es in den afrikanischen Kolonien wiederholt zu kleineren Krisen und Auseinandersetzungen vor allem mit Frankreich. Am bedeutendsten war der Zweite Burenkrieg (1899-1902), der zudem vor einer breiten √Ėffentlichkeit die M√§ngel des britischen Kolonialsystems aufdeckte: Befehlshaber operierten weitgehend eigenst√§ndig und legten dabei gro√üe Grausamkeit auch gegen√ľber der burischen Zivilbev√∂lkerung an den Tag, ohne dass durchschlagende milit√§rische Erfolge erzielt wurden.

1902 gab Gro√übritannien seine B√ľndnisfreiheit, splendid isolation auf und schloss mit Japan ein Flottenb√ľndnis, 1904 dann die entente cordiale mit Frankreich.

Innenpolitisch profitierten die Konservativen von ihrem bei der Bev√∂lkerung popul√§ren imperialen Auftreten in der Au√üenpolitik. Allerdings schw√§chte sich dieser Bonus nach dem Burenkrieg ab. Die Liberalen hatten durch ihr Eintreten f√ľr Home Rule eine breite W√§hlerbasis in Irland gewonnen. Wichtigstes Streitthema um die Jahrhundertwende war die Handelspolitik. Nachdem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Freihandelspolitik dominiert hatte, trat der wichtigste liberale Politiker Joseph Chamberlain f√ľr Schutzz√∂lle ein, die das gesamte britische Weltreich nach au√üen abschotten und den Handel zwischen dem Mutterland und den Kolonien f√∂rdern sollte. Auch Auseinandersetzungen um den Einfluss der Kirche auf die Schulpolitik spalteten die politischen Akteure und die W√§hlerschaft. Diese Spannungen f√ľhrten 1900 zu einem konservativen, 1906 zu einem liberalen Erdrutsch-Sieg bei den Unterhauswahlen. Als Reaktion auf die Stimmengewinne betrieb die liberale Regierung unter Henry Campbell-Bannerman eine arbeiter- und gewerkschaftsfreundliche Politik mit sozialen Absicherungen wie Altersrente und Achtstundentag im Bergbau.

Verfassungskrise und Verfassungsreform

David Lloyd George

Ab 1908 war David Lloyd George der bestimmende Politiker des Vereinigten K√∂nigreiches, zun√§chst als Finanz-, sp√§ter als Munitions- und Kriegsminister, ab 1916 als Premierminister. Unter ihm entwickelte sich das Deutsch-Britische Flottenwettr√ľsten sowie ein schwerer Verfassungskonflikt: 1909 versuchte Lloyd George ein weiteres umfassendes Sozialversicherungspaket durchzusetzen, das vor allem durch die Besteuerung der Grundbesitzer finanziert werden sollte. Nachdem das Unterhaus das Vorhaben gebilligt hatte, lehnte das Oberhaus es ab, obwohl es dazu in Angelegenheiten der Finanzpolitik nicht berechtigt war. Mit dem Schlagwort ‚ÄěLords gegen Volk‚Äú lie√ü die Regierung f√ľr Januar 1910 Neuwahlen ausschreiben, die allerdings die Konservativen st√§rkten, so dass sich die Liberalen nur mit Hilfe von Labour und der irischen Nationalisten an der Macht halten konnten. Darauf kam es nicht nur zu weiteren Auseinandersetzungen um die Sozialpolitik, sondern auch um die erneut vorgebrachten Forderungen nach Home Rule f√ľr Irland sowie um eine von Lloyd George propagierte Verfassungsreform mit eingeschr√§nkten Befugnissen f√ľr das Oberhaus.

In dieser Lage starb Eduard VII. Sein Sohn und Nachfolger Georg V. erkl√§rte, dass er den Willen des Volkes durch die Ernennung neuer Peers im Oberhaus durchsetzen werde. Als Neuwahlen im Dezember 1910 das Januar-Ergebnis best√§tigten, billigte das Oberhaus angesichts der k√∂niglichen Drohung den Parliament Act, der seine Rechte einschr√§nkte. Insbesondere hatte ein Oberhaus-Veto ab 1911 nur noch aufschiebende Wirkung auf ein Gesetz, das das Unterhaus passiert hatte und die Unterhaus-Wahlperiode wurde von sieben auf f√ľnf Jahre verk√ľrzt. 1914, im Jahr des Eintritts in den Weltkrieg, wurde dann das Home-Rule-Gesetz beschlossen.

Erster Weltkrieg und irische Unabhängigkeit

‚Üí Hauptartikel: Erster Weltkrieg
Britische Soldaten der Royal Ulster Rifles in einem Sch√ľtzengraben, Herbst 1916
Britisches Propagandaplakat

Der Kriegseintritt, zu dem sich das Vereinigte K√∂nigreich wegen der Entente cordiale verpflichtet sah, fand die Zustimmung aller Parteien mit Ausnahme einer Gruppe der Labour Party um Ramsay MacDonald. In der Bev√∂lkerung herrschte, wie in den √ľbrigen europ√§ischen Staaten, eine weitgehende Kriegsbegeisterung. 1915 wurde eine Allparteienregierung gebildet. An ihrer Spitze stand David Lloyd George, der durch Einschluss der Konservativen eine breite Koalitionsregierung erreichen wollte. Die Anh√§nger Asquiths gingen in die Opposition, so dass die liberale Partei gespalten wurde. In den Folgejahren erlangte Lloyd George eine fast diktatorische Stellung im Kabinett und verfolgte eine Kriegspolitik, die auf eine vollst√§ndige Niederlage des Deutschen Reichs abzielte. 1916 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingef√ľhrt. Neben dem Einsatz der britischen Soldaten auf dem Kontinent waren vor allem die Seeblockade gegen das Deutsche Reich sowie der Einsatz der ersten Panzer am Ende des Krieges die wichtigsten Beitr√§ge des Vereinigten K√∂nigreichs zum Sieg der Alliierten. Bis zum Ende des Krieges fielen √ľber 800.000 britische Soldaten. Dass der Staat f√ľr die Kriegswirtschaft auf die Einbeziehung der Arbeiterschaft und der Frauen angewiesen war, f√ľhrte bereits w√§hrend des Krieges und in den Jahren danach zur politischen Emanzipierung beider Gruppen. Ab 1917 wurden in London Konferenzen mit Gesandten der Dominions der Commonwealth einberufen, um von ihnen weitgehendere Unterst√ľtzung zu erhalten. Dieses Vorgehen st√§rkte das Selbstbewusstsein in den Dominions und trug ma√ügeblich zur nach dem Krieg einsetzenden Unabh√§ngigkeitsbewegung bei.

Sp√§testens seitdem sich 1912 abgezeichnet hatte, dass nach dem zweij√§hrigen Aufschub durch das Oberhaus-Veto Home Rule f√ľr Irland in Kraft treten w√ľrde, begannen Unionisten und irische Nationalisten sich zu radikalisieren und zu bewaffnen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und das pers√∂nliche Eingreifen Georges V. verhinderte zun√§chst Zusammenst√∂√üe. Mit der Kriegskoalition hatten die irischen Nationalisten ihre wichtige Stellung im Unterhaus verloren. Als zudem 1916 die in S√ľdirland extrem unpopul√§re Wehrpflicht eingef√ľhrt wurde, eskalierte die Lage in Irland. Ostern 1916 kam es zu einem Aufstand, der zwar niedergeschlagen wurde, aber einen mehrj√§hrigen Guerillakrieg zur Folge hatte. Sinn F√©in, obwohl selbst nur unwesentlich am Aufstand beteiligt, wurde zum Sammelbecken der Unabh√§ngigkeitsbewegung, die durch das harte Durchgreifen der britischen Truppen √ľberhaupt erst zu einer einheitlichen Front wurde. Bei den Unterhauswahlen von 1918 gewann Sinn F√©in 80 Prozent der irischen Mandate und bildete aus diesen Abgeordneten das First D√°il, das erste irische Parlament seit 1801. √Čamon de Valera wurde zum Pr√§sidenten der Republik Irland gew√§hlt, und der Aufbau einer parallelen Regierungs- und Verwaltungsstruktur begann. Die britische Regierung erkl√§rte das Dail unverz√ľglich f√ľr illegal. Der folgende Anglo-Irische Krieg (1919 - 1921) f√ľhrte 1921 zum Anglo-Irischen Vertrag, der f√ľr 26 der 32 Irischen Countys die Unabh√§ngigkeit von Gro√übritannien garantierte. Aus den Provinzen Munster, Leinster, und Connaught, sowie drei der neun Countys von Ulster wurde der Irische Freistaat gebildet. Die sechs n√∂rdlichen Countys von Ulster bildeten Nordirland und blieben Teil des Vereinigten K√∂nigreichs von Gro√übritannien und Nordirland.

Die verfassungsrechtlichen Bindungen Irlands zu Gro√übritannien wurden nach und nach aufgel√∂st, bis 1949 die Republik Irland gegr√ľndet wurde. Nordirland blieb Teil des Vereinigten K√∂nigreichs und der offizielle Name √§nderte sich in ‚ÄěVereinigtes K√∂nigreich von Gro√übritannien und Nordirland‚Äú.


Fortsetzung der Geschichte Großbritanniens: Geschichte des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland

Literatur (Auswahl)

  • Kurt Kluxen: Geschichte Englands. Von den Anf√§ngen bis zur Gegenwart. 5. Aufl. Kr√∂ner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-37405-6 (Kr√∂ners Taschenausgabe; 374).
  • Michael Maurer: Kleine Geschichte Englands. Neuaufl. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-009616-2.
  • Karl Or√©ans: Neuere Geschichte Englands. Entwicklung seiner Kultur-, Rechts-, Wirtschafts- u. Staatsgeschichte vom Mittelalter bis zum Weltkrieg. Verlag Kurt Schroeder, Bonn 1921 (B√ľcherei f√ľr Kultur und Geschichte; 14).
  1. Englands Aufstieg zur Weltmacht bis zum Frieden von Paris 1763. S. 1-260.
  2. Englands Niedergang u. neuer Aufstieg zur Macht bis zum Wiener Kongress 1815. S. 261-670.
  3. Der Ausbau des britischen Weltreiches im 19. und 20. Jahrhunderts bis zum Weltkrieg. S. 671-1133
  • Andreas Rose: Zwischen Empire und Kontinent. Britische Au√üenpolitik vor dem ERsten Weltkrieg, Verlag R. Oldenbourg, M√ľnchen 2011 ISBN 978-3-486-70401-3

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