Gezeiten

ÔĽŅ
Gezeiten

Unter den Gezeiten oder den Tiden (niederdeutsch Tid, Tied [tiňźt] = Zeit; Pl. Tiden, Tieden [tiňźd…ôn] = Zeiten) versteht man von den Gezeitenkr√§ften angetriebene periodische Wasserbewegungen der Ozeane. Zeitr√§ume zwischen Tidehochwasser und Tideniedrigwasser werden dabei als Ebbe, Zeitr√§ume zwischen Niedrig- und Hochwasser als Flut bezeichnet.

Die auf die Erde wirkenden Gezeitenkräfte sind von der Gravitation (Anziehung) zwischen Erde und Mond und zwischen Erde und Sonne verursacht. Die Erde ist auch im Vergleich zum Mondabstand und noch viel größeren Sonnenabstand groß genug, dass die Anziehungskräfte von Mond und Sonne nicht an allen Stellen gleich sind und folglich Gezeitenkräfte bestehen. Obwohl die Sonne viel weiter von der Erde entfernt ist als der Mond, verursacht sie doch Gezeitenkräfte, die fast halb so groß wie die vom Mond stammenden sind. Ursache ist ihre im Vergleich zum Mond sehr viel größere Masse.

Die Gezeitenkr√§fte √§ndern sich an verschiedenen Orten der Erdoberfl√§che infolge der Erddrehung regelm√§√üig und heben und senken die Meeresspiegel periodisch. Der beispielsweise vom Mond verursachte Hub ist nur etwa 30 cm, die damit verbundenen Wasserstr√∂mungen f√ľhren aber an den Meeresk√ľsten zum Anstieg und Abfall des Wasserspiegels in der Gr√∂√üenordnung von Metern. An einzelnen Stellen k√∂nnen bei entsprechender K√ľsten- und Meeresbodenform resonante Schwingungen mit besonders gro√üem Tidenhub (Abbildung, Bay of Fundy) entstehen.

Die Lehre von den maritimen Gezeiten der Erde heißt Gezeitenkunde und ist Bestandteil der nautischen Ausbildung.

Die Bay of Fundy bei Hoch- und bei Niedrigwasser

Inhaltsverzeichnis

Allgemeine Beschreibung

Erde und Mond kreisen um ihren gemeinsamen Schwerpunkt, der sich innerhalb der Erde befindet (sonst nicht maßstabsgetreue Illustration)
Die nicht rotierend gedachte Erde kreist um ihren mit dem Mond gemeinsamen Schwerpunkt: Alle Orte auf ihr sind der gleichen Fliehkraft (blaue Strecken) unterworfen.

Zwei Himmelsk√∂rper w√ľrden sich infolge der gegenseitigen Anziehung aufeinander zu bewegen und zusammenprallen. Ein stabiler Abstand besteht, wenn sie gegeneinander umlaufen. Dabei ist die Anziehungskraft als Radialkraft, die f√ľr das Umlaufen n√∂tig ist, ‚Äěverbraucht‚Äú.

Das bedeutet, dass zum Beispiel die Anziehungskraft des Mondes prim√§r durch den Umlauf der Erde um den mit dem Mond gemeinsamen Schwerpunkt (Abbildung links) kompensiert ist. Auf der Erde als Bezugssystem ist als Folge dieses Umlaufs eine der Anziehungskraft entgegen gerichtete Fliehkraft feststellbar. Diese wirkt √ľberall in gleicher Gr√∂√üe, denn alle Punkte der Erde rotieren auf Kreisen gleichen Radius‚Äô (Abbildung rechts). Die Anziehungskraft ist aber in verschiedenen Punkten der Erde verschieden gro√ü, generell auf der dem Mond zugewandten Seite gr√∂√üer als auf der abgewandten Seite. Im Schwerpunkt wird sie von der Fliehkraft aufgehoben, sonst verbleibt eine kleine, Gezeitenkraft genannte Resultierende, die fast √ľberall nach au√üen (nach ‚Äěoben‚Äú) gerichtet ist. Sie ist an zwei gegen√ľberliegenden Stellen der Erdoberfl√§che am gr√∂√üten, n√§mlich dort, wo sie von der durch die Schwerpunkte von Erde und Mond gehenden Linie durchsto√üen wird (oft wird dieser Gr√∂√ütwert selbst als Gezeitenkraft bezeichnet). Sie zeigt dort radial nach au√üen. Folglich entsteht ein Flutberg nicht nur auf der dem Mond zugewandten Oberfl√§che der Erde sondern auch gegen√ľber.

Bei Betrachtung von außerhalb der Erde aus werden nur Anziehungs- beziehungsweise Gravitationskräfte gegeneinander verrechnet, nämlich die örtlich verschiedenen Kräfte zu der im Schwerpunkt der Erde wirkenden Kraft. Das macht deutlich, dass die Gezeitenkraft zwar eine Folge der Gravitation, aber nur eine dieser nachgeordneten ist. Die Gezeitenkraft ist somit auch wesentlich kleiner als die verursachende Gravitationskraft.

Die von der Sonne herr√ľhrende Gezeitenkraft betr√§gt etwa 45 Prozent der des Mondes. Bei Voll- und bei Neumond stehen Sonne, Erde und Mond ann√§hernd auf einer Geraden, so addieren sich die Anziehungswirkungen, und es kommt zu einer (h√∂heren) Springtide. Keine Addition erfolgt, wenn Sonne, Erde und Mond in einem rechten Winkel, wie bei Halbmond, zueinander stehen. Es kommt hierbei zu einer niedrigeren Nipptide. W√§hrend einer Mondphasen-Periode (etwa 29,5 Tage) schwanken die Tidenh√ľbe ann√§hernd regelm√§√üig. Unregelm√§√üigkeiten sind vorwiegend Folge des Wetters, insbesondere der wechselnden Windverh√§ltnisse (Sturmflut), die im Vergleich zu den astrophysikalischen Einfl√ľssen enorme Auswirkungen auf den Tidenstand haben k√∂nnen. Regelm√§√üige langfristige Ver√§nderungen treten wegen der Nord-S√ľd-Verlagerung des subsolareren Punkts (im Jahresablauf), der Drehung der Apsidenlinie (Periode 8,85 Jahre) und der Knotenlinie (Periode 18,61 Jahre) des Mondes auf.

Zwei Aussagen

Aussage bei Betrachtung von außen

Die unterschiedliche Anziehungskraft durch den Mond pr√§gt den Masseteilchen der Erde einen unterschiedlichen Bahnradius auf, einen kleineren auf der zugewandten beziehungsweise einen gr√∂√üeren auf der abgewandten Seite. Der Erdk√∂rper ist zu starr, um sich merklich zwischen zu- und abgewandter Seite zu dehnen. Aber das nur der Erdanziehung unterliegende Wasser der Meere kann sich √ľber den mittleren Spiegel erheben und auf jeder Seite einen kleinen Flutberg bilden.

Aussage bei Betrachtung von der Erde aus

Die Erde bewegt sich als Ganzes nahezu kreisf√∂rmig um den mit dem Mond gemeinsamen Schwerpunkt. Die als Radialkraft in ihrem Schwerpunkt erscheinende mittlere Mondanziehung ist auf der Erde als √ľberall gleich gro√üe Fliehkraft erkennbar. Auf der dem Mond zugewandten Seite ist dessen Anziehungskraft gr√∂√üer, sodass ein kleiner in seine Richtung zeigender Flutberg entsteht. Auf der abgewandten Seite ist die Fliehkraft gr√∂√üer, und es entsteht auch ein Flutberg.

Häufigkeit und Größe der Gezeiten

Die Zeit f√ľr einen Umlauf der Gezeitenkr√§fte um die Erde wird von der t√§glichen (24 Stunden) Eigendrehung der Erde und vom monatlichen (27,32 Tage) Umlauf des Mondes um die Erde bestimmt. Da Eigendrehung und Mondumlauf gleiche Richtung haben, ist die Gesamt-Periodendauer l√§nger als eine Eigendrehung, n√§mlich etwa 24 Stunden und 50 Minuten.

F√ľr die Gr√∂√üe der maximalen Gezeiten-Beschleunigung ag gilt folgende Formel:

a_g  = \frac{GM}{r^2} \left(\frac{1}{(1\pm R/r)^2}-1\right) \approx \mp 2R\frac{GM}{r^3} .

F√ľr die Gezeitenwirkung des Mondes auf die Erde ist ag mit

G = 6,67·10-14 m3/(g s2) , die Gravitationskonstante
M = 7,34·1025 g , die Masse des Mondes
r = 3,84·108 m , die mittlere Entfernung des Mondes
R = 6,37·106 m , der mittlere Radius der Erde
a_{g} \approx \mp 11 \cdot 10^{-7} m/s^{2}

Das ist nur etwa das 10-7-fache der Erdbeschleunigung (9,81 m/s2), weshalb der Meeresspiegel auch nur um etwa 30 cm durch die Gezeitenkraft des Mondes angehoben wird.

Wendet man die in obiger Formel enthaltene N√§herung nicht an, ergibt die Rechnung, dass der Betrag der Gezeitenbeschleunigung auf der dem Mond abgewandten Seite etwa 5% kleiner als der auf der zugewandten Seite ist (ag1 ‚Čą 0,95 ag2):

a_{g1} = - 10,75 \cdot 10^{-7} m/s^{2}         a_{g2} = + 11,30 \cdot 10^{-7} m/s^{2}

Ursache ist die nichtlineare Abnahme der Anziehungskraft.

Der Subtrahend in der obigen Formel ist die im Schwerpunkt der Erde wirkende Gravitationsbeschleunigung aG:

a_G  = \frac{GM}{r^2} .

Ihr vom Mond ausgehender Wert ist mit

a_G  = 33,2 \cdot 10^{-6} m/s^{2}

etwa 30 mal größer als die Gezeitenbeschleunigung ag, weshalb letztere berechtigterweise eine der Gravitation nachgeordnete Erscheinung genannt wird.

Die folgende Kontrollrechnung zeigt die √úbereinstimmung der absoluten Werte der Gravitationsbeschleunigung im Erd-Schwerpunkt und der √ľberall auf der Erde feststellbaren (Erd-festes Bezugssystem) Zentrifugalbeschleunigung az, die wiederum gleich wie die Zentripetalbeschleunigung berechnet wird:

a_Z  = r_Z \cdot\omega^2 ,
ŌČ = 2ŌÄ/27,32 Tage = 2,66¬∑10-6 s,
rZ = 3,84·108 m / (81+1) = 4.683·106 m (Abstand zwischen Schwerpunkt und gemeinsamen Schwerpunkt mit dem Mond, der etwa 81 mal leichter als die Erde ist),
a_Z  = 33,2 \cdot 10^{-6} m/s^{2} .

Die Gezeitenkraft skaliert mit der dritten Potenz des Abstandes vom Gravitationszentrum und f√§llt schneller ab als die Gravitationskraft, die quadratisch skaliert. Dies f√ľhrt dazu, dass die Gezeitenkr√§fte des viel n√§heren Mondes auf die Erde gr√∂√üer sind als die der Sonne mit 2,7¬∑107-facher Masse und folglich fast 180-facher Gravitationskraft.

Die von der Sonne auf der Erde herr√ľhrende Gezeitenbeschleunigung ag ist mit

M = 1,989·1033 g , die Masse der Sonne
r = 1,496·1011 m , die mittlere Entfernung der Sonne
a_{g} \approx \mp 5,05 \cdot 10^{-7} m/s^{2} ,

und die Gravitationsbeschleunigung ist

a_G  = 5,93 \cdot 10^{-3} m/s^{2} .

Im Vergleich zum Mond verursachen die Sonne und einige Planeten folgende Gezeitenwirkungen auf der Erde:

Himmelskörper Rel. Kraft Auslenkung
Mond 1 30 cm
Sonne 0,46 14 cm
Venus in unt. Konj. 5¬∑10-5 17 ¬Ķm
Jupiter 6¬∑10-6 2 ¬Ķm
Mars in Opposition 2¬∑10-6 0,5 ¬Ķm
Mars in Konjunktion 1·10-8 3 nm

Die tabellierte Auslenkung ist der Anstieg des Wasserspiegels auf dem offenen Meer.

Gezeitenrechnung

‚Üí Hauptartikel: Gezeitenrechnung

Mit Gezeitenrechnungen werden Vorhersagen √ľber den zeitlichen Verlauf der Tiden und die H√∂he der Flut gemacht. Die Phasen der Gezeiten haben erhebliche Bedeutung f√ľr die k√ľstennahe Schifffahrt. Sie muss eingestellt werden, wenn die Wassertiefe zu gering ist. Die Gezeitenstr√∂mung kann die Schifffahrt beschleunigen oder verlangsamen. Der Zeitpunkt, wenn sie ihre Richtung √§ndert ist der Kenterpunkt, eine der berechneten Voraussagen. Besondere Wirkung auf die Schifffahrt hat die Gezeitenwelle, die bei Flut durch eine Flussm√ľndung in das Landesinnere l√§uft.

Geschichte der Gezeitentheorie

Bereits die griechischen Naturphilosophen (u. a. Aristoteles und Seleukos von Seleukia) entwickelten Theorien zur Erkl√§rung der Gezeiten. Schon damals erkl√§rte man Ebbe und Flut mit einer Anziehungskraft zwischen dem Wasser der Meere und dem Mond.

Im 14. Jahrhundert veröffentlicht Jacopo Dondi (dall’Orologio), Vater des Giovanni de Dondi (dall’Orologio), De fluxu et refluxu maris, wohl angeregt durch griechisch-byzantinische Quellen, editiert 1912 von P. Revelli.

m 16. Jahrhundert erkl√§rte Andrea Cesalpino die Gezeiten in seinem Werk Quaestiones Peripatetica (1571) mit der Erdbewegung - √§hnlich der Bewegung von Wasser in einem bewegten Eimer. 1590 stellte Simon Stevin die Theorie auf, dass die Gezeiten durch die Anziehung des Mondes zu erkl√§ren seien. Johannes Kepler versuchte im 16. Jahrhundert die Gezeiten anhand der Planetenbewegungen zu erkl√§ren. Ren√© Descartes postulierte im 16. Jahrhundert eine Theorie auf Basis einer Reibung des ‚Äě√Ąthers‚Äú zwischen Erde und Mond. Diese Theorie wurde allerdings schnell widerlegt.

Galileo Galilei entwickelte im 16. Jahrhundert eine kinematische Gezeitentheorie und f√ľhrte die Gezeiten als Beweis f√ľr die Erdrotation an. Seiner Theorie zufolge bewegt sich die von der Sonne angestrahlte Seite der Erde langsamer als die Nachtseite, wodurch sich die Gezeiten aufgrund der unterschiedlichen Beschleunigungen ergeben sollen.

Isaac Newton zeigte als erster, dass nicht die Zentrifugalkraft, sondern die Anziehungskr√§fte der Massen von Mond und Sonne f√ľr Ebbe und Flut urs√§chlich sind. In seinem im Jahre 1687 erschienenen Werk Mathematische Prinzipien der Naturlehre postulierte er ein Gravitationssystem von Erde und Mond, das um einen Gravitationsmittelpunkt, den gemeinsamen Schwerpunkt (Baryzentrum) rotiert.

v. Chr. Griechen Anziehung zwischen Mond und Wasser
14. Jahrhundert Jacopo Dondi
1590 Simon Stevin Anziehung des Mondes
16. Jahrhundert Johannes Kepler Planetenbewegung
16. Jahrhundert Ren√© Descartes Reibung des ‚Äě√Ąthers‚Äú zwischen Erde und Mond
16. Jahrhundert Galileo Galilei kinematische Gezeitentheorie
1687 Isaac Newton Anziehungskräfte der Massen von Mond und Sonne
18. Jahrhundert Daniel Bernoulli Gleichgewichtstheorie
18. Jahrhundert Pierre-Simon Laplace dynamische Gezeitentheorie
18. Jahrhundert William Whewell Gezeitenwellen
1842 George Biddell Airy Theorie auf Basis einfach geformter Becken mit gleichförmiger Tiefe
1867 William Thomson Harmonische Analyse
20. Jahrhundert Sydney Hough Dynamische Theorie unter Einbeziehung der Corioliskraft

Entstehung der Gezeiten

Schematische Darstellung der Gezeitenkräfte und Flutberge
Feld der Gezeitenkräfte
Bahn eines Punktes auf der Erdoberfläche in einem Monat

Mond und Erde bilden ein System mit einem gemeinsamen Schwerpunkt, dem Erde-Mond-Schwerpunkt. Sowohl Mond als auch Erde kreisen beide um diesen Systemschwerpunkt, welcher auch Baryzentrum genannt wird. Da die Masse der Erde 81-mal so gro√ü ist wie die des Mondes, befindet sich dieser Schwerpunkt noch im Inneren der Erde. Er ist 4680 km vom Erdmittelpunkt entfernt (der Radius der Erde betr√§gt rund 6371 km).

Die Erde f√ľhrt die Bewegung um den Systemschwerpunkt als starres Ganzes aus. Durch diese kreisf√∂rmige Bewegung wirkt eine identische Beschleunigung (und Fliehkraft) auf jeden einzelnen Punkt der Erde. Diese Fliehkraft ist also √ľberall auf der Erde gleich gro√ü und hat die gleiche Richtung: parallel zur Verbindungslinie Erdmittelpunkt-Mondmittelpunkt vom Mond wegweisend. Je nach Position auf der Erde ist sie unter Umst√§nden in die Erde hinein gerichtet.

Das Gravitationsfeld des Mondes erzeugt f√ľr jeden dieser Punkte eine nahezu entgegengesetzte Beschleunigung. Im Mittel √ľber die gesamte Erde heben sich beide Beschleunigungen auf. Durch dieses Gleichgewicht laufen Mond und Erde auf stabilen Bahnen. Das Mond-Gravitationsfeld √ľbt allerdings nicht auf jeden Punkt der Erde die gleiche Beschleunigung aus. Auf der mondnahen Seite der Erde ist das Gravitationsfeld etwas st√§rker als die in die Erde gewandte Fliehkraft, und es bildet sich der erste Flutberg. Auf der mondfernen Seite ist die vom Mond abgewandte Fliehkraft st√§rker als die Mondgravitation, und es bildet sich der zweite Flutberg.

Es ist intuitiv nicht einzusehen, dass die Fliehkraft durch die Erdbewegung um den Systemschwerpunkt an jedem Punkt der Erde identisch sein soll. Aus eigener Erfahrung weiß jeder, dass die Fliehkraft mit steigender Geschwindigkeit oder steigendem Radius zunimmt. Betrachten wir nun also alle auftretenden Kräfte im bewegten Erde-Mond System (Schätzwerte):

  • Schwerkraft der Erde, Beschleunigung 9806,65 mm/s¬≤
  • Rotation der Erde um den Erdmittelpunkt, Beschleunigung 33,9 mm/s¬≤
  • Revolution der Erde um den Systemschwerpunkt, Beschleunigung 0,0332 mm/s¬≤
  • Mondgravitation, Beschleunigung von 0,0321 bis 0,0343 mm/s¬≤

Addiert man all diese Kr√§fte unter Ber√ľcksichtigung der Richtung, in die sie wirken (vektoriell), erh√§lt man f√ľr jeden Punkt der Erde einen Beschleunigungswert und damit die Gezeitenkr√§fte. Beschleunigungen treten immer dann auf, wenn der Bewegungszustand eines Objektes ge√§ndert wird. Das bedeutet, das Objekt muss die Geschwindigkeit oder die Bewegungsrichtung √§ndern. Durch die Tr√§gheit √ľbt jede beschleunigte Masse eine der Beschleunigung entgegengesetzte Kraft aus. Wollen wir also die Fliehkraft untersuchen, m√ľssen wir nur alle Geschwindigkeits- und Richtungs√§nderungen ber√ľcksichtigen. Fasst man die Geschwindigkeit und die Bewegungsrichtung zu einem Vektor zusammen, kann man beide Aspekte in einem Rechenschritt erfassen. Das Problem reduziert sich somit auf die Addition von Vektoren. Es ist dabei egal, in welcher Reihenfolge wir addieren, das Ergebnis bleibt gleich.

Fangen wir also an mit der Revolution der Erde um den Systemschwerpunkt. Diese dauert etwa so lange wie die Umlaufzeit des Mondes um die Erde. Die Erde bewegt sich dabei als Ganzes. Der Mittelpunkt der Erde bewegt sich auf einer Kreisbahn um den Systemschwerpunkt als Zentrum. Alle anderen Punkte bewegen sich mit dem Erdmittelpunkt, denn sie sind fest mit ihm verbunden. Jeder Punkt bewegt sich deswegen auf einer Kreisbahn mit dem gleichen Radius, aber um je ein eigenes Zentrum. Dieses Zentrum ist zum Systemschwerpunkt jeweils um die gleiche Strecke verschoben wie der Punkt selbst vom Erdmittelpunkt. Achtung: Die Erde und jeder ihrer Punkte rotiert bei dieser Betrachtung nicht, auch nicht um den Erdmittelpunkt! Ihre Ausrichtung im Raum ist fest und sie wird sozusagen an einer Kreisbahn entlanggeschoben. Probieren Sie das am besten mit einem Bierdeckel auf dem Tisch, ohne das Handgelenk dabei zu drehen. Die erzeugte Fliehkraft ist in jedem Punkt der Erde gleich gro√ü, denn Geschwindigkeit und Radius sind f√ľr jeden Punkt identisch. Die Richtung der Fliehkraft ist in allen Punkten parallel. Im Erdmittelpunkt zeigt sie vom Systemschwerpunkt weg. Der Wert betr√§gt √ľberall etwa 0,0332 mm/s¬≤. Weit entfernt auf der gegen√ľberliegenden Seite des Systemschwerpunktes befindet sich der Mond und seine Masse erzeugt sein Gravitationsfeld. L√§sst man einen Gegenstand in einem Gravitationsfeld fallen, beschleunigt er in Richtung des Gravitationszentrums. F√ľr jeden Punkt eines Gravitationsfeldes kann man also einen Beschleunigungsvektor angeben. Wir w√§hlen uns drei Punkte auf der Erdoberfl√§che relativ zum Mond:

  • (A) n√§chster Punkt (mondnah)
  • (B) fernster Punkt (mondfern)
  • (C) Zwischenpunkt

Alle drei Punkte liegen auf demselben Breitengrad. Der Zwischenpunkt liegt auf der Erdoberfl√§che, in der Mitte zwischen mondnahem und mondfernem Punkt. Am mondnahen Punkt erzeugt das Gravitationsfeld eine Beschleunigung von etwa 0,0343 mm/s¬≤. Das ist etwas mehr als die bis jetzt berechnete Fliehkraft. Die Beschleunigung ist gen Mond gerichtet, also entgegengesetzt der Fliehkraft. Wir m√ľssen also einfach beide Werte subtrahieren. Die Differenz von 0,0011 mm/s¬≤ entspricht einer winzigkleinen Beschleunigung in Richtung Mond. Auf der anderen Seite der Erde betr√§gt die Mondgravitation nur etwa 0,0321 mm/s¬≤. Die Richtungen bleiben gleich, wir subtrahieren also wieder und erhalten -0,0011 mm/s¬≤. Diesmal ist also die Fliehkraft st√§rker und die resultierende Beschleunigung zeigt vom Mond weg. Im Zwischenpunkt k√∂nnen wir nicht einfach die Betr√§ge subtrahieren, denn Fliehkraft und Gravitation zeigen nicht in die gleiche Richtung. Deswegen lautet das Ergebnis auch nicht null, sondern es ergibt sich eine winzige Beschleunigungskomponente in Richtung Erdinneres.

Addieren wir nun die Gravitation der Erde von 9806,65 mm/s¬≤. Das ist ein sehr hoher Wert, verglichen mit den bis jetzt berechneten Beschleunigungen. Allerdings ist er f√ľr jeden Punkt der Erdoberfl√§che identisch und zeigt immer genau zum Erdmittelpunkt. Die Erdgravitation tr√§gt also nicht zur Erkl√§rung unterschiedlicher Beschleunigungen bei.

Addieren wir nun die Fliehkraft der Rotation der Erde um ihre Achse. Sie wirkt der Erdgravitation in jedem Punkt entgegen, da sie im Gegensatz zu dieser nach außen gerichtet ist. Allerdings ist sie viel schwächer. Sie ist entlang der Breitengrade gleich groß und kann auch nicht dazu beitragen, unterschiedliche Beschleunigungen zu erzeugen.

Somit erklären sich die Gezeiten allein durch die Differenz von inhomogenem Mondgravitationsfeld und konstanter Fliehkraft durch Revolution um den Systemschwerpunkt.

Intuition gegen Mathematik

Warum widerspricht das so sehr unserer Intuition? Es gibt auch folgende Sichtweise: Rotation und Revolution der Erde haben die gleiche Drehrichtung. Auf der mondnahen Seite subtrahieren sich also ihre Geschwindigkeiten. Auf der mondfernen Seite addieren sie sich. In Wirklichkeit bewegen wir uns auf einem mondnahem Punkt viel langsamer durch den Raum als auf der mondfernen Seite. Die Differenz betr√§gt etwa 25 Meter pro Sekunde. Hinzu kommt, dass die wahre Bahn durch den Raum keineswegs kreisf√∂rmig ist, sondern eher einer langgezogenen Spirale entspricht. Trotzdem entstehen diese Werte lediglich durch Addition zweier Rotationen, die man in beliebiger Reihenfolge einzeln analysieren kann. Das ergibt sich daraus, dass man letztendlich nur Geschwindigkeitsvektoren addiert. Ein Punkt auf dieser Bahn unterliegt in der Tat unterschiedlich starken Beschleunigungen. Das ergibt sich dadurch, dass der Winkel zwischen den Fliehkr√§ften aus Rotation und aus Revolution sich f√ľr jeden Punkt der Erdoberfl√§che jede Sekunde √§ndert. Das spielt aber keine Rolle, denn das Gravitationsfeld des Mondes addiert sich mit der Fliehkraft durch Revolution stets zu null, bis auf die winzigen gezeitenbildenden Abweichungen. √úbrig bleibt dann nur noch die relativ starke Fliehkraft der Rotation um den Mittelpunkt, die aber an allen Punkten entlang eines Breitengrades gleich stark ist. Diese Rechenreihenfolge ist zwar intuitiver, aber auch komplizierter, und f√ľhrt letztendlich doch zum gleichen Ergebnis wie der mathematisch einfachere Weg.

Die Gezeitenkr√§fte ziehen die Erde gewisserma√üen in die L√§nge und f√ľhren an den Enden zu jeweils einem Flutberg, wobei sich der Erddurchmesser im Bereich zwischen diesen Flutbergen entsprechend verringert. Bei einer vollst√§ndig mit Ozean bedeckten Erde erg√§be sich eine H√∂henvariation von knapp 50 cm. Die Mondgravitation nimmt mit der Entfernung zum Mond quadratisch ab. Dadurch ist die Kr√§ftedifferenz auf der mondnahen Seite h√∂her als auf der mondfernen. Deswegen ist der Flutberg der mondnahen Seite etwa 7 Prozent h√∂her. Die zugeh√∂rige Flut wird auch Zenitflut genannt.

Ebbe und Flut

Flut ist der Zeitraum und der Vorgang ansteigenden beziehungsweise ‚Äěauflaufenden‚Äú Wassers.
Ebbe ist der Zeitraum und der Vorgang sinkenden beziehungsweise ‚Äěablaufenden‚Äú Wassers.
Den Zeitpunkt des höchsten Wasserstandes bezeichnet man mit Hochwasser (HW),
den des tiefsten Wasserstandes mit Niedrigwasser (NW).
Der Wasserstand zu diesen Zeiten wird Hochwasserhöhe (HWH)
bzw. Niedrigwasserhöhe (NWH) genannt.
Aufeinander folgende Hochwasser- und Niedrigwasserhöhen sind unterschiedlich, da sich die Stellungen von Mond und Sonne relativ zur Erde ändern.

Der Höhenunterschied zwischen Niedrigwasserhöhe und der folgenden Hochwasserhöhe (während der Flut) wird als Tidenstieg bezeichnet.
Der Höhenunterschied zwischen Hochwasserhöhe und der folgenden Niedrigwasserhöhe (während der Ebbe) wird alsTidenfall bezeichnet.
Den Mittelwert aus Tidenstieg und Tidenfall bezeichnet man als Tidenhub.
Der zeitliche Verlauf des Wasserstandes zwischen Niedrigwasser, Hochwasser und darauf folgendem Niedrigwasser ergibt die Tidenkurve.
Die gezeitenbedingte Höhe des Wasserstandes bezogen auf das örtliche Seekartennull (meist LAT) bezeichnet man als Höhe der Gezeit.

Gezeitenbegriffe

Gezeitenwasserstände:

Deutsch Abk. Englisch Abbr. Bedeutung
H√∂chstm√∂glicher Gezeitenwasserstand Highest Astronomical Tide HAT Bezug f√ľr Durchfahrtsh√∂he unter Br√ľcken
Mittleres Springhochwasser MSpHW Mean High Water Spring MHWS
Mittleres Hochwasser MHW Mean High Water MHW Definition der K√ľstenlinie
Mittlerer Wasserstand MW Mean Sea Level MSL Seekartennull, Nullebene f√ľr Wassertiefen in gezeitenfreien Gew√§ssern
Mittleres Niedrigwasser MNW Mean Low Water MLW
Mittleres Springniedrigwasser MSpNW Mean Low Water Spring MLWS fr√ľher Nullebene f√ľr Wassertiefen (lt. IHO veraltet)
niedrigst m√∂glicher Gezeitenwasserstand NGzW Lowest Astronomical Tide LAT Seekartennull, Nullebene f√ľr Wassertiefen in Gezeitengew√§ssern

Die deutschen Abk√ľrzungen werden in offiziellen Werken der IHO nicht mehr verwendet.

Gezeitenunterschiede:

Deutsch Abk. Englisch Abbr. Bedeutung
Höhe der Gezeit Height of Tide Unterschied zwischen aktuellem Wasserstand und Seekartennull
Mittlerer Springtidenhub Spring Range of Tide Unterschied von Ebbe und Flut bei Springzeit (Hub gross)
Mittlerer Nipptidenhub Neap Range of Tide Unterschied von Ebbe und Flut bei Nippzeit (Hub klein)

Seekartennull:

Deutsch Abk. Englisch Abbr. Bedeutung
Seekartennull SKN Chart Datum CD Grundlage f√ľr:
‚ÄĘ amtliche Definition der Basislinie
‚ÄĘ Nullebene f√ľr die Messung von Wassertiefen

ist bezogen auf:
‚ÄĘ LAT Lowest Astronomical Tide (oder MLLW)
‚ÄĘ oder auf MSL in tidenfreien Gew√§ssern


Gezeitentheorie

In 24 Stunden dreht sich die Erde einmal um sich selbst und der Mond durchl√§uft seine scheinbare Bahn am Himmel jeden Tag etwa 50 Minuten sp√§ter. Dadurch ergibt sich, dass zwischen zwei Tidehochw√§ssern 12 Stunden und 25 Minuten vergehen. So gibt es meist zwei Mal t√§glich Flut und Ebbe. Aufgrund der K√ľstenmorphologie (siehe unten), der Neigung der Erdachse und der elliptischen Bahn des Mondes um die Erde treten zus√§tzlich Variationen in den Abst√§nden aufeinander folgender Hoch- und Tiefwasserst√§nde auf. Im freien Ozean, wie beispielsweise bei den Azoren, betr√§gt diese Variation etwa eine Stunde. In Flussm√ľndungen sind die Variationen gr√∂√üer, in Hamburg beispielsweise bis √ľber zwei Stunden. Infolge der Bildung von Knoten (siehe unten) k√∂nnen sie aber auch niedriger ausfallen. So betr√§gt diese Variation beispielsweise in Wilhelmshaven rund 40 Minuten.

Die Gezeitenkraft des Mondes in den Ozeanen entspricht etwa 0,0000001 (10-7) der Kraft, welche die Erde durch ihre Gravitation auf das Wasser in den Ozeanen aus√ľbt. Der Mond allein kann also den Wasserspiegel nur geringf√ľgig anheben. Das Wasser verliert in den Gebieten, in denen die Gezeitenkraft wirkt, an Gewichtskraft. Der relative Gewichtsverlust (nicht Massenverlust) durch die Anziehungskraft des Mondes entspricht dort etwa 0,0001%. Dieser Gewichtsverlust bewirkt in den Gebieten der Gezeitenkraft eine Druckminderung im Wasser der Ozeane, so dass eine Wasserstr√∂mung ausgel√∂st wird. Die Wasserstr√∂mung f√ľhrt zu einer Materialverschiebung in den Ozeanen, in die Tidenberge hinein. Im (nicht realen) statischen Fall, also bei einer nicht rotierenden Erde, w√ľrde dieser Prozess solange fortgesetzt werden, bis die Oberfl√§che des Ozeans eine √Ąquipotentialfl√§che im kombinierten Gravitationsfeld von Erde und Mond angenommen hat. Diese √Ąquipotentialfl√§che liegt im Maximum etwa 60 Zentimeter h√∂her als die ungest√∂rte Oberfl√§che der Ozeane. Real wird dieser statische Zustand wegen der Erdrotation nicht erreicht, beziehungsweise von den auftretenden Str√∂mungs- und Wellenprozessen √ľberlagert. Die Gezeitenkraft ist aber die Anregung des gesamten Vorgangs.

Moderne Gezeitentheorie

Allein mit der Gravitationstheorie lassen sich die Gezeiten nicht vollst√§ndig erkl√§ren. Der Ansatz auf Basis der Gravitation und der Erddrehung stimmt zwar an vielen Orten mit der Realit√§t √ľberein und erm√∂glicht dort nahezu korrekte Vorhersagen. Dennoch gibt es viele Regionen, an denen die Realit√§t v√∂llig anders aussieht. Der Theorie, dass sich die Erde unter zwei Flutbergen hindurch dreht, stehen buchst√§blich die Kontinente im Weg. Eine Gezeitenflutwelle im Atlantik, trifft beispielsweise auf die Ostk√ľste Amerikas. Sie wird reflektiert und l√§uft so der n√§chsten Flutwelle entgegen.

Moderne Gezeitentheorien basieren auf dem Ansatz von George Biddell Airy, der von Henri Poincar√©, Joseph Proudman und Arthur Doodson weiterentwickelt worden ist. Dieser hydrodynamisch-empirischen Theorie zufolge entstehen die Gezeiten dadurch, dass verschiedene Tidenwellen in den Meeresbecken zwischen den kontinentalen Landmassen umher schwappen und durch die Gravitationsenergie der Erde/Sonne-Zyklen angeregt werden. Ein gro√üer Tidenhub entsteht √ľberall dort, wo die Topographie eine Resonanz zwischen diesen Zyklen und den bewegten Wassermassen zul√§sst.

Bis zum heutigen Tage ist es nicht m√∂glich, die Gezeiten f√ľr jeden Ort der Erde allein aus theoretischen Erkenntnissen vorauszuberechnen. Insbesondere m√ľsste zun√§chst der Meeresboden exakt vermessen werden und daraus Modelle auf Basis historischer Messwerte errechnet werden.

Weitere Effekte der Gezeitenkräfte

Da ein Teil des Erdkerns fl√ľssig und Erdmantel und -kruste elastisch sind, f√ľhren die Gezeitenkr√§fte auch zu einer Verformung der Erdoberfl√§che. Die Gezeitenkr√§fte wirken auf das gesamte Volumen der Erde ein. Genau wie in den Ozeanen kommt es im fl√ľssigen Material des Erdinneren zu Druckschwankungen, die im gesamten fl√ľssigen Volumen des Erdinneren auftreten. Die Gezeitenkraft wird mit zunehmender Tiefe immer schw√§cher, der Druckunterschied zu den Regionen ohne Gezeitenkraft nimmt jedoch mit der Tiefe zu. Die Druck√§nderungen erfolgen mit der Periode der Gezeitenkraft. Wie in jeder Fl√ľssigkeit, so werden durch diese Druckschwankungen im Erdinneren Materialstr√∂mungen ausgel√∂st. Da es sich dabei um die Str√∂mung einer leitenden Fl√ľssigkeit im Magnetfeld der Erde handelt, sind Effekte aus der Magnetohydrodynamik (MHD) zu erwarten. Das gilt auch f√ľr das Wasser der Ozeane, wo die Str√∂mungen der Gezeiten offensichtlich sind. Schwankungen im Magnetfeld der Erde sind abh√§ngig von Mond- und Sonnenstand, und k√∂nnen zum Teil mit diesem magnetohydrodynamischen Effekt erkl√§rt werden.

Die Verformung der Erdoberfl√§che erfolgt mit einer Verz√∂gerung von etwa zwei Stunden, aber immerhin mit einer Vertikalbewegung von 20 bis 30 (im √Ąquatorbereich sogar 50) Zentimetern.

Die Meere können den Gezeitenkräften leichter folgen, insbesondere auch ihren horizontalen Komponenten, die vor und hinter den Flutbergen auftreten. Ebbe und Flut stellen zum Teil die Differenz zwischen den Bewegungen der Meere und der Erdkruste dar, und sind zum anderen Teil eine Folge der komplexen (von der Geographie abhängigen) Strömungs- und Wellenvorgänge in den Weltmeeren, die durch die Gezeitenkraft angeregt werden.

Die Verformung der Erde durch die Gezeitenkr√§fte betrifft das gesamte Volumen der Erde, und nicht, wie oft angenommen, nur die Ozeane. Die Gezeiten regen im Erdinneren kontinuierlich eine stehende seismische Welle an, die mit Seismografen gemessen werden kann, sofern diese f√ľr die Messung langperiodischer Signale ausgelegt sind. Dies wird unter Anderem in der Erdspektroskopie untersucht. Das Ph√§nomen ist an den K√ľsten der Ozeane besonders eindrucksvoll sichtbar, zum Teil deswegen, weil es dort durch Str√∂mungen erheblich verst√§rkt wird.

Die Verformung der Erde durch die Gezeitenkraft ist weitaus geringer als die Erdabplattung von 21 km als Folge der Erdrotation, die jedoch nicht auff√§llt, da sie statisch ist und die tr√§ge Erdkruste ausreichend Zeit hatte, sich der riesigen √Ąnderung der √Ąquipotentialfl√§che anzupassen.

K√ľstenph√§nomene

Durch Gezeitenbewegungen typisches östliches Inselende am Beispiel von Norderney

In K√ľstenn√§he sind die Gezeiten erheblich durch die geometrische Form der K√ľsten beeinflusst. Das betrifft sowohl den Tidenhub als auch den Zeitpunkt des Eintretens von Ebbe und Flut. So ist der Tidenhub an den K√ľsten der Weltmeere oft gr√∂√üer als auf offener See. Das gilt insbesondere f√ľr trichterf√∂rmige K√ľstenverl√§ufe. Das Meer schwappt bei Flut gewisserma√üen an die K√ľste. So betr√§gt der Tidenhub in der westlichen Ostsee nur etwa 30 Zentimeter, an der deutschen Nordseek√ľste etwa ein bis zwei Meter. In der Nordsee schwappen Ebbe und Flut in einer Kreiswelle durch ihr komplettes Becken. In √Ąstuaren (M√ľndungen) der tidebeeinflussten Fl√ľsse, zum Beispiel Elbe und Weser, betr√§gt der Tidenhub aufgrund der Trichterwirkung in diesen auch Tidefluss genannten Abschnitten bis √ľber vier Meter. Noch h√∂her ist der Tidenhub beispielsweise bei St. Malo in Frankreich oder in der Severn-M√ľndung zwischen Wales und England. Er kann dort √ľber acht Meter erreichen. In der Bay of Fundy treten die weltweit h√∂chsten Gezeiten mit 14 bis 21 Metern auf.

Die Zunahme der H√∂he der Flutwelle an den K√ľsten erfolgt in etwa nach dem gleichen Prinzip wie bei einem Tsunami. Die Geschwindigkeit der Flutwelle verringert sich in flachem Wasser, wobei sich die H√∂he der Welle vergr√∂√üert. Im Gegensatz zum Tsunami ist die Gezeitenwelle aber nicht Resultat eines einzelnen Impulses, sondern enth√§lt einen Anteil, der durch die Gezeitenkraft stets neu angeregt wird.

Die durch die Tide auf hoher See an den K√ľsten angeregten Meeresschwingungen k√∂nnen auch zu Schwingungsknoten f√ľhren, an denen gar kein Tidenhub auftritt (Amphidromie). Ebbe und Flut rotieren gewisserma√üen um solche Knoten herum. Herrscht auf der einen Seite Ebbe, so herrscht auf der gegen√ľberliegenden Seite Flut. Dieses Ph√§nomen findet man vor allem in Nebenmeeren, wie der Nordsee, die zwei solcher Knoten aufweist (siehe diesbez√ľgliche Abbildung im Artikel Amphidromie). Herausragend ist hierbei vor allem die Tideresonanz der Bay of Fundy.

Durch die Gezeiten werden insbesondere in K√ľstenn√§he erhebliche Energiemengen umgesetzt. Dabei kann die kinetische Energie der Str√∂mungen oder auch die potentielle Energie mittels eines Gezeitenkraftwerks genutzt werden.

R√ľckwirkungen auf Erde und Mond (Gezeitenreibung)

Die Tide wirkt auch wieder auf den Hauptverursacher, den Mond, zur√ľck. Da die Flutberge aufgrund von Erdrotation und Massentr√§gheit bez√ľglich der Verbindungslinie zwischen Erd- und Mondmittelpunkt etwas in Richtung dieser Rotationsbewegung verschoben sind, ist die Anziehungskraft der beteiligten Massen auf den Mond nicht exakt zum Erdmittelpunkt hin gerichtet (Da die Erde schneller rotiert als der Mond die Erde umkreist, und wegen der Tr√§gheit der Str√∂mungen, laufen die Flutberge immer ‚Äěvor dem Mond‚Äú). Durch die gr√∂√üere Masse der Zenitflut und ihren geringeren Abstand zum Mond ergibt sich dabei eine Kraft auf den Mond, die eine kleine Komponente in dessen Flugrichtung aufweist, sodass dem Mond permanent Energie und Drehimpuls zugef√ľhrt wird. Der Verlust an Rotationsenergie der Erde ist nicht auf die √úbertragung von Energie auf den Mond beschr√§nkt. Es treten zus√§tzlich Reibungsverluste wegen der Str√∂mungen auf und in der Erde, und magnetohydrodynamische Verluste auf (siehe Magnetohydrodynamik, MHD). Die oben erw√§hnten Gezeitenkraftwerke w√ľrden zu diesem Energieverlust beitragen.

In einer genaueren Analyse m√ľssen Energie und Drehimpuls in diesem Prozess separat bilanziert werden, da es f√ľr beide Gr√∂√üen in der Physik jeweils einen Erhaltungssatz gibt. Die folgenden Erl√§uterungen gehen zwecks besserer Verst√§ndlichkeit von einem isolierten Erde-Mond-System aus. Das ist kein vollst√§ndiges Modell, da es Planeten und die Sonne gibt, die dieses System st√∂ren (Bahnst√∂rung) und ihrerseits Gezeitenkr√§fte aus√ľben.

Energieerhaltung: Die Erde verliert Rotationsenergie durch die Abbremsung infolge der Tiden. Diese Energie findet sich in der Rotationsenergie des Mondes, einer Erwärmung (Wärmeenergie) der Erde durch Reibung, den Strömungen im Erdinneren (kinetische Energie) und den durch einen MHD-Prozess ausgelösten Veränderungen im Magnetfeld der Erde wieder (genauer: elektromagnetisches Feld).

Drehimpulserhaltung: Der Drehimpulsverlust bei der Abbremsung der Erdrotation wird auf den Drehimpuls des Mondes in seinem Orbit um die Erde, auf den Drehimpuls von Str√∂mungen im Erdinneren, und auf das Erdmagnetfeld der Erde √ľbertragen.

Durch die Abbremsung der Erde und die √úbertragung von Drehimpuls und Rotationsenergie auf den Mond vergr√∂√üert sich der Abstand zwischen Erde und Mond j√§hrlich um etwa 4 cm. Die Gegenkraft auf die Flutberge f√ľhrt zu einem Drehmoment, das die Erdrotation bremst. Dadurch verl√§ngern sich die Tage jedes Jahr um etwa 16 Mikrosekunden. Vor 500 Millionen Jahren dauerte ein Erdentag nur etwa 21 Stunden.

Diese Darstellungen illustrieren die physikalischen Prozesse bei der Abbremsung der Erdrotation (Die √úberlegungen gelten umgekehrt genauso f√ľr den Einfluss der Gezeitenkraft der Erde auf den Mond.).

Mond erzeugt Tide und bremst Erdrotation Der Mond erzeugt Tide (Gezeitenberge) auf der dem Mond zugewandten und abgewandten Seite der Erde. Diese Tide entstehen dadurch, dass sich im gesamten K√∂rper der Erde (nat√ľrlich auch in den Ozeanen) Druckunterschiede bilden, die Materialstr√∂mungen und Verformungen ausl√∂sen. Die mit diesem Prozess verbundenen Reibungsverluste entziehen der Erdrotation Energie.
Tide laufen vor dem Mond, ziehen ihn Da sich die Erde dreht, wandern die Tide um die Erde herum. Die Erde dreht sich schneller, als der Mond uml√§uft. Wegen der Tr√§gheit des Materials in den Tiden laufen sie ‚Äěvor dem Mond‚Äú. Deswegen enth√§lt die Anziehung der Erde auf den Mond eine Komponente, die den Mond in seiner Bahnrichtung vorw√§rts zieht.
Mond fliegt weg und Erdrotation gebremst Die Drehung der Erde wird durch die umgekehrte Anziehung des Mondes auf die Tide verlangsamt. Ein Körper in einer Umlaufbahn, der vorwärts beschleunigt wird wie der Mond, steigt in eine höhere Umlaufbahn auf und gewinnt an Energie. Dieser Prozess entzieht der Erde wieder Rotationsenergie.
Erde mit Kontinenten st√∂rt Tide Energieerhaltung: Ein Teil des Verlustes an Rotationsenergie der Erde geht also durch Reibung (als W√§rmeenergie) verloren, der andere Teil wird auf den Mond √ľbertragen. Der Reibungsverlust h√§ngt dabei von verschiedenen Eigenschaften des Materials in der Erde ab, die auf den Mond √ľbertragene Energie wird ausschlie√ülich durch die geometrische Massenverteilung bestimmt. Diese ist unter anderem abh√§ngig von der Geografie der Erde, wie etwa den Kontinenten, da sie die Ausbildung der Tide st√∂ren.
Wo steckt der Drehimpuls? Drehimpulserhaltung: Der Verlust an Eigendrehimpuls der Erde muss dem Gewinn an Bahndrehimpuls des Mondes entsprechen, plus einem Drehimpuls, der ‚Äěirgendwo in der Erde‚Äú auftritt (genau genommen √§ndert sich der Bahndrehimpuls der Erde bei der Drehung um den Erde-Mond Schwerpunkt auch ein wenig). Der auf den Mond √ľbertragene Drehimpuls h√§ngt √ľber die transferierte Energie nur von der geometrischen Massenverteilung auf der Erde ab. Der Verlust an Eigendrehimpuls der Erde wird dagegen durch den Verlust ihrer Rotationsenergie bestimmt, die auch von der inneren Reibung der Erde abh√§ngig ist. Es gibt im Allgemeinen eine Differenz zwischen dem Verlust an Eigendrehimpuls der Erde und dem Gewinn an Bahndrehimpuls des Mondes. Dieser Drehimpuls muss irgendwo im System wieder auftauchen. Etwas locker gesagt: Was der Mond macht, h√§ngt vom √Ąu√üeren der Erde ab. Der kann nicht ihre inneren Eigenschaften sehen, welche die Reibungsverluste bestimmen. Daraus ergeben sich Differenzen, die erkl√§rt werden m√ľssen.
Innere Str√∂mungen und EM Feld der Erde als Zwischenspeicher Auf der Erde gibt es einen Mechanismus, der einen Drehimpuls (und damit verbundene Energie) zwischenspeichern kann. ‚ÄěZwischenspeicherung‚Äú deswegen, weil dieser Drehimpuls nur √ľber Verformungen der geometrischen Massenverteilung auf der Erde als Bahndrehimpuls an den Mond √ľbertragen werden kann. Ein Kandidat f√ľr diesen Mechanismus ist eine Kombination aus dem elektromagnetischen Feld und inneren Materialstr√∂mungen der Erde. Die Kombination aus elektromagnetischem Feld und Str√∂mungen einer leitenden Fl√ľssigkeit ist ein magnetohydrodynamisches System (MHD-System). Je nachdem, wie viel Rotationsenergie durch Reibung in der Erde verloren geht, und wie viel Drehimpuls √ľber Verformungen der Erde an den Mond abgegeben wird, kommt es zu Schwankungen im Magnetfeld der Erde.

Die Gezeiten haben √ľber den oben beschriebenen Mechanismus Einfluss auf die Erdrotation. Dabei ist wichtig, dass der Drehimpuls ein Vektor ist, der einen Betrag und eine Richtung hat. Die √úbertragung von Eigendrehimpuls der Erde auf Bahndrehimpuls des Mondes verursacht auch eine Ver√§nderung von Drehachsen. Der International Earth Rotation and Reference Systems Service (IERS), die unter anderem das Setzen von Schaltsekunden empfiehlt, ist die internationale Koordinierungsinstitution in Fragen der Erdrotation. Bisher wurde die Tagesdauer jeweils nur um Schaltsekunden verl√§ngert, nie verk√ľrzt. Die Tiden haben einen Anteil an der Ursache.

Tatsächlich gemessen wurden kontinuierliche Schwingungen (stehende Welle) als seismologische Wellen der Erde, die durch die Tide angeregt werden (siehe Erdspektroskopie).

Gezeitenwirkung bei anderen Himmelskörpern

Der Komet Shoemaker-Levy 9 wurde bei Annäherung an den Jupiter durch dessen Gezeitenwirkung in mehrere Teile zerrissen, die getrennt einschlugen.

Die Gezeitenwirkung des Jupiters verhindert auch, dass sich der Asteroideng√ľrtel zu einem Planeten zusammenballt. Wenn zum Beispiel zwei Asteroiden Jupiter passieren, zieht dieser den ihm n√§her gelegenen st√§rker an als den entfernteren. Die Distanz zwischen den Asteroiden vergr√∂√üert sich.

Siehe auch

Literatur

  • Werner Kumm: Gezeitenkunde. 2. Auflage. Bielefeld: Delius Klasing Verlag, 1996. ISBN 3-87412-141-0
  • G√ľnther Sager: Mensch und Gezeiten: Wechselwirkungen in zwei Jahrtausenden. K√∂ln: Deubner, 1988. ISBN 3-7614-1071-9
  • Jean-Claude Stotzer: Die Darstellung der Gezeiten auf alten Karten. In: Cartographica Helvetica Heft 24 (2001) S. 29‚Äď35 Volltext
  • John M. Dow: Ocean tides and tectonic plate motions from Lageos M√ľnchen: Beck, 1988. ISBN 3-7696-9392-2 [Englisch]
  • Bruce B. Parker: Tidal hydrodynamics. New York: Wiley, 1991. ISBN 0-471-51498-5 [Englisch]
  • Paul Melchior: The tides of the planet earth. Oxford: Pergamon Press, 1978. ISBN 0-08-022047-9 [Englisch]
  • David E. Cartwright: Tides ‚Äď a scientific history. Cambridge: Cambridge Univ. Press, 1999. ISBN 0-521-62145-3 [Englisch]

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Gezeiten ‚Äď Bedeutungserkl√§rungen, Wortherkunft, Synonyme, √úbersetzungen
 Commons: Gezeiten ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Gezeiten ‚ÄĒ –ź–Ľ—Ć–Ī–ĺ–ľ L √āme Immortelle –Ē–į—ā–į –≤—č–Ņ—É—Ā–ļ–į ‚Ķ   –í–ł–ļ–ł–Ņ–Ķ–ī–ł—Ź

  • Gezeiten ‚ÄĒ √Ālbum de L √āme Immortelle Publicaci√≥n 20 de septiembre de 2004 Grabaci√≥n 2004 G√©nero(s) Darkwave Duraci√≥n ‚Ķ   Wikipedia Espa√Īol

  • Gezeiten ‚ÄĒ Gezeiten: Mhd. gezńęt ¬ĽZeit; festgesetzte Zeit; Gebetsstunde; Begebenheit¬ę, ahd. gizńęt ¬ĽZeit; Zeitlauf¬ę ist eine Bildung mit verst√§rkendem ge Pr√§fix (‚ÜĎ ge..., ‚ÜĎ Ge...) zu dem unter ‚ÜĎ Zeit behandelten Wort. Erst seit dem Anfang des 17. Jh.s setzte… ‚Ķ   Das Herkunftsw√∂rterbuch

  • Gezeiten ‚ÄĒ [Aufbauwortschatz (Rating 1500 3200)] Auch: ‚ÄĘ Ebbe und Flut Bsp.: ‚ÄĘ Starke (Gezeiten )Str√∂mungen machten das Schwimmen gef√§hrlich ‚Ķ   Deutsch W√∂rterbuch

  • Gezeiten ‚ÄĒ und Gezeitenstr√∂mungen, soviel wie Ebbe und Flut ‚Ķ   Meyers Gro√ües Konversations-Lexikon

  • Gezeiten [1] ‚ÄĒ Gezeiten, s. Ebbe und Flut ‚Ķ   Lexikon der gesamten Technik

  • Gezeiten [2] ‚ÄĒ Gezeiten, s. Ebbe und Flut, S. 201 ‚Ķ   Lexikon der gesamten Technik

  • Gezeiten ‚ÄĒ Gezeiten, s.v.w. Ebbe und Flut (s.d.) ‚Ķ   Kleines Konversations-Lexikon

  • Gezeiten ‚ÄĒ Spl (die moderne Bedeutung ist aus dem Ndd. √ľbernommen) erw. fach. (9. Jh., Bedeutung 16. Jh.), mhd. gezńęt, ahd. gizńęt bestimmte Zeit, Festzeit Stammwort. In der modernen Bedeutung angepa√üt aus mndd. getńęde n. Flutzeit , einer Spezialisierung des ‚Ķ   Etymologisches W√∂rterbuch der deutschen sprache

  • Gezeiten ‚ÄĒ Tide (umgangssprachlich) * * * Ge|zei|ten [g…ô tsŐģaiŐģtnŐ©], die <Plural>: Ebbe und Flut in ihrem Wechsel: beim Urlaub am Meer muss man die Gezeiten ber√ľcksichtigen. * * * Ge|zei|ten ‚Ć©nur Pl.‚Ć™ regelm√§√üige Schwankungen des Meeresspiegels (auch ‚Ķ   Universal-Lexikon


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.