Grand tour

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Grand tour
British connaisseurs in Rome, GemÀlde von James Russel, ca. 1750
Bildergalerie des antiken Rom, GemÀlde von Giovanni Paolo Pannini, 1757

Die Grand Tour [gʀɑ̃ˈtuːʀ] (auch: „Cavalierstour“, „Kavalierreise“, „Junkerfahrt“ u. a.) war die Bezeichnung fĂŒr eine seit der Renaissance obligatorische Reise der Söhne des europĂ€ischen Adels, spĂ€ter auch des gehobenen BĂŒrgertums durch Mitteleuropa, Italien, Spanien und auch ins Heilige Land. In weiterem Sinne wurden auch Bildungsreisen erwachsener Angehöriger der genannten StĂ€nde so genannt. Insbesondere in England fand sie im achtzehnten Jahrhundert ihren reichen literarischen Niederschlag.

Inhaltsverzeichnis

Ziele

Die Grand Tour stellte ursprĂŒnglich den Abschluss der Erziehung dar und sollte der Bildung des Reisenden den „letzten Schliff“ geben. Die Adeligen suchten insbesondere bedeutende europĂ€ische KunststĂ€dte auf und besichtigten dort BaudenkmĂ€ler aus Antike, Mittelalter und Renaissance, reisten durch pittoreske Landschaften, sprachen aber auch an europĂ€ischen FĂŒrstenhöfen vor. Dabei sollten sie Kultur und Sitten fremder LĂ€nder kennenlernen, neue EindrĂŒcke sammeln und fĂŒr das weitere Leben nĂŒtzliche Kontakte knĂŒpfen. Weiter diente die Tour der Vertiefung von Sprachkenntnissen sowie der Verfeinerung von Manieren, allgemein dem Erwerb von WeltlĂ€ufigkeit, Status und Prestige. Gerade fĂŒr adlige Reisende war es auch reizvoll, Lektionen französischer oder italienischer Fechtmeister in Anspruch zu nehmen und dadurch ihre Kenntnisse im Waffenhandwerk zu vertiefen. Unausgesprochenes weiteres Ziel war hĂ€ufig die Erlangung einer gewissen Erfahrung in erotischen Dingen, manchmal auch die Anbahnung von Heiratsmöglichkeiten.

Bei Ă€lteren Reisenden traten zur Vertiefung der Bildung und Horizonterweiterung hĂ€ufig weitere Motive hinzu. Mitunter versprachen sie sich vom milderen Klima des europĂ€ischen SĂŒdens die Heilung von Krankheiten, so etwa der 1820 nach Italien gereiste Dichter John Keats. Andere wiederum tauschten sich in den fremden Staaten mit Fachkollegen ihrer jeweiligen Profession aus oder betrieben vielfĂ€ltige Forschungen. Der Botaniker John Ray etwa strebte bei seiner Kontinentaltour in den 1630er Jahren die Erstellung einer umfassenden Liste auslĂ€ndischer Pflanzen an, wĂ€hrend der Barockmaler Jonathan Richardson Anfang des 18. Jahrhunderts in Holland und Italien nichts weniger als einen „vollstĂ€ndigen Katalog aller vorhanden Statuen und GemĂ€lde“ anlegen wollte. HĂ€ufig wurden die Grand Tours auch zum Ankauf von Kunst benutzt, so etwa vom 21. Earl of Arundel.

Wenn auch das Gros der die Grand Tour absolvierenden Reisenden mĂ€nnlichen Geschlechts war, so gab es gleichwohl unter ihnen auch einige Damen, etwa Mariana Starke (1762–1838) oder Lady Morgan Sidney Owenson (1780–1859).

Geschichte

Die Besichtigung antiker StĂ€tten in Italien hatte in Kreisen der KĂŒnstler und Intellektuellen bereits seit dem SpĂ€tmittelalter Tradition. Einen wahren Aufschwung erlebte die Grand Tour aber erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als es im englischen Adel Mode wurde, seine Sprösslinge auf mehrjĂ€hrige Bildungsreise auf den Kontinent zu schicken.

Die Vorreiterrolle Englands erklĂ€rt sich u. a. daraus, dass es sich nach dem Sieg ĂŒber die spanische Armada 1588 auf dem Weg zu einer nur mit der römischen vergleichbaren Weltmachtstellung sah. Anders als der Kontinent hatte es dann nicht unter den Auswirkungen des DreißigjĂ€hrigen Kriegs zu leiden. Hinzu kommt schließlich, dass das Ideal des Gentleman, also des bildungsbeflissenen, begĂŒterten, hĂ€ufig aber mĂŒĂŸig-politikfernen Gentry-Angehörigen, in dieser Reinheit nur dort anzutreffen war.

Einen erheblichen Aufschwung erlebte die Grand Tour Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Zuge der AufklĂ€rung nahm das Interesse an fremden Kulturen und Menschen, deren Lebensbedingungen und Umgebung weiter zu. Außerdem wurde das Reisefieber durch Berichte von Weltreisen und Reiseliteratur geweckt.

Dem Niedergang des Adels nach der französischen Revolution entsprach auch der der Grand Tour im klassischen Sinne. Sie wurde im 19. Jahrhundert von der Bildungsreise abgelöst, die zwar Ă€hnliche Ziele verfolgt haben mag, aber mit weitaus weniger Aufwand verbunden war und organisatorisch meist allein in den HĂ€nden des – nunmehr hĂ€ufig bereits Ă€lteren – Reisenden selbst lag.

Vorbereitung

FormalitÀten

Die DurchfĂŒhrung der Grand Tour war mit allerlei FormalitĂ€ten verbunden. So mussten etwa ReisepĂ€sse und Gesundheitszeugnisse beschafft werden – dies wegen der insbesondere in Italien und Deutschland herrschenden Kleinstaaterei hĂ€ufig in großer Menge, was betrĂ€chtliche Kosten verursachte. Da Devisen nur in begrenztem Umfang aus England ausgefĂŒhrt werden durften, musste bei italienischen Banken in London Geld hinterlegt werden, das gegen Vorlage entsprechender Zahlungsanweisungen in Italien wieder in Empfang genommen werden konnte.

Angehörige des europĂ€ischen Hochadels und insbesondere die Prinzen regierender HĂ€user unternahmen ihre Grand Tours aus SicherheitsgrĂŒnden hĂ€ufig inkognito. So reiste August der Starke 1687 etwa als Graf von Meißen nach Italien.

Reisebegleiter

Dr. James Hay als „bear-leader“, Radierung von Pier Leone Ghezzi, 1725

Zentrale Bedeutung kam auch der Auswahl eines Reisebegleiters (tutor, governor, „bear-leader“) zu, der ĂŒber Organisationstalent, Bildung und umfassende Sprachkenntnisse verfĂŒgen musste, vor allem aber auch ĂŒber die Umsicht und Reife, seinen jugendlichen SchĂŒtzling vor physischen, finanziellen und moralischen Gefahren aller Art zu bewahren. Ein bekannter Tutor war Thomas Hobbes, der mit großem VergnĂŒgen 1610 den Sohn von Lord Cavendish sowie 1634 den Sohn des Earl of Devonshire auf ihren Grand Tours begleitete. Besonders wohlhabende Familien gesellten ihren Sprösslingen neben dem Tutor noch weiteres Personal bei, wozu Ärzte, Kunstexperten, Dienstboten, Maler und Musiker gehören konnten. Wenn junge Damen der besseren Gesellschaft nach Italien reisten, um sich zu bilden, gehörte eine unverheiratete Tante oder Cousine als Anstandsdame („chaperon“) unbedingt dazu.

Literatur, Karten

Schließlich galt es die bereits im 18. Jahrhundert in relativ großer Zahl verfĂŒgbare ReisefĂŒhrer-Literatur zu konsultieren. Es wird geschĂ€tzt, dass jedes Jahr im Schnitt zwei neue Werke erschienen. Zu den bedeutendsten zĂ€hlten F. M. Misson, Nouveau Voyage d’Italie (1691/95), J. Addison, Remarks on the Several Parts of Italy (1705), R. Lassels, The Voyage of Italy (1670), T. Nugent, The Grand Tour, or, a Journey through the Nederlands, Germany, Italy and France (1749), J. de Lalande, Voyage d’un Francois en Italie (1769), T. Martyn, The Gentleman’s Guide in His Tour through with a Correct Map and Directions for Travelling in this Country (1777) und J. Forsyth, Remarks on Antiquities, Arts and Letters during an excursion in Italy (1813).

Nicht einfach war es, an geeignetes und verlĂ€ssliches Kartenmaterial zu gelangen. In den bereisten LĂ€ndern waren sie oft nicht einmal in großen StĂ€dten erhĂ€ltlich. Die in England gekauften Karten wiesen indes hĂ€ufig betrĂ€chtliche Fehler und UnzulĂ€nglichkeiten auf. Eine verbreitete Sammlung war Il portafoglio necessario a tutti quelli che fanno il giro d’Italia, die 1774 in London mit englischer Beschriftung veröffentlicht wurde.

AusrĂŒstung

Des Weiteren war die Beschaffung stabiler und dauerhafter AusrĂŒstung erforderlich, die auch den Strapazen lĂ€ngerer Kutschfahrten und der mitunter rĂŒden Behandlung durch Dienstboten und Gastwirte standhielt. Auch musste eine große Zahl von GegenstĂ€nden des tĂ€glichen Bedarfs wie Bettzeug, Besteck, Geschirr, Schreib- und Malutensilien, NĂ€hzeug, Körperpflege- und Arzneimittel wegen ungewisser ErhĂ€ltlichkeit an den Zielorten aus England mitgebracht und stĂ€ndig mitgefĂŒhrt werden, was den umfangreichen GepĂ€ckbestand der Kavaliere ebenso erklĂ€rt wie das Aufkommen platzsparender Necessaires. Empfohlen wurde sogar die Mitnahme von Waffen und Moskitonetzen.

Berichtet wird auch von Exzentrikern wie dem Jagdliebhaber Thornton, der u. a. mit zehn Pferden, hundertzwanzig SpĂŒrhunden sowie drei von einem eigenen Falkner betreuten Falken auf die Grand Tour ging, oder Lady Blessington, die in ihrer doppelt gefederten Kutsche selbst Toilette, KĂŒche und Bibliothek nicht missen mochte. Lord Byron reiste gar mit einem auf mehrere Begleitwagen verteilten kleinen Zoo, der ihm zur Nahrung wie Zerstreuung dienen sollte.

Verlauf

UrsprĂŒnglich war der Verlauf der Grand Tour relativ verbindlich festgeschrieben. Es gab „Pflichtstationen“, die unbedingt zu besuchen waren, wĂ€hrend umgekehrt Orte, die nicht allgemein bekannt waren und nicht ob ihrer kultureller Bedeutung weithin gerĂŒhmt wurden, meist links liegen gelassen wurden. Raum fĂŒr individuelle Abweichungen gab es nur in begrenztem Maße.

Frankreich

FĂŒr den britischen Adeligen begann die Grand Tour ĂŒblicherweise an den HĂ€fen der sĂŒdenglischen KanalkĂŒste, wo er sich nach Boulogne oder Calais einschiffte und von dort mit der Postkutsche relativ zĂŒgig nach Paris reiste, traditionell dem ersten lĂ€ngeren Aufenthalt der Reise. Der weitere Weg fĂŒhrte meist ĂŒber Burgund und Lyon, dann entweder nach Genf/Savoyen oder in die Provence. Von dort aus ging es in Richtung Alpen, die bevorzugt am Simplonpass oder am Mont Cenis ĂŒberquert wurden, was hĂ€ufig als Initiationsritus empfunden wurde.

Vedute von Florenz
GemĂ€lde von Giuseppe Zocchi (1716–1767)

Italien

Relativ wenig Augenmerk wurde dann den StĂ€dten Turin, Mailand und Genua geschenkt, vielmehr strebten die Reisenden zĂŒgig in Richtung Florenz. In der wegen der intellektuellen Strenge ihrer Architektur, ihren KunstschĂ€tzen, aber auch der als rational empfundenen Kultiviertheit der umgebenden Landschaft von den Briten traditionell hochgeschĂ€tzten Stadt pflegte man eine Weile zu bleiben. Auch den anderen KulturstĂ€dten der Toskana wie Siena, Pisa und Lucca stattete man gewöhnlich einen Besuch ab.

In Rom verbrachten die Kavaliere ĂŒblicherweise die Wintermonate, um sich ausgiebig dem Besuch der antiken Monumente, Museen und Kirchen widmen zu können. Großes Interesse zog auch der römische Karneval auf sich, dem spĂ€ter auch Goethe großen Raum in seinen Aufzeichnungen widmen sollte.

Als gefĂ€hrlich galt das WegstĂŒck zwischen Rom und Neapel, wo Krankheiten und Briganten lauerten. In der Campagna besuchte man die pittoreske SteilkĂŒste, die vorgelagerten Inseln Capri und Ischia, vor allem aber auch den Vesuv und seit 1763 die an seinem Fuße befindlichen Ruinen von Pompeji. Manche Reisende machten schließlich noch einen Abstecher nach Sizilien, wo das Hauptaugenmerk den antiken Ausgrabungen sowie einer Besteigung des Ätna galt.

Auf dem RĂŒckweg wurden meist wieder Rom und Florenz passiert, dann verlief die Route aber etwas östlicher als bei der Hinreise. Man steuerte auf Padua und vor allem Venedig, das Veneto und Vicenza zu, wo die Villen Palladios zum Pflichtprogramm gehörten. Die Alpen wurden traditionell am Brenner ĂŒberquert.

Deutschland, Niederlande

In den deutschen Staaten standen meist FĂŒrsten- und ResidenzstĂ€dte auf dem Programm. Beliebt waren vor allem Wien, das wegen seiner Theater, Reitschulen und Gastfreundlichkeit geschĂ€tzt wurde, Berlin und Weimar als „Brennpunkte der AufklĂ€rung“, aber auch MĂŒnchen und Mannheim. HĂ€ufig besucht wurden weiter UniversitĂ€tsstĂ€dte wie Heidelberg, Jena oder Leipzig sowie die großen BĂ€der Baden-Baden, Karlsbad und Marienbad.

Nach relativ zĂŒgiger Durchquerung des fĂŒr seine Sauberkeit gepriesenen Holland schiffte man sich wieder ein in Richtung Heimat. Seltener wurde die Reise in umgekehrter Reihenfolge absolviert, also mit den germanischsprachigen LĂ€ndern am Anfang und Frankreich am Ende.

Unterkunft

Typen

Als preiswert, aber meist wenig komfortabel bis schĂ€big galten die UnterkĂŒnfte an den Poststationen. Mitunter gingen sie wenig ĂŒber einen Pferdestall mit StrohsĂ€cken fĂŒr die Nachtruhe und einer allgemeinen Feuerstelle hinaus. Als besonders berĂŒchtigt galt insofern die Poststation von Radicofani an der stark frequentierten Via Francigena.

Daneben standen sowohl in der NĂ€he der Poststationen und Hauptstraßen als auch in den InnenstĂ€dten eine große Auswahl gehobener UnterkĂŒnfte zur VerfĂŒgung. Die einfacheren Pensionen, WirtshĂ€user und Herbergen boten zumindest neben der bloßen Schlafstelle weitere Leistungen wie Verpflegung oder auch das Waschen der WĂ€sche. Teure HĂ€user wie die Hotels und Gasthöfe der großen StĂ€dte verwöhnten ihre adeligen GĂ€ste indes hĂ€ufig mit dem von zuhause vertrauten Komfort: Baldachinbetten und chinesisches Porzellan auf dem Waschtisch konnten hier ebenso angetroffen werden wie auf Zinntellern serviertes Wildbret und erlesene Weine.

Manche Grandtouristen schließlich fanden gegen Vorlage entsprechender Empfehlungsschreiben in PrivathĂ€usern Aufnahme. Im Allgemeinen war diese Möglichkeit aber Angehörigen höchster Kreise vorbehalten, die insofern ĂŒber ein flĂ€chendeckendes „Netzwerk“ verfĂŒgten.

„Garniertes Bett“

Vielfach boten die Zimmerwirte dem Reisenden ĂŒber das Bett hinaus gegen Aufpreis auch eine GefĂ€hrtin fĂŒr dasselbe an; als besonders extrem galten die VerhĂ€ltnisse in Venedig, wo Kuppler und Huren ihre Dienste den Fremden geradezu aufdrĂ€ngten. HĂ€ufig wurde die Gelegenheit dankbar ergriffen – zumal das Sammeln erotischer Erfahrungen durchaus mit zu den unausgesprochenen Zielen der Grand Tour gehörte.

Sicherheit

Zumindest in den einfacheren UnterkĂŒnften hatten die Zimmer in aller Regel keine abschließbaren TĂŒren, was zu einer erheblichen Bedrohung der Reisenden und ihrer Habe durch Diebe fĂŒhrte. HĂ€ufig findet sich in der zeitgenössischen Reiseliteratur daher die Empfehlung, von zuhause ein stabiles Schloss mitzubringen.

Hygiene

Ein großes Problem stellten die allgemein desolaten hygienischen ZustĂ€nde in den UnterkĂŒnften dar. Soweit BettwĂ€sche ĂŒberhaupt vorhanden war, war sie meist verschmutzt, daneben waren in den Matratzen und Kissen hĂ€ufig Flöhe, Wanzen und LĂ€use anzutreffen.

Viele Reisende fĂŒhrten daher ihr eigenes Bettzeug mit, jedenfalls Kissen, Decken und Laken, mitunter aber auch ein komplettes Feldbett. HĂ€ufig enthielten die erwĂ€hnten Reisenecessaires auch eine Reihe von Substanzen, die den Parasiten den Garaus machen sollten. Verbreitet waren insofern insbesondere SchwefelsĂ€ure und diverse Lavendel-Essenzen.

Das Verkehrsmittel: Die Kutsche

WĂ€hrend im 16. und 17. Jahrhundert die Grand Tours – etwa von John Milton 1638 – teilweise noch zu Pferd unternommen wurden, setzte sich im 18. Jahrhundert die Kutsche als Verkehrsmittel durch. Exzentriker wie Thomas Coryat, Joshua Lucock Wilkinson oder Johann Gottfried Seume („Spaziergang nach Syrakus“) die zu Fuß nach Italien reisten, mĂŒssen insofern als Ausnahmen betrachtet werden.

Pferdewechsel an italienischer Poststation
GemĂ€lde von Heinrich BĂŒrkel (1802–1869)

Eigene, Miet- oder Postkutsche

Bei Reisen mit der Kutsche stellten sich dem Reisenden drei Alternativen:

  • Viele Adelige benutzten fĂŒr die Grand Tour die eigene Kutsche, die oftmals derart ĂŒppig ausgestattet wurde, dass sie in vielerlei Hinsicht das eigene Heim ersetzte. Zentraler Nachteil waren freilich die bei diesem Verkehrsmittel anfallenden höheren ZollgebĂŒhren.
  • Mietkutschen waren sowohl in den französischen FĂ€hrhĂ€fen als auch jeder grĂ¶ĂŸeren europĂ€ischen Stadt des Kontinents erhĂ€ltlich. Im Mietpreis war meist ein Kutscher inbegriffen, bei grĂ¶ĂŸerem SalĂ€r auch ein Kurier. Seine Aufgabe bestand darin, jeweils zur nĂ€chsten Poststation im Galopp vorauszureiten, um dort den Pferdewechsel und eventuell die Quartiernahme vorzubereiten, um dem Reisenden Zeit zu sparen. Bisweilen fungierte er auch als ReisefĂŒhrer und umsichtiger Mittler, der seinen Auftraggebern sonst verschlossene TĂŒren öffnete.
  • Postkutschen schließlich boten vergleichsweise wenig Komfort; auch musste man sie mit anderen Mitreisenden teilen. DafĂŒr besaßen sie an den Poststationen bei der Vergabe von Pferden gegenĂŒber anderen Fahrzeugen erhebliche Privilegien.

Ausstattung

Die Kutschen boten in der Regel Platz fĂŒr vier bis acht Personen, manchmal auch zusĂ€tzliche Notsitze oder Außenplattformen fĂŒr mitreisendes Personal. Schon wegen der vielerorts in sehr schlechtem Zustand befindlichen Straßen und Wege wurde großer Wert auf eine komfortable Blattfederung gelegt, die die gröbsten ErschĂŒtterungen und StĂ¶ĂŸe abfangen sollte. Nicht fehlen durfte auch ein gut bestĂŒckter Werkzeugkasten; er wurde auch zum Zerlegen und Zusammensetzen der Kutsche vor dem Überqueren der Alpen oder auch von FlĂŒssen benötigt. Bisweilen wurden auch zusĂ€tzliche Geschirre mitgefĂŒhrt, um bei starken Steigungen zeitweilig zusĂ€tzliche Zugpferde anspannen zu können.

Die schwereren und sperrigen GepĂ€ckstĂŒcke wurden in der Regel auf dem rĂŒckwĂ€rtig angebrachten, recht gerĂ€umigen sog. Trittbrett untergebracht und mit schweren Ketten festgezurrt. Leichtere Teile fanden auf dem mit einem GelĂ€nder abgesicherten Kutschendach, der imperiale, Platz. Die Werkzeugkiste, manchmal auch die mitgefĂŒhrten Hunde wurden in Netzen unter dem Wagenboden transportiert. Hochwertigere, insbesondere private Kutschen verfĂŒgten ĂŒber zusĂ€tzlichen GepĂ€ckraum, oftmals auch zahlreiche „GeheimfĂ€cher“ fĂŒr Wertsachen, etwa hinter der Samtbespannung des Innenraums.

Strapazen

Schon wegen der schlechten Straßen waren die Reisenden auch in den komfortabelsten Kutschen stĂ€ndigen StĂ¶ĂŸen und Rumpeleien ausgesetzt, die sich auf Dauer Ă€ußerst belastend auf die physische Verfassung auswirkten. VerschĂ€rft wurde die Situation durch die langen Fahrtzeiten. ZurĂŒckzufĂŒhren waren diese auf die geringe Reisegeschwindigkeit von selten mehr als 20 km/h, aber auch auf fehlende BrĂŒcken und die zumindest bis Anfang des 19. Jahrhunderts bestehende Notwendigkeit, vor Überquerung der Alpen die komplette Kutsche zu zerlegen, um sie jenseits des Gebirges wieder zusammenzubauen.

UnfÀlle

Immer wieder kam es auf den Grand Tours zu KutschunfĂ€llen. Hauptursache waren die hĂ€ufig schlechten Straßen in Italien, vor allem aber in Deutschland. Insbesondere bei Hinzutreten extremer WitterungsverhĂ€ltnisse fĂŒhrten sie zum Brechen der Federung, der RĂ€der und auch der Achse oder zum Reißen der AufhĂ€ngungsriemen. Manchmal kippte auch die ganze Kutsche um, wie dies etwa 1778 dem spĂ€teren Louvre-Direktor Denon bei Brindisi passiert ist.

Bisweilen waren die UnfĂ€lle aber auch auf geringe Sachkunde oder Erfahrung des Kutschers oder auch fehlende Eignung der Pferde zurĂŒckzufĂŒhren. Tobias Smollett berichtet gar von Stallburschen, die ihm 1764 aus Rache fĂŒr verweigertes Trinkgeld absichtlich nicht kastrierte und daher besonders ungestĂŒme Pferde untergeschoben haben, die dann auch alsbald einen Unfall verursachten.

RĂ€uber

Es wird berichtet, dass die Reisekutschen auch Opfer von StraßenrĂ€ubern wurden, wenngleich die Vorkommnisse nach Anzahl und Schwere erheblich ĂŒbertrieben erscheinen und vielfach wohl nur als Material fĂŒr prahlerische Reiseberichte dienen sollten. Als gefĂ€hrlich galten insbesondere die italienischen Hauptreiserouten, vor allem die Gegend zwischen Fondi und Terracina. Dort hatten es die „Briganten“ aber in erster Linie auf wohlhabende einheimische Kaufleute und weniger auf auslĂ€ndische Kulturreisende abgesehen.

Probleme mit Behörden

Viele Grandtouristen berichten auch von korrupten Zollbeamten, die eine zĂŒgige Abfertigung und Weiterfahrt nur gegen angemessenen Obolus gestatten. Mitunter wurden die Reisenden auch der Spionage verdĂ€chtigt, insbesondere wenn sie – wie es damals Mode war – sich als Zeichner oder Maler betĂ€tigten und Skizzen von GebĂ€uden anfertigten. Bekanntestes Beispiel ist insofern Goethe, der aus eben diesem Grunde 1786 in Malcesine verhaftet wurde.

Insbesondere in Pestzeiten wurden hĂ€ufig Reisende, ungeachtet etwa mitgefĂŒhrter Gesundheitszeugnisse, von den örtlichen Behörden in QuarantĂ€ne genommen. Dies widerfuhr etwa Rousseau 1743 im Hafen von Genua. In seinen Bekenntnissen berichtet er von einem zeitraubenden und eintönigen Zwangsaufenthalt in einem kalkweiß gestrichenen und völlig unmöbilierten Lazarett.

Kulturelle Auswirkungen auf die HeimatlÀnder der Reisenden

Die EindrĂŒcke, die die Reisenden von ihren Italienaufenthalten mit nach Hause brachten, sollten vielfĂ€ltige Auswirkungen auf das Kulturleben ihrer HeimatlĂ€nder haben:

Architektur

So trugen die im 18. Jahrhundert verstĂ€rkt in Mode kommenden Grand Tours etwa in erheblichem Maße zum endgĂŒltigen Durchbruch des Klassizismus in der Architektur Englands und anderer europĂ€ischer Staaten bei. Maßgebliche Impulse gingen insofern auch von der 1732 gegrĂŒndeten Society of Dilletanti aus, in der sich Grand-Tour-RĂŒckkehrer einmal monatlich zum Gedankenaustausch trafen. Besonderes Interesse erweckten bei den Reisenden die Schöpfungen Palladios. Allein seine Villa Rotonda in Vicenza wurde in England mehrfach kopiert. BerĂŒhmtestes Beispiel ist das 1729 begonnene Chiswick House von Richard Boyle, 3. Earl of Burlington. Aber auch der spĂ€tere Georgian Style und das Regency wĂ€ren ohne italienische EinflĂŒsse kaum denkbar. In Deutschland brachte insbesondere Karl Friedrich Schinkel und Johann Joachim Winckelmann Anregungen von ihren Italienreisen mit, die sie in ihren klassizistischen Schöpfungen verarbeiteten.

Kopiert wurden schließlich auch romanische Kirchen Oberitaliens. So findet sich etwa bei Salisbury eine Imitation von San Zeno Maggiore in Verona. Westminster Cathedral in London greift Stilelemente Ravenneser Kirchen auf. Großen Anklang fanden nördlich der Alpen auch die Wasserspiele der Villa d'Este in Tivoli, die etwa im Salzburger Schloss Hellbrunn oder im Bergpark Wilhelmshöhe bei Kassel nachgeahmt wurden.

Malerei

Zu Kulturimporten fĂŒhrten die Grand Tours auch im Bereich der Malerei: Zentrale Bedeutung kam dabei dem Franzosen Claude Lorrain zu, dessen charakteristische Verbindung zwischen klassizistischen GebĂ€uden und romantisch-pittoresker Landschaft den englischen Geschmack das gesamte 18. Jahrhundert ĂŒber prĂ€gen sollte. Sein Stil wurde von zahlreichen englischen Malern nachgeahmt, u. a. von Richard Wilson. Auf dem Höhepunkt der Begeisterung fĂŒr den Maler entwickelte man sogar spezielle „Claude-GlĂ€ser“, optische Vorrichtungen, die die betrachtete Landschaft enger zusammenrĂŒcken und sie in „romantisches“ Halbdunkel tauchen. Lorrains Naturauffassung sollte auch Auswirkungen auf den sog. Englischen Landschaftsgarten haben. Ebenfalls EinflĂŒsse auf die englische Malerei gingen u. a. von Tizian und Raffael aus.

Musik

Schließlich sind auch die italienischen EinflĂŒsse in der europĂ€ischen Musik nördlich der Alpen zu einem erheblichen Teil auf die Italienreisen der Musiker zurĂŒckzufĂŒhren. Hier sind es insbesondere Komponisten der deutschsprachigen LĂ€nder, die den Stil der damals fĂŒhrenden Musiknation Italien rezipierten und etwa die dort entwickelte Gattung der Oper in ihrer Heimat etablierten.

WĂ€hrend sich freilich etwa Heinrich SchĂŒtz, Georg Friedrich HĂ€ndel oder Gluck dauerhaft fĂŒr mehrere Jahre auf der Halbinsel niederließen, um dort von den KoryphĂ€en ihrer Zeit zu lernen, tragen die drei Italienreisen des jungen Wolfgang Amadeus Mozart zwischen 1769 und 1772 durchaus ZĂŒge der Grand Tour. PrĂ€gend wirkten insbesondere sein Zusammentreffen mit großen Musikern wie Martini, Sammartini, Piccini, Nardini und Paisiello.

Auch im 19. Jahrhundert reisten zahlreiche Komponisten nach Italien. Zu nennen sind etwa Hector Berlioz, der in seinem Werk Harold en Italie das Sujet der Grand Tour selbst thematisiert, oder Felix Mendelssohn Bartholdy, der drei Jahre nach seiner Grand Tour seine Italienische Symphonie schrieb. Weniger Spuren hinterließ der Italienaufenthalt indes im Oeuvre von Richard Wagner, der eher selbst mit seinem Musikstil auf die zeitgenössische italienische Musik einwirkte. Umgekehrt griffen hĂ€ufig Komponisten „italienische“ Motive auf, die selbst keine Grand Tour absolviert hatten und das Land nur aus zweiter Hand kannten, wie etwa Pjotr Tschaikowski (Capriccio Italien) oder Hugo Wolf (Italienisches Liederbuch).

Bekannte Grand Tours

  • Zu den historischen VorlĂ€ufern der Grand Tour gehört u. a. Michel de Montaignes Italienreise 1580–1581, die im Gegensatz zu den frĂŒheren Pilgerreisen erstmals rein sĂ€kular geprĂ€gt war. Freilich unternahm er sie bereits in reiferem Alter und auch aus gesundheitlichen GrĂŒnden.
  • Die Kavaliersreise des Prinzen Karl Friedrich von JĂŒlich-Kleve-Berg 1571 bis 1575 endete tragisch mit dem Pockentod des Protagonisten in Rom. Bekannt wurde sie durch den Reisebericht Hercules Prodicius aus der Feder des prinzlichen Mentors, Stephanus Winandus Pighius. Dieser Bericht diente nachfolgenden Grandtouristen als Ariadnefaden.
  • Als Vater der Grand Tour im engeren Sinne wird vielfach Thomas Coryat bezeichnet, der 1608 zu Fuß nach Italien aufbrach und dort insbesondere Venedig besuchte. Er hielt seine Erinnerungen im Reisebericht Coryat's crudities von 1611 fest.
  • Im Jahre 1638 unternahm der Dichter John Milton seine Grand Tour. Seine Begegnung mit den großen Epen der italienischen Literatur sollte sein Hauptwerk, Paradise Lost, nachhaltig beeinflussen.
  • 1739–41 gingen die spĂ€teren Schriftsteller Horace Walpole und Thomas Gray auf Grand Tour, ĂŒberwarfen sich wĂ€hrend der Reise aber so sehr, dass sie getrennt nach England zurĂŒckkehrten.
  • Laurence Sterne absolvierte seine Reise auf den Kontinent 1762–66, als er bereits um die fĂŒnfzig Jahre alt war. Sie sollte erheblichen Einfluss auf seine Werke Tristram Shandy und vor allem Yorick's sentimental journey through France and Italy haben.
  • James Boswell[1], der berĂŒhmte Biograf Samuel Johnsons, durchreiste als junger Mann und Student Europa 1763 bis 1765 bis nach Rom und Korsika, war aber auch hier seinem Naturell entsprechend vor allem auf der Suche nach namhaften Zeitgenossen und traf Rousseau, Voltaire und Pasquale Paoli.
  • Etwa um dieselbe Zeit bereiste Tobias Smollett das Land, der dort aus gesundheitlichen GrĂŒnden letztlich sogar dauerhaft blieb und 1772 starb. 1766 erschien sein Reisebericht travels through France and Italy
  • Der französische Astronom JĂ©rĂŽme Lalande nutzte seine Italienreise 1765/66 u. a. auch dazu, sich bei Papst Clemens XIII. fĂŒr eine Tilgung der Schriften seiner Berufskollegen Kopernikus und Galilei vom Index einzusetzen. Auch veröffentlichte er 1769 den berĂŒhmten Reisebericht Voyage d'un français en Italie.
Goethe in der Campagna, GemÀlde von J.H.W.Tischbein von 1787
  • Zweifellos berĂŒhmtester Italienreisender der deutschen LĂ€nder war Johann Wolfgang von Goethe, der sein „Arkadien“ 1786 bis 1788 bereiste und seine EindrĂŒcke in der Italienischen Reise festhielt.
  • Eher verdrießlich verlief dagegen die Grand Tour Johann Gottfried Herders 1788–89, der der „unbeschwerten Sinnlichkeit“ des SĂŒdens kritisch und distanziert gegenĂŒberstand. Auch war die Reise von Geldnöten, beruflichen UnwĂ€gbarkeiten und etlichen Missgeschicken ĂŒberschattet.
  • 1801 brach Johann Gottfried Seume im sĂ€chsischen Grimma auf und wanderte zu Fuß bis nach Sizilien (Seumes „Spaziergang nach Syrakus“). Nach eigenem Bekunden wollte er dort vor allem „den Theokrit“ studieren.
  • 1807–1810 reiste Hermann von PĂŒckler-Muskau nach Italien – der Auftakt zu einem unsteten Wanderleben, das den FĂŒrsten spĂ€ter bis nach Abessinien fĂŒhren sollte.
  • Einen Sonderfall stellt die Grand Tour Lord Byrons 1809–1811 dar: Wegen der napoleonischen Kriege musste er die klassischen ReiselĂ€nder meiden und wandte sich daher verstĂ€rkt dem östlichen Mittelmeergebiet mit Griechenland und der TĂŒrkei zu. In den 1820er Jahren holte er den Besuch Italiens aber nach und hielt sich u. a. in Venedig und Pisa auf.
  • 1830 reiste Felix Mendelssohn Bartholdy nach Italien; drei Jahre spĂ€ter schrieb er seine Italienische Symphonie
  • Hector Berlioz reiste 1831 nach Italien, nachdem er im Vorjahr den Prix de Rome und damit ein zweijĂ€hriges Romstipendium gewonnen hatte. Spuren hat der Aufenthalt etwa in seiner Symphonie Harold en Italie, im Carnaval romain, vor allem aber auch in seinem Reisebericht Voyage musical en Allemagne et en Italie von 1844 hinterlassen.
  • Hans Christian Andersen weilte im Oktober 1834 zum ersten Mal in Rom. Er bereiste Italien von DĂ€nemark aus siebenmal – mit der Kutsche, der Bahn und dem Schiff gelangte er hin, und es hinterließ tiefe Spuren in seinem Werk.
  • Relativ wenig Spuren in seinem Schaffen hinterließ der Italien-Aufenthalt Richard Wagners im Jahre 1852.
  • Hermann Hesse hingegen, der 1901 und 1903 ausgiebig das Land bereiste, hat seine EindrĂŒcke vielfach in Gedichten, Briefen und TagebĂŒchern festgehalten.
  • Steffen Kopetzkys Roman „Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication“ (2002) beschreibt eine Europareise mit dem soziologischen Bezugssystem ‚Schlafwagen‘. Er nimmt direkt und indirekt weitlĂ€ufig Bezug auf die Grand Tours der Vergangenheit.

BedeutungsrĂŒckgang der Grand Tour

Im 19. Jahrhundert erlebte die Grand Tour einen Einbruch, als die klassizistischen Kulturideale des Adels zunehmend durch romantisches Gedankengut verdrĂ€ngt wurden. An die Stelle der Verehrung der Antike, des Humanismus und der Renaissance-Architektur trat eine Begeisterung fĂŒr die Gotik und das europĂ€ische Mittelalter. Maßgeblich beteiligt an dieser Entwicklung waren Schriftsteller wie Walter Scott, Dichter wie William Wordsworth oder Samuel Coleridge oder Maler wie William Blake, William Turner oder John Constable. Die Zeugnisse dieser Geschichts- und Kunstepoche ließen sich aber in England und Schottland mindestens ebenso gut studieren wie im SĂŒden Europas.

Das endgĂŒltige Ende der Grand Tour im klassischen Sinne zeichnete sich mit dem RĂŒckgang der Bedeutung des Adels nach der Französischen Revolution ab. Die erstarkende Bourgeoisie teilte freilich noch weitgehend die Kulturideale des Adels und ahmte seinen Lebensstil und damit auch die Grand Tour nach. Mit dem Aufkommen der Eisenbahn indes wurden Reisen fĂŒr breitere Bevölkerungskreise erschwinglich. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts konnten sich durchaus bereits sogar Fabrikarbeiter einen Badeaufenthalt in englischen und nordfranzösischen SeebĂ€dern leisten. Die Grand Tour verlor einen Teil ihrer ExklusivitĂ€t und daher fĂŒr ihre klassische Klientel einiges an Reiz. Die Westminster Review schrieb etwa 1825 despektierlich, in Rom versammele sich heutzutage ein „Gemisch aller Klassen“: „Der Erste unseres Adels und der letzte unserer BĂŒrger begegnen und berĂŒhren sich an jeder Ecke“. William Wordsworth und andere Schriftsteller wandten sich gar gegen einen weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes, da dieses Verkehrsmittel eine „gefĂ€hrliche Tendenz der Gleichheit“ etabliere und „die unteren Schichten“ dazu ermutige, „nutzlos durch das Land zu ziehen“. Ein ironisch-liebevolles Denkmal setzte Edward Morgan Forster der verbĂŒrgerlichten Grand Tour 1908 in seinem Roman Zimmer mit Aussicht. Die Grand Tour wurde zunehmend durch Erholungsreisen breiterer Schichten abgelöst, die schließlich im 20. Jahrhundert in den Massentourismus ĂŒbergehen sollten.

Gleichwohl lassen sich Spuren der Grand Tour noch feststellen, wo klassizistische Ideale fortwirken: So ist an deutschen humanistischen Gymnasien die abschließende Romreise bis weit ins 20. Jahrhundert hinein obligatorisch geblieben und wird gelegentlich auch jetzt noch praktiziert. Der Prix de Rome ist eine wichtige Karrieremarke fĂŒr Komponisten in Frankreich (Maurice Ravel bewarb sich fĂŒnfmal vergeblich darum), ein Stipendium fĂŒr die Villa Massimo gilt bis heute als Ritterschlag der Kunstszene in Deutschland. Amerikanische und japanische ReisetĂ€tigkeit folgt in Europa bis heute schwerpunktmĂ€ĂŸig den Zielen der Grand Tour, da man durch sie nach wie vor am ehesten an die kulturellen Wurzeln Europas zu gelangen glaubt. Auch fĂŒr die Tourismusbranche ist der Begriff der Grand Tour keineswegs erledigt.

Trivia

Der Begriff der Grand Tour wurde spĂ€ter auf grĂ¶ĂŸere Sportwagen mit festem Dach ĂŒbertragen. Unterschiedliche Sportwagenrennen trugen u.a. die Bezeichnung Gran Turismo oder GT. Beispielsweise in der Bezeichnung Golf GTi hat sich die AbkĂŒrzung fĂŒr Grand Tour bis heute erhalten.

Fußnoten

  1. ↑ Sein Versuch, bei Friedrich II. vorgelassen zu werden, scheiterte, obwohl er mit Francis Keith, Lord Marischall von Schottland, reiste, der in preußischen diplomatischen Diensten gewesen war. Sieh: Boswells Große Reise. Deutschland und die Schweiz 1764. 1955

Siehe auch

Literatur

  • Attilio Brilli: Als Reisen eine Kunst war – Vom Beginn des modernen Tourismus: Die „Grand Tour“. Wagenbach, Berlin 2001, ISBN 3-8031-2274-0
  • Christoph Henning: Reiselust – Touristen, Tourismus und Urlaubskultur. Suhrkamp, Frankfurt 1999, ISBN 3-518-39501-7
  • Hans-Joachim Knebel: Die „Grand Tour“ des jungen Adeligen. In: Tourismus – Arbeitstexte fĂŒr den Unterricht. Reclam, Stuttgart 1981, ISBN 3-15-009564-6
  • Thomas Kuster, Das italienische Reisetagebuch Kaiser Franz I. von Österreich aus dem Jahr 1819. Eine kritische Edition. phil.Diss. Innsbruck 2004.



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  • grand tour — n. 1. a tour of continental Europe formerly taken by young men of the British aristocracy to complete their education 2. any tour like this 3. a conducted inspection tour, as of a building 
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