Gymnasium an der Stadtmauer

Gymnasium an der Stadtmauer
Schulform Gymnasium (Sekundarstufe I und II)
Gründung 1807 (als Collège de Creuznach), 1819 (als königlich-preußisches Gymnasium)
Land Rheinland-Pfalz
Staat Deutschland
Koordinaten 49° 50′ 32″ N, 7° 51′ 35″ O49.8422222222227.8597222222222Koordinaten: 49° 50′ 32″ N, 7° 51′ 35″ O
Schüler ca. 800
Lehrer ca. 70
Website http://www.stamaonline.de

Das Gymnasium an der Stadtmauer ist eine höhere Schule in Bad Kreuznach. Das Stama (Kreuznacher Kurzform), an dem man im altsprachlichen Zweig Latein und Griechisch lernen kann, bietet daneben auch einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt an.[1]

Das Schulgelände ist durch die Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung geprägt. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der im Kranz des Schulgebäudes befindliche gotische Chor der ehemaligen St.-Wolfgang-Kirche. An der Nordseite der Schule liegt der Kronenbergerhof, der bis 1685 im Besitz der Beyer von Bellhofen von Cronenberg war. Später diente er als Disibodenberger Kellerei. Seit 1819 gehört das Anwesen zum Gymnasium.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Lateinschule Kreuznach

Hauptartikel: Lateinschule Kreuznach

Eine Lateinschule in Kreuznach bestand seit etwa dem 14. Jahrhundert. Studenten aus Kreuznach sind seit dem Jahre 1304 (Bologna) in Universitätsmatrikeln belegt, besonders in Heidelberg und im mainzischen Erfurt. 1507 wurde Magister Johann Georg Faust (* um 1466/80, † um 1541) durch den Amtmann Franz von Sickingen (1481–1523) als Rektor installiert. Faust soll sich nach dem Bericht des Sponheimer Abtes Johannes Trithemius[2] (1462–1516) einer Bestrafung wegen „Unzucht mit Knaben“ durch Flucht aus Kreuznach entzogen haben.

Reformiertes Gymnasium und Lateinschule der Karmeliten

Nach Einführung der Reformation wurde 1567 in dem eingezogenen Klostergebäude der Karmeliten[3] an St. Nikolaus von Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1559–1576) und Markgraf Philipp II. von Baden (1559–1588) ein reformiertes Gymnasium („Pädagogium“) für die Vordere Grafschaft Sponheim errichtet.

Nach der Eroberung Kreuznachs 1623 durch spanische Truppen wechselte das Gebäude mehrfach den Besitzer. 1661 erhielten die Karmeliten das Klostergebäude zurück. Bis zur französischen Besetzung bzw. zur Angliederung an Frankreich im Frieden von Lunéville bestanden eine katholische und eine reformierte Schule nebeneinander. Nach Einziehung der Schulgüter durch den französischen Staat stellen beide Schulen um 1799 den Lehrbetrieb ein.

Staatliches Gymnasium

Die Gründung des engeren Vorgängerinstitutes des Gymnasiums an der Stadtmauer erfolgte 1807 als Collège de Creuznach. 1811 wurde die Schule in das ehemalige Franziskaner-Kloster St. Wolfgang an der Stadtmauer verlegt. 1819 wurde sie als Königlich-Preußisches Gymnasium und Realgymnasium weitergeführt. 1828 war die Schule eines von 17 Gymnasien in der Rheinprovinz. 1974 wurde die Mainzer Studienstufe eingerichtet.

Franziskaner-Kloster

Die päpstliche Genehmigung zur Errichtung des Franziskaner-Kloster St. Wolfgang in Kreuznach wurde 1472 erteilt; 1484 konnte das Klostergebäude bezogen werden.

1559/68 wurde das Kloster aufgehoben und das Gebäude in ein Bürgerhospital umgewandelt. 1623 wurde das Klostergebäude nach der spanischen Eroberung wieder von den Franziskanern übernommen mit einer Unterbrechung von 1631 bis 1636 in der Zeit der schwedischen Besetzung[4]. In den 1650er Jahre scheiterte ein Versuch der Franziskaner, in der überwiegend reformierten Stadt Kreuznach eine katholische Schule zu gründen. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges wurden Kloster und Kirche (bis auf den Chorraum) 1689 zerstört. 1715-18 erfolgte der Wiederaufbau.

Nachdem das Franziskaner-Kloster 1802 endgültig aufgehoben war, wurden die Gebäude zunächst als Militärhospital und Gefangenenlager benutzt, bis sie ab 1811 von der Schule genutzt wurden.

Bedeutende Schüler und Absolventen

  • Gustav Pfarrius (1800–1884), Dichter, Lehrer und Professor
  • Johann Philipp Kaufmann (1802-1846), Reifeprüfung um 1821, Jurist, Schriftsteller und Übersetzer u.a. von Robert Burns und William Shakespeare, Erzieher der Kinder von Franz Liszt, Sohn des Kaufmanns und Schriftstellers Johann Heinrich Kaufmann (1772–1843) und Neffe des Kreuznacher Verlegers Ludwig Christian Kehr (1775–1848). Sein Volkslied Wie kann ich froh und lustig sein wurde 1836 von Felix Mendelssohn Bartholdy als Duett vertont
  • Friedrich Lorentz (1803-1861), Abitur Ostern 1823, Historiker in St. Petersburg („Friedrich Lorentz Karlowitsch“) und Bonn, Förderer von Heinrich Schliemann
  • Karl August Mayer (1808–1894), Abitur Ostern 1827, Gymnasiallehrer und Schriftsteller
  • Peter Franz Reichensperger (1810-1892), Abitur Ostern 1829, preußischer Politiker, 1869/70 Mitbegründer der Zentrumspartei
  • Eduard Michael Schneegans (1810-nach 1853), Abitur Ostern 1828, 1834 bis 1840 Pfarrer in Bretzenheim, 1840 bis 1853 Pfarrer und Rektor in Altenkirchen, Verfasser von Historisch-topographische Beschreibung Kreuznachs und seiner Umgebungen (1839)
  • Maximilian Josef Ludwig von Gagern (1810-1889), wechselte auf Gymnasien in Mannheim und Weilburg, nassauischer Diplomat, 1848 liberaler Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, Unterstaatssekretär im Reichsministerium des Auswärtigen
  • Franz Weinkauff (1823–1892), Abitur Herbst 1844, Pädagoge, hinterließ dem Königlichen Gymnasium einen Teil seiner Bibliothek und errichtete mit 100.000 Mark eine Stiftung „zu erzieherischen und schulfreundlichen Zwecken“
  • Wilhelm Lossen (1838–1906), Abitur Herbst 1857, Chemiker, entdeckte die Summenformel des Kokains und das Hydroxylamin
  • Karl August Lossen (1841–1894), Abitur Herbst 1859, Geologe
  • Ernst Emil Renck (1841–1912), verließ die Schule mit 16 Jahren, Maler, Schüler von Anton Burger
  • Albert Hackenberg (1852–1912), Abitur Herbst 1872, Pfarrer, nationalliberaler Politiker und Dichter
  • Friedrich Niebergall (1866–1932) aus Kirn, Abitur Ostern 1884, Pfarrer und Professor für praktische Theologie in Marburg
  • Otto Plasberg (1869–1924), Abitur Ostern 1887, Professor für Klassische Philologie in Hamburg, Cicero-Edition
  • Heinrich Kohl (1877–1914), Abitur Ostern 1896, Architekt und Archäologe (Bauforscher)
  • Carl Enders (1877–1963), Abitur Ostern 1898, Professor für Germanistik in Bonn
  • Otto Fischer (1886–1948), Abitur Ostern 1904, Kunsthistoriker, Museumsdirektor, Experte für chinesische Kunst.
  • Herbert Eimert (1897–1972), Abitur 1914, war ein Komponist, Musiktheoretiker und Musikjournalist
  • Paul Schneider (1897–1939), wechselte 1910 auf ein Gymnasium in Gießen, Pfarrer und Opfer des Nationalsozialismus
  • Paul Yogi Mayer (1912–2011), Abitur 1932, Verbandssportlehrer des Sportbundes Schild des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, emigrierte 1939 nach London, Sportpädagoge und Sportpublizist, verfasste das Buch Jüdische Olympiasieger – Sport, ein Sprungbrett für Minoritäten (2000), engl. Jews and the Olympic Games (2004), 1997 Member des Order of the British Empire
  • Jakob „Jockel“ Fuchs (1919–2002), Abitur 1938, war Oberbürgermeister von Mainz
  • Leo Schwarz (* 1931), Abitur 1952, ist ein römisch-katholischer Geistlicher und war von 1982 bis 2006 Weihbischof in der Diözese Trier
  • Julia Klöckner (* 1972), Abitur 1992, seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages, 2009 Staatssekretärin, ab Mai 2011 Oppositionsführerin im RLP-Landtag.

Lehrer

  • Joseph Johlson (1777–1851)[5] aus Fulda, 1808/09 bis 1813 Lehrer für Rechen-, Schreib- und lateinischen Unterricht am Collège de Creuznach, Philologe, aufgeklärter jüdischer Reformpädagoge und Übersetzer, 1813 bis 1830 am Philanthropin in Frankfurt am Main
  • Johann August Klein (1778-1831), 1805 Sekretär des Maire von Kreuznach, seit 1807 Lehrer am Collège de Creuznach, 1815 bis 1819 Direktor des evangelisch-katholischen Gymnasiums („Städtisches Gemeindecollegium“), danach in Koblenz, Verfasser literarischer Reisetagebücher wie der Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende (1828), das als Rheinreise von Straßburg bis Rotterdam in der 2. Aufl. 1835 zum ersten Baedeker-Reiseführer wurde
  • Abraham Voß (1779–1845), Sohn von Johann Heinrich Voß, 1821 bis 1847 Oberlehrer, zuletzt Direktor am Königlichen Gymnasium, Pädagoge und Übersetzer von William Shakespeare (Maß für Maß, Koriolanus)
  • Dr. phil. Peter Petersen († 1838) aus Oster-Ohrstedt bei Husum, ab 1819 Lehrer am Königlichen Gymnasium, veröffentlichte einige altphilologische Abhandlungen[6]
  • Johann Conrad Nänny (1783-1847) aus Herisau, 1803 Mitarbeiter von Johann Heinrich Pestalozzi in Schloss Burgdorf, 1819 bis 1839 (em.) Lehrer am Königlichen Gymnasium, Lyriker (Nanny, Näni)
  • Dr. Gottlob August Bercht (1786-1861) aus Niederwarbig bei Treuenbrietzen, Mitarbeiter am Rheinischen Merkur von Josef Görres (1776-1848), Redakteur der Bremer Zeitung, 1819 Lehrer am Königlichen Gymnasium, wenige Monate nach seiner Einführung als „Demagoge“ entlassen, leitete ab 1823 eine Privatschule in Frankfurt am Main, ab 1830 mit Friedrich Christoph Schlosser (1776-1861) Herausgeber der Zeitschrift Archiv für Geschichte und Literatur, 1844 bis 1848 Redakteur des Rheinischen Beobachters in Köln, Lyriker und Historiker
  • Dr. Gerd Eilers (1788–1863), 1819 bis 1833 erster Direktor des Königlichen Gymnasiums, Pädagoge und Politiker
  • Friedrich Wilhelm Eduard von Leslie (1797–1831), ab 1826 Zeichenlehrer am Königlichen Gymnasium, Maler
  • Emil Cauer der Ältere (1800–1867), ab 1832 Zeichenlehrer am Königlichen Gymnasium, Bildhauer des Klassizismus
  • Dr. Moritz Karl August Axt (1801–1862) aus Naderkau, Lehrer in Kleve und Wetzlar, 1842 bis 1862 Direktor des Königlichen Gymnasiums, veröffentlichte verschiedene altphilogische und pädagogische Aufsätze in Gymnasialprogrammen[7]
  • Dr. Johann Friedrich Georg Dellmann (1805–1870), Lehrer am Königlichen Gymnasium, Erfinder des Dellmann'schen Elektrometers nach dem Prinzip der Drehwaage, Vorschlag für eine Verbesserung der Galvanischen Zelle, Arbeiten über elektrischen Widerstand, Harmonielehre, Meteore und Meteorologie[8]
  • Dr. h.c. Ludwig Geisenheyner (1841–1926), 1870 bis 1911 (em.) Oberlehrer am Königlichen Gymnasium in Kreuznach, Botaniker und Zoologe, Bryologe, Verfasser von Flora von Kreuznach und den gesamten Nahegebiet unter Einschluss des linken Rheinufers von Bingen bis Mainz (1903), 1921 Ehrendoktor der Universität Frankfurt
  • Hans Peter Feddersen (1848–1941), 1878 bis 1880 Zeichenlehrer am Königlichen Gymnasium, Landschaftsmaler
  • Dr. Abraham Tawrogi (1857-1929), 1888 bis 1927 jüdischer Religionslehrer am Königlichen Gymnasium, Bezirksrabbiner

Galerie

Einzelnachweise

  1. Schulhomepage zum Profil
  2. Brief vom 20. August 1507 an Johannes Virdung (1463–1535). In: Leander Petzoldt (Hrsg.): Das Volksbuch von Doktor Faust 1587 (Editionen für den Literaturunterricht), Stuttgart: Klett 1981, S. 131–133.
  3. Die in älterer Literatur vertretene These, von den Karmeliten sei bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Lateinschule in Kreuznach unterhalten worden, ist urkundlich nicht belegt; vgl. den Artikel Lateinschule Kreuznach#Hausstudium des Karmeliten-Klosters.
  4. Vgl. Patritius Schlager: Die Franziskaner und die katholische Restauration in Kreuznach. In: Pastor bonus 15 (1902/03), S. 367–374.
  5. Vgl. Hans-Joachim Bechtoldt: Joseph Johlson, Jüdischer Reformer, Philologe und aufgeklärter Denker im Kreuznach des frühen 19. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 32 (2006), S. 345–366.
  6. Peter Petersen: Disputatio critica de quibusdam tragicorum locis, qua probationem juventutis litterariam in Gymnasio Regio Crucenacensi, Frankfurt am Main: Bayrhoffer 1823; u. a.
  7. Bibliografie in Hermann Probst: Geschichte des Gymnasiums zu Kleve von 1817–1867 (Jahresbericht des Königlichen Gymnasium 18), Kleve: Koch 1867.
  8. Friedrich Dellmann: Ueber die Coulomb'sche Drehwage als Elektroskop In: Annalen der Physik und Chemie 129 (1841), S. 606-611; Die zweckmässigste Form der Zinkeisen-Säule. In: Zeitschrift für Mathematik und Physik 6 (1861), S. 287f; Ueber die Gesetzmässigkeit und die Theorie des Elektricitätsverlustes. In: Zeitschrift für Mathematik und Physik 11 (1866), S. 327-353;Die Harmonie der Einzeltöne oder das Ohm'sche musikalisch-akustische Gesetzt, Kreuznach: Robert Voigtländer 1867; u. a.

Quellen

Literatur


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