Handel

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Handel

Unter Handel wird die wirtschaftliche TĂ€tigkeit des Austauschs von GĂŒtern zwischen Wirtschaftssubjekten auf dem Weg der GĂŒter von der Produktion bis zum Konsum bzw. der GĂŒterverwendung verstanden.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte

Bei der weiteren Definition von Handel ist es nach Rudolf Seyffert unerheblich, ob diese Funktion von selbststĂ€ndigen Institutionen (Handelsunternehmen, Handelsbetrieben, Handlungen) oder von angegliederten Institutionen (Produzentenhandel, Handwerkshandel, landwirtschaftlicher Handel, Konsumentenhandel, staatlicher Handel) erfĂŒllt wird.

WĂ€hrend in frĂŒhen primitiven Gesellschaften dieser GĂŒteraustausch als Tausch von Ware gegen Ware (Tauschhandel, Naturaltausch) stattfand, kennen die entwickelten modernen Geldwirtschaften nur noch den Handel in der Form des Ankaufs und Verkaufs von Ware gegen Geld (HandelsgeschĂ€ft). Der Begriff „Handel“ (auch "Kramhandel") taucht zwar schon im 15. Jh. auf, tritt jedoch bis zum Ende des 18. Jh. - und somit in der Entstehungs- und ersten BlĂŒtezeit des stĂ€dtischen Handels wie des Fernhandels – hinter andere Begriffe wie Kaufmannschaft, Handlung, Commercien oder Kommerz zurĂŒck.

Erst zu Beginn des 19. Jh. wird Handel in dem heute auch von der Handelsbetriebslehre verwendeten engeren Sinn verstanden als der gewerbsmĂ€ĂŸige Ankauf von materiellen GĂŒtern (Handelsware) und deren Verkauf ohne wesentliche Be- oder Verarbeitung (Warenhandel). „Warenhandel ist Warenumsatz, Warenverkehr, Warenumschlag. Diese Umsatzleistung ist die den Handel bestimmende Grundfunktion.“ (Rudolf Seyffert) Handelsunternehmen sind diejenigen Institutionen, die diese Grundfunktion (und weitere Handelsfunktionen)[1] a) gewerbsmĂ€ĂŸig, b) ausschließlich oder ĂŒberwiegend, c) im eigenen Namen sowie d) auf eigene Rechnung und eigenes Risiko ausĂŒben. Sie sind damit die Spezialisten der Beschaffungs- und der Absatzwirtschaft.

Die genannten Definitionen lassen die spezifische Bedeutung des Handels fĂŒr die Marktwirtschaft noch nicht erkennen. Diese wird in folgender Umschreibung deutlicher: "Handel ist permanente und simultane Organisation von AbsatzmĂ€rkten fĂŒr verschiedene Anbieter von Waren und von BeschaffungsmĂ€rkten fĂŒr verschiedene Nachfrager nach Waren und Diensten." (Schenk 2007, S. 16) Damit leistet der Handel etwas Konstitutives fĂŒr die Marktwirtschaft, was kein anderer gewerblicher Sektor leistet: Der Handel generiert MĂ€rkte, und zwar keine abstrakt-gedankliche, sondern konkrete Orte des Waren- und Diensteaustauschs. Das gilt fĂŒr den stationĂ€ren Handel wie fĂŒr den Versandhandel und den Online-Handel mit ihren zeit- und ortsungebundenen Absatz- und Beschaffungsgelegenheiten.

Außer den im engeren Sinn Handel treibenden Institutionen sind handelsĂ€hnliche Institutionen am GĂŒteraustausch beteiligt, z. B. Handelshilfsgewerbe, Handelsvertretungen, Kommissionsagenturen und KommissionĂ€re. Der Begriff „Zwischenhandel“ ist tautologisch – HĂ€ndler werden immer zwischen Lieferanten und Kunden tĂ€tig – und sollte vermieden werden.

Allgemeines

Handel oder Warenhandel umfasst den Ankauf von Waren von verschiedenen Herstellern bzw. Lieferanten, die Beförderung, Bevorratung und ZusammenfĂŒhrung der Waren zu einem Sortiment sowie ihren Verkauf an gewerbliche Abnehmer (Großhandel) oder an nicht-gewerbliche Abnehmer (Einzelhandel), ohne dass die Waren wesentlich verĂ€ndert oder verarbeitet werden. Die Handeltreibenden (Handelsbetriebe, Handelsunternehmungen) werden in der Regel in der Absicht der Gewinnerzielung tĂ€tig. Die marktwirtschaftliche Leistung des gesamten Handels wie jedes einzelnen Handelsbetriebs liegt in der permanenten Gestaltung und Organisation von vier MĂ€rkten (AbsatzmĂ€rkte, BeschaffungsmĂ€rkte, KonkurrenzmĂ€rkte und interne MĂ€rkte). Die TĂ€tigkeit der Handelsbetriebe stellt eine produktive Dienstleistung sui generis dar. Im Unterschied zu Produktionsbetrieben werden im Handel – abgesehen von branchenĂŒblichen Veredelungen – keine neuen materiellen GĂŒter hergestellt; von reinen Dienstleistungsbetrieben unterscheiden sich die Handelsbetriebe durch Lagerhaltung bzw. das WarengeschĂ€ft.

HĂ€ufig tritt der Handel in Verbindung mit produzierenden TĂ€tigkeiten (z. B. Handwerkshandel) oder Dienstleistungen (z. B. Wertpapierhandel) auf. Neben dem Warenhandel können handelsĂ€hnliche GeschĂ€fte auch mit anderen GĂŒtern wie Kapital, Dienstleistungen oder Wissen betrieben werden. Gehandelt werden meist knappe GĂŒter. Diese Knappheit ist u. a. darin begrĂŒndet, dass ein natĂŒrlicher Rohstoff nur in manchen Gegenden vorkommt, dass Produktion und Konsum zeitlich oder mengenmĂ€ĂŸig auseinanderfallen oder dass bestimmte Waren nur von vielen Menschen in einem arbeitsteiligen Geflecht hergestellt werden. Mit zunehmender Globalisierung und Differenzierung der Gesellschaft wĂ€chst die Notwendigkeit, dass die „Beschaffungs- und Absatzspezialisten“ des Handels mĂ€rkteorganisierend tĂ€tig werden.

Rechtlich gesehen werden unter Handelspartnern VertrĂ€ge geschlossen. Zwischen den am Handel beteiligten Partnern besteht eine Handelsbeziehung. Es kann zwischen Binnenhandel (lokaler, regionaler, nationaler Handel) und Außenhandel (Fernhandel) unterschieden werden. Der LĂ€ndergrenzen ĂŒberschreitende Handel zwischen Handelspartnern in der EuropĂ€ischen Union zĂ€hlt zum EU-Binnenhandel.

Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung des Handels

Die Verbreitung von Produkten sagt nichts ĂŒber die Art und Weise ihrer Verbreitung aus. Den Warenverkehr zwischen dem Hersteller und den Verwendern seiner Produkte bewerkstelligt seit Alters her der Handel. HĂ€ndler beschafften und lieferten die Produkte, in kultureller FrĂŒhzeit zunĂ€chst als FernhĂ€ndler. Sofern sie als Überbringer der WirtschaftsgĂŒter (Rohstoffe, Betriebsmittel, Investitions- und KonsumgĂŒter) den Warentransport nicht in eigener Regie betrieben, organisierten sie jedoch den Warenverkehr. Mit den Hochkulturen und Staaten verdichteten sich die Fernhandelsbeziehungen. Erst im Mittelalter bildete sich ein regionaler und lokaler Handel heraus, der dank seiner stĂ€ndischen Struktur und des jahrhundertelang in Kaufmannsfamilien tradierten Wissens auch an der Ausdehnung der StĂ€dte beteiligt war. Das Auf und Ab der Reiche fĂŒhrte zu Schwankungen der regionalen und ĂŒberregionalen Verflechtung. So bestanden ĂŒber Jahrhunderte vergleichsweise intensive Handelsbeziehungen zu Wasser zwischen der bereits hoch differenzierten edelsteinreichen Induskultur (2600–1900 v. Chr.) und der sumerischen Kultur; mit dem Zerfall der Induskultur brachen sowohl ihr Binnenhandel als auch der Außenhandel ein. Im damals peripheren Europa ist fĂŒr die Bronzezeit bereits ein Tauschhandel nachgewiesen. Beispiel fĂŒr einen frĂŒhgeschichtlichen Handelsweg ist die Bernsteinstraße.

In der Antike bildeten sich neue Reiche und Imperien Minoisches Kreta, Phönizier, Karthager (Griechenland/Rom im Westen, Han-China im fernen Osten), entlang der eurasischen Achse intensivierte sich der Fernhandel. Beispielsweise wurde in Rom chinesische Seide getragen, ein Beleg fĂŒr den Austausch ĂŒber die Seidenstraße. Mit der eurasischen Völkerwanderung brachen diese Pfeiler des Fernhandels ganz oder zeitweise zusammen, im Römischen Reich kam es mit dem Zerfall der Zentralgewalt auch zu einer internen Entdifferenzierung und dem Zusammenbruch zahlreicher StĂ€dte.

Im eurasischen Hochmittelalter stabilisierten sich die Reiche bzw. bildeten sich neue Imperien (z. B. die riesigen, aber kurzlebigen Mongolenreiche). Der eurasische Fernhandel nahm wieder zu, wurde wiederum intensiver und systematischer als in der vorhergegangenen Phase. Europa beschleunigte das Entwicklungstempo und entwickelte sich allmĂ€hlich von einer peripheren Region zu einem Zentrum. Der europĂ€ische Seehandel im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wurde wesentlich von Stadtrepubliken (z. B. Venedig, Genua, flĂ€mische und niederlĂ€ndische StĂ€dte sowie HansestĂ€dte) beherrscht. Damals operierten erstmals „Fernkaufleute“, nach dem Soziologen Ferdinand Tönnies ĂŒberhaupt als diejenige Berufsgruppe anzusehen, die in die traditionellen „Gemeinschaften“ das rechenhafte Zweckdenken bringen und sie damit global „vergesellschaften“. Besondere Bedeutung erlangten hierbei die Kaufmannsgilden (ZusammenschlĂŒsse von Kaufleuten) wie z. B. die Hanse. Die Suche nach neuen Seewegen nach Indien und China war eine wesentliche Motivation fĂŒr die Entdeckungsreisen am Ende des Mittelalters bzw. am Anfang der Neuzeit. So war Christoph Kolumbus davon ĂŒberzeugt, Indien erreicht zu haben, was auch das eigentliche Ziel seiner Reise gewesen war.

Mit dem AufblĂŒhen der auf Autarkie bedachten mittelalterlichen StĂ€dte mit eigenem MĂŒnzwesen und von ZĂŒnften und Gilden getragenen eigenen Marktordnungen bildet sich ein glanzvoller stĂ€dtischer Einzelhandel heraus, getragen von so erfolgreichen Kaufmannsdynastien wie denen der Fugger, Welser, Paumgartner und Tucher in Augsburg oder NĂŒrnberg. Erst mit Beginn der Industrialisierung kommt es zu einer institutionellen Spezialisierung und Aufteilung in Groß- und Einzelhandel.

Von der Institutionengeschichte des Handels, der Geschichte seiner Institutionen, TĂ€tigkeiten und Erscheinungsformen, ist die Ideengeschichte des Handels zu unterscheiden. Sie wird traditionell wenig treffend auch "Dogmengeschichte"[2] genannt, da es sich bei den neu aufkommenden Ideen im Handel nicht um dogmatische LehrsĂ€tze, sondern um neues praktikables Kaufmannswissen und neue kaufmĂ€nnische Techniken handelt - ein weites Feld von der Entwicklung des MĂŒnz- und Messwesens oder den AnfĂ€ngen der doppelten BuchfĂŒhrung bis hin zur EinfĂŒhrung moderner Technologien im Handel wie webbasierte globale GeschĂ€ftskontakte oder die RFID-Technologie. Die vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wĂ€hrende Epoche der "Handlungswissenschaft" brachte eine FĂŒlle von Lehrwerken hervor, durchaus systematisch im Aufbau. Mit dem spĂ€teren und heutigen VerstĂ€ndnis von Handelswissenschaft hatten sie als Sammlungen von Rezepten und Moralanweisungen fĂŒr den Kaufmann jedoch wenig gemein - "BĂŒcher zur Belehrung des Kaufmanns, BĂŒcher fĂŒr die Praxis" (Eduard Weber).[3]

Die gesellschaftliche Bedeutung des Handels ist Ă€ußerst vielgestaltig. Sie reicht von der frĂŒhen Pflege des (kaufmĂ€nnischen) Bildungswesens - bis zur Erfindung des Buchdrucks waren im Wesentlichen nur der Klerus, Teile des Adels und Kaufleute des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig -, ĂŒber die Mehrung des allgemeinen Wohlstands sowie die Normierung von Rechtsregeln fĂŒr den GeschĂ€ftsverkehr und das Zahlungswesen bis hin zur neuzeitlichen "Demokratisierung des Konsums". Besonders der stationĂ€re Einzelhandel prĂ€gt mit seinem vielfĂ€ltigen Warenangebot und immer neuen "Events" als "ErlebnisbĂŒhne" (Karl Kaufmann) nicht nur den Konsumstil, sondern auch weitgehend das gesellschaftliche Leben, sei es in der Symbiose von Klein- und Mittelbetrieben mit WarenhĂ€usern in den InnenstĂ€dten, sei es durch Eleganz und Luxus in Shopping Malls oder durch gĂŒnstige Versorgung in außerstĂ€dtischen Shopping Centern. Im langjĂ€hrigen Slogan eines Warenhauskonzerns "Die Welt bei uns zu Gast" spiegelt sich die "kulturelle Funktion des Handels" (Karl Oberparleiter): Verschaffung des unmittelbaren Zugangs zu KonsumgĂŒtern aus allen Kulturen fĂŒr jedermann.

Handelssprachen

FernhĂ€ndler, die mit fremden Völker Handel trieben, konnten sich nicht in ihrer Muttersprache mit den auslĂ€ndischen Kaufleuten verstĂ€ndigen. Deshalb haben sich Sprachen herausgebildet, die zur gegenseitigen VerstĂ€ndigung anlĂ€sslich von Handelsbeziehungen verwendet wurden. Das waren einerseits Sprachen mit ĂŒberregionaler Bedeutung wie Farsi oder Haussa, andererseits Behelfssprachen, die ausschließlich dem Handelsgebrauch dienten und ĂŒber keine Muttersprachler verfĂŒgten (Pidginsprachen). Bekannte Handelssprachen waren etwa die Lingua franca (Sabir) und Russenorsk.

Aspekte des modernen Handels

Der Handel ist eine der bestimmenden GrĂ¶ĂŸen fĂŒr eine Volkswirtschaft. Das gilt gleichermaßen fĂŒr den Binnenhandel, der innerhalb der nationalen Grenzen oder einer Staatengruppe wie z. B. der EU ablĂ€uft, wie fĂŒr den grenzĂŒberschreitenden Außenhandel und den durchlaufenden Transithandel. Werden Waren ins Ausland verkauft, so spricht man von Export, im umgekehrten Fall von Import.

Nach der ausschließlichen oder ĂŒberwiegenden Kundengruppe lassen sich im Binnenhandel Großhandel (mit Großverbrauchern, WiederverkĂ€ufern) und Einzelhandel (mit Endverbrauchern bzw. Konsumenten) unterscheiden, nach dem Grad der SelbststĂ€ndigkeit unabhĂ€ngiger und vertraglich gebundener (vertikal oder horizontal kooperierender) Handel. In AbhĂ€ngigkeit vom Standort der HandelstĂ€tigkeit ist der stationĂ€re Handel vom ambulanten Handel und vom elektronischen Handel (bzw. E-Commerce) zu unterscheiden.

Übersteigt der Export eines Landes den Import, so spricht man von einem AußenhandelsĂŒberschuss. Exporte haben den Vorteil, dass Geld ins Land „fließt“, aber den Nachteil, dass man stark vom wirtschaftlichen Wohlergehen der LĂ€nder abhĂ€ngig ist, in die man exportiert. So kann eine Wirtschaftskrise in einem Land auf ein anderes Land â€žĂŒberschwappen“. Auch haben Importe aus sog. BilliglohnlĂ€ndern eine ambivalente Wirkung: Einerseits kann dadurch die inlĂ€ndische Versorgung verbilligt werden, andererseits können den konkurrierenden inlĂ€ndischen Produzenten entsprechende Marktanteile verloren gehen. Übersteigen die Importe eines Landes seine Exporte, so spricht man von einem Außenhandelsdefizit. Importe haben grundsĂ€tzlich den Vorteil, dass man so Waren erlangt, die im eigenen Land nicht vorhanden sind (z. B. Rohstoffe oder FrĂŒchte, die nicht im eigenen Land wachsen). Dies hat aber den Nachteil, dass man sich von anderen LĂ€ndern und deren Lieferungen abhĂ€ngig macht. Dies wurde insbesondere in der Ölkrise deutlich, als die Organisation Erdöl exportierender LĂ€nder die Fördermengen von Erdöl drastisch reduzierte, was eine weltweite Energiekrise auslöste.

FĂŒr die ErklĂ€rung der Bedeutung und der Vorteile des Außenhandels lĂ€sst sich einerseits das Konzept der komparativen Kostenvorteile, z. B. aufgrund von Technologieunterschieden (Ricardo) oder Ressourcenausstattung (Heckscher-Ohlin-Theorem), heranziehen, andererseits die Theorie des unvollstĂ€ndigen Wettbewerbs sowie viele weitere Außenhandelstheorien.

FĂŒr die ErklĂ€rung der Bedeutung und der Vorteile des Binnenhandels wurden zahlreiche Konzepte entwickelt. Als die wichtigsten gelten (nach Schenk): das Arbeitsteilungskonzept, die Theorie der komparativen Kostenvorteile, die Theorie der komparativen Nutzenvorteile, das SchĂ€rsche Gesetz, die Theorie der Handelsfunktionen, die Theorie der MĂ€rkte- und Wettbewerbsgenerierung, die Transaktionstheorie, wirtschaftsgeometrische Konzepte und die Gate-keeper-Theorie.

Insgesamt zeichnet den modernen Handel ein rasanter Strukturwandel und eine Dynamik aus („Wandel im Handel“) wie kaum einen anderen Wirtschaftsbereich. Als augenfĂ€lliges Kennzeichen dieses Wandels hatte Robert Nieschlag das Aufkommen immer neuer Betriebsformen bzw. -typen vor allem des Einzelhandels als eine Quasi-GesetzmĂ€ĂŸigkeit mit „Dynamik im Handel“ beschrieben. In den letzten Jahrzehnten kennzeichnen die gesamtwirtschaftliche Handelsdynamik folgende UmbrĂŒche:

  • ökonomische UmbrĂŒche (z. B. Kooperation und Konzentration, Rationalisierung, Betriebsvergleich und Betriebsberatung, Selbstbedienung, Betriebstypendifferenzierung, Emanzipation und eigenstĂ€ndiges Handelsmarketing)
  • technologische UmbrĂŒche (z. B. Technisierung und Computerisierung, Modernisierung, Electronic Commerce)
  • organisatorische UmbrĂŒche (z. B. betriebliche, zwischenbetriebliche und ĂŒberbetriebliche Reorganisation)
  • informatorische UmbrĂŒche (z. B. EDV-gesteuerte Informationsbeschaffung und -verwertung, inner- und zwischenbetriebliche Nutzung von elektronischen Medien)
  • soziale UmbrĂŒche (z. B. soziales Engagement, Flexibilisierung, kooperativer FĂŒhrungsstil)

Ethische Aspekte

Wie bei allem menschlichen Handeln werden auch beim kaufmĂ€nnischen Handel ethische Gesichtspunkte diskutiert. Sie prĂ€gen beispielsweise den so genannten Fairen Handel als ein Modell eines sozial und ökologisch vertrĂ€glichen Handels, bei dem alle Handelsstufen von den Produzenten bis zu den Verbrauchern bewusst unter ethischen Gesichtspunkten („fair“ im Sinne von gerecht) betrachtet werden und bei dem – vor allem – den landwirtschaftlichen Erzeugern in EntwicklungslĂ€ndern ein faires Entgelt gewĂ€hrt werden soll. Diese Begriffswahl beinhaltet jedoch die Gefahr, dass der „normale“ Handel als nicht oder weniger fair betrachtet wird und dass die „Tradition der Vorurteile“ gegenĂŒber dem Handel (Schenk) perpetuiert wird. Ohne Zweifel wendet das moderne Handelsmanagement geschickte Maßnahmen psychotaktisch und -strategisch abgesicherten Handelsmarketings an, um die Marktteilnehmer zu bestimmten (Verkaufs- oder Kauf-)Entscheidungen zu veranlassen. GrifflĂŒcken im SB-Regal, Platzierung preisgĂŒnstiger Artikel in der BĂŒckzone, ĂŒberdimensionierte Einkaufswagen, suggestive Hintergrundmusik und tausend andere Praktiken begegnen uns tĂ€glich. Derartige Verkaufs„tricks“ können jedoch nicht per se als ethisch bedenklich, gar als entmĂŒndigende Manipulation angesehen werden, jedenfalls solange nicht, wie die (Kauf-)Entscheidungen nicht auf Überrumpelung, sondern auf Überzeugung und freier willentlicher Entscheidung der KĂ€ufer beruhen.

Spezialhandel

Der Begriff Spezialhandel wird in verschiedenen Bedeutungen verwendet. Im Außenhandel bezeichnet zum Beispiel das Statistische Bundesamt den grenzĂŒberschreitenden Warenverkehr des Erhebungsgebietes mit dem Ausland als Spezialhandel. Ausland im Sinne der Außenhandelsstatistik ist das Gebiet außerhalb des Erhebungsgebietes. Das Erhebungsgebiet der Außenhandelsstatistik umfasst die Bundesrepublik Deutschland (ohne den Zollausschluss BĂŒsingen). Im Binnenhandel werden diejenigen Betriebsformen bzw. Betriebstypen des Handels als Spezialhandel bezeichnet, die sich durch extreme Sortimentsspezialisierung (meist mit tendenziell schmalem und sehr tiefem Sortiment) von anderen Betriebsformen, auch vom Fachhandel, unterscheiden. Beispiele wĂ€ren Großhandel mit Lebendfischen oder Großhandel mit SchiffsausrĂŒstungsbedarf und Einzelhandel mit Wolle oder Einzelhandel mit Babybedarf.

Globalisierung

Heute steht der Welthandel im Kontext der Globalisierung. Unter FederfĂŒhrung der Welthandelsorganisation (WTO) sollen internationale Zollschranken abgebaut und der freie Waren- (GATT) und Dienstleistungsverkehr (GATS) gefördert werden. Diese Politik des Freihandels ist umstritten; Globalisierungskritiker sehen darin eine Zementierung der Benachteiligung der LĂ€nder in der so genannten unterentwickelten Dritten Welt und auch eine BeeintrĂ€chtigung der hoheitlichen Verwaltung der Staaten („SouverĂ€nitĂ€tsverlust“).

Allerdings hat neben der Theorie (s. o.) auch die Empirie belegt, dass internationaler Warenaustausch zu Wohlstand fĂŒhrt. So ist seit den 1950er Jahren die Armut (siehe dort) der Welt kontinuierlich gesunken, auch sank die Anzahl der vom Hunger bedrohten Menschen. Diese Grundidee einer freien Marktwirtschaft ist vielfach aber durch Krisen, Korruption und staatliche Eingriffe in den Staaten beschrĂ€nkt. Statt Handel zuzulassen verschließen sich viele Gebiete den Vorteilen des freien Handels. Andererseits gehen einige Ökonomen davon aus, dass die dritte Welt nur mit Starthilfe, etwa ĂŒber Entwicklungshilfe, einen Aufstieg in die erste Welt schaffen könnten. So mĂŒssten Infrastrukturen erst aufgebaut, Humankapital erst angesammelt werden.

Heute hat der Globalisierungsgedanke auch Einzug in den Binnenhandel gehalten. Unter dem Eindruck sich verschĂ€rfenden Wettbewerbs im Inland und begĂŒnstigt durch modernes Verkehrs- und Transportwesen, sicheren Zahlungsverkehr und die weltumspannende Internet-Kommunikation erschließen auch immer mehr inlĂ€ndische Großhandels- und Einzelhandelskonzerne weltweit neue MĂ€rkte. Die in den 80er Jahren einsetzende Phase der "Transnationalisierung" (U.C. TĂ€ger) bzw.Internationalisierung (GrĂŒndung von Filialen im benachbarten Ausland) ist auch fĂŒr grĂ¶ĂŸere Handelsunternehmen, die traditionell schon weltweit einkaufen, in eine Phase der Globalisierung (mittels Übernahme, Errichtung von Filialen oder Aufbau des neuen Handelssystems in weit entlegenen Staaten) ĂŒbergegangen.

Über 90 Prozent des allgemeinen Welthandels und mehr als 65 Prozent des Handels mit Erdöl wurden im Jahr 2010 auf dem Seeweg betrieben.[4]

Weblinks

 Wikiquote: Handel â€“ Zitate
Wiktionary Wiktionary: Handel â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Handel â€“ Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ↑ NĂ€heres hierzu bei Hans-Otto Schenk: Geschichte und Ordnungstheorie der Handelsfunktionen, Berlin 1970.
  2. ↑ Hans-Otto Schenk:Dogmengeschichte des Handels, in: Handwörterbuch der Absatzwirtschaft, Stuttgart 1974, Sp. 487-504
  3. ↑ NĂ€heres bei Hans-Otto Schenk: Geschichte und Ordnungstheorie der Handelsfunktionen, Berlin 1970, S. 26ff.
  4. ↑ vgl. Kaplan, Robert D.: Center Stage for the Twenty-first Century: Power Plays in the Indian Ocean, in: Foreign Affairs, MĂ€rz/April 2010, Bd. 88, Nr. 2, S. 17.

Literatur

  • William Bernstein: A Splendid Exchange: How Trade Shaped the World from Prehistory to Today. Atlantic Books, 2008. ISBN 1-84354-668-X
  • Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts. Der Handel, MĂŒnchen 1986.
  • David Christian: Maps of Time. An introduction to Big History. Foreword by William H. McNeill. University of California Press, Berkeley 2005, ISBN 0-520-24476-1.
  • Lothar MĂŒller-Hagedorn: Der Handel. Stuttgart 1998.
  • Thomas Rudolph: Modernes Handelsmanagement – Eine EinfĂŒhrung in die Handelslehre. SchĂ€ffer-Poeschel Verlag,2.Auflage, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7910-2892-7
  • Hans-Otto Schenk: Marktwirtschaftslehre des Handels. Gabler, Wiesbaden 1991, ISBN 3-409-13379-8.
  • Hans-Otto Schenk: Richtungweisende UmbrĂŒche im Handel. BBE-Verlag, Köln 1999, S. 17–47.
  • Hans-Otto Schenk: Psychologie im Handel. 2. Auflage. Oldenbourg, MĂŒnchen/Wien 2007, ISBN 978-3-486-58379-3.
  • Rudolf Seyffert: Wirtschaftslehre des Handels, 5. Aufl, hg. von Edmund Sundhoff, Westdeutscher Verlag, Opladen 1972, ISBN 3-531-11087-X
  • Christoph StĂŒckelberger: Ethischer Welthandel – Eine Übersicht. Verlag Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 2001, ISBN 3-258-06362-1.
  • Uwe Christian TĂ€ger: Transnationalisierung von Handelssystemen, in: Distribution im Aufbruch, hrsg. von Otto Beisheim, MĂŒnchen 1999, S. 151-171, ISBN 3-8006-2375-7
  • Joachim Zentes: Handbuch Handel. Strategien – Perspektiven – Internationaler Wettbewerb. Gabler, Wiesbaden 2006, ISBN 3-409-14298-3.
  • Henri Pirenne: "Stadt und Handel im Mittelalter"; Titel der franz. Originalausgabe: "La civilisation occidentale au Moyen Age du milieu du XV. siecle. Le mouvement economique et sociale" (Paris: Presses Universitaire de France 1933) 4.Auflage A. Francke Verlag, 1976 MĂŒnchen ISBN 978-3-86647-329-4
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