Hangsturz

Ein Bergsturz ist eine Fels- und Schuttbewegung aus Bergflanken. Bei Bergstürzen verhält sich das Gestein großräumig „wasserähnlich“ und kann sogar an gegenüberliegenden Hängen „aufbranden“. Die Ablagerungsgebiete können Volumina von Millionen Kubikmetern und Flächenausdehnungen von mehr als 0,1 km² erreichen. Bergstürze sind groß dimensionierte Felsstürze mit teils verheerenden Auswirkungen. In den zurückbleibenden Schuttmassen können sich zudem kleinere Seen bilden. Eine Sonderart von Felssturz ist der Eissturz mit weit überhöhter Schadensfläche, da das Eis (zusammen mit Schutt) weiter transportiert wird.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

Der 1991er Bergsturz von Randa in der Schweiz (Foto: 2008)

Bergstürze entstehen in der Regel an der Grenze zweier oder mehrere Gesteinsschichten und an tektonischen Störungen, wenn derartige Grenzflächen durch Erdbeben, extreme Wetterereignisse (heftige Niederschläge oder Temperaturschwankungen) geschwächt werden. Eingriffe des Menschen in die Natur (Hangrodung, Rohstoffabbau) beschleunigen diese Vorgänge. Der mit dem Klimawandel verbundene Temperaturanstieg und das damit einhergehende Auftauen des Permafrosts destabilisiert die Berghänge und erhöht die Gefahr von Bergstürzen. Geologisch sind Bergstürze von dieser Ursachen bereits aus früheren Warmzeiten bekannt. Zunehmende Steinschlagaktivität kann ein Hinweis auf bevorstehende Bergsturzereignisse sein.

Besonders in dichter besiedelten Gebieten können die Auswirkungen katastrophal sein: Verschüttung von Siedlungsgebieten und Verkehrswegen (Straßen, Eisenbahnlinien), Aufstauung von Flüssen und Bächen und sogar Flutwellen (wenn Gesteinsmassen in größere Gewässer stürzen). Nach längeren Zeiträumen können durch Bergstürze auch durchaus reizvolle Landschaften entstehen. Typisch für das Ablagerungsgebiet ist ein kleinhügeliges Relief mit meist deutlicher Abgrenzung zur Umgebung.

Fels- und Bergstürze stellen neben Muren und Lawinen das Hauptgefahrenpotential im Gebirge dar. Solche Ereignisse können auch zu einem Tsunami an Seen und am Meer führen.

Das bei Bergstürzen zurückbleibende Material bildet eine Sturzhalde.

Steinschmelze bei großen Bergstürzen

Köfelsit

Im Jahr 1895 wurde der Ötztaler Pfarrer Adolf Trientl, der auch Naturkundler war, darauf aufmerksam, dass Zimmerleute zum Holzschleifen heimischen Bimsstein verwendeten, dessen Herkunft der angefragte Innsbrucker Geologieprofessor Adolf Pichler auf die Tätigkeit eines örtlichen Vulkans zurückführte. Diese Theorie ließ sich aber ebenso wenig erhärten wie die Idee eines großen Meteoriteneinschlages. Der an Meteoriteneinschlägen besonders interessierte Mineraloge und Petrologe Prof. Ekkehard Preuss aus Regensburg erforschte die Bimssteinfundstellen und die Oberflächenform des Bergsturzes genau und kam zu dem Schluss, dass die für die Theorie nötige Reihenfolge, erst Meteoriteneinschlag, dann Bergsturz nicht stimmen könne.

Aufgeklärt wurde das Phänomen der Bimssteinvorkommen dann von Prof. Theodor Erismann, dem damaligen Direktor der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Versuchsanstalt in Dübendorf bei Zürich. Als vor ca. 8.000 Jahren drei Kubikkilometer Gestein vom Köfels in das Ötztal rutschten, entwickelten sich Geschwindigkeiten von 150 bis 200 km/h. Druck, Beschleunigung und Reibung führten zu einer so großen Hitzeentwicklung, dass der Gneis schon nach 100 m Wegstrecke zu schmelzen begann. Am Köfels überschritten die Temperaturen 1700 °C. Während der Gneis schmolz, wurde der Kalk durch die Hitze in Branntkalk und Kohlendioxid zerlegt. Das so entstandene Gaspolster und die Gesteinsschmelze bildeten ein ausgezeichnetes Gleitmittel für die ganze Masse. Seither wird bei der Prognose großer Bergstürze dieser Effekt mit in die Berechnung einbezogen. Der „Bimmstein“ aus dem Ötztal wird heute nach seinem Fundort Köfels als Köfelsit bezeichnet.

Ein ähnliches Szenario fand Prof. Preuss 1973 aufgrund von Hinweisen früherer Expeditionen im Langtang-Tal nördlich von Kathmandu, wo am heutigen Tsergo-Ri 10-15 Millionen Kubikmeter Gestein abgerutscht waren. Eine solche Menge setzte gemäß einer Berechnung der Wissenschaftler genug Energie frei, um eine Masse von der Größe der Cheops-Pyramide in eine Erdumlaufbahn zu schießen. Es wird vermutet, dass das Massiv um Jala-Peak und Tsergo-Ri die Überreste eines durch den Bergsturz zusammengebrochenen 8000ers sind.

Prähistorische Bergstürze

Prähistorische Bergstürze können aufgrund der geologischen Beschaffenheit des Bodens und der Oberflächenformen im Abbruchgebiet und im Ablagerungsgebiet erkannt werden.

Bergsturz von Köfels
  • Flimser Bergsturz (Schweiz, Graubünden): Ca. 12 bis 15 km³, vor etwa 10.000 Jahren.
  • Fernpass (Nordtirol): Entstand durch einen Bergsturz des Westhangs vor etwa 10.000 Jahren.
  • Storegga (Mittelnorwegen): Unter Wasser und mit einem Tsunami als Folge. Etwa vor 8.000 Jahren, die Sturzmasse muss etwa zehnmal größer gewesen sein als in Flims. Hatte Auswirkungen auch in Schottland und Island.
  • Dobratsch (Kärnten): Ca. 0,9 km³ Gesteinsmassen stürzen in das Gailtal.
  • Davos (Schweiz, Graubünden): Weit über 0,3 km³ stürzten von der Totalp im Parsenngebiet und bildeten so den Wolfgangpass und den Davosersee. Datierung: jünger als 8.000 Jahre.
  • Köfels (Tirol): Über 3 km³ Gestein stürzen vor etwa 8.700 Jahren vom Westhang in das mittlere Ötztal bei Umhausen und blockieren die Ötztaler Ache, die sich später eine Schlucht (Maurach) durch den Schutt fressen musste. Durch die Reibungshitze kommt es bei dem Bergsturz zu einer Umwandlung von Gneis in ein glasiges Gestein, das als Köfelsit bezeichnet wird.
  • Tschirgant (Tirol): Gesteinsmassen stürzen vor etwa 4.000 Jahren in das Inntal und vordere Ötztal.

Historische Bergstürze

  • 11. Jahrhundert: Ein gigantischer Bergsturz in den Berchtesgadener Alpen trennt den Königssee in zwei Teile und erzeugt den Obersee.
  • 24. November 1248: Mont Granier im Chartreuse-Massiv bei Chambéry im Savoyen: Bergsturz in der Nacht auf den 25. November von ca. 150 Millionen m³ Felsmasse mit einer Gerölllänge von sieben Kilometern, Ort Saint-André mit etwa 3.000 Menschen total verschüttet, ferner 16 Dörfer begraben, insgesamt geschätzt bis zu 5.000 Tote[1]
  • 1348 Dobratsch, Kärnten: Ausgelöst durch ein Erdbeben stürzen im selben Gebiet, in dem auch der prähistorische Bergsturz erfolgte, geschätzte 150 Mio m³ Gesteinsmassen in das Gailtal.
  • 30. September 1512 Bergsturz Buzza di Biasca im Valle di Blenio nördlich Biasca. Die Gesteinsmassen stauten einen See auf; der Damm brach 1515 und verwüstete das Tal des Tessin bis zum Lago Maggiore.
  • 3. April 1595 Bergsturz in Reurieth vom so genannten „Reuriether Felsen“. Davor soll bereits 1137 ein Bergsturz das Dorf verschüttet haben.[2]
  • 24. August 1598 Bergsturz von Wartha oberhalb der Glatzer Neiße in Bardo Śląskie, Polen.
  • 4. September 1618 Bergsturz von Plurs/Italien: Hier wurde eine ganze Stadt und das Dorf Chilano (Schilan) verschüttet, ca. 2.430 Menschen starben. Plurs (heute Piuro) liegt bei Chiavenna am Malojapass
  • 2. September 1806 Bergsturz von Goldau/Schweiz: Hier wurde ein ganzes Dorf von 40 Mio m³ Fels verschüttet, 457 Menschen starben.
  • 10. März 1876 Bergsturz von Kaub am Rhein: 8 Häuser wurden verschüttet, 25 Menschen starben.
  • 11. September 1881 Elm/Schweiz: 10 Mio m³: Der Bergsturz von Elm wurde durch den jahrelangen, rücksichtslosen Abbau von Schiefer verursacht. 115 Menschen starben, vorab durch Druckeinwirkungen.
  • 29. April 1903 Bergsturz in Frank (Frank Slide), Alberta (Kanada): 30 Mio m³, einer der bekanntesten Bergstürze: eine Klippe brach über eine sehr steile Flanke von rund 1.000 Metern Höhendifferenz ab.
  • 9. Januar 1965 Bergsturz bei Hope (Hope Slide), British Columbia (Kanada): 46 Mio m³ Gestein und Geröll ergossen sich zu einer Halde von 70 Metern Höhe und 3 km Länge zu Tal. Dabei wurde ein See vollständig verfüllt. 4 Menschen starben.
  • 31. Mai 1970 Yungay, Peru: Infolge eines Erdbebens der Stärke 7,8 auf der Richterskala stürzten vom Huascarán etwa 60 Mio m³ Eis und Fels ab, töteten über 60.000 Menschen im Tal, wobei etwa 150.000 verletzt und weit über 500.000 Obdachlose wurden. Yungay wurde zerstört, nur etwa 400 Überlebende.
  • 28. Juli 1987 Morignone (Val Pola)/Italien (Veltlin): 40 Mio m³
  • 1991 Randa/Schweiz: 30 Mio m³

Felsstürze

Felssturz in der Breitachklamm von 1995
  • 16. Juli 1669: Salzburg/Österreich: Ein Felssturz vom Mönchsberg, der aus lockerem Nagelfluh besteht, kostete in der Gstättengasse 230 Menschen das Leben.
  • 9. Oktober 1963: Katastrophe von Vajont (Longarone), 90 km nördlich von Venedig im Friaul/Italien: Felssturz von 260 Mio m³ in Stausee, rund 2.000 Menschen verloren ihr Leben.
  • 30. August 1965: Mattmark, Saas-Almagell, Wallis/Schweiz: Eissturz 500.000 m³, 88 Tote.
  • seit 1993: Bischofsmütze in Salzburg: am 22. September 1993 stürzte ein mehr als 200 m hoher Pfeiler aus der Felswand in den Abgrund. Seither kommt es immer wieder zu kleineren Felsstürzen.
  • 23. September 1995: Breitachklamm im Allgäu: Um 6:00 Uhr lösen sich etwa 50.000 m³ Fels und Geröll, wodurch 300.000 m³ Wasser bis zu einer Höhe von 30  angestaut werden. Am 23. März 1996 erfolgte um 11:30 Uhr der Durchbruch, der die Klamm total verwüstet.
  • 10. Juli 1999: Schwaz in Tirol: Im Bergbaugebiet des Eiblschrofen stürzen etwa 150.000 m³ Gestein in den darunter liegenden Bergwald und bedrohen einen Ortsteil. 250 Einwohner müssen evakuiert werden und können erst nach mehreren Wochen und umfangreichen Sicherungsmaßnahmen wieder in ihre Häuser zurückkehren.
  • 14. Oktober 2000 Gondo: am Simplonpass, Grenzort zu Italien, Wallis/Schweiz: Bergmure mit ungeheurer Geschwindigkeit von etlichen 10.000 m³, 11 Tote und 2 Verschollene (kein eigentlicher Felssturz).
kleinerer Felssturz am Eiger am 21. Juni 2006
  • 13. Juli 2006 Eiger: 500 000 Kubikmeter Gestein stürzten auf den Unteren Grindelwaldgletscher ab.
  • 30. Oktober 2006 Dents du Midi: Vom Berg Dents du Midi im Val d´Illiez (Wallis/Schweiz) stürzen ca. 1 Mio. Kubikmeter Gestein ins Tal. Personen- und Sachschäden gab es keine. Als Grund für den Felssturz wurde der ungewöhnlich warme Sommer vermutet.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dieter Groh, Michael Kempe, Franz Mauelshagen: Naturkatastophen. ISBN 3-8233-5712-3
  2. http://www.themar.de/tourismus/tth-themar-erlebnisse-wandern.htm#berg

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