Hans Humann

Hans Humann (* 1878 in Smyrna; † 7. Oktober 1933[1]) war ein deutscher Offizier, Marineattaché und Geschäftsmann. Humann wurde bekannt als einer der wichtigsten Vertreter des kaiserlichen Deutschlands im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs sowie als Verleger der vielgelesenen Deutschen Allgemeinen Zeitung in den 1920er Jahren.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Jugend und Anfänge

Humann wurde 1878 als Sohn des deutschen Archäologen Carl Humann, des Entdeckers des Pergamonaltars, und seiner Gattin Louise in der türkischen Stadt Smyrna, dem heutigen İzmir geboren. Humanns Schwager, der Ehemann seiner Schwester Maria, war der Archäologe Friedrich Sarre, der spätere Direktor des Deutschen Orientalischen Museums in Berlin.

Die ersten zwölf Jahre seiner Kindheit verbrachte Humann in der Türkei, wo er eine ausgeprägte Affinität zu allem Türkischen entwickelte und gemeinsam mit dem späteren türkischen Politiker Enver Pascha aufwuchs. Die Freundschaft beider Männer währte ein Leben lang und galt als besonders eng: beide duzten einander, standen in ständigem brieflichen Kontakt. Humanns Freund Franz von Papen umriss die Nähe beider Männer indem er sie als „Milchbrüder“ charakterisierte.[2] Der Amerikaner Morgenthau berichtete später, dass ihm Mitarbeiter der deutschen Botschaft mitgeteilt hätten, dass der aus Deutschland stammende Humann eine „türkischere“ Erscheinung sei als der Türkenführer Enver.[3]

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1890 und dem Abschluss seiner schulischen Ausbildung schlug Humann gegen Ende der 1890er Jahre eine Laufbahn als Offizier in der Kaiserlichen Marine ein, für die er nicht zuletzt wegen seiner Vorliebe für die Seefahrt und seiner „großen und stattlichen“ Erscheinung als besonders geeignet galt.[4]

Als Protégé von Großadmiral Alfred von Tirpitz, dem Staatssekretär im Reichsmarineamt (i. e. Marineminister), stieg Humann in der Kaiserlichen Marine rasch auf. Er wurde zum Fregatten- und schließlich zum Korvettenkapitän befördert und leitete zeitweise die Nachrichtenabteilung im Berliner Reichsmarineamt (Marinegeheimdienst). Mit ein Grund für diese schnelle Karriere Humanns dürften die ideologischen Übereinstimmungen zwischen ihm und seinem Vorgesetzten Tirpitz gewesen sein, dessen pangermanische Vorstellungen er teilte.

Deutscher Vertreter im Osmanischen Reich

Im Herbst 1913 wurde Humann von der deutschen Marineleitung nach Istanbul entsandt, wo er zunächst ohne klar umrissene Zuständigkeiten tätig war. In den ersten Monaten seiner Anwesenheit im Osmanischen Reich beschränkte er sich im Wesentlichen darauf die Lorelei, die Yacht des deutschen Botschafters in Istanbul, zu befehligen. Daneben übte er de facto bereits 1914 die Tätigkeit eines Marineattachés aus, ohne diesen Titel vorerst offiziell zu führen.

Den offiziellen Rang eines Attachés erhielt er schließlich 1915 und firmierte unter ihm bis 1917, als er nach Deutschland zurückbeordert wurde. Während dieser Zeit besaß Humann, Ernest Jackh zufolge, zudem direkten Zugang zu Kaiser Wilhelm II., dem er direkt - und an seinem offiziellen Vorgesetzten, dem Botschafter, vorbei - Berichte zukommen lassen konnte.[5] Die Meinung des Botschafters von Metternich über Humann war dementsprechend denkbar gering, er mochte in ihm nur einen „Erzgauner“ (arch-scoundrel) erblicken.[6] Der amerikanische Botschafter Morgenthau beschrieb den Humann der Attachéjahre wiederum als jemanden der allgemein als ein „Mann von großem Einfluss“ angesehen worden sei.[7] Fern sei ihm die „Unerbittlichkeit“ (implacable) und „Grausamkeit“ (truculent) des Mannes aufgefallen.[8]

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 entwarf Humann den erfolgreich umgesetzten Plan, die im Mittelmeer liegenden deutschen Kriegsschiffe Goeben und Breslau dem Zugriff der überlegenen britischen Marine zu entziehen, indem man diese Zuflucht in (vorerst) neutralen türkischen Häfen nehmen ließ. Dort ließ er die beiden Schiffe von deutschen auf türkische Hoheitszeichen „umflaggen“ und übergab sie nominell der Kontrolle der türkischen Regierung. Die türkische Führung nutzte die unklare Staatszugehörigkeit der beiden Schiffe (deutsche Besatzungen auf deutschen Schiffen unter osmanischer Flagge) mit dem Ziel, den türkischen Kriegseintritt, den die Regierung wünschte, gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung, die diesen ablehnte, durchzusetzen. Indem man die beiden deutschen/türkischen Schiffe russische Stellungen im Schwarzen Meer beschießen ließ und sich dann bewusst provokativ abwechselnd mal darauf berief, dass diese deutsch seien (während des Beschusses) und mal, dass sie ja unter türkischer Flagge stünden (beim Anlaufenlassen in türkischen Häfen), veranlasste man Russland gemäß den Vorstellungen Humanns zur Kriegserklärung an das Osmanische Reich.

Der Historiker Malte Furmann sieht in Humann in den Jahren 1914 bis 1917 den „wichtigsten Vermittler“ zwischen der türkischen Führung, der deutschen Obersten Heeresleitung und der deutschen Marine. Durch seine „Busenfreundschaft“ mit Enver Pascha, zu dem er nach wie vor unbeschränkten Zugang besaß, habe Humann eine Machtfülle erlangt, die „weit über seine nominelle Stellung“ hinaus gegangen sei und so die deutsche Mittelmeerdivision und die kaiserliche Botschaft in Istanbul praktisch dominierte. Außerdem habe er maßgeblich zum Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg beigetragen.[9] Furmanns Kollegin Marian Kent urteilt ganz ähnlich, dass Humann in den Jahren 1915 bis 1917 „wahrscheinlich [der] wertvollste Kontaktmann zum CUP-Regime [war] den die Deutschen hatten.“[10]

Humann und der Völkermord an den Armeniern

Humann gilt in der historischen Forschung als einer der wichtigsten Zeugen für den während des Ersten Weltkrieges auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches durchgeführten Völkermord an den Armeniern. In seiner Eigenschaft als deutscher Diplomat in der Türkei verfasste er verschiedene Berichte und Notizen die die Durchführung der vielfach bestrittenen Massaker an der armenischen Bevölkerung in der Türkei belegen. So schrieb Humann 1915 nach Berlin:

„I also know that Turks and Armenians cannot live together in this country. One of the races has got to go. And i don't blame the Turks for what they are doing to the Armenians. I think that they are entirely justified. The weaker nation must succumb.[11] Am 15. Juli 1915 erklärte er in einem anderen Bericht, präziser werdend: „The Turkish government utilizes the time of war and Europe's preoccupation to settle the entire Armenian question by force.“[12] Wiederum ein anderes Mal antwortete er einem Briefpartner, der ihm gegenüber seine Abscheu über die systematische Ermordung der Armenier zum Ausdruck brachte, diese würden „jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich.“[13]

Später bedrängte Humann den deutschen Außenminister Richard Kühlmann, die Türken um „unserer [...] politischen Interessen willen“ in der Armenierangelgenheit nicht zu kritisieren, da man sonst Gefahr laufe, den Kriegsverbündeten zu entfremden und so mittelbar die deutschen Interessen im Nahen Osten gefährden würde, die in den orientalischen Ländern, so Humann, in besonderem Maße von guten persönlichen Beziehungen abhängen würden.

Auch nach dem Krieg hielt Humann an seiner Billigung des türkischen Vorgehens fest. So rechtfertigte er die Tötung der Armenier noch in den 1920er Jahren in Artikeln in der DAZ.

Spätere Jahre

1917 kehrte Humann ins Deutsche Reich zurück. Dort fungierte er der Reichsleitung als Ratgeber und Berichterstatter in verschiedenen das Osmanische Reich und die dortige Kriegsfront betreffenden Angelegenheiten. Von Mai bis September führte er das Kommando über den deutschen Schlachtkreuzer SMS Moltke.[14]

Im Juli 1920 erhielt Humann seinen Abschied aus dem Reichswehrministerium. Indizien deuten darauf hin, dass er im März mit den Kapp-Putschisten zusammengearbeitet hatte, weswegen auch die Presse auf seine Entlassung drängte. Danach holte sein Freund, der Unternehmer Hugo Stinnes, ihn in die Privatwirtschaft und machte ihn zum Verlagsleiter eines seiner Unternehmen, der vielgelesenen Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ).[15] Unter seiner Ägide sprach die DAZ sich hartnäckig für die Rückkehr zur monarchischen Staatsform aus. Außerdem betrieb Humann mit Hilfe des Blattes die Apologie des Genozids an Armeniern.

In den 1920er Jahren stand Humann auch abseits seiner Tätigkeit als Verlagsleiter den national-konservativen Kreisen um Stinnes nahe. So unterhielt er Kontakte zu Edgar Jung und war einer der wichtigsten Berater des konservativen Zentrums-Politikers Franz von Papen, den er im Mai 1932 in einem persönlichen Gespräch zur Annahme des Amtes des Reichskanzlers riet, das Papen zu dieser Zeit angeboten wurde.[16]

Humann starb im Oktober 1933. Bei seiner Totenrede würdigte Papen, zu dieser Zeit Vizekanzler in der Regierung Hitler, Humanns „Verdienste in der Marine und der Deutschen Allgemeinen Zeitung“ und stellte ihn rhetorisch in die Reihe der „geistigen Kämpfer“ für „dieses neue […] Deutschland […] das wir heute im Begriff sind zu bauen.“[9]

Literatur

  • Vahakn N. Dadrian: Lieutenant Commander and Marine Attache Hans Humann, in: Ders. The History of the Armenian Genocide, 2003, S.271-273.

Einzelnachweise

  1. Geburtsort nach Marian Kent: The Great Powers and the End of the Ottoman Empire, 1996, S.115. Geburtsjahr nach Michael Epkenhans [Hrsg.]/ Albert Hopman: Das Ereignisreiche Leben eines "Wilhelminers", 2004, S.1208.
  2. Franz von Papen: Vom Scheitern einer Demokratie.
  3. Henry Morgenthau/ Peter Balakian: Ambassador Morgenthau's Story, 2003, S. 257. „Humann was more of a Turk than Enver and Talat.“
  4. Ernest Jackh: The Rising Crescent. Turkey Yesterday, Today, and Tomorrow, 1944, S. 134.
  5. Ernest Jackh: The Rising Crescent, 2007, S.134 „As naval attache Hans Humann had direct access to the Kaiser's entourage over the head of any ambassador. It was an outstanding position of extraordinary influence, to say the least.“
  6. Vahakn N. Dadrian: The History of the Armenian Genocide, 2003, S.273.
  7. Henry Morgenthau/ Peter Balakian: Ambassador Morgenthau's Story, 2003, S.257.
  8. Vahakn N. Dadrian: The History of the Armenian Genocide, 2003, S.273.
  9. a b Malte Furmann: Der Traum vom Deutschen Orient. Zwei Deutsche Kolonien im Osmanischen Reich, 2006, S. 362.
  10. Marian Kent: The Great Powers and the End of the Ottoman Empire, 1996, S. 115.
  11. Manus I. Midlarsky: The Killing Trap. Genocide in the Twentieth Century, 2005, S. 217.
  12. Vahakn N. Dadrian: The History of the Armenian Genocide'#, 2003, S.273.
  13. Hamburger Institut für Sozialforschung: Mittelweg 36, 1995, S.34.
  14. Gary Staff/ Tony Bryan: German Battlecruisers 1914–18, 2006, S.14.
  15. Raffael Scheck: Alfred Von Tirpitz and German Right-Wing Politics, 1914–1930, 1998, S.98.
  16. Franz von Papen: Vom Scheitern einer Demokratie, 1967, S.398. Das Angebot Reichskanzler zu werden war Papen Ende Mai 1932 durch Kurt von Schleicher unterbreitet worden. Unschlüssig ob er das Amt annehmen sollte erbat Papen nach eigener Aussage sich einen Tag Bedenkzeit. Danach sei er nach Neubabelsberg gefahren um seinen „alten Freund“ Humann um Rat zu fragen ob er das ihm angetragene Amt annehmen oder ablehnen sollte. Dieser habe ihn während einer gemeinsamen Bootsfahrt auf dem Wannsee mit Nachdruck zur Annahme ermutigt.

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