Heiliger

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Heiliger
Typischer christlicher Heiliger: Benedikt von Nursia

Als Heilige oder Heiliger wird eine Persönlichkeit bezeichnet, die als der jeweiligen Gottheit besonders nahestehend beziehungsweise als ein in religiöser und ethischer Hinsicht vollkommener Mensch angesehen wird. Dabei wird das allgemeine Konzept der Heiligkeit individualisiert und auf einen einzelnen Menschen angewandt.

Die Anerkennung eines Heiligen kann religiösen oder politischen AutoritĂ€ten vorbehalten sein oder sich in der Akklamation und Verehrung durch das glĂ€ubige Volk vollziehen, eine wichtige Rolle kann dabei das Auftreten ĂŒbernatĂŒrlicher PhĂ€nomene („Wunder“) im Zusammenhang mit dem Heiligen spielen. Die darauf folgende – zumeist posthume – kultische Verehrung eines solchen Heiligen bezeichnet man als Heiligenverehrung.

Im allgemeinen Sprachgebrauch verweisen die Begriffe des Heiligen und der Heiligenverehrung gemeinhin auf die entsprechenden christlichen Vorstellungen. Auch wenn die Begriffe eng mit der christlichen VolksreligiositÀt assoziiert werden, so sind doch beide PhÀnomene in anderen Weltreligionen ebenso zu finden.

Inhaltsverzeichnis

Religionswissenschaftliche Definition

Der Begriff des „Heiligen“ ist religionswissenschaftlich bisher nicht befriedigend definiert. Zum einen ist aufgrund der differierenden Anforderungen, die verschiedene Religionen an einen „Heiligen“ stellen, keine fĂŒr alle Religionen allgemeingĂŒltige Definition möglich. Zum anderen ĂŒberschneidet sich der religiöse Typ des „Heiligen“ mit mehreren anderen religiöser AutoritĂ€tstypen, und es ist bisher nicht gelungen, eine deutlich unterscheidende Charakteristik zu finden.

Die Grenzen der im Diskurs religiöser AutoritĂ€ten skizzierten Typen sind fließend und können sich in wichtigen Punkten ĂŒberschneiden. Die als „Heilige“ verehrten konkreten Personen können also gleichzeitig auch noch anderen Typen zugerechnet werden. Dies ist etwa bei der christlichen AusprĂ€gung des MĂ€rtyrer-Typs der Fall, dem stets auch die Verehrung als Heiliger zuteil wird. Ein fĂŒr alle Religionen allgemeingĂŒltiger Automatismus ist jedoch nicht gegeben.

Typologische Gemeinsamkeiten dieser Art weist der „Heilige“ besonders mit dem MĂ€rtyrer und dem Heros auf: Sein Grab bzw. der Aufbewahrungsort seiner Reliquien entwickelt sich zu einem kultischen Zentrum besonderen Ranges. Es ist das Ziel allgemeiner Verehrung, von Pilgerreisen und wird oft als Zentrum einer Nekropole genutzt. Allen drei Typen wird eine Mittlerfunktion als FĂŒrsprecher der GlĂ€ubigen gegenĂŒber der göttlichen AutoritĂ€t zugeschrieben.

Eine Verehrung ist oft wie beim Heros bereits zu Lebzeiten gegeben, kann aber wie beim MÀrtyrer auch erst nach dem Tod erfolgen. Ein Unterschied zum Typ des MÀrtyrers liegt darin, dass der Letztere die religiöse Vollkommenheit per definitionem nicht durch seinen Lebenswandel, sondern durch die Art seines Sterbens erlangt, wÀhrend beim Heiligen sich die Vollkommenheit auch ohne ein solches Martyrium wesentlich durch sein voraufgegangenes Leben erweist. Im Gegensatz zum Heros fehlt ihm die göttliche oder halbgöttliche Abstammung.

Der „Heilige“ kann zwar dem Typ des Angehörigen einer klerikalen Institution (also der Priesterschaft oder dem Mönchtum) angehören, muss dies aber nicht. Weiterhin kann der Heilige das Charisma des Religionsstifters oder Reformators besitzen, im Gegensatz zu diesen ist aber sein Ziel nicht VerkĂŒndigung einer (Glaubens-)lehre und anschließende Bildung einer GlĂ€ubigenschar, sondern das Hervortreten durch sein religiös vorbildliches Leben.

Vom mythischen Heilsbringer schließlich unterscheidet ihn sein Wirken in der real ĂŒberlieferten, wenn auch oft in der Tradierung unzuverlĂ€ssigen, Geschichte und der fehlende Erlösungsaspekt seines Lebens.

Die Deklaration und Verehrung von Heiligen erfĂŒllt ein urreligiöses BedĂŒrfnis der Menschen nach Vorbildern in ihrem Glauben und gleichzeitige BestĂ€tigung desselben. Die als vorbildlich anerkannten Mitglieder der Glaubensgemeinschaft verlassen zwar die diesseitige – menschliche – Gemeinschaft. Sie bieten jedoch die Möglichkeit, den Kontakt zwischen Diesseits und Jenseits zu halten, denn obwohl sie in die jeweilige göttliche Herrlichkeit aufgenommen worden sind, bleiben sie ĂŒber ihr Grab, ihre Reliquien und ihre Verehrung im Diesseits prĂ€sent und bilden so eine Verbindung zu der von den noch lebenden GlĂ€ubigen selbst angestrebten Erlösung. Über die ihnen wĂ€hrend oder nach ihrem Leben zugeschriebenen Wundertaten geben sie den GlĂ€ubigen eine positive Antwort auf die Frage nach der Sinn- und Wahrhaftigkeit der jeweiligen Religion.

Christliche Heiligkeit

Die christliche Theologie ist geprĂ€gt von einem Doppelkonzept von Heiligkeit: Das Heilige schlechthin ist Gott selbst, jedoch nicht im Sinne einer transzendenten Statik, also eines Zustandes in göttlichen SphĂ€ren ohne Auswirkung auf das Diesseits. Vielmehr wird Gottes Heiligkeit als immanente Dynamik verstanden, die alle irdischen Dinge fĂŒr sich aussondern kann und damit Grund ihrer Heiligkeit ist. Im Neuen Testament wird diese Sicht modifiziert. Nun ist es Jesus Christus, der in seiner einzigartigen Beziehung zum Vater durch seinen Tod und seine Auferstehung Heiligkeit in denen, die ihm nachfolgen, bewirkt.

Christliche Heiligkeit tritt in zwei Komponenten auf. Einerseits erwĂ€hlt sich Gott sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ein „heiliges Volk“: Das Volk Israel und das so bezeichnete „neue heilige Volk“ der Kirche. Andererseits tritt auch immer das Konzept der individuellen Heiligkeit einer Einzelperson auf, die durch die Verwirklichung der Nachfolge Christi einen besonderen Grad der Gnade und des angebotenen Heils erreicht hat. Die individuelle Heiligkeit ist dabei aber stets nur Manifestation einer Heiligkeit als Glied der Kirche, die in ihrer Gesamtheit ja die „communio sanctorum“, also die „Gemeinschaft der Heiligen“, darstellt.

Christliche Heilige im umgangssprachlichen Sinn zeichnen sich also dadurch aus, dass sie bereits eine höhere Stufe der Gnade erreicht haben, die aber prinzipiell fĂŒr jeden GlĂ€ubigen als Glied der Kirche möglich ist. Der Theologe Wolfgang Beinert drĂŒckt es kompakt so aus: „Sie [die Heiligkeit des Einzelnen] wird in der Taufe begrĂŒndet als seinshafte QualitĂ€t und entfaltet sich in der personalen Annahme des göttlichen Rufes durch Übernahme der Gesinnung Jesu in einem moralisch heiligen Leben (Eph 1,4 EU; 5,1 EU; Phil 2,5 EU; 4,8 EU; Kol 1,22 EU; 1 Petr 1,15f. EU; 2,9 EU; Tit 1,7–9 EU u.ö.)“

Antike und Mittelalter

Einer der ersten verehrten MĂ€rtyrer: Polycarp

Die frĂŒhchristliche Heiligenverehrung schloss sich an die aus dem jĂŒdischen Glauben bekannten Formen an. Dort waren seit langem der Hohepriester als „amtlicher FĂŒrbitter“ der Menschen, die Mittlerschaft der Engel zwischen Gott und den Menschen, die Verehrung großer Gestalten der Vergangenheit sowie das Martyrium bekannt.

Die hohepriesterliche Mittlerfunktion wurde ganz auf Christus ĂŒbertragen und erst nach der theologischen Klarstellung frĂŒher VĂ€ter der Kirche, dass die Verehrung anderer Menschen, die Christus nachgefolgt waren, die Einzigartigkeit der Mittlerfunktion Christi nicht beeintrĂ€chtige, begann die Urkirche MĂ€rtyrer und die Apostel anzurufen.

Der erste Beleg einer MĂ€rtyrerverehrung ist der um 160 geschriebene Bericht ĂŒber Polykarp von Smyrna, in der westlichen Kirche breitete sich die MĂ€rtyrerverehrung wahrscheinlich wĂ€hrend der Verfolgungen im 3. Jahrhundert aus und verband sich unter dem Einfluss Tertullians zu einer Verehrung der MĂ€rtyrer als Heiliger. AnfĂ€nglich war diese Verehrung auf den Todestag und die GrabstĂ€tte des MĂ€rtyrers beschrĂ€nkt, mit dem Aufkommen der Reliquienverehrung vervielfachten sich aber die rĂ€umlichen und zeitlichen Möglichkeiten der Verehrung. Der erste greifbare Beleg des VerstĂ€ndnisses der Heiligen als FĂŒrsprecher bei Gott findet sich in einem Graffito an der römischen Kirche San Sebastiano aus dem Jahr 260.

Mit dem Wandel des Christentums zur Staatsreligion des Römischen Reiches weitete sich auch der Heiligenbegriff, da das Martyrium wegen der abgestellten Verfolgungen nun nicht mehr höchstes Zeugnis eines christlichen Lebens sein konnte. Nach und nach wurden â€“ unter dem bestimmenden Einfluss Clemens’ von Alexandria â€“ sogenannte „confessores“, also Bekenner, die zwar verfolgt worden, aber dem Martyrium entgangen waren, und Menschen mit einem „engelgleichen Leben“, deren radikal asketisch-jungfrĂ€uliches Leben als stĂ€ndiger Kampf gegen die VerfĂŒhrungen des Satans verstanden wurde, in den Kreis der verehrungswĂŒrdigen „Heiligen“ aufgenommen. Einen vorlĂ€ufigen Schlusspunkt unter diese Erweiterungen setzte das Konzil von Ephesos, das 431 mit der Verleihung des Titels der „GottgebĂ€rerin“ an Maria die Marienverehrung offiziell sanktionierte.

Seit dem FrĂŒhmittelalter wurden zunehmend entweder große Lichtgestalten der Christenheit (Kirchenlehrer, Könige, sog. „Ritter- und Soldatenheilige“ usw.) oder Menschen, die ein Alternativkonzept zum alltĂ€glichen christlichen Leben boten (Franziskus, Benedikt) vom Volk regional als Heilige verehrt. Bei den sog. „Adelsheiligen“, also Herrschern, Bischöfen oder OrdensgrĂŒndern, ging die Initiative der Verehrung in den meisten FĂ€llen von deren Nachfolgern im Amt oder Mitgliedern ihrer Dynastie aus, die dadurch auch sich selbst eine stĂ€rkere LegitimitĂ€t zu verschaffen hofften. Die kirchliche Anerkennung folgte im allgemeinen erst spĂ€ter. Um von offizieller Seite Beliebigkeit und Ausufern der Heiligenkulte zu verhindern, bemĂŒhten sich die PĂ€pste, das alleinige Recht zur Heiligsprechung und damit die Kontrolle der Heiligenverehrung zu erlangen, zumal diese aufgrund ihrer Bedeutung fĂŒr die Beglaubigung politischer und dynastischer LegitimitĂ€t und nicht zuletzt auch aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung fĂŒr die Kult- und Wallfahrtsorte auch einen gewichtigen machtpolitischen Faktor darstellte. Im Jahr 993 fand die erste pĂ€pstliche Heiligsprechung (Ulrich von Augsburg) statt, im Verlauf des 11. und 12. Jahrhunderts konnten sich die PĂ€pste schließlich gegen die konkurrierende Instanzen der Synoden und Ortsbischöfe durchsetzen. Alexander III. dekretierte 1171 die alleinige ZustĂ€ndigkeit des Papstes fĂŒr Heiligsprechungen. Aber allgemein verbindlich wurde diese AlleinzustĂ€ndigkeit erst durch den Liber extra, einen Nachtrag zum Decretum Gratiani, von 1234.[1]

Heiligenverehrung: Die 14 Nothelfer auf einem Marterl

Nach geltendem römisch-katholischem Kirchenrecht mĂŒssen der Kanonisation die Seligsprechung vorausgehen und strenge Kriterien erfĂŒllt sein, um in den Kanon der Heiligen aufgenommen zu werden.

Zwar war die christliche Theologie stets bemĂŒht, die Anbetung (griech. λατρΔÎčα, lat. adoratio) allein Gott vorzubehalten und den Heiligen und ihren Reliquien lediglich Verehrung (griech. ÎŽÎżÏ…Î»Î”Îčα, lat. veneratio) zukommen zu lassen, gemĂ€ĂŸ der sachlichen und terminologischen KlĂ€rung, die das Zweite Konzil von NicĂ€a 787 eingefĂŒhrt hatte. In der Praxis waren die Ausdrucksformen und Anrufungen jedoch schon seit der SpĂ€tantike oft kaum noch unterscheidbar, und der theologische Begriff der Heiligkeit wurde im Laufe des Mittelalters in der religiösen Praxis des Volksglaubens noch zusĂ€tzlich dadurch verwischt, dass die FĂŒrbitt- und schließlich die Helferfunktion fĂŒr Angelegenheiten des diesseitigen Lebens stark in den Vordergrund traten.

Bereits Ambrosius hatte im 4. Jahrhundert den römischen Begriff des „patronus“ fĂŒr die Heiligen verwendet, der die Schutzfunktion des Patrons im Klientelwesen der römischen Gesellschaft beinhaltete. Der im Hochmittelalter zur vollen Ausbildung gelangte Gedanke, sich fĂŒr Nationen und Diözesen, Kirchen und StĂ€dte (Stadtpatron), spĂ€ter gar StĂ€nde und Berufe eigene Schutzpatrone zu erwĂ€hlen, unter deren Schutz und Hilfe man sich stellen wollte, machen das transformierte VerstĂ€ndnis der „Heiligen“ deutlich; ReliquienanhĂ€ufung und Drang nach Wundern waren die theologisch unerwĂŒnschten Folgen. Das Vierte Laterankonzil verurteilte zwar, „dass die GlĂ€ubigen mit phantastischen Geschichten oder gefĂ€lschten Dokumenten getĂ€uscht werden, wie es an sehr vielen Orten aus Gewinnsucht zu geschehen pflegt.“ Aber es konnte die Entwicklung in der Praxis nicht aufhalten. Der Charakter der Heiligen als Vorbilder im christlichen Leben („imitatio Christi“) trat zugunsten der zugeschriebenen Funktionen als Helfer zurĂŒck. Die GlĂ€ubigen wĂ€hlten sich zur FĂŒrbitte gezielt Heilige aus, denen man bestimmte Attribute zuschrieb. Blasius half beispielsweise gegen Halskrankheiten, Sebastian gegen die Pest. Auch die Entwicklung des Kultes der „Vierzehn Nothelfer“ fĂ€llt in diesen Zusammenhang.

Neuzeit

Erst die Reformation brachte deutliche Kritik an der herrschenden Situation vor. Eine Rolle der Heiligen als direkte Mittler des Erbetenen wurde mit Verweis auf die Bibel strikt abgelehnt und die Einzigartigkeit der Heilsmittlerschaft Christi wieder in den Vordergrund gerĂŒckt. Nach der theologischen Festigung des Luthertums wurde in der Pflege des GedĂ€chtnisses verschiedener altkirchlicher Heiliger keine Gefahr mehr gesehen. Das HeiligengedĂ€chtnis wurde in der Confessio Augustana XXI als Moment der persönlichen StĂ€rkung im Glauben befĂŒrwortet und anerkannt. Zu den anerkannten „alten“ Heiligen traten zusĂ€tzlich Vorreformatoren wie Jan Hus und dann auch Akteure der Reformation – insbesondere Luther selbst – hinzu, so dass verschiedene Theologen ZĂŒge einer „Lutherverehrung“ zu erkennen glauben, die sich u. a. in den Lutherbildern in protestantischen GottesdienstrĂ€umen manifestiere.

Ikonendarstellung der Hl. Jungfrau Maria

Im Gegensatz zu den lutherisch geprĂ€gten Protestanten lehnten die Reformierten die Heiligenverehrung insgesamt ab. Ulrich Zwingli und Johannes Calvin sahen in Wallfahrten und Reliquienverehrung ein Werk des Satans und betonten die GĂŒltigkeit des alttestamentlichen Bilderverbots, gegen das die Heiligenverehrung verstoße.

Auch wenn die katholische Theologie in der Frage der Heiligenverehrung stets derselben Auffassung wie Martin Luther und Philipp Melanchthon war, blieb die Vermischung von verkappter Anbetung und Verehrung doch ein deutliches Kennzeichen der Volksfrömmigkeit bis in die heutige Zeit. Auf dem Konzil von Trient wurde 1563 die katholische Dogmatik in der Frage der Heiligenverehrung geschĂ€rft: Da die Heiligen im Himmel mit Christus herrschten, sei es „gut und nĂŒtzlich“, sie demĂŒtig um Beistand anzurufen, um von Gott durch den alleinigen Erlöser und Heiland Jesus Christus Wohltaten zu erlangen (DH 1821). Als Ziel der Heiligenverehrung wird damit Gott festgeschrieben, im zweiten Vaticanum wird diese Auffassung bestĂ€tigt und nochmals darauf verwiesen, dass die FĂŒrbitte der Heiligen bei Gott nicht „heilskonstitutiv“ wie die hohepriesterliche Mittlerfunktion Christi sei (LG 48–69).

In den Ostkirchen ist die Verehrung von Heiligen ein selbstverstĂ€ndlicher Bestandteil des geistigen Lebens. Seit dem 4. Jahrhundert ist die Darstellungen von Heiligen in Ikonen belegt. Die Verehrung Ă€ußert sich bis heute im Malen und Verehren von Ikonen, dem Verfassen und Lesen von Heiligenviten sowie der wieder verstĂ€rkt auftretenden Kanonisation. Wie in der katholischen Kirche auch werden die GrĂ€ber und Reliquien besucht und verehrt, Menschen, Kirchen und Orte nach ihnen benannt und ihr GedĂ€chtnistag (i. d. R. der Todestag) im Kirchenjahr liturgisch gefeiert. Die Wallfahrt des Pilgers zum Heiligengrab und zuletzt das Sehen, BerĂŒhren und KĂŒssen der Reliquie oder der Ikone ist in den Ostkirchen prĂ€senter als im Westen und dient dazu, an der besonderen GottesnĂ€he des Heiligen selbst teilzuhaben.

Seit etwa den 1960er Jahren verlieren „Heiliggesprochene“ als „Heilige“ in weiten Teilen einer sĂ€kularisierten („westlichen“) Welt zunehmend an Bedeutung. Historische Legenden und mythische Berichte werden zurĂŒckgedrĂ€ngt zugunsten zeitgeschichtlicher Erfahrungen vorbildhafter Menschen (Gandhi, Mutter Teresa, Martin Luther King), die als Vorbilder fĂŒr Altruismus und HumanitĂ€t dienen. Die Verehrung dieser neuen Vorbilder ist nicht an Konfessionen oder Religionen gebunden und spiegelt das Aufkommen von Idolen in der Jugendkultur wider.

Heiligkeit im Judentum

Das Grab der ErzvÀter in Hebron beherbergt sowohl eine Synagoge als auch eine Moschee

Im Judentum allgemein ist „Ś§Ś“Ś•Ś©â€œ („kaddosch“, hebrĂ€isch: heilig) ein Wort, das vor allem die einfache Bedeutung von besonders oder das Besondere hat und damit im Gegenteil zu profan (im Sinne von weltlich, normal, alltĂ€glich) steht.

Im orthodoxen Judentum wird auf eine persönliche Heiligkeit nur Ă€ußerst zurĂŒckhaltend eingegangen. In der religiösen Praxis bildete sich aber de facto trotzdem bereits in alttestamentlicher Zeit die Heiligenverehrung heraus, was sich an der Existenz vieler HeiligengrĂ€ber festmachen lĂ€sst.

Einer gewissen Verehrung der Propheten (besonders Mose) wurde auch von offizieller Seite kein Widerstand entgegengebracht, seit der Zeit des makkabĂ€ischen Widerstandskampfes gewann auch das MĂ€rtyrertum an Bedeutung. Seit der SpĂ€tantike entwickelte sich in der Volksfrömmigkeit ein regelrechter GrĂ€berkult um GrabstĂ€tten besonders frommer Juden, oft werden sogar Synagogen ĂŒber oder in der NĂ€he eines Grabes erbaut. Besonders stark trat der Typ des Heiligen im osteuropĂ€ischen Chassidismus auf, der im „Zaddik“ einen Heilsbringer mit einer besonders engen Gottesbeziehung und einer MittlerqualitĂ€t von Gottes Gnade fĂŒr die Menschen verehrte.

Auch im heutigen Judentum spielen HeiligengrĂ€ber als Wallfahrtsziele eine Rolle. Prominente Beispiele hierfĂŒr sind die GrĂ€ber der ErzvĂ€ter in Hebron, das Davidsgrab in Jerusalem, das Grab des kabbalistischen Rabbiners Schimon ben Jochai in Meron oder des Chabad-FĂŒhrers Menachem Mendel Schneerson.

Die alttestamentlichen Patriarchen und Propheten wurden auch in die Reihe der christlichen und islamischen Heiligen aufgenommen.

Heiligkeit im Islam

VerehrungsstĂ€tte (maĆĄhad) eines Marabout, die selten vom tatsĂ€chlichen Grab (turba) unterschieden wird. Das KuppelgebĂ€ude heißt qubba (nahe der tunesischen Oase Chebika).

Aus der orthodoxen Theologie des Islam muss die Heiligenverehrung eigentlich mit Blick auf den Koran (9,31; 10,19) abgelehnt werden. Andere Stellen (10,63–65) jedoch setzen die Existenz der „Freunde Allahs“ (Wali) bereits als gegeben voraus, und so hat sich dennoch im Islam bereits sehr frĂŒh eine Verehrung Heiliger durchgesetzt, die dem christlichen VerstĂ€ndnis eines Heiligen sehr nahe kommt. Schon bald nach ihrem Tod wurden etwa in der schiitischen Richtung ÊżAlÄ« ibn AbÄ« Tālib, der Schwiegersohn Mohammeds, und seine Söhne Hasan ibn Ali und Husain ibn Ali als Heilige verehrt, auch bei den Sunniten treten solche Heilige auf, unter anderem die Sagengestalt al-Chidr (al-ážȘiឍr, „der grĂŒne Mann“), die Muslime mit dem Propheten Elija und dem heiligen Georg verbinden. In orthodoxen und dogmatischen sunnitischen Gruppen wie in der Bewegung der Wahhabiten (Salafiyya) oder der Ahl-i HadĂźth wird eine Heiligenverehrung explizit bekĂ€mpft, da sie dem Prinzip der absoluten Einzigartigkeit und Erhabenheit Gottes (tauhid) zuwiderlaufe und ein nicht auf Gott, sondern auf Menschen gerichteter Kult sei.

Weiterhin bezieht sich die spĂ€tere Heiligenverehrung meist auf bekannte Mystiker (Sufis). HĂ€ufig wirken diese auch als Oberhaupt (Sheikh) eines Sufiordens (Tariqa), wie sie verstĂ€rkt ab dem 12. und 13. Jahrhundert entstanden. Zu jener Zeit, die als eine erste BlĂŒtezeit des Sufismus gilt, fanden die islamischen Mystiker eine große Resonanz in der breiten Bevölkerung (vor allem in den nordafrikanischen LĂ€ndern), wodurch sich noch heute die starke Verehrung der Heiligen nicht nur unter den Mystikern erklĂ€ren lĂ€sst.

Auch wenn der „Freund Allahs“ ein durchgehend gehorsames und gottgefĂ€lliges Leben gefĂŒhrt hat, rĂŒckt er nicht durch eigene Leistung, sondern vielmehr erst durch Allahs Wirken in eine NĂ€he zu jenem. Es gibt kein offizielles Heiligsprechungsverfahren, und die Verehrung einer Person als Heiligem ergibt sich aus dem Konsens der GlĂ€ubigen. Daher kann nicht nur Menschen aus der Zeit nach Mohammed, sondern auch Propheten und Patriarchen aus der Zeit zuvor die Heiligkeit zugesprochen werden.

Das Bild des Heiligen im Islam ist davon geprĂ€gt, dass Heilige FĂŒrsprecher und Mittler zwischen den GlĂ€ubigen und dem verborgenen Allah sind, Wunder wirken können und als WĂ€chter des Glaubens gelten. Ihre Schreine, die an Orten errichtet werden, die in irgendeiner Beziehung zur betreffenden Person stehen, sind bis in die heutige Zeit Wallfahrtsorte, die von den Pilgern als Kraftquelle gesehen werden, da die spirituelle Energie (Baraka) eines Heiligen nach muslimischer Auffassung auch ĂŒber den irdischen Tod hinaus wirkt, teilweise sogar fĂŒr stĂ€rker gehalten wird als zu Lebzeiten. Der Heilige erhĂ€lt sein Baraka ĂŒber eine spirituelle Kette (Silsila), die ihn mit der Familie des Propheten verbindet.

→ Siehe auch: Marabout, Ghauth, Derwisch, Kategorie:Sufi, Volksislam

Heiligkeit in den indischen Religionen

Heilige der indischen Religionen des Hinduismus, Buddhismus und Jainismus lassen sich grob dadurch charakterisieren, dass sie in radikaler Askese und Meditation einen höheren Bewusstseinsstand (Erleuchtung) erreicht haben sollen. Der Mittlercharakter zwischen göttlicher AutoritÀt und Menschen tritt bei den verbreiteten atheistischen oder agnostischen Konzepten entsprechend nicht auf.

Die ungenaue Kategorie des „Hinduismus“ macht eine allgemein gĂŒltige Definition eines „hinduistischen Heiligen“ praktisch unmöglich. Es lĂ€sst sich aber eine relativ weit verbreitete Verehrung bestimmter religiöser Lehrer, die in ihrer Zeit das Gesicht des Hinduismus prĂ€gten, wie Shankara, Ramakrishna oder auch Gandhi, beobachten.

Der Bodhisattva Vajrapani (rechts) in einer an Herakles erinnernden Darstellung neben dem Buddha.

Im Buddhismus ist die Vorstellung von Heiligen konkreter vorhanden. Der Hinayana sieht die individuelle Heiligkeit darin gegeben, dass ein Mensch, der Arhat, nach streng asketischem Leben und Beachtung der Lehren Buddhas bereits zu Lebzeiten das Nirvana erreicht und damit aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ausscheidet. Auch Siddhartha Gautama, der die vier edlen Wahrheiten erkannt und in der Meditation zu vollkommener innerer Ruhe gefunden hat, fÀllt unter die Kategorie des Heiligen.

Der bereits im Hinayana prĂ€sente Gedanke einer Verehrung der Reliquien Buddhas setzte sich im Mahayana verstĂ€rkt fort. Hier werden zusĂ€tzlich die Bodhisattvas als Heilige verehrt, weil sie zwar die Erleuchtung bereits erlangt haben, aus Altruismus („MitgefĂŒhl“) aber auf das Nirvana verzichten und andere Menschen ebenfalls zur Erleuchtung fĂŒhren wollen. Über ihren GrĂ€bern und Reliquien wurden Stupas errichtet, die auch heute noch beispielsweise in Thailand in Ehrerbietung barfuß rechts herum andĂ€chtig umschritten wird, zumeist verbunden mit Blumen-, Weihrauch- und Kerzen-Opfern.

Im Jainismus schließlich werden 63 exemplarische Menschen, darunter die 24 sogenannten Tirthankaras („Furtbereiter, Bahnbrecher“), als Heilige verehrt, weil sie, obwohl sie selbst bereits Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten gefunden haben, in immer wiederkehrenden AbstĂ€nden den Menschen den Weg zur Erleuchtung aufgezeigt haben.

Heiligkeit in den chinesischen Religionen

Konfuziusgrab in Qufu

Im Konfuzianismus war der Begriff des „Heiligen“ stets mit dem des „Adeligen“ konnotiert, der die Tugenden der GĂŒte, PietĂ€t und Liebe in sich vereint. Neben Konfuzius selbst und seinen SchĂŒlern zĂ€hlten dazu vor allem ideale mythische Herrscher und die regierenden Kaiser.

Der Taoismus dagegen verehrte verschiedene historische Gestalten, denen zugeschrieben wurde, in Übereinstimmung mit dem Dao gelebt zu haben (z. B. die sogenannten „Acht Unsterblichen“). Sie werden oft als magisch Begabte vorgestellt, die vor Krankheit und Tod bewahren können.

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Einzelnachweise

  1. ↑ Winfried Schulz: Artikel „Heiligsprechung“ in: Lexikon fĂŒr Theologie und Kirche Bd. 4. Herder Verlag 2006. Sp. 1328-1331, 1329.

Literatur

  • Arnold Angenendt: Corpus incorruptum. Eine Leitidee der mittelalterlichen Reliquienverehrung. In: Saeculum 42 (1991), S. 320–348.
  • Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frĂŒhen Christentum bis zur Gegenwart. MĂŒnchen 1997. ISBN 3-406-42867-3
  • Dieter Bauer und Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart. Ostfildern 1990.
  • Theofried Baumeister: Artikel „Heiligenverehrung I“. In: Reallexikon fĂŒr Antike und Christentum, Bd. 14, Stuttgart 1988, Sp. 96–150. ISBN 3-7772-8835-7
  • Wolfgang Beinert: Die Heiligen in der Reflexion der Kirche. Die Heiligen heute ehren. Freiburg u. a. 1983.
  • JĂŒrgen Beyer et al. (Hrsg.): Confessional sanctity (c. 1550 - c. 1800). Mainz 2003.
  • Peter Brown: The Cult of the Saints. Its Rise and Funktion in Latin Christianity. Chicago 1981.
  • Siglind Bruhn: Saints in the Limelight. Representations of the Religious Quest on the Post-1945 Operatic Stage. Hillsdale, NY: Pendragon Press, 2003. ISBN 978-1-57647-096-1.
  • JĂŒrgen Frembgen: Reise zu Gott. Sufis und Derwische im Islam. C. H. Beck Verlag, MĂŒnchen 2000. ISBN 3-406-45920-X
  • Peter Gemeinhardt: Die Heiligen. Von den frĂŒhchristlichen MĂ€rtyrern bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck. MĂŒnchen 2010.
  • John Stratton Hawley (Hrsg.): Saints and Virtues. Berkeley 1987.
  • Carol Piper Heming: Protestants and the cult of the saints in German-speaking Europe. Kirksville 2003.
  • James Howard-Johnston (Hrsg.): The cult of saints in late antiquity and the middle ages. Essays on the contribution of Peter Brown. Oxford 1999.
  • Heimo Kaindl: Zwischen Ehrfurcht und Schauder. Reliquienkult gestern und heute. Graz 2005.
  • Theodor Klauser: Christlicher MĂ€rtyrerkult, heidnischer Heroenkult und die spĂ€tjĂŒdische Heiligenverehrung. Köln 1969. ISBN B0000BUE1H
  • GĂŒnter Lanczkowski u.a.: Heilige / Heiligenverehrung. In: Theologische RealenzyklopĂ€die, Bd. 14 (1985), S. 641–672
  • Lexikon der Heiligen und Heiligenverehrung. Freiburg i. Br. 2003. ISBN 3-451-28190-2
  • Gabriele Miller: Artikel „Heilige“. In: Lexikon fĂŒr Theologie und Kirche, Bd. 4, Freiburg u. a. 1995, Sp. 1274–1276.
  • Friedrich Prinz: Das wahre Leben der Heiligen. Zwölf historische PortrĂ€ts von Kaiserin Helena bis Franz von Assisi. MĂŒnchen 2003.
  • Erhard Gorys: Lexikon der Heiligen. dtv-verlag. Erw. Neuausg. 2004. ISBN 3-423-34149-1 .

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