Hermann der Lahme

Hermann von Reichenau (rechts) mit einem Astrolabium - mittelalterliche Darstellung
Reliquie Hermanns in der Schlosskirche in Altshausen

Hermann von Reichenau (* 18. Juli 1013 in Altshausen, Oberschwaben; † 24. September 1054 in Reichenau, auch Hermann der Lahme, Hermannus Contractus oder Herimannus Augiensis genannt) war ein mittelalterlicher deutscher Komponist, Wissenschaftler und Schriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Hermann stammte aus dem schwäbischen Adelsgeschlecht von Altshausen-Veringen (vgl. Schloss Altshausen). Er litt seit seiner Geburt unter einer umfassenden spastischen Lähmung, weshalb er niemals gehen lernte und nur schwer verständlich sprechen konnte. Er kam bereits im Alter von sieben Jahren, im September 1020, in das Kloster Reichenau, das er wahrscheinlich Zeit seines Lebens nicht wieder verlassen sollte. Er erfuhr die damals übliche klösterliche Bildung und entwickelte sich zu einem herausragenden Kenner der Geschichte, der Musik sowie der Mathematik und der Astronomie.

Die Einteilung der Stunde in Minuten (vermutlich für astronomische Beobachtungen) geht vielleicht auf ihn zurück. Er war eine der führenden Personen seiner Zeit bei der Übertragung des bis dahin ausschließlich auf Arabisch überlieferten Wissens in der Mathematik und der Astronomie, so prägte er den astronomischen Begriff „Almukantarat“ für einen dem Horizont parallelen Kreis der Himmelskugel. Ob er arabisch sprechen oder wenigstens lesen konnte oder dabei auf die Fertigkeiten anderer Mönche zurückgreifen konnte, ist umstritten. Künstlerisch trat er als Komponist und Dichter hervor. Etwa im Alter von 30 Jahren legte er die Gelübde als Mönch ab. Er starb im Jahr 1054 und wurde in der Familiengrablege in Altshausen beigesetzt.

Bedeutung

Hermanns Chronik ist eine Hauptquelle für die Geschichte des mittleren 11. Jahrhunderts. In Anbetracht seiner schwierigen Lebensumstände sind seine Leistungen, auf der Höhe der Wissenschaft zu stehen und aktiv zu forschen, sicherlich nicht zu unterschätzen. Trotzdem gilt er wissenschaftshistorisch gesehen nicht als die geniale und begnadete Einzelerscheinung des 11. Jahrhunderts. Er war wohl unter den führenden Gelehrten seiner Zeit und galt nach dem deutschen Mediävisten Arno Borst als der Universalgelehrte seiner Zeit, seine eigenen Beiträge und Erfindungen konnten sich aber kaum durchsetzen. Seine eigentliche Bedeutung erlangte er vor allem als Kompilator, also jemand, der bereits vorhandenes Wissen zugänglich machte, indem er es sinnvoll und übersichtlich anordnete.

Werke

Geschichtsschreibung

  • Chronicon: Unter seinen Werken als Historiker ragt die in lateinischer Sprache verfasste, die Zeit von der Geburt Christi bis in das Jahr 1054 schildernde Weltchronik Chronicon heraus. Sie wurde nach dem Tod Hermanns von seinem Schüler Berthold von Reichenau bis zum Jahr 1080 fortgesetzt.
  • Gesta Chuoradi et Heinrici imperatorum vermutlich nicht erhalten; wahrscheinlich handelte es sich nur um Zusätze zur Gesta Chuoradi des Wipo Presbyter

Musik

  • De musica: Die von ihm entwickelte Notentheorie ist in dem Werk De musica niedergelegt.
  • Sequenzen:
  1. Sequentia de beata Maria virgine (Oesch, p. 145: Urheberschaft Hermanns kaum beweisbar; auch Heinrich, dem Lehrer des Gottschalk zugeschrieben; seit dem 12. Jh. auch ins Deutsche übertragen)
  2. Grates honos hierarchia
  3. Rex regum Dei Agne
  4. Benedictio trinae unitati (Zuschreibung, aber kaum bestritten)
  5. Exurgat totus almiphonus (Zuschreibung, aber kaum bestritten)
  1. Afra-Officium, ed. Brambach 1892.
  2. andere, wahrscheinlich nicht mehr erhaltene, laut der Vita einem Schülers Berthold

Astronomie/Mathematik

  • Liber de mensura astrolabii, wahrscheinlich von Gerbert von Aurillac und von Hermannus überarbeitet
  • De utilitatibus astrolabii libri duo wahrscheinlich nur Kapitel 1 von Hermannus
  • De mense lunari: über die Länge des Mondmonats (29d 12h 29m, 348 "Atome"); ed. Meier, Einsiedeln 1887.
  • De horlogiorum compositione: Fragment ed. Oesch 1961
  • Regulae in computum (Zusammenfassung über die kirchliche Zeitrechnung)
  • De conflictu arithmimachiae: ed. Wappler, 1892.
  • Qualiter multiplicationes fiant in abaco: ed. Treutelein, 1877.
  • De geometria (wahrscheinlich nicht mehr erhalten)

Dichtung

  • Opusculum Herimanni de octo vitiis principalibus: an Nonnen gerichtetes Lehrgedicht über die acht Hauptlaster (1722 Verse); Neue Ausgabe: Hermann der Lahme, Opusculum Herimanni (De octo vitiis principalibus), Eingeleitet, herausgegeben und übersetzt von Bernhard Hollick (Reichenauer Texte und Bilder Band 14), Heidelberg 2008
  • versus pro epitaphio matris suae als Einschub in der Chronik
  • Martyrologium: ed. Dümmler 1885.

Literatur

Textausgaben

  • Hermann von Reichenau: Chronicon. In: R. Buchner, Werner Trillmich (Hg.): Quellen des 9. und 10. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches, (Freiherr vom Stein- Gedächtnisausgabe 11), Darmstadt 1961.
  • Herimanni Augiensis chronicon a. 1–1054. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores (in Folio) 5: Annales et chronica aevi Salici. Herausgegeben von Georg Heinrich Pertz u. a. Hannover 1844, S. 67–133 (Digitalisat).

Sekundärliteratur

  • Berthold von Reichenau: Visa seu Elogium. (Gedenkschrift für seinen Lehrer)
  • Heinrich Hansjakob: Hermann, der Lahme von der Reichenau. Sein Leben und seine Wissenschaft. 1875
  • Wilhelm Wattenbach: Hermann von Reichenau. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 12, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 164 f.
  • Agnes Herkommer: Herimann der Lahme. Hermannus Contractus. 1947 (3. Auflage, Neuling, Schwäbisch Gmünd 1981, ISBN 3-922859-00-3)
  • Josef Anton Amann: Der selige Hermann. Der lahme Benediktinermönch von Reichenau. Höchst/Vorarlberg 1948
  • Franz Brunhölzl: Hermann von Reichenau. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, S. 649 f.
  • Werner Bergmann: Innovationen im Quadrivium des 10. und 11. Jahrhunderts. Studien zur Einführung von Astrolab und Abakus im lateinischen Mittelalter. Stuttgart 1985 (Sudhoffs Archiv, Beihefte, 26)
  • Arno Borst: Wie kam die Arabische Sternkunde ins Kloster Reichenau?, Uvk Univers.-Vlg Konstanz 1988, ISBN 3-8794-0355-4
  • Friedrich Wilhelm Bautz: Hermann von Reichenau. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 751–753.
  • Maria Calasanz Ziesche: Die letzte Freiheit. 11. Auflage, 1992, ISBN 3-9800449-0-4
  • Arno Borst: Mönche am Bodensee. 4. Auflage, Thorbecke, Sigmaringen 1994, ISBN 3-7995-5006-2
  • Walter Berschin, Martin Hellmann: Hermann der Lahme. Gelehrter und Dichter (1013-1054). 2. erweiterte Auflage, Mattes, Heidelberg 2005, ISBN 3-930978-81-4

Weblinks


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