Historismus

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Historismus
Eine historistische Vision mit Àgyptischer, römischer und gotischer Phantasiearchitektur: Der Traum des Architekten von Thomas Cole, 1840

Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Stilgeschichte ein hauptsĂ€chlich im 19. Jahrhundert verbreitetes PhĂ€nomen, bei dem man auf Ă€ltere Stilrichtungen zurĂŒckgriff und diese nachahmte.

Im Gegensatz zu vorhergehenden kunsthistorischen Epochen ist fĂŒr den Historismus ein gleichzeitiger Stilpluralismus charakteristisch, der sich aber schon im Nebeneinander von Klassizismus und Romantik um die Wende zum 19. Jahrhundert ankĂŒndigt.

Anders als in Renaissance und Klassizismus wurde nicht nur versucht, die Architektur der klassischen Antike (wie sie in Griechenland und Rom gefunden wurde) wiederzubeleben beziehungsweise zu kopieren, sondern es wurden Architekturformen auch anderer Epochen imitiert, die nunmehr als gleichwertig anerkannt wurden.

Einen großen Einfluss ĂŒbte dabei die Romantik aus, die einen Sinn fĂŒr das historisch Bedingte entwickeln half. Gelegentlich wurden auch mehrere Stile in einem GebĂ€ude gemischt; diese teilweise recht wahllosen Kombinationen nennt man Eklektizismus. Andere Bauwerke zitieren historische Motive, lassen sich aber keinem konkreten Stil zuordnen.

Da der Historismus in Mitteleuropa ab den 1860er-Jahren grĂ¶ĂŸere Verbreitung erfuhr und es eine seiner ursprĂŒnglichen Funktionen war, die ReprĂ€sentationsbedĂŒrfnisse des in der GrĂŒnderzeit reich gewordenen BĂŒrgertums zu befriedigen, wird er umgangssprachlich manchmal auch als GrĂŒnderzeitstil beziehungsweise GrĂŒnderzeitarchitektur bezeichnet.

Das Ende des Historismus beginnt mit dem Jugendstil um 1895, der zwar noch Ornamente, aber ohne historischen Bezug verwendet. Gleiches gilt fĂŒr den Expressionismus, der in der Architektur knapp nach dem Ersten Weltkrieg einsetzt. Beginnend mit der Reformarchitektur nach 1900 und verstĂ€rkt ab 1910 verbreiten sich dann zusehends weniger aufwĂ€ndige, und schließlich ornamentlose bzw. „funktionalistische“ oder „konstruktivistische“ Baustile, die in den 1920er-Jahren dann hegemonial werden (s. Neues Bauen oder Neue Sachlichkeit). Dies entspricht einer wachsende Neigung stilbildender Schichten, sich nun weniger aus BezĂŒgen auf die eigene Geschichte zu legitimieren, sondern immer mehr durch Identifikation mit moderner Technik. Zu dieser Zeit kommt der Historismus in den Verliererstaaten zu einem abrupten Ende. In den Siegerstaaten, vor allem in den USA oder den am Krieg nicht beteiligten LĂ€ndern, etwa Spanien, lĂ€sst sich neben dem Neuen Bauen noch eine NachblĂŒte des Historismus bis in die 1950er Jahre feststellen (Neohistorismus).

Inhaltsverzeichnis

Bauten

Nauener Tor in Potsdam, der erste Bau des Historismus auf dem europÀischen Kontinent (1755, Neugotik)
Die Neoromanische Pauluskirche in Basel (erbaut 1898–1901)

Zu jener Zeit stand die Architektur vor neuen Aufgaben: Die Industrielle Revolution erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und WassertĂŒrmen. Zur Linderung der Wohnungsnot mussten mehrstöckige ZinshĂ€user errichtet werden; das aufstrebende und zusehends wohlhabende BĂŒrgertum verlangte nach Villen und großen Stadtwohnungen in reprĂ€sentativen GebĂ€uden.

Bedeutend war auch die Integration neuer Technologien in Architektur und Design. Entscheidend war die Weiterentwicklung der Stahlerzeugung (Bessemer-Verfahren). Der nur aus Gusseisen und Glas bestehende Crystal Palace auf dem GelĂ€nde der Londoner Weltausstellung von 1851 galt als revolutionĂ€r und wegweisend fĂŒr spĂ€tere Jahrzehnte.

Teilweise wurden verschiedenen Baustilen unterschiedliche Funktionen zugeschrieben: Kirchen wurden im Stil der Gotik oder der Romanik gebaut, Banken und BĂŒrgerhĂ€user im Stil der Renaissance (der großen Zeit der Stadtkultur vor allem in Italien), Adelspalais und vor allem Theater im Barockstil, Fabrikhallen dagegen meist im „englischen Stil“ (mit unverputzten Backsteinfassaden).

Viel Wert wurde auf ReprĂ€sentation gelegt, wobei funktionale Aspekte gelegentlich untergeordnet wurden (siehe UniversitĂ€t Wien). Dies ist einer der GrĂŒnde, warum der Historismus vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts hĂ€ufig kritisiert wurde. Vor allem wurde bemĂ€ngelt, dass architektonische Zutaten wie SĂ€ulen, Medusenköpfe und AkanthusblĂ€tter rein dekorativ zur Erzeugung einer „historischen AtmosphĂ€re“ benutzt worden seien.

Die Fassaden der GebĂ€ude sollten nicht nur in ihrer GrĂ¶ĂŸe und ihrem jeweiligen Reichtum, sondern bei MehrfamilienhĂ€usern auch in ihrem geschossigen Aufbau die soziale Stellung ihrer Bewohner spiegeln. So etwa wurde die erste Etage oder das Hochparterre meist „Bel Etage“ genannt und war mit ihren besonders hohen Decken und ihren reichen Stuckverzierungen dem wohlhabenderen BĂŒrgertum vorbehalten. Nach oben wurde die soziale Stellung der Bewohner mit abnehmender Geschosshöhe meist immer geringer. Dabei wurde die oberste Etage mit ihren oft nur noch lukenartig kleinen Fenstern in der Regel von den Dienstboten und anderen Angehörigen der unteren sozialen Schichten bewohnt.

Der Rittersaal auf Schloss Braunfels ist ein typisches Beispiel fĂŒr den Historismus im Innenbereich: entstanden durch Zusammenlegen von vier ehemals einzelnen SĂ€len zu einem großen reprĂ€sentativen Raum.

Auch im Innenbereich spielte der Historismus eine Rolle, besonders bei den wohlhabenden Schichten der Bevölkerung, des Adels oder den regierenden FĂŒrstenhĂ€usern. So wurden ganze Schlösser oder Teilbereiche umgebaut, um dem Zeitgeist zu entsprechen. Die Ideale des Mittelalters mit Ritterlichkeit und Ehrenkodex wurden hochgehalten und fanden ihren Ausdruck in neu geschaffenen RittersĂ€len und ritterlichen Zimmerfluchten ohne eigentliche Funktion.

In vielen neu entstandenen Wohnvierteln wurden innerhalb der Blockrandbebauung auf frĂŒheren GartenflĂ€chen Hinterhöfe angelegt und in HinterhĂ€usern oftmals zahlreiche weitere Quartiere fĂŒr die Arbeiter errichtet, hĂ€ufig auch in rĂ€umlicher NĂ€he zu den Arbeits- und WerkstĂ€tten. Die ĂŒberbelegten Einraumwohnungen der Arbeiterklasse mit ihren oft miserablen und gesundheitsschĂ€digenden unhygienischen Wohnbedingungen wurden von etlichen Reformern seit Ende des 19. Jahrhunderts sehr beklagt. Sie haben unter anderem die Ideen der Gartenstadtbewegung (siehe dazu Ebenezer Howard) und so manches Reformprojekt in Deutschland beflĂŒgelt.

Eine Besonderheit der Architektur dieser Epoche sind nach einem Gesamtkonzept angelegte reprĂ€sentative Villenkolonien wie etwa die Kolonie Marienthal in Hamburg und die bis heute gut erhaltene und als exemplarisch geltende Villenkolonie Lichterfelde-West im SĂŒdwesten Berlins (ab 1860). Die Villenkolonien waren wegen des hohen Personalbedarfs zur FĂŒhrung der großen HĂ€user in der Praxis gemischte Wohngebiete. So war das VerhĂ€ltnis der so genannten „einfachen StĂ€nde“ zu den „Herrschaften“ etwa in Lichterfelde-West in Berlin zwei zu eins. Die Villenkolonien nahmen mit ihrer aufgelockerten Bebauung, den großen GĂ€rten und Alleen die Idee der „Gartenstadt“ vorweg.

Stilphasen

Schloss Drachenburg auf dem Drachenfels am Rhein, erbaut von 1882 bis 1884

Stilgeschichtlich unterscheidet man zwischen romantischem Historismus (vor 1870), strengem Historismus (1870–1890) und SpĂ€thistorismus (nach 1890).

Der Romantische Historismus zeichnet sich durch eine langsame Ablösung vom Klassizismus aus. Bevorzugter Stil sind Neugotik und Neorenaissance, allerdings werden immer wieder „stilfremde“ Elemente kombiniert, so dass es sich um keine einfache Nachahmung der historischen Stile sondern um subjektive Interpretationen handelt. Auch Elemente aus nicht-westeuropĂ€ischen Stilen (etwa maurisch oder byzantinisch) werden kombiniert. Dies drĂŒckte sich auch in einem zeitgenössischen Spottgedicht gegen zwei prominente Architekten dieses Stils aus, deren Hofoper die Zeitgenossen enttĂ€uscht hatte: Sicardsburg und van der NĂŒll / Haben beide keinen StĂŒll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.

Der Strenge Historismus dagegen versucht „reine Elemente“ des vergangenen Formvokabulars kunsthistorisch korrekt zu kombinieren. Der Subjektivismus des romantischen Historismus wird abgelehnt, versucht wird einen lehrbaren und objektiv richtigen Stil zu finden, der sich aus den Formendetails ableitet. Bevorzugter Stil ist die Neorenaissance.

Im SpĂ€thistorismus wird die Orientierung an der Renaissance durch eine Orientierung am Barockstil (Neobarock) abgelöst. Die strenge Orthographie der vorhergehenden Phase löst sich zugunsten einer freieren Interpretation der Dekorelemente, die auch nicht mehr streng linear angeordnet werden. Ausbuchtende Erker, Risalite, Kuppeln und ausladende Balkone werden beliebt. Allgemein ist ein Zug zu ĂŒbersteigerter MonumentalitĂ€t zu beobachten. Einzelne Elemente (etwa die Blumendekors) weisen gelegentlich schon auf den Jugendstil.

Überspitzt könnte man also sagen, dass der Historismus mit seinen AnfĂ€ngen in der Neugotik und seinem Ende im Neobarock die abendlĂ€ndische Baugeschichte der frĂŒhen Neuzeit noch einmal durchlĂ€uft.

Stile des Historismus

Neugotik

Der (vor allem in Großbritannien) frĂŒheste und wichtigste historistische Stil ist die Neugotik. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden gotische Formen wiederentdeckt, so beispielsweise bei der „Regotisierung“ Wiener Kirchen durch Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg um 1805, die allerdings noch einem klassizistischem Zeitgeschmack geschuldet war, so dass viel authentische Gotik verloren ging. In den 1840er Jahren wurde die Gotik immer mehr als Sinnbild einer Architektur der BĂŒrgerfreiheit empfunden. Bedeutendster Vertreter in Österreich war Friedrich von Schmidt, in der Schweiz Ferdinand Stadler. Ein erst kĂŒrzlich behutsam restauriertes Zeugnis der Neugotik findet sich im Zentrum von Chemnitz: die Villa Zimmermann. Der Neugotik verdanken wir die Fertigstellung einiger im Mittelalter unvollendeter gotischer Kathedralen, und sie wurde gerne auch fĂŒr reprĂ€sentative bĂŒrgerliche Bauten (RathĂ€user u. a.) verwendet, da man die Epoche der Gotik (SpĂ€tmittelalter) mit der BlĂŒtezeit der Stadtrepubliken assoziierte.

Neorenaissance

Ein wichtiger historistischer Baustil ist die Neorenaissance in England und Frankreich, fĂŒr die es auch in Deutschland (Leo von Klenzes Palais Leuchtenberg, Berliner Reichstag (mit neobarocken Elementen) sowie Bauten der Dresdner Semper-Nicolai-Schule) und Österreich (Wiener Staatsoper) Beispiele gibt. Da man die Renaissance vor allem als eine BlĂŒtezeit der KĂŒnste ansah, war die Neurenaissance der bevorzugte Stil fĂŒr Theater, OpernhĂ€user und Museen.

Neuromanik

Die Neuromanik entstand, als nach 1870 in Deutschland der „französische“ Stil der Neugotik in Verruf kam und statt seiner die „deutschere“ Romanik propagiert wurde. Neuromanik galt vor allem im protestantischen Deutschland als „Nationaler Baustil“, und war nach dem Wiesbadener Programm jahrzehntelang fĂŒr evangelische Kirchenbauten verbindlich. Neben romanischen greift der Stil auch auf byzantinische Formensprache zurĂŒck.

Neobarock

Der Neobarock findet in der Pariser Oper, dem BrĂŒsseler Justizpalast sowie der Neuen Hofburg in Wien und Schloss Herrenchiemsee in Bayern seine Höhepunkte. Das Zeitalter des Barock (der Absolutismus) war der Höhepunkt weltlich-monarchischer Macht, weshalb man staatliche Bauten gerne in diesem Stil errichtete.

Neorokoko

Neurokoko-Interieur, New York, 1855 (Rekonstruktion), Metropolitan Museum of Art

Neorokoko trat seltener im Bauwesen als in der Innenausstattung vor allem von Schlössern und BĂŒrgerhĂ€usern hervor. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden etwa Schönbrunn und die Albertina mit einer dem Rokoko nachempfundenen Inneneinrichtung ausgestattet, wofĂŒr teilweise sogar authentisches Rokoko geopfert wurde. Ein besonderes Beispiel fĂŒr Neorokoko ist das Schloss Linderhof.

Neumanierismus

Neumanierismus, auch stilisierter Manierismus, wurde 1998 als Stilbegriff von Professor Albrecht Mann eingefĂŒhrt und definiert. Die von NapolĂ©on III. in Auftrag gegebenen Eckpavillons im Louvre-Hof waren die ersten Baumaßnahmen dieser Art, es folgten die Pariser Oper und die Wohnbauten der neuen Boulevards. Die Stilkennzeichen lauten: allseitige klare Abgrenzung der Fassade, „antik-klassische Zierformen, stark plastische OberflĂ€che, Überladung mit Formelementen (horror vacui=Angst vor der leeren FlĂ€che).“[1] Dieser RĂŒckgriff auf die Architektur-Merkmale des Manierismus und die "prunkhafte Grundhaltung" begrĂŒndeten den Neomanierismus. Da die AusfĂŒhrung stilisiert erfolgt, ist dieser Kunststil als stilisierter Manierismus zu bezeichnen. Im Zuge der europĂ€ischen Ausbreitung wurde der Neumanierismus die Ausdrucksform der wilhelminischen Ära und der Baustil des Berliner ReichstagsgebĂ€udes. Ein bedeutendes Beispiel ist die Aachener Villa Cassalette und die OpĂ©ra de Monaco.

Orientalisierender Historismus

Eine eher selten gebrauchte Variante des Historismus war die Errichtung von Bauwerken im orientalisierenden Stil. Sie fand vornehmlich bei Bauten Anwendung, die nach dem VerstĂ€ndnis der Zeit eine Nahebeziehung zum Orient aufwiesen - beispielsweise bei Synagogen, Bauwerken von Unternehmen, die im Orienthandel tĂ€tig waren und bei bestimmten Varianten der Architektur der Freimaurer, wie sie sich vor allem in den USA entwickelten. Beispiele fĂŒr die Verwendung des "maurischen" Stils im außerreligiösen Bereich sind unter anderem: die Yenidze-Fabrik in Dresden, die so genannte Zacherlfabrik in Wien Döbling und die Villa Crespi in Orta San Giulio. FrĂŒher schon kam es zu Bauten wie der "Moschee" im Park von Schloss Schwetzingen und in anderen SchlossgĂ€rten.

Neohistorismus

Über das Ende des eigentlichen Historismus hinaus kommt es nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu neohistoristischen Strömungen, die sich unter anderem im Neoklassizismus ihren Ausdruck suchen.

Historistische Architektur in ausgewÀhlten LÀndern

Großbritannien

In Großbritannien setzte dieser Stil schon Ende des 18. Jahrhunderts ein, ein frĂŒhes Beispiel ist die Villa Strawberry Hill, die Horace Walpole um 1775 im neugotischen Stil errichten ließ. Als frĂŒhes Meisterwerk der Neugotik gilt auch das ParlamentsgebĂ€ude in London aus dem Jahr 1835.

Deutschland

In Deutschland bildete sich mit Karl Friedrich Schinkel zunÀchst ein ausgeprÀgter Klassizismus aus. Mit den 1830er Jahren begannen stilistische Mischformen.

Als Initialbau des deutschen, „wilhelminischen“ Neobarock gilt eine Wohn- und GeschĂ€ftshaus-Bebauung am Beginn der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin-Mitte (1887 von Cremer & Wolffenstein).

Prenzlauer Berg, Kastanienallee

Vom Krieg (und Zerstörungen der Nachkriegszeit) weitestgehend verschonte, ungewöhnlich geschlossen erhaltene Ensembles finden sich zum Beispiel in Berlin, wo die erhaltenen „GrĂŒnderzeitbauten“ am zahlreichsten sind – dort vor allem die „Arbeiterviertel“ Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Neukölln und große Teile Kreuzbergs, aber auch reprĂ€sentative StraßenzĂŒge rund um den KurfĂŒrstendamm, Hamburg, der Bonner SĂŒdstadt, welche mit der Weststadt und Nordstadt als grĂ¶ĂŸtes zusammenhĂ€ngendes „GrĂŒnderzeitviertel“ Deutschlands gilt, die Nordstadt und das Briller Viertel in Wuppertal, Chemnitz (z. B. Kaßberg und Schloßchemnitz), Görlitz, FĂŒrth, die Erfurter VorstĂ€dte, Leipzig (in den meisten Stadtteilen existiert noch geschlossene historistische Bebauung von hoher QualitĂ€t, z.B. Waldstraßenviertel – das grĂ¶ĂŸte im Zusammenhang bebaute „GrĂŒnderzeitviertel“ Europas), Dresden, das mit der „Äußeren Neustadt“ ein großes „GrĂŒnderzeitviertel“ aufzuweisen hat, MĂŒnchen, wo man vor allem in den Stadtteilen Altstadt-Lehel und Neuhausen-Nymphenburg viele „GrĂŒnderzeitbauten“ findet, Hannover-List, Östliches Ringgebiet in Braunschweig und auch in Straßburg, das ĂŒber eine umfangreiche geplante Neustadt aus der Kaiserzeit verfĂŒgt. Die Innenstadt von Halle gilt als das grĂ¶ĂŸte zusammenhĂ€ngende Wohngebiet dieser Epoche. Wiesbaden ist neben Berlin die einzige Stadt, die einen nahezu komplett erhaltenen Stadtring vorweisen kann. Der Kaiser-Friedrich-Ring auf der Wiesbadener Ringstraße gleicht zu 100 Prozent der Situation von 1907. Ebenfalls eine reiche Bausubstanz weist die Wiehre in Freiburg im Breisgau auf.

In Ostdeutschland ist wesentlich mehr Bausubstanz aus der GrĂŒnderzeit zu finden als im Westen des Landes. So gut wie in jeder Mittel- oder Großstadt Ostdeutschlands findet man erhaltene „GrĂŒnderzeitstraßenzĂŒge“ oder „-viertel“. Das liegt grĂ¶ĂŸtenteils daran, dass die StĂ€dte in Ostdeutschland keine oder weniger FlĂ€chenbombardements ertragen mussten und Ziel der Angriffe meist die Altstadt oder die kriegswichtige Industrie war. Hinzu kam, dass in der DDR meist das Geld fehlte, um Ă€ltere StraßenzĂŒge im großen Stil abzureißen. So haben StĂ€dte wie Rostock (Villenviertel sĂŒdlich der Innenstadt und Mietskasernen westlich der Innenstadt), Magdeburg (Gegend um den Hasselbachplatz), Chemnitz, Dresden (Äußere Neustadt) und Dessau (rund um die Heinrich-Heine-Straße), die von allen ostdeutschen StĂ€dten am schlimmsten von Bombenangriffen getroffen wurden, immer noch erhaltene „GrĂŒnderzeitviertel“ oder „-straßen“. Sie sind zum grĂ¶ĂŸten Teil saniert. In den letzten Jahren sind in zahlreichen ostdeutschen StĂ€dten im Rahmen des Stadtumbau-Ost-Programms gegen WiderstĂ€nde von Denkmalpflegern und aus der Bevölkerung zahlreiche Baudenkmale dieser Epoche abgerissen worden, so in Leipzig 446 eigentlich denkmalgeschĂŒtzte Bauten in den Jahren 1990 bis 2006.[2] GegenwĂ€rtig erfĂ€hrt Chemnitz massive Eingriffe in sein grĂŒnderzeitliches Bauerbe.[3] Erhebliche Verluste „grĂŒnderzeitlicher“ Bausubstanz sind in zahlreichen westdeutschen StĂ€dten wie Köln, Kassel, Mannheim, Ulm, NĂŒrnberg, WĂŒrzburg, Braunschweig, Koblenz sowie im gesamten Ruhrgebiet zu beklagen.

Weitere historistische Bauwerke in Deutschland:

Auch viele IndustriegebÀude tragen historistische Stilmerkmale

Der Historismus hatte nach dem Ersten Weltkrieg keine besondere WertschĂ€tzung mehr. Der RĂŒckgriff auf Ă€ltere Stile wurde als mangelnde EigenstĂ€ndigkeit interpretiert. Diese geringe WertschĂ€tzung fĂŒhrte zu einem großen Verlust an Substanz in Deutschland wĂ€hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zahlreiche Bauwerke gingen durch den Bombenkrieg verloren, aber durch die recht neue Bausubstanz und gute AusfĂŒhrung waren auch viele beschĂ€digte GebĂ€ude reparabel. Dennoch wurden sie oft nicht wiederhergestellt, sondern bewusst abgebrochen und durch Neubauten ersetzt oder modernisiert, sprich ihrer Dekoration beraubt (Entstuckung). SpĂ€ter hat sich dies jedoch wieder geĂ€ndert, wie z.B. die mit grĂ¶ĂŸtem Aufwand betriebene Restaurierung des Reichsgerichtes in Leipzig beweist.

Die aufwĂ€ndige Innenausstattung vieler katholischer Kirchen der Neugotik wurde im Zuge der Umgestaltung gemĂ€ĂŸ dem zweiten Vatikanischen Konzil vielfach beseitigt und zerstört, weil man deren Stil als Schreinergotik abtat.

Eine Besonderheit stellen die „grĂŒnderzeitlichen“ Villenkolonien dar, die ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts angelegt wurden. WĂ€hrend die Bauareale nach klassischen stadtplanerischen Gesichtspunkten durchgeplant und erschlossen wurden, wurden den einzelnen Bauherren lediglich wenige stĂ€dtebauliche Vorgaben gemacht. Dementsprechend entstanden Gebiete mit vielfĂ€ltigsten Spielformen der Architektur des Historismus, die auf die ReprĂ€sentationsansprĂŒche des grĂŒnderzeitlichen BĂŒrgertums abgestimmt waren. Herausragende Beispiele und Vorbild fĂŒr viele spĂ€tere Anlagen waren die Villenkolonien in Lichterfelde bei Berlin, die ab etwa 1850 entstanden. Lichterfelde-West ist bis heute weitgehend erhalten und steht nach Jahren des Mietwohnungsbaus auf GrundstĂŒcken zerstörter Villen inzwischen großflĂ€chig unter Denkmalschutz. Auch in Bonn-Bad-Godesberg, Hamburg-Marienthal,Wiesbaden, Wuppertal-Elberfeld, Weimar, Eisenach oder Potsdam finden sich noch ausgedehnte alte Villenkolonien, in fast allen GroßstĂ€dten gibt es bis heute noch kleinere Quartiere oder wenigstens Reste derselben. Beispielhaft sind auch die Dresdner Villen oder die im Westen Dresdens liegenden Radebeuler Villenstadtteile OberlĂ¶ĂŸnitz und NiederlĂ¶ĂŸnitz.

Auf dem Wohnungsmarkt sind heute die WohnhĂ€user des spĂ€ten Historismus wieder sehr begehrt und werden von der Immobilienbranche gerne pauschal als Jugendstil-Haus vermarktet, auch wenn das angebotene Objekt meist keine oder kaum Merkmale des Jugendstils aufweist. In einigen deutschen StĂ€dten gibt es noch große geschlossene Gebiete dieser Art, zum Beispiel große und reprĂ€sentative EtagenhĂ€user in Hamburg-Eppendorf und Villen rund um die Außenalster.

LĂ€nder der Donaumonarchie

Österreich

Historistisch geprÀgtes Stadtbild in Wien um 1900: UniversitÀt im Neorenaissance-Stil (1877-84), im Hintergrund die neugotische Votivkirche (1856-79)
Herz-Jesu-Kirche in Graz, Backsteingotik

Der Historismus ist nach wie vor als Wiener Historismus der dominierende Stil in Wien, nach dessen Muster ganze Stadtviertel errichtet wurden. Es gab zwei Höhepunkte der BautĂ€tigkeit: beim Bau der Ringstraße, der in den 1860er-Jahren begonnen wurde und den Ringstraßenstil prĂ€gt, und bei der Regulierung des Wienflusses um 1900, bei der allerdings teilweise auch schon im Jugendstil gebaut wurde. Außerhalb von Wien gibt es nur in Graz und Linz grĂ¶ĂŸere vom Historismus geprĂ€gte Stadtviertel.

Eine bedeutende Richtung des SpĂ€thistorismus in Österreich, die vorrangig im Villen-, Hotel- und Sanatoriumsbau eingesetzt wurde, ist der auch in der Schweiz vertretene Heimatstil. Dieses StilphĂ€nomen wurde auch als Tirolerhaus-, LaubsĂ€ge-, Schweizerhaus-, oder Fachwerkstil bezeichnet, bzw. nach einzelnen Charakteristika in diese Gruppen unterteilt. Sehenswerte Bauten finden sich vorwiegend in den Kurorten der k.u.k. Monarchie, wie etwa Bad Ischl oder Reichenau an der Rax und entlang der SĂŒdbahnstrecke. Zu erwĂ€hnen ist hier der Semmering mit seiner Villenkolonie und dem SĂŒdbahnhotel. Analog zu den großen und luxuriösen Hotelbauten wurden um 1900 in Österreich auch die Kuranstalten gerne im Heimatstil ausgefĂŒhrt. So waren die berĂŒhmten österreichischen Lungensanatorien des östlichen Alpenvorlandes, wie etwa das Henriette Weiss-Sanatorium, das Sanatorium am Hochegg oder das Sanatorium Wienerwald durchgehend im Heimatstil errichtet.


Der Wiener Historismus lebte in der Donaumonarchie, wo er sozusagen zum „Reichsstil“ wurde, bis 1914 weiter (Prag, Laibach, Agram, etc.). Um 1900 war Neobarock der hĂ€ufigste Baustil, der auch „patriotisch“ konnotiert war: mit ihm knĂŒpfte man (unter dem Etikett Maria-Theresien-Stil) vermeintlich an das 18. Jahrhundert und dessen KulturblĂŒte in Österreich an.

Romantische Vorstellungen ließen hier, wie auch in anderen LĂ€ndern zahlreiche Burgen, so Burg Liechtenstein und Burg Kreuzenstein wiederentstehen.

Ungarn

Auch im damals rasant wachsenden Budapest wurden zahlreiche GebĂ€ude im historistischen Stil entwickelt. Eines der reprĂ€sentativsten und grĂ¶ĂŸten Bauten der Neugotik ist das ungarische ParlamentsgebĂ€ude. Die neugotische Gestaltung setzt sich auch im Inneren mit historistischen GemĂ€lden, Skulpturen und Fenstern fort, die die ungarische Geschichte nachzeichnen. Im GebĂ€udekomplex der Burg Vajdahunyad findet man fast jeden Baustil des Historismus auf engerem Raum, vom romanischen Stil ĂŒber die Gotik und Renaissance bis zum Barock.

Ein historistisches Ensemble, hauptsĂ€chlich im Neorenaissance-Stil, stellt auch die AndrĂĄssy Ășt (AndrĂĄssy-Straße) dar.

Schweiz

Das Bundeshaus in Bern, davor der Bundesplatz

Auch in der Schweiz hat sich fĂŒr einige Jahrzehnte der Historismus durchgesetzt, wofĂŒr insbesondere das Schweizerische Landesmuseum in ZĂŒrich steht. Im jungen Bundesstaat des ausgehenden 19. Jahrhunderts war die RĂŒckbesinnung auf die eigene Geschichte von großer Bedeutung. Die RĂŒckbesinnung auf die Geschichte fĂŒhrte in der Architektur zur Verwendung historischer Stilelemente und ihre Verschmelzung zu einem neuen Ganzen.

Historistische Architekten (ZufÀllige Auswahl)

Literatur

  • Dieter Dolgner: Historismus - Deutsche Baukunst 1815-1900 (Deutsche Baukunst). Leipzig 1993

Siehe auch

Quellen

  1. ↑ Albrecht Mann: "Unser Aachen heute. Aachens Architektur im Stilwandel des 20. Jahrhunderts." Helios, Aachen/Belgien, 1998, S.11. stilisierter Manierismus Bez. v. RMS.
  2. ↑ SĂ€chsische Zeitung vom 8. Juli 2006
  3. ↑ Freie Presse, 8. Januar 2009

Weblinks

 Commons: Historistische Architektur â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Historismus â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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