Holismus


Holismus
Die Erde von Apollo 17 aus gesehen

Der Holismus (gr. ὅλος holos „ganz“), auch Ganzheitslehre, ist die Lehre, dass die Elemente eines Systems – einer „Ganzheit“ oder „Gestalt“ – durch die Strukturbeziehungen vollständig bestimmt sind. Konkret ist dies beispielsweise die Auffassung, dass sich die Identität von Personen restlos aus der Staats- und Gesellschaftsform ergibt, in der sie leben. Der Holismus ist die entgegengesetzte Position zum Reduktionismus. Die Bezeichnung geht auf Jan Christiaan Smuts in seinem 1926 erschienenen Buch Holism and Evolution zurück. Holistische Grundauffassungen finden sich aber auch in früheren Epochen, etwa in den Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Aristoteles („Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“). Hauptargument des Holismus gegen den Reduktionismus ist die Problematik der „Emergenz“, d. h. der nicht vollständigen Erklärbarkeit des Ganzen aus den Eigenschaften seiner Teile.

Inhaltsverzeichnis

Holismus in der Biologie

Jan Christiaan Smuts baute seine Theorie des Holismus auf der Grundlage des Gedankens einer schöpferischen Evolution auf. Hierzu versuchte er eine Synthese von Wissenschaft und Philosophie, indem er sagte, dass zur Erklärung der Evolution beides nötig ist, zum einen die Strukturen (Gegenstand der Wissenschaften) und die Prinzipien (Gegenstand der Philosophie). Um die Natur zu verstehen, muss ein Teil von ihr genommen werden, der beides beinhaltet. Materie und Leben bestehen beide aus Teilstrukturen, deren Anordnung zu natürlichen Ganzen führt. Diese Teilstrukturen sind ebenso jeweils ein Ganzes. Ob es sich um ein Atom, ein Molekül, eine chemische Verbindung, Pflanzen, Tiere oder Staaten handelt, alles ist jeweils ein Ganzes. Konglomerate dieser Ganzheiten bilden wieder ein neues Ganzes mit neuen Funktionen und Fähigkeiten. Diese Ganzheit bzw. dieser Holismus ist die treibende Kraft der Evolution, ihre vera causa, wie Smuts sagt, welche Einfluss auf die Mechanismen der Evolution, Variation und Selektion, ausübt. Die verschiedenen Formen der Variation wurden nach Smuts durch individuelle Zweckmäßigkeit, Gebrauch (Nutzung von Körperteilen auf neue Art) und durch physikalische Umweltbedingungen erklärt. Jede Variation ist keine isolierte Variation eines Teiles des Organismus, sondern besteht immer aus mehreren Variationen, die den Organismus als Ganzen verändern, so Smuts. „Die Variation A umfasst zwangsläufig eine Anzahl gleichgerichteter Anpassungen, die von A abhängig sind und nicht unabhängig verursacht oder erhalten werden. (…) Hier trifft das Ganze die ‚Auswahl‘ durch die Anwendung seiner zentralen Aufsicht.“[1] Bei Smuts ist der Holismus nicht nur ein Erklärungsprinzip, sondern gleichsam selbst tätig, als schöpferische Ursache der Evolution.

Adolf Meyer-Abich hat eine umfassende Holismuskonzeption in ontologischer wie epistemologischer Perspektive entwickelt. Der Holismusbegriff ist bei Meyer-Abich ein relativer und korrelativer Begriff. Für Haldane und Meyer-Abich sind die biologischen Gesetze nicht aus den physikalischen Gesetzen ableitbar, da die physikalischen Gesetze Vereinfachungen der biologischen Gesetze sind, und damit die biologischen universaler und allgemeingültiger sind als die physikalischen. Die Biologie enthält demnach die Theorien der Physik und Chemie, wobei, so Meyer-Abich, die physikalischen Theorien durch Simplifikation aus den biologischen ableitbar sind, nicht jedoch umgekehrt.

Holismus im strukturalistischen Sinn

In einem strukturalistischen Sinn wird Holismus auch als „Umstand“ definiert, dass die Elemente eines Gegenstandsbereiches nur durch ihre wechselseitigen Beziehungen das sind, was sie sind.[2] Beispiel: Ein Medikament gegen ein bestimmtes Leiden enthalte einen Wirkstoff, dessen Wirkung Linderung verspricht. Dieses ist der relevante Gegenstandsbereich einer gezielten Behandlung. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen Leidenslinderung und der Wirkung des Medikamentes. Im holistischen Sinne klammert dieser Umstand alle Wirkungen des Medikamentes aus, die nicht in Beziehung zur Leidenslinderung stehen. Jene ausgeklammerten Wirkungen werden für sich genommen landläufig als Nebenwirkungen bezeichnet, obwohl es sich im eigentlichen, nichtholistischen Sinne ebenfalls um Wirkungen handelt. Die Wirkung wird zur Nebenwirkung, wenn sie nicht Bestandteil des Gegenstandsbereiches ist. Enthält das Medikament trotz lindernder Wirkung keinen Wirkstoff, besteht dennoch eine wechselseitige Beziehung. Somit ist der analytisch kausale Zusammenhang zwischen den Elementen eines Gegenstandsbereiches für den Holismus keine Bedingung.

Semantischer Holismus

Der semantische Holismus vertritt die Auffassung, dass die Bedeutung eines Satzes nur durch den Gesamtzusammenhang in der jeweiligen Sprache ermittelt werden könne. Er wurde u.a. von Quine und Davidson vertreten.

Erkenntnistheoretischer Holismus

Nach dem erkenntnistheoretischen Holismus (auch: epistemischer Holismus) kann eine Hypothese nicht isoliert, sondern nur im Kontext einer umfassenden Theorie überprüft (falsifiziert) werden (Siehe auch: Duhem-Quine-These). Ein Vertreter war Norwood Russell Hanson.

Der erkenntnistheoretische Holismus hängt mit dem semantischen Holismus zusammen.

Methodologischer Holismus

Als methodologischen Holismus (oder auch Methodologischer Kollektivismus) bezeichnet man die holistische Position, gemäß der Ganzheiten als soziale Ganzheiten untersucht werden sollen und nicht auf individuelle Besonderheiten, z. B. auf Handlungen von Einzelpersonen, reduziert werden (Nagel, Mandelbaum, Goldstein) sollen.

Der methodologische Holismus ist eine Konsequenz des soziologischen Holismus, aber nicht umgekehrt.

Soziologischer Holismus

Als soziologischen Holismus bezeichnet man die holistische Position, gemäß der historische und gesellschaftliche Phänomene nicht auf die Beschreibung und Erklärung des Verhaltens von Individuen reduziert werden können.

So gibt es Durkheim zufolge irreduzible, soziale Ganzheiten mit besonderen Eigenschaften.

Der soziologische Holismus hat den methodologischen Holismus zur Folge, aber nicht umgekehrt.

Holismus in der Computer-Theorie des Geistes

In einem strukturalistischen Sinn wird auch bei der Computer-Theorie des Geistes von einem Holismus gesprochen.[3]

Holismus in der Ökonomie

In der Ökonomie ist ein Unternehmen holistisch, wenn es – im Gegensatz zu tayloristischen Firmen – die positiven Skaleneffekte der Arbeitsteilung nicht nutzt.[4]

Siehe auch

Literatur

  • Ernest Nagel: Über die Aussage: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ 1952. In: Ernst Topitsch (Hrsg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln 1971, S. 225–235.
  • Jan Christiaan Smuts: Die holistische Welt. Berlin 1938, (Original: Holism und Evolution, 1926).
  • Adolf Meyer-Abich: Ideen und Ideale der biologischen Erkenntnis. Bios I, Leipzig 1934.
  • Adolf Meyer-Abich: Hauptgedanken des Holismus. In: Acta Biotheoretica. Vol. V, Leiden 1939–1941, S. 85–116.
  • Bernhard Dürken: Entwicklungsbiologie und Ganzheit. Leipzig 1936.
  • John S. Haldane: Die philosophischen Grundlagen der Biologie. Berlin 1932. (Original: The philosophical basis of biology 1931).
  • Anne Harrington: Die Suche nach Ganzheit. Die Geschichte biologisch-psychologischer Ganzheitslehren. Vom Kaiserreich bis zur New-Age-Bewegung. rororo, Reinbek 2002, ISBN 3-499-55577-8.
  • Edith Hagenaar: Leuchtend Leben - Holismus, das Prinzip des ganzheitlichen Lebens, auf den Punkt gebracht. Gronau 2007, ISBN 978-39-81175-226.
  • Jan Christian Smuts by Jan Christian Smuts. In: Online-Fassung.
  • Martin van Meurs: J.C. Smuts - Staatsmann, Holist, Generaal. SAI, 1997, Seite 516, Online-Fassung.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Holismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Jan Christiaan Smuts: Die holistische Welt, Berlin 1938, S. 215.
  2. Vgl. Detel, Grundkurs Philosophie, Band 3 (2007), S. 30
  3. von Detel, Grundkurs Philosophie, Band 3 (2007), S. 30
  4. Vgl. Snower/Lindbeck „Reorganization of firm and labor market inequality“, in: The American Economic Review, Vol. 86, No. 2, January 5–7, 1996. (May, 1996), pp. 315–321.

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