Hundertjähriger Krieg

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Hundertjähriger Krieg
Zeitgen√∂ssische Miniatur der Schlacht von Auray (1364); Chroniques von Jean Froissart (1337‚Äď1405)

Als Hundertj√§hriger Krieg (franz√∂sisch Guerre de Cent Ans, englisch Hundred Years‚Äô War) werden der englisch-franz√∂sische Konflikt und der sich daran anschlie√üende franz√∂sische B√ľrgerkrieg der Armagnacs und Bourguignons zwischen 1337 und 1453 bezeichnet. Den Hintergrund bildete erstens ein lehnsrechtlicher Streit um die Besitzungen und die Rolle der englischen K√∂nige als Herz√∂ge von Aquitanien im K√∂nigreich Frankreich, der sich daran anschlie√üende Streit um die Thronfolge in Frankreich zwischen dem englischen K√∂nig Eduard III. (Haus Plantagenet) und Philipp VI. (Haus Valois), sowie drittens ein innerfranz√∂sischer Konflikt um Macht und Einfluss zwischen den Parteien der Bourguignons und der Armagnacs. Der Krieg endete mit einem Sieg der Valois. Er hat entscheidend zur Herausbildung eines Nationalbewusstseins in Frankreich und England beigetragen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte

Historiker Henri Martin (1810‚Äď1883)
Historiker John Richard Green (1837‚Äď1883)

Der Begriff ‚ÄěHundertj√§hriger Krieg‚Äú wurde von Historikern r√ľckblickend eingef√ľhrt und bezeichnet traditionell die Zeit von 1337 bis 1453, in der englische K√∂nige versuchten, ihre Anspr√ľche auf den franz√∂sischen Thron mit Waffengewalt durchzusetzen. Dennoch bestand dieser Konflikt aus mehreren Phasen und einzelnen Kriegen, die erst sp√§ter als ein einziger Komplex verstanden wurden.

Bereits zeitgen√∂ssische franz√∂sische Chronisten datierten die Kriege jener Zeit zur√ľck bis ins Jahr 1328 und deuteten somit die gr√∂√üeren Zusammenh√§nge an. So schrieb zum Beispiel Eustache Deschamps um das Jahr 1389 in einem Gedicht von gegenw√§rtigen K√§mpfen, die seit cinquante deux ans (52 Jahren) andauerten. Auch im 16. Jahrhundert erkannte man einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Kampfhandlungen. So bemerkte J. Meyer in seinem Commentaria sive Annales Rerum Flandicarum, dass der Krieg zwischen England und Frankreich in seinen Intervallen √ľber hundert Jahre dauerte.[1] Doch erst Jean de Montreuil ging in seinem 1643 erschienenem Buch Histoire de France explizit von einem einzigen Krieg aus, der von 1337 bis 1497 angedauert habe. Darin folgten ihm sp√§ter auch englische Historiker wie David Hume in seiner History of England (1762) und Henry Hallam in seinem View of the State of Europe During the Middle Ages (1818), auch wenn sie in Bezug auf die Dauer des Konfliktes abwichen.[2]

In Frankreich machte Professor Fran√ßois Guizot diese Herangehensweise ab 1828 bekannt, auch wenn der konkrete Begriff ‚Äěguerre de cent ans‚Äú bereits einige Jahre √§lter war. Zum ersten Mal verwendete ihn C. Desmichels im Jahre 1823 in seinem Tableau chronologique de l'Histoire du Moyen Age. Das erste Buch, welches diesen Begriff als Titel trug, erschien 1852 von Th√©odore Bachelet.[3] Kurz darauf, im Jahre 1855, machte der Historiker Henri Martin den Begriff und ein umfassendes Konzept dazu in seiner popul√§ren Histoire de France bekannt. Begriff und Konzept setzten sich in Frankreich schnell durch. Bereits 1864 verwendete ihn Henri Wallon und sp√§ter auch Fran√ßois Guizot selbst in seiner Histoire de France (1873). Im englischsprachigen Raum setzte sich Edward Freeman seit 1869 f√ľr eine √úbernahme des franz√∂sischen Begriffes ein. John Richard Green folgte diesem Rat in seiner Short History of the English People (1874) und in den folgenden Jahren erschienen in Gro√übritannien zahlreiche Monographien unter diesem Titel. Die Encyclop√¶dia Britannica verzeichnete ihn erstmals in ihrer Ausgabe von 1879.[4]

Im 20. Jahrhundert wurde dieses Konzept mehrfach kritisiert. Man wies darauf hin, dass es lediglich die dynastischen Aspekte und eine bestimmte Phase der englisch-franz√∂sischen Beziehungen hervorhob, die sich nicht wesentlich von der vorangegangenen Entwicklung seit der normannischen Eroberung Englands (1066) unterschied. Andere Historiker vertraten die Ansicht, dass die verschiedenen Phasen und Kriege des Konfliktes zu unterschiedlich w√§ren, als dass sie zusammengefasst werden k√∂nnten. Auch stellte es einen Kritikpunkt dar, dass die Festlegung des Kriegsendes auf 1453 willk√ľrlich sei, denn dem Fall von Bordeaux folgte kein Friedensschluss und auch danach kam es 1474, 1488 und 1492 zu englischen Invasionen, die in der Tradition des vorangegangenen Konfliktes lagen. Weiterhin hielt die englische Krone die Stadt Calais bis zum Jahr 1558, w√§hrend sie ihre Anspr√ľche auf den franz√∂sischen Thron bis zum Jahr 1802 behauptete. So unterschiedlich die Kritik ausfiel, so unterschiedlich sehen bis heute die verschiedenen Konzepte aus, die daraus resultierten. Gemeinsam ist ihnen lediglich eine allgemeine Abkehr von der nationalen Herangehensweise des 19. Jahrhunderts. Wie der Historiker Kenneth Fowler betonte, betrachtet man die Geschichte des Krieges inzwischen als anglo-franz√∂sisch statt englisch und franz√∂sisch. Dies sei notwendig, weil es ein ‚ÄěEngland‚Äú oder ‚ÄěFrankreich‚Äú in unserem heutigen Verst√§ndnis vor 1337 nicht gab und beide vorstaatlichen Gebilde eng ineinander verwoben waren. Ihre Losl√∂sung voneinander ergab sich erst im Laufe des Konfliktes selbst.[5]

Hintergrund und Vorgeschichte

Das anglo-französische Verhältnis

Die Lehen der englischen Könige (rot) in Frankreich auf dem Höhepunkt ihrer territorialen Ausbreitung (um 1173).

1066 hatte der normannische Herzog William I. England erobert und sich dort zum K√∂nig ausgerufen. In der Folge stellten die mit ihm in das Land gekommenen Adeligen die neue Aristokratie Englands. Sie blieben der franz√∂sischen Herkunft noch lange kulturell und von ihrem Selbstverst√§ndnis eng verbunden, die englische Sprache setzte sich bspw. √ľberhaupt erst ab etwa 1250 nach und nach in der herrschenden Schicht durch. Zudem verf√ľgte die englische Aristokratie bis zu Beginn des 13. Jahrhunderts oftmals noch √ľber teilweise betr√§chtlichen Grundbesitz in Frankreich.

Politisch nahmen die englischen K√∂nige eine Doppelrolle ein. W√§hrend sie einerseits England als souver√§nes K√∂nigreich beherrschten und damit dem franz√∂sischen K√∂nig gleichgestellt waren, blieben sie zugleich Herz√∂ge und Grafen in Frankreich und waren in dieser Rolle dem franz√∂sischen K√∂nig lehensrechtlich untergeordnet. Auf dem H√∂hepunkt ihrer territorialen Ausdehnung (1173) beherrschte das so genannte Angevinische Reich neben dem K√∂nigreich England die franz√∂sischen Herzogt√ľmer Normandie, Aquitanien, Gascogne und Bretagne sowie die Grafschaften Anjou, Maine und Touraine. Der souver√§ne englische K√∂nig war damit zugleich gr√∂√üter Grundbesitzer in Frankreich und mit den dortigen Territorien m√§chtigster Vasall des franz√∂sischen K√∂nigs.

Das franz√∂sische K√∂nigsgeschlecht der Kapetinger war stets bem√ľht, die Rolle der anglo-franz√∂sischen Vasallen zu schw√§chen. In einer ganzen Vielzahl von teils diplomatischen, aber auch bewaffneten Konflikten gelang es ihr nach und nach den ungeliebten Vasall zur√ľck zu dr√§ngen. Um die Wende zum 13. Jahrhundert kam es zum Krieg zwischen dem franz√∂sischen K√∂nig Philipp II. und seinem englischen Vasall Johann Ohneland. In der Folge gingen im Jahr 1202 die Grafschaften Touraine und Anjou, 1204 das Herzogtum Normandie sowie 1205 die Grafschaft Maine verloren. Nach einem Streit um die Nachfolge entfernte sich auch die Bretagne 1213 zusehends von England. Alle Versuche des englischen K√∂nigshauses die verlorenen Gebiete zur√ľck zu erobern scheiterten in den folgenden Jahren (Schlachten von Roche-aux-Moines und Bouvines). 1224 besetzte K√∂nig Louis VIII. den √ľberwiegenden Teil Aquitaniens. Der englische K√∂nig Henry III. erkannte die Verluste schlie√ülich 1259 im Vertrag von Paris an. Die wenigen verbliebenen Gebiete Aquitaniens wurden mit der Gascogne zum neuen Herzogtum Guyenne zusammengefasst.

Auch wenn es in den folgenden Jahrzehnten aufgrund der guten pers√∂nlichen Beziehungen zwischen Edward I. und Philipp IV. zun√§chst zu einer gewissen Beruhigung kam, bestand der grunds√§tzliche Gegensatz doch fort. Unter Edward II. auf englischer und Louis X., Philipp V. und schlie√ülich Charles IV. auf franz√∂sischer Seite intensivierten sich die Streitigkeiten ab 1307 erneut. Zentrale Fragen waren hierbei die Huldigung, die der englische K√∂nig als Herzog der Guyenne seinem Lehnsherrn, dem franz√∂sischen K√∂nig, zu leisten hatte und die von ihm als unw√ľrdige Dem√ľtigung empfunden wurde. Auch die Zirkulation englischer M√ľnzen mit dem Konterfei des englischen K√∂nigs in Frankreich, sowie der Streit um gerichtliche Zust√§ndigkeiten[6] belasteten das Verh√§ltnis schwer.[7]

Streit um die französische Thronfolge und um Schottland

Verwandtschaftsverhältnisse

Als 1328 der letzte m√§nnliche Kapetinger und franz√∂sische K√∂nig Charles IV. starb und keine direkten Nachkommen hinterlie√ü, war die Frage der Erbfolge zun√§chst ungekl√§rt. Nach dem geltend gemachten salischen Erbrecht, welches Thronanspr√ľche √ľber weibliche Nachkommen ausschloss, erhob sein Cousin Philipp von Valois als Philipp VI. aus der n√§chsten Nebenlinie der Kapetinger, dem Haus Valois, Anspruch auf den Thron. Aufgrund seiner Abstammung ‚Äď seine Mutter Isabella war die Tochter von Philipp IV. ‚Äď, erhob auch K√∂nig Edward III. von England Anspr√ľche auf die Krone. Dieser Anspruch wurde zun√§chst wieder verworfen, da der erst 15 Jahre alte englische K√∂nig unter der Vormundschaft seiner Mutter sowie ihres Geliebten Roger Mortimer stand, die beide einen schlechten Ruf in Frankreich genossen. Edward konnte somit keine nennenswerte Unterst√ľtzung unter den franz√∂sischen Pairs f√ľr seine Thronfolge erlangen und blieb als Kandidat aussichtslos.

Nachdem Edward 1330 die Regentschaft seiner Mutter und Mortimers abgesch√ľttelt hatte und selbstst√§ndig regierte, bem√ľhte er sich zun√§chst um einen diplomatischen Ausgleich mit Frankreich bez√ľglich der Streitigkeiten in der Gascogne. Unter anderem gab es auch √úberlegungen zu einer englischen Beteiligung an einem in den kommenden Jahren geplanten, franz√∂sischen Kreuzzug nach Outremer zur R√ľckeroberung Jerusalems. Dieser Kurs der Entspannung wurde 1332 aber j√§h unterbrochen, als Edward Balliol mit einer privaten Armee in Schottland landete und die Anh√§nger des minderj√§hrigen K√∂nigs David II. in der Schlacht von Dupplin Moor vernichtend schlug. Balliol kr√∂nte sich selbst zum schottischen K√∂nig, Edward erkannte ihn an und f√ľhrte in den folgenden vier Jahren mehrere bewaffnete Expeditionen mit wechselndem Erfolg in das widerspenstige Schottland um die Herrschaft Balliols und eigene Gebietsgewinne dort abzusichern. Der junge David II. konnte mit Hilfe Philipps VI. fliehen und fand Zuflucht in Ch√Ęteau-Gaillard in Frankreich.

Englisches Wappen mit den drei Leoparden (bis 1340).
Englisches Wappen, die Leoparden sind nun mit den französische Lilien kombiniert (ab 1340).

Aufgrund der so genannten Auld Alliance, einem milit√§rischen Beistandsabkommen zwischen Frankreich und Schottland, sah sich Philipp VI. in der Pflicht zu intervenieren. Nachdem einige diplomatische Offerten keinen Widerhall bei Edward fanden, r√ľstete Philipp 1336 eine Flotte und Landungstruppen aus, um direkt in Schottland bewaffnet eingreifen zu k√∂nnen. Wegen Geldmangels konnten die hochtrabenden Pl√§ne nicht verwirklicht werden, und so wurden die bereits angemusterten Schiffe ab 1337 stattdessen f√ľr sporadische √úberf√§lle auf englische Handelsschiffe und K√ľstenst√§dte genutzt. In England setzte sich zu diesem Zeitpunkt die feste √úberzeugung durch, dass Frankreich bald eine Invasion S√ľdenglands plane. Edward verlie√ü Schottland, startete Bem√ľhungen zum Aufbau einer englischen Kriegsflotte und begann mit ersten Pl√§nen f√ľr eine Invasion Frankreichs.

Neben diesen realpolitischen Auseinandersetzungen gewann eine diplomatische Aff√§re zunehmende Bedeutung. Robert von Artois, ehemals ein enger Berater des franz√∂sischen K√∂nigs, war √ľber die Tatsache, dass er bei der Erbfolge der Grafschaft Artois √ľbergangen worden war mit Philipp und dem Haus Burgund in Streit geraten. Er wurde in die Emigration gezwungen und gelangte 1334 schlie√ülich zum englischen Hof, wo er Aufnahme fand. Ab 1336, vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannungen zwischen Frankreich und England, forderte Philipp die Auslieferung Roberts. Im Dezember schlie√ülich erging ein Befehl an den Seneschall der Gascogne, Robert an den franz√∂sischen K√∂nig zu √ľberstellen. Als Edward, der in dieser Angelegenheit vom franz√∂sischen K√∂nig als sein Vasall angesprochen wurde, der Aufforderung nicht nachkam, erging Befehl, seine franz√∂sischen G√ľter mit Waffengewalt einzuziehen, wozu am 30. April 1337 der Arri√®re-ban, also die Mobilisierung Frankreichs zum Krieg ausgerufen wurde. Etwa ein Jahr sp√§ter, vermutlich im Mai 1338, √ľberbrachte Bischof Henry Burghersh im Auftrag Edwards dem franz√∂sischen K√∂nig ein Schreiben, in dem er seinen Anspruch auf den franz√∂sischen Thron gegen√ľber Philipp erkl√§rte. Die √∂ffentliche Proklamation Edwards zum ‚ÄěK√∂nig von Frankreich‚Äú erfolgte erst am 26. Januar 1340.[8]

Damit waren die politischen Leitlinien beider Parteien im aufziehenden Krieg umrissen: der franz√∂sische K√∂nig ging nach seinem Verst√§ndnis gegen einen unbotm√§√üigen Vasallen vor, w√§hrend der englische K√∂nig proklamierte, lediglich seinen legitimen Anspruch auf den franz√∂sischen Thron gegen einen unrechtm√§√üigen Usurpator durchzusetzen. Beide Auffassungen sollten sich im folgenden Hundertj√§hrigen Krieg scheinbar unvers√∂hnlich gegen√ľberstehen.

Erste Phase 1337‚Äď1386

Im Januar 1340 ernannte sich Eduard III. selbst zum franz√∂sischen K√∂nig und fiel mit seinen Truppen in Frankreich ein. Sein Heer war den Franzosen zwar zahlenm√§√üig unterlegen, dennoch schlug er in der Schlacht von Cr√©cy (1346) die Franzosen vernichtend, denn er f√ľhrte etwa 8000 walisische Langbogensch√ľtzen mit sich, die er taktisch geschickt einsetzte, indem er die Ritter abgesessen zwischen die Bogensch√ľtzen stellte. Im Jahr darauf konnte Calais nach elf Monaten Belagerung eingenommen werden.

1355 flammte der Krieg erneut auf, als der Sohn Eduards III., Edward, Prince of Wales, bei Bordeaux landete. Im September 1356 errangen die Engl√§nder unter dem ‚ÄěSchwarzen Prinzen‚Äú bei Maupertuis in der N√§he von Poitiers ihren zweiten gro√üen Sieg und nahmen K√∂nig Johann II. gefangen, der 1350 Philipp VI. auf den Thron gefolgt war.

1360 beendete der Friede von Br√©tigny die erste Phase des Krieges. Eduard III. erkl√§rte seinen Verzicht auf die franz√∂sischen Thronanspr√ľche gegen ein hohes L√∂segeld f√ľr Johann und die Abtretung von Guyenne, Gascogne, Poitou und Limousin, die er in voller Souver√§nit√§t, ohne Lehnsabh√§ngigkeit von der franz√∂sischen Krone, in Besitz nehmen wollte.

Doch ab 1369 begannen unter Karl V., dem Weisen, die Kriegshandlungen von neuem. In wenigen Jahren eroberten die Franzosen einen gro√üen Teil der verlorengegangenen Gebiete zur√ľck. Sie besiegten 1372 mit Hilfe der Kastilier die englische Flotte bei La Rochelle, eroberten unter Bertrand du Guesclin gro√üe Teile der Gascogne zur√ľck und vertrieben die englischen Besatzungen aus der Normandie und der Bretagne.

Der fr√ľhe Tod des Thronfolgers Edward of Woodstock 1376 und der seines Vaters Eduard III. im darauffolgenden Jahr brachten die englischen Aktionen vorerst zum Erliegen. Nachdem Frankreich die meisten besetzten Gebiete zur√ľckerobert hatte, wurden 1386 die Kampfhandlungen beendet, womit sich beide Seiten eine 28-j√§hrige Pause verschafften; ein offizieller Friedensvertrag wurde jedoch erst 1396 unterzeichnet.

Zweite Phase 1415‚Äď1435

Frankreich 1429 bis 1453

Auf den letzten Plantagenet folgten in England zwei f√§hige Lancasters. Nach Konsolidierung der Macht und der Vers√∂hnung zwischen Krone und Parlament r√ľckten die Expansionsgel√ľste wieder in das zentrale Interesse Englands. Ihr Ziel waren die reichen St√§dte Flanderns und die weiten G√ľter Aquitaniens.

Frankreichs durch Karl V. kurzzeitig wiedergewonnene St√§rke zerrann unter seinem geistesschwachen Nachfolger Karl VI., dem pl√∂tzlichen Tod des Dauphins Ludwig und den erbitterten K√§mpfen der Hofparteien des Herzogs von Orl√©ans (Armagnacs) und des Herzogs von Burgund (Bourguignons). Die Ermordung beider Parteif√ľhrer trieb die Burgunder 1414 in ein B√ľndnis mit England (siehe B√ľrgerkrieg der Armagnacs und Bourguignons).

1413 folgte Heinrich V., Urenkel Eduards III. aus dem Haus Lancaster, seinem Vater als englischer K√∂nig und erneuerte den Anspruch auf den franz√∂sischen Thron. Er nutzte die politische Lage in Frankreich aus, belagerte 1415 mit seinen Truppen Harfleur und wollte die Normandie erobern. Als Charles d‚ÄôAlbret mit franz√∂sischen Truppen nahte, zog sich Heinrich in Richtung Calais zur√ľck, wurde aber nach geschickter Umgehung aufgehalten und zum Kampf gezwungen.

Die Schlacht von Agincourt (franz. Azincourt) in einer zeitgenössischen Darstellung

Nach starkem Regen kam es am Morgen des 25. Oktober 1415 zur Schlacht von Azincourt. Die Engl√§nder waren dabei zahlenm√§√üig unterlegen (nach dem sich hierzu entwickelnden patriotischen britischen Mythos im Verh√§ltnis 1:4, nach neueren Erkenntnissen nur im Verh√§ltnis 2:3), da Heinrich V. bereits einen Gro√üteil seines Heeres bei der Belagerung durch Seuchen verloren hatte. Aber eine schlechte Schlachtaufstellung der franz√∂sischen Armbrustsch√ľtzen und der vom Regen aufgeweichte Boden lie√üen die √ľberm√ľtigen schweren franz√∂sischen Ritter und die Artillerie im Schlamm stecken bleiben. So wurde der franz√∂sische Gegenangriff zur√ľckgeschlagen. Die Franzosen gerieten in Unordnung und Panik und wurden schlie√ülich von den englischen Langbogensch√ľtzen niedergestreckt. Um gen√ľgend M√§nner f√ľr den letzten halbherzigen Angriff versprengter Franzosen bereit zu haben, lie√ü Heinrich den Gro√üteil der in der Zwischenzeit gefangenen Franzosen kurzerhand t√∂ten. Die Schlacht endete f√ľr Frankreich in einer Katastrophe: 5000 Mann des franz√∂sischen Adels und der Ritterschaft waren gefallen, weitere 1000 gefangengenommen. Die Engl√§nder hatten nur etwa 100 Mann Verluste zu beklagen.

Heinrich V. setzte 1417 seinen Eroberungsfeldzug fort, bei dem er weite Teile Nordfrankreichs unter englische Herrschaft brachte. In Paris fielen die Burgunder ein und √ľbernahmen die Herrschaft √ľber die Stadt. Nachdem sich K√∂nig Karl VI. und seine Gattin Isabeau 1418 in der Gewalt der Burgunder befanden, floh der erst 16 Jahre alte letzte Thronerbe, der sp√§tere Karl VII., aus der Stadt nach S√ľdfrankreich und verb√ľndete sich dort mit den Armagnacs.

Im Vertrag von Troyes erkl√§rte 1420 Isabeau f√ľr Karl VI. schlie√ülich ihren Sohn, Karl den Dauphin, f√ľr illegitim und schloss ihn damit von der Thronfolge aus. Als Erbe wurde Heinrich V. eingesetzt. Dieser starb √ľberraschend 1422. Karl VI. folgte ihm kurz darauf ins Grab. Die Franzosen erkannten den Vertrag daraufhin nicht mehr an und riefen den Dauphin als Karl VII. zum K√∂nig von Frankreich aus. Der englische Regent John of Lancaster war bestrebt, die Anerkennung des Vertrages von Troyes im gesamten K√∂nigreich f√ľr den einj√§hrigen Heinrich VI. durchzusetzen.

Die Engl√§nder eroberten Nordfrankreich bis zur Loire-Linie und begannen 1428 mit der Belagerung von Orl√©ans, dem Schl√ľssel zu S√ľdfrankreich und dem Dauphin in Bourges. In dieser verzweifelten Lage sch√∂pften die Franzosen durch das Auftauchen eines jungen M√§dchens wieder neuen Mut ‚Äď Johanna von Orl√©ans. Von ihren g√∂ttlichen Visionen geleitet, √ľberzeugte sie den Dauphin, dass sie die Franzosen zum Sieg f√ľhren w√ľrde. Ihr Einsatz f√ľhrte zum Ende der Belagerung von Orl√©ans durch die Engl√§nder.

1429 wurde Karl VII. in Reims zum K√∂nig von Frankreich gekr√∂nt. Es wurden bald darauf, unter dem Einfluss der Friedenspartei am Hofe, Friedensvertr√§ge mit Philipp dem Guten von Burgund geschlossen. Diese nutzte Philipp jedoch dazu, Verst√§rkung nach Paris zu schaffen. Als der Angriff auf Paris letztendlich erfolgte, wurden die Franzosen unter schweren Verlusten zur√ľckgeschlagen. Karl und seinen Ratgebern wurde klar, dass die englisch-burgundische Allianz zu stark war und gebrochen werden musste.

Karl VII. untersagte Johanna von Orl√©ans jede weitere milit√§rische Aktion, um die fortschreitenden Verhandlungen mit den Burgundern nicht weiter zu gef√§hrden. Johanna zog daraufhin auf eigene Faust gegen die Besatzer. Karl entledigte sich ihrer durch Verrat bei Compi√®gne; sie wurde von den Burgundern gefangengenommen und f√ľr stattliche 10.000 Franken an die Engl√§nder verkauft. In dem folgenden Inquisitionsprozess wurde Johanna ein Pakt mit dem Teufel, das Tragen von M√§nnerkleidung und ein kurzer Haarschnitt vorgeworfen. Am Ende wurde sie der Ketzerei f√ľr schuldig befunden und am 30. Mai 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Schließlich erreichte Karl VII. durch die Vermittlung von Papst Eugen IV. und dem Konzil von Basel im Vertrag von Arras (1435) eine Verständigung und die Lösung Burgunds von England.

Dritte Phase 1436‚Äď1453

Frankreich nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges

Doch selbst mit dem Tod von Johanna konnten die Engländer die Niederlage im Hundertjährigen Krieg nicht mehr abwenden. Heinrich VI. wurde zwar noch im selben Jahr in Paris zum französischen König gekrönt, doch hatte dies nicht annähernd die gleiche politische Wirkung wie die Krönung Karls in Reims.

Nachdem 1435 der Herzog von Burgund das B√ľndnis mit England aufgegeben hatte, waren die Franzosen auf dem Vormarsch. Der seit 1436 m√ľndige, aber leicht beeinflussbare Heinrich VI. von England vermochte dem nichts entgegenzusetzen. 1436 bis 1441 erfolgte die R√ľckeroberung der √éle-de-France, trotz des franz√∂sischen Adelsaufstandes der Praguerie unter einem der wichtigsten franz√∂sischen Feldherrn und Diplomaten, Jean de Dunois. 1437 zog Karl VII. ‚Äď der Siegreiche ‚Äď in die Hauptstadt Paris ein. Darauf folgten franz√∂sische Vorst√∂√üe nach S√ľdwestfrankreich (1442) und in die Normandie (1443), die nach dem Waffenstillstand von 1444 in den Jahren 1449/50 endg√ľltig an Frankreich verloren ging.

Die Handlungsunf√§higkeit der Engl√§nder resultierte aus der Verbannung und Ermordung des wichtigsten Ratgebers des K√∂nigs durch das Parlament, den Aufstand 1451 und dem 1452 versuchten Staatsstreich des Herzogs von York. 1453 folgte der gesundheitliche Zusammenbruch des K√∂nigs. Die um ihren Br√ľckenkopf Calais besorgten Engl√§nder er√∂ffneten eine Gegenoffensive, die aber mit Niederlage und Tod des englischen Heerf√ľhrers John Talbot bei Castillon endete. Bordeaux unterwarf sich endg√ľltig der franz√∂sischen Krone (1453).

Mit diesem Sieg fielen fast alle von Engl√§ndern beherrschten Territorien auf dem Festland ‚Äď Calais erst 1559 ‚Äď an Frankreich zur√ľck. Das Ende des Hundertj√§hrigen Krieges hatte eine gro√üe Zahl besch√§ftigungsloser S√∂ldner nach England zur√ľckgef√ľhrt, welches in den folgenden 31 Jahren in den Rosenkriegen zwischen den H√§usern Lancaster und York versank. Bis 1815 nannten sich die englischen Monarchen auf offiziellen Dokumenten K√∂nige von Frankreich, 1820 wurde der Anspruch dann endg√ľltig aufgegeben.

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ F√ľr einige Beispiele siehe Philippe Contamine: La guerre de Cent ans. Paris 1968, S. 5f
  2. ‚ÜĎ Kenneth Fowler: The Age of Plantagenet and Valois ‚Äď The Struggle for Supremacy 1328‚Äď1498, Bergamo 1967, S.13
  3. ‚ÜĎ Philippe Contamine: La guerre de Cent ans, Pais 1968, S.5, Fn. 1
  4. ‚ÜĎ Kenneth Fowler: The age of Plantagenet and Valois ‚Äď The struggle for supremacy 1328‚Äď1498, Bergamo 1967, S.13f
  5. ‚ÜĎ Kenneth Fowler: The age of Plantagenet and Valois ‚Äď The struggle for supremacy 1328‚Äď1498, Bergamo 1967, S.14
  6. ‚ÜĎ Aufgrund eines Erlasses konnten sich franz√∂sische Untertanen in einem Rechtsstreit mit der f√ľrstlichen Obrigkeit direkt an das Pariser Parlement richten, wodurch der franz√∂sische K√∂nig oberster Gerichtsherr wurde und direkt im Territorium eines Vasallen Recht sprechen konnte. Nicht selten verschleppte Paris damals Verfahren der franz√∂sischen Untertanen des englischen K√∂nigs oder entschied "politisch", wodurch seine Autorit√§t und Handlungsf√§higkeit als Herzog der Guyenne bewusst untergraben wurde.
  7. ‚ÜĎ vgl. Sumption, Volume 1, Kapitel 1-3
  8. ‚ÜĎ vgl. Sumption, Volume 1, Kapitel 4-8

Quellen

  • Jean Froissart: Chroniques de France, d'Angleterre, d'Ecosse, de Bretagne, de Gascogne, de Flandre et lieux circonvoisinsan. Entstanden um 1370‚Äď1405.

Literatur

  • Christopher T. Allmand: The Hundred Years War. England and France at War c.1300 ‚Äď c.1450. Cambridge University Press: Cambridge 1988. ISBN 978-0521319232
  • C. A. J. Armstrong: England, France and Burgundy in the Fifteenth Century. Hambledon Continuum: London 1983. ISBN 978-0907628132
  • Philippe Contamine: Hundertj√§hriger Krieg. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 5, Artemis & Winkler, M√ľnchen/Z√ľrich 1991, ISBN 3-7608-8905-0, Sp. 215‚Äď218.
  • Philippe Contamine: La guerre de cent ans. 9. Auflage. Presses Universitaires de France: Paris 2010. ISBN 978-2130583226
  • Philippe Contamine: La vie quotidienne pendant la guerre de cent ans. France e Angleterre (XIVe si√®cle). Hachette: Paris 1976.
  • Philippe Contamine u.a. (Hrsg.): Guerre et soci√©t√© en France, en Angleterre et en Bourgogne, XIVe et XVe si√®cle. Universit√© Lille 3 Charles-de-Gaulle: Lille 1991. ISBN : 2-905637-11-0
  • Anne Curry: The Hundred Years War. 1337-1453. Osprey Publishing: Elms Court 2002. ISBN 1-84176-269-5
  • Anne Curry und Michael Hughes (Hrsg.): Arms, Armies and Fortifications in the Hundred Years War. 2. Auflage. Boydell & Brewer Inc: Woodbridge 1999. ISBN 0851157556
  • Joachim Ehlers: Der Hundertj√§hrige Krieg. Beck: M√ľnchen 2009. ISBN 978-3-406-56275-4
  • Jean Favier: La guerre de cent ans. Fayard: Paris 1980. ISBN 978-2213008981
  • Kenneth Fowler: The age of Plantagenet and Valois ‚Äď The struggle for supremacy 1328‚Äď1498. Elek Ltd: Bergamo 1967. ISBN 978-0236308323
  • Gerald Harriss: Shaping the Nation; England 1360‚Äď1461. Oxford University Press: Oxford 2005. ISBN 0-19-822816-3
  • Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs. UTB: Stuttgart 2000. ISBN 978-3825221454
  • Desmond Seward: The Hundred Years War: The English in France 1337‚Äď1453. Penguin: London, New York 1999. ISBN 978-0140283617
  • Jonathan Sumption: The Hundred Years War. Volume 1: Trial by Battle. Faber and Faber Limited: London 1990. ISBN 0-571-20095-8
  • Jonathan Sumption: The Hundred Years War. Volume 2: Trial by Fire. Faber and Faber Limited: London 1999. ISBN 0-571-20737-5
  • Jean Verdon: Les Francaises pendant la guerre de cent ans (d√©but du XIVe si√®cle-milieu du XVe si√®cle). Perrin: Paris 1990. ISBN 2-262-00841-8

Weblinks

 Commons: Hundertj√§hriger Krieg ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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  • Der Hundertj√§hrige Krieg ‚ÄĒ Zeitgen√∂ssische Miniatur der Schlacht von Auray (1364); ¬ĽChroniques¬ę¬†von Jean Froissart (1337‚Äď1405) Als Hundertj√§hriger Krieg (franz√∂sisch Guerre de Cent Ans, englisch Hundred Years‚Äô War) wird der englisch franz√∂sische Konflikt und der… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Gugler-Krieg ‚ÄĒ Als Gugler werden englische und franz√∂sische S√∂ldner bezeichnet, die Ende des Jahres 1375 unter der F√ľhrung von Enguerrand VII. de Coucy pl√ľndernd durch das schweizerische Mittelland zogen. De Coucy stammte m√ľtterlicherseits von den Habsburgern… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Liste der Kriege ‚ÄĒ Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer √úberarbeitung. N√§heres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschlie√üend diese Markierung. Liste von Kriegen Inhaltsverzeichnis 1 Antike ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

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  • Battle of Agincourt ‚ÄĒ Schlacht von Agincourt Teil von: Hundertj√§hriger Krieg Zeitgen√∂ssische Darstellung ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

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