HĂ€resie

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HĂ€resie

Als HĂ€resie (von altgriechisch αጔρΔσÎčς/haĂ­resis; dt. Wahl, Anschauung, Schule, Ketzerei)[1] oder Heterodoxie (von áŒ‘Ï„Î”ÏÎżÎŽÎżÎŸÎŻÎ±/heterodoxia; dt. verschiedene Meinung)[1] wird eine Lehre bezeichnet, die im Widerspruch zur Lehre einer christlichen Großkirche oder einer anderen vorherrschenden Auffassung steht und beansprucht, selbst die Wahrheit richtiger zum Ausdruck zu bringen. Gegenbegriff ist Orthodoxie (RechtglĂ€ubigkeit). Eine Lehre oder Lebensform kann prinzipiell nur relativ zu einer anderen – als „orthodox“ beurteilten – als hĂ€retisch bezeichnet werden.[2]

Der Begriff HĂ€resie wird sowohl im Kontext der katholischen Kirche gebraucht als auch in orthodoxen Kirchen, protestantischen bzw. evangelischen Kirchen, im Judentum, im Islam und in einigen anderen Religionen (siehe unten).

Inhaltsverzeichnis

Begriffsabgrenzung

Der Ausdruck Ketzerei (und Ketzer, nach dem Namen der mittelalterlichen Bewegung der Katharer) war ursprĂŒnglich synonym zu HĂ€resie und wird in der Gegenwartssprache oft im Sinn einer beliebigen Abweichung von „einer allgemein als gĂŒltig erklĂ€rten Meinung oder Verhaltensnorm“ verwendet, die durchaus sympathisch gesehen werden kann, wĂ€hrend HĂ€resie und HĂ€retiker auch heute noch auf die spezifische kirchlich-theologische und historische Bedeutung beschrĂ€nkt sind.[2]

HĂ€resiologie ist die Lehre von HĂ€resien. In der HĂ€resiologie beschreibt eine Kirche, was sie als HĂ€resie sieht und wie sie sie erkennt. Eine HĂ€resiologie ist immer der subjektive Standpunkt einer Kirche.[2]

HĂ€resiographie ist eine Abhandlung, die HĂ€resien beschreibt.

Von der HÀresie unterschieden wird das Schisma, wo in einem Konflikt um die kirchliche Ordnung die organisatorische Einheit der Kirche nicht aufrechterhalten wird.[2] Ein Schisma kann mit einer HÀresie einhergehen wie beispielsweise beim Donatismus, aber es ist ebenso möglich, dass zwei schismatische Gruppen die gleichen Glaubensinhalte teilen, wie das beispielsweise beim abendlÀndischen Schisma der Fall war.

Ebenfalls von HĂ€resie unterschieden wird Apostasie, bei der jemand der kirchlichen Lehre widerspricht, weil er sich persönlich nicht mehr als Glaubender sieht und sich von seiner frĂŒheren Religion völlig losgesagt hat, und Blasphemie, eine gotteslĂ€sterliche Äußerung.

Angehörige anderer Religionen werden nicht als HÀretiker bzw. Ketzer, sondern als AndersglÀubige oder UnglÀubige bezeichnet.[2]

HĂ€resie im Christentum

HĂ€resien in der Alten Kirche

Im Urchristentum gab es ebenso wie im Neuen Testament einen Pluralismus von theologischen Sichtweisen. Schon im Neuen Testament wurde unterschieden zwischen Adiaphora (z. B. 1. Korintherbrief: DĂŒrfen Christen Fleisch von Tieren essen, die den heidnischen Göttern geopfert wurden) und verbindlichen Lehren (z. B. Galaterbrief: Man darf Heidenchristen nicht zur Beschneidung zwingen).

Zu Lebzeiten der Apostel lag die letzte AutoritĂ€t ĂŒber die richtige Lehre bei den Aposteln (zum Beispiel beim Apostelkonzil).

Die Alte Kirche kannte bis ins 4. Jahrhundert zunĂ€chst keine zentrale AutoritĂ€t, die ĂŒber solche Fragen der Lehre hĂ€tte entscheiden können (auch der Bischof von Rom war zur damaligen Zeit keine AutoritĂ€t). Es entwickelten sich zuerst drei gleichberechtigte kirchliche Metropolen in Antiochia, Alexandria und Rom. Konstantinopel und in weit geringerem Maße Jerusalem kamen spĂ€ter hinzu. Deren Bischöfe waren in ihrem Umkreis bestimmend.

Daneben entstanden durch herausragende Personen im Laufe der Zeit auch noch andere theologische Schwerpunktzentren wie zum Beispiel in Nordafrika durch Augustinus und in Kleinasien durch die drei Kappadokier. Diese Theologen setzten sich mit den in ihrer Umgebung kursierenden abweichenden Lehren auseinander, wobei ihnen außer Argumenten und der Exkommunikation (dem Kirchenausschluss) nicht viele Machtmittel zur VerfĂŒgung standen. Eine solche Exkommunikation traf den HĂ€retiker in der damaligen Zeit weit weniger als im europĂ€ischen Mittelalter, da das Christentum noch nicht Staatsreligion war. Außerdem war der HĂ€retiker ja davon ĂŒberzeugt, dass er dem rechten Glauben anhing, und sich die Kirche im Irrtum befĂ€nde.

Vom 4. bis ins 10. Jahrhundert waren es die ökumenischen Konzilien, die Lehrentscheidungen fĂŒr die ganze Kirche trafen. Diese Lehrentscheidungen sind bis heute bei den orthodoxen, katholischen und den meisten protestantischen Kirchen anerkannt. Sie wurden ja auch zeitlich weit vor dem morgenlĂ€ndischen Schisma und der protestantischen Bewegung beschlossen. Gewöhnlich ging einer Verurteilung einer Lehre durch ein ökumenisches Konzil eine Zeit der intensiven Auseinandersetzung, Diskussion und Argumentation voraus.

Die Lehrentscheidungen der ersten Jahrhunderte wurden in der Regel auf der Basis eines Mehrheitskonsenses getroffen. In einigen FĂ€llen, zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit dem Arianismus, lag die politische Macht allerdings auf der nicht-orthodoxen Seite (siehe auch Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz, Ambrosius von Mailand).

Synkretistische HĂ€resien

Eines der frĂŒhen Probleme des Christentums war, sich in der synkretistischen Kultur des Hellenismus gegenĂŒber synkretistischen Religionen wie Gnostizismus und ManichĂ€ismus abzugrenzen, die die christlichen Dogmen ganz oder teilweise mit anderen Religionen oder Eigenkonstruktionen vermischten. Solche Bewegungen waren:

Christologische HĂ€resien

Die orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen lehren, dass Christus völlig göttlich („wahrer Gott“) und gleichzeitig völlig menschlich sei („wahrer Mensch“) und dass die drei Personen der TrinitĂ€t gleichrangig und ewig seien. Die Formulierung der trinitarischen Lehre wurde im Verlauf von Jahrhunderten entwickelt, wobei die Definitionen immer wieder verfeinert wurden, um neu aufgekommene Meinungen bezĂŒglich der Natur Jesu Christi, dem VerhĂ€ltnis zwischen Christus und Gott Vater sowie der TrinitĂ€t abzuwehren.

Zu diesen HÀresien gehörten:

  • Adoptionismus oder dynamischer Monarchianismus erstmals im 2. und 3. Jahrhundert: Jesus sei bei seiner Taufe von Gott adoptiert worden. Jesus sei nicht Gott, sondern ein Mensch, durch und in dem Gott wirke. Wird heute von Christadelphians und Unitariern vertreten.
  • Apollinarianismus, von Apollinaris von Laodicea dem JĂŒngeren um 360 in Syrien: Jesus Christus könne nicht gleichzeitig Gott und Mensch sein, sondern der göttliche Logos sei an die Stelle einer menschlichen Seele getreten. Nur sein Körper sei menschlich geblieben.
  • Arianismus, als Lehre erstmals im 3. Jahrhundert: Jesus Christus stĂ€nde unter Gott und sei eine geschaffene Kreatur, allerdings vor allen anderen Wesen geschaffen und somit auch nicht Mensch im ĂŒblichen Sinne.
  • Modalismus, modalistischer Monarchianismus, Patripassianismus, Sabellianismus, erstmals im 2. und 3. Jahrhundert: Gott sei eine einzige Person, die sich wĂ€hrend der Geschichte auf verschiedene Art (als Schöpfer, als Jesus Christus, als Heiliger Geist) offenbart habe. Wird heute von manchen Pfingstgemeinden (Oneness Pentecostals) und der Vereinigten Apostolischen Kirche vertreten.
  • Monophysitismus, Doketismus 2. Jahrhundert, 5. Jahrhundert: Jesus habe nur eine – göttliche – Persönlichkeit, sei entweder nur scheinbar Mensch, oder seine menschliche Natur sei in der göttlichen aufgegangen wie ein Tropfen im Ozean.
  • Nestorianismus: 5. Jahrhundert, lehrt, Jesus habe zwei klar unterschiedene Persönlichkeiten als Gott und Mensch, die vor allem den Körper gemeinsam hatten.

Das nicÀnische Glaubensbekenntnis ist als Reaktion auf christologische HÀresien entstanden.

Ekklesiologische HĂ€resien

  • Donatismus 4. Jahrhundert: GĂŒltigkeit christlicher Sakramente (insbesondere Taufe, Priesterweihe) hingen vom Charakter und Glauben des Priesters ab (das heißt Taufen und Priesterweihen durch wĂ€hrend der Verfolgung abgefallene Priester sind ungĂŒltig und mĂŒssen von einem nicht abgefallenen Priester neu gespendet werden; Abgefallene dĂŒrften nach der Verfolgung nicht wieder in die Kirche aufgenommen werden.)
  • Pelagianismus: 5. Jahrhundert. Lehnt die ErbsĂŒnde ab und lehrt, der Mensch könne von sich aus alle Gebote Gottes einhalten.

Judenchristliche HĂ€resien

Gruppierungen, die in irgendeiner Form am jĂŒdischen (Ritual-)Gesetz festhalten wollten:

HĂ€resie im Mittelalter

Im Gegensatz zur Situation der Alten Kirche mit vielen theologischen Zentren, die einen theologischen Konsensus entwickeln mussten, gab es im Mittelalter in West- und Mitteleuropa nur noch eine dominierende geistliche AutoritĂ€t, die der römisch-katholischen Kirche, die vom Hochmittelalter an auch eine dominierende politische Kraft war. Diese andere Situation der Kirche fĂŒhrte auch zu einer anderen Sicht von HĂ€resie.

Definition von HĂ€resie in der Katholischen Kirche

Die katholische Kirche differenziert zwischen einzelnen abweichenden Erscheinungsformen des Glaubens und deren NĂ€he zur ausdrĂŒcklichen HĂ€resie.

Nur ein Glaube, der direkt einem Artikel des Glaubens zuwiderhandelt oder der ausdrĂŒcklich festhĂ€lt, was durch die Kirche zurĂŒckgewiesen wird, wird tatsĂ€chlich HĂ€resie genannt, wobei zwingende Voraussetzung ist, dass der HĂ€retiker vorher katholischer Christ war. HĂ€resie ist demnach die beharrliche Leugnung oder das beharrliche Zweifeln an einer zu glaubenden Wahrheit, nachdem die Taufe empfangen wurde. WĂ€hrend die Bezeichnung hĂ€ufig von Laien verwendet wurde, um jeden möglichen falschen Glauben als Heidentum zu denunzieren, kennzeichnet diese Definition nur jenen als HĂ€retiker, der als ursprĂŒnglicher GlĂ€ubiger der Katholischen Kirche spĂ€ter von dieser rechtglĂ€ubigen Kirche zugunsten eines gegensĂ€tzlichen Glaubens abwich.

Einen Glauben, den die Kirche nicht direkt abgewiesen hat, oder der im Gegensatz zu einer weniger wichtigen Kirchenlehre steht, nennt man sententia haeresi proxima, „eine Meinung nahe der HĂ€resie“.

Ein theologisches Argument oder ein Glaubenssystem, das keine HĂ€resie behauptet, aber zu hĂ€retischen Schlussfolgerungen fĂŒhren könnte, nennt man propositio theologice erronea, eine „irrige theologische Angelegenheit“.

Wenn eine theologische Position nur Konflikte wohl denkbar macht, aber nicht notwendigerweise dazu fĂŒhrt, sprach man abgemildert von suspecta sententia de haeresi, „vermuteter Abweichung“.

Vorgehen gegen HĂ€resie

→ Hauptartikel: Inquisition

Das historisch erste Mittel der Orthodoxie gegen die HĂ€resie war einfache Polemik. Man behauptete, die Irrlehrer selber seien als Personen moralisch verkommen. Im Hintergrund steht die schon aus der Heiden-Polemik bekannte Anschauung, dass falsche Lehre von Gott und falsche Moral ursĂ€chlich zusammenhĂ€ngen. Hierbei wird die Lehre der Gegner nicht dargestellt, um dann widerlegt zu werden. Auf die Dauer war dies Verfahren aber nicht ausreichend zur EindĂ€mmung der HĂ€resie. Die Orthodoxie musste sich auch ĂŒber die eigene Lehrgrundlage klarer werden und diese positiv den Irrlehren der HĂ€resie gegenĂŒberstellen. Dazu war es auch erforderlich, sich mit den Irrlehren nĂ€her vertraut zu machen und diese im Rahmen ihrer Widerlegung auch darzustellen. [3]

Ein weiteres Mittel im Kampf gegen die HĂ€resie war auch physische Gewalt. Im Jahre 385 wurden bereits spanische HĂ€retiker (Priscillian mit 6 GefĂ€hrten) wegen HĂ€resie in Trier hingerichtet. Im Mittelalter war HĂ€resie nicht nur ein Problem der Kirche, sondern ebenso der weltlichen Macht, die eine Abweichung vom rechten Glauben einer staatsfeindlichen Haltung gleichsetzte und zwar deshalb, weil HĂ€retiker oft die Leistung von Eiden verweigerten, die jedoch ein zentraler Bestandteil des mittelalterlichen Vertragswesens waren. Es kam vor, dass weltliche FĂŒrsten von der Kirche forderten, HĂ€retiker zur Ordnung zu rufen.

Im 11. und 12. Jahrhundert befahlen PĂ€pste, HĂ€resie mit Gefangenschaft und Einzug des Eigentums zu bestrafen und drohten den FĂŒrsten, die HĂ€retiker nicht bestraften, mit Exkommunikation.

Exkommunikation galt im Mittelalter als schwerste Bestrafung, und wurde auch so empfunden, da sie die einzelne Person vom Leib Christi, seiner Kirche, trenne und somit die Erlösung verhindere. Die Exkommunikation oder die Androhung der Exkommunikation genĂŒgten oft, HĂ€retiker zum Abgehen von ihren Überzeugungen zu bewegen.

Nach Auseinandersetzungen mit HĂ€resien wie den Katharern (Albigensern) oder den Waldensern wurde in der ersten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts die Inquisition gegrĂŒndet. Die Inquisition war von Anfang an eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat gegen HĂ€retiker.

So klagte König Philip IV. von Frankreich (Philip der Schöne) den Templerorden wegen Ketzerei und HomosexualitĂ€t an. Da er hoch verschuldet war, unter anderem auch bei den Templern, wollte er sich die legendĂ€ren ReichtĂŒmer des Ordens aneignen. Am 13. Oktober 1307, einem Freitag, wurden alle Templer in Frankreich verhaftet. Am 22. MĂ€rz 1312 hob Papst Klemens V. auf dem Konzil von Vienne unter dem Druck von König Philip den Orden auf. Am 18. MĂ€rz 1314 wurden der letzte Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, zusammen mit Geoffroy de Charnay in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Im 16. Jahrhundert wurden die HÀresien von Alfonso de Castro systematisch geordnet und in einer alphabetischen EnzyklopÀdie zusammengefasst.

Die katholische Kirche und die Reformation

Die Reformation wurde von der katholischen Kirche zuerst auch als HĂ€resie angesehen und in katholischen Gegenden entsprechend verfolgt.

Die Lehre der evangelischen Kirche bzw. der moderne Protestantismus wird heute von der katholischen Kirche nicht mehr als HĂ€resie angesehen, dies war bis in die Zeit des Papstes Pius X. so; wohl aber wurden die einzelnen Personen, die an der Entstehung des Protestantismus beteiligt waren und die der katholischen Lehre in wesentlichen Punkten widersprachen, durch die Kirche zu HĂ€retikern erklĂ€rt. Einige der Lehren des Protestantismus, die die katholische Kirche als hĂ€retisch einstuft, sind der Glaube, dass die Bibel einzige Quelle und Richtschnur des Glaubens sei („sola scriptura“) (und nicht wie im katholischen VerstĂ€ndnis Schrift und Tradition), dass nur der Glaube alleine zum Heil fĂŒhren könne („sola fide“) und dass das allgemeine Priestertum der Glaubenden das Weihepriestertum nicht nur ergĂ€nze, sondern ĂŒberflĂŒssig mache.

Sobald die Protestanten grundsÀtzlich die römisch-katholische Kirche in Frage stellten, galten sie als Schismatiker, nicht als HÀretiker.

Eine Reaktion auf die Reformation war die Einrichtung der Kongregation fĂŒr die Glaubenslehre (Sanctum Officium), die bis heute in der katholischen Kirche die letzte Instanz fĂŒr Glaubensfragen ist.

HĂ€retische Gruppen in der Neuzeit

In der Neuzeit wurde die Lehre von hÀretischen Gruppen offiziell vom Papst als HÀresie verurteilt, es kam jedoch nicht mehr zu weltlichen Bestrafungen von HÀresie.

Neuzeitliche Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche, die als HĂ€resie verurteilt wurden:

Evangelische Kirchen und HĂ€resie

Auch der Protestantismus glaubte bereits in der Reformationszeit die Notwendigkeit zu sehen, sich gegen radikale Bewegungen abzugrenzen, wobei die Bezeichnung HÀresie im protestantischen Kontext kaum gebrÀuchlich ist. Zu weltlichen Strafen wegen HÀresie kam es im evangelischen Raum nur im 16. und 17. Jahrhundert.

Dabei wurde in protestantischen Gegenden das BĂŒndnis von Staat und Kirche gegen HĂ€resien weitergefĂŒhrt, wobei die abweichende Lehre manchmal auch eher das war, was der Staat als gefĂ€hrlich ansah.

Lehren der katholischen Kirche, die bereits in der Reformation als HÀresie gegen das biblische Christentum gesehen wurden, sind die Heiligenverehrung und die Lehre von der Transsubstantiation. SpÀter kam auch die Marienverehrung dazu, die von den Reformatoren selbst nicht verurteilt wurde.

Verfolgt und verurteilt wurden bereits wĂ€hrend der Reformationszeit Vertreter der radikalen Reformation, zum Beispiel Thomas MĂŒntzer, die TĂ€ufer (abwertend auch WiedertĂ€ufer), oder der Antitrinitarier Michael Servetus. Das Augsburger Bekenntnis von 1530 verdammt die Lehren der TĂ€ufer.

Im 18. Jahrhundert kam es zu gegenseitigen Lehrverurteilungen von Calvinisten und Methodisten, insbesondere wegen der unterschiedlichen Auffassung von PrÀdestination. Dies blieb jedoch im Rahmen von theologischen Disputen ohne weltliche Konsequenzen und da die Kontrahenten meist unterschiedlichen Kirchen angehörten auch ohne Kirchenstrafen. Allein in den Niederlanden wurden die an die Willensfreiheit glaubenden Remonstranten aus der calvinistischen Reformierten Kirche ausgeschlossen.

Im 20. Jahrhundert hat der Gnadauer Verband und die deutsche Evangelische Allianz in der Berliner ErklĂ€rung von 1909 die Pfingstbewegung als Bewegung von unten (das heißt vom Teufel) verurteilt, was mittlerweile jedoch nur noch von manchen pietistischen Kreisen so gesehen wird. Auch da handelt es sich um eine theologische Stellungnahme ohne weltliche oder kirchliche Strafen.

Im Jahre 1934 erklĂ€rte die Barmer Theologische ErklĂ€rung, verfasst vom evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth, die damalige protestantische Mehrheit der Deutschen Christen, das FĂŒhrerprinzip und den nationalsozialistischen Weltanschauungsstaat zur „falschen Lehre“ (= HĂ€resie). Diese „Verwerfung“ wurde zum Bekenntnis der Bekennenden Kirche, die sich damit als die wahre evangelische Kirche verstand. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Barmer ErklĂ€rung nach 1945 in ihre Bekenntnisschriften aufgenommen. Einige ihrer Landeskirchen ordinieren ihre Pastoren ausdrĂŒcklich darauf.

1974 erklĂ€rte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) den Rassismus fĂŒr unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Dies richtete sich in erster Linie gegen rassistische Theologien, wie sie etwa unter weißen reformierten Buren SĂŒdafrikas vertreten wurden. Auch damit wurde faktisch eine „HĂ€resie“ verurteilt und ausgegrenzt.

Ein Versuch von Christen in der Traditionslinie Karl Barths, auch die Massenvernichtungsmittel als „bekenntniswidrig“ (hĂ€retisch) zu verwerfen, wurde 1958 von der Mehrheit der evangelischen Synodalen abgelehnt.

HĂ€resien im Judentum

Das orthodoxe Judentum stuft als hĂ€retisch ein, was von den traditionellen – biblisch-talmudischen – jĂŒdischen Überlieferungen abweicht. Zwei schon in der Antike beziehungsweise SpĂ€tantike bekannte heterodox-hĂ€retische Gruppen bilden die nationale Sondergruppe der Samaritaner und die antitalmudischen KarĂ€er. Im 17. Jahrhundert haben die messianisch inspirierten AnhĂ€nger des Sabbatai Zwi als jĂŒdische HĂ€retiker von sich reden gemacht.

Das heutige ultraorthodoxe Judentum ist der Ansicht, dass ĂŒberhaupt alle Juden, die ihr spezifisches VerstĂ€ndnis von Maimonides' 13 Grundregeln des jĂŒdischen Glaubens zurĂŒckweisen, HĂ€retiker sind. Ultraorthodoxe Juden und die meisten modernen orthodoxen Juden betrachten jĂŒdische Reformbestrebungen (Reformjudentum, Rekonstruktionismus, teilweise sogar schon das konservative Judentum) als hĂ€retische Bewegungen.

Allerdings bedeutet eine Verurteilung als HĂ€retiker im Judentum nicht, dass die Verurteilten aus Sicht der Verurteilenden keine Juden mehr wĂ€ren. Die Zugehörigkeit von individuellen Juden zur jĂŒdischen Schicksalsgemeinschaft bleibt bestehen, doch die LegitimitĂ€t von nicht-orthodoxen jĂŒdischen Gemeinden wird in Frage gestellt. Konvertiten, die zu einer als hĂ€retisch angesehenen Richtung des Judentums ĂŒbertreten, werden allerdings von den Orthodoxen auch nach ihrer Konversion als nichtjĂŒdisch betrachtet.

Sekten und theologische Schulen im Islam

Die zwei islamischen Hauptbekenntnisse, die Sunna (offizielles Bekenntnis der meisten arabischen LĂ€nder und Hauptströmung in der TĂŒrkei) und die Schia (Staatsreligion in Iran seit 1501), sahen einander lange Zeit als hĂ€retisch an. In den 1930er Jahren haben sich beide zu gegenseitiger Anerkennung durchgerungen. Der Parsismus gilt in der Sunna als hĂ€retisch, in der Schia aber ist er anerkannt. Auch andere theologische Schulen bzw. Sekten haben sich in der Vergangenheit, teils auch in der Gegenwart, wechselseitig als hĂ€retisch betrachtet, umstritten in der Anerkennung waren etwa Mushabiha/Mucassima (heutige Wahabiten), Aleviten, Assassinen, Babis und Bahai, Drusen, Hurufi, Karmaten, Chawaridsch, Mu'tazila, Kadariyya, Murdschia. Die Ahmadiyya wird seit 1974 in Pakistan, ausgeschlossen und verfolgt werden. Auch nicht mit theologischen Schulbildungen zusammenhĂ€ngende Ausrichtungen und Gruppierungen, etwa des Sufismus (siehe auch Derwisch, Bektaschi), sind oft erhöhtem Misstrauen ausgesetzt gewesen. Einige zuvor umstrittene Gruppen werden heute z.B. auch von islamischen Gerichten und religiösen Institutionen respektiert.

HĂ€resien im Buddhismus

Im in Japan begrĂŒndeten Buddhismus der Nichiren-Tradition betrachten einige Schulen einander sowie nahezu alle anderen buddhistischen Schulen, die nicht auf dem Lotos-Sutra aufbauen (insbesondere Amida- und Zen-Buddhismus, sowie Shingon-shĆ« und RisshĆ«) bzw. dieses anders als sie interpretieren (also auch andere Nichiren-Schulen), als hĂ€retisch und verhalten sich daher gegenĂŒber diesen oft mit den Methoden des Shakubuku (折䌏; wörtlich „brechen und unterwerfen“, eine aggressiv-argumentative Verurteilung der hĂ€retischen Lehren mit dem Ziel der Bekehrung) und des Fuju-fuse (äžć—äžæ–œ; wörtlich „kein Geben, kein Nehmen“, d. h. es findet keinerlei Transfer von Leistungen oder GĂŒtern statt).

Weitere Religionen und Weltanschauungsgruppen

Die HĂ€resie ist ein grundlegendes Problem fast aller Weltreligionen, aus strukturellen GrĂŒnden aber besonders der monotheistischen – von fundamentalistischen Sondergruppierungen („Sekten“), die HĂ€retiker (wenn nicht gar „DĂ€monen“) am laufenden Band produzieren und bekĂ€mpfen, ganz zu schweigen.

Die Scientology Organisation verwendet die Bezeichnung squirreling fĂŒr nicht autorisierte Änderungen ihrer Lehre oder Methoden, bezeichnet HĂ€retiker als Verbrecher und verfolgt sie, insbesondere unter der Anklage wegen angeblicher Copyright-Verletzungen. Die Freie Zone wird von der Scientology Organisation als HĂ€retiker angesehen und mit allen Mitteln bekĂ€mpft.

Auch rein sĂ€kulare Ideologien der Moderne sind hier oft als Erben des alten monotheistischen Einzigkeits- und Einheitsanspruches zu erkennen. Besonders oft hervorgehoben oder vermutet wird diese Parallele fĂŒr den Marxismus-Leninismus: In der Form des Stalinismus und auch des Maoismus hat die Verfolgung und Verurteilung von Abweichlern (von der offiziellen Parteidoktrin), die man als Opportunisten, Revisionisten, ReaktionĂ€re, Trotzkisten oder Renegaten brandmarkte, in ihrer mörderischen Intoleranz deutliche Parallelen zur christlichen und islamischen Ketzerverfolgung und ĂŒbertraf diese oft noch an Opferzahlen. Das gleiche gilt, oft mit starken EinschrĂ€nkungen, auch fĂŒr viele nationale, oft antikoloniale Erweckungsbewegungen weltweit. Schließlich ist zu erwĂ€hnen, dass in vielen schulbildenden BeitrĂ€gen zum Ideenreservoir der Moderne (zum Beispiel Psychoanalyse, Surrealismus, Ökologiebewegung und so weiter) das hĂ€retische Problem zumindest latent anwesend ist.

Siehe auch

Literatur

  • Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen C. H. Beck Verlag, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-406-50883-9, (Beck'sche Reihe 2383).
  • Alfonso de Castro: Adversos omnes haereses libri XIIII. Iod. Badio & Ioanni Roigny, Paris 1534), (Auch: Antwerpen 1556 und öfter).
  • Peter L. Berger: Der Zwang zur HĂ€resie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft. Durchgesehene und verbesserte Auflage der Ausgabe von 1980. Herder, Freiburg u. a. 1992, ISBN 3-451-04098-0, (Herder-Spektrum 4098).
  • Herbert Grundmann: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Untersuchungen ĂŒber die geschichtlichen ZusammenhĂ€nge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. und 13. Jahrhundert und ĂŒber die geschichtlichen Grundlagen der deutschen Mystik. Lizenzausgabe. 3. unverĂ€nderte Auflage. Reprografischer Nachdruck der 1. Auflage. Berlin 1935. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1970, (Zugleich: Leipzig, Univ., Habil.-Schr., 1933).
  • Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters. 3. durchgesehene Auflage. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1978, ISBN 3-525-52327-0, (Die Kirche in ihrer Geschichte Lieferung G, Teil 1, Bd. 2).
  • Alister McGrath: Heresy. A History of Defending the Truth. HarperCollins, New York NY 2009, ISBN 978-0-281-06215-7.
  • Johann Ev. Hafner: Selbstdefinition des Christentums. Ein systemtheoretischer Zugang zur frĂŒhchristlichen Ausgrenzung der Gnosis. Herder, Freiburg u. a. 2003, ISBN 3-451-28073-6, (Zugleich: Augsburg, Univ., Habil.-Schr., 2001: Selbstdefinition des Christentums am Beispiel der Ausgrenzung der Gnosis durch Justin und IrenĂ€us, rekonstruiert mit Luhmanns Codetheorie).
  • Jörg Oberste: Ketzerei und Inquisition im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-15576-7, (Geschichte kompakt).
  • Alexander Patschovsky: Ketzer, Juden, Antichrist. Gesammelte AufsĂ€tze zum 60. Geburtstag. (PDF). Mit einem Vorwort von Horst Fuhrmann. Konstanz 2001.
  • Alfred Schindler: HĂ€resie (Theologische RealenzyklopĂ€die).

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: HĂ€resie â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. MĂŒnchen/Wien 1965.
  2. ↑ a b c d e Theologische RealenzyklopĂ€die: HĂ€resie
  3. ↑ Hans Conzelmann: Grundriss der Theologie des Neuen Testaments, § 38 / Orthodoxie und HĂ€resie, Chr. Kaiser Verlag, MĂŒnchen, 1967, S. 330 und 331

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  • HĂ€resie — (HĂ€rĕsis, griech.), Wahl; das ErwĂ€hlte, besonders eine selbsterwĂ€hlte Lebens oder Lehrart, Schule oder Sekte; das Lehrsystem einer solchen; in der christlichen Kirche soviel wie Ketzerei, Irrlehre. Daher HĂ€retiker soviel wie Ketzer (s. d.);… 
   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • HĂ€resie — HĂ€resÄ«e (grch., »Wahl«, »das ErwĂ€hlte«), bes. die selbsterwĂ€hlte Lebens oder Lehrart; im kirchlichen Sprachgebrauch seit dem 2. Jahrh. s.v.w. Ketzerei; HĂ€retÄ­ker, Ketzer (s.d.); als sittliche Verfehlung, weil Ungehorsam gegen die göttliche… 
   Kleines Konversations-Lexikon

  • HĂ€resie — HĂ€resie, griech. deutsch, Auswahl, WillkĂŒr, Sekte; dann die Ketzerei oder derjenige Irrglaube, welcher einen oder mehre GlaubenssĂ€tze verwirft, gegen den einmĂŒthigen Sinn der VĂ€ter auslegt oder einen von der Kirche verworfenen Satz vertheidigt.… 
   Herders Conversations-Lexikon

  • HĂ€resie — HĂ€resie,die:⇹Irrlehre 
   Das Wörterbuch der Synonyme

  • HĂ€resie — Sf Ketzerei per. Wortschatz fach. (13. Jh.), mhd. (h)ēresÄ«e Entlehnung. Ist entlehnt aus l. haeresis, dieses aus gr. haĂ­resis Wahl, Überzeugung u.a. , zu gr. haireÄ©n an sich nehmen . Die heutige Bedeutung ist geprĂ€gt von dem christlichen… 
   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • HĂ€resie — Ketzerei; Irrlehre * * * HĂ€|re|sie 〈f. 19âŒȘ von kirchl. Dogma abweichende Lehre; Sy Ketzerei (1) [zu grch. hairesis „das ErwĂ€hlte, Denkweise, Irrlehre“] * * * HĂ€|re|sie, die; , n [(kirchen)lat. haeresis < griech. hai̓resis, eigtl. = das Nehmen; 
   Universal-Lexikon

  • HĂ€resie —    (griech. = Auswahl), ein Begriff, der an sich eine bloße ”Schulrichtung “ bedeuten kann, in der christlichen Sprache jedoch negativen Charakter trĂ€gt, bei Paulus z. B. Parteiungen oder Konflikte in seinen Gemeinden (Gal 5, 20; 1 Kor 11, 18 f.) 
   Neues Theologisches Wörterbuch

  • HĂ€resie — HĂ€|re|sie 〈f.; Gen.: , Pl.: n; Theol.âŒȘ vom kirchl. Dogma abweichende Lehre, Ketzerei [Etym.: <grch. hairesis »das ErwĂ€hlte, Denkweise; Irrlehre«] 
   Lexikalische Deutsches Wörterbuch

  • HĂ€resie — HĂ€|re|sie die; , ...ien <ĂŒber kirchenlat. haeresis aus gleichbed. gr. haĂ­resis, eigtl. »das Nehmen, Wahl«> von der offiziellen Kirchenmeinung abweichende Lehre, Irrlehre, Ketzerei 
   Das große Fremdwörterbuch

  • HĂ€resie — HĂ€|re|sie, die; , ...ien <griechisch> (Ketzerei) 
   Die deutsche Rechtschreibung


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