Altes Testament

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Altes Testament
Altes Testament
Pentateuch
GeschichtsbĂŒcher
LehrbĂŒcher
Propheten

„Große“

„Kleine“ (Zwölfprophetenbuch)

Namen nach dem ÖVBE.
Eingeklammerte Namen folgen u.a. der Septuaginta.
Kursiviert: Deuterokanonische Schriften.

Als Altes Testament (abgekĂŒrzt AT; von lat. testamentum, Übersetzung von hebr. Ś‘Ö°ÖŒŚšÖŽŚ™ŚȘ (berĂźt)[1] bzw. griech. ÎŽÎčαΞΟÎșη (diathēkē)[2] – „Bund“, auch: Erstes Testament) bezeichnet die christliche Theologie seit etwa 180 die Heiligen Schriften des Judentums, die dort seit etwa 100 v.Chr. als Tanach bezeichnet werden, sowie einige weitere aus der seit 250 v. Chr. entstandenen Septuaginta. Es wurde ursprĂŒnglich auf HebrĂ€isch, zu kleineren Teilen auch auf AramĂ€isch verfasst.

Dem Urchristentum galten diese Schriften als Wort Gottes, das Jesus Christus als Messias Israels und der Völker ankĂŒndige und in seiner Auslegung erweise. Darum verteidigte die Alte Kirche ihre Geltung als Offenbarungszeugnisse gegen christliche Minderheiten, die diese Geltung ablehnten. Ihre Auswahl und Anordnung wurden bis 350 endgĂŒltig festgelegt und zusammen mit dem Neuen Testament (abgekĂŒrzt NT) zur christlichen Bibel.[3]

Der Kanon des Alten Testaments unterscheidet sich zwischen den christlichen Konfessionen: WĂ€hrend der Protestantismus ihn auf die BĂŒcher des Tanach begrenzte, behielten Katholizismus und Orthodoxie darĂŒber hinaus verschiedene BĂŒcher aus der Septuaginta.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Die Urchristen fanden Tora, Propheten und sonstige jĂŒdische heilige Schriften als noch unabgeschlossene Bibel vor. Sie nannten sie aber nicht „Altes Testament“, sondern verwendeten dieselben oder Ă€hnliche Begriffe wie das damalige Judentum: „Schrift“ oder „Schriften“ (griech. ÎłÏÎŹÎŒÎŒÎ± (gramma), ÎłÏÎ±Ï†Îź (graphē)), manchmal abgekĂŒrzt „Gesetz“ (griech. ÎœÏŒÎŒÎżÏ‚ (nomos) fĂŒr hebr. ŚȘŚ•Ö茚֞Ś” (Tora)), meist aber „das Gesetz und die Propheten“ oder „Mose und die Propheten“, einmal auch „Gesetz, Propheten und Psalmen“ (Lk 24,44) analog zur seit etwa 100 v. Chr. ĂŒblichen Dreiteilung des jĂŒdischen Bibelkanons.[4]

Das lateinische testamentum (abgeleitet von testare, „bezeugen“) ist eine ungenaue Übersetzung des griechischen Begriffs ÎŽÎčαΞΟÎșη (diathēkē), das in der Septuaginta die letzte mĂŒndliche oder schriftliche WillenserklĂ€rung eines Sterbenden im Sinne einer VerfĂŒgung bezeichnet. Im NT bezeichnet der Begriff nie die jĂŒdischen heiligen Schriften insgesamt. Paulus von Tarsus bezog ÎŽÎčαΞΟÎșη (diathēkē) in 2 Kor 3,14 EU auf Gottes Willensoffenbarung am Berg Sinai, deren Überlieferung (Ex 19-24) im Synagogengottesdienst regelmĂ€ĂŸig mĂŒndlich vorgelesen wurde. Er stellte ihr Gottes endgĂŒltigen Versöhnungswillen gegenĂŒber, der sich im stellvertretenden Gerichtstod Jesu Christi am Kreuz realisiert und so Gottes Bund mit dem Volk Israel erfĂŒllt und erneuert habe. SelbstverstĂ€ndliche Voraussetzung der GegenĂŒberstellung von altem und neuem Bund war fĂŒr alle Urchristen die IdentitĂ€t JHWHs, des Gottes Israels, mit dem Vater Jesu Christi, und die unverbrĂŒchliche Geltung seiner Segenszusage an Abraham, zum „Vater vieler Völker“ zu werden (Gen 12,3), die Jesus Christus zu erfĂŒllen begonnen habe (Hebr 6,13ff).[5]

Die Übersetzung von diathēkē mit testamentum ist erstmals um 150 bei Tertullian belegt. Melito von Sardes bezeichnete um 180 erstmals alle schriftlichen Zeugnisse vom Heilswillen Gottes vor dem Auftreten Jesu Christi im Unterschied zu den apostolischen Schriften als „Altes Testament“.[6]

Das Attribut „alt“ wurde in der Substitutionstheologie des christlichen Antijudaismus im Sinne von â€žĂŒberholt“, „abgelöst“, „aufgehoben“ und „nicht mehr gĂŒltig“ gedeutet. Damit war die Abwertung des Judentums verbunden, mit der seine UnterdrĂŒckung und Verfolgung im christianisierten Europa oft begrĂŒndet wurde. Um die EigenstĂ€ndigkeit der jĂŒdischen Heiligen Schrift zu achten, nennen manche christliche Theologen und Kirchen das AT heute auch „Erstes Testament“ oder „HebrĂ€ische Bibel“.[7] Man kann die Begriffe aber auch rein zeitlich verstehen, so dass der Begriff als „frĂŒher“ zu werten ist.

Entstehungsprozess

MĂŒndliche und schriftliche Quellen

Die Ă€ltesten Überlieferungen des Tanach sind im „Pentateuch“ (von griechisch pente = fĂŒnf, teuchos = Buchrolle) gesammelt. Dieser erzĂ€hlt von der Schöpfung der Welt und Urgeschichte der Menschheit bis zur „ErwĂ€hlung“, Befreiung und Einwanderung Israels in Kanaan. Diese Heilsgeschichte wurde in Jahrhunderten aus vielen verschiedenen Stoffen, darunter SagenkrĂ€nzen, OrtsĂ€tiologien, StammesĂŒberlieferungen und Gesetzeskorpora, komponiert. Die Einzelquellen und -traditionen wurden wohl schon in der Königszeit (ab 1000 v. Chr.), besonders aber der exilischen Zeit (587 v. Chr.) literarisch zu grĂ¶ĂŸeren Einheiten verbunden:

  • den „ErzvĂ€ter“-ErzĂ€hlungen (Genesis 12-47),
  • der Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten, seiner WĂŒstenwanderung und Gesetzesoffenbarung am Sinai (Exodus),
  • der Besiedlung, Eroberung und Verteidigung („Landnahme“) des verheißenen Landes (Teile des 4. Buchs Moses sowie die BĂŒcher Josua und Richter),
  • den Urgeschichten (Gen 1-11),
  • Gesetzessammlungen (Teile des 2. und 4. Buch Moses sowie das gesamte 3. und 5. Buch Moses).

Hinzu kamen seit der Königszeit Überlieferungen ĂŒber die politische Geschichte Israels, die im und nach dem Exil zu grĂ¶ĂŸeren Einheiten wie dem „Deuteronomischen Geschichtswerk“ verbunden wurden: Dazu gehören das Buch Josua, die BĂŒcher Samuel, Könige und Chronik.

Seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. wurden außerdem prophetische Traditionen gesammelt und spĂ€ter entweder in die Geschichtswerke ĂŒber die Königszeit integriert (Samuel, Nathan, Elija, Elisa) oder zu eigenen prophetischen EinzelbĂŒchern zusammengestellt (von Jesaja bis Maleachi).

Seit der Regierungszeit Salomos im 10. Jahrhundert v. Chr., besonders aber in exilisch-nachexilischer Zeit ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden liturgische, poetische und weisheitliche Schriften:

  • Gebets-Poesie wie die Psalmen, Spruchweisheit wie die Sprichwörter oder die Liebesgedichte des „Hoheliedes“,
  • reflexive Weisheitsliteratur wie die BĂŒcher Kohelet und Hiob.

Viele der zu den „Schriften“ gezĂ€hlten BĂŒcher entstanden nach der RĂŒckkehr eines Teils der exilierten Juden seit 539 vor Christus (Esra, Nehemia, Ester, Rut). In der nachexilischen Zeit wurde mindestens die Tora zur „Heiligen Schrift“ des Judentums; welche Propheten und Schriften dazu gehören sollten, blieb unter den verschiedenen Richtungen des Judentums umstritten. Von der seit der MakkabĂ€erzeit (etwa 170 v. Chr.) entstandenen apokalyptischen Literatur wurde nur das Buch Daniel in den Kanon aufgenommen.

Rolle im Neuen Testament

FĂŒr Jesus von Nazaret und seine Nachfolger war eine Vorform des Tanach mit der Torah, ProphetenbĂŒchern, Psalmen, dem Buch Daniel und Spruchweisheit die Heilige Schrift. Jesus bezog seine VerkĂŒndigung von Beginn seines Wirkens an darauf und verstand sie als gĂŒltige Auslegung des in ihr offenbarten Willens Gottes (Mt 5,17). Ohne Hören, Lesen und Auslegen biblischer Texte, die als Gottes aktuelles Wort verstanden wurden, war den Urchristen – wie allen damaligen Juden â€“ ihre Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes nicht möglich.

Israels Bibel blieb auch nach Jesu Tod die Norm, von der her und auf die hin die Christen den gekommenen und wiederkommenden Messias verkĂŒndeten. So betonen alle Credoformeln der Jerusalemer Urgemeinde durchweg die SchriftgemĂ€ĂŸheit, also Übereinstimmung und Vorherbestimmung ihres Glaubens mit Israels Heilsgeschichte. Jesu Tod und Auferweckung war fĂŒr sie das allein in der Heiligen Schrift erkennbare Ziel dieser Geschichte, das die biblischen Verheißungen einer endgĂŒltigen Verwandlung der Welt bekrĂ€ftigte.

Indem die Urchristen Jesu Geschichte als ErfĂŒllung der Bundesgeschichte Gottes mit Israel nacherzĂ€hlten, aufschrieben und lehrten, schufen sie ein „Neues Testament“. Die Evangelien, Gemeindebriefe und Apostelgeschichte stellen Auftreten, Sterben und Auferstehen des Juden Jesus Christus als endgĂŒltige ErfĂŒllung und Erneuerung des Israelbundes dar, so dass sich die Botschaft des NT nur zusammen mit dem AT weiterverkĂŒnden lĂ€sst.

Der Begriff „Altes Testament“ als Bezeichnung fĂŒr eine Sammlung der Schriften Israels kommt im NT nicht vor. Der Sache nach ist im NT damit aber der „Erste Bund“ Gottes mit dem Volk Israel (Hebr 8,7) im GegenĂŒber und in unauflösbarer Relation zum „Neuen Bund“ Gottes mit Israel und allen Völkern durch die Selbsthingabe Jesu Christi (Mk 14,24) gemeint. Das Attribut „alt“ hat seine Berechtigung ausschließlich in diesem christlichen SelbstverstĂ€ndnis: Danach ist das VerhĂ€ltnis der beiden Testamente zueinander ein unauflösbares Nacheinander, insofern der Alte dem Neuen Bund Gottes zeitlich und inhaltlich vorangeht.

Dies meint jedoch weder im NT selber noch nach spĂ€terer kirchlicher Lehre die Veraltung und Ersetzung des Israelbundes, den die HebrĂ€ische Bibel bezeugt. Mit dem Erscheinen Jesu Christi ist fĂŒr Christen kein neues Wort Gottes neben das „alte“ getreten. Sondern dieser „Sohn Gottes“ ist das „fleischgewordene Wort Gottes“ (Joh 1,14) und reprĂ€sentiert als solcher die ErwĂ€hlung Israels zum Volk Gottes, in das von Ewigkeit her die ErwĂ€hlung der Menschheit mit eingeschlossen ist.

Insbesondere der Tod und die Auferweckung Jesu Christi hat nach dem NT Gottes Willen stellvertretend fĂŒr alle Menschen erfĂŒllt. Damit hat er die Israel gegebenen Offenbarungen, BundesschlĂŒsse und Verheißungen endgĂŒltig bestĂ€tigt, die in Israels Bibel ausgesprochene Verheißung eines „neuen Bundes“ unĂŒberbietbar bekrĂ€ftigt (Hebr 8,8 zitiert Jer 31,31f) und alle Völker in diesen Bund einbezogen.

Person und Werk Jesu Christi verkörpern also fĂŒr die Christen den „neuen“ Willen Gottes, indem sie seinen „alten“ Willen, die ErsterwĂ€hlung Israels, endgĂŒltig erfĂŒllen und bekrĂ€ftigen. FĂŒr die ganze urchristliche VerkĂŒndigung ist daher der durchgĂ€ngige Bezug auf die Bibel Israels entscheidend. Ohne sie lĂ€sst sich die universale Bedeutung Jesu Christi nicht aussagen bzw. verstehen.

Damit hat jedoch fĂŒr die Christen der eine Wille Gottes, den bereits das „Alte“ Testament offenbart, einen anderen, neuen Stellenwert erhalten: Von nun an gilt dieser Wille nur noch in der Auslegung, die Jesus Christus ihm durch seine Lehre, seinen Tod und seine Auferweckung gegeben hat. Demnach sind alle Einzelgebote in dem einen Gebot Jesu Christi, nĂ€mlich dem Doppelgebot der Gottes- und NĂ€chstenliebe, „aufgehoben“, diesem untergeordnet (Mk 12,30f EU).

Aufbau

Im Zuge der Kanonisierung des Tanach zum christlichen Alten Testament wurde seine Dreiteilung und die Tora (der Pentateuch) unverĂ€ndert beibehalten, aber einige EinzelbĂŒcher des zweiten und dritten Teils wurden anders zu- und angeordnet, andere kamen zu diesen beiden Teilen dazu.

In den meisten christlichen Kanonlisten des 2. bis 4. Jahrhunderts wurden die Nevi'im (Propheten) aufgeteilt und einige der Ketuvim (Schriften) zwischen „vordere“ und „hintere“ Propheten gerĂŒckt. Damit wurden erstere als GeschichtsbĂŒcher von den Schriftpropheten abgerĂŒckt. Die BĂŒcher Rut, Esra, Nehemia und Chronik, die im Tanach zu den Schriften gehören, rĂŒckten in den zweiten Hauptteil und wurden dort annĂ€hernd historisch richtig eingeordnet: Das Buch Rut steht nun gemĂ€ĂŸ seiner Anfangs- und Schlussverse zwischen den BĂŒchern Richter und Samuel, da seine Handlung zur Richterzeit spielt und Noomis Sohn als Großvater von König David galt. Da Esra und Nehemia auf die Exilszeit folgten, wurden ihre BĂŒcher hinter die Chronik gerĂŒckt, die ihrerseits die Königszeit fortsetzt. Ihnen folgen die BĂŒcher Tobit, Judit, Ester und MakkabĂ€er gemĂ€ĂŸ der in ihnen beschriebenen, aufeinanderfolgenden Zeiten und Themen. Damit entstand eine zusammenhĂ€ngende Beschreibung der Geschichte Israels von der Landnahme bis zur Wiederherstellung eines eigenen jĂŒdischen Staates, in dem die Tora und der Tempelkult wieder Geltung hatten. Diese wurde eher als abgeschlossen und vergangen gelesen, nicht als von unabgegoltener prophetischer Verheißung bestimmte und geöffnete Zukunft.

Hinter die GeschichtsbĂŒcher rĂŒckten die noch ĂŒbrigen Ketuvim. Die Salomo zugeschriebenen Schriften Sprichwörter, Kohelet und Hohes Lied wurden um die Weisheit Salomos und Jesus Sirach ergĂ€nzt. Das Buch Hiob rĂŒckte vor die Psalmen an die erste Stelle: Denn Hiob galt wegen seiner an die ErzvĂ€ter erinnernden Gottergebenheit als Ă€lter als die König David zugeschriebenen Psalmen. Diese Gebetssammlung beginnt mit Klage und endet mit dem Lob der Gottesherrschaft: Darin fanden die Christen die Verwandlung der Zweifel und Anklage Hiobs in die endzeitliche Freude ĂŒber den Sieg Jesu Christi ausgedrĂŒckt.

Die Klagelieder Jeremias wurden folgerichtig zum Prophetenbuch Jeremia, das Buch Daniel zu den „großen“, die Zukunft der ganzen Welt betreffenden Propheten gestellt. Es wurde also nicht als weisheitliche, sondern apokalyptische Schrift, die frĂŒhere prophetische Verheißungen fortfĂŒhrt, betrachtet. Indem die ProphetenbĂŒcher an den Schluss rĂŒckten, wurden sie fĂŒr die Christen zur Verheißung Jesu Christi. Schriften, die fĂŒr das Judentum, seine Feste und seinen Gottesdienst aktuell blieben, hatten fĂŒr die Christen seit der Tempelzerstörung (70 n. Chr.) dagegen eher paradigmatische, allegorische und typologische Bedeutung.[8]

Kanonisierung

Seit der Trennung des Christentums vom Judentum entwickelte sich der christliche Gnostizismus, der das Alte Testament als Dokument einer verworfenen, ĂŒberholten und antichristlichen Religion betrachtete und aus dem eigenen Glauben ausschloss. Marcion stellte die Schöpfung durch den bösen, materialistischen Gott Israels der Erlösung durch den guten, spirituellen Geist Jesu dualistisch einander gegenĂŒber und stellte darum einen von allen jĂŒdischen EinflĂŒssen gereinigten Bibelkanon vor.

Ab 150 erteilte die werdende Kirche solchen Versuchen eine Absage, indem sie alle Schriften des Tanach und einige der Septuaginta als „Altes Testament“, also vollgĂŒltiges Gotteswort ĂŒbernahm und ihrem Neuen Testament voranstellte. Dies folgte der Auffassung der Urchristen, wonach der Glaube an Jesus Christus Gottes Bund mit Israel bekrĂ€ftigte, nicht ablöste. Damit wurde es theologisch unmöglich, Leben, Lehre, Tod und Auferstehung Jesu Christi von der ErwĂ€hlung Israels zu trennen. Die Kirche legte damit selber eine normative Instanz fĂŒr die Auslegung des Neuen Testaments fest, auf die spĂ€tere ReformanlĂ€ufe in Religion und Politik sich berufen konnten. Schon frĂŒh gab es verschiedene Übersetzungen von Teilen der Septuaginta ins Lateinische, die heute unter dem vielgestaltigen Begriff Vetus Latina summiert werden. Seit 385 erfolgte die vollstĂ€ndige Übersetzung der Septuaginta von Hieronymus ins Lateinische, die Vulgata, die die alten Übersetzungen dann verdrĂ€ngte und im Katholizismus maßgebend wurde.

Auslegungsgeschichte

Patristik

Augustinus von Hippo prĂ€gte den von den Reformatoren wieder aufgegriffenen, berĂŒhmten Satz:

Novum Testamentum in Vetere latet, et in Novo Vetus patet: „Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen aufgedeckt/offenbar.“[9]

Gemeint ist, dass Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz bereits im Alten Testament angedeutet werden. DafĂŒr werden nicht nur einzelne Passagen wie Psalm 22 oder Jesaja 53 herangezogen, sondern auch der Sinn des gesamten Alten Testaments, das zeigen möchte, dass der Mensch – selbst, wenn er es versucht â€“ Gottes Gebote nicht halten kann (vgl. z.B. Römerbrief Kapitel 3 und 7, Galaterbrief). Damit wird das Neue Testament als Fortsetzung des Alten gesehen, ohne das es keine Wurzel und Basis hĂ€tte.

Dennoch „vergaß“ die Kirche in ihrer Geschichte die eindeutige Aussage Röm 11,2.18 EU:

„Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er sich zuvor erwĂ€hlt hat ... Nicht Du trĂ€gst die Wurzel, sondern die Wurzel trĂ€gt Dich!“

Wo die auf das Diesseits bezogenen Hoffnungen und Verheißungen Israels neuplatonisch und allegorisch umgedeutet wurden, dort eignete sich das Christentum zur neuen Herrschaftsreligion des Römischen Reiches.

Die seit dem 3. Jahrhundert durchgĂ€ngige christliche Vereinnahmung des Alten Testaments und kirchlich-dogmatische „Enterbung“ des Judentums rief in Krisenzeiten Pogrome an Juden und anderen Minderheiten hervor und „rechtfertigte“ diese wĂ€hrend des ganzen europĂ€ischen Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein.

Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus versuchten die „Deutschen Christen“ erneut, alles „JĂŒdische“ aus dem christlichen Glauben auszumerzen und diesen zu einer „Nationalreligion“ umzuformen.[10] [11] Der jahrhundertelange kirchliche Antijudaismus bildete eine der wesentlichen Voraussetzungen fĂŒr diese Irrlehre und damit auch fĂŒr das singulĂ€re Verbrechen des Holocaust.

Neubewertung seit 1945

Aus dieser verheerenden Erfahrung erwuchs seit etwa 1960 ein jĂŒdisch-christlicher Dialog. Er beflĂŒgelte die Diskussion um das AT, seine Relevanz fĂŒr die Exegese des NT und den christlichen Glauben in der christlichen Theologie.

Schon die historische Forschung des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts erkannte die EigenstĂ€ndigkeit der Traditionen Israels, besonders seiner Prophetie und seines Messianismus. Doch erst die unĂŒbersehbaren Wirkungen des christlichen Antijudaismus bis hin zur Schoa bewegten die Kirchen und die neutestamentliche Wissenschaft dazu, sich mit möglichen Wurzeln des Antijudaismus im Neuen Testament auseinanderzusetzen.

Dies zog im katholischen Bereich seit dem 2. Vatikanischen Konzil, im deutschen evangelischen Bereich – besonders seit den Kirchentagen der 1960er Jahre â€“ eine Neubewertung des AT und Judentums auch in der kirchlichen Dogmatik und Alltagspraxis nach sich. Der rheinische Synodalbeschluss von 1980 zum VerhĂ€ltnis von Juden und Christen war hier wegweisend. Inzwischen haben die meisten Landeskirchen der EKD Ă€hnliche ErklĂ€rungen beschlossen und teilweise in ihre Kirchenverfassungen ĂŒbernommen.

Eine seiner zentralen Einsichten lautete: HĂ€tte die christliche Mehrheit Europas ihre jĂŒdischen Wurzeln wahrgenommen und den „ungekĂŒndigten Bund“ Gottes mit Israel (Röm 11,2 / Martin Buber) anerkannt, dann hĂ€tte sie das Doppelgebot der Liebe auch gegenĂŒber der jĂŒdischen Minderheit eher befolgt und die Gesellschaften Europas Gleiches zu tun gelehrt. Dann hĂ€tte die GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber dem Schicksal des jĂŒdischen Volkes in der NS-Zeit so nicht geschehen können.

Dem versucht die christliche Theologie auch sprachlich Rechnung zu tragen, um die bleibende GĂŒltigkeit der im Alten Testament enthaltenen Schriften auszudrĂŒcken und das MissverstĂ€ndnis zu verhindern, „alt“ bedeute „veraltet“ oder â€žĂŒberholt“: z.B. Erstes Testament (Hebr 8,7.13; 9,1.15.18: so der christliche Alttestamentler Erich Zenger), HebrĂ€ische Bibel oder historisch-neutral HebrĂ€isch-AramĂ€ische Schriften.

Die dritte Denkschrift „Juden und Christen“ der EKD von 2000 stellt fest, dass die christliche Abwertung des Alten Testaments nur dauerhaft ĂŒberwindbar ist, wenn zugleich das Judentum als bleibender, eigenstĂ€ndiger lebendiger Zeuge der HebrĂ€ischen Bibel anerkannt wird. Dies hat weitreichende Konsequenzen fĂŒr Bibelforschung, Exegese, Predigt, Konfirmandenunterricht und Gottesdienstgestaltung.

Historisch-kritische Erforschung

Die alttestamentliche Wissenschaft widmet sich als Teildisziplin der Theologie der philologisch-historischen Erforschung des Alten Testaments. Sie umfasst folgende Sachbereiche:

Als Hilfswissenschaften sind der alttestamentlichen Wissenschaft zugeordnet:

Siehe auch

Literatur

  • Gerhard J. Botterweck, Helmer Ringgren, Heinz-Josef Fabry u.a. (Hgg.): Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament (ThWAT), Kohlhammer Verlag, 10 Bde, 1973ff
  • Alfons Deissler: Die Grundbotschaft des Alten Testaments – Ein theologischer Durchblick. Herder, Freiburg (1972; Nachdr. der völlig ĂŒberarb. 11. Aufl. 1995) 2006 ISBN 3-451-28948-2
  • Franz Delitzsch und Carl Friedrich Keil: Biblischer Commentar ĂŒber das Alte Testament (BC), Dörffling & Franke Leipzig pdf-Download
  • Walter Dietrich, Wolfgang Stegemann (Hrsg.): Biblische EnzyklopĂ€die. Band 1–12, Stuttgart 1996ff
  • Erhard S. Gerstenberger: Theologien im Alten Testament: PluralitĂ€t und Synkretismus alttestamentlichen Gottesglaubens, Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer, 2001. ISBN 3-17-015974-7
  • Jan Christian Gertz (Hg.): Grundinformation Altes Testament. UTB 2745. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006 ISBN 3-8252-2745-6
  • Martin Hose: Kleine Geschichte der griechischen Literatur. Von Homer bis zum Ende der Antike, MĂŒnchen: C.H. Beck, 1999.
  • Otto Kaiser: Einleitung in das Alte Testament. GĂŒtersloher Verlagshaus Gerd Mohn, GĂŒtersloh, 4. Auflage 1978, ISBN 3-579-04458-3
  • Reinhard G. Kratz: Die Komposition der erzĂ€hlenden BĂŒcher des Alten Testaments. Grundwissen der Bibelkritik. UTB 2157. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000 ISBN 3-8252-2157-1
  • Christoph Levin: Das Alte Testament. BeckÂŽsche Reihe Wissen 2160. C.H. Beck, MĂŒnchen, 2. Auflage 2003, ISBN 3-406-44760-0
  • Gerd LĂŒdemann: Altes Testament und christliche Kirche. Versuch der AufklĂ€rung, zu Klampen Verlag, Springe 2006, ISBN 3-934920-96-9.
  • Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments. Band 1–2, MĂŒnchen, 8. Auflage 1982/1984, ISBN
  • Hartmut Gese, Vom Sinai zum Zion. Alttestamentliche BeitrĂ€ge zur biblischen Theologie, MĂŒnchen 1974, ISBN 3-459-00866-0
  • Hartmut Gese, Alttestamentliche Studien, TĂŒbingen 1991, ISBN 3-16-145699-8
  • Martin Rösel: Bibelkunde des Alten Testaments: Die kanonischen und apokryphen Schriften. Neukirchen-Vluyn 1996; 5. Auflage 2006 mit LernĂŒbersichten von Dirk Schwiderski, ISBN 978-3-7887-2060-5.
  • Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube. 9. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004, ISBN 3-7887-0655-4
  • Werner H. Schmidt: EinfĂŒhrung in das Alte Testament., de Gruyter, Berlin/New York, 5. Auflage 1995, ISBN 3-11-014102-7
  • Hans-Christoph Schmitt: Arbeitsbuch zum Alten Testament. (UTB 2146), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-8252-2146-6
  • Heinz-GĂŒnther Schöttler: Christliche Predigt und Altes Testament. Versuch einer homiletischen Kriteriologie. Schwabenverlag, Ostfildern 2001, ISBN 3-7966-1021-8 (733 S.; Kriterien fĂŒr den Umgang mit dem AT in der christl. VerkĂŒndigung)
  • Erich Zenger u.a.: Einleitung in das Alte Testament. Kohlhammer-StudienbĂŒcher Theologie 1,1. Kohlhammer, Stuttgart, 5. erw. Aufl. 2004, ISBN 3-17-018332-X
  • Erich Zenger: Der Gott der Bibel. Sachbuch zu den AnfĂ€ngen alttestamentlichen Gottesglaubens, Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk 1979, ISBN 3-460-31811-2
  • Walther Zimmerli: Grundriß der alttestamentlichen Theologie. Theologische Wissenschaft 3,1. Kohlhammer, Stuttgart, 7. Auflage 1999 ISBN 3-17-016081-8

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Altes Testament â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Textgeschichte
Bibelkunde
Exegese
Relation zum Judentum und zum Neuen Testament

Einzelnachweise

  1. ↑ u.a. Num 14,44
  2. ↑ u.a. Mt 26,28
  3. ↑ Artikel Bibel II/III, Theologische RealenzyklopĂ€die Band 6, Walter de Gruyter, 1. Auflage, Berlin 1980, S. 29 und 43
  4. ↑ Artikel Bibel II/III, Theologische RealenzyklopĂ€die Band 6, a.a.O. S. 9f
  5. ↑ Artikel Bibel II/III, Theologische RealenzyklopĂ€die Band 6, a.a.O. S. 27
  6. ↑ Artikel Bibel II/III, Theologische RealenzyklopĂ€die Band 6, a.a.O. S. 28
  7. ↑ Ernst-Joachim Waschke: Altes Testament, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Mohr/Siebeck, 4. Auflage, TĂŒbingen 1998, Band 1, Sp. 371
  8. ↑ Erich Zenger: Der vierteilige Aufbau des Ersten Testaments, in: Einleitung in das Alte Testament, Kohlhammer, 6. Auflage 2006, S. 28f
  9. ↑ Quaestiones in Heptateuchum 2, 73
  10. ↑ Wider den Arierparagraphen
  11. ↑ Christen und Juden III auf ekd.de

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