Ilse Schwipper


Ilse Schwipper

Ilse Schwipper (geborene Hennecke), (* 24. Juni 1937 in Berlin; † 27. September 2007 ebenda) war eine deutsche Anarchafeministin. Durch ihre Ehen trug sie zeitweise die Nachnamen Bongartz und Jandt und wurde wegen ihrer anarchistischen Aktivitäten in Wolfsburg von der Lokalpresse als Rote Ilse bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kindheit und Jugend

Ilse Schwipper wurde als uneheliches Kind der Buchhalterin Clara Schwipper in Berlin geboren.[1] Dort wuchs sie bei ihrer Großtante und ihrem Großonkel auf. Er war als Anarchist der Antifaschistischen Aktion im Widerstand gegen das Hitler-Regime aktiv. 1944 lernte die Mutter Clara den Zigarrenfabrikanten Heinrich Henneke aus Helmstedt kennen und zog mit Ilse dorthin. Ilses Stiefvater hatte einen autoritären Charakter und war ein bekennender Nationalsozialist und Parteigänger der NSDAP. Kurz vor Kriegsende zog die Familie in die nahegelegene „Stadt des KdF-Wagens“. Sie schloss die Hauptschule ab und brach später die Handelsschule ab. Sie begann eine Bürolehre im Volkswagenwerk Wolfsburg und wurde wegen Fehlverhaltens als Arbeiterin weiter beschäftigt. 1955 heiratete sie Helmut Bongartz, einen Kollegen. Sie bekam vier Kinder und wurde zur Hausfrau.

Politisches Engagement

Anfang der 1960er Jahre wurde sie auf die schlechten Lebensbedingungen der italienischen Gastarbeiter des VW-Werks aufmerksam. Sie sammelte Unterschriften, verfasste Leserbriefe und engagierte sich darüber hinaus als Mutter in der Nachbarschaftsarbeit für Spielplätze. Der Tod ihrer ältesten Tochter 1968 mit 12 Jahren als Folge einer Krankheit war für Ilse Schwipper das Signal, politisch aktiv zu werden. Sie engagierte sich bei den Jusos und trat 1969 in die SPD ein, obwohl sie sich nicht als Sozialdemokratin, sondern eher als Anarchistin fühlte. Kurze Zeit später wurde sie wegen einer Unterschriftensammlung für die DKP in Wolfsburg zusammen mit 18 anderen Jusos aus der SPD ausgeschlossen. Ihre Ehe zerbrach und 1970 gründete in der vorher ehelichen Wohnung in der Breslauer Straße in Wolfsburg die „Kommune K 3“ (bezugnehmend auf die Berliner Kommunen 1 und 2). Dazu gehörten neben ihr und ihren drei Kindern überwiegend jugendliche Mitbewohner. Als lebensältere 34-jährige galt sie unter den jüngeren Leuten als der „Kopf“.

Festnahme 1971

Die Wolfsburger Kriminalpolizei hatte schon seit 1970 gegen die Bewohner der „Kommune K 3“ wegen des Verdachts auf verschiedene Straftaten ermittelt. Nachdem sich im April und Mai [2] 1971 in Wolfsburg mehrere Anschläge ereignet hatten, kam es am 10. Juni 1971 zu einem Großeinsatz [3] der örtlichen Polizei. Betroffen von der Durchsuchungs- und Festnahmeaktion waren auch die Bewohner einer weiteren Kommune in der Grauhorststraße, denen Einbrüche und Haschischhandel vorgeworfen wurde. Ilse Schwipper, damals Bongartz, und ihre acht Mitbewohner saßen bis zum Prozess 1972 in Untersuchungshaft. Bis auf sie und zwei Bewohner gestanden [4] die Festgenommenen etliche Straftaten. Sie räumten eine Brandstiftung an einem Jugendtreff (der in einen Club mit Mitgliedsausweisen umgewandelt werden sollte), zwei Brandstiftungen an einer Wolfsburger Schule (wegen einer geplanten NPD-Veranstaltung), den Versuch, einen Güterzug mit VW-Neuwagen bei Fallersleben zum Entgleisen zu bringen, Beschädigungen von örtlichen Denkmälern (Porsche-Büste), die misslungene Sprengung des Vertriebenen-Denkmals, Bombendrohungen gegen die Polizei, das Rathaus und das Hotel Holiday Inn sowie mehrere Eigentumsdelikte (Autodiebstahl, Einbrüche) ein. Teilweise handelte es sich bei den Taten um Versuchshandlungen, bei denen der beabsichtige Erfolg nicht eintrat. Den Schaden der Straftaten bezifferte die Polizei mit mehreren hunderttausend DM. Ein Mitbewohner der Kommune führte die Polizei im Juli 1971 in ein Waldstück in Wolfsburg-Detmerode. Dort hatte er zwei Kleinkalibergewehre und mehrere hundert Schuss Munition vergraben, die aus einem Einbruch stammten.

Prozess 1972

Der Prozess vor dem Landgericht Hildesheim gegen die nicht vorbestrafte Ilse Schwipper und acht männliche Jugendliche dauerte sieben Wochen von Februar bis April 1972. Die lange Prozessdauer beruhte auch auf dem Widerruf der ursprünglichen Geständnisse. Die Presse betitelte die Gerichtsverhandlung nach der Angeklagten Ilse Schwipper, damals Bongartz, als „Bongartz-Prozess“. Die Anklage[5] lautete auf eine vollendete und zwei versuchte Brandstiftungen, einen Sprengstoffanschlag, eine versuchte Zugentgleisung sowie zahlreiche Einbrüche. Aus Anlass der Verhandlung hatte sich ein „Initiativkreis zum K 3-Prozess“ gebildet. Laut dessen Flugblättern bestand das Verbrechen der Kommune K 3 in ihrer politischen Einstellung und Praxis mit der Unterstützung von Bundeswehr-Deserteuren, Häftlingen und flüchtigen Füsorgezöglingen. Seitens der Staatsanwaltschaft wurde eine politische Auseinandersetzung im Prozess vollkommen in Abrede gestellt, es gehe um rein kriminelle Handlungen. Im Prozess verlas Ilse Schwipper eine Erklärung, wonach die Stadt Wolfsburg eine „nazistische“ Gründung und Ausdruck kapitalistischer Ausbeutung sei. Im Schlusswort [6] forderte sie „Freispruch für die Kommune 3 und für das Leben“. Sie habe keine Straftaten begangen, sondern Kindern und Jugendlichen eine antiautoritäre Erziehung angedeihen lassen wollen. Das Gericht verurteilte sie zu einer Haftstrafe von drei Jahren, die die bereits seit 1971 Inhaftierte bis Ende 1973 in der Frauenhaftanstalt Vechta verbrachte. Die Mitangeklagten wurden nach dem Jugendstrafrecht beurteilt und erhielten Bewährungsstrafen. Im Prozess kam es mehrfach zu Turbulenzen seitens der Angeklagten und der Zuschauer, die ihre Sympathie äußerten. Er war durch strenge Sicherheitsvorkehrungen[7] mit einem größeren Polizeiaufgebot begleitet.

Entlassung

Nach der Haftentlassung kehrte Ilse Schwipper nach Wolfsburg zurück. Sie gründete mit Jugendlichen ein weiteres Kommuneprojekt in einem älteren Bauernhaus in der Bäckergasse im historischen Stadtteil Wolfsburg-Heßlingen. Die Gruppe kontaktierte und sympathisierte mit der terroristischen Stadtguerillagruppe Bewegung 2. Juni aus Berlin, ohne an deren Aktionen beteiligt gewesen zu sein. 1973 lernte Ilse Schwipper, damals noch Bongartz, in Hamburg den der anarchistischen Szene zugehörigen Wolfgang Jandt kennen. Er war wegen Kaufhausbrandstiftungen verurteilt worden. Durch die Heirat trug sie ab 1973 den Namen Jandt. Die Ehe hielt nur einige Wochen.

Schmücker-Verfahren und Haft

Ende 1973 machte Ilse Schwipper die Bekanntschaft des Berliner Studenten Ulrich Schmücker, der dem Umfeld der terroristischen Gruppe Bewegung 2. Juni angehörte. Er besuchte sie in Wolfsburg. Zu dieser Zeit galt Schmücker bereits als V-Mann Berliner Verfassungsschutzes. Als er im Juni 1974 in Berlin ermordet worden war, wurde Ilse Schwipper noch im gleichen Monat als Zeugin, nicht jedoch als Beschuldigte, in der Sache vernommen. Da sie keine Aussagen machte, wurde sie drei Wochen lang rechtsstaatlich grenzwertig in Beugehaft genommen. Im August 1974 wurde sie in Darmstadt erneut festgenommen und wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung inhaftiert. Die fünf anderen Mitglieder ihrer Kommune in Heßlingen kamen ebenfalls in Haft. Alle wurden der Beteiligung an dem Mord verdächtigt. Einer der Verhafteten, Jürgen Bodeux, wurde zum Kronzeugen der Anklage. Aufgrund seiner Aussagen, u.a. dass er und Schwipper den späteren Tatort ausgekundschaftet hätten, gemeinsam wurde Anklage erhoben. Im Juni 1976 verurteilte das Gericht Ilse Schwipper und die Mitangeklagten im 1. Schmücker-Prozess wegen gemeinschaftlichen Mordes. Sie erhielt eine lebenslange Haftstrafe, die fünf anderen Angeklagten wurden zu Jugendstrafen verurteilt. (Die Verurteilung wurde Jahre später und erst nach drei Wiederaufnahmen zurückgenommen). Nur Bodeux nahm das ursprüngliche Urteil an, die anderen gingen in Revision. Der Schmücker-Prozess endete erst in der 4. Auflage 1991 nach 15 Jahren mit der Verfahrenseinstellung, weil die Tat unter anderem wegen der Verwicklung des Verfassungsschutzes nicht mehr aufgeklärt werden konnte.

Eine Rezension [8] zum Buch Der Lockvogel des Spiegel-Redakteurs Stefan Aust stellt das Geschehen in Bezug auf Ilse Schwipper so dar:

„Die Gruppe, mittlerweile von der Enddreißigerin Ilse Jandt (Bongartz) dominiert, nimmt ihn (Schmücker) jedoch nicht mehr auf und betrachtet ihn als Verräter. Ilse Jandt hat vornehmlich junge Leute unter zwanzig um sich geschart, die ihr - teilweise sexuell - hörig sind, und setzt schließlich durch, dass Schmücker erschossen wird. Einer der jungen Leute übernimmt die Durchführung.“

Die Haftbedingungen hatten bei Schwipper zu schweren körperlichen und seelischen Erkrankungen geführt, so dass sie im Mai 1982 wegen Haftunfähigkeit entlassen wurde. Von zwölf Jahren Haft verbrachte Schwipper sechseinhalb Jahre in Isolationshaft, nach ihrer Schilderung mit allen Merkmalen der Weißen Folter.

Späteres politisches Engagement

2002 betrachtete Ilse Schwipper rückblickend das in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik zur Anwendung gekommene Konzept der Stadtguerilla als richtig. Sie lebte zuletzt in Berlin und engagierte sich unter anderem für Anarchafeminismus und bessere Haftbedingungen von politischen Gefangenen, vor allem in der Türkei. Über die „Bibliothek der Freien“ war sie in Berlin mit der libertären Szene verbunden und war 2005 beteiligt an einer Veranstaltung über Zenzl Mühsam im Haus der Demokratie und Menschenrechte.

Literatur

  • Das Isolationszellensystem als wissenschaftliches Forschungsprojekt, Artikel von Ilse Schwipper, in: Peter Nowak, Gülten Sesen, Martin Beckmann (Hg.): Bei lebendigem Leib. Von Stammheim zu den F-Typ-Zellen, Gefängnissystem und Gefangenenwiderstand in der Türkei, Unrast, Münster 2001
  • Stefan Aust: Der Lockvogel. Die tödliche Geschichte eines V-Mannes zwischen Verfassungsschutz und Terrorismus. Rowohlt Verlag, Hamburg 2002 ISBN 3-498-00063-2
  • Ich träume noch immer von der Revolution.“ Ein Interview mit der Ex-Stadtguerillera Ilse Schwipper, in: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Interviews und Gespräche, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-87956-307-4, Seite 221-233
  • Diverse Artikel von Ilse Schwipper erschienen im Schwarzen Faden - Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit in der Graswurzelrevolution - Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, und in der Tageszeitung junge Welt.

Einzelnachweise

  1. Nachruf vom 7. Dezember 2007 im Berliner Tagesspiegel
  2. Wolfsburger Nachrichten 27. Mai 1971: Brandstifter wieder unterwegs, Feuer brannte in der Aula
  3. Wolfsburger Nachrichten 12. Juni 1971: Wolfsburger Terrorbande bei Polizeiaktion gefaßt
  4. Wolfsburger Nachrichten 27. Juli 1971: Die meisten Kommunarden legten Geständnisse ab
  5. Wolfsburger Nachrichten 24. Februar 1972: Die „Rote Ilse“ und ihre Wolfsburger Kommune vor Gericht in Hildesheim.
  6. Wolfsburger Nachrichten 6. April 1972: Ilse Bongartz: „Freiheit für das Leben“
  7. Wolfsburger Nachrichten 26. Februar 1972: „‚Rote Ilse‘ dirigiert auch auf der Anklagebank“
  8. Rezension zu Der Lockvogel

Weblinks


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