Industrielle Revolution

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Industrielle Revolution
Coalbrookdale at night. ÖlgemĂ€lde von Philipp Jakob Loutherbourg d. J. aus dem Jahr 1801. Coalbrookdale gilt als eine der GeburtsstĂ€tten der Industriellen Revolution, da hier der erste mit Koks gefeuerte Hochofen betrieben wurde.

Als Industrielle Revolution wird die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen VerhĂ€ltnisse, der Arbeitsbedingungen und LebensumstĂ€nde bezeichnet, die in der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts begann und verstĂ€rkt im 19. Jahrhundert, zunĂ€chst in England, dann in ganz Westeuropa und den USA, seit dem spĂ€ten 19. Jahrhundert auch in Japan und weiteren Teilen Europas und Asiens zum Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft gefĂŒhrt hat. Als wichtigste an dieser UmwĂ€lzung beteiligte Gesellschaftsklassen standen sich kapitalistische Unternehmer und lohnabhĂ€ngige Proletarier gegenĂŒber.

Die Industrielle Revolution fĂŒhrte zu einer stark beschleunigten Entwicklung von Technologie, ProduktivitĂ€t und Wissenschaften, die, begleitet von einer starken Bevölkerungszunahme, mit einer neuartigen Zuspitzung der sozialen MissstĂ€nde einherging:[1] Es kam zu einer Teilverlagerung des Pauperismus vom Lande in die StĂ€dte, ohne dass hinreichende WohnunterkĂŒnfte vorhanden waren;[2] und in den entstehenden Fabriken, fĂŒr die ArbeitskrĂ€fte gebraucht wurden, konzentrierte sich ein Lohnarbeiterproletariat.[3] Daraus ergab sich als ein gesellschaftspolitisches Kernproblem die Soziale Frage, verbunden mit wiederkehrenden Arbeiterunruhen und BemĂŒhungen von Sozialreformern, die akute Not zu lindern und deren Ursachen zu bekĂ€mpfen.

In weltgeschichtlicher Perspektive wird der Industriellen Revolution eine Ă€hnliche Bedeutung zugemessen wie dem Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit in der Neolithischen Revolution.[4] BezĂŒglich der Industriellen Revolution bildeten sich mit der Zeit zwei Begriffsebenen heraus: Die eine meint die mit der Entstehung der Großindustrie verbundene Epochenbezeichnung, wĂ€hrend die andere auf einen unabgeschlossenen Prozess fortlaufenden Gesellschaftswandels zielt. Die in vor- und frĂŒhindustrieller Zeit am meisten benachteiligten proletarischen Schichten profitierten im weiteren Verlauf auch ihrerseits von der industriellen Revolution, indem eine große innerstaatliche soziale Ungleichheit als Problem begriffen wurde und breitere Bevölkerungsschichten in die Lage kamen, sich einen relativen Wohlstand zu erarbeiten.

Der mit Industrieller Revolution bezeichnete epochale Umbruch des spĂ€ten 18. und 19. Jahrhunderts hat nachgeborene Wirtschaftshistoriker und Sozialwissenschaftler dazu bewogen, spĂ€tere historische UmbrĂŒche in den Wirtschafts-, Produktions- und Arbeitsformen als zweite und dritte Industrielle Revolution zu kennzeichnen. Der französische Soziologe Georges Friedmann sprach 1936 erstmals von einer zweiten industriellen Revolution.[5] Er datierte sie auf die Jahrzehnte vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert und identifizierte als deren Charakteristika die intensivierte Mechanisierung, den weitverbreiteten Gebrauch von ElektrizitĂ€t und die Massenproduktion von GĂŒtern (Taylorismus und Fordismus). Die mikroelektronische Revolution seit Mitte der 1970er-Jahre wird als technologischer Kern einer neuen, dritten Industriellen Revolution angesehen, so zum Beispiel von dem US-amerikanischen Soziologen Daniel Bell.[6]

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte

Der Begriff der industriellen Revolution kam ursprĂŒnglich als Analogie zur Französischen Revolution in Gebrauch. Die VerĂ€nderungen der gewerblichen Produktionsformen vor allem in Großbritannien erschienen epochal Ă€hnlich bedeutsam wie der politische Wandel in Frankreich. In diesem Sinne wurde der Begriff zum Beispiel 1827 in einem Bericht der Zeitung Moniteur Universel verwendet und ebenso 1837 durch Adolphe JĂ©rĂŽme Blanqui.[7] Dessen Kurzformel: „Kaum dem Gehirn der beiden genialen MĂ€nner Watt und Arkwright entsprossen, nahm die industrielle Revolution von England Besitz“[8], ist mit dem heutigen wirtschaftshistorischen Forschungsstand allerdings unvereinbar: „Die Sicht der industriellen Revolution als einer Heldengeschichte großer Erfinder bedarf dringend einer Revision“, heißt es bei Pierenkemper.[9]

Bereits 1839 benutzte Natalis Briavoine den Terminus Industrielle Revolution als Prozess- und Epochenbegriff. Außerhalb Frankreichs tauchte er erstmals 1843 bei Wilhelm Schulz (Die Bewegung der Produktion) und 1845 in der Schrift von Friedrich Engels Die Lage der arbeitenden Klasse in England auf. Auch Engels verglich die politische Revolution in Frankreich mit der industriellen Entwicklung in Großbritannien. FĂŒr ihn war die industrielle Revolution eine EpochenzĂ€sur: „Die industrielle Revolution hat fĂŒr England dieselbe Bedeutung wie die politische Revolution fĂŒr Frankreich und die philosophische Revolution fĂŒr Deutschland“.[10]

WĂ€hrend der Begriff hier auf die von England ausgehende industrielle Entwicklung begrenzt wurde, hatte Schulz ihn auch bereits auf frĂŒhere Epochen angewandt. Darin folgte ihm vor allem die angelsĂ€chsische Tradition, z. B. John Stuart Mill. Dieser verwandte den Begriff 1848 zur Kennzeichnung jedes schnellen technologischen und sozialen Wandels. Allgemeine Verbreitung fand er allerdings erst durch Arnold Toynbee, dem man deshalb lange auch die PrĂ€gung des Begriffs zugeschrieben hat. Im 20. Jahrhundert trat das BegriffsverstĂ€ndnis im Sinne von Zeitalter der Industrialisierung stĂ€rker hervor.[11]

Unter Historikern ĂŒblich ist die Verwendung des Begriffs „Industrielle Revolution“ fĂŒr das Geschehen auf der britischen Hauptinsel etwa zwischen 1750 bis 1850, wĂ€hrend ansonsten von „Industrialisierung“ gesprochen wird, sofern in einer Volkswirtschaft ein ĂŒber mehrere Jahrzehnte stetig anhaltendes Pro-Kopf-Wachstum der realen Erzeugung von mehr als 1,5 Prozent vorliegt.[12]

Die Entstehungsbedingungen in Großbritannien

Gusseiserne BrĂŒcke in Shropshire

Es hat sich als eher zweifelhaft erwiesen, spezifische einzelne Ursachen der Industriellen Revolution bestimmen zu wollen. Nicht wenige davon haben auch andernorts bestanden, etwa in den Niederlanden, in Nordfrankreich oder in Zentraljapan, sodass auch umgekehrt gefragt worden ist, warum es nicht in einer dieser Regionen zu einer derartigen UmwÀlzung kam.

FĂŒr das Vereinigte Königreich lĂ€sst sich ein BedingungsgefĂŒge aufzeigen, innerhalb dessen einzelne Faktoren spezifisch bedeutsam waren. AnzufĂŒhren sind:

  • eine vorausgegangene, viele Jahrzehnte wĂ€hrende Friedensperiode;
  • ein einheitliches Wirtschaftsgebiet ohne Zollschranken in Insellage;
  • eine auf Großgrundbesitz ausgerichtete, verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig produktive Landwirtschaft mit ArbeitskrĂ€fteĂŒberschuss;
  • eine fĂŒr Verkehr und Transporte gĂŒnstige Geographie und ergiebige Kohlevorkommen;
  • der fĂŒr Rohstoffimport und AbsatzmĂ€rkte sorgende Kolonienbesitz samt umfĂ€nglichem Kolonialhandel;
  • die entwickelte Feinmechanik und Werkzeugmacherei;
  • eine partiell verbreitete UnternehmermentalitĂ€t, besonders in religiösen Außenseitermilieus.

Von eigener Bedeutung fĂŒr den kontinuierlichen industriellen Aufschwung war zum einen die auf relativ breite Kreise sich stĂŒtzende Binnennachfrage fĂŒr den gehobenen Bedarf, war zudem der bereits fortgeschrittene Überseehandel insbesondere mit Nordamerika und im Weiteren die Ausbildung einer Technikkultur, basierend auf einem durch das Patentrecht flankierten Innovationsstrom.[13] Zwar gab es auch in Frankreich tatkrĂ€ftige Erfinder in großer Zahl, doch stellten diese ihre Innovationen vornehmlich anderen Gelehrten vor, wĂ€hrend die englischen Neuerungen oft direkt in den Aufschwung der industriellen Produktion eingespeist wurden.[14]

Bereits am Vorabend der Industriellen Revolution lag der Lebensstandard in Westeuropa verbreitet deutlich ĂŒber dem Subsistenzniveau und war im Vergleich zu anderen Weltregionen beachtlich. Dieser relative Reichtum war in Großbritannien besonders ausgeprĂ€gt, „ein Produkt der bereits mindestens zweihundert Jahre andauernden ‚ursprĂŒnglichen’ Akkumulation.“ [15] Nach Buchheim waren die vorindustriellen ProduktivitĂ€tsfortschritte der britischen Wirtschaft im 18. Jahrhundert erstmals so groß, dass trotz wachsender Bevölkerung ein Überschuss an „freien“ Ressourcen blieb, der zur Initiierung eines neuartigen, anhaltenden Wachstumsprozesses genutzt werden konnte. Damit eröffnete sich auf lange Sicht ein Ausweg aus der malthusianischen Armutsfalle.[16]

Landwirtschaftlicher Vorlauf

Wichtige Merkmale einer vorweg begonnenen und begleitenden „landwirtschaftlichen Revolution“[17] waren die Fruchtwechselwirtschaft, die Ausdehnung des Futterbaus und der WinterstallfĂŒtterung sowie die planmĂ€ĂŸige Zuchtverbesserung und Ertragssteigerung des Viehbestandes. Vor dem Hintergrund einer steigenden Nahrungsmittelnachfrage infolge Bevölkerungswachstums verstĂ€rkten sich im 18. Jahrhundert die Bestrebungen einflussreicher Grundbesitzer im englischen Parlament, die zur allgemeinen Nutzung zur VerfĂŒgung stehende Allmende durch entsprechende gesetzliche Regelungen (Private Acts of Parliament) den jeweils eigenen Besitzungen gegen eine Ausgleichszahlung zuzuschlagen. Bedeutenden Anteil an der landwirtschaftlichen ProduktivitĂ€tssteigerung hatte zudem die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch die von Pferden. Zwischen 1700 und 1850 verdoppelte sich in England der Pferdebestand.[18]

Die Auflösung der Allmenderechte (englisch Commons) im Rahmen der Enclosure Movement ("enclosures", Einhegungen) ermöglichte eine effizientere und weniger arbeitsintensive Nahrungsmittelproduktion. Die Kleinbauern aber kostete die Privatisierung des Gemeindelandes sowohl die Weiden als Futtergrundlage fĂŒr ihr Vieh als auch die ihnen zugĂ€nglichen WĂ€lder, aus denen sie sich vordem Brennholz und Rohmaterial fĂŒr ihre ArbeitsgerĂ€te beschaffen konnten. Ein erheblicher Anteil der landwirtschaftlich BeschĂ€ftigten konnte in dieser Lage den eigenen Lebensunterhalt im Agrarbereich nicht mehr erwirtschaften und strömte auf der Suche nach existenzsichernder BeschĂ€ftigung in die StĂ€dte (Landflucht). Diese Menschen gehörten mit zum Reservoir einer industriellen Lohnarbeiterschaft, die fĂŒr die Fabrikarbeit gebraucht wurde.

Wirtschaftswandel im Zeichen des technischen Fortschritts

Nicht als nationale, sondern als regionale Erscheinung kam die industrielle Revolution in Gang. Nur wenige, eng umgrenzte Regionen standen am Anfang der Entwicklung. „Die Wiege der Industrialisierung Englands stand in der Grafschaft Lancashire“, heißt es bei Pierenkemper. Auch dort war es wiederum nur der sĂŒdliche Teil, der mit seiner seit dem 16. Jahrhundert entwickelten Baumwollproduktion am Ende des 18. Jahrhunderts zur industriellen Produktionsweise ĂŒberging, wĂ€hrend das auf Leinenproduktion spezialisierte westliche Lancashire und der nordöstliche Teil der Grafschaft mit seinem Wolltuchgewerbe dahinter zurĂŒckblieben.[19]

Es war die britische Baumwollindustrie, die zwischen 1780 und 1790 eine jĂ€hrliche Wachstumsrate von mehr als 12% erreichte, eine danach in dieser Branche nie wieder aufgetretene GrĂ¶ĂŸenordnung.[20] Dazu trug erheblich bei, dass die Haupthandelsströme sich von den Binnenmeeren wie Mittelmeer und Ostsee auf den Atlantik verlagert hatten, was von englischen HandelshĂ€usern intensiv genutzt wurde. Nach 1750 stieg das britische Außenhandelsvolumen dramatisch an, wobei Baumwolle sowohl fĂŒr die Exporte wie fĂŒr die Importe von ĂŒberragender Bedeutung war. Anfang des 19. Jahrhunderts entfiel annĂ€hernd die HĂ€lfte der britischen Exporte auf Baumwollprodukte, wĂ€hrend Rohbaumwolle ein FĂŒnftel der Importe ausmachte: „King Cotton“ galt als Herrscher ĂŒber die englische Wirtschaft.[21]

Beginnendes Maschinenzeitalter

Lokomotive „The Rocket“ von George und Robert Stephenson von 1829 im Londoner Science Museum.
Textildruck, 1890
Die Ratinger Textilfabrik Cromford gilt als erste Fabrik auf dem europÀischen Kontinent
Animation einer doppelt wirkenden Dampfmaschine mit Fliehkraftregler
Erste geologische Karte fĂŒr Großbritannien von 1815, erstellt von William Smith
Geologische Karten ermöglichen die gezielte Suche nach BodenschÀtzen

Die seit Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmende Anzahl von mechanischen Erfindungen und die neuartige Nutzung nicht-menschlicher Energie kam insbesondere in dem als SchlĂŒsselindustrie fungierenden Textilgewerbe produktiv zur Geltung.[22] David S. Landes fasst den technischen Kerngehalt der Industriellen Revolution in drei Prozessen zusammen: 1. die Mechanisierung von Handarbeit durch Maschinen, 2. die mechanische Energieerzeugung und Energieumwandlung vor allem durch die Dampfmaschine, 3. die massenhafte Verwendung der mineralischen Grundstoffe Kohle und Eisen.[23]

Nach Werner Heisenberg[24] basierte die Technik des spĂ€ten 18. und frĂŒhen 19. Jahrhunderts auf der Verwendung mechanischer Prozesse. Technische Erfindungen wie die Spinning Jenny und der mechanische Webstuhl erlaubten die maschinelle Textilverarbeitung und schufen die Grundlage fĂŒr das entstehende Fabriksystem, eine auf innerbetrieblicher Arbeitsteilung und Maschinennutzung beruhende neue Produktionsform (Industriekapitalismus). Die Textilindustrie gab Anstoß zur Entstehung und Entwicklung weiterer Industriezweige.

Erste Beispiele fĂŒr die durch Maschinen ermöglichte Produktionssteigerung waren Spinnmaschine und mechanischer Webstuhl, beide den Werkzeugmaschinen zugehörig, fĂŒr Marx die bedeutendste Erfindung der Industriellen Revolution. Ihr Mechanismus bewirke „mit seinen Werkzeugen dieselben Operationen (
), welche frĂŒher der Arbeiter mit Ă€hnlichen Werkzeugen verrichtete“.[25] Neben der Textilindustrie fanden Werkzeugmaschinen vornehmlich in der metallverarbeitenden Industrie Verbreitung. Oft imitierten die Maschinen nur die AktivitĂ€ten der menschlichen Hand. Diese Art von Technik konnte als eine Fortsetzung und Erweiterung der alten Handwerke (wie beispielsweise Weben, Spinnen, Lastentransport oder Eisenschmieden) betrachtet werden.

Als wichtigste Maschine der Industriellen Revolution wird gemeinhin die Dampfmaschine angesehen. Sie ersetzte weitgehend die wesentlich unbestĂ€ndigeren bzw. leistungsĂ€rmeren herkömmlichen AntriebskrĂ€fte, die auf dem Einsatz von Menschen und Tieren sowie auf der Nutzung von Wind und Wasser beruhten. Ebenfalls von großer Bedeutung war die Dampflokomotive, denn sie beschleunigte u. a. den Transport von Waren. Die EinfĂŒhrung und Verbreitung der Dampfmaschine fĂŒhrte zu einer Intensivierung der Industrieproduktion. So wurde z. B. die Textilindustrie zunehmend von den vorher heimischen KleinproduktionsstĂ€tten in große Fabriken umgelagert, wo dampfgetriebene Spinnmaschinen und WebstĂŒhle schnell und produktiv die auf dem europĂ€ischen Kontinent begehrten Stoffe herstellten.

Als Folge mechanisierter Produktion stieg die Nachfrage nach Brennstoffen, wodurch Kohleabbau lukrativ und durch weitere Erfindungen immer produktiver wurde. Eine weitere wichtige technische Grundlage war die Erfindung des Kokshochofens zur EisenverhĂŒttung durch Abraham Darby. Mit RĂ€dern versehen und auf Schienen gestellt, wurde die Dampfmaschine als Eisenbahn (Robert Stephensons' „Rocket“) erfunden, die eine enorme Effizienzsteigerung im Transportwesen ermöglichte. Durch fortschreitende Spezialisierung trieb die Industrialisierung im Zusammenhang mit der kapitalistischen Kommerzialisierung in einem bis heute anhaltenden Prozess immer neue Gewerbe hervor.

Die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl

Im 18. Jahrhundert waren zwei Kleidergarnituren fĂŒr das einfache Volk noch ein Luxus; kostengĂŒnstigere Textilherstellung versprach den Produzenten aber Möglichkeiten zur Absatzsteigerung. 1760 wurden in England etwa 1.300 Tonnen Baumwolle verarbeitet; 1860 waren es 190.000 Tonnen – eine Steigerung nahezu um das HundertfĂŒnfzigfache. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der grĂ¶ĂŸte Teil der aus den Kolonien importierten Baumwolle in Heimarbeit verarbeitet: Die ganze Familie war beschĂ€ftigt. Doch die Weber konnten mehr Garn verarbeiten, als vier Spinner(innen) in derselben Zeit von Hand herzustellen vermochten. Die Nachfrage an Garn fĂŒhrte dazu, dass der Preis enorm anstieg und dass sogar Preise fĂŒr Erfindungen zur Erhöhung und QualitĂ€tsverbesserung der Garnproduktion ausgesetzt wurden.

Die Entwicklung einer Spinnmaschine 1764 durch James Hargreaves, der sie nach seiner Tochter „Spinning Jenny“ benannte, stand am Beginn der technologischen Revolution in England. Nur fĂŒnf Jahre spĂ€ter entwickelte Richard Arkwright die Waterframe, welche mit Wasserkraft betrieben wurde. Durch diese Kombination konnte der Techniker Samuel Crompton 1779 mit einer Weiterentwicklung noch viel feineres Garn herstellen. Anfangs gegenĂŒber AuslĂ€ndern geheim gehalten und in England durch Patente geschĂŒtzt, wurde die Waterframe 1783 mittels Industriespionage fĂŒr die deutsche Textilfabrik Cromford kopiert; von dort aus verbreitete sich das mechanisierte Spinnen ĂŒber den europĂ€ischen Kontinent, spĂ€ter auch in die USA. Die Produktion wurde nochmals enorm gesteigert, als die Dampfmaschine die Wasserkraft ablöste. Das Ergebnis war, dass ein Spinner zu Beginn des 19. Jahrhunderts soviel Garn erzeugen konnte wie 200 Arbeiter vor der Erfindung der „Jenny“. Das bedeutete aber gleichzeitig das Ende der Heimindustrie – sie konnte nicht mehr mit den grĂ¶ĂŸeren, dampfbetriebenen Maschinen Schritt halten. Anfang des 19. Jahrhunderts befanden sich davon etwa 100.000 in den entstandenen Spinnfabriken. Der Preis des Garns sank enorm. Ergebnis: Die billig gewordenen Baumwolltextilien steigerten den Absatz in England und machten 1830 mehr als die HĂ€lfte der englischen Exporte aus.

Die Weberei blieb gegenĂŒber der Modernisierung in der Spinnerei lange zurĂŒck – bis der Londoner Pfarrer Edmond Cartwright 1784 den mechanischen Webstuhl erfand. Dessen endgĂŒltige Durchsetzung brauchte aber etwa 50 Jahre: 250.000 Handweber leisteten aus Angst um Beruf und Existenz erbitterten Widerstand, bis hin zum Niederbrennen von Fabriken. Industrielle und Konsumenten, die von den neuen Produktionsweisen profitierten, behielten aber schließlich die Oberhand.

Die Dampfmaschine

Vor der Industrialisierung waren die Menschen bei der GĂŒtererzeugung auf die eigene Kraft und auf die von Wasser, Wind und Tieren angewiesen. Zwar hatten manche sich bereits mit dem Bau von Kraftmaschinen beschĂ€ftigt; doch fehlte es oft an den technischen Möglichkeiten, um ihre Ideen zu verwirklichen.

Die erste industriell nutzbare Dampfmaschine wurde 1712 von Thomas Newcomen konstruiert und diente zur Wasserhaltung in einem Bergwerk. Obwohl die Newcomensche Maschine der von Thomas Savery Ende des 17. Jahrhunderters konstruierten Dampfmaschine deutlich ĂŒberlegen war, betrug der Wirkungsgrad lediglich 0,5 Prozent. John Smeaton gelang es spĂ€ter, den Wirkungsgrad auf ein Prozent zu erhöhen. Anschließend erreichte James Watt – basierend auf Vorarbeiten von Denis Papin – drei Prozent Wirkungsgrad, indem er die Kondensation des Wasserdampfes in einen separaten BehĂ€lter, den Kondensator verlegte. Watt erhielt 1769 ein Patent auf die Dampfkondensation außerhalb des Zylinders, zunĂ€chst fĂŒr sechs Jahre. Watts GeschĂ€ftspartner, Matthew Boulton, nutzte nachfolgend seine Beziehungen zu Mitgliedern des britischen Parlaments und erreichte eine VerlĂ€ngerung des Patentes auf 30 Jahre, bis zum Jahr 1800. Beide behinderten bis zum Ablauf des Patentes erfolgreich die Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch konkurrierende Ingenieure. So verklagten sie Jonathan Hornblower, dessen Verbunddampfmaschine eine weitere Steigerung des Wirkungsgrads ermöglichte, wegen Patentverletzung und konnten so deren Weiterentwicklung stoppen.[26][27]

Eine Verbesserung der Effizienz gegenĂŒber der Wattschen Dampfmaschine brachte auch die Hochdruckdampfmaschine, welche 1784 von Oliver Evans konstruiert wurde. Richard Trevithick baute unmittelbar nach Ablauf des Wattschen Patentes eine solche Maschine in ein Straßenfahrzeug ein. Voraussetzung fĂŒr die FunktionsfĂ€higkeit der Hochdruckdampfmaschinen war der Fortschritt in der Metallherstellung und -bearbeitung zu dieser Zeit.

Ab 1804 wurden durch Arthur Woolf wieder Verbunddampfmaschinen produziert und weiterentwickelt. BeitrĂ€ge verschiedener Ingenieure fĂŒhrten in den nachfolgenden Jahren zu weiteren Verbesserungen. Die Dampfmaschine wurde innerhalb kurzer Zeit zur wichtigsten Arbeitsmaschine in verschiedensten Bereichen und wurde unter anderem zum Antrieb von Pumpen, HĂ€mmern, GeblĂ€sen und Walzen genutzt.

Kohleabbau und Schwerindustrie

Seit dem 16. Jahrhundert wurde in England Kohle fĂŒr den Hausbrand und im herkömmlichen Gewerbe verwendet. Um 1800 nahm der Bedarf noch zu, als Holzkohle durch das Roden der WĂ€lder knapper und teurer wurde. Anfangs wurde nur im Tagbau abgebaut – aufgrund der fehlenden Pumpen fĂŒr den Untertagbau (Wasserpumpen fĂŒr das Schmutzwasser). Seit die Dampfmaschine als Wasserpumpenantrieb eingesetzt wurde, konnte Kohle aus immer grĂ¶ĂŸeren Tiefen abgebaut werden. Dampfmaschinen wurden auch zum Befördern von Menschen und Material in den SchĂ€chten genutzt sowie als Zugmaschinen fĂŒr beladene Karren zunĂ€chst auf Holz- und spĂ€ter Eisenschienen eingesetzt (gegen Ende des 18. Jahrhunderts).

FĂŒr die Eisenerzeugung wurde (bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts) Holzkohle verwendet – obwohl Abraham Darby schon 1709 aus Steinkohle Koks hergestellt und damit Eisen zum Schmelzen gebracht hatte. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte gutes Eisen billig und in großen Mengen erzeugt werden, anfĂ€nglich vor allem zur Verarbeitung als KriegsgerĂ€t. Es wurden aber auch GegenstĂ€nde fĂŒr den Hausgebrauch und fĂŒr die Industrie hergestellt. Trotzdem brauchte man mehrere Tage um 10 Tonnen Stahl zu erzeugen. Henry Bessemer erfand 1855 die effizientere „Bessemerbirne“. Eisen hatte aber schon zuvor Holz und Stein als Werkstoff abgelöst (z. B. bei kleinen GebĂ€uden, BrĂŒcken, Schiffen und GegenstĂ€nden aus Blei).

Entwicklung der Verkehrswege und Verkehrsmittel

Mit dem Aufschwung der gewerblichen Produktion und des Handels erwiesen sich die vielfach noch auf das Römische Reich zurĂŒckgehenden Straßen in England als völlig unzureichend fĂŒr den zunehmenden Transport- und Verkehrsbedarf. KanĂ€le und Schienenwege wurden daher ebenso zu Kennzeichen der frĂŒhindustriellen Entwicklung wie Lokomotiven und Schiffe mit Dampfmaschinenantrieb.

Von den Römerstraßen zum „Kanal-Zeitalter“

Mit den landwirtschaftlichen Ertragssteigerungen, die zunehmend ĂŒberörtlich abgesetzt und in den wachsenden StĂ€dten nachgefragt wurden, sowie mit der steigenden Baumwollproduktion, Kohleförderung und Eisenherstellung wurden verbesserte Transportwege und –mittel zunehmend wichtiger. Die noch von den Römern errichteten Straßen waren fĂŒr einen wirtschaftlichen Überlandtransport von MassengĂŒtern nicht geeignet und ĂŒber die Jahrhunderte nur ungenĂŒgend instand gehalten worden. VerstĂ€rkte Straßenbaumaßnahmen allein lösten dieses Problem nicht; und die vorhandenen natĂŒrlichen Wasserwege fĂŒhrten teils zu wenig Wasser oder eben nicht zu den wichtigen Rohstofflagern und Produktionszentren. Als eine sehr erfolgreiche ErgĂ€nzung und Alternative erwies sich dem gegenĂŒber nach der Mitte des 18. Jahrhunderts der Kanalbau. Im Vergleich zu unbefestigten Straßen, auf denen vier bis sechs Zugpferde einen mit 1,5 Tonnen Nutzlast beladenen Wagen befördern konnten (auf befestigten Straßen bis zu 4 Tonnen), war es auf den Narrowboat-KanĂ€len möglich, einen mit 30 Tonnen Nutzlast beladenen Kahn von einem einzelnen Zugpferd befördern zu lassen.[28]

Als Vorreiter des Kanalbaus in Großbritannien fungierte der Duke of Bridgewater, der die Kohle aus dem ihm gehörigen Abbaugebiet bei Worsley gĂŒnstig nach Manchester ĂŒberstellen wollte. Mit dem Bridgewater-Kanal, der sich als höchst eintrĂ€gliche Investition erwies, löste er binnen kurzem eine Vielzahl von Kanalbauten aus, sodass bereits 1790 die Themse in einem Kanalnetz mit Trent, Mersey und Severn verbunden war. Neben privaten Landbesitzern waren auch die zwecks Vorfinanzierung und Gewinnerzielung gegrĂŒndeten Kanalgesellschaften am fortlaufenden Ausbau des Wasserstraßennetzes beteiligt. Mitte des 19. Jahrhunderts verkehrten in Großbritannien mehr als 25.000 meist von Pferden gezogene LastkĂ€hne, auf denen mindestens die doppelte Anzahl Menschen lebte.[29]

Die Eisenbahn

Auch das Eisenbahn-Zeitalter ging aus dem britischen Kohlenbergbau hervor. Hier zuerst wurden in grĂ¶ĂŸerem Umfang EisenschienenstrĂ€nge als Transportwege verlegt, Dampfmaschinen zur EntwĂ€sserung eingesetzt und schließlich Lokomotiven daraus entwickelt. FĂŒhrend in der Umstellung des GĂŒtertransports auf Schienenwege mit von Pferden gezogenen „waggons“ war das Kohlebergbaugebiet um Newcastle im Nordosten Englands. Auf „waggon-wags“ wurde die Kohle von den Zechen zu FlĂŒssen, KanĂ€len oder an die See befördert.

Besonders wichtig wurden die um 1800 etwa 480 Kilometer Schienenwege in England als Erprobungsstrecken fĂŒr den Einsatz von Dampflokomotiven. Deren stetige Fortentwicklung seit Anfang des 19. Jahrhunderts lohnte unmittelbar, weil der Brennstoff Kohle im Bereich der Zechen billiger kam als die Beschaffung des Pferdefutters von außerhalb.[30] Die zwischen 1811 und den 1830er-Jahren zwischen Middleton und Leeds verkehrende Zechenbahn wurde zum Prototyp der dampfgetriebenen Zahnradbahn. Erst in den 1820er-Jahren konnte aber durch das neue Walzverfahren aus Puddeleisen eine Bruchfestigkeit der Schienen erreicht werden, die dem Eigengewicht der Lokomotiven auf Dauer standhielt.

Nicht nur fĂŒr den GĂŒtertransport, sondern auch fĂŒr den Personenverkehr und das Reisen begann damit eine neue Epoche. Die ruckartige Fortbewegung zu Pferde und in der Kutsche wurde durch den in eine gleichmĂ€ĂŸige VorwĂ€rtsbewegung umgesetzten Maschinenantrieb ersetzt und zu Geschwindigkeiten gesteigert, die anfangs zum Teil Furcht und SchwindelgefĂŒhle hervorriefen. Mit der „Vernichtung von Raum und Zeit“ wurde die Wirkung der neuen Fortbewegungsart verknĂŒpft, weil in derselben Zeit nun ein Mehrfaches an Entfernungen zurĂŒckgelegt werden konnte. Der in Paris lebende Heinrich Heine kommentierte die Eröffnung der Eisenbahnlinien nach Rouen und OrlĂ©ans 1843 so:

„Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit ĂŒbrig 
 In vierthalb Stunden reist man jetzt nach OrlĂ©ans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgefĂŒhrt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist, als kĂ€men die Berge und WĂ€lder aller LĂ€nder auf Paris angerĂŒckt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner TĂŒr brandet die Nordsee.[31]“

TatsĂ€chlich abgeschafft wurden im Zuge des Schienenreiseverkehrs die diversen englischen Lokalzeiten, da mit ihnen brauchbare FahrplĂ€ne nicht möglich waren. In den 1840er-Jahren wurde fĂŒr den Eisenbahnverkehr eine Zeitvereinheitlichung vorgenommen; allerdings bestanden die lokalen Ortszeiten daneben noch bis 1880 fort. Erst dann wurde die Greenwich-Zeit, die fĂŒr alle Linien maßgebliche Eisenbahn-Standardzeit, in ganz England allein gĂŒltig.[32] Mit der Eisenbahn kam auch die Zersiedlung des stĂ€dtischen Umlands in Gang. Über die Entstehung der Londoner Suburbs hieß es 1851:

„Es ist heutzutage nicht ungewöhnlich, daß GeschĂ€ftsleute, die im Zentrum der Hauptstadt arbeiten, mit ihren Familien 15 bis 20 Meilen außerhalb der City wohnen. Trotzdem können sie ihre GeschĂ€fte, Kontore und BĂŒros frĂŒhmorgens erreichen und ebenso ohne jede Unbequemlichkeit zur gewöhnlichen Feierabendzeit nach Hause zurĂŒckkehren. Daher haben sich rings um die Hauptstadt, ĂŒberall, wo es Eisenbahnen gibt, die Wohnungen vervielfacht, und ein betrĂ€chtlicher Teil der ehemaligen Londoner Bevölkerung lebt jetzt in diesem Gebiet.[33]“

Mitte des 19. Jahrhunderts waren ca. 25.000 Menschen im britischen Eisenbahnbau beschĂ€ftigt, etwa 50.000 weitere im Bahnbetrieb. Bis dahin war der Personenverkehr wichtigste Einnahmequelle des BahngeschĂ€fts. Erst nach 1850 ĂŒberwogen die Einnahmen aus dem GĂŒterverkehr, was auch an der lange fortbestehenden Effizienz der Kanaltransporte lag.[34]

Die Dampfschifffahrt

Die Dampfschifffahrt, die auch in den USA schon Anfang des 19. Jahrhunderts praktiziert wurde, kam in Großbritannien sowohl auf FlĂŒssen wie auch an den KĂŒsten in Form von Raddampfern hauptsĂ€chlich fĂŒr den Personentransport zunehmend in Gebrauch. Seit 1815 befuhren Dampfschiffe die Themse, ab 1822 waren sie zwischen Dover und Calais unterwegs. Stark ausgebaut wurde insbesondere die KĂŒstenschifffahrt mit Dampfbooten, denn die Personenbeförderung war billiger als mit Kutschen und gegenĂŒber Segelschiffen deutlich beschleunigt.

Die Verstetigung der Fahrzeiten von Hafen zu Hafen ermöglichte die Erstellung von FahrplĂ€nen nun auch in diesem Bereich. In den 1830er-Jahren lief bereits alle zehn Minuten ein Dampfschiff Glasgow an. Zur Jahrhundertmitte wurden etwa 70 Prozent des Transportaufkommens in britischen HĂ€fen von Dampfschiffen ĂŒbernommen. Zu dieser Zeit war die NordatlantikĂŒberquerung auf der Linie von Bristol nach New York schon in 14 Tagen möglich.[35]

Wie die Eisenbahn erzeugte auch das Dampfschiff den Eindruck einer schrumpfenden natĂŒrlichen Umwelt. In einer englischen Zeitschrift war 1839 zu lesen:

„Wir haben erlebt, wie der weite Atlantik mit einemmal durch die Dampfkraft zur HĂ€lfte seiner ursprĂŒnglichen Breite zusammengeschrumpft ist
 Unsere Verkehrsverbindung mit Indien hat an demselben Segen Teil. Nicht nur, daß der Indische Ozean nun viel kleiner ist als frĂŒher, auch die Post nach Indien wird jetzt dank der Dampfkraft mit geradezu wunderbarer Schnelligkeit durch das Rote Meer befördert.[36]“

Kapitalismus im Werden

Die Industrielle Revolution war mit grundlegenden VerĂ€nderungen im wirtschaftlichen Bereich verbunden, die in dem Ausdruck Kapitalismus begrifflich zusammengefasst wurden. Darin zeigt sich die Bedeutung, die den investiven Mitteln fĂŒr die Umsetzung technischer Innovationen im Transportwesen und in den zu errichtenden Fabriken sowie bei der Finanzierung des Lebensunterhalts grĂ¶ĂŸerer Lohnarbeiterbelegschaften zukam. Zu den Bedingungen einer diesbezĂŒglichen Kapitalakkumulation und –verwendung gehörte auch eine MentalitĂ€t auf Seiten der Unternehmer, die dem entsprach und Vorschub leistete.

Weltanschaulich-theoretische Grundlagen

Außer der Ermittlung sachlich-objektiver Bedingungen der Industriellen Revolution haben Historiker und Soziologen sich auch der Frage angenommen, von welchen zeitgenössischen Bewusstseinskomponenten der Eintritt in ein neues Wirtschaftszeitalter begleitet bzw. bestimmt war. Werner Sombart und Max Weber – in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ – haben dazu die oft zitierte Auffassung entwickelt, dass bestimmte protestantische Glaubensgemeinschaften wie Calvinisten, Puritaner und QuĂ€ker es waren, die dem Geist des Kapitalismus vorgearbeitet haben. Bei ihnen war die PrĂ€destinationslehre in einer Ausrichtung maßgeblich, in der die GottgefĂ€lligkeit der menschlichen Existenz sich im wirtschaftlichen Erfolg eines auf beruflichen Fleiß, auf Sparsamkeit und Sittenstrenge gegrĂŒndeten Lebens zeigte.

„Die innerweltliche protestantische Askese [
] wirkte also mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuß des Besitzes, sie schnĂŒrte die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion, ein. Dagegen entlastete sie im psychologischen Effekt den GĂŒtererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengte die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern (in dem dargestellten Sinn) direkt als gottgewollt ansah.[37]“

Die volle ökonomische Wirkung dieser im 17. Jahrhundert insbesondere von Richard Baxter verbreiteten Lehre entfaltete sich, so Max Weber, erst nach dem Abflauen des rein religiösen Enthusiasmus’. An der Wiege des modernen Wirtschaftsmenschen habe die an innerweltliche Askese gebundene puritanische Lebensauffassung gestanden[38]:

„Mit dem Bewußtsein, in Gottes voller Gnade zu stehen und von ihm sichtbar gesegnet zu werden, vermochte der bĂŒrgerliche Unternehmer, wenn er sich innerhalb der Schranken formaler Korrektheit hielt, sein sittlicher Wandel untadelig und der Gebrauch, den er von seinem Reichtum machte, kein anstĂ¶ĂŸiger war, seinen Erwerbsinteressen zu folgen und sollte dies tun. Die Macht der religiösen Askese stellt ihm ĂŒberdies nĂŒchterne, gewissenhafte, ungemein arbeitsfĂ€hige und an der Arbeit als gottgewolltem Lebenszweck klebende Arbeiter zur VerfĂŒgung.“

Auf das Industrieproletariat ließ sich anwenden, was als Calvin-Zitat hĂ€ufig wiederholt wurde: dass nur, wenn das Volk arm erhalten werde, es Gott gehorsam bleibe.[39]

Adam Smith

Das wirtschaftstheoretische Fundament fĂŒr das Zeitalter des industriellen Kapitalismus legte der schottische Moralphilosoph Adam Smith mit seiner 1776 erschienenen Schrift „Der Wohlstand der Nationen“ (Originaltitel: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations), die zudem fĂŒr die Klassische Nationalökonomie wegweisend wurde. Das individuelle Profitstreben jedes einzelnen am Wirtschaftsleben Beteiligten sorgte demnach wie von unsichtbarer Hand gesteuert dafĂŒr, den allgemeinen Wohlstand bestmöglich zu fördern:

„Da nun aber der Zweck jeder Kapitalanlage Gewinnerzielung ist, so wenden sich die Kapitalien den rentabelsten Anlagen zu, d. h. denjenigen, in denen die höchsten Gewinne erzielt werden. Indirekt wird aber auf diese Weise auch die ProduktivitĂ€t der Volkswirtschaft am besten gefördert. Jeder glaubt nur sein eigenes Interesse im Auge zu haben, tatsĂ€chlich aber erfĂ€hrt so auch das Gesamtwohl der Volkswirtschaft die beste Förderung
. Verfolgt er nĂ€mlich sein eigenes Interesse, so fördert er damit indirekt das Gesamtwohl viel nachhaltiger, als wenn die Verfolgung des Gesamtinteresses unmittelbar sein Ziel gewesen wĂ€re. Ich habe nie viel Gutes von denen gesehen, die angeblich fĂŒr das allgemeine Beste tĂ€tig waren. Welche Kapitalanlage wirklich die vorteilhafteste ist, das kann jeder einzelne besser beurteilen als etwa der Staat oder eine sonstwie ĂŒbergeordnete Instanz.[40]“

Die Rolle des Staates bestimmte Smith im Anschluss an John Locke und im Gegensatz zum Leviathan von Thomas Hobbes zurĂŒckhaltend. Die staatlichen ZustĂ€ndigkeiten sah er anders als im Merkantilismus darauf beschrĂ€nkt, die Ă€ußere Sicherheit des Gemeinwesens zu erhalten, das Privateigentum und ein stabiles Rechtssystem fĂŒr die BĂŒrger zu gewĂ€hrleisten sowie fĂŒr eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur, öffentliche Ordnung und das Bildungswesen zu sorgen. Die auf freie unternehmerische Entfaltung gerichtete wirtschaftsliberale Lehre von Adam Smith begĂŒnstigte dergestalt ein mit den industriellen ProduktionsverhĂ€ltnissen harmonierendes BĂŒrgertum:

„Die Industrie eines Landes kann sich nur in dem Maße vermehren, als das Kapital zunimmt, und das Kapital nimmt nur in dem Maße zu, als nach und nach aus dem Einkommen gespart wird. Kapitalbildung und Industrieentfaltung mĂŒssen in einem Lande dem natĂŒrlichen Gang der Entwicklung ĂŒberlassen bleiben. Jede kĂŒnstliche wirtschaftspolitische Maßnahme lenkt die produktiven KrĂ€fte der Arbeit und auch die Kapitalien in eine falsche Richtung.[41]“

Kapitalbildung

Zur Industrialisierung in großem Stil wurde das entsprechende Kapital benötigt, das die Finanzierung von Maschinen, Fabrikanlagen und Verkehrsinfrastruktur ermöglichte. Die AnfĂ€nge in der englischen Baumwollindustrie waren allerdings im Vergleich zu der nachfolgenden schwerindustriellen Phase noch nicht so kapitalintensiv: „FĂŒr den Aufbau einer Baumwollspinnerei reichten oftmals die Ersparnisse der Familie des Unternehmers; und wenn das nicht der Fall war, konnten die Investitionen ĂŒber den informellen Kapitalmarkt beschafft werden, der sich um einen Notar oder um ein anderes Mitglied der örtlichen Honoratiorenschaft entwickelte. Zur Vorfinanzierung der Baumwolle und anderer Rohstoffe hatte sich im 18. Jahrhundert darĂŒber hinaus ein leistungsfĂ€higes Kreditsystem entwickelt, in dessen Mittelpunkt der Handelswechsel als Kreditinstrument und Zahlungsmittel stand.“[42]

Im Zuge der weiteren Entwicklung wurden mehr und mehr Kapitalgesellschaften gegrĂŒndet, die es erlaubten, die Investitionssumme auf mehrere Gesellschafter zu verteilen und gemeinsame wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Nordenglische Grubenbesitzer verbanden sich mit Londoner KohlehĂ€ndlern; Brauereibesitzer mit Malzlieferanten und Erfinder mit Kapitalgebern, Maschinenbauer mit Spinnereien. Neben Bankkrediten, investitionsbereiten adeligen Großgrundbesitzern, vermögenden Kaufleuten und Handwerkern sowie einem ÜberschĂŒsse abwerfenden, florierenden Kolonialhandel trug zur Kapitalbildung auch bei, dass der Lohnarbeiterschaft nur minimale Löhne gezahlt wurden.

Neue Formen der industriellen Produktion

Dampfmaschine im Textilmuseum Bocholt

Die industrielle Produktionsweise verdrĂ€ngte nach und nach die ĂŒberkommenen Herstellungsformen in Handwerksbetrieben und Manufakturen.[43] Sie ersetzte nach Landes

  1. die „menschliche Fertigkeit und Anstrengung durch die ebenso schnell wie gleichmĂ€ĂŸig, prĂ€zise und unermĂŒdlich funktionierende Arbeits-Maschine“;
  2. „belebte durch unbelebte Kraftquellen, insbesondere durch die Erfindung von (Kraft-)Maschinen, die WĂ€rme in Arbeit umwandeln“ (und damit vielfĂ€ltige EnergietrĂ€ger erschließbar machen); sie forcierte
  3. die „Verwendung neuer Rohmaterialien in grĂ¶ĂŸeren Mengen, vor allem die Ersetzung pflanzlicher und tierischer Substanzen durch anorganische und schließlich synthetisch hergestellte Materialien“.

Mit der Umwandlung von Dampfkraft in mechanische Kraft wurde u. a. der Bau von Fabriken weit entfernt von WasserlĂ€ufen möglich und rentabel. Von der englischen Baumwollverarbeitung ausgehend, hielt die neue Produktionsweise in weiteren Industriezweigen Einzug. Im Zuge der Industriellen Revolution stieg die Pro-Kopf-Erzeugung in der englischen Industrie stetig an. Indem technische Erfindungen vorangetrieben und auf betrieblicher Ebene genutzt wurden, nahmen Arbeitsteilung und Spezialisierung der TĂ€tigkeiten zu. Der Absatz der massenhaft produzierten GĂŒter war durch die seinerzeitige Weltmachtstellung des Britischen Empires nicht nur in England gesichert, sondern auch in den Kolonien und in Kontinentaleuropa, wo englische Produkte bis in das 19. Jahrhundert den Markt beherrschten.

Entstehung des Arbeitsmanagements

FĂŒr den Wirtschafts- und Sozialhistoriker Sidney Pollard hat das Management in dem wĂ€hrend der Industriellen Revolution entstehenden Fabriksystem seinen Ursprung. Es ist zunĂ€chst ein Management der Arbeit (labour management).[44] FĂŒr dieses gab es keine direkten Vorbilder; allenfalls Kirche und MilitĂ€r boten als straff gefĂŒhrte, große soziale Organisationen gewisse Orientierungsmuster. Das Hauptproblem des frĂŒhen labour management war neben der Rekrutierung und Ausbildung von ArbeitskrĂ€ften die „Kontrolle von widerspenstigen Massen“,[45] die an eine rigide Fabrikdisziplin mit einem monton-industriellen Zeitrhythmus gewöhnt werden mussten. Die Aufseher und Werkmeister in den frĂŒhen Fabriken arbeiteten mit „Zuckerbrot und Peitsche“ das heißt mit positiven Anreizsystemen (leistungsabhĂ€ngige Entlohnung, PrĂ€mien) und abschreckenden Zwangsmaßmahmen (von der körperlichen ZĂŒchtigung bis zur Geldstrafe), um den Widerstand gegen die ungewohnten Arbeitszumutungen zu brechen.[46]

Wie Sidney Pollard hervorhebt, gab es vor 1830 keine BĂŒcher und keine Artikel in EnzyklopĂ€dien ĂŒber das Gebiet des Managements.

Sozialer Wandel und politische Folgen

Dem Ausmaß entsprechend, in dem die Industrielle Revolution immer weitere Bereiche des Wirtschaftslebens erfasste und umgestaltete, verĂ€nderten sich auch die Lebensbedingungen der darin eingebundenen Menschen mit und ohne eigenem Kapital auf vielfĂ€ltige Weise. Die auf betriebliche RentabilitĂ€t und Gewinnerzielung ausgerichteten Unternehmer, die sich in der Konkurrenz am Markt gegenĂŒber anderen behaupten mussten, interessierten die von ihnen angestellten Lohnarbeiter hauptsĂ€chlich als nötige ArbeitskrĂ€fte, die nur die geringstmöglichen Kosten verursachen sollten. Das aus den so zustande kommenden Hungerlöhnen erwachsende Elend der mittellosen Proletarier und ihrer Familien wurde zum Motor fĂŒr Proteste, Widerstandsaktionen und fĂŒr verstreute ReformansĂ€tze. Erst im Zuge einer scharfen Klassenkonfrontation zwischen BetriebseigentĂŒmern bzw. Kapitalisten einerseits und lohnabhĂ€ngigen Proletariern andererseits, die auch politisch bedeutsam wurde, sowie angesichts einer drohenden sozialen Revolution kam es unter den Bedingungen anhaltenden demographischen Wandels zu einer allmĂ€hlichen Verbesserung des Lebensstandards von Industriearbeitern.

Bevölkerungswachstum in gewandelter Umwelt

Eine wichtige soziale Grundlage und Begleiterscheinung der Industriellen Revolution war die starke Bevölkerungszunahme. WĂ€hrend in vorindustrieller Zeit die Sterberate annĂ€hernd der Geburtenrate entsprach, erhöhte sich die Bevölkerungszahl nun in bis dahin ungekanntem Ausmaß. „Eine Reihe nationaler Gesellschaften erlebte zu unterschiedlichen Zeitpunkten, dass die Familien grĂ¶ĂŸer wurden, weniger Kinder starben und sich mit steigender Lebenserwartung der Zeithorizont von LebensentwĂŒrfen verschob.“ Dieser Prozess begann mit dem Sinken der Sterberate und erstreckte sich ĂŒber unterschiedliche ZeitrĂ€ume: in England etwa von 1740 bis 1940, in Deutschland von 1870 bis 1940.[47] WĂ€hrend des gesamten 19. Jahrhunderts wies England mit jĂ€hrlich 1,23 Prozent die höchste Wachstumsrate auf, gefolgt von den Niederlanden mit 0,84 Prozent. Das Ausmaß des „biologischen Spurts“, der in England stattfand, zeigt sich in dem Aufholprozess des „demographischen NachzĂŒglers“: Noch 1750 standen 5,9 Millionen EnglĂ€nder (ohne Schottland) 25 Millionen Franzosen gegenĂŒber; 1850 lag das VerhĂ€ltnis bei 20,8 Millionen EnglĂ€ndern, Schotten und Walisern zu 35,8 Millionen Franzosen, und um 1900 hatte die Bevölkerung Großbritanniens mit 37 Millionen Menschen zur französischen (39 Millionen) schon nahezu aufgeschlossen.[48]

Die ErnĂ€hrung einer fortlaufend wachsenden Bevölkerung wie auch der industriellen Lohnarbeiterschaft wurde durch die landwirtschaftliche ProduktivitĂ€tssteigerung möglich. Weitere GrĂŒnde fĂŒr die Bevölkerungszunahme lagen in medizinischen Fortschritten (Entdeckung der Viren und Bakterien) und in verbesserter Hygiene (Gesunderhaltung durch verbreitete AufklĂ€rung und standardisierte Verhaltensweisen). FĂŒr viele aber blieben die VerhĂ€ltnisse so elend Ă€rmlich oder auf andere Weise unertrĂ€glich, dass sie ihr Los durch Auswanderung zu bessern suchten: „Keine andere Epoche war in einem Ă€hnlichen Maße wie das 19. Jahrhundert ein Zeitalter massenhafter Fernmigration.“ Eine besondere Rolle dabei spielte die Auswanderung von Abermillionen EuropĂ€ern nach Nordamerika. Nach den Iren stellten EnglĂ€nder, Schotten und Waliser bis 1820 die grĂ¶ĂŸten Migrantenkontingente.[49] Unter den britischen Auswanderern waren von je her viele mit der Anglikanischen Staatskirche verfeindete Puritaner, die das calvinistische Erwerbsethos nun auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zur Geltung brachten.

Beiderseits des Atlantiks brachte der industrielle Kapitalismus verĂ€nderte Lebensbedingungen und UmweltverĂ€nderungen hervor. Bei der Investition in Bergwerke, KanĂ€le und Schienennetze ging es um lĂ€ngere Nutzungs- und Amortisationsfristen, als es im frĂŒhneuzeitlichen Groß- und Überseehandel der Fall gewesen war. „Damit waren beispiellose Eingriffe in die physische Umwelt verbunden. Keine andere Wirtschaftsordnung hat jemals die Natur drastischer umgestaltet als der Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts.“ [50] Der gelernte Jurist und scharfsinnige Beobachter Alexis de Tocqueville schilderte anlĂ€sslich seiner England-Reise 1835, was sich ihm als Stadtbild neu darbot:

„Auf dem Gipfel der HĂŒgel [
] erheben sich dreißig oder vierzig Fabriken. Mit ihren sechs Stockwerken reichen sie hoch in die Luft. Ihr unabsehbarer Bereich kĂŒndet weithin von der Zentralisation der Industrie. [
] Die Straßen, welche die einzelnen, noch schlecht zusammengefĂŒgten Teile der großen Stadt miteinander verbinden, bieten wie alles andere das Bild eines hastigen und noch nicht vollendeten Werkes: die rasche Leistung einer gewinnsĂŒchtigen Bevölkerung, die Gold anzuhĂ€ufen versucht, um dann mit einem Schlag auch alles andere zu haben, und bis dahin die Bequemlichkeit des Lebens verschmĂ€ht. [
] Aus diesem ĂŒbelriechenden Labyrinth, inmitten dieses unermesslichen und dĂŒsteren Ziegelhaufens ragen hin und wieder herrliche SteinpalĂ€ste auf, deren kannelierte SĂ€ulen das Auge des Fremden ĂŒberraschen. [
]
Wer aber vermöchte das Innere jener abseits gelegenen Viertel zu beschreiben, der Schlupfwinkel von Laster und Elend, welche die gewaltigen PalĂ€ste des Reichtums mit ihren abscheulichen Windungen umfangen und erdrĂŒcken? Über dem Landstreifen, der tiefer liegt als der Flußspiegel und ĂŒberall von gewaltigen WerkstĂ€tten beherrscht wird, erstreckt sich ein Sumpfgebiet, das durch die in großen AbstĂ€nden angelegten GrĂ€ben weder trockengelegt noch saniert werden konnte. Dort enden gewundene und enge GĂ€ĂŸchen, gesĂ€umt von einstöckigen HĂ€usern, deren schlecht zusammengefĂŒgte Bretter und zerbrochene Scheiben schon von weitem eine Art letztes Asyl ankĂŒnden, das der Mensch zwischen Elend und Tod bewohnen kann. Unter diesen elenden Behausungen befinden sich eine Reihe von Kellern, zu der ein halb unterirdischer Gang hinfĂŒhrt. In jedem dieser feuchten und abstoßenden RĂ€ume sind zwölf bis fĂŒnfzehn menschliche Wesen wahllos zusammengestopft
. Um dieses Elendsquartier herum schleppt einer der BĂ€che [
] langsam sein stinkendes Wasser, das von den Industriearbeitern eine schwĂ€rzliche Farbe erhĂ€lt. [
]
Inmitten dieser stinkenden Kloake hat der große Strom der menschlichen Industrie seine Quelle, von hier aus wird er die Welt befruchten. Aus diesem schmutzigen Pfuhl fließt das reine Gold. Hier erreicht der menschliche Geist seine Vollendung und hier seine Erniedrigung; hier vollbringt die Zivilisation ihre Wunder, und hier wird der zivilisierte Mensch fast wieder zum Wilden
[51]“

Urbanisierung und proletarische Existenzbedingungen

Slum in Glasgow, 1871

Stadttypen wie der von Tocqueville beschriebene entstanden in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Industriellen Revolution. Urbanisierung als eine im 19. Jahrhundert weit verbreitete Erscheinung gab es aber auch davon unabhĂ€ngig. London war als Metropole bereits 1750 Wohnort fĂŒr mehr als ein Zehntel der englischen Bevölkerung. WĂ€re es fĂŒr die Industrialisierung andererseits vornehmlich auf einen bereits vorhandenen hohen Urbanisierungsgrad angekommen, so hĂ€tten die oberitalienischen StĂ€dte als frĂŒhe Industrialisierungsmotoren wirken mĂŒssen. Das am Ärmelkanal gelegene Brighton wiederum war zwar eine der am schnellsten wachsenden englischen StĂ€dte, hatte als Seebad und Kurort aber keinerlei Industriepotential.[52]

Ganz anders lag der Fall fĂŒr das seit den 1830er-Jahren als „shock city“ wahrgenommene, von Tocqueville besuchte und auch von Friedrich Engels als Studienobjekt herangezogene Manchester. Hier wie in den industriellen Zentren der englischen Midlands schockierten Schmutz, Gestank und LĂ€rm die Zugereisten.[53]

„Ein dichter, schwarzer Qualm liegt ĂŒber der Stadt. Durch ihn hindurch scheint die Sonne als Scheibe ohne Strahlen. In diesem verschleierten Licht bewegen sich unablĂ€ssig dreihunderttausend menschliche Wesen. Tausende GerĂ€usche ertönen unablĂ€ssig in diesem feuchten und finsteren Labyrinth. Aber es sind nicht die gewohnten GerĂ€usche, die sonst aus den Mauern großer StĂ€dte aufsteigen. Die Schritte einer geschĂ€ftigen Menge, das Knarren der RĂ€der, die ihre gezahnten RĂ€nder gegeneinander reiben, das Zischen des Dampfes, der dem Kessel entweicht, das gleichmĂ€ĂŸige HĂ€mmern des Webstuhles, das schwere Rollen der sich begegnenden Wagen – dies sind die einzelnen GerĂ€usche, die das Ohr treffen.[54]“

Oft handelte es sich bei den unter solchen Bedingungen ihrem Broterwerb Nachgehenden um Menschen, die ihre agrarische Existenz hatten aufgeben mĂŒssen, da die lĂ€ndlichen Heimarbeiten mit der wachsenden und billigeren Konkurrenz der Fabrikerzeugnisse nicht mehr mithalten konnten. Viele Bauern verkauften ihr kleines, unrentables StĂŒck Boden oder stiegen aus ihrem Pachtvertrag aus. Auf der Suche nach existenzsichernder BeschĂ€ftigung begannen Kleinbauern und Landlose, in die StĂ€dte abzuwandern und dort Arbeit zu suchen. Landflucht wurde zu einem wesentlichen Beschleunigungsfaktor der Urbanisierung.

Die ersten Industriearbeiter-Generationen, die in den Fabriken Arbeit fanden, mussten ihre bisherigen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten aufgeben, egal ob sie in Landwirtschaft, Heimarbeit oder Handwerk vordem beschĂ€ftigt waren. Arbeitsrhythmus und ArbeitsintensitĂ€t war ihnen nun durch den Maschinentakt vorgegeben, die Pausen anhand der Fabrikordnung. Eine rigide Disziplinierung seitens der Fabrikherren sollte fĂŒr Gehorsam und FĂŒgsamkeit gegenĂŒber dem Aufsichtspersonal sorgen und fĂŒr Unterordnung aller Verhaltensweisen unter das Ziel der maximalen Ausnutzung der ProduktionskapazitĂ€t, die die jeweiligen Arbeitsmaschinen hergaben. Als Druckmittel dienten Strafen, LohnabzĂŒge gemĂ€ĂŸ Bußgeldkatalog der Fabrikordnung, bei Kindern auch die körperliche ZĂŒchtigung.[55] Zu den harten Arbeitsbedingungen in den neu entstandenen Fabriken, namentlich in den Textilfabriken (mills), hat der Dichter und Maler William Blake in seinem Gedicht And did those feet in ancient time die Metapher dark Satanic mills (finstere teuflische MĂŒhlen) geprĂ€gt.

Frauen- und Kinderarbeit gab es nicht erst im Zuge der industriellen Revolution; neu war aber deren massenhafte BeschĂ€ftigung außerhalb des Familienverbands. Bis zum gesetzlichen Verbot 1842 wurden sie auch unter Tage im Kohlenbergbau eingesetzt. Den grĂ¶ĂŸten Anteil an ArbeitskrĂ€ften stellten Frauen und Kinder aber bei der Textilienherstellung, insbesondere in der Baumwollindustrie. Bis zu ersten BeschrĂ€nkungen durch das Kinderschutzgesetz 1802 war es ĂŒblich, „dass WaisenhĂ€user zwecks Kosteneinsparung unter dem Deckmantel der Ausbildung ihre Waisen vertragsgemĂ€ĂŸ ,fĂŒr Unterkunft und Verpflegung’ an Baumwollfabrikanten abgaben. Von Ausbildung war jedoch keine Rede, die Kinder arbeiteten, nicht selten in zwei Schichten rund um die Uhr, als Feger und KnĂŒpfer bei den Spinnmaschinen. Diese Kindersklaverei, die den Baumwollfabriken den Ruf von Kerkern und eine empörte Kritik einbrachte, ging nach 1800 allmĂ€hlich zurĂŒck, nicht jedoch der Anteil der Kinderarbeit. Erst auf Grund des Fabrikgesetzes von 1833, das die Arbeitszeit von Jugendlichen zwischen vierzehn und achtzehn Jahren auf zwölf Stunden und jene von Kindern zwischen neun und dreizehn Jahren auf neun Stunden limitierte und auch eine wirksame Kontrolle der Textilfabriken durch unabhĂ€ngige Fabrikinspektoren einfĂŒhrte, wurde die Kinderarbeit allmĂ€hlich zurĂŒckgedrĂ€ngt.“[56]

Von schlimmen Formen ausbeuterischer Kinderarbeit auch in Bergwerken berichtete Friedrich Engels in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“:

„In den Kohlen- und Eisenbergwerken arbeiten Kinder von 4, 5, 7 Jahren; die meisten sind indes ĂŒber 8 Jahre alt. Sie werden gebraucht um das losgebrochene Material von der Bruchstelle nach dem Pferdeweg oder dem Hauptschacht zu transportieren, und um die ZugtĂŒren, welche die verschiedenen Abteilungen des Bergwerks trennen, bei der Passage von Arbeitern und Material zu öffnen und wieder zu schließen. Zur Beaufsichtigung dieser TĂŒren werden meist kleine Kinder gebraucht, die auf diese Weise 12 Stunden tĂ€glich im Dunkeln einsam in einem engen, meist feuchten Gange sitzen mĂŒssen, ohne auch nur so viel Arbeit zu haben, als nötig wĂ€re, sie vor der verdummenden, vertierenden Langeweile des Nichtstuns zu schĂŒtzen. Der Transport der Kohle und des Eisengesteins dagegen ist eine sehr harte Arbeit, da dies Material in ziemlich großen Kufen ohne RĂ€der ĂŒber den holprigen Boden der Stollen fortgeschleift werden muß, oft ĂŒber feuchten Lehm oder durch Wasser, oft steile AbhĂ€nge hinauf, und durch GĂ€nge, die zuweilen so eng sind, daß die Arbeiter auf HĂ€nden und FĂŒĂŸen kriechen mĂŒssen. Zu dieser anstrengenden Arbeit werden daher Ă€ltere Kinder und heranwachsende MĂ€dchen genommen.[57]“

Der Einsatz von Frauen erstreckte sich zumeist auf schnell anlernbare HilfstĂ€tigkeiten und die nicht bereits auf Maschinen ĂŒbertragene, körperlich anstrengende Handarbeit. Als „MaschinenfĂŒhrer“ und in Aufsichtsfunktionen wurden Frauen jedoch nicht beschĂ€ftigt, auch weil ihnen die HĂ€rte bzw. BrutalitĂ€t nicht zugetraut wurde, mit der die Kinder-Hilfsarbeiter ĂŒber 12 Stunden tĂ€glich angetrieben wurden. Nicht zuletzt mit dem Argument, sie brauchten schließlich keine Familie zu ernĂ€hren, standen Frauen bei der Entlohnung gegenĂŒber mĂ€nnlichen ArbeitskrĂ€ften ebenfalls zurĂŒck.[58]

WiderstÀnde und ReformansÀtze

Die mit der Industriellen Revolution sich ausbreitende kapitalistische Produktionsweise erzeugte die besagten krisenhaften Soziallagen und fĂŒhrte zu dauerhaften und teilweise explosiven GegensĂ€tzen zwischen den davon betroffenen pauperisierten und proletarisierten Teilen der Gesellschaft einerseits und den insbesondere als Fabrikherren verhassten Unternehmern andererseits. Kritik und Widerstand riefen nicht nur die Verbreitung von Kinder- und Frauenarbeit unter inhumanen Bedingungen hervor, sondern auch das neue strikte Fabrikregime, das die aus handwerklichen oder landwirtschaftlichen ArbeitszusammenhĂ€ngen stammenden ArbeitskrĂ€fte einer ungewohnten industriellen Zeitdisziplin unterwarf.[59] „Die Bedingungen des LohnarbeitsverhĂ€ltnisses konnten vom Arbeitgeber einseitig diktiert werden, weil Koalitions-, Streik- und Tarifvertragsrecht weitgehend fehlten. Schutz vor den Grundrisiken des Daseins (Krankheit, Unfall, Alter, Arbeitslosigkeit) gab es fĂŒr die aus herkömmlichen sozialen Bindungen herausgelöste Lohnarbeiterschaft nicht.“[60]

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kam es in England zu erheblichen WiderstĂ€nden und Protestaktionen gegen die der gewerblichen Heimarbeit das Wasser abgrabende Ausbreitung fabrikmĂ€ĂŸiger Maschinenarbeit. Der Produktpreis, den die Heimwerker fĂŒr ihre Erzeugnisse erzielen konnten, richtete sich unterdessen nach dem des jeweils billigsten Maschinenfabrikats. Die Maschinen verdarben also den Heimarbeitern den Lebensunterhalt; und gegen sie richtete sich dann auch sehr direkt der zeitweise in MaschinenstĂŒrmerei mĂŒndende Zorn von Spinnern, Webern und FĂ€rbern. Zum Kulminationspunkt dieser Form des Widerstands wurde die Erhebung der Ludditen in den Jahren 1811 und 1812, die von Nottingham ausgehend in ganz England AnhĂ€nger fand und zur Zerstörung zahlreicher Woll- und Baumwollspinnereien fĂŒhrte. Erst massive MilitĂ€reinsĂ€tze und die drakonische Bestrafung der Beteiligten durch Hinrichtung oder Zwangsverbringung nach Australien ließen diese Bewegung abebben.

Eine neue, massenhafte Dimension erhielt die industrielle Protestbewegung 1819 in Manchester, wo sich auf dem St. Peters Field 100.000 Menschen zu einer friedlichen Demonstration zusammenfanden. Als diese Versammlung plötzlich von einer BĂŒrgergarde mit Schusswaffen attackiert wurde, kam es zu 11 Toten und 150 bis 200 Schwerverletzten. „Die nun folgenden nationenweiten Sympathie- und SolidaritĂ€tsbekundungen mit den ‚Helden von Peterloo’ – wie diese in Anlehnung an die kurz zuvor erfolgte Schlacht bei Waterloo genannt wurden – trugen ganz wesentlich dazu bei, die Probleme der industriellen Arbeiterschaft in das öffentliche Bewußtsein zu rĂŒcken und sich mit ihren Forderungen auseinanderzusetzen.“[61]

Erneut war es 1842 im Umkreis von Manchester, in Ashton-under-Lyne, dass eine Widerstandsaktion hohe Wellen schlug. Es handelte sich zunĂ€chst um eine Sabotageaktion zur Unterbrechung des maschinellen Arbeitsablaufs, indem die Arbeiter an vielen Stellen die Stöpsel der Dampfkessel herauszogen. Auch diese Aktion fand weithin Beachtung, veranlasste einen großen Streik in der gesamten mittelenglischen Textilindustrie und löste die Forderung nach einem nationalen Generalstreik aus.[62]

Unter dem Eindruck der unhaltbaren ZustĂ€nde in den Fabriken und der oft spontan und unkalkulierbar sich Ă€ußernden WiderstĂ€nde kam es seit Beginn des 19. Jahrhunderts zu politischen Vorgaben bezĂŒglich der neuen ArbeitsverhĂ€ltnisse. Das Parlament erließ ab 1802 eine Serie von Factory Acts, die die Arbeitszeiten von Kindern, Jugendlichen und Frauen beschrĂ€nkten. Sie erhielten aber erst durch die Schaffung von Fabrikinspektoren (1833), die deren Einhaltung kontrollieren sollten, begrenzte Wirksamkeit.[63]

Nach Wegen zu einer fĂŒr die industrielle Lohnarbeiterschaft auskömmlichen Existenz suchte der vom Lehrling in der Textilbranche zum Fabrikleiter aufgestiegene Robert Owen, der nach einigen Jahren Vorerfahrung in Manchester um 1800 die Baumwollfabrik seines Schwiegervaters im schottischen New Lanark ĂŒbernahm und zum viel besuchten Musterbetrieb ausbaute. Dort wurde nicht nur Kinderarbeit bis zum Alter von zehn Jahren unterbunden, sondern auch eine Schule fĂŒr die Arbeiterkinder ab zwei Jahren eingerichtet. Die Arbeitszeit in der Fabrik wurde auf 10,5 Stunden begrenzt (ĂŒblich waren zu der Zeit 13-14 Stunden); Wohnraum und tĂ€glicher Bedarf wurden auf dem GelĂ€nde zu erschwinglichen Preisen angeboten; AnsĂ€tze zu einer Absicherung von Alter und Krankheit der Lohnarbeiter gab es ebenfalls. Das Unternehmen florierte unter diesen Bedingungen und seine KonkurrenzfĂ€higkeit stand nicht in Frage, da Owen auch produktionstechnisch einigen Erfindungsreichtum an den Tag legte. Die Modellhaftigkeit dieses Ansatzes sprach sich so weit herum, dass sogar habsburgische Prinzen und Zar Nikolaus I. New Lanark aufsuchten.

Unter dem Eindruck der Initiativen Owens haben zu Beginn der 1820er-Jahre Handwerker erste Kooperativen gegrĂŒndet, deren Mitglieder einander u. a. bei der Wohnraumbeschaffung, bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter unterstĂŒtzten und eine gemeinsame Kinderbetreuung organisierten. In den 1830er-Jahren nahm die Gewerkschaftsbewegung in den Trade Unions Gestalt an, die gegen die „tyrannei der Meister und Fabrikbesitzer“ gerichtet war und als Interessenvertretung der Lohnarbeiterschaft auch politische Forderungen, etwa im Hinblick auf das Wahlrecht zum britischen Unterhaus erhob.

Doch auch nach der Wahlrechtsreform von 1832 blieb das mittellose Proletariat ohne Stimmrecht, wĂ€hrend die betuchteren StĂ€dter nun zur Wahl zugelassen wurden, auch wenn sie ohne eigenes Hauseigentum zur Miete wohnten. Die danach sich formierende Bewegung der Chartisten forderte in der People’s Charter 1838 das allgemeine Wahlrecht (fĂŒr MĂ€nner). Zudem wurden Forderungen nach dem Achtstundentag und nach einer Reform des Armenrechts erhoben[62], sodass eine breite UnterstĂŒtzung der Chartisten auch seitens der Gewerkschaften bestand. Die auf dieser Grundlage mehrmals dem Unterhaus vorgelegten und mit Massendemonstrationen bekrĂ€ftigten Petitionen blieben in der Kernfrage des Wahlrechts jedoch erfolglos, wĂ€hrend in Sachen ArbeitszeitverkĂŒrzung 1847 mit der gesetzlichen EinfĂŒhrung des 10-Stunden-Tags wenigstens ein Teilerfolg zustande kam.

Revolutionslehre nach Marx und Engels

Gustave Doré: Ein Hundeleben, 1872

Gelegenheit zur Sammlung unmittelbarer EindrĂŒcke von den Existenzbedingungen der englischen Industriearbeiterschaft bot sich dem Wuppertaler Textilfabrikantensohn Friedrich Engels, als er 1842 im Rahmen seiner kaufmĂ€nnischen Ausbildung in Manchester weilte, wo der Vater eine Baumwollspinnerei unterhielt. Ab 1844 stand Engels in engem Kontakt zu Karl Marx, der wie Adam Smith von der philosophischen Auseinandersetzung (insbesondere mit Hegel) zur nationalökonomischen gelangt war. Dazu entwickelte er aber gemeinsam mit Engels eine auf Überwindung des Kapitalismus gerichtete Auffassung. Wegen seiner oppositionellen Haltung wurde er von den preußischen Behörden aufgrund der Karlsbader BeschlĂŒsse frĂŒhzeitig an einer UniversitĂ€tslaufbahn gehindert und als Publizist ĂŒber die Grenzen Deutschlands hinaus angefeindet, sodass er sich ab 1849 in London niederließ, wo er wie Engels Kontakte zu den Chartisten hatte und seit 1847 dem Bund der Kommunisten angehörte.

Als intellektuell fĂŒhrende Köpfe dieses Bundes verfassten Marx und Engels 1848 jenen Aufruf, der als Kommunistisches Manifest eine enorme historische Reichweite erlangen sollte. Zu Beginn ihres Beweisgangs, der die Überwindung kapitalistischer Strukturen in einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft vorsah, heißt es: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von KlassenkĂ€mpfen.“ FĂŒr die unmittelbare Gegenwart sahen Marx und Engels aber eine nochmalige Zuspitzung des generellen historischen Klassenantagonismus’:

„Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die KlassengegensĂ€tze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenĂŒberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“

Der einerseits zur „Entfesselung der ProduktivkrĂ€fte“ und zu ungekannter maschineller Produktionssteigerung fĂŒhrende Wettbewerb der Fabrikbesitzer-Bourgeoisie trage andererseits den Keim der unaufhaltsamen Selbstzerstörung in sich. Der Zwang zur Minimierung der Produktionskosten, um am Markt mit Niedrigpreisen fĂŒr die erzeugten Waren konkurrenzfĂ€hig zu bleiben, treibe die kapitalistische Bourgeoisie zu fortlaufender Senkung der den Proletariern gezahlten Löhne. Diese wĂŒrden dadurch in eine absolute Verelendung getrieben und hĂ€tten gar keine andere Möglichkeit, als sich schließlich massenhaft zusammenzuschließen, um gegen ihre Ausbeuter den Kampf aufzunehmen und eine Diktatur des Proletariats als Vorstadium der klassenlosen Gesellschaft zu errichten.

SĂ€mtliche AnsĂ€tze zur sozialen Reform innerhalb der bestehenden EigentumsverhĂ€ltnisse an den Produktionsmitteln (landwirtschaftlich genutzte Böden, gewerblich Betriebe und Fabriken), sei es von staatlicher Seite oder durch Initiativen wie die Owens, hatten fĂŒr Marx und Engels keine Zukunft, sondern dienten lediglich der Verschleierung der in Wirklichkeit unerbittlich zur proletarischen Revolution drĂ€ngenden VerhĂ€ltnisse. Darin eingeschlossen war bereits eine globale Perspektive:

„Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller LĂ€nder kosmopolitisch gestaltet. [
] Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. [
] Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehn wollen
“

Das Kommunistische Manifest schließt mit dem Aufruf:

„Proletarier aller LĂ€nder, vereinigt euch!“

Entwicklung des Lebensstandards

Den beabsichtigten umfassenden Resonanzboden fĂŒr das Kommunistische Manifest sollte die Industrialisierung erst nach dessen Erscheinungsjahr 1848 schaffen. Denn zu dieser Zeit gab es einzig in England ein örtlich massenhaft konzentriertes und teilweise in grĂ¶ĂŸerem Umfang organisiertes Industrieproletariat. In Deutschland und Frankreich stand die Industrialisierung noch im Anfangsstadium, wĂ€hrend die 1848/49 weite Teile Europas erfassende Revolutionsbewegung wesentlich auf die Durchsetzung bĂŒrgerlicher Freiheitsrechte gegen Feudalreaktion und monarchische Herrschaftsregime in der Ära der Heiligen Allianz gerichtet war.

Wie die britische Wirtschaftsentwicklung der auf dem europĂ€ischen Kontinent um Jahrzehnte vorauslief, so auch die VerĂ€nderungen der Sozialstruktur und der proletarischen Existenzbedingungen. Deshalb stand auch zunĂ€chst die Entwicklung des Lebensstandards der britischen Arbeiterschaft im Zuge der Industriellen Revolution – wie bei Engels – im Mittelpunkt des Interesses der zeitgenössischen Beobachter. Unter Wirtschafts- und Sozialhistorikern ist es darĂŒber zu einer ausgedehnten Kontroverse gekommen.[64]. Die Kontrahenten der Debatte wurden zwei „Lagern“ zugeordnet, einerseits den Pessimisten und andererseits den Optimisten, abhĂ€ngig davon, ob sie wĂ€hrend der englischen FrĂŒhindustrialisierung eine Verschlechterung oder eine Verbesserung des Lebensstandards in Ansatz brachten.[65]

Eine Studie von Peter Lindert und Jeffrey Williamson aus dem Jahr 1983 schĂ€tzte die Entwicklung der Reallöhne zwischen 1755 und 1851 in mehreren Berufen und kam zu dem Ergebnis, dass Löhne von 1781 bis 1819 nur leicht anstiegen, im Zeitraum 1819-1851 sich hingegen verdoppelten. Diese Sicht wurde von anderen Ökonomen teilweise in Frage gestellt. Charles Feinstein verwendete einen anderen Preisindex als Lindert und Wiliamson und meinte, dass der Anstieg der Löhne deutlich geringer gewesen sein mĂŒsse. Der Ökonom Nicholas Crafts schĂ€tzte, dass das Pro-Kopf-Einkommen in England von 400 US$ im Jahr 1760 ĂŒber 430 $ im Jahr 1800 und 500 $ im Jahr 1830 auf 800 $ im Jahr 1860 anstieg. Das Einkommen der Ă€rmsten 65 % der Bevölkerung stieg laut diesen SchĂ€tzungen von 1760 bis 1860 um ĂŒber 70 %. Dies begrĂŒndet in der langfristigen Perspektive eine optimistische Sicht.

Der zunĂ€chst schleppende Anstieg lĂ€sst jedoch auch pessimistische Folgerungen zu. Beispielsweise könnte sich angesichts des von Craft geschĂ€tzten niedrigen Einkommenswachstums von 0,3 % pro Jahr bis 1830 die Lage der Arbeiter bis dahin durchaus verschlechtert haben. Mokyr zeigte in einer Simulation, dass ohne den technologischen Fortschritt das Bevölkerungswachstum den Lebensstandard deutlich gesenkt hĂ€tte.[66] Eine SchĂ€tzung, die besagt, dass die Lebenserwartung in England zwischen 1781 und 1851 um 15% stieg, ist umstritten.[66] Allein die USA aber konnten unter den westlichen Gesellschaften des frĂŒhen 19. Jahrhunderts, so Osterhammel, ihren BĂŒrgern „eine energetisch mehr als minimal ausreichende“ Nahrungsmittelversorgung bieten.[67]

Die meisten Wirtschaftshistoriker stimmen darin ĂŒberein, dass die Einkommensverteilung zwischen 1790 und 1840 ungleicher wurde. „Was die Anteile am Sozialprodukt betrifft, steht fest, dass die Steigerung der Kapital- und Renteneinkommen weit ĂŒber und jene der Lohneinkommen weit unter der Steigerung des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens lag.“[68] BerĂŒcksichtigt man die Folgen von Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung und Bevölkerungsdichte, erscheint eine zeitweilige Verschlechterung des Lebensstandards plausibel. Teilweise wird argumentiert, dass eine Reihe von Kriegen (Amerikanische Revolution, Napoleonische Kriege, Britisch-Amerikanischer Krieg) die positiven Effekte dĂ€mpften.

Weitere Studien bekrĂ€ftigen die Sicht einer zunĂ€chst nur geringen Anhebung des Lebensstandards. So verbreitete sich die Modernisierung in England nur langsam. Feinstein konstatierte eine nur schwache Steigerung des Konsums bis 1820, danach eine schnelle.[66] Gregory Clark konstatiert, dass es zwischen den 1760er- und 1860er-Jahren keinen rapiden Anstieg der Prokopf-Einkommen gegeben habe.[69] Paulinyi resĂŒmiert: „Insgesamt scheint jedoch die Position der Pessimisten realistisch zu sein, wonach fĂŒr die Mehrheit der Fabrikarbeiter, die mit ihrem Lohnniveau nicht nur ĂŒber dem Agrarproletariat, sondern auch ĂŒber der Masse der sogenannten ‚arbeitenden Armen‘ standen, bis in die 1840er-Jahre eine Verschlechterung der Lebensbedingungen kennzeichnend war.“[68] Ähnlich heißt es bei Osterhammel: „Insgesamt verbesserte sich das Leben der arbeitenden Bevölkerung in England zwischen 1780 und 1850 nicht. Danach zogen die Löhne deutlich an den Preisen vorbei, und die Lebenserwartung begann allmĂ€hlich zu steigen.“[67]

Rezeptions- und Deutungsaspekte

Eine Vielzahl unterschiedlicher Deutungsakzente im Hinblick auf Entstehungsbedingungen, TriebkrÀfte sowie rÀumliche und zeitliche Erstreckung der Industriellen Revolution lÀsst erkennen, dass man in den Geschichts- und Sozialwissenschaften zu keiner einheitlichen Sicht auf dieses historische Geschehen gelangt ist.

Unter den diversen wissenschaftlichen Schulen werden etwa folgende Betrachtungs- und Forschungsschwerpunkte der Industriellen Revolution in Großbritannien unterschieden:[70]

  • die Technologie-Schule betrachtet den technologischen Fortschritt als ursĂ€chlich fĂŒr alle anderen VerĂ€nderungen und richtet den Fokus auf Erfindungen und deren Diffusion. Hierzu zĂ€hlen neben GerĂ€ten und Maschinen unter anderem auch Techniken der Arbeitsorganisation und des Marketing.

Dabei zeigt sich fĂŒr Osterhammel, dass die neueren Forschungskontroversen gegenĂŒber den Ă€lteren, sozusagen klassischen Konzepten kaum grundsĂ€tzlich Neues erschlossen haben. Als kritisch zu prĂŒfende Orientierungsgrundlagen fungieren demnach weiterhin zum Beispiel die marxistische Lesart der Industrialisierung als Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus durch Akkumulation und Konzentration des Kapitals, die Theorie vom zyklisch strukturierten Wachstumsprozess einer kapitalistischen Weltwirtschaft mit wechselnden Leitsektoren nach Kondratjew und Schumpeter, das FĂŒnf-Stadien-Modell einer industriellen Transformation nach Rostow samt dem Take-off-Stadium, das als wichtigstes den Übergang zu einem „exponentiellen“ Wachstum markiert.[71] Es bleibt die Erkenntnis:

„Fast drei Jahrhunderte der empirischen Forschung und des Nachdenkens durch eine Abfolge der besten Köpfe in den Geschichts- und Sozialwissenschaften haben zu keiner allgemeinen Theorie der Industrialisierung gefĂŒhrt.[72]“

Zu den jĂŒngeren Forschungsergebnissen, die eine verĂ€nderte Sichtweise nahe legen, zĂ€hlt die Erkenntnis, dass das Wachstum der englischen Wirtschaft bis in die 1820er-Jahre langsamer verlief, als frĂŒher angenommen und als es in dem Begriff der Industriellen Revolution zum Ausdruck kommt. Dennoch habe diese Bezeichnung ihre Berechtigung, so Osterhammel:

„Selbst die grĂ¶ĂŸten Skeptiker, die sich bemĂŒhen, eine industrielle Revolution quantitativ unsichtbar zu machen, mĂŒssen sich der Tatsache stellen, dass es zahllose qualitative Zeugnisse von Zeitgenossen gibt, die in der Ausbreitung der Industrie und ihren gesellschaftlichen Folgen einen radikalen Umbruch, den Beginn einer «neuen Zeit» sahen.[73]“

FĂŒr die frĂŒhere ÜberschĂ€tzung der frĂŒhindustriellen englischen Wachstumsraten wird die gleichzeitige UnterschĂ€tzung des durch handwerkliche Produktion und kleingewerbliche Protoindustrie erzeugten Wachstums in den Jahrzehnten vor und um die Mitte des 18. Jahrhunderts zur ErklĂ€rung herangezogen. „Da das Ausgangsniveau des Bruttosozialprodukts in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts demzufolge höher war, als bisher angenommen, konnte das Wachstum nicht so rasant gewesen sein, wie es die Ă€lteren Arbeiten noch angenommen hatten. Man geht deshalb von einer graduellen Beschleunigung des Wirtschaftswachstums aus.“ [74] Condrau allerdings zweifelt mit anderen, dass man mit Hilfe von Daten des 18. Jahrhunderts moderne volkswirtschaftliche Indikatoren ĂŒberhaupt ableiten kann. Die von Berg und Hudson entwickelten qualitativen Kriterien fĂŒr den Revolutionsbegriff, die sie aus den Zeugnissen Robert Owens und anderer Zeitgenossen ableiten, erscheinen wiederum auch ihm plausibel.[75]

Ein anderes qualitatives Merkmal hat Max Weber an der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert hervorgehoben, indem er die rationale LebensfĂŒhrung auf der Grundlage der „Berufsidee“ als einen der konstitutiven Bestandteile „des modernen kapitalistischen Geistes“ bezeichnete:

„Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, – wir mĂŒssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben ĂŒbertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teil mit daran, jenen mĂ€chtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller Einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden – nicht nur der direkt ökonomisch ErwerbstĂ€tigen –, mit ĂŒberwĂ€ltigendem Zwang bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglĂŒht ist.[76]“

Literatur

  • Robert C. Allen: The British Industrial Revolution in Global Perspective (New Approaches to Economic and Social History), Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-68785-0
  • T. S. Ashton: The Industrial Revolution 1760-1830. Oxford University Press, Oxford 1968.
  • T. S. Ashton (Hrsg.): Toynbee's Industrial Revolution. A Reprint of Lectures on the Industrial Revolution in England. With a new Introduction. August M. Kelley, New York 1969.
  • Knut Borchardt: Die Industrielle Revolution in Deutschland. Piper, MĂŒnchen 1972, ISBN 3-492-00340-0
  • Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts, 3. Band, Kapitel 6: Industrielle Revolution und Wachstum. Kindler, MĂŒnchen 1986
  • Christoph Buchheim: Industrielle Revolutionen, dtv, MĂŒnchen 1994, ISBN 3-423-04622-8
  • Carlo M. Cipolla/Knut Borchard (Hrsg.): Die Industrielle Revolution, EuropĂ€ische Wirtschaftsgeschichte Band 3, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-437-40151-3.
  • Gregory Clark: A Farewell to Alms: A Brief Economic History of the World. Princeton University Press, Princeton 2007.
  • N. F. R. Crafts: British Enonomic Growth during the Industrial Revolution. Clarendon, Oxford 1980, ISBN 0-19-873067-5
  • Phyllis Dean: The First Industrial Revolution. 2nd ed. Cambridge University Press, Cambridge 1982, ISBN 0-521-22667-8
  • Hans-Werner Hahn: Die Industrielle Revolution in Deutschland. 2. Auflage. Oldenbourg, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-486-57669-0
  • Eric Hobsbawm: EuropĂ€ische Revolutionen. 1789 bis 1848. Kindler, ZĂŒrich 1962; erneut 1978, ISBN 3-463-13715-1
  • Eric Hobsbawm: Industrie und Empire. Britische Wirtschaftsgeschichte seit 1750. 2 BĂ€nde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969.
  • David S. Landes: Der entfesselte Prometheus. Technologischer Wandel und industrielle Entwicklung in Westeuropa von 1750 bis zur Gegenwart. (TB-Ausgabe) dtv, MĂŒnchen 1983, ISBN 3-423-04418-7
  • Peter Mathias / John A. Davis (Hrsg,): The First Industrial Revolutions. Basil Blackwell, Oxford 1990, ISBN 0-631-16039-6
  • JĂŒrgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. MĂŒnchen 2009. ISBN 978-3-406-58283-7
  • Akos Paulinyi: Industrielle Revolution. Vom Ursprung der modernen Technik. Reinbek 1989. ISBN 3-499-17735-8
  • Toni Pierenkemper: Umstrittene Revolutionen. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Fischer, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-596-60147-9
  • Sidney Pollard: The Genesis of Modern Management. A Study of the Industrial Revolution in Great Britain. London 1965.
  • Sidney Pollard: Peaceful Conquest. The Industrialization of Europe 1760-1970. Oxford University Prerss, Oxford 1981.
  • Peter N. Stearns: The Industrial Revolution in World History. Westview Press, Boulder/ Colorado 1993, ISBN 0-8133-8597-0
  • Dieter Ziegler: Die Industrielle Revolution. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-15810-5
  • Arne Eggebrecht, Jens Flemming, Gert Meyer, Achatz v. MĂŒller, Alfred Oppolzer, Akos Paulinyi, Helmuth Schneider: Geschichte der Arbeit. Vom alten Ägypten bis zur Gegenwart; Verlag Kiepenhauer & Witsch, Köln 1980, ISBN 3-462-01382-3 (im engeren Sinn zur Industriellen Revolution dort S. 193 bis 302)

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Industrial revolution â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ JĂŒrgen Mirow: Geschichte des deutschen Volkes: Von den AnfĂ€ngen bis zur Gegenwart, Bd. 1. Katz, Gernsbach 1996, ISBN 3-925825-64-9, S. 502–503.
  2. ↑ Frank Edward Huggett: A Dictionary of British History: 1815 - 1973. Blackwell, Oxford 1974, S. 128.
  3. ↑ „Die breite Masse der Industriearbeiterfamilien lebte immer an der Grenze des physischen Existenzminimums und konnte nur bei kontinuierlicher Arbeit dank anhaltender Gesundheit des Mannes sowie der Mitarbeit der Frau und meist auch der Kinder das bare Mindesteinkommen erzielen, um ihr kĂŒmmerliches Dasein fristen zu können.“ (Zit. n. Dieter Ziegler: Die Industrielle Revolution. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, S. 46.)
  4. ↑ „Wenn man den Gesichtspunkt der DaseinsbewĂ€ltigung in den Vordergrund stellt, gibt es wahrscheinlich doch nur zwei kulturgeschichtlich wirklich entscheidende ZĂ€suren: jenen neolithischen Übergang von der JĂ€gerkultur zu einer ortsfesten Lebensweise und den modernen zum technisierten Industrialismus. Auch damals war die Transformation unabsehbar tiefgreifend und ging durch die Menschen quer hindurch, sie muß viele Jahrhunderte gedauert haben.“ Arnold Gehlen, Anthropologische Forschung, Reinbek 1961, S. 99.
  5. ↑ Georges Friedmann: La crise du progrĂ©s. Esquisse d'histoire des idĂ©es 1895-1935, Paris 1936
  6. ↑ Daniel Bell: Die dritte technologische Revolution und ihre möglichen sozioökonomischen Konsequenzen. In: Merkur Jg. 44/1990, S. 28 ff.
  7. ↑ Hans-Werner Hahn: Die industrielle Revolution in Deutschland. MĂŒnchen, 2005: "Industrielle Revolution" oder Industrialisierung?, S. 51 f. (Zur Problematik des Begriffs)
  8. ↑ Adolphe JĂ©rĂŽme Blanqui: Histoire de lâ€˜Ă©conomie politique en Europe, Paris Âł1845, S. 180f.
    vgl. Toni Pierenkemper: Wirtschaftsgeschichte: Eine EinfĂŒhrung - oder: Wie wir reich wurden, 2005, S. 21 f (Industrialisierung versus Industrielle Revolution), Seite 22
  9. ↑ Pierenkemper 1996, S. 12
  10. ↑ Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Marx-Engels-Werke Bd. 2, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 250.
  11. ↑ Dietrich Hilger, Industrie als Epochenbegriff Industrialismus und industrielle Revolution. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 3, Klett-Cotta, Stuttgart 1982. S. 286-296
  12. ↑ JĂŒrgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2009, S. 916
  13. ↑ Osterhammel 2009, S. 917
  14. ↑ Flurin Condrau, Die Industrialisierung in Deutschland, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt: 2005, S. 22, mit Bezug auf David Landes, What Room for Accident in History?: Explaining Big Changes by Small Events. In: Economic History Review 47 (1994) S. 637-656.
  15. ↑ Pierenkemper 1996, S. 161f., mit Bezug auf David Landes und Eric Hobsbawm.
  16. ↑ Christoph Buchheim, Industrielle Revolutionen. Langfristige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien, Europa und Übersee, MĂŒnchen 1994, S. 45ff.; zit. n. Pierenkemper 1996, S. 162f.
  17. ↑ “Etwas euphemistisch“ nennt Pierenkemper die Bezeichnung der gemeinten VorgĂ€nge als „Agrarevolution“. (Pierenkemper 1996, S. 15
  18. ↑ Osterhammel 2009, S. 932
  19. ↑ Pierenkemper 1996, S. 10; Osterhammel 2009, S. 910: „Zum anderen bestreitet keiner, dass Industrialisierung, zumindest in ihren AnfĂ€ngen, niemals ein nationales, sondern stets ein regionales PhĂ€nomen gewesen ist.“
  20. ↑ N. F. R. Crafts: British Enonomic Growth during the Industrial Revolution. Clarendon, Oxford 1985, S. 23; zit.n. Pierenkemper 1996, S. 13f.
  21. ↑ Pierenkemper 1996, S. 17 / 164
  22. ↑ Eric Hobsbawm: Industrie und Empire, Bd. I, Frankfurt am Main 1969, S. 55.
  23. ↑ David S. Landes, Der entfesselte Prometheus, Köln 1973, S. 52
  24. ↑ Werner Heisenberg: The Physicist's Conception of Nature, London 1958.
  25. ↑ Karl Marx: Das Kapital, Band I, Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin 1962, S.394
  26. ↑ Jonathan Hornblower, In: Encyclopédia Britannica, 2009.
  27. ↑ Ben Marsden, Watt’s Perfect Engine: Steam and the Age of Invention, Columbia University Press, 2004.
  28. ↑ Paulinyi 1989, S. 169
  29. ↑ Osterhammel 2009, S. 1013; summarisch Ziegler 2005, S. 56
  30. ↑ Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, MĂŒnchen 1977, S. 11
  31. ↑ Zit.n. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, MĂŒnchen 1977, S. 39
  32. ↑ Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, MĂŒnchen 1977, S. 43f.
  33. ↑ Zit.n. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, MĂŒnchen 1977, S. 37
  34. ↑ Paulinyi 1989, S. 189
  35. ↑ Osterhammel 2009, S. 1014f.; Paulinyi 1989, S. 194
  36. ↑ Zit.n. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, MĂŒnchen 1977, S. 16
  37. ↑ Max Weber: Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist. In ders.: Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik., hrsg. von Johannes Winckelmann, 5. Aufl., Stuttgart 1973, S. 370
  38. ↑ Max Weber: Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist. In ders.: Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik., hrsg. von Johannes Winckelmann, 5. Aufl., Stuttgart 1973, S. 373ff.
  39. ↑ Max Weber: Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist. In ders.: Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik., hrsg. von Johannes Winckelmann, 5. Aufl., Stuttgart 1973, S. 375f.
  40. ↑ Zit.n. Wilhelm Treue et al., Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Göttingen 1966, S. 163
  41. ↑ Zit.n. Wilhelm Treue et al., Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Göttingen 1966, S. 163ff.
  42. ↑ Ziegler 2005, S. 79f.
  43. ↑ Landes, Wohlstand, S. 205.
  44. ↑ Sidney Pollard: The Genesis of Modern Management. A Study of the Industrial Revolution in Great Britain. London 1965.
  45. ↑ Harry Braverman: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess. Campus, Frankfurt am Main 1977, S. 61.
  46. ↑ Sidney Pollard. Die Fabrikdisziplin in der industriellen Revolution. In: Wolfram Fischer / Georg Bajor (Hrsg.): Die soziale Frage. Stuttgart 1967, S. 159-185.
  47. ↑ Osterhammel 2009, S. 198
  48. ↑ Osterhammel 2009, S. 190f.
  49. ↑ Osterhammel 2009, S. 235ff.
  50. ↑ Osterhammel 2009, S. 956
  51. ↑ Zit.n. Wilhelm Treue et al., Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Göttingen 1966, S. 126ff.
  52. ↑ Osterhammel 2009, S. 366
  53. ↑ Osterhammel 2009, S. 399
  54. ↑ Tocqueville zit.n. Wilhelm Treue et al., Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Göttingen 1966, S. 126ff.
  55. ↑ Paulinyi 1989, S. 210ff.
  56. ↑ Paulinyi 1989, S. 213
  57. ↑ Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Barmen 1845, S. 137f.
  58. ↑ Paulinyi 1989, S. 213f.; Flurin Condrau, Die Industrialisierung in Deutschland, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, S. 66: „Frauen wurden, auch gerade dank der geschlechtsspezifisch diskriminierenden Löhne, in besonderer Weise als solche rekrutiert.“
  59. ↑ E. P. Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus. In: Ders. Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Ullstein, Berlin 1980, S. 34ff.
  60. ↑ Lothar Roos: Eintrag Soziale Frage. In: Georg Enderle et. al. (Hrsg.): Lexikon der Wirtschaftsethik. Herder, Freiburg 1993, Sp. 969.
  61. ↑ Pierenkemper 1996, S. 36
  62. ↑ a b Pierenkemper 1996, S. 37
  63. ↑ Frank E. Huggett: A Dictionary of British History 1815-1973. Blackwell, Oxford 1974, S. 97-99.
  64. ↑ (Wolfram Fischer und Georg Bajor haben sie erstmals in einer deutschen Publikation vorgestellt: Wolfram Fischer / Georg Bajor‚ Die soziale Frage. Koehler, Stuttgart 1967, S. 51-156.
  65. ↑ Ausgelöst wurde die Debatte mit einem Aufsatz von T. S. Ashton aus dem Jahre 1949 („The Standard of Living of the Workers in England, 1790-1830“).
  66. ↑ a b c Nardinelli, Clark (2008): Industrial Revolution and the Standard of Living. The Concise Encyclopedia if Economics. Dagegen Osterhammel 2009, S. 259, mit Berufung auf Szreter/Money, Urbanization (1998): „WĂ€hrend der frĂŒhen Industrialisierung in Großbritannien, etwa zwischen 1780 und 1850, nahm die Lebenserwartung zunĂ€chst einmal ab und entfernte sich von dem hohen Niveau, das England schon einmal zur Zeit Shakespeares erreicht hatte.“
  67. ↑ a b Osterhammel 2009, S. 259
  68. ↑ a b Paulinyi 1989, S. 214
  69. ↑ Clark, Gregory: A Farewell to Alms. A Brief Economic History of the World. Princeton University Press, Princeton 2007, S. 194.
  70. ↑ Mokyr, Joel (1999): Editor's Introduction: The New Economic History and the Industrial Revolution. In (Mokyr, Joel, Hrsg.): The British Industrial Revolution: An Economic Perspective. 2. Auflage. Westview Press, 1999.
  71. ↑ Osterhammel 2009, S. 913
  72. ↑ Patrick K. O’Brien, Industrialisation, 1998; zit.n. Osterhammel 2009, S. 915
  73. ↑ Osterhammel 2009, S. 910f.
  74. ↑ Ziegler 2005, S. 5
  75. ↑ Maxine Berg, / Pat Hudson, Rehabilitating the Industrial Revolution. In: Economic History Review, 2nd, 45 (1992), S. 24-50; zit.n. Flurin Condrau, Die Industrialisierung in Deutschland, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt: 2005, S. 23
  76. ↑ Max Weber: Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist. In ders.: Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik., hrsg. von Johannes Winckelmann, 5. Aufl., Stuttgart 1973, S. 378f.

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