Interdependent

Interdependenz bedeutet gegenseitige oder wechselseitige Abhängigkeit bzw. Dependenz. Als Abhängigkeit zwischen Personen spielt er eine besondere Rolle bei der Betrachtung von Beziehungen und Interaktionen in der Sozialpsychologie und in der Gruppendynamik. In der Wirtschaftstheorie spricht man von „Interdependenz“, wenn Interaktionen wechselseitig Kosten verursachen können.

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff Interdependenz

Eine Interdependenz ist eine wechselseitige Abhängigkeit zweier oder mehrerer Personen, d. h. das Verhalten von Person A hat Einfluss auf das Verhalten von B – letzteres hat wiederum eine Rückwirkung auf A. Beispiel: Mann und Frau, Leiter und Gruppe, Staat und Bevölkerung.

Im Gegensatz dazu ist eine Dependenz eine Abhängigkeit ohne Rückwirkung oder Gegenseitigkeit. Systemisch gesehen ist einseitige Dependenz eine begrenzte Betrachtung (zeitlich oder Subsystem). Bei erweitertem Blick zeigt sich immer eine Interdependenz.

Unter Konterdependenz versteht man eine gegen den anderen gerichtete Haltung, die in sich gleichzeitig auf einer Abhängigkeit beruht. Beispiel: AKW-Gegner und AKW-Betreiber bzw. Staat, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Eltern und pubertierende Kinder.

Siehe auch: Dependenzmodell in der Gruppendynamik

Entstehung von Interdependenzen

Durch unterschiedliche Verteilung von Macht und Anerkennung entstehen Interdependenzen zwischen Personen und Gruppen. Auch eine gemeinsam und einvernehmlich beschlossene Aufteilung von Aufgaben erzeugt entsprechende Verantwortungsbereiche und bewirkt Dependenz und Interdependenz zwischen diesen Bereichen in Hinsicht auf die Gesamtaufgabe.

Zwischen den Personen oder Bereichen besteht also eine wechselseitige Beziehung. Diese Interdependenzen treten in Beziehungen zwischen Menschen in jeder Situation auf. Ein Ehepaar versucht gemeinsam durch das Leben zu gehen (=gemeinsame Aufgabe) oder die Abteilungen eines Unternehmens müssen ihre Interdependenzen beachten, um ein kundenorientiertes Produkt anbieten zu können.

Arten von Interdependenzen

  • Sachinterdependenzen
  • Verhaltensinterdependenzen
  • konkurrierende Interdependenzen: die optimalen Alternativen zweier Entscheider A und B sind nicht gleichzeitig realisierbar
  • sich fördernde Interdependenzen: die Entscheidung von A für beste eigene Alternative fördert die beste Alternative von Person B
  • gepoolte Interdependenzen: mehrere Organisationseinheiten benutzen die gleiche begrenzte Ressourcenmenge
  • sequentielle Interdependenzen: Organisationseinheiten benutzen den vorhergehenden Output als ihren Input
  • reziproke Interdependenzen: jeweiliger Output ist Input der jeweils anderen Organisationseinheit

Beispiele für Interdependenzen

Bei zwischenmenschlichen Beziehungen

Interdependenz existiert in einer Beziehungsform, wenn das Verhalten eines Partners das des anderen bedingt und umgekehrt.

„Jedermann weiß, was es bedeutet, wenn ein Ding von einem anderen abhängt. Wenn aber dieses andere, zweite Ding im selben Maße vom ersten abhängt, so nennt man diese Beziehungsform interdependent.“ (Paul Watzlawick)

In seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ versucht Paul Watzlawick seine Definition durch das Gefangenendilemma zu verdeutlichen.

Menschliche Situationen, die die Struktur des Gefangenendilemmas aufweisen, treten überall dort auf, wo Menschen sich in einem Zustand der Desinformation befinden, aber eine gemeinsame Entscheidung treffen müssen, wobei ihnen die Möglichkeit zur direkten Kommunikation fehlt.

Es gibt zwei Gründe dafür:

  • Mangel an gegenseitigem Vertrauen
  • physische Unmöglichkeit zu kommunizieren

In wirklichen Lebenslagen reicht das Fehlen einer dieser Faktoren, um dieses Dilemma herbeizuführen. Interdependente Entscheidungen haben nur Aussicht auf Erfolg, wenn sie auf der Basis einer von beiden Partnern geteilten Wirklichkeitsauffassung beruhen, deren minimale Übereinkunft darin besteht, die Wirklichkeit nicht in einer zeitlich-kausalen Weise zu sehen. Das ist nur in raum- und zeitbegrenzten Abläufen möglich.

In der Politik

Interdependenztheoretische Ansätze spielt in der Politikwissenschaft eine große Rolle. Jeden Tag verlässt man sich auf viele Menschen, die rund um den Globus verteilt sind. Obwohl unbekannt, beliefern sie uns mit allen wünschenswerten Gütern. Dieses Zusammenspiel ist nur möglich, weil alle miteinander in einer Handlungsbeziehung stehen, die man als Interdependenz bezeichnet. Die Waren- oder Dienstleistungsversorger werden weder von einer Regierung dazu veranlasst, noch sind sie großzügige Spender. Sie handeln nur so weil sie dafür etwas bekommen. Es bedarf eines Koordinationssystems der wirtschaftlichen Prozesse, das dies aufeinander abstimmt. Es gibt vier Merkmale bzw. Dimensionen von Interdependenz:

  1. symmetrische – asymmetrische Interdependenz
  2. Interdependenz-Empfindlichkeit (sensitivity)
  3. Interdependenz-Verwundbarkeit (vulnerability)
  4. horizontale – vertikale Interdependenz

Die Begriffe Interdependenz-Verwundbarkeit bzw. -Empfindlichkeit beziehen sich auf einen jeweils unterschiedlichen Grad von Betroffenheit im Sinne entstehenden Kosten, die bei Abbruch oder Störung einer grenzüberschreitenden Interaktion entstehen.

Im Falle von Interdependenz-Empfindlichkeit können die entstehenden Kosten durch eine Veränderung der Politik verarbeitet bzw. reduziert werden. Im Falle von Interdependenz-Verwundbarkeit können Kosten auch durch eine Politikveränderung nicht reduziert werden. Beispiel: Unterschiedliche Auswirkungen der Ölkrise von 1973 auf Europa und Japan einerseits und die USA andererseits.

In Unternehmen

Die komplexen Aufgaben von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen erfordern eine gut durchdachte Aufgabenteilung. Dabei sind, neben der reinen effizienten Leistungserstellung, der Einsatz effizienter Informationsinstrumente, die Beachtung kultureller Gegebenheiten in verschiedenen Teilen unserer Erde sowie Umweltziele eine große Herausforderung.

Aufgrund der komplexen Interdependenzen die durch die Aufgabenteilung in international tätigen Unternehmen auftreten ist die Unternehmensführung besonders auf professionelle Steuerungs- und Koordinationsinstrumente angewiesen. Diese sollen alle Unternehmensteile auf das Unternehmensziel ausrichten.

Das koordinationsorientierte Controlling hat solche Instrumente sowie weiterführende Lösungsansätze herausgearbeitet.

Maßgeblichen Anteil bei der „Handhabung“ von Interdependenzen in Unternehmen hat ferner der Einsatz integrierter, abteilungs- bzw. unternehmensübergreifender Anwendungssoftware (integrierte Anwendungssysteme). Gerade in diesem Bereich entwickelt sich die Wirtschaftsinformatik zu einer immer wichtiger werdenden Schnittstelle zwischen Informatik und BWL.

Literatur

  • L. B. Bradford, J. R. Gibb & K. D. Benne: Gruppen-Training. Stuttgart 1972 (en: 1966), ISBN 3-12-901410-1
  • Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976, ISBN 3-492-02182-4
  • Norbert Elias, John L. Scotson: Etablierte und Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-518-58318-2

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