Jassir Arafat

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Jassir Arafat
Jassir Arafat
(Weltwirtschaftsforum in Davos/28. Januar 2001)

Jassir Arafat (* 24. August 1929 in Kairo, Ägypten[1]; † 11. November 2004 in Clamart, DĂ©partement Hauts-de-Seine, Frankreich), arabisch â€ÙŠŰ§ŰłŰ± ŰčŰ±ÙŰ§ŰȘ‎, DMG Yāsir ÊżArafāt, ursprĂŒnglich â€Ù…Ű­Ù…ŰŻ Űčۚۯ Ű§Ù„Ű±Ű­Ù…Ù† Űčۚۯ Ű§Ù„Ű±Ű€ÙˆÙ ŰčŰ±ÙŰ§ŰȘ Ű§Ù„Ù‚ŰŻÙˆŰ© Ű§Ù„Ű­ŰłÙŠÙ†ÙŠâ€Ž / Muáž„ammad ÊżAbd ar-Rahmān ÊżAbd ar-RaÊŸĆ«f ÊżArafāt al-Qudwa al-កusainÄ«, Kunya: â€ŰŁŰšÙˆ ŰčÙ…Ù‘Ű§Ű±â€Ž / AbĆ« ÊżAmmār, war ein palĂ€stinensischer FreiheitskĂ€mpfer[2][3][4], Terrorist[5][2][6], GuerillakĂ€mpfer[7], Politiker und vom 12. Februar 1996 bis zu seinem Tod am 11. November 2004 PrĂ€sident der palĂ€stinensischen Autonomiegebiete. 1957 war er MitbegrĂŒnder und spĂ€ter AnfĂŒhrer der palĂ€stinensischen Fatah, die jahrzehntelang terroristische AnschlĂ€ge und Bombenattentate auf israelische, jordanische und libanesische Ziele verĂŒbte. 1993 fĂŒhrte Arafat im Namen der PLO Friedensverhandlungen mit Israel, die zur gegenseitigen Anerkennung fĂŒhrten. 1994 erhielt er dafĂŒr gemeinsam mit Shimon Peres und Jitzhak Rabin den Friedensnobelpreis. Im Jahr 2000 verhandelte Arafat mit Israels damaligem Regierungschef Ehud Barak und dem damaligen PrĂ€sidenten der USA, Bill Clinton, erfolglos ĂŒber die GrĂŒndung eines unabhĂ€ngigen, palĂ€stinensischen Staates. Nach dem Scheitern von Camp David II unterstĂŒtzte Arafat die Zweite Intifada, wodurch er in seinen letzten Lebensjahren vor allem außenpolitisch an Einfluss verlor.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Arafat im Alter von 22 Jahren, Kairo 1951

Jassir Arafat wurde ĂŒbereinstimmenden Erkenntnissen verschiedener seiner Biographen zufolge in der Ă€gyptischen Hauptstadt Kairo geboren. Sicher ist, dass sein Vater aus Gaza und seine Mutter aus einer angesehenen Jerusalemer Familie stammte. Sie hatten in den 1920er Jahren geheiratet und waren nach Kairo ausgewandert. Jassir war das sechste von sieben Kindern. Als er etwa vier Jahre alt war, starb seine Mutter. Um den Vater mit den sechs Kindern zu entlasten, nahm der Bruder der Mutter, Salim Abu Saud, Jassir und seinen jĂŒngeren Bruder zu sich nach Jerusalem, das damals zum britischen Mandatsgebiet PalĂ€stina gehörte. Er lebte dort vier Jahre.

FrĂŒhe Jahre

Als er nach der erneuten Heirat seines Vaters nach Kairo zurĂŒckkehrte, besuchte er die Schule und spĂ€ter die UniversitĂ€t, an der er Elektrotechnik studierte. Eine Zeit lang beschĂ€ftigte er sich mit der jĂŒdischen Kultur, hatte jĂŒdische Bekannte und las zionistische Werke z. B. von Theodor Herzl. 1946 soll Arafat intensiven Kontakt mit Mohammed Amin al-Husseini, dem mit den deutschen Nationalsozialisten kollaborierenden Mufti von Jerusalem, gehabt haben, der in Ägypten Asyl gefunden hatte. Al-Husseini war ein entfernter Verwandter Arafats. Dass er jedoch der Onkel Arafats gewesen sei, ist eine Legende[8].

Arafat engagierte sich nun aktiv fĂŒr das palĂ€stinensische Recht auf Selbstbestimmung, je nach Standpunkt als Freiheitskampf oder Nationalismus bezeichnet. Zu dieser Zeit war er ein BefĂŒrworter der militĂ€rischen Konfrontation und beschaffte Waffen, die nach PalĂ€stina geschmuggelt wurden. In Kairo hatte sich Jassir Arafat mit Abd al-Qadir al-Husseini angefreundet, der die Einheiten palĂ€stinensischer Araber in der Region Jerusalem anfĂŒhrte. Als Arafat von Abdel Khader al-Husseinis Tod im Kampf am Kastel-Berg im April 1948 hörte, brach er sein Studium in Kairo ab und nahm aktiv am Krieg in PalĂ€stina teil. Arafat trat der Moslem-Bruderschaft bei, die im Gazastreifen und in der Schlacht bei Kfar Darom kĂ€mpfte.

Als die Ă€gyptische Armee am 15. Mai 1948 in den PalĂ€stinakrieg eingriff, wurde Arafat und seiner Einheit befohlen, abzuziehen. Dies war fĂŒr ihn ein prĂ€gendes Erlebnis. Er beschuldigte spĂ€ter die arabischen Staaten des Verrates, weil sie den PalĂ€stinensern nicht geholfen hĂ€tten, die Schlacht zu gewinnen und ihnen nicht erlaubt hĂ€tten, zu kĂ€mpfen. Die palĂ€stinensischen Araber erlitten eine militĂ€rische Niederlage gegen Israel. Etwa 750.000 PalĂ€stinenser wurden staatenlos und der bis heute andauernde Konflikt um die Selbstbestimmung der PalĂ€stinenser wurde zementiert.

In den 1950er-Jahren studierte Arafat an der UniversitĂ€t Kairo. 1952 grĂŒndete er die Generalunion PalĂ€stinensischer Studenten (GUPS), der er bis 1957 vorstand.

Ende 1952 wurde er kurzzeitig nach einem gescheiterten Attentat auf den Àgyptischen PrÀsidenten Gamal Abdel Nasser verhaftet.[9]

1956 absolvierte er die UniversitĂ€t als Ingenieur und grĂŒndete die Union der PalĂ€stinensischen Hochschulabsolventen. Danach meldete er sich freiwillig zur Ă€gyptischen Armee und kĂ€mpfte im Sueskrieg 1956 gegen Frankreich, Großbritannien und Israel. Er galt als Sprengstoffexperte und war Leutnant in der Ă€gyptischen Armee. Danach ging er im selben Jahr nach Kuwait, wo er als Ingenieur arbeitete und ein erfolgreicher Bauunternehmer wurde.

GrĂŒndung der Fatah

1957 grĂŒndete er in Kuwait zusammen mit Chalil al-Wazir (Abu Dschihad) die erste Zelle der Bewegung zur Befreiung PalĂ€stinas (al-Fatah), aus der 1959 die gleichnamige politische Partei hervorging. Ab 1958 war Arafat Vorstandsmitglied und ab 1968 Vorsitzender der Fatah.

Die in der DDR weilende Delegation der palÀstinensischen Befreiungsorganisation unter Leitung des Vorsitzenden des Exekutivkomitees, Jassir Arafat (4.v.r.), besuchte am 2. November 1971 die Grenze zwischen West- und Ostberlin am Brandenburger Tor

Durch seine aktive Teilnahme an der Schlacht von Karame 1968 begrĂŒndete er seinen Heldenmythos und war ab 1969 Vorsitzender der PLO, die 1964 durch die Arabische Liga ins Leben gerufen wurde.

Ende der 1960er-Jahre wuchsen die Spannungen zwischen der PLO und der jordanischen Regierung; palĂ€stinensische Milizen (Fedayin) hatten faktisch einen Staat im Staate Jordanien etabliert und kontrollierten strategische Positionen wie die Öl-Raffinerien bei Zarqa. Jordanien betrachtete diese UmstĂ€nde als eine wachsende Bedrohung seiner SouverĂ€nitĂ€t und seiner Sicherheit und versuchte, die palĂ€stinensischen Milizen zu entwaffnen. Im Juni 1970 brachen nach einem fehlgeschlagenen palĂ€stinensischen Attentat auf den jordanischen König offene KĂ€mpfe aus, die mit der Flucht der PLO aus Jordanien in den Libanon endeten. Wurde die Schlacht von Karame als erster historischer Sieg der PLO angesehen, so erlitt sie unter Arafats FĂŒhrung 1970 mit dem Schwarzen September eine schwere Niederlage. Dieser musste zunĂ€chst nach Kairo, dann in den Libanon fliehen.

Jassir Arafat 1978 in einem palĂ€stinensischen FlĂŒchtlingslager in SĂŒd-Libanon

Aufsehen erregte der historische Auftritt Arafats vor der UN-Vollversammlung am 13. November 1974, bei dem er in Uniform, mit der Kufiya und umgeschnalltem Pistolenholster eine Rede hielt, die von arabischen und kommunistischen Staaten mit Begeisterung aufgenommen wurde. In der Rede reklamierte Arafat den alleinigen Machtanspruch ĂŒber PalĂ€stina fĂŒr die PLO. Er sprach davon, eine Welt ohne Kolonianismus, Imperialismus, Neokolonialismus, "und Rassismus in all seinen Ausformungen, einschließlich des Zionismus" schaffen zu wollen. Arafat vermied es, von Israel zu sprechen, um dem Staat jegliche LegitimitĂ€t abzusprechen, und verwendete stattdessen den Begriff zionistische EntitĂ€t. Den Zionismus stellte er in dieser Rede als eine imperialistische, kolonialistische und rassistische Ideologie dar, die – dezidiert reaktionĂ€r und diskriminierend – mit dem Antisemitismus gleichzusetzen sei. Ferner wiederholte er ein altes antisemitisches Stereotyp, indem er behauptete, der Zionismus wolle, dass die Juden ihren HeimatlĂ€ndern keine Treue entgegenbrĂ€chten und auf einer anderen (höheren) Ebene als ihre MitbĂŒrger leben sollten. Er sprach der UNO das Recht ab, das unteilbare Heimatland der PalĂ€stinenser zu teilen und wies damit den Teilungsbeschluss von 1947 zurĂŒck. Auch behauptete er, der PalĂ€stinakrieg von 1948 sei von Israel und nicht von den arabischen Staaten begonnen worden.

Die PLO erhielt als legitime politische Vertretung der PalĂ€stinenser Beobachterstatus bei der UNO. Das PalĂ€stinensertuch – drapiert wie die Konturen PalĂ€stinas – gehörte ebenso wie das Holster auch spĂ€ter zu seinen Markenzeichen, ohne die er selten auftrat.

Eine weitere bedeutende Rede hielt er am 13. Dezember 1988. Ein Novum war hier, dass die PLO die UN-Resolution anerkannte und Willen zum Kompromiss zeigte. Die gewaltsamen Aktionen der PLO wollte Arafat allerdings als legitimen Widerstand verstanden wissen. In dieser Rede wird auch jene Interpretation der Resolution 194 der UN-Vollversammlung bekrĂ€ftigt, nach der diese das RĂŒckkehrrecht der palĂ€stinensischen FlĂŒchtlinge garantiere, womit er eine Doktrin festlegte, die auch heute noch, zumindest in offiziellen Verlautbarungen der PLO, Bestand hat. In der Rede gestand Arafat den Juden nicht explizit ein Recht auf nationale Selbstbestimmung zu und akzeptierte nicht ausdrĂŒcklich, dass Israel ein jĂŒdischer Staat sein könnte.

Als Konsequenz des israelischen Libanonfeldzugs gegen das Hauptquartier der PLO in Beirut im Juli/August 1982 musste Arafat nach Tunesien fliehen. Er verließ mit seinen Gefolgsleuten das von Israel besetzte Beirut und errichtete einen neuen PLO-Sitz im Exil in Tunis.

Der Weg zur internationalen Anerkennung

1988 erkannte Arafat Israel indirekt an und erklĂ€rte 1989 die PLO-Charta von 1964, in der zur Zerstörung des Staates Israel aufgerufen wurde, fĂŒr hinfĂ€llig.

Im Jahre 1990 begrĂŒĂŸte Arafat den irakischen Einmarsch in Kuwait und solidarisierte sich mit Saddam Hussein. Die reichen arabischen Ölstaaten an der Seite des Kriegsgegners USA froren daraufhin ihre finanzielle UnterstĂŒtzung der PLO ein. Heute wird die UnterstĂŒtzung Saddam Husseins als historischer Fehler Arafats gewertet.

Trotz allem kam es am 13. September 1993 bei der Unterzeichnung der PrinzipienerklĂ€rung ĂŒber die vorĂŒbergehende (palĂ€stinensische) Selbstverwaltung zwischen dem Staat Israel und der PLO in Washington zu einem historischen Handschlag zwischen Arafat und dem israelischen MinisterprĂ€sidenten Jizhak Rabin. FriedensnobelpreistrĂ€ger Rabin bezahlte spĂ€ter fĂŒr dieses Entgegenkommen im Israelisch-PalĂ€stinensischen Konflikt durch einen Terroranschlag eines jĂŒdischen Ultra-Nationalisten mit seinem Leben.

Nach 27 Jahren Exil kehrte Arafat in Folge des Autonomieabkommens am 1. Juli 1994 nach PalĂ€stina zurĂŒck und bildete in Gaza eine autonome Regierung, die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde.

1993 wÀhlte das TIME Magazin "Die Friedensstifter" (Nelson Mandela, Frederik Willem de Klerk, Jassir Arafat und Jitzchak Rabin) zu den Personen des Jahres.

Im Dezember 1994 erhielt Arafat gemeinsam mit Shimon Peres und Jitzhak Rabin den Friedensnobelpreis. WĂ€hrend der Trauerwoche fĂŒr Jitzchak Rabin nach dessen Ermordung im November 1995 besuchte Arafat Lea Rabin und ihre Familie in ihrer Wohnung in Tel Aviv, um seine Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen. Es war das erste Mal, dass er israelischen Boden betrat. Aus SicherheitsgrĂŒnden hatte er nicht an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilnehmen können. Er schilderte, wie sehr ihn der Mord bestĂŒrzt habe und wie verzweifelt er darĂŒber sei, seinen Partner im Friedensprozess verloren zu haben.[10] 1995 erhielt Arafat den Deutschen Medienpreis in Baden-Baden.

Arafat (r.) mit Ehud Barak (l.) und Bill Clinton in Oslo

2000 verhandelte Arafat mit dem israelischen MinisterprĂ€sidenten Ehud Barak und US-PrĂ€sident Clinton in Camp David ĂŒber die Schaffung eines palĂ€stinensischen Staates. Die Verhandlungen scheiterten jedoch. Der abtretende PrĂ€sident Clinton und Barak, der kurz darauf in allgemeinen Wahlen von seinem politischen Gegner Ariel Scharon abgelöst wurde, gaben Arafat die alleinige Schuld am Scheitern dieser Verhandlungen. Arafat hingegen gab Barak und Clinton die Schuld am Scheitern.

Zweite Intifada und politischer Niedergang

Arafat wurde schon vor der Zweiten Intifada vorgeworfen, ein doppeltes Spiel zu treiben. WĂ€hrend er sich auf internationalem Parkett fĂŒr Frieden und Diplomatie starkmachte, soll er vor seinen AnhĂ€ngern in Gaza mit teilweise antisemitischen Reden Stimmung gegen Israel gemacht haben.[11] Auch wurde ihm mehrfach vorgeworfen, sich aktiv am Waffenschmuggel fĂŒr paramilitĂ€rische und terroristische Zwecke zu beteiligen und die allein von ihm befehligten SicherheitskrĂ€fte der Autonomiebehörde fĂŒr Übergriffe auf Israel zur VerfĂŒgung zu stellen. Außerdem gab es Berichte britischer Medien wie der BBC, dass Terror-Organisationen wie die Fatah-nahen al-Aqsa-MĂ€rtyrer-Brigaden ĂŒber den Umweg der von Arafat regierten Autonomiebehörde indirekt von EU-Geldern finanziert wĂŒrden.[12][13] Schließlich duldete oder unterstĂŒtzte er den erneuten PalĂ€stinenseraufstand, was ihn vor allem außenpolitisch isolierte.

Als Reaktion auf die Zweite Intifada besetzte Israel weite Teile der autonomen PalĂ€stinensergebiete und betrieb dort eine Politik der gezielten Tötung von Protagonisten radikaler PalĂ€stinenserorganisationen wie Fatah, Hamas oder Islamischer Dschihad, die fĂŒr Selbstmordattentate verantwortlich gemacht wurden. Die israelische Regierung machte auch Arafat selbst fĂŒr diese gewaltsamen Übergriffe verantwortlich. Seit 2001 wurde der in Ramallah lebende Arafat von Israel mehrfach unter Hausarrest gestellt. Im Jahr 2002 zerstörte die israelische Armee einen Großteil von Arafats Hauptquartier, der Muqāta'a. Am 11. September 2003 fasste die israelische Regierung den Beschluss, Arafat auszuweisen. Mit einem Hubschrauber sollte er ins Exil nach Nordafrika gebracht werden. Nach dem Ausweisungsbeschluss gingen zehntausende PalĂ€stinenser protestierend auf die Straße. Arafat appellierte an die Bevölkerung, Widerstand gegen den Beschluss zu leisten. Er wolle "lieber sterben, als sich zu ergeben".

Am 14. September 2003 stellte der stellvertretende israelische MinisterprĂ€sident Ehud Olmert auch ein Attentat auf Arafat als eine "legitime Möglichkeit" seiner Entfernung dar. Am 16. September 2003 ließen die USA eine Resolution[14] des Weltsicherheitsrates gegen die Ausweisung Arafats an ihrem Veto scheitern. Deutschland enthielt sich der Stimme.

Korruption

Im Mai 2002 stellte der BND fest, dass die Verwendung von EU-Geldern fĂŒr den Terrorismus „nicht auszuschließen“ sei, da Arafat offensichtlich nicht zwischen der Struktur des Autonomie-Regimes und seiner Fatah-Bewegung trenne. Das Gutachten spricht weiterhin von „bekanntem Missmanagement“ und „weit verbreiteter Korruption“ (Aktenzeichen 39C-04/2/02).

Die USA und Israel hatten die EuropĂ€ische Union in BrĂŒssel zu dem Zeitpunkt bereits mehrfach aufgefordert, die Verwendung der Subventionen fĂŒr die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde genauer zu ĂŒberprĂŒfen. BrĂŒssel erklĂ€rte, fĂŒr Transparenz und Kontrolle der Fördermittel sorge der Internationale WĂ€hrungsfonds. Der IWF legte im Jahr 2003 jedoch einen verheerenden Bericht zu „Ökonomischen Leistungen und Reformen unter Konfliktbedingungen“ vor, aus dem hervorging, dass zwischen 1995 und 2000 ĂŒber 900 Millionen Dollar an Fördergeldern fĂŒr die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde „verschwanden“.[11] Weisungsbefugt fĂŒr die Verwendung des Geldes seien allein Arafat und "enge Vertraute" gewesen. Arafat kontrollierte dem Bericht zufolge bis zu seinem Tod allein 8 % des palĂ€stinensischen Gesamtbudgets.

Die Familie Arafats

Verheiratet war Arafat seit dem 17. Juli 1990 mit Suha at-Tawil, mit der er eine Tochter namens Zahwa (* 24. Juli 1995 in Neuilly-sur-Seine) hat. Seit Beginn der zweiten Intifada, also seit 2001, leben Frau und Tochter in Paris.

Sein Neffe Musa Arafat war Leiter des palÀstinensischen MilitÀrgeheimdienstes. Sein Bruder Fathi Arafat war palÀstinensischer Mediziner.

Arafats Tod

Unter diesem Sarkophag befindet sich die Grabkammer Arafats. Im Inneren des Mausoleums befinden sich zwei SicherheitskrÀfte der palÀstinensischen Ehrengarde.
(Ramallah am 6. Februar 2008)

Als sich Arafats Gesundheitszustand in der Nacht zum 28. Oktober 2004 akut verschlechterte, hatte er bereits ĂŒber eine Woche wegen einer EntzĂŒndung seines Verdauungstraktes nichts gegessen. Am folgenden Tag wurde Arafat zur weiteren Behandlung nach Paris geflogen. Die israelische Regierung hob aufgrund seiner schweren Krankheit das Reiseverbot auf und sicherte ihm eine RĂŒckkehr ins Westjordanland zu.

Am 4. November verschlechterte sich sein Zustand noch einmal; es wurde von einem „tiefen Koma“ berichtet. Am 10. November versagten Nieren und Leber. Ein Abschalten der lebenserhaltenden GerĂ€te wurde aus religiösen GrĂŒnden abgelehnt. Infolge der LeberschĂ€digung und der daraus resultierenden Störung der Synthese der Blutgerinnungsfaktoren kam es zu einer Gehirnblutung. Am 11. November 2004 um 3.30 Uhr (MEZ) starb Jassir Arafat.

Nach Verabschiedung mit militÀrischen Ehren wurde der Leichnam Arafats in Begleitung seiner Witwe mit einer französischen MilitÀrmaschine nach Kairo geflogen.

In Kairo fand die zentrale Trauerfeier am Flughafen am 12. November statt, wozu hochrangige Politiker aus aller Welt eingeladen waren. Die USA entsandten dabei lediglich einen UnterstaatssekretĂ€r. Direkt im Anschluss an die militĂ€rische Zeremonie in Kairo wurde der Sarg nach Ramallah geflogen, wo die Beisetzungszeremonie am frĂŒhen Nachmittag stattfand. Arafats Wunsch, in Ost-Jerusalem am Tempelberg auf dem GelĂ€nde der al-Aqsa-Moschee begraben zu werden, wurde von der israelischen Regierung nicht entsprochen. Der israelische Justizminister Yosef Lapid kommentierte dies mit den Worten „In Jerusalem liegen jĂŒdische Könige begraben, keine arabischen Terroristen“[15]. Arafat wurde in einem Steinsarg auf dem GelĂ€nde seines ehemaligen Amtssitzes in Ramallah unter grĂ¶ĂŸter Anteilnahme der palĂ€stinensischen Bevölkerung beigesetzt. Sein Sarg wurde mit Erde vom Jerusalemer Tempelberg umgeben.

Reaktionen auf Arafats Tod

Nur wenige Stunden nachdem der Tod Arafats bekannt gegeben wurde, griffen militante PalĂ€stinenser die jĂŒdische Siedlung Netsarim im Gaza-Streifen an. In Ramallah warnten Extremisten die neue palĂ€stinensische FĂŒhrung unter Mahmud Abbas vor einem „Ausverkauf der palĂ€stinensischen Sache“ und drohten den Nachfolgern Arafats mit dem Tod, sollte es irgendwelche ZugestĂ€ndnisse an Israel geben.

Als weitere Reaktion benannte sich die radikale Fatah-Splittergruppe al-Aqsa-Brigaden in MĂ€rtyrer-Jassir-Arafat-Brigaden um. Die Brigaden machten ebenso wie die radikale PalĂ€stinenserorganisation Islamischer Dschihad Israel fĂŒr den Tod Arafats verantwortlich und drohten mit Rache. So Ă€ußerte sich Dschihad-AnfĂŒhrer Chalid al-Batesch, Israels MinisterprĂ€sident Ariel Scharon habe „bei der Tötung Arafats seine Hand im Spiel“.

Ärzte im MilitĂ€rkrankenhaus Percy in Clamart bei Paris, in dem Arafat zuletzt behandelt wurde, und Vertraute Arafats schlossen aus, dass der PalĂ€stinenserchef vergiftet worden sei.

Viele PalĂ€stinenser und Kritiker der israelischen PalĂ€stinapolitik machten auch die Bedingungen, unter denen Arafat in Ramallah unter Hausarrest stand, fĂŒr die schwere Erkrankung des 75-jĂ€hrigen und letztlich auch fĂŒr seinen Tod mitverantwortlich. Andere verweisen auf Arafats hohes Alter und den Ă€rztlichen Befund und betrachten sein Ableben als durchaus natĂŒrlich.

Da weder Arafats Ärzte noch dessen Witwe die genaue Todesursache bekannt gaben, kam es in der Folge zu weiteren öffentlichen Spekulationen. Dabei wurden von Spezialisten besonders Vergiftung und AIDS nahegelegt. Ahmad Dschibril, der GeneralsekretĂ€r der palĂ€stinensischen Volksfront zur Befreiung PalĂ€stinas - Generalkommando (PFLP-GC), erklĂ€rte im Juli 2007, er habe Einblick in den französischen Bericht ĂŒber den Tod Arafats gehabt. Der Bericht gebe an, dass Arafat an AIDS erkrankt gewesen sei.[16] Aschraf al-Kurdi, seit 1986 persönlicher Leibarzt von Jassir Arafat, erklĂ€rte am 12. August 2007 gegenĂŒber der jordanischen Nachrichten-Webseite Amman, dass der PalĂ€stinenserfĂŒhrer unter dem HI-Virus litt, aber nicht an der ImmunschwĂ€chekrankheit Aids verstarb. Das Virus soll Arafat erst kurz vor seinem Tod in dessen Blut injiziert worden sein, so al-Kurdi, der aber angab, dass die tatsĂ€chliche Todesursache eine Vergiftung gewesen sei. Im August 2011 beschuldigte die Fatah den zuvor aus der Partei ausgeschlossenen Mohammed Dahlan hinter der Vergiftung Arafats zu stecken und sogar selbst das Gift aus Paris besorgt zu haben.[17]

Die israelische Armee hatte das Westjordanland nach Arafats Tod aus Angst vor AnschlĂ€gen vollstĂ€ndig abgeriegelt. Auch PalĂ€stinenser mit gĂŒltiger Arbeitserlaubnis durften nicht mehr nach Israel reisen. Jedoch transportierten mehrere hundert Busse PalĂ€stinenser aus dem Gazastreifen zur Trauerfeier nach Ramallah.

BefĂŒrchtungen, dass der Tod von Jassir Arafat einen RĂŒckschlag fĂŒr den Nahost-Friedensprozess bedeutete, bewahrheiteten sich nicht. Es kam in den Monaten nach seinem Tod sogar zu deeskalierenden Schritten zwischen der israelischen Regierung und der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde. Diese setzte antiisraelische Fernsehspots ab und unternahm Anstrengungen zur Reform der SicherheitskrĂ€fte. Die israelische Regierung ließ ca. 150 palĂ€stinensische Gefangene frei, sicherte UnterstĂŒtzung bei den palĂ€stinensischen Wahlen zu und kĂŒndigte eine RĂŒckkehr zur Roadmap an.

Die PalĂ€stinenserfĂŒhrung ernannte den ParlamentsprĂ€sidenten Rauhi Fattuh verfassungsgemĂ€ĂŸ zum vorlĂ€ufigen Nachfolger und rief eine 40-tĂ€gige Trauer aus.

In den letzten kommunistisch regierten LĂ€ndern wurde der Tod Arafats mit großer BestĂŒrzung aufgenommen. Die nordkoreanische Regierung ordnete dreitĂ€gige Staatstrauer an. Zu Ehren des „engen Freundes des nordkoreanischen Volkes“ wurden die Flaggen landesweit auf Halbmast gesetzt. Die Staatsagentur erinnerte daran, dass Arafat seit 1981 sechsmal in Nordkorea gewesen sei und den Ehrentitel eines „Helden der Demokratischen Volksrepublik Korea“ trug.

Auch der kubanische Staatschef Fidel Castro zollte Arafat Tribut. Sein Tod stelle einen „schlimmen Schlag fĂŒr die fortschrittlichen Bewegungen weltweit“ dar, hieß es in einer ErklĂ€rung. Er fĂŒgte hinzu, er habe die Nachricht mit „tiefer Trauer“ aufgenommen und sage dem palĂ€stinensischen Volk seine volle „UnterstĂŒtzung fĂŒr seinen gerechten Kampf“ zu.

Der Chef des PolitbĂŒros, Faruq al-Qadumi, wurde zum neuen FĂŒhrer von Arafats Fatah-Bewegung bestimmt. Mahmud Abbas, bis dato PLO-Vize, wurde zum Nachfolger Arafats als Chef der Organisation und in den folgenden PrĂ€sidentschaftswahlen vom 9. Januar 2005 – ebenfalls als Arafats Nachfolger – zum Vorsitzenden der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde gewĂ€hlt.

Ehrungen

Literatur

  • Helga Baumgarten: Arafat: zwischen Kampf und Diplomatie. Ullstein-Verlag, MĂŒnchen 2002, ISBN 3-548-36419-5.
  • Andrew Gowers und Tony Walker: Arafat: hinter dem Mythos. EuropĂ€ische Verlagsanstalt, Hamburg 1994, ISBN 3-434-50035-9. (Übersetzung von Behind the myth: Yasser Arafat and the Palestinian revolution, 1990)
  • Danny Rubinstein: 'Yassir Arafat. Vom GuerillakĂ€mpfer zum Staatsmann'. Palmyra Verlag, Heidelberg 1996, ISBN 3-930378-09-4. (Übersetzung von The Mystery of Arafat, 1995)
  • Gerhard Konzelmann: Arafat. Vom Terroristen zum Mann des Friedens, 1993, LĂŒbbe-Verlag, Broschiert, 493 Seiten, ISBN 3-404-61296-5.

Weblinks

 Wikiquote: Jassir Arafat â€“ Zitate
 Commons: Jassir Arafat â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einige kritische Betrachtungen:

Anmerkungen

  1. ↑ Unsicher; http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/arafat.html
  2. ↑ a b Florian Harms: Zum Tode Arafats - Der Terrorist mit dem Nobelpreis, auf spiegel.de vom 11. November 2004
  3. ↑ http://www.focus.de/politik/ausland/nahost-duell-der-antipoden_aid_196330.html
  4. ↑ http://www.bwbs.de/bwbs_biografie/Arafat__Jassir_G1129.html
  5. ↑ http://www.stern.de/politik/ausland/:Jassir-Arafat-Terrorist-Nobelpreistr%E4ger/531655.html?id=531655
  6. ↑ http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2004-46/artikel-2004-46-nobelpreistraeger-und-terrorist.html
  7. ↑ http://www.tagesschau.de/ausland/meldung151542.html (nicht mehr online verfĂŒgbar)
  8. ↑ "http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/selent-glaeschen_lp4.html"
  9. ↑ Thomas Schmidinger, Dunja Larise Zwischen Gottesstaat und Islam - Handbuch des politischen Islam, Wien 2008, S. 77f
  10. ↑ Leah Rabin: Ich gehe weiter auf seinem Weg. Erinnerungen an Jitzchak Rabin, Droemer Knaur, 1997, ISBN 3-426-26975-9.
  11. ↑ a b 900 Millionen Dollar – DIE WELT – WELT ONLINE
  12. ↑ NETZEITUNG NAHOST: USA: Autonomiebehörde an Waffenschmuggel beteiligt
  13. ↑ http://www.bbv-net.de/public/article/aktuelles/politik/263959n
  14. ↑ Resolution Nr. S/2003/891 (in deutsch)
  15. ↑ Arafat weiter im Koma, Die Zeit, 5. November 2004
  16. ↑ Al-Manar TV (Libanon), 5. Juli 2007.
  17. ↑ Ha-Aretz 8. August 2011

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  • Mussa Arafat — Musa Arafat, arabisch â€Ù…ÙˆŰłÙ‰ ŰčŰ±ÙŰ§ŰȘ‎, DMG MĆ«sā ÊżArafāt (* 1941 in Jaffa; † 7. September 2005 in Gaza), war General und Leiter des palĂ€stinensischen MilitĂ€rgeheimdienstes. Musa war ein Neffe von Jassir Arafat. Er hatte mit ihm die Fatah Bewegung… 
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