Jesus Christus

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Jesus Christus
Christus-Darstellung in Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert

Jesus Christus (von griechisch áŒžÎ·ÏƒÎżáżŠÏ‚ ΧρÎčστός Iēsous Christos, iɛːˈsoːs kÊ°risˈtos, Jesus, der Gesalbte) ist nach dem Neuen Testament (NT) der von Gott zur Erlösung aller Menschen gesandte Messias und Sohn Gottes. Mit seinem Namen drĂŒckten die Urchristen ihr Glaubensbekenntnis aus und bezogen die Heilsverheißungen der HebrĂ€ischen Bibel (Altes Testament) auf Jesus von Nazaret. SpĂ€tere kirchliche Lehren zu dieser Person behandelt der Artikel Christologie.

Inhaltsverzeichnis

Die urchristlichen Quellen

Das NT ĂŒberliefert die Botschaft von Jesus Christus in verschiedenen Literaturformen fĂŒr verschiedene Zwecke:

Die historische Person Jesus von Nazaret kannte nach heutiger Forschungslage wahrscheinlich keiner der NT-Autoren.[1] Die Paulusbriefe (entstanden 50-60) sind die Àltesten urchristlichen Schriften. Ihr Autor erklÀrt sich zum Augenzeugen des auferstandenen Jesus, den er vorher nicht gekannt habe. Die Paulusbriefe enthalten einige Worte Jesu und biografische Details, aber keine Berichte von seinem irdischen Wirken.

Die vier kanonischen Evangelien (entstanden zwischen 70 und 130) erzĂ€hlen Jesu Wirken und Schicksal auf verschiedene, auf ihre Adressaten zugeschnittene Weise. Vor allem die drei „synoptischen“ Evangelien bieten gemeinsame Stoffe, die meist mit der Zwei-Quellen-Theorie erklĂ€rt werden.[2] Ihre Reihenfolge, Auswahl und Darstellung unterscheiden sich aufgrund verschiedener redaktioneller Konzepte; ihre Glaubensaussagen ĂŒber Jesus stimmen jedoch in den GrundzĂŒgen ĂŒberein und ergĂ€nzen einander. Ihre Ă€ltesten Bestandteile stammen von Nachfolgern Jesu aus GalilĂ€a, die die Jerusalemer Urgemeinde grĂŒndeten und Jesu Worte zuerst mĂŒndlich, dann schriftlich weitergaben.

Daneben gibt es eine Reihe urchristlicher Apokryphen, die nicht in den spĂ€teren Kanon des NT aufgenommen wurden. Heutige Forschung nimmt an, dass vor allem das Thomasevangelium einige authentische Jesusworte enthĂ€lt, die aus einer gemeinsamen Überlieferung mit der Logienquelle stammen könnten.[3] Einige außerchristliche Schriften erwĂ€hnen Jesus beilĂ€ufig oder indirekt, heben ihn aber nicht als Retter der Menschen hervor.

Alle NT-Schriften verkĂŒnden Jesus Christus, seine Geschichte, sein VerhĂ€ltnis zu Gott und seine Bedeutung auf verschiedene, aber im Kern ĂŒbereinstimmende Weise als „Evangelium“ (Frohbotschaft) fĂŒr die ganze Welt. Denn ihre Autoren glaubten an die Auferstehung Jesu Christi, die ihnen keine unbeteiligte Mitteilung biografischer Daten ermöglichte. Jesus war fĂŒr sie kein vergangener gescheiterter Wanderprediger, sondern der zur Rettung aller Menschen aus SĂŒnde und Tod in die Welt gekommene Sohn Gottes, der den Gerichtstod auf sich genommen habe, von Gott auferweckt worden sei, nun fĂŒr alle Zeiten lebe und sich selbst immer neu in Erinnerung rufe, bis er seine Botschaft am Ende der Zeit selbst wahr machen werde.

Dieser Glaube veranlasste die Urchristen Gemeinden zu bilden und zu grĂŒnden, Jesu Worte zu sammeln, aufzuzeichnen und als Jeden angehende Botschaft weiterzugeben. Ihre Schriften wollen alle Menschen zum Glauben an den menschgewordenen, fĂŒr sie stellvertretend getöteten und auferstandenen Gottessohn einladen. So wurde das NT zur Grundlage fĂŒr das Christentum, das seit 70 als eigene Religion neben dem Judentum hervortrat.

Der Name

Urchristlicher Glaubenssatz

áŒžÎ·ÏƒÎżáżŠÏ‚ ΧρÎčστός ist das zum Namen konzentrierte griechische Glaubensbekenntnis der Urchristen im NT: Es verbindet den Vornamen áŒžÎ·ÏƒÎżáżŠÏ‚, der das aramĂ€ische Jeschua grĂ€zisiert, mit dem Titel ΧρÎčστός, der das hebrĂ€ische Wort Maschiach („der Gesalbte“) ĂŒbersetzt. Als griechischer Nominalsatz mit einer Apposition statt eines Verbs sagt es aus: Jesus ist der Messias. Dies identifiziert diesen bestimmten historischen Juden Jesus aus Nazaret mit dem vom Judentum erwarteten Heilsbringer der Endzeit. Der Name Jesus Christus soll damit Jesu einzigartiges VerhĂ€ltnis zum Gott Israels und seine Bedeutung fĂŒr alle Menschen zugleich ausdrĂŒcken.

Die Bekenntnisformel „Jesus [ist der] Christus“ findet sich bei allen NT-Autoren und stammt wahrscheinlich aus dem Gottesdienst und der Missionspredigt (Kerygma) der Jerusalemer Urgemeinde (z.B. Apg 5,42 EU und die frĂŒhe Taufformel „im Namen Jesu Christi“ Apg 2,38 EU). Diesen Namen habe Gott ihm verliehen (Phil 2,9 EU), zu ihm wĂŒrden sich eines Tages „alle Zungen im Himmel und auf Erden bekennen“ (Phil 2,11 EU). Damit reservierten die Urchristen den jĂŒdischen Messiastitel fĂŒr diese Person und machten ihn zu Jesu Eigennamen. Dies bestĂ€tigte die jĂŒdische Messiaserwartung einerseits und wies andererseits Erwartungen zurĂŒck, es könne andere oder weitere Heilsbringer geben.

Nach dem Markusevangelium beruht das Bekenntnis zu Jesus als Messias auf Gottes eigenem Bekenntnis zu Jesus bei dessen Taufe (Mk 1,11 EU). Auf Jesu Frage an seine JĂŒnger wer, sagt ihr, dass ich sei? antwortete Simon Petrus dann als erster: „Du bist der Christus!“ (Mk 8,27 EU).

Der Glaube an Jesus als den Christus Gottes wurde in den Evangelien erzĂ€hlend entfaltet. Sie erzĂ€hlen die Geschichte dieses Predigers, Heilers und Lehrers vom nahen Reich Gottes aus einer ex post-Perspektive. Inhalt und BezĂŒge der ErzĂ€hlungen setzen also Kreuzigung und Auferstehung bereits voraus, sie sind auf diese zentralen Glaubensinhalte hin ausgerichtet. Inwiefern der historische Jesus selbst den Anstoß zu dieser Botschaft gab und wie sie sich zu seinem Auftreten und SelbstverstĂ€ndnis verhĂ€lt, ist eine Grundfrage der neutestamentlichen Forschung.

Verehrung des Namens Jesu

In der römisch-katholischen Frömmigkeit gibt es eine ausgeprĂ€gte Verehrung des Namens Jesu.[4] Der Name Jesu soll darum nach ĂŒberlieferter Höflichkeit nicht in einem unwĂŒrdigen Zusammenhang oder leichtfertig ausgesprochen werden.

Weil Christen Jesus als Retter der Menschheit verehren, beinhaltet der Name an sich eine tiefere Bedeutung. In der Apostelgeschichte wirken die ersten Christen Wunder "im Namen Jesu", wie etwa die Heilung eines GelĂ€hmten durch den Apostel Petrus (Apg 3,6 EÜ). An anderer Stellen behauptet Petrus: Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen (Apg 4,12 EÜ). Der Phillipperbrief nennt ihn Den Namen ĂŒber allen anderen Namen (Phil 2,9 EÜ).[5]

Deklination und liturgischer Gebrauch

Im traditionellen kirchlichen liturgischen Gebrauch West- und Mitteleuropas wird der Name Jesus Christus (lateinisch) dekliniert:

Kasus Deklination
Nominativ: Jesus Christus
Genitiv: Jesu Christi
Dativ: Jesu Christo
Akkusativ: Jesum Christum
Ablativ: Jesu Christo
Vokativ: Jesu Christe

Die Endsilbenvokale sind zum Teil verschieden, weil „Jesus“ einer Mischform aus der griechischen und der lateinischen u-Deklination folgt, wohingegen „Christus“ der lateinischen o-Deklination angehört. Der Genitiv „Jesu“ ist in das Deutsche eingegangen: auch dort, wo der Vorname ohne den Christustitel erscheint. Der lateinische Dativ und Akkusativ des Namens sind dagegen unĂŒblich geworden. Die Anrede Christe (Vokativ) findet sich in der Gottesdienstliturgie im Kyrie (Christe eleison), in den Rahmenversen zur Evangeliumslesung (Lob sei dir, o Christe!) und im Agnus Dei (Christe, du Lamm Gottes).

Jesu Auferstehung

→ Hauptartikel: Auferstehung Jesu Christi
Frauen am Grabe Christi und Himmelfahrt (sog. „Reidersche Tafel“); Elfenbein; Mailand oder Rom, um 400 n. Chr.

Die Auferstehung Jesu von den Toten ist Hauptinhalt der urchristlichen Heilsbotschaft, die im Kern lautete: Jesus wurde fĂŒr uns gekreuzigt und auferweckt (1 Kor 15,3–5 EU). Diese Glaubensaussage beruhte auf bestimmten Erfahrungen mit Jesus nach seinem Tod. Er kĂŒndigt den JĂŒngern schon vor seinem Kreuzestod seine Auferstehung dreifach an (Mt 16,21–23 EU),(Mt 17,22–23 EU),(Mt 20,17–19 EU).

Das Ă€lteste Evangelium berichtete anfangs wohl noch nicht von Jesu nachösterlichem Erscheinen, sondern kĂŒndete es in Mk 16,5 nur an. Auch die NT-Briefe fĂŒhren Jesu Auftreten nach seiner Auferstehung nicht aus. Lukas, Johannes und die Apostelgeschichte beschreiben die Auferstehung genauer.

Die ersten Augenzeugen

Paulus ist der frĂŒheste Autor einer NT-Schrift und erklĂ€rt, den Auferweckten selbst gesehen zu haben. Er ĂŒbernahm von der Jerusalemer Urgemeinde um 36 n. Chr. ein frĂŒhes Credo, verbunden mit einer Zeugenliste (1 Kor 15,3–8 EU):

„Christus ist gestorben fĂŒr unsere SĂŒnden nach der Schrift;
er wurde begraben;
er wurde auferweckt am dritten Tage nach der Schrift;
er wurde gesehen von Kephas;
danach von den Zwölf.
Danach wurde er gesehen von mehr als 500 BrĂŒdern auf einmal – von denen die meisten heute noch leben, wĂ€hrend einige schon gestorben sind.
Danach wurde er gesehen von Jakobus;
danach von allen Aposteln.“

Paulus zitiert hier den Glauben aller Urchristen und stellte dazu fest, dass viele Augenzeugen noch leben und befragt werden können. Dann fĂŒgte er seine eigene Jesusvision hinzu:

„Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer missratenen Geburt gesehen worden...“

Mit dieser als Berufung erfahrenen Jesusvision (Gal 1,15 EU) begrĂŒndete er wie der Prophet Jeremia seinen gleichberechtigten Auftrag zur Völkermission. Er beschrieb sein Damaskuserlebnis nicht nĂ€her (vgl. Apg 9,1–9 EU), sondern betonte nur: Er sah Jesus im Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes (2 Kor 3,38 EU).

Was genau diese ersten Zeugen „sahen“ war der „Auferweckte“: Dieser Ausdruck bezeichnet Gottes unsichtbares Handeln am getöteten Jesus. Das Bild des Weckens vom Schlaf meint die jenseitige Überwindung des Todes. Das Passivum Divinum drĂŒckt Respekt aus: Fromme Juden vermeiden es, Gott beim Namen zu nennen. Ihr Credo deutet aber diesseitige Erfahrungen: Es weist auf eine leibhafte Begegnung mit Jesus hin und zugleich auf seine unvergleichbare, der Sterblichkeit nicht mehr unterworfene Seinsweise.

Er ist wahrhaftig auferstanden! (Lk 24,34 EU): Dieser frĂŒhe Bekenntnissatz bezog sich auf das aktive Erscheinen des Auferweckten vor seinen JĂŒngern. Beide AusdrĂŒcke bezeichnen im NT wie in der jĂŒdischen Apokalyptik exklusiv Gottes Handeln. Das „Sehen“ meint dort das Vorhersehen der Zukunft in einer von Gott geoffenbarten „Vision“ (Dan 7,1 EU). Es war demnach kein gewöhnliches Wahrnehmen, sondern ein Erkennen, von dem die Beteiligten nur sagen konnten, dass Gott (AT) bzw. Jesus (NT) es selbst bewirkt habe.

Das leere Grab

Der Ă€lteste Passionsbericht, den Markus ĂŒbernahm, fĂŒhrt das urchristliche Credo erzĂ€hlend aus und endet daher mit der Entdeckung des leeren Grabes Jesu am „dritten Tag“ von Jesu Tod an (Mk 16,1–8 EU). Der Passionsbericht liefert folgende Darstellung: Nur noch Frauen von Jesu AnhĂ€ngern waren dabei (Mk 15,40f EU). Einige sahen, wo er begraben wurde (Mk 15,47 EU). Nach dem Sabbat wollten sie den Toten gemĂ€ĂŸ jĂŒdischer Sitte einbalsamieren und so ehren (Mk 16,1). Dabei fanden sie sein Grab leer. Die ErklĂ€rung dafĂŒr gab ihnen ein junger Mann in weißem Gewand, also ein Engel (v. 6–7):

„FĂŒrchtet euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Seht dort die Stelle, wo man ihn hingelegt hat. Geht aber und sagt seinen JĂŒngern und Petrus, dass er vor euch hergehen wird nach GalilĂ€a: Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“

Das verweist auf die frĂŒhe Zeugenliste. Ihr „Sehen“ wird demnach als Erkenntnis gedeutet: Gott hat diesen zuvor getöteten GalilĂ€er auferweckt. Darum war sein Grab leer. Alle, die ihn nicht sahen, wurden auf einen Weg gesandt, auf dem er sich zu erkennen gab: Das rief sie erneut in die Nachfolge. Der betonte Hinweis auf „den Gekreuzigten“ stellt Gottes endgĂŒltiges Lebenschaffen gegen das unrechtmĂ€ĂŸige Töten der Menschen und verweist auf die urchristliche Predigt in Jerusalem (Apg 4,10 EU): Ihr habt ihn gekreuzigt, Gott aber hat ihn auferweckt!

Nur bei Markus endet der Bericht mit der Flucht der Frauen, die entgegen ihrem Auftrag nichts weitersagen (Mk 16,8). Das erinnert an die Flucht der MĂ€nner bei Jesu Festnahme (Mk 14,50 EU) und macht klar, dass die Frauen diese zunĂ€chst gar nicht antreffen konnten. Es spielt auch versteckt auf Jes 52,15 EU an, wo von der Erhöhung des verachteten, „fĂŒr uns“ getöteten Gottesknechts die Rede ist (Jes 53,4f EU):

„Denen nichts davon verkĂŒndet wurde, die werden es sehen, und die nichts davon hörten, werden es erfahren!“

Danach kann nur Jesu eigenes Erscheinen Entsetzen, Angst und Trauer ĂŒberwinden, in Freude verwandeln (Mt 28,8 EU) und Glauben an ihn schaffen (Joh 20,20 EU). Damit legt der Text nahe, dass die Jesusvisionen schon bekannt waren und in oder unterwegs nach GalilĂ€a (Emmaus, Lk 24,13 EU) erfolgten: also einige wenige Tage nach der JĂŒngerflucht und Jesu Tod.

Der historische Gehalt der GrabĂŒberlieferung ist stark umstritten. Einige NT-Forscher (z. B. Rudolf Bultmann, Hans Graß, Willi Marxsen, Gerd LĂŒdemann) halten den Text fĂŒr eine spĂ€te apologetische Legende, die Jesu Auferstehung nachtrĂ€glich „beweisen“ sollte. Auch Georg Strecker und Eugene Finegan sehen in dieser ErzĂ€hlung „Merkmale sekundĂ€ren legendarischen Ursprungs“.[6] Andere (Hans von Campenhausen, Ulrich Wilckens, Wolfhart Pannenberg, Peter Stuhlmacher, J. Spencer Kennard) gehen davon aus, dass die Auffindung des leeren Grabes „am 3. Tag“ historisch war und erst Markus den Bericht davon mit der Engelsbotschaft und Jesu Erscheinungen verband.

FĂŒr die HistorizitĂ€t spricht, dass die Zeugenliste keine Frauen, die Grabgeschichte keine MĂ€nner und nur Frauen nennt, die Zeugen der Grablegung Jesu waren. Diese hatten im patriarchalischen Judentum damals kein Zeugenrecht, so dass ihr anfĂ€ngliches Schweigen plausibel wirkt. Nach Lk 24,11 EU hielten die MĂ€nner ihre Nachricht vom leeren Grab fĂŒr ein „GerĂŒcht“ (Martin Luther ĂŒbersetzte: „MĂ€rchen“) und glaubten ihnen nicht, bis Jesus selbst sie ĂŒberzeugte. Das legt nahe, dass die Erscheinungen Jesu unabhĂ€ngig von, aber zeitnah zur Entdeckung des leeren Grabes erfolgten. Dass dieses in Jerusalem bekannt war, könnte Mt 28,13 EU zeigen: Seine JĂŒnger kamen nachts und stahlen ihn! Solche Polemik gegen die Urchristen ĂŒberliefert auch die Mischnah.

Damals wurden jĂŒdische MĂ€rtyrer durch den Ausbau ihrer GrĂ€ber geehrt, um ihr Anrecht auf kĂŒnftige Auferstehung zu betonen (Eduard Schweizer). Das war den Urchristen verwehrt: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5). Darum fehlt Jesu Grab in den ersten Petruspredigten und in den Paulusbriefen. Doch wenn es nicht nachprĂŒfbar leer war, dann hĂ€tte sich die Botschaft von seiner Auferweckung in Jerusalem (Apg 2,32 EU) kaum halten können (so u. a. Paul Althaus, Karl Barth, Klaus Berger, Martin Karrer).

Die EmmausjĂŒnger

Zwei JĂŒnger begegnen Jesus auf dem Weg nach Emmaus. Relief aus dem Benediktinerkloster Santo Domingo de Silos in Nordspanien

Nach Lk 24,13–35 EU begegneten zwei seiner JĂŒnger Jesus auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Sie erkennen ihn nicht, teilen ihm aber ihre maßlose Trauer und EnttĂ€uschung mit: Wir dachten, er sei der (Messias), der Israel befreien werde. Darauf legt er ihnen die Schrift aus: Musste der Messias nicht so leiden, um in sein Reich einzugehen? Sie bitten ihn, zu bleiben. Er tut es, isst mit ihnen und bricht dabei wie beim Passahmahl vor seinem Tod das Brot. Da gingen ihre Augen auf, und sie erkannten ihn. Jesus verschwindet. Darauf tauschen sie ihr Erlebnis aus – Brannte nicht unser Herz...? –, kehren sofort nach Jerusalem um, treffen dort die versammelten Elf und hören deren BestĂ€tigung: Der Kyrios ist wahrhaftig auferstanden und Simon (Petrus) erschienen!

Der Text reprĂ€sentiert lukanische Theologie: Der Evangelist wollte zeigen, wie man auch ohne eigene Vision Christ werden kann. Bibelauslegung, Abendmahl, Austausch der Erfahrungen mit Jesus und gemeinsames Glaubensbekenntnis spiegeln wohl den Ablauf eines urchristlichen Gottesdienstes. Der Name „Kleophas“ (v. 18) fĂŒr einen der JĂŒnger – der zweite bleibt ungenannt – wurde sichtlich spĂ€ter eingefĂŒgt. WĂ€re der Zeuge historisch, hĂ€tte die Urgemeinde seinen Namen in ihre Liste aufgenommen. Der Credosatz, auf den der Text zielt, wird von NT-Historikern als sehr alt und der Geschichte vorgegeben eingeschĂ€tzt. Es erinnert daran, dass Petrus den Auferweckten als Erster sah und dies dann Anderen mitteilte. Auch Mk 16,7 nennt ihn neben den ĂŒbrigen JĂŒngern. Das bestĂ€tigt den Anfang der Jerusalemer Zeugenliste.

Die Elfervision

Alle Evangelien berichten von einer Erscheinung Jesu vor dem Kreis der ersten JĂŒnger. Dabei reden die Synoptiker ausdrĂŒcklich von elf JĂŒngern, da Judas Ischariot nicht mehr zu „den Zwölfen“ gerechnet wurde (nach Mt 27,5 EU hatte er sich erhĂ€ngt). Das Johannesevangelium nennt keine Zahl, jedoch wird Judas auch dort nicht mehr erwĂ€hnt. Alle Evangelien begrĂŒnden mit der Erscheinung Jesu die Beauftragung der JĂŒnger zur Völkermission. Jedes Evangelium formuliert diese anders und zeigt so seine besondere theologische Sicht.

  • Mt 28,1–20 ĂŒbernahm und verĂ€nderte die Grabgeschichte: Die Frauen, die sich bei Markus noch fĂŒrchteten und nichts weitersagten, freuen und beeilen sich nun, ihren Auftrag auszufĂŒhren. Sie begegnen Jesus selbst, der durch sie die JĂŒnger zu einem Berg in GalilĂ€a bestellt. Dort erscheint er ihnen, offenbart seine ihm von Gott ĂŒbergebene Macht, sagt ihnen seine Geistesgegenwart und Wiederkunft zu und beauftragt sie zur Völkermission. Dieser schließt die Taufe auf seinen Namen und das Halten all seiner Gebote (Bergpredigt Mt 5–7) ein.
  • Lk 24,36–53 und Joh 20,19–23 teilen gemeinsame und verschiedene Motive der JĂŒngersendung: Jesus erschien am Abend des Sabbatfolgetags nach seinem Tod, trat zu den Versammelten (Jh: durch verschlossene TĂŒren), grĂŒĂŸte sie mit dem Friedensgruß „Schalom“, ĂŒberwand ihre Angst und ihren Unglauben (Lk: durch demonstratives Essen /Joh: durch Zeigen der Wundmale), legte ihnen die Schrift aus (Lk) bzw. gab ihnen den Heiligen Geist (Joh), sandte sie in die Welt zur VerkĂŒndigung der SĂŒndenvergebung und Buße (Lk) bzw. zum Erlassen oder Behalten der SĂŒnden (Joh).
  • Mk 16, 9–20 ist ein spĂ€terer Anhang an das ursprĂŒngliche Ende des Evangeliums: Er setzt die Jesusbegegnungen Marias (Jh 20) und der EmmausjĂŒnger (Lk 24) schon voraus, die Markus noch nicht kannte. Er bringt die verschiedenen Erscheinungsberichte in eine Abfolge, um WidersprĂŒche auszugleichen. Dabei widerspricht er jedoch der Zeugenliste: Dort steht die Elfervision aller Erstberufenen am Anfang, hier am Ende. Der universale Missionsauftrag der Christen enthĂ€lt nun auch die Vollmacht zum Austreiben von DĂ€monen, analog zu den bei Markus ĂŒberlieferten Exorzismen Jesu.

Alle Evangelien betonen die IdentitĂ€t der auferweckten mit der gekreuzigten Person, des neuen mit dem alten Leib: Damit wehren sie wohl die gnostische These vom „Scheintod“ des Erlösers ab. Dass der Auferstandene sich ernĂ€hrte, hieße aber, dass er nur wiederbelebt, nicht unsterblich war. Doch die Texte verkĂŒnden auch, dass er den Naturgesetzen nicht mehr unterworfen war, sondern durch WĂ€nde ging (Jh 20,19) und an verschiedenen Orten zugleich erschien (Lk 24,33–36). – Nach 1 Kor 15,50f kann der alte den neuen Leib nicht „erben“, sondern der himmlische Leib verwandelt den irdischen völlig. Insofern bestĂ€tigte Paulus, der nichts vom leeren Grab Jesu zu wissen schien, die Evangelienberichte indirekt.

Ob und wo Jesus sich den elf JĂŒngern zeigte – in GalilĂ€a (Mk/Mt) oder in Jerusalem zwei Tage nach Jesu Tod (Lk/Joh) – ist nicht mehr zu ermitteln. Beides war bei einer JĂŒngerflucht drei Tage zuvor unmöglich. Darum erklĂ€rt jeder Evangelist das JĂŒngertreffen anders: Bei MatthĂ€us erschien Jesus den Frauen am Grab zusĂ€tzlich zu den Engeln. Bei Lukas veranlasst das Emmauserlebnis die sofortige RĂŒckkehr der Elf. Bei Johannes blieb Petrus in Jerusalem und betrat Jesu Grab, wĂ€hrend Maria ihn zuerst sah. So verknĂŒpften die Evangelisten die Grabgeschichte auf widersprĂŒchliche Weise mit den Erscheinungen, um das JĂŒngertreffen zu erklĂ€ren.

SpÀtere Erscheinungstexte

  • Mk 9,1–13 erinnert mit Jesu „VerklĂ€rung“ auf einem Berg in GalilĂ€a an eine nachösterliche Jesusvision (v. 9) fĂŒr Petrus, Jakobus und Johannes. Diese Namen nennt Gal 2,9 als „SĂ€ulen“ der Urgemeinde: Man kann also annehmen, dass sie ihr FĂŒhrungsamt aufgrund einer solchen Jesusvision erhielten. Markus deutet diese als vorösterliche Offenbarung des erwĂ€hlten Sohnes Gottes, der Moses (Judentum) und Elija (= Johannes der TĂ€ufer, MandĂ€ismus) abgelöst habe.
  • Joh 20,1–18 formt die ĂŒberlieferte Grabgeschichte zu einer Selbstoffenbarung des Auferweckten um. Der Text widerspricht offenbar bewusst der synoptischen Tradition: Maria Magdalena, nicht Petrus sah Jesus zuerst. DafĂŒr betrat Petrus als Erster das leere Grab. Die johannĂ€ische Endredaktion hat dem nochmals widersprochen und den „JĂŒnger, den Jesus liebte“ eingefĂŒgt: Sie lĂ€sst ihn mit Petrus um die Wette laufen und das leere Grab zuerst betreten, um seine AutoritĂ€t zu untermauern. Das bestĂ€tigt: Ohne Jesu eigenes Erscheinen konnte das leere Grab nur Furcht und Entsetzen, aber keinen Glauben an Jesu Auferstehung bewirken. Es bestĂ€tigt auch: Frauen waren – ob sie ihn selbst sahen oder nur sein Grab leer fanden – die ersten Osterzeugen.
  • In Joh 21,1–14 erscheint Jesus sieben seiner ersten JĂŒnger am Ufer des Sees Genezareth, wo er sie anfangs berief. Er hilft ihnen, einen großen Fischfang zu machen. Der JĂŒnger, „den Jesus liebte“, erkennt als Erster: Es ist der Kyrios! Dieser lĂ€dt sie zum gemeinsamen Mahl ein, bereitet es vor und isst mit ihnen. – Auch dieser Text wurde an einen frĂŒheren Schluss des Evangeliums angehĂ€ngt (Joh 20,31) und gehört zu seiner Endredaktion (v. 24). Er setzt die Episode vom wunderbaren Fischzug (Mt 4,18–22/Lk 5,1–11) voraus, erinnert an die ersten JĂŒngerberufungen Jesu (Mk 1,16–20), will die Adressaten so zur Mission ermutigen und neu Getaufte zum Abendmahl einladen. – Der Fisch wurde fĂŒr verfolgte Christen in Rom zum geheimen Erkennungszeichen: griechisch Ichthys steht fĂŒr das Credo Iesus Christus Theos ÂŽYios Soter („Jesus, der Messias, Gottes Sohn, ist der Retter“).

Rekonstruktionsversuche des Ablaufs der Osterereignisse

Christus-Darstellung 1310

Was nach Jesu Tod geschah, erzÀhlen die Evangelien teils im Konsens, teils kontrÀr. Daher lÀsst sich ein genauer Ereignisablauf kaum noch rekonstruieren. Das NT gibt nur einige Anhaltspunkte:

  • Jesus wurde noch am Vorabend des Sabbat in ein frisches Felsengrab gelegt. Einige Frauen aus seiner AnhĂ€ngerschar sahen, wo man ihn begrub.
  • Am Tag nach dem Sabbat wollten sie den Toten einbalsamieren. Dabei fanden sie sein Grab leer vor.
  • Die JĂŒnger waren inzwischen getrennt nach GalilĂ€a zurĂŒckgekehrt. Auf dem Weg dorthin hatten einige von ihnen eine Vision, die sie beschrieben: Jesus wurde auferweckt.
  • Diese Visionen Ă€hnelten sich, fanden aber unabhĂ€ngig voneinander, zeitlich und rĂ€umlich gestreut statt (Lk 24,34).
  • Daraufhin suchten die JĂŒnger erneut Kontakt, tauschten ihre Erlebnisse aus und kehrten nach Jerusalem zurĂŒck: Dort erwarteten Juden gemĂ€ĂŸ biblischer Prophetie das Weltende.
  • In der Stadt trafen sie die Frauen, die ihnen das leere Grab zeigten. Ihr Bericht davon wurde daraufhin zur Verheißung des „Sehens“ Jesu in GalilĂ€a umgeformt.

Die RĂŒckkehr der JĂŒnger nach Jerusalem erfolgte also wahrscheinlich unabhĂ€ngig von einer Grabentdeckung der Frauen. Sie kehrten dann nicht unbedingt gleichzeitig, sondern aufgrund je eigener Erfahrungen und Nachrichten vom auferstandenen Jesus dorthin um. Deshalb nehmen eine Reihe von NT-Exegeten (H. v. Campenhausen, W. Pannenberg, M. Karrer) an, dass die Ă€ltesten Notizen von JĂŒngern, denen Jesus unterwegs nach GalilĂ€a „erschien“, echte Erlebnisse widerspiegeln, da anders die GemeindegrĂŒndung in Jerusalem nach der JĂŒngerflucht kaum zu erklĂ€ren sei. Andere NT-Forscher wie G. LĂŒdemann dagegen halten die Auferstehungsberichte fĂŒr rein subjektive Projektion ohne Ă€ußeren Anlass.

Wer von den JĂŒngern eine solche Vision des auferweckten Jesus hatte, wann und wo, bleibt im NT mehrdeutig. Die Evangelien bestĂ€tigen nur die Erstvision des Petrus und einiger anderer unbekannter JĂŒnger, ohne diese nĂ€her zu beschreiben. Von einer Erscheinung Jesu vor „500 BrĂŒdern“ und „allen Aposteln“, wie sie die Ă€lteste Zeugenliste auffĂŒhrt, wissen sie nichts. Die „Himmelfahrt“ (Apg 1) galt nur dem Elferkreis; die Massenvision meint eventuell eine Massentaufe wie die nach der Pfingstpredigt (Apg 2,41).

Die theologischen Deutungsmotive der Ostertexte

  • Gott hat gehandelt

Alle Ostertexte des NT verkĂŒnden: Nur Gott selbst konnte Jesus auferwecken. Niemand war dabei. Nur der Auferweckte selbst konnte sich dann seinen JĂŒngern offenbaren. Von sich aus erkannte ihn niemand. Nur einige der ersten JĂŒnger und Paulus sahen den Auferstandenen. Dieser war nur eine befristete Zeit lang zu sehen (Apg 1,2–5): Darin stimmen Zeugenliste, Evangelien und Apostelgeschichte ĂŒberein.

Das betont den besonderen Charakter des VerkĂŒndeten als ein reales Ereignis, das aber außerhalb aller sonst bekannten WirkungszusammenhĂ€nge steht („Wunder“). Es ist nicht „von außen“ einsehbar, sondern wurde nur einem kleinen Kreis von Zeugen offenbart. Wer dem NT glauben möchte, kann nur dem Glauben dieser ersten Zeugen glauben und ihrem Zeugnis trauen – oder aber nicht.

Hier liegt der Grund fĂŒr die Bandbreite der Deutungen: WĂ€hrend rationalistische Theologen und Religionskritiker von „Betrug“ (Hermann Samuel Reimarus), „Fiktion“ und „subjektiven Visionen“ (David Friedrich Strauß), „Projektion“ (Ludwig Feuerbach, Sigmund Freud), „mythologischem SelbstverstĂ€ndnis“ (Rudolf Bultmann), „apologetischen Legenden“ (Hans Graß) u. a. sprechen und diese aus einer „Verarbeitung von SchuldgefĂŒhlen“ erklĂ€ren (Gerd LĂŒdemann), versuchen evangelikale, konservative und fundamentalkatholische Theologen (z. B. Walter KĂŒnneth, Wolfhart Pannenberg), Jesu Auferstehung als „historisches Ereignis“ auszuweisen. Eine Mittelposition vertrat Karl Barth: Er betont das objektive Geschehen hinter den Glaubenszeugnissen, das aber prinzipiell nicht historisch verifizierbar sei.

  • Der Auferweckte schenkt Versöhnung und ĂŒberwindet so den Unglauben

Die Ostertexte betonen die IdentitĂ€t des nun Auferstandenen mit dem zuvor Gekreuzigten. Sie erinnern Jesu JĂŒnger damit an ihr Versagen angesichts seines Todes: Sie hatten ihn verraten, verlassen und verleugnet. Nur er selbst konnte also ihren Unglauben ĂŒberwinden. Er tat dies, indem er sich mit ihnen versöhnte. Erst das öffnete ihre Augen. Das gemeinsame Essen gab ihnen erneut – und diesmal unwiderruflich – Anteil am Heil. Diesen Aspekt betonen besonders die Evangelien: Das ist der Sinn der Mahlmotive in ihren Erscheinungstexten. Darum feierte die Urgemeinde in jedem Gottesdienst das Abendmahl.

  • Der gekreuzigte Jude aus GalilĂ€a ist der zu Gott erhöhte „Sohn“ Gottes

Mit der Versöhnung zugleich schuf der Auferstandene die Erkenntnis, wer er in Wahrheit ist: der von Gott gesandte und zu Gott erhöhte Christus. Dieser Mensch ist also der endgĂŒltige Offenbarer dieses Gottes und sein einzigartiges Ebenbild. Als solchen haben ihn die Urchristen dann verkĂŒndet, wĂ€hrend sie vor seinem Tod noch, wie er, das Reich Gottes verkĂŒndeten (Mt 10,7). Der „Sohn“-Titel beinhaltete dabei auch schon die Aspekte der ewigen ErwĂ€hlung (PrĂ€existenz Christi), PrĂ€senz, Weltherrschaft und Wiederkunft.

  • Der Sohn Gottes ist der kommende Weltrichter

Alle Urchristen deuteten Jesu Erscheinen als „Auferweckung“. Das war von ihren jĂŒdischen Glaubensvoraussetzungen her undenkbar: „Auferweckt“ werden sollten die Toten gemeinsam, und zwar erst am Ende der Welt, wenn Gott zum Gericht erscheint. Ein nach jĂŒdischem Recht Verurteilter, der gekreuzigt wurde, galt als von Gott verflucht. Er wĂ€re im jĂŒdischen Glauben nicht auferweckt oder im Endgericht verworfen worden.

Die Texte zeigen nach der verzweifelten JĂŒngerflucht unĂŒbersehbar ihre Freude ĂŒber die ĂŒberraschende Wende. Jesu Erscheinen war fĂŒr sie völlig unerwartet und rief zuerst Furcht hervor: Denn damit kam der Richter, um sein Endgericht vorwegzunehmen und in Kraft zu setzen. Besonders Paulus, der Verfolger der Urgemeinde, erfuhr das: Ihm gegenĂŒber zeigte sich der inthronisierte „Menschensohn“ im Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes (Apg 9,3; 2 Kor 3, 18). Darauf konnte nur Verstummen, Erblinden und Kniefall folgen. In seiner Berufungsvision fehlen daher das Mahlmotiv, das Sendungsmotiv und der Schriftbeweis: Diesen fĂŒhrte Stefanus bereits, von dessen Missionspredigt (Apg 7) Paulus wohl gehört hatte. Erst nach seiner Taufe empfing er laut Apg 22,16ff den Auftrag zur Völkermission.

  • Das Kommen des Richters wird die Welt vollkommen verwandeln

Jesu Auferweckung bekrĂ€ftigte fĂŒr die Urchristen die Zukunftserwartung der jĂŒdischen Prophetie (Jes 25,8; 35,10; Hes 37,12–14) und Apokalyptik (Dan 7,2–14) von einer endzeitlichen Verwandlung der Schöpfung und Überwindung des Todes (1 Kor 15; Off 21,3–5). Darum verkĂŒndeten sie ihn als „Ersten der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20), sahen mit seiner Auferstehung also die Zukunft aller Toten und den Vorschein der neuen Schöpfung voraus und erwarteten sein Wiederkommen noch zu ihren Lebzeiten (1 Kor 15,51; Mk 13,30).

Daher spielte das leere Grab in der urchristlichen VerkĂŒndigung keine primĂ€re Rolle. Es war nur eine sekundĂ€re BestĂ€tigung fĂŒr die eigentliche Osterbotschaft. Es betonte die RealitĂ€t des neuen Lebens Jesu und wies die Angeredeten vom Vergangenen weg zur Zukunft: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5)

  • Die Geistesgegenwart des Auferstandenen sendet die, die an ihn glauben, zur Völkermission

Die Gabe des Heiligen Geistes im Pfingstereignis bekrĂ€ftigte fĂŒr die Urchristen die Überwindung des Fluchs der Sprachverwirrung (Gen 11), gab ihnen also Hoffnung auf VölkerverstĂ€ndigung und Frieden (Apg 2,1–11). Schon die ersten Petruspredigten verkĂŒndeten Jesu Auferweckung daher als Hinzurufen der Völker und ErfĂŒllung des Völkersegens Abrahams (Apg 2,14ff; 3,12ff; 4,8ff). Diese ErfĂŒllung begann wie zu Lebzeiten Jesu mit dem Heilen der geschĂ€digten Kreatur (Apg 5,12ff).

Diese Aspekte oder Dimensionen der Auferstehung Jesu sind im NT untrennbar, treten aber nicht ĂŒberall zugleich auf. Die weitere Christologie und Soteriologie entfaltete sie dann je nach Situation der angeredeten Gemeinden.

Deutung des Kreuzestodes im Àltesten Passionsbericht

Die Auferweckung Jesu hat die JĂŒnger zur Bildung der Urgemeinde veranlasst, aus der der Ă€lteste Passionsbericht stammt. Weil dieser Gekreuzigte auferweckt wurde, galt die erste Frage der JĂŒnger dem Sinn seines Todes und dem Verstehen seiner Passion mit Hilfe der Schrift (Lk 24,14–17).

Die Komposition des Markusevangeliums

Das Markusevangelium lĂ€uft von Anfang an auf Tod und Auferweckung Jesu zu: Denn auf den Wegbereiter (im NT: Johannes der TĂ€ufer, Mk 1,2ff) folgte in der Prophetie das Endgericht, die kosmische UmwĂ€lzung (Jes 40,3–5). Jesu ganze Geschichte will als Vorwegnahme dieser „Weltrevolution“ und als ultimative BekrĂ€ftigung dieser jĂŒdischen Heilserwartung verstanden werden.

So verknĂŒpfen Leidens-, Todes- und AuferstehungsankĂŒndigungen, die Jesus gesagt haben soll, die ErzĂ€hlungen von seinem Wirken in GalilĂ€a mit seiner Passion in Jerusalem (Mk 8,31; 9,31; 10,33). Sie entsprechen der Deutung, die Jesus selbst nach dem vormarkinischen Passionsbericht seinem Tod gab.

Das Passahmahl Jesu

Im Rahmen eines Passahmahls sagt Jesus am Vorabend seines Todes dem versammeltem Zwölferkreis – der fĂŒr ganz Israel stand und Judas Iskariot einschloss – zu (Mk 14,24 EU):

„Das ist mein Blut des Bundes, das fĂŒr viele vergossen wird.“

Der Ausdruck „fĂŒr viele“ bedeutet auf AramĂ€isch auch: fĂŒr alle. Das ist eine deutliche Anspielung auf eine im ganzen Alten Testament einzigartige Prophetie: den stellvertretend fĂŒr das ganze Volk und seine FĂŒhrer leidenden „Knecht Gottes“ (Jes 52,13 –53,12 LUT). Dass hier eine historische Erinnerung an Jesu eigene Deutung vorliegt, hat Joachim Jeremias wahrscheinlich gemacht (siehe Literatur).

Die Vorwegnahme des Endgerichts

Der Passionsbericht deutet die Kreuzigungsszene als vorweggenommenes Endgericht ĂŒber die ganze Erde: Darauf weisen die Gerichtsfinsternis und das Stundenschema hin (Mk 15,33). Die Finsternis ist symbolische ErfĂŒllung der Gerichtsansagen in Israels Prophetie (u. a. Am 5,18; Joel 2,2). Das Stundenschema weist in Israels Apokalyptik darauf hin: Hier vollzieht Gott seinen vorherbestimmten Plan. Hier lĂ€uft die Frist ab, die aller Gewaltherrschaft gesetzt ist (Dan 7,12).

Der Text verkĂŒndet also: Das Endgericht ĂŒber Israel und die Völkerwelt fand schon statt. Gott selbst habe seinen Sohn „dahingegeben“, um Israel und alle Menschen aus diesem Gericht zu erretten.

Die Gerichtsklage des Gekreuzigten

Jesus soll am Kreuz fĂŒr seine jĂŒdischen AnklĂ€ger und römischen Henker gebetet haben, und zwar mit Worten des 22. Psalms (Mk 15,34):

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Dieser Psalm wurde seit dem Exil auf das ungerechte Leiden ganz Israels bezogen. Zu Unrecht zum Tod verurteilte Juden beteten so in Babylonien, Rom, Auschwitz, Bergen-Belsen und anderswo bis heute.

Jesu Gottverlassenheit hat eine exklusive und eine inklusive Seite. Als der fĂŒr die Menschheit Gerichtete erleidet er das Gericht stellvertretend fĂŒr die Menschheit: Nur er kann das, nur er tut das. Niemand anderes kann und soll das noch tun. Als der mit und fĂŒr uns ungerecht Leidende schreit er nach Gottes Gerechtigkeit.

Beide Seiten sind nicht von der Geschichte des jĂŒdischen Volkes zu trennen. Denn der Beter von Psalm 22 appelliert an den Gott des Exodus und stellt sein Leiden in Israels Gesamtgeschichte hinein. Er betet und leidet mit seinem und fĂŒr sein Volk (Claus Westermann).

Die PrÀsenz des Reiches Gottes im Tod Jesu

Markus ĂŒberliefert einen Abschiedsschwur Jesu beim Passahmahl (Mk 14,25): Von nun an werde ich nicht mehr trinken vom GewĂ€chs des Weinstocks, bis ich es neu trinke im Reich Gottes. DemgemĂ€ĂŸ lehnte er am Kreuz den BetĂ€ubungstrank seiner Henker ab (Mk 15,23). Doch nachdem er die Gerichtsklage des Gottverlassenen herausgeschrien hatte (Mk 15,34), nahm er den Weinessig seiner BrĂŒder an: der Juden, die in ihm den wiedergeborenen Johannes sahen und hofften, der Prophet Elija werde ihn retten. Das Gericht Gottes trennte ihn nicht, sondern verband ihn unlösbar mit seinem Volk und dessen Hoffnungen.

So sagt der Passionsbericht: Gerade im Sterben Jesu liegt Hoffnung fĂŒr uns. Gott selbst ist in diesem Sterben prĂ€sent, leidet und stirbt mit seinem Sohn. Gottes Reich wird kommen und alle Gewaltherrschaft ĂŒberwinden. Jesus selber hat diese Zusage Gottes ultimativ bekrĂ€ftigt. Indem er sein Leben am Fest der Befreiung Israels fĂŒr alle Völker hingab, gab er mit Israel allen hoffnungslos Versklavten und Gefolterten Anteil an Gottes Zusage.

Nimmt man den Ă€ltesten Passionsbericht genau beim Wort, dann ist gerade die VerkĂŒndigung des Todes Jesu, die in der europĂ€ischen Geschichte immer wieder zu Judenpogromen fĂŒhrte und dazu missbraucht wurde, der durchschlagende Grund fĂŒr eine unkĂŒndbare SolidaritĂ€t aller Christen mit allen Juden und allen zu Unrecht Verfolgten. Zugleich lassen sich von da aus judenfeindliche Aussagen in den Evangelien als situationsbedingt relativieren und sachlich entkrĂ€ften.

Urchristliche Titel

Die HebrĂ€ische Bibel war fĂŒr die JĂŒnger Jesu und das Urchristentum der SchlĂŒssel, seinen Tod und seine Auferweckung als vorherbestimmten Willen Gottes und in diesem Sinn als ErfĂŒllung der Messiaserwartung zu verstehen. Daraus erklĂ€ren sich viele Jesu zugedachten Titel mit Bezug zum Tanach (Sohn Davids, Zweiter Adam, usw.) sowie Analogiebildung zu jĂŒdischen Titeln (Adonai - Kyrios, Maschiach - Christos, usw.). Viele historisch-kritische Neutestamentler halten es fĂŒr wahrscheinlich, dass Jesus sich selber mit keinem der von jĂŒdischer Tradition vorgegebenen Hoheitstitel bezeichnete oder identifizierte. [7]

Sohn Davids

Dieser Titel bezeichnet den Messias als Nachfahren von König David, der Großisrael grĂŒndete, seine Feinde besiegte und den Tempelbau einleitete.

David erhielt die Zusage ewiger Thronfolge (2 Sam 7,13f), nachdem er die Bundeslade des alten 12-StĂ€mmebundes nach Jerusalem ĂŒberfĂŒhrt hatte. Daran knĂŒpfte die Messiaserwartung der Exilsprophetie nach dem Untergang des Königtums an: Der Messias wurde als spĂ€ter „Spross“ der Davidsippe erhofft (Jes 11,1).

Dieses Messiasbild war im Volk auch mit der gerechten Rechtsprechung fĂŒr die Armen und Heilung der Kranken verbunden. Wo Jesus so genannt wird, stehen derartige Erwartungen im Vordergrund. Dem hat Jesus nicht widersprochen (Mk 10,46–52).

Aber der neue David sollte Israel auch gewaltsam aus der Hand seiner Feinde befreien: Dem hat Jesus zeichenhaft widersprochen und stattdessen an den machtlosen Messias Sacharjas erinnert (Mk 11,1–10).

Er soll auch betont haben, dass der Messias kein Nachfahre, sondern Vorfahre Davids und diesem ĂŒbergeordnet sei (Mk 12,35f): Das spielte offenbar auf den prĂ€existenten „Menschensohn“ an, der aus Gottes Bereich stamme (Dan 7,13f).

Christus

„Christos“ (griech.) ĂŒbersetzt das hebrĂ€ische Wort Maschiach („der Gesalbte“). Die Salbung des Hauptes mit kostbarem Öl durch einen Propheten zeigte in Israel die göttliche Berufung eines neuen Königs an (1 Sam 10). Der Hoheitstitel bezeichnete also ThronanwĂ€rter, die so zu Schutz und Hilfe fĂŒr das Gottesvolk beauftragt und verpflichtet wurden. Nach dem Untergang des Königtums (586 v. Chr.) wurde der Titel auf den Hohenpriester ĂŒbertragen. Erst in nachbiblischen Texten wie den Qumran-Schriftrollen bezeichnete er manchmal auch den seit Jesaja fĂŒr die Endzeit erwarteten Heilsmittler.

Die Evangelien verwenden den Titel fĂŒr Jesus im letzten Sinn, jedoch nur selten und nie in Eigenaussagen Jesu. Die Messiaserwartung wurde demnach von außen an Jesus herangetragen. Dabei betonen die Texte, dass er sich von falschen Erwartungen seiner Zeitgenossen abgegrenzt habe. So folgt dem Messiasbekenntnis des Petrus Jesu Hinweis auf sein notwendiges Erlösungsleiden (die erste LeidensankĂŒndigung im Markusevangelium).

Da biblische Tradition Könige, Priester und Propheten Israels als von Gott Gesalbte bezeichnet, besagt der Christustitel im NT, dass Jesus alle drei Funktionen fĂŒr sein Volk und die Völker ausĂŒbte und ĂŒbernahm. Im ErzĂ€hlzusammenhang wird die MessiaswĂŒrde Jesu durch sein Lehren und Entscheiden (Bergpredigt), Heilen und Retten (Wunder Jesu), vor allem aber durch seine stellvertretende SchuldĂŒbernahme veranschaulicht. Diese Rolle war im Tanach nicht vom Messias, aber vom Gottesknecht (Jes 53) angekĂŒndigt worden.

Sohn Gottes

In der hebrĂ€ischen Bibel bezeichnet dieser Titel zum einen jeden gottesfĂŒrchtigen Juden, zum anderen das ganze erwĂ€hlte Gottesvolk (Hos 11,1), meist aber den König Israels (2 Sam 7,14; Ps 2,7; 89,27f u.ö.). Texte aus Qumran verwendeten den Titel einmal auch fĂŒr den Messias. In dieser Form wird er von Kajaphas an Jesus herangetragen (Mk 14,61) und dann im hellenistisch beeinflussten Urchristentum verwendet.

Die Paulusbriefe (z. B. Röm 1,3) und das Markusevangelium (z. B. Mk 15,39) verwenden vorzugsweise den Sohn-Gottes-Titel, um die Besonderheit dieses Messias gegenĂŒber dem Judentum hervorzuheben. Die Adoptionsaussage Gottes im Zusammenhang der Taufe Jesu Du bist mein geliebter Sohn (Mk 1,11 par.) zitiert indirekt Ps 2 (Mein Sohn bist du), der auf ein Krönungsritual fĂŒr israelitische Könige bezogen wird.[8]

Jesus selbst nennt sich im NT nie so, sondern nannte Gott zum einen „Abba“ (lieber Vater, Papa), seine JĂŒnger und Mitjuden zum anderen „Kinder Gottes“: Er brachte ihnen Gottes liebevolle FĂŒrsorge nahe (Mt 6,25–33).

Menschensohn

Auch dieser Titel bezieht sich im Buch Daniel auf einen Heilsmittler der Endzeit. In der Vision vom Endgericht erscheint er nicht mehr als Nachkomme Davids und irdischer König, sondern als Himmelswesen. Er werde Gottes Reich verkörpern und durchsetzen, nachdem Gott selbst das Endgericht ĂŒber alle irdische Gewaltherrschaft vollzogen habe. Daraufhin wĂŒrden alle Menschen ihm dienen, und sein Reich werde ewig sein (Dan 7,2-14).

Damit hielt die jĂŒdische Apokalyptik in einer Situation der Ă€ußersten Existenzbedrohung des Judentums die frĂŒheren prophetischen Verheißungen fest, die vom Messias den Völkerfrieden erwartet hatten. Dieser wurde nun nicht mehr als innergeschichtliche Entwicklung, sondern erst vom Kommen Gottes zum Endgericht, also zugleich mit dem Ende der Weltgeschichte, erhofft.

Der Menschensohn-Titel taucht im NT nur in wörtlicher Rede Jesu auf. In Texten, die der hypothetischen Logienquelle zugeordnet werden, redet er immer vom „kommenden“ Menschensohn in der 3. Person. Die Frage, ob er sich oder einen anderen gemeint hat, gehört zu den wichtigsten Streitthemen der NT-Forschung.

Bei Markus nimmt Jesus schon in GalilĂ€a die Vollmacht des Menschensohns in Anspruch, um SĂŒnden zu vergeben (Mk 2,10 EU) und am Sabbat zu heilen (Mk 2,28 EU). SpĂ€ter kĂŒndigt er die Auslieferung des Menschensohns an seine Feinde an (Mk 8,31 EU). Nach Mk 10,35–45 EU sei der Menschensohn zum Dienen, nicht zum Herrschen, und zur Hingabe seines Lebens "fĂŒr die Vielen" gekommen: Dieser Ausdruck spielt auf Jes 53 an, verbindet also die Menschensohnerwartung mit der Verheißung des leidenden Gottesknechts.

Das Sterben des Menschensohns war in Daniels Vision nicht vorgesehen, weil er dort erst erscheint, nachdem Gott Israels Feinde besiegt hat. Die apokalyptische Umkehr der MachtverhĂ€ltnisse nach dem Endgericht wird im NT also vom vorherigen stellvertretenden Leiden des Stellvertreters Gottes fĂŒr Israel abhĂ€ngig gemacht. Darum konnten die Urchristen Jesu Sterben spĂ€ter als der Menschheit dienenden Machtverzicht des Sohnes Gottes (Phil 2,7 EU) und stellvertretende Übernahme des Endgerichts (Mk 15,34 EU) deuten.

In den Reden ĂŒber das Endgericht (Mk 13 EU, Mt 25 EU, Lk 21 EU, Joh 3 EU Joh 5,19–30 EU) erscheint der Menschensohn als Weltrichter. Er vertritt also Gott selbst in dieser Funktion.

Nach Ostern ersetzte die Jerusalemer Urgemeinde den Menschensohntitel durch den Kyrios-Titel, um Jesu Erhöhung an Gottes Seite auszudrĂŒcken. Nur Stefanus bekannte sich zum erhöhten Menschensohn (Apg 7,56 EU) und wurde dafĂŒr vom Sanhedrin zu Tode gesteinigt.

Kyrios

Kyrios (griechisch: Herr) ĂŒbersetzt das hebrĂ€ische Adonai („meine Herren“) ins Griechische. Diese Anrede ersetzte den Gottesnamen JHWH im nachexilischen Judentum; demgemĂ€ĂŸ verwendete die Septuaginta durchgĂ€ngig Kyrios an dessen Stelle.[9] Dem folgten die Urchristen.

Der Titel spielt bei Markus und MatthÀus eine eher untergeordnete Rolle, wird aber von Lukas hÀufig verwandt (Lk 1, 43; 2,11; 24,34; 1,76). [10]

Wilhelm Bousset sah den Titelgebrauch bei hellenistischen Urchristen von griechischen Mysterienkulten her beeinflusst, deren AnhÀnger ihre Kultgötter als Kyrios anriefen. Die Jerusalemer Urgemeinde habe ihn nicht verwendet.[11] Oscar Cullmann dagegen verwies auf den religiösen Gebrauch des Titels auch im Judentum: Die Urgemeinde habe ihn daher ebenfalls verwendet.[12]

Das hebrĂ€ische adonai und aramĂ€ische mar wurden im profanen und religiösen Kontext verwendet. So werden im Genesis-Apokryphon aus Qumran Menschen und Gott ohne sprachlichen Unterschied als Herr (mar) angesprochen. Die Formel Maranatha („Unser Herr, komm!“, z.B. in 1 Kor 16,22) gilt als einer der frĂŒhesten GlaubenssĂ€tze aus der Urgemeinde neben Phil 2,11 (Jesus Christus ist der Kyrios!).

Im NT bezieht sich der Kyrios-Titel auf die Heiligkeit, MachtfĂŒlle und Weltherrschaft Jesu Christi. Besonders Ps 110,1 EU wurde zur Übertragung des Titels von Gott auf Jesus herangezogen (vgl. Mt 22,44 EU):[13]

„So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten.“

Der Messias ist in der Bibel ein von Gott erwĂ€hlter, aber sterblicher Mensch. Dass Juden, die an Jesus als Messias glaubten, ihn wie Gott als Kyrios anriefen, gilt auch als Indiz dafĂŒr, dass der historische Jesus den Titel des kommenden „Menschensohns“ von Daniel 7 verwendete. Weil man respektierte, dass Jesus sich vor Ostern so nannte und nun zu Gott erhöht worden war, habe der Kyriostitel den Menschensohntitel nach Ostern ersetzt.[14]

Lamm Gottes

FrĂŒhe Mosaikdarstellung des Lamm Gottes in der Basilika Santa Prassede

Der Titel Lamm Gottes (Joh 1,29 EU) steht nach verbreiteter Ansicht fĂŒr die SĂŒhnopfer-Deutung des Todes Jesu im Rahmen eines Passahfestes, die an die Weissagung vom „Gottesknecht“ Jes 53,7 EU anknĂŒpft.[15] Martin Hastischka bezweifelt jedoch einen auf das Passahlamm, die Opferung Isaaks, oder das Lamm der jĂŒdischen Apokalyptik zurĂŒckgehenden Bezug, und hĂ€lt den Titel fĂŒr ein allgemein verbreitetes Symbol der Macht- und Wehrlosigkeit. [16]

Logos

Der Titel Logos Î»ÏŒÎłÎżÏ‚ / Wort kennzeichnet im NT den Johannesprolog (Joh 1,1.14). Der Autor - wahrscheinlich der Evangelist - ĂŒbersetzte hier zum einen das hebrĂ€ische dabar fĂŒr Gottes unmittelbar wirkende Rede im Tanach mit einem Zentralbegriff der griechischen Philosophie, zum anderen - und das ist einzigartig - identifizierte er ihn mit der Person des Heilsmittlers und bezog ihn auf dessen PrĂ€existenz vor der Schöpfung.

Diese Gleichsetzung unterscheidet den Begriff nach Hans Conzelmann auch von den Begriffen Ebenbild oder Bild Gottes ΔÎčÎșωΜ (2 Kor 4,4) und Weisheit (1Kor 1,30) fĂŒr Jesus bei Paulus.[17]

Zweiter/letzter Adam

Paulus nennt Jesus den „zweiten“ oder „letzten Adam“ und bezieht ihn damit auf den ersten Menschen in der Schöpfungsgeschichte. Er beschreibt ihn nicht als seinen Nachkommen, sondern als heilenden Gegensatz: GegenĂŒber dem aus Erde geschaffenen, durch seine SĂŒnde den Tod fĂŒr die Menschen auslösenden Adam (Röm 5,12 EU) komme Jesus „vom Himmel her“ (1 Kor 15,47) und habe den Tod fĂŒr die Menschen ĂŒberwunden (Röm 5,17f). Im Gegensatz zur irdischen (1 Kor 15,45) verkörpere Jesus die pneumatische Existenzform, die er selbst wirkend erschaffe (1 Kor 15,47). Wie Adam zum Stammvater der sĂŒndigen Menschheit geworden sei, so gehe aus Jesus die himmlische Gemeinde als „Leib Christi“ hervor (1 Kor 15,48; vgl. Kol 1,18).

Weitere Titel und Attribute

Zudem finden sich im NT ĂŒber 40 weitere Titel und Attribute fĂŒr Jesus:

  • A und O (Anfang und Ende: Offb. 1,8)
  • Arzt (Mt 9,12)
  • Abglanz, Bild
  • BrĂ€utigam (Joh 3,29)
  • Brot (des Lebens: Joh 6,35)
  • Bruder (Hebr 2,11)
  • Ebenbild Gottes (Kol 1,15)
  • Eckstein (Eph 2,20)
  • Erstgeborener (der Schöpfung: Kol 1,15; von den Toten: Offb 1,5)
  • Freund (Joh 15,15)
  • FĂŒrst des Lebens (Apg 3,15)
  • Gerechter (1.Petr 3,18)
  • Gesandter
  • Gesetzgeber
  • Haupt (der Gemeinde: Eph 1,22; 5,23)
  • Heiliger (Gottes: Joh 6,69)
  • Hirte (Joh 10,11)
  • Hoherpriester (Hebr 4,15)
  • Immanuel (Gott-mit-uns, Mt 1,23)
  • Knecht (Gottes: Apg 3,13)
  • Kind
  • König (Joh 18,37; 19,3; Lk 19,38)
  • Leben/Lebendiger (Joh 11,25)
  • Lehrer, Meister (Joh 13,13)
  • Licht (Joh 8,12)
  • Mittler (zwischen Gott und Mensch: 1Tim 2,5)
  • Morgenstern, strahlender (Offb 22,16)
  • Pascha
  • Prophet (Joh 6,14)
  • Rabbi (Joh 1,38)
  • Retter/Rettender (der Welt: Joh 4,42)
  • Richter
  • SĂŒndopfer (2Kor 5,21)
  • TĂŒr (Joh 10,7)
  • Vor-LĂ€ufer
  • Wahrheit (Joh 14,6)
  • Weg (zu Gott: Joh 14,6)
  • Weinstock (Joh 15,1)
  • Weisheit (1Kor 1,30)
  • Widder (griech. arnion, Offb 5,6 u.ö.)
  • Zeuge (Offb 1,5)

BezĂŒge auf biblische Verheißungen im Neuen Testament

Außer Titeln wie „Messias“ und „Menschensohn“ bezieht das Neue Testament viele Passagen des Alten Testaments als Vorhersagen auf Jesus.

Vorhersagen im Alten Testament
Vorhersage im AT ErwÀhnung im NT
„aus dem Stamm Juda“ Gen 49,10 EU Lk 3,33 EU
„Das Niedrige wird hoch" Ez 21,31 EU Lk 1,52 EU
„Bethlehem“ als Geburtsort des Messias Mi 5,1 EU Mt 2,1 EU
„Krippe" Jes 1,3 EU Lk 2,7 EU
„von einer Jungfrau geboren“ Jes 7,14 EU Mt 1,18 EU
„Blinde sehen" Jes 35,5 EU Mt 11,5 EU, Lk 7,22 EU
„Lahme gehen" Jes 35,6 EU Mt 11,5 EU, Lk 7,22 EU
„von einem Freund verraten“ Ps 41,10 EU Mk 14,10 EU
„HĂ€nde und FĂŒĂŸe durchbohrt“ Ps 22,17 EU; Jes 53,5 EU Joh 19,18 EU
Soldaten werfen das Los um seine Kleider Ps 22,19 EU Mk 15,24 EU
"Er trĂ€gt die SĂŒnden von vielen" Jes 53,12 EU Hebr 9,28 EU

Einzelnachweise

  1. ↑ Bernhard Lang: Die Bibel, Ferdinand Schöningh, Paderborn 1992, S. 87
  2. ↑ Bernhard Lang: Die Bibel, a.a.O. S. 86f
  3. ↑ Reinhard Nordsieck: Das Thomasevangelium, Neukirchener Verlag, 2. Auflage 2004, Einleitung (Forschungsgeschichte) S. 7-23
  4. ↑ Peter Regalatus Biasiotto: History of the Development of Devotion to the Holy Name, New York 1943.
  5. ↑ Hieromonk Ilarion: Le mystĂšre sacrĂ© de l'Église: Introduction Ă  l'Histoire et Ă  la ProblĂ©matique des DĂ©bats Athonites sur la VĂ©nĂ©ration du Nom de Dieu, Fribourg 2007.
  6. ↑ Detlef HĂ€user: Glaubensbekenntnis und JesusĂŒberlieferung bei Johannes, S. 114-117
  7. ↑ Matthias Kreplin: Das SelbstverstĂ€ndnis Jesu, ZĂŒrich, 2001, Seite 83 ff
  8. ↑ Hyam Maccoby: Jesus und der jĂŒdische Freiheitskampf, Ahriman-Verlag, 1996, S. 87
  9. ↑ P. Maiberger, Artikel Herr“ (AT), NBL Bd. 2, Spalte 127
  10. ↑ Petr Pokorny: Theologie der lukanischen Schriften, Vandenhoeck und Ruprecht, 1999, Seite 116
  11. ↑ Wilhelm Bousset: Kyrios Christos - Geschichte des Christusglaubens von den AnfĂ€ngen des Christentums bis IrenĂ€us, Vandenhoeck & Ruprecht, 5. Auflage 1965, S. 75-84
  12. ↑ Oscar Cullmann: Die Christologie des Neuen Testaments, Mohr Siebeck, 5. Auflage, TĂŒbingen 1975, S. 200ff; so auch Werner Georg KĂŒmmel: Die Theologie des Neuen Testaments nach seinen Hauptzeugen Jesus, Paulus, Johannes, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1969, S. 99-103
  13. ↑ K. Woschitz, Art. „Herr“ (NT), NBL, Bd. 2, Spalte 129
  14. ↑ Bertold Klappert: Die Auferweckung des Gekreuzigten: Der Ansatz der Christologie Karl Barths im Zusammenhang der Christologie der Gegenwart, Neukirchener Verlag, 3. Auflage 1981, ISBN 3-7887-0429-2, S. 141, Anmerkung 11
  15. ↑ Rainer Metzner: Das VerstĂ€ndnis der SĂŒnde im Johannesevangelium, Humboldt UniversitĂ€t Berlin, 1998, S. 143-155
  16. ↑ Martin Hasitschka: Befreiung von SĂŒnde nach dem Johannesevangelium, Tyrolia-Verlag, 1989, S. 112ff und 233ff
  17. ↑ Hans Conzelmann: Grundriss der Theologie des Neuen Testaments, Christian Kaiser Verlag, MĂŒnchen 1967, S. 363-367

Siehe auch

Bibeltexte online

Literatur

  • JĂŒrgen Becker: Die Auferstehung Jesu Christi nach dem Neuen Testament. Ostererfahrung und OsterverstĂ€ndnis im Urchristentum, TĂŒbingen (Mohr Siebeck) 2007, ISBN 978-3-16-149427-7
  • Klaus Berger: Jesus. Pattloch, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-629-00812-7
  • Otto Betz: Jesus, der Messias Israels. Mohr Siebeck, TĂŒbingen 1987, ISBN 3-16-145163-5
  • Jörg Frey, Jens Schröter: Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, in: Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament, Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2005, ISBN 3-16-148581-5
  • Leonard Goppelt: Theologie des Neuen Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, UTB 850, Göttingen 1978, ISBN 3-525-03252-8
  • Martin Hengel: Jesus, der Messias Israels. In: 'Messiah and Christos. Studies in the Jewish Origins of Christianity. Mohr/Siebeck, TĂŒbingen 1992, ISBN 3-16-145996-2, S. 155-176
  • Larry W. Hurtado: Lord Jesus Christ: Devotion to Jesus in Earliest Christianity. William B Eerdman Co, 2. Auflage 2005, ISBN 0-8028-3167-2
  • Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-51380-1* Walter Kasper: Jesus, der Christus. GrĂŒnewald, Mainz 1986, ISBN 3-7867-0464-3
  • Werner Georg KĂŒmmel: Die Theologie des Neuen Testaments nach seinen Hauptzeugen Jesus, Paulus, Johannes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1969, ISBN B0000BS668
  • Walter Simonis: Jesus Christus, wahrer Mensch und unser Herr. DĂŒsseldorf 2004, ISBN 3-491-70379-4
  • Ulrich Wilckens: Theologie des Neuen Testaments, Band 1/2: Geschichte der urchristlichen Theologie: Jesu Tod und Auferstehung und die Entstehung der Kirche aus Juden und Heiden. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2003, ISBN 3-7887-1895-1* J. Zumstein, A. Dittwiler (Hrsg.): Kreuzestheologie im Neuen Testament, Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2002, ISBN 3-16-147775-8

Weblinks

 Commons: Jesus Christus â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Jesus Christus â€“ Zitate

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