Joseph Haydn

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Joseph Haydn
Joseph Haydn (ÖlgemĂ€lde von Thomas Hardy, 1791)

Franz Joseph Haydn (Rufname: Joseph Haydn, * 31. MĂ€rz oder 1. April 1732 in Rohrau, Niederösterreich; † 31. Mai 1809 in Wien) war ein österreichischer Komponist und fĂŒhrender Vertreter der Wiener Klassik. Er war Bruder des Komponisten Michael Haydn und des Tenors Johann Evangelist Haydn.

Den grĂ¶ĂŸeren Teil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte Haydn als Hofmusiker auf dem Landsitz der wohlhabenden ungarischen Familie EszterhĂĄzy, wo er deren Orchester und Oper leitete. Die Abgeschiedenheit von anderen Komponisten und musikalischen Strömungen beschrieb er mit dem bekannten Zitat: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner NĂ€he konnte mich an mir selbst irremachen und quĂ€len, und so musste ich original werden.“

1797 komponierte Haydn fĂŒr Kaiser Franz II. das nach dem kroatischen Lied („Vjutro rano se ja stanem“) entstandene, in der Erstausgabe „Volkslied“ titulierte „Gott, erhalte den Kaiser!“ auf die hierzu gedichteten Worte von Lorenz Leopold Haschka; im Jahre 1841 mit dem wiederum eigens hierzu geschaffenen Text des Liedes der Deutschen von August Heinrich Hoffmann aus Fallersleben unterlegt, dient sie heute, mit dessen dritter Strophe, als Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugend

Lage des Geburtsortes Rohrau und anderer Orte der Region, in der Haydn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte.

Haydn wurde als Sohn eines Wagners im Dorf Rohrau in Niederösterreich nahe der damaligen österreich-ungarischen Grenze geboren. Zwar konnten beide Eltern keine Musiknoten lesen, aber nach Haydns Erinnerungen wurde in seiner Familie und mit den Nachbarn hĂ€ufig gesungen. Seine musikalische Begabung wurde entdeckt, als er ein kleines Kind war. Im Alter von sechs Jahren wurde er 1738 zu Verwandten in das nahe Hainburg an der Donau geschickt, um als ChorsĂ€nger ausgebildet zu werden. Im Jahr 1740 wurde Haydn von Georg von Reutter, dem musikalischen Direktor des Stephansdoms in Wien, bemerkt, als dieser durch die Provinzen reiste, um talentierte Chorknaben zu finden. Reutter nahm Haydn mit nach Wien, wo er neun Jahre als ChorsĂ€nger lebte, davon die letzten vier in Gesellschaft seines jĂŒngeren Bruders Michael. Das MĂ€rchen, Haydn habe 1741 beim BegrĂ€bnis Antonio Vivaldis gesungen, wurde 1978 von Alan Kendall in die Welt gesetzt, der die beim Kondukt als anwesend verzeichneten "6 Kuttenbuben" im Bahrleiherbuch der Wiener Dompfarre[1] irrig als "Choirboys" bezeichnete. Diese "Kuttenbuben" (Ministranten) kosteten pro Kopf neun Kreuzer, falteten nur die HĂ€nde und gaben keinen Ton von sich. Da Vivaldi nur ein "Kleingleuth" erhielt und keine Musik bezahlt worden war, erklang bei seiner Einsegnung keine Musik und Haydn hatte mit Vivaldis Einsegnung nichts zu tun. In der Domkapelle erhielt Haydn Gesangs-, Klavier- und Violinunterricht. Reutter korrigierte Haydns erste Kompositionen, gab ihm aber keinen geregelten Kompositionsunterricht. Dennoch lernte Haydn viel – großenteils im Selbstunterricht und wohl allein schon dadurch, dass er in jungen Jahren als professioneller Musiker an einem fĂŒr die Musik wichtigen Ort war. Ob er bereits in dieser Zeit oder erst in spĂ€teren Jahren Johann Matthesons Der vollkommene Capellmeister und Gradus ad Parnassum von Johann Joseph Fux durchstudierte, ist nach den Quellen nicht eindeutig zu entscheiden. Beide Werke nannte der erwachsene Komponist als grundlegend fĂŒr seine Entwicklung.

Stephansdom (Aquarell auf Lithographie von Eduard Gurk, 1830)

1749 war Haydn körperlich so weit gereift, dass er die hohen Stimmen im Chor nicht mehr singen konnte. Er wurde aus seiner Stelle entlassen und begann eine Karriere als freier Musiker. Im Laufe dieser beschwerlichen, zehn Jahre dauernden Periode ging Haydn vielen verschiedenen TĂ€tigkeiten nach, unter anderem als Kammerdiener und Begleiter des italienischen Komponisten Nicola Porpora. Er bemĂŒhte sich, die LĂŒcken in seiner Ausbildung zu fĂŒllen, und schrieb schließlich seine ersten Streichquartette und seine erste Oper. WĂ€hrend dieser Zeit stieg Haydns professionelles Ansehen allmĂ€hlich. Zwischen 1754 und 1756 war Haydn auch freischaffend fĂŒr den Wiener Hof tĂ€tig. Er fungierte als „Extra Musicus“ bei BĂ€llen der kaiserlichen Familie wĂ€hrend des Karnevals und wurde in der Fastenzeit auch als supplierender SĂ€nger in der Hofkapelle verwendet.[2]

Seit 1754 gab der junge Haydn der 1744 in Wien geborenen spÀteren Komponistin Marianna Martines Klavierunterricht. Zu Beginn dieser Ausbildung soll Marianna Martines schon hervorragend gespielt haben. Haydn wohnte im selben Haus und erteilte ihr tÀglich gegen freie Kost Unterricht.

Vermutlich 1757 erhielt Haydn seine erste wichtige Stelle als Musikdirektor des Grafen Karl von Morzin auf Schloss DolnĂ­ Lukavice bei Pilsen. Auf dieses Jahr datierte Haydn seine erste in Morzins Diensten komponierte Sinfonie. Als Musikdirektor dirigierte er ein kleines Orchester, und fĂŒr dieses Ensemble schrieb er seine ersten Sinfonien. Streichtrios, Cassationen und Streichquartette verbreiteten sich bald, oft in Abschriften; in den Druck gelangten sie nicht.

Graf Morzin geriet bald darauf in finanzielle Schwierigkeiten, die ihn zwangen, seine musikalischen Unternehmungen aufzugeben, aber Haydn wurde schnell eine Ă€hnliche Stelle (1761) als Vizekapellmeister der Familie EsterhĂĄzy angeboten, einer der wohlhabendsten und wichtigsten im Heiligen Römischen Reich. Als der alte Kapellmeister Gregor Joseph Werner 1766 schließlich starb, wurde Haydn zum ersten Kapellmeister befördert.

Als Kapellmeister bei den EsterhĂĄzys

Als livrierter Musiker im Rang eines Hausoffiziers der EsterhĂĄzys folgte Haydn der Familie in die drei Hauptresidenzen: den Familiensitz in Eisenstadt, ungefĂ€hr 50 km von Wien; den Winterpalast in Wien, und EszterhĂĄza, ein großes, neues Schloss, das in den 1780ern im lĂ€ndlichen Ungarn gebaut wurde. Haydn hatte ein weites Feld an Verantwortlichkeiten, unter anderem Komposition, Leitung des Orchesters, Spielen von Kammermusik fĂŒr und mit seinem Patron, und schließlich das Arrangieren von Opernproduktionen. Trotz des enormen Arbeitspensums fĂŒhlte sich Haydn in seiner Stelle glĂŒcklich. Die EsterhĂĄzy-FĂŒrsten (erst Paul Anton, dann vor allem Nikolaus I.) waren Musikkenner, die seine Arbeit schĂ€tzten und ihm das nötige Umfeld fĂŒr seine kĂŒnstlerische Entwicklung gaben, darunter den tĂ€glichen Zugang zu seinem eigenen kleinen Orchester. In der Saison zwischen Februar und November fielen 100 bis 150 AuffĂŒhrungen (Dirigate) an.

Im Jahr 1760, in der Sicherheit seiner Kapellmeister-Position, heiratete Haydn Maria Anna Keller, die Tochter eines Friseurs. Die Ehe stellte sich bald als unglĂŒcklich heraus: Seine Frau war streitsĂŒchtig, hatte wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr seine Musik und blieb kinderlos, was Haydn sehr bedauerte. Ohne jegliche Beweise wird immer wieder spekuliert, er sei der Vater des Sohnes Anton von Luigia Polzelli, einer SĂ€ngerin im EsterhĂĄzy-Unternehmen, mit der Haydn eine lĂ€ngere AffĂ€re hatte.

Blick auf EszterhĂĄza

WĂ€hrend der fast dreißig Jahre, die Haydn im Hause EsterhĂĄzy arbeitete, produzierte er eine Flut von Kompositionen, und sein musikalischer Stil entwickelte sich stĂ€ndig weiter. Seine PopularitĂ€t in der Außenwelt vergrĂ¶ĂŸerte sich ebenfalls. AllmĂ€hlich schrieb Haydn ebenso viel fĂŒr Veröffentlichungen wie fĂŒr seinen Arbeitgeber, und einige wichtige Werke dieser Periode, wie die Pariser Sinfonien (1785–1786) und die ursprĂŒngliche Orchesterversion der Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze (1786) wurden aus dem Ausland in Auftrag gegeben.

Seit etwa 1781 entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Haydn und Mozart, dessen Werk er schon ĂŒber Jahre hinweg beeinflusst hatte. Die zwei Komponisten genossen es, in Streichquartetten zusammenzuspielen. Haydn war sehr von Mozarts Werk beeindruckt. Es ist augenfĂ€llig, dass Haydn zu dieser Zeit weitgehend aufhörte, Opern und Konzerte zu schreiben – zwei der Gattungen, in denen Mozart am stĂ€rksten war. Mozart dagegen arbeitete hart daran, sechs Streichquartette zu schreiben, die mit dem Niveau mithalten konnten, das Haydn mit seiner kurz davor vollendeten Reihe Op. 33 erreicht hatte; als Mozart damit fertig war, widmete er die Quartette seinem Freund.

Haydn gehörte der Freimaurerloge Zur wahren Eintracht an, in die er am 11. Februar 1785 aufgenommen wurde. Mozart konnte aber nicht anwesend sein, da er am gleichen Abend, in Anwesenheit seines Vaters Leopold, ein Subskriptionskonzert in der Mehlgrube gab. Durch die Logenzugehörigkeit der beiden MÀnner erhielt ihre Freundschaft eine zusÀtzliche Facette.

SelbststÀndigkeit

Haydns Haus in der Vorstadt WindmĂŒhle (Lithographie, 1840)

1790 starb FĂŒrst Nikolaus; sein Nachfolger war völlig unmusikalisch, entließ die gesamte Hofmusik und schickte Haydn in Pension. Dieser akzeptierte darauf ein lukratives Angebot des deutschen Impresarios Johann Peter Salomon, nach England zu gehen und seine neuen Sinfonien mit einem großen Orchester aufzufĂŒhren.

Die Reisen (1791–1792, und nochmals 1794–1795) waren ein großer Erfolg. Das Publikum stĂŒrmte Haydns Konzerte, und er erwarb schnell Ruhm und Vermögen. Musikalisch brachten die Besuche in England einige seiner bekanntesten Werke, darunter die Sinfonie mit dem Paukenschlag, die MilitĂ€rsinfonie, die Londoner Sinfonie, das Reiterquartett und das Zigeunertrio.

Haydn ĂŒberlegte sogar, englischer BĂŒrger zu werden und sich dauerhaft niederzulassen, doch er kehrte nach Wien zurĂŒck.

Im Juli 1792 trafen sich Haydn und Ludwig van Beethoven in der Godesberger Redoute bei Bonn. Der 21 Jahre alte Beethoven spielte Haydn vor; beide verabredeten, dass er eine zweite Studienreise nach Wien unternehmen solle, um MeisterschĂŒler von Haydn zu werden.

1793 kaufte sich Haydn in der westlich von Wien gelegenen Oberen WindmĂŒhle (einem schmalen Areal, das zur Vorstadt WindmĂŒhle gehörte und fast vollstĂ€ndig von der wesentlich grĂ¶ĂŸeren Vorstadt Gumpendorf umschlossen wurde) ein Haus mit Garten in der Unteren Steingasse Nr. 73, das er nach einigen Umbauten 1797 bezog. Dort entstanden die zwei Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten sowie sechs Messen fĂŒr die EsterhĂĄzy-Familie, die zu dieser Zeit wieder von einem musikalisch geneigten Prinzen gefĂŒhrt wurde. Haydn komponierte auch die letzten neun einer langen Reihe von Streichquartetten, unter anderem das Kaiserquartett, das Quintenquartett und das Sonnenaufgangsquartett. Trotz seines fortschreitenden Alters schaute Haydn in die Zukunft; in einem Brief schrieb er: „Oh Gott, wie viel ist noch zu tun in dieser herrlichen Kunst!“

Im Jahre 1800 verstarb Haydns Frau wĂ€hrend eines Kuraufenthalts in Baden bei Wien. Ab 1802 spĂŒrte Haydn, dass eine Krankheit, an der er schon seit einiger Zeit gelitten hatte, sich so weit verschlimmert hatte, dass er körperlich nicht mehr in der Lage war, zu komponieren oder öffentlich aufzutreten. Dies war zweifellos sehr schwierig fĂŒr ihn, da – wie er eingestand â€“ der Strom an frischen musikalischen Ideen, die auf Ausarbeitung warteten, nicht aufhörte. Haydn wurde von seinen Dienern gut gepflegt und empfing viele Besuche und öffentliche Ehren wĂ€hrend dieser letzten Jahre, aber es können keine sehr glĂŒcklichen Jahre fĂŒr ihn gewesen sein. WĂ€hrend seiner Krankheit fand er oft am Klavier Trost beim Spielen der österreichischen Kaiserhymne, die er als patriotische Geste 1797 komponiert hatte.

Tod und Grablegung

Haydn verschied 1809 nach einem Angriff der französischen Armee unter Napoleon auf Wien an allgemeiner EntkrĂ€ftung.[3] Zu seinen letzten Worten gehörte der Versuch, die Diener zu beruhigen, als in der Nachbarschaft KanonenschĂŒsse fielen.

Das Grabmal Haydns in Wien

Joseph Haydn wurde auf dem Hundsturmer Friedhof (heute Haydnpark in Wien-Meidling) beigesetzt. 1814 stiftete sein SchĂŒler Sigismund von Neukomm ein Grabmal, das noch heute dort zu sehen ist. Es zeigt einen fĂŒnfstimmigen RĂ€tselkanon Neukomms auf die Worte „Non omnis moriar“. Die Familie EsterhĂĄzy zeigte zunĂ€chst kein Interesse, den Toten angemessen zu wĂŒrdigen. Erst die Bewunderung von Adolphus Frederick, 1. Duke of Cambridge, erinnerte FĂŒrst Nikolaus II. wieder an den ehemaligen Bediensteten und dessen Genie. Er ließ Joseph Haydn 1820 exhumieren und nach Eisenstadt in die Haydnkirche (Bergkirche) ĂŒberfĂŒhren. Als bei diesen Arbeiten der Sarg geöffnet wurde, fehlte der SchĂ€del des Komponisten. Nachforschungen ergaben, dass der SekretĂ€r des FĂŒrsten EsterhĂĄzy – Joseph Carl Rosenbaum, ein AnhĂ€nger der SchĂ€dellehre von Franz Joseph Gall â€“ den TotengrĂ€ber, einen GefĂ€ngnisverwalter sowie zwei Wiener Beamte bestochen hatte, acht Tage nach der Beisetzung heimlich noch einmal das Grab zu öffnen und den SchĂ€del zu stehlen. Das Versteck des gestohlenen SchĂ€dels konnte zunĂ€chst nicht ermittelt werden, und so wurde der Leichnam ohne SchĂ€del nach Eisenstadt ĂŒberfĂŒhrt und dort beigesetzt. SpĂ€ter ĂŒbergab der GefĂ€ngnisverwalter Johann Peter der Polizei einen angeblichen SchĂ€del Haydns. Den echten SchĂ€del hinterließ der SekretĂ€r Rosenbaum seinem Freund Peter mit dem Auftrag, die Reliquie dem Musikkonservatorium zu vermachen. Doch weder Peter noch seine Witwe wagten die Herausgabe; der SchĂ€del wanderte noch durch etliche HĂ€nde, bis er 1895 in den Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gelangte, in deren Sammlung er sich bis 1953 befand. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde der SchĂ€del auch durch Professor Julius Tandler untersucht, eingehend beschrieben und mit der Totenmaske Haydns verglichen. Nachdem schon einmal eine RĂŒckgabe des SchĂ€dels in letzter Minute gescheitert war, konnte im Jahr 1954 nach einem Festzug von Wien nach Eisenstadt der SchĂ€del mit dem Rest der Gebeine vereint werden. Der Bildhauer Gustinus Ambrosi durfte ihn in den Sarkophag legen und damit endlich nach 145 Jahren die Totenruhe von Joseph Haydn herstellen.

Charakter und Erscheinung

Haydn war unter seinen Zeitgenossen bekannt fĂŒr seine liebenswĂŒrdige und optimistische Persönlichkeit. Er hatte einen krĂ€ftigen Sinn fĂŒr Humor, der in seiner Liebe zu Streichen hervortrat und oft in seiner Musik sichtbar wird. Er wurde besonders von den ihm unterstehenden Hofmusikern der EsterhĂĄzys geschĂ€tzt, da er eine herzliche ArbeitsatmosphĂ€re pflegte und die Interessen der Musiker wirksam gegenĂŒber ihrem Arbeitgeber vertrat.

Haydn war frommer Katholik, der oft seinen Rosenkranz zur Hand nahm, wenn er bei einer Komposition festgefahren war, eine Gewohnheit, die er als hilfreich empfand. Wenn er eine Komposition beendet hatte, pflegte er „Laus deo“ (Ehre sei Gott) oder eine Ă€hnliche Wendung an das Ende des Manuskripts zu schreiben. Zur Zerstreuung liebte er die Jagd und das Angeln.

Haydn war von kleiner Statur. Er hatte die Pocken ĂŒberlebt, und sein Gesicht war von den Narben dieser Krankheit ĂŒbersĂ€t. Er sah nicht gut aus und war daher ziemlich ĂŒberrascht, als die Frauen ihn wĂ€hrend seines London-Besuchs umschwĂ€rmten. Die verschiedenen PortrĂ€tmaler, die Haydn wĂ€hrend seiner Lebenszeit zeichneten oder malten, versuchten auf verschiedene Weise, seine attraktive Persönlichkeit statt seines hĂ€sslichen Gesichts zum Ausdruck zu bringen; deshalb gleichen sich keine zwei der ĂŒberlieferten PortrĂ€ts.

Haydn war auch ein Kunstliebhaber und hinterließ aus seiner Sammlung zahlreiche Kupferstiche, davon 140 aus seiner Londoner Zeit, ĂŒberwiegend aus zeitgenössischer Kunst.[4]

Leistungen

Haydn wird traditionell als „Vater“ der klassischen Sinfonie und des Streichquartetts betrachtet und war Neuerer beim Schreiben von Klaviersonaten und Klaviertrios. Wenngleich andere Komponisten der FrĂŒhklassik, wie Carl Philipp Emanuel Bach bei der Klaviersonate und Johann Christian Bach und Leopold Mozart bei der Sinfonie, eine wichtige Rolle spielten, wird Haydns Einfluss doch als vorherrschend eingeschĂ€tzt.

Daneben trug Haydn auch zur Entwicklung der Sonatenform von einem einfachen, von der „Sonata bipartita“ her kommenden Formschema zu einer subtilen und flexiblen musikalischen Ausdrucksform bei. Er erfand auch die Sonatenrondoform, die Variationsform mit zwei Themen, und er war der erste bedeutende Komponist, der Fuge und kontrapunktische Elemente in die klassische Form einbrachte.

Haydns 1797 komponierte Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ wurde als Melodie des Deutschlandliedes von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zur deutschen Nationalhymne.

Struktur der Musik

Ein zentrales Charakteristikum von Haydns Musik ist die Entwicklung von grĂ¶ĂŸeren Strukturen aus sehr kleinen und einfachen musikalischen Motiven heraus. Die Musik ist formal oft recht konzentriert, und die wichtigen musikalischen Ereignisse eines Satzes können sich rasch entfalten.

Das organisatorische Prinzip vieler seiner Werke ist die Sonatenhauptsatzform, deren wesentliche Elemente – wie sie bei Haydn erscheinen â€“ die folgenden sind:

  • Exposition: PrĂ€sentation des anfĂ€nglichen musikalischen Materials, gefolgt von einer Modulation in die Dominante (die eine Steigerung der musikalischen Spannung bewirkt), und mit einer Kadenz eine Auflösung in die Dominante. Ein besonderes Merkmal von Haydns Expositionen (anders als bei den Expositionen Mozarts und Beethovens) ist, dass er hĂ€ufig kein kontrastierendes „zweites Thema“ beim Erreichen der Dominante benutzt; stattdessen wiederholt er das eröffnende Thema oder eine Variante davon.
  • DurchfĂŒhrung: Das musikalische Material wird umgestellt, transformiert und oft fragmentiert, wĂ€hrend durch eine Reihe von entfernteren Tonarten moduliert wird. Oft wird ein Höhepunkt erreicht, gewöhnlich in der Mollparallele.
  • Reprise: Das Material der Exposition wird erneut prĂ€sentiert, diesmal zum Großteil in der Tonika bleibend. Üblicherweise enthĂ€lt die Reprise eine „sekundĂ€re Entwicklung“, die sich an der Stelle ereignet, wo die Exposition in die Dominante moduliert ist; diese sekundĂ€re Entwicklung erkundet gewöhnlich die Subdominante. Im Gegensatz zu Mozart und Beethoven stellt Haydn oft die Themen der Reprise in eine andere Reihenfolge um.

Haydns kompositorische Praxis beeinflusste sowohl Mozart als auch Beethoven. Das Besondere an der Kompositionsweise der drei Wiener Klassiker waren drei hochentwickelte Verfahren: Obligates Accompagnement, Durchbrochener Stil und Motivisch-thematische Arbeit.

Vielleicht mehr als jeder andere Komponist ist Haydn bekannt fĂŒr die Scherze, die er in seine Musik steckte. Das berĂŒhmteste Beispiel ist der plötzliche laute Akkord in der Sinfonie Nr. 94 „mit dem Paukenschlag“. Weitere Beispiele: das vorgetĂ€uschte Ende in den Quartetten Op. 33 Nr. 2 und Op. 50 Nr. 3 oder die rhythmische Illusion, die er im Trio Op. 50 Nr. 1 platzierte.

Entwicklung von Haydns Stil

Joseph Haydn (GemÀlde von Ludwig Guttenbrunn, um 1770)

Haydns frĂŒhe Werke datieren aus der Periode, in der der kompositorische Stil des Hochbarocks (wie er in Bachs und HĂ€ndels Musik zum Ausdruck kommt) aus der Mode gekommen war, aber Komponisten noch nicht auf Wege gestoßen waren, in dem neu aufkommenden Idiom Werke von Ă€hnlichem Gewicht zu schreiben. Es war eine Periode der Erforschung und Unsicherheit, und Haydn (18 Jahre vor dem Tod Bachs geboren) war selbst einer der musikalischen Erforscher jener Zeit. Ein Ă€lterer Zeitgenosse, dessen Werk Haydn als wichtigen Einfluss fĂŒr sein Werk anerkannte, war Carl Philipp Emanuel Bach, der zweite Sohn Johann Sebastian Bachs.

Wenn man Haydns Werk ĂŒber die fĂŒnf Jahrzehnte (ungefĂ€hr 1749 bis 1802) verfolgt, in denen es geschaffen wurde, findet man eine allmĂ€hlich, aber stetig zunehmende KomplexitĂ€t und musikalische Verfeinerung, die sich so entwickelte, wie Haydn aus seiner eigenen Erfahrung und der seiner Kollegen lernte. Man kann einige wichtige Meilensteine in der Evolution von Haydns musikalischem Stil ausmachen.

In den spĂ€ten 1760ern und frĂŒhen 1770ern trat Haydn in eine Periode ein, die man „Sturm und Drang“ nennt, voll von zackigen Akkorden, plötzlichen ÜbergĂ€ngen und seltsamen Moll-Harmonien. Anton Reicha schrieb 1814, Haydn habe seinen Kompositionsstil einer grĂŒndlichen Revision unterzogen:

„Haydn studierte seine Kunst stĂ€ndig. [
] Nach vielen Werken begann er mit 40 Jahren wieder komplett mit der Kompositionstechnik, um sich in dieser Fertigkeit zu festigen, und deren Geheimnisse besser zu verstehen.“[5]

Die meisten Sinfonien mit Nummern zwischen 35 und ungefÀhr 55 sind von dieser Art. In dieser Zeit beschÀftigte er sich mit kontrapunktischen Studien und experimentierte mit dem Schreiben von Fugen, die in der Wiener Tradition italienischen Ursprungs (J. J. Fux) stehen und weniger mit dem Fugenwerk J. S. Bachs zu tun haben, auffallend in den FinalsÀtzen der sechs Streichquartette (Sonnenquartette) Op. 20 (1772).

Im Jahr 1781 veröffentlichte Haydn sechs Streichquartette Op. 33, mit einer AnkĂŒndigung an die potentiellen KĂ€ufer, dass sie „auf eine ganz neue, besondere Art“ geschrieben seien. Charles Rosen hat erörtert, dass diese ErklĂ€rung von Seiten Haydns nicht nur Marketing, sondern ganz ernst gemeint sei; er weist auf eine Zahl von wichtigen Fortschritten in Haydns Stil hin, die in diesen Quartetten erscheinen. Unter anderem sind dies die fließende Art der Phrasierung, in der jedes Motiv aus dem vorhergehenden ohne Unterbrechung hervorgeht; der Brauch, begleitendes Material sich in melodisches Material entwickeln zu lassen, und die Art des „klassischen Kontrapunkts“, in dem jeder Instrumentenpart seine eigene IntegritĂ€t bewahrt, was dem von Beethoven „obligates Accompagnement“ genannten Verfahren entspricht. Diese Merkmale setzen sich fort in den vielen Quartetten, die Haydn nach Op. 33 schrieb.

Ab 1781/1782 stand Haydn in regem Gedankenaustausch mit W. A. Mozart. Beide erkannten sich als ebenbĂŒrtige Meister an, schlossen Freundschaft und lernten voneinander. In der Musikwissenschaft spricht man daher bei Haydn auch von einer vormozartschen und einer nachmozartschen Periode.

In den 1790ern entwickelte Haydn, angeregt durch seine England-Reisen, was Rosen seinen „populĂ€ren Stil“ nennt, eine Weise der Komposition, die mit beispiellosem Erfolg Musik hervorbrachte, die großen populĂ€ren Reiz innehatte und dennoch eine gelehrte und rigorose musikalische Struktur besaß. Ein wichtiges Element des populĂ€ren Stils war der hĂ€ufige Gebrauch von österreichischem oder kroatischem folkloristischem (oder erfundenem pseudo-folkloristischen) Material. Haydn bemĂŒhte sich, solches Material an geeigneten Stellen einzusetzen, so an den Enden von Sonatenexpositionen oder als Eröffnungsthemen von FinalsĂ€tzen. An solchen Stellen dient das folkloristische Material als ein Element der StabilitĂ€t, das die grĂ¶ĂŸere Struktur zu verankern hilft. Joseph Haydns populĂ€ren Stil kann man in nahezu allen spĂ€teren Werken hören, zum Beispiel in den zwölf Londoner Sinfonien, den spĂ€ten Quartetten und Klaviertrios und in den beiden spĂ€ten Oratorien.

SchĂŒler

Kurzbiographie

  • 1732 – Joseph Haydn wird am 31. MĂ€rz in Rohrau (Niederösterreich) geboren
  • 1740 – Haydn wird SĂ€ngerknabe am Stephansdom in Wien
  • 1749 – Nach Eintreten des Stimmbruchs wird Haydn entlassen – er arbeitet als Klavierbegleiter fĂŒr Nicola Popora, der ihn in Komposition schult
  • 1755 – GrĂ€fin von Thun wird durch eine Klaviersonate auf Haydn aufmerksam und nimmt ihn in ihre Dienste
  • 1758 – Er wird Musikdirektor und Kammerkompositeur bei Graf Morzin in Lukawitz
  • 1761 – Von FĂŒrst EsterhĂĄzy wird Haydn als zweiter Kapellmeister eingestellt – Haydn verbringt den Rest seines Berufslebens im Hause EsterhĂĄzy
  • 1766 – Stellung als erster Kapellmeister
  • 1781 – Haydn lernt Wolfgang Amadeus Mozart kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet
  • 1790 – Erste Englandreise – u. a. EhrendoktorwĂŒrde der UniversitĂ€t Oxford
  • 1792 – ZurĂŒck in Wien wird Ludwig van Beethoven kurze Zeit Haydns Klavier-SchĂŒler
  • 1794/95 – Zweite Englandreise
  • 1797 – Komposition der Kaiserhymne (seit 1922 deutsche Nationalhymne)
  • 1809 – Joseph Haydn stirbt am 31. Mai in Wien – Auf seiner Gedenkfeier wird das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart gespielt

Werke

Orchesterwerke

BĂŒhnenwerke

  • 24 Opern, darunter:
    • Acide e Galatea (1762, Hob.XXVIII:1)
    • La Canterina (1766, Hob.XXVIII:2)
    • Lo Speziale (Der Apotheker) (1768, Hob.XXVIII:3)
    • Le pescatrici (Die Fischerinnen) (1769, Hob.XXVIII:4)
    • L'InfedeltĂ  Delusa (Die vereitelte Untreue) (1773, Hob.XXVIII:5)
    • L'Incontro improvviso (Die unverhoffte Zusammenkunft) (1775, Hob.XXVIII:6)
    • Il Mondo della Luna (Die Welt auf dem Monde) (1777, Hob.XXVIII:7)
    • La vera constanza (1777/78, Hob.XXVIII:8)
    • L'Isola Disabitata (1779, Hob.XXVIII:9)
    • La fedeltĂ  premiata (Die belohnte Treue) (1780, Hob.XXVIII:10)
    • Orlando Paladino (Der Ritter Roland) (1782, Hob.XXVIII:11)
    • Armida (1784, Hob.XXVIII:12)
    • L'Anima del Filosofo – Orfeo ed Euridice (1791, Hob.XVIII:13)

Geistliche Werke

Solokonzerte

Kammermusik

  • 83 Streichquartette, beispielsweise Quintenquartett, Kaiserquartett, Lerchenquartett, Vogelquartett und Sonnenaufgangsquartett
  • 46 Klaviertrios
  • 21 Streichtrios
  • 126 Barytontrios

Haydn schrieb nicht nur Sonaten und Symphonien, sondern auch LĂ€ndler, KontertĂ€nze, Quadrillen und „walzerische Deutsche“, also nachempfundene Volksmusik.

Klaviermusik

  • 52 Klaviersonaten
  • KlavierstĂŒcke, Cappricios und Klaviervariationen

siehe auch: Liste der Klaviermusikwerke Joseph Haydns

Vokalwerke

  • Motetten, Lieder, Kantaten

Eine vollstÀndige Auflistung der Werke Joseph Haydns wurde durch Anthony van Hoboken erstellt und ist als Hoboken-Verzeichnis bekannt.

Ehrungen

Noch zu Lebzeiten erhielt Joseph Haydn viele Ehrungen. 1798 wurde er Mitglied der königlich schwedischen Akademie, 1803 erhielt er die goldene Salvatormedaille der Stadt Wien, 1804 wurde er ihr EhrenbĂŒrger, 1805 erfolgte die Berufung zum Conservatoire in Paris. 1808 wurde er Ehrenmitglied der Philharmonischen Gesellschaft in St. Petersburg. Im Jahr 1862 wurde in Wien Mariahilf (6. Bezirk) die Haydngasse nach ihm benannt.

Als GebĂ€ude zu Haydn sind zu nennen, Haydnkirche, Haydn-Haus Eisenstadt, HaydnhĂ€uschen. Verschiedene DenkmĂ€ler wurden fĂŒr ihn errichtet, Gedenktafeln angebracht und PlĂ€tze und Straßen nach ihm benannt. Sein Konterfei ist auf der 20-Schilling-Banknote von 1950 sowie auf der 20-Schilling-MĂŒnze und auf diversen Briefmarken zu sehen.

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Archiv der Dompfarre St. Stephan, BLB 1741, fol. 177f.
  2. ↑ Dexter Edge: New Sources for Haydn’s Early Biography, Vortrag beim AMS Kongress, MontrĂ©al 7. November 1993, (vgl. The New Grove Dictionary of Music and Musicians, London 2001, Bd. 11, S. 265).
  3. ↑ Mitteilung ĂŒber Haydns Hinscheiden in der Artikel in: Wiener Zeitung, 7. Juni 1809, S. 1 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrz
  4. ↑ Otto Biba: Joseph Haydn: Kunst-Freund. In: MusikblĂ€tter der Wiener Philharmoniker (2009) Folge 9, Seite 340–343 (eine Kurzfassung dieses Artikels erschien am 31. Mai 2009 in der Neuen ZĂŒrcher Zeitung).
  5. ↑ Frei ĂŒbersetzt nach Anton Reicha, welcher mit Haydn persönlichen Kontakt hatte: „Haydn Ă©tudiait son art sans cesse. [
] Apres avoir fait beaucoup de ouvrages, il recommença Ă  40 ans, le cours complet de la composition, pour se affermir dans son art, et en connaĂźtre mieux les secrets.“; nach Mark Evan Bonds: Haydns cours complet de la composition and the Sturm und Drang, aus W. Dean Sutcliffe: Haydn Studies, Cambridge, 1998, Seite 152–176; zitiert nach Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit, Laaber, 2002, Seite 262

Literatur

HörbĂŒcher

  • Lutz Görner: Joseph Haydn. Sein Leben, seine Musik. 3 CDs mit viel Musik nach der Biographie von Hans-Josef Irmen. KKM Weimar 2008, ISBN 978-3-89816-285-2

Weblinks

 Commons: Joseph Haydn â€“ Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Joseph Haydn â€“ Zitate
 Wikisource: Joseph Haydn â€“ Quellen und Volltexte
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Dieser Artikel wurde am 20. August 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.

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