Judenfrage

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Judenfrage

Als „Judenfrage“ (auch: „Judensache“) wurden in Deutschland ab etwa 1840 wirkliche oder vermeintliche Probleme bezeichnet, die sich aus der JĂŒdischen Emanzipation vor allem fĂŒr Nichtjuden ergaben.

Eine Ă€hnliche Diskussion wurde zuvor um 1750 in Großbritannien, um 1790 in der Französischen Revolution auch in Frankreich gefĂŒhrt, dort aber als jĂŒdische Frage (engl. jewish question, frz. la question juive) bezeichnet. Diese Formulierung betonte eher den Anspruch der Juden auf eine politische Lösung ihrer Probleme mit Nichtjuden.[1]

Ab 1860 eigneten sich Judengegner den Begriff im Kontext des Nationalismus immer mehr an, um die jĂŒdische Minderheit und das Judentum auf verschiedene Weisen als Hindernis der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung zu beschreiben. Seit 1873 wurde der Begriff im Kaiserreich zu einem feststehenden Ausdruck des modernen Antisemitismus, der Juden jede FĂ€higkeit zur Integration und Assimilation absprach und ihnen ein Weltherrschaftsstreben unterstellte („Weltjudentum“).

Der Nationalsozialismus propagierte im Anschluss an die Deutschvölkische Partei eine „Endlösung der Judenfrage“. Ab 1941 tarnte und rechtfertigte dieser Ausdruck die DurchfĂŒhrung des Holocaust.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Der Antijudaismus im Mittelalter und in der Neuzeit hatte seit Jahrhunderten Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung von jĂŒdischen Minderheiten in vielen Regionen Europas bewirkt und verfestigt. Erst mit der allmĂ€hlichen Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte im Gefolge der AufklĂ€rung wurde die Gleichstellung aller BĂŒrger eines Nationalstaats zu einem politischen Ziel. Dies betraf besonders die bis dahin rechtlich, sozial und politisch unterprivilegierten Juden, die sich so potentiell aus ihrer gesellschaftlichen Isolation befreien konnten.

Die rechtliche Gleichstellung aller BĂŒrger, auch der Juden, wurde in den sich bildenden europĂ€ischen Nationalstaaten verschieden angegangen, traf auf erhebliche WiderstĂ€nde und fĂŒhrte – gerade auch im Blick auf Juden – vielfach zu RĂŒckschlĂ€gen. Die Integrationsversuche und -konzepte reichten von „Duldung“ und „bĂŒrgerlicher Verbesserung“ bis zu „Gleichberechtigung“ und „Emanzipation“ aufgrund der aufgeklĂ€rten Toleranz gegenĂŒber andersglĂ€ubigen Einzelnen oder Gruppen.

In diesem Übergangsprozess gab ein Zeitbeobachter zuerst in England 1753 öffentlich eine „Antwort auf die berĂŒhmte Judenfrage“ (Reply to the Famous Jew Question): Damit meinte er die Erlaubnis an Juden zum Landerwerb. Die Französische Nationalversammlung diskutierte 1790 unter dem Titel la question sur les juifs darĂŒber, ob Juden zu den gesetzlich gleichgestellten BĂŒrgern Frankreichs gehören sollten. Emanzipationsskeptiker und -gegner forderten dagegen schon seit 1800 die Ansiedlung aller europĂ€ischen Juden in Übersee oder im 'Land Israel'. Judenfeinde wie Hartwig von Hundt-Radowsky forderten Arbeitslager und Zwangs-Sterilisierung fĂŒr alle Juden.

Bis nach dem Wiener Kongress jedoch verwendeten BefĂŒrworter wie Gegner der Judenemanzipation den Begriff Judenfrage im annĂ€hernd gleichen Sinn fĂŒr mit der Integration von Juden real verbundene Probleme.

1838 erschienen erstmals zwei AufsĂ€tze unter dem Titel Die jĂŒdische Frage, die die damals kontrovers diskutierte rechtliche Gleichstellung der Juden in Preußen mit Berufung auf angeblich unverĂ€nderliche jĂŒdische Eigenheiten abwehren wollten. Bis 1844 setzte sich die Bezeichnung Judenfrage fĂŒr diese Kontroverse in Preußen allgemein durch. Juden wurden damit als einheitliche Gruppe identifiziert, die sich entgegen frĂŒheren Erwartungen nicht aufgelöst und zur reinen Konfession gewandelt hĂ€tten und daher ein Problem fĂŒr die nationale Einigung bildeten.

Philosophische Wendung

Der Religionsphilosoph Bruno Bauer veröffentlichte 1842 einen Aufsatz in den Deutschen JahrbĂŒchern fĂŒr Wissenschaft und Kunst mit dem Titel Die Juden-Frage, den er 1843 – nun ohne Bindestrich – als selbstĂ€ndige BroschĂŒre zu diesem Thema veröffentlichte.[2] Darin versuchte er zu beweisen, dass die Juden als Gruppe nicht „verbessert“ (durch rechtliche Gleichstellung zur Integration erzogen) werden könnten, da auch aufgeklĂ€rte Juden an ihrem traditionellen religiösen Anspruch des exklusiven AuserwĂ€hltseins festhielten. Deshalb mĂŒssten auch sie nach Alleinherrschaft streben und damit letztlich Krieg gegen die Menschheit fĂŒhren. Einzelne Juden könnten sich nur durch Aufgabe ihres Judentums zugunsten eines allgemeinen Menschentums in die bĂŒrgerliche Gesellschaft integrieren. Dies galt fĂŒr Bauer genauso fĂŒr das Christentum, wie er in seiner weiteren Schrift Die FĂ€higkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden ausfĂŒhrte.

Auf diese Schriften antwortete der 26-jĂ€hrige Karl Marx 1844 mit seinem Aufsatz Zur Judenfrage.[3] Er sah die „Lösung“ der Frage in der Aufhebung der weltlichen Schranken der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, mit der auch begrenzte religiöse Standpunkte verschwinden wĂŒrden. Dabei war die rechtliche Gleichstellung des Judentums an sich fĂŒr ihn ein Beispiel fĂŒr die unvollkommene „politische Emanzipation“, welche den Menschen auf ein egoistisches unabhĂ€ngiges Individuum einerseits und auf die moralische Person des StaatsbĂŒrgers andererseits reduziere. Anstelle der politischen verlangt er eine „menschliche Emanzipation“, bei der der Mensch seine KrĂ€fte als gesellschaftliche erkennt und organisiert.

HĂ€ufig wurde Marx eine antisemitische Haltung unterstellt, obwohl sein Aufsatz tatsĂ€chlich die rechtliche Gleichstellung der Juden fordert. Er fĂŒhrt aus, dass in einem modernen politischen Staat im Unterschied zum christlichen Staat die Religion Privatsache sei.

Im zweiten Teil der Schrift unternimmt es Marx, Bauers theologische Fassung der Judenfrage zu brechen. Er fragt nach dem weltlichen Grund des Judentums, und erhĂ€lt als Antwort: „Das praktische BedĂŒrfnis, der Eigennutz“. Ob diese Antworten aus Bauers Texten, Marx eigener Anschauung oder anderen Quellen gewonnen werden ist ein Gegenstand der Interpretation von Zur Judenfrage. Indem er diese Umdeutung des Begriffes „Judentum“ beim Wort nimmt, scheint Marx populĂ€re Vorurteile zu bedienen, um dann aber aufzuzeigen, dass der „Schacher“ in gleicher Weise grundlegend fĂŒr das Christentum sei. Er kommt zu dem Schluss, dass die soziale Emanzipation der Christen wie der Juden die Befreiung der Gesellschaft von der Macht des Geldes voraussetzt. Er korrigierte sich in seinem spĂ€teren Wirken in einigen Punkten und bekĂ€mpfte die Religion nicht direkt, sondern erwartete ihr allmĂ€hliches Verschwinden nach erfolgreicher Revolutionierung der ProduktionsverhĂ€ltnisse. Erst in den folgenden Werken, beginnend mit den zu Lebzeiten unveröffentlichten Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844, untersuchte Marx die Ökonomie der bĂŒrgerlichen Gesellschaft grĂŒndlicher. Die Kritik der Macht des Geldes, welche in Zur Judenfrage geĂŒbt wird, weicht dabei einem VerstĂ€ndnis des gesamten kapitalistischen Systems.

Marx, der selbst jĂŒdische Vorfahren hatte, hing weder dem jĂŒdischen noch christlichen Glauben an, sondern vertrat eine prinzipiell materialistische Philosophie.

Antisemitismus

Deutschland

Gerade Gebildete schufen im deutschen und französischen Sprachraum in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts durch ihre Veröffentlichungen oft erst eine Judenfrage, die so zuvor nicht bestand. Der Anstoß zu seinem Aufsatz Das Judenthum in der Musik, der 1850 veröffentlicht wurde, war fĂŒr Richard Wagner „das unwillkĂŒrlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden fĂŒr uns hat, zu erklĂ€ren, um diese instinktmĂ€ĂŸige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, dass sie stĂ€rker und ĂŒberwiegender ist, als unser bewusster Eifer, uns dieser Abneigung zu entledigen.“ Ernest Renan sprach um 1860 von einem Semitenthum, das keine eigenstĂ€ndigen Kulturleistungen schaffen und keine zu den europĂ€ischen Kulturvölkern ebenbĂŒrtige Zivilisiertheit erreichen könne.

Die Antisemiten des Deutschen Kaiserreichs lehnten die 1871 erreichte gesetzliche Gleichstellung der Juden und ihre darauf folgende Integration in die nach wie vor vom Christentum geprĂ€gte Gesellschaft strikt ab und beschworen die Gefahr, dass Juden diese von Nichtjuden beförderten Integrationsversuche nur zur Dominanz in Wirtschaft, Politik und Kultur ausnutzen wĂŒrden und diese teilweise schon erreicht hĂ€tten. Damit deuteten sie – entgegen der von Karl Marx vertretenen Denkrichtung – die „soziale Frage“ zur „Judenfrage“ um.

Diese Sicht propagierte zuerst Otto Glagau 1874/75 in einer Artikelreihe in der Gartenlaube. Er brandmarkte Juden als Schuldige am GrĂŒnderkrach von 1873, als Börsenspekulanten und „GrĂŒndungsschwindler“, zugleich aber auch als Feinde des Katholizismus im damaligen Kulturkampf.

Ihm folgte der lutherische Hofprediger Adolf Stoecker. Mit seiner Septemberrede 1879 machte er die Judenfrage zum öffentlichen Thema und positionierte seine Deutschsoziale Partei fortan antisemitisch. Mit der GrĂŒndung der Berliner Bewegung versuchte er auch ĂŒber seine Partei hinaus fĂŒr die ZurĂŒckdrĂ€ngung von Juden aus öffentlichen Ämtern zu werben. Wenig spĂ€ter löste Heinrich von Treitschke den Berliner Antisemitismusstreit aus, indem er in einem Aufsatz die weitere UnterdrĂŒckung der jĂŒdischen Religion zugunsten eines preußisch-nationalen Protestantismus forderte. Im selben Monat grĂŒndete der Journalist Wilhelm Marr nach dem ĂŒberwĂ€ltigenden Erfolg seines Buchs Der Sieg des Judenthums ĂŒber das Germanthum die Antisemitenliga als erste Gruppe, die die Vertreibung aller Juden aus Deutschland anstrebte und das Schlagwort Antisemitismus als Kern ihres GrĂŒndungsprogramms verbreitete.

Den Antisemiten gelang es, den Begriff Judenfrage so zu prĂ€gen, dass darunter eine von „den Juden“ bzw. dem „Weltjudentum“ als Kollektiv ausgehende Gefahr fĂŒr die moderne Gesellschaft verstanden wurde, die auf irgendeine Art gelöst werden mĂŒsse. Zwischen 1873 und 1900 erschienen etwa 500 Schriften, die sich in diesem Sinne mit der Judenfrage befassten.[4]

Russland

Im Russischen Zarenreich sah die Regierung seit der Eroberung der polnischen Gebiete 1772 die zahlreichen dort lebenden Juden als Problem an und plante, diese „Judenfrage“ entweder durch Assimilation oder Ausweisung zu lösen.

Die meisten russischen Juden wohnten im Westen Russlands im Ansiedlungsrayon, dessen Grenzen 1815 endgĂŒltig festgelegt wurden. Im JĂŒdischen Statut von 1804 wurde die Niederlassung von Juden und ihre TĂ€tigkeit als PĂ€chter in Dörfern sowie der Ausschank von alkoholischen GetrĂ€nken an Bauern verboten. Damit sahen sich Tausende von jĂŒdischen Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die Ausweisung aus den Dörfern wurde fĂŒr einige Jahre aufgeschoben, 1822 in den weißrussischen Dörfern jedoch systematisch durchgefĂŒhrt.

Zar Nikolaus I. suchte die "Judenfrage" durch Zwang und UnterdrĂŒckung zu lösen. 1827 fĂŒhrte er das Kantonistensystem ein, das die zwangsweise Aushebung jĂŒdischer Jugendlicher zwischen 12 und 25 Jahren in die russische Armee vorsah. In den 1840er Jahren begann sich die Regierung mit der Erziehungsfrage zu befassen und beschloss den Aufbau von besonderen jĂŒdischen Schulen. Diese Schulen sollten durch eine Sondersteuer ("Kerzensteuer") finanziert werden, welche die Juden zu bezahlen hatten. Die nĂ€chste Phase des Programms von Nikolaus I. war die Einteilung der Juden in zwei Gruppen: "NĂŒtzliche" und "Nutzlose". Zu den NĂŒtzlichen gehörten wohlhabende Kaufleute, Handwerker und Landwirte. Die restliche jĂŒdische Bevölkerung, KleinhĂ€ndler und Mittellose galten als "nutzlos" und sahen sich von der zwangsweisen Einziehung in die Armee bedroht, wo sie eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Ausbildung erhalten sollten. Dieses Projekt stieß auf Ablehnung russischer Politiker und fĂŒhrte zu Interventionen westeuropĂ€ischer Juden. 1846 reiste Moses Montefiore zu diesem Zweck von England nach Russland. Der Befehl zur Klassifizierung der Juden in diese Kategorien wurde 1851 ausgestellt. Durch den Krimkrieg wurde zwar die Anwendung verzögert, die Quoten fĂŒr die zwangsweise militĂ€rische Aushebung jedoch ums Dreifache vergrĂ¶ĂŸert. Die russischen Maigesetze wurden von Zar Alexander III. im Mai 1882 als Reaktion auf die Pogrome in Kraft gesetzt, zu denen es nach dem Attentat auf seinen VorgĂ€nger Alexander II. in zahlreichen russischen StĂ€dten gekommen war, und dienten der EinschrĂ€nkung der FreizĂŒgigkeit der russischen Juden. Von Konstantin Pobedonoszew, dem persönlichen Berater von Zar Alexander III., ist folgender Ausspruch ĂŒberliefert: Ein Drittel (der russischen Juden) wird sterben, ein Drittel wird auswandern, und das letzte Drittel wird im russischen Volk völlig assimiliert werden. Siehe dazu Geschichte der Juden in Russland.

Rassismus

Im Kontext der ersten antisemitischen Welle im Kaiserreich (1879–1882) definierten radikale Antisemiten die Juden als „Semiten“, also Angehörige einer fremden Rasse. So versuchten sie, die Judenfrage als Rassenproblem darzustellen, das nur noch durch Ausgrenzung aller Juden lösbar erscheinen sollte. Argumente dafĂŒr fanden sie in biologistisch argumentierenden Rassentheorien von Arthur de Gobineau und in der Selektionstheorie von Charles Darwin. Dieser moderne Rassismus sollte die behauptete Nichtintegrierbarkeit von Juden, die in Europa lĂ€ngst vielfach dieselbe Sprache und Kultur pflegten wie das sonstige BĂŒrgertum, pseudowissenschaftlich untermauern.

Es folgten immer schĂ€rfere rassistische Propagandaschriften: Karl Eugen DĂŒhrings Schrift Die Judenfrage als Racen-, Sitten-, und Kulturfrage (1881) stellte Juden nunmehr auch als biologische Gefahr dar. Édouard Drumont, Houston Stewart Chamberlain, Paul Anton de Lagarde u.a. verhalfen diesem Denken in ganz Westeuropa zu weiter Verbreitung. Theodor Fritsch veröffentlichte 1887 einen Antisemitismus-Catechismus, der alle judenfeindlichen Klischees sammelte und als Handbuch der Judenfrage viele Auflagen erlebte. Er wurde bis 1945 auch von den spĂ€teren Nationalsozialisten gern genutzt.[5]

In der Völkischen Bewegung im deutschen Kaiserreich wurden verschiedene PlĂ€ne zu „Lösung der Judenfrage“ propagiert. Seit den 1880er Jahren wurde immer wieder gefordert, Juden unter „Fremdenrecht“ zu stellen und eine weitere Zuwanderung zu unterbinden. Juden und andere Rassen-Fremde wie Slawen oder WĂ€lsche, die im Reichsgebiet bereits ansĂ€ssig waren, sollten nach den Vorstellungen des Herausgebers des Heimdall, Adolf Reinecke, der Status von „Reichssassen“ erhalten: kein Wahlrecht, keine öffentlichen Ämter, kein Grundbesitz, jedoch Wehr- und Steuerpflicht.

Zwar forderten radikale Antisemiten wie Friedrich Lange, Heinrich Pudor und Heinrich Claß in ihren Publikationen meist nicht mehr als eine Fremdengesetzgebung, Ausweisung und Aberkennung der StaatsbĂŒrgerrechte fĂŒr Juden. Doch das Motto der Zeitschrift Hammer (Organ des von Theodor Fritsch gegrĂŒndeten Reichshammerbundes) verlangte ab 1902 die „Ausscheidung der jĂŒdischen Rasse aus dem Völkerleben“ und ließ damit den Willen zu einer endgĂŒltigen Radikallösung anklingen. Das GrĂŒndungsprogramm der aus vereinten Ă€lteren Antisemitenparteien hervorgegangenen Deutschvölkischen Partei behauptete 1914, die „Vernichtung des Judentums“ werde zur „Weltfrage“ des 20. Jahrhunderts werden. Dies gab der Lösung der Judenfrage eine universalhistorische Bedeutung und stilisierte sie zu einem apokalyptischen Endkampf.

Zionismus

Im Zusammenhang ihrer Emanzipationsbestrebungen benutzten auch Juden selber diesen Begriff, um zu unterstreichen, dass sie ihre Integration und Assimilation in den entstehenden europĂ€ischen Nationalstaaten bejahten. In der Auseinandersetzung mit den Antisemiten bejahten auch jĂŒdische Vertreter des Zionismus den Begriff in dem Sinn eines jĂŒdischen Nationalbewusstseins, fĂŒr das ein „Judenstaat“ als Lösung anzustreben sei.

Nathan Birnbaum veröffentlichte 1893 das Buch Die Nationale Wiedergeburt des jĂŒdischen Volkes in seinem Lande als Mittel zur Lösung der Judenfrage (1893). Auch Theodor Herzl, der spĂ€tere PrĂ€sident des Zionistischen Weltkongresses, nahm den Begriff auf:[6]

„Die Judenfrage besteht. Es wĂ€re doch töricht, sie zu leugnen.“

Er wollte sie als „nationale Frage“ verstanden wissen und vertrat als ihre Lösung seit 1896 einen eigenen Staat fĂŒr die Juden: Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage.

Der Staat Israel grĂŒndete sich am 14. Mai 1948 jedoch nicht zur „Lösung der Judenfrage“, sondern zur „Lösung des Problems des heimatlosen jĂŒdischen Volkes“.

Nationalsozialismus

Programm

Adolf Hitler erklĂ€rte die Entfernung des Juden ĂŒberhaupt 1919 zum unverrĂŒckbaren Ziel des Nationalsozialismus. Die NSDAP legte sich in ihrem GrĂŒndungsprogramm auf die Vertreibung, Ausweisung und Entrechtung der deutschen Juden fest. In seiner Autobiographie Mein Kampf erklĂ€rte Hitler 1924, die Lösung der Judenfrage sei Vorbedingung fĂŒr den Wiederaufstieg der Germanen zur Großmacht. Seine hasserfĂŒllte Beschreibung der Juden als parasitĂ€rische Rasse, deren Beseitigung zur Gesundung der Völker unumgĂ€nglich sei, legte bereits den Gedanken an ihre Ermordung nahe. Hitler forderte diese nicht, machte aber deutlich, dass er eine radikale Vertreibungspolitik gegenĂŒber den Juden durchfĂŒhren werde. Er ĂŒbernahm dieses Ziel von den Antisemitenparteien und -verbĂ€nden der Kaiserzeit.

Pseudowissenschaftliche Projekte

Seit der MachtĂŒbernahme 1933 etablierten die radikalen Antisemiten im NS-Regime die „Judenfrage“ auch als pseudowissenschaftliches Projekt.

Zur pseudohistorischen Rechtfertigung der NĂŒrnberger Gesetze veröffentlichte Wilhelm Grau 1935 in Hamburg die Schrift Die Judenfrage als Aufgabe der neuen Geschichtsforschung. Er leitete seit 1936 auch die Abteilung Geschichte der Judenfrage in der renommierten, nun aber von Nationalsozialisten gelenkten Historischen Zeitschrift. Als Judenfrage verstand er „alle jene Probleme [
], die in der Begegnung der Völker mit dem jĂŒdischen Volk zu jeder Zeit der Geschichte in Erscheinung getreten sind“. Diese mĂŒssten endlich vom Einfluss „jĂŒdischer“ Geschichtsschreibung befreit und vom Standpunkt der „Wirtsvölker“ aus betrachtet werden. Ziel sei eine „natĂŒrliche Lösung der Judenfrage nach dem Grundsatz der reinlichen Scheidung“.[7]

Eberhard Taubert grĂŒndete 1934 im Auftrag des Reichspropagandaministeriums unter Joseph Goebbels ein Institut zum Studium der Judenfrage. Der NS-Historiker Wilhelm Ziegler leitete es seit 1935. Er saß auch im Beirat der Forschungsabteilung Judenfrage im Reichsinstitut fĂŒr Geschichte des neuen Deutschland. Ab 1941 lehrte er Neuere Geschichte, Politik und Judenfrage an der UniversitĂ€t Berlin.

Das Berliner Institut nahm seinen Sitz in der im Juni 1933 enteigneten Villa des Instituts fĂŒr Sexualforschung in Berlin.[8] Dort wurde u.a. das Drehbuch des Propagandafilms Der Ewige Jude entworfen[9] und 1935 das Werk von Friedrich Karl Wiehe Die Judenfrage in Deutschland herausgegeben.[10] Es zeichnete ein „erschĂŒtterndes Gesamtbild“ von „den letzten Jahrzehnten jĂŒdischen Lebens und Treibens in Deutschland“ und dem angeblichen Anteil der Juden an „Korruption, KriminalitĂ€t und Degeneration“.[11] Im selben Jahr plante das Berliner Institut parallel zum Reichsinstitut fĂŒr die Geschichte des neuen Deutschland in MĂŒnchen eine Bibliothek zur Judenfrage.

In den Folgejahren grĂŒndeten sich viele Einrichtungen mit Ă€hnlichen Zielen, die zum Teil heftig miteinander rivalisierten. Alfred Rosenberg hatte schon seit 1924 die Zeitschrift Der Weltkampf herausgegeben. Sie trug den Untertitel: Monatszeitschrift fĂŒr Weltpolitik, völkische Kultur und die Judenfrage aller LĂ€nder. 1941 gelang es ihm, in Konkurrenz zum Berliner Institut sein Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt zu grĂŒnden. Dazu ließ er die umfangreiche Judaicasammlung der dortigen Stadtbibliothek beschlagnahmen, so dass die Institutsbibliothek 350.000 BĂ€nde besaß und damit zur zweitgrĂ¶ĂŸten Judaica-Bibliothek der Welt (nach Jerusalem) anvancierte. Um fĂŒr sie interessante BuchbestĂ€nde von jĂŒdischen Gemeinden in den eroberten LĂ€ndern zu rauben und als Beutegut nach Deutschland zu bringen, grĂŒndete Rosenberg eigens einen „wissenschaftlichen Stoßtrupp“, den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. Unter der Leitung des Bibliothekars Johannes Pöhl sichtete dieser jĂŒdische Bibliotheken u.a. in Wilna, Saloniki, Minsk, Riga und Kiew und raubte ihnen etwa 550.000 BuchbĂ€nde, von denen ca. 300.000 in Frankfurt ankamen.[12]

Das Berliner Institut war mittlerweile eine Abteilung fĂŒr das Studium der Judenfrage im Reichssicherheitshauptamt geworden, geleitet von Adolf Eichmann.[13] Die dort betriebene „Erforschung der Judenfrage“ hatte unmittelbar mit der Planung des Holocaust zu tun, da sie die großangelegte ethnisch-rassistische Umsiedelungs-, SĂ€uberungs- und Völkermordpolitik der Nationalsozialisten in Osteuropa scheinwissenschaftlich begrĂŒnden sollte.[14]

AuslĂ€ndische VerbĂŒndete folgten dem NS-Vorbild: Mohammed Amin al-Husseini, der Großmufti fĂŒr die PalĂ€stinensergebiete mit Amtssitz in Jerusalem, grĂŒndete 1943 ein Arabisches Institut fĂŒr die Erforschung der Judenfrage in Berlin, das fĂŒr geheimdienstliche Kontakte, ideologischen Austausch und Zusammenarbeit beim Ausliefern von Juden zur Vernichtung diente.[15]

Auch viele akademische Fachbereiche ĂŒbernahmen und vergaben antisemitische „ForschungsauftrĂ€ge“. Die meisten evangelischen zerstörten Landeskirchen finanzierten etwa das Eisenacher Institut zur Erforschung und Beseitigung des jĂŒdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben unter Walter Grundmann. Der Volks-Brockhaus Leipzig schrieb 1943 im Artikel „Judentum“:

„66 n. Chr. brach ein großer Judenaufstand aus, der mit der Eroberung Jerusalems und Zerstörung seines Tempels durch Titus 70 n. Chr. endete. Inzwischen hatten sich die Juden weithin ĂŒber die MittelmeerlĂ€nder verstreut: Sie vermehrten sich vor allem durch Gewinnung fremdstĂ€mmiger AnhĂ€nger ihres Glaubens stark und wurden rassisch mit den verschiedenartigsten Elementen durchmischt. Durch das Zusammenleben mit ihren Wirtsvölkern ergab sich die 'Judenfrage'.“

Vorbereitung des Holocaust

Der Ausdruck „Endlösung der Judenfrage“ beschrieb seit 1940 im Behördenjargon des NS-Regimes das radikale Ziel einer vollstĂ€ndigen Abschiebung und Deportation aller Juden aus den von Deutschland beherrschten Gebieten. Er wandelte sich von Juli 1941 bis zur Wannseekonferenz im Januar 1942 unter der Hand zu einer Tarnfloskel fĂŒr die Massenvernichtung der europĂ€ischen Juden in den dazu errichteten Vernichtungslagern.

Ein Vortrag Heinrich Himmlers vom Dezember 1940 unter dem Titel „Die Judenfrage“ dokumentiert die PlĂ€ne zur „Umsiedlung“ von etwa 5,8 Millionen europĂ€ischen Juden „in ein noch zu bestimmendes Territorium“.[16] Seit dem „Unternehmen Barbarossa“ im Sommer 1941 wurde die „Endlösung“ zum offiziellen Behördenausdruck fĂŒr die begonnene Judenermordung und ihre weitere Planung.

Oppositionelle Verwendung

Auch Gegner des NS-Regimes benutzten den Ausdruck, um ihre Sicht zum Judentum darzustellen: So verfasste Dietrich Bonhoeffer im April 1933 den berĂŒhmten Aufsatz Die Kirche vor der Judenfrage, die ein kirchliches Eintreten fĂŒr die Menschenrechte von Minderheiten aus dem christlichen Glaubensbekenntnis ableitete und die Widerstandspflicht aller Christen im Falle systematischer staatlicher Angriffe auf die Juden, ausgerufen von einem ökumenischen Konzil, theologisch begrĂŒndete. Mit diesem frĂŒhen Vorstoß blieb Bonhoeffer auch im Rahmen der Bekennenden Kirche isoliert.

Seit 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat der Begriff in der öffentlichen Debatte zurĂŒck, da man sich nach dem Holocaust von nationalsozialistischer Ideologie abgrenzte. Doch er verschwand nicht und wird weiterhin auch fĂŒr aktuelle Probleme, die Juden betreffen, verwendet.

Jean-Paul Sartre beschrieb in seiner Schrift „RĂ©flexions Sur La Question Juive“ („Überlegungen zur Judenfrage“) das PhĂ€nomen des chimĂ€rischen Antisemitismus ohne Juden: Antisemiten wĂŒrden den Juden als Feind auch dann erfinden, wenn es keine Juden mehr gĂ€be. FĂŒr ihn war die Freiheit aller BĂŒrger erst mit der vollen Freiheit und Sicherheit der Juden verwirklicht:[17]

„Kein Franzose wird frei sein, solange die Juden nicht im Besitz ihrer vollen Rechte sind. Kein Franzose wird in Sicherheit sein, solange noch ein Jude in Frankreich und in der ganzen Welt um sein Leben fĂŒrchten muss.“

Er folgerte schlicht:[18]

„Die Judenfrage ist durch den Antisemitismus entstanden, und wir mĂŒssen den Antisemitismus abschaffen, um sie zu lösen.“

Auch Historiker wie Reinhard RĂŒrup befassen sich mit der Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus unter diesem Begriff.

Bei den Großkirchen setzte nach 1945 allmĂ€hlich ein Umdenken und selbstkritische Abkehr vom traditionellen Antijudaismus ein, der zunehmend als langfristige historische Ermöglichung des nationalsozialistischen Völkermords an den europĂ€ischen Juden erkannt wurde. Im Bereich der EKD markiert das Wort zur Judenfrage der Synode von Weißensee 1950 den Beginn dieses Prozesses (siehe dazu Kirchen und Judentum nach 1945).

Einzelbelege

  1. ↑ Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, Band 2, S. 4
  2. ↑ Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, Band 2, S. 4
  3. ↑ Karl Marx: Zur Judenfrage (1844)
  4. ↑ The Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism: Liste historischer Titel zum Stichwort „Judenfrage“
  5. ↑ Theodor Fritsch, Abbildung aus der 49. Auflage des Handbuchs zur Judenfrage 1944; Theodor Fritsch: Handbuch der Judenfrage, 49. Auflage 1934 (pdf) (Faksimile mit Anhang zu Antisemitenvereinen der Weimarer Zeit und deutschchristlichen Gruppen der NS-Zeit)]
  6. ↑ Werner Bergmann, Artikel Judenfrage, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Lexikon des Holocaust S. 108
  7. ↑ zitiert nach Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems. Band 2: Anmerkungen, Exkurse, Register. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1980, S. 5
  8. ↑ Magnus-Hirschfeld-Institut: Chronologie der Ereignisse 1933
  9. ↑ Holocaust-Info: Das Produktionsteam hinter dem "Ewigen Juden"
  10. ↑ Friedrich Karl Wiehe, Deutschland und die Judenfrage
  11. ↑ Originaltext Friedrich Karl Wiehe, § 30. Die Judenfrage in Deutschland
  12. ↑ Heimo Gruber: Rezension von Maria KĂŒhn-Ludewigs Biografie zu JOHANNES POHL (1904 - 1960)
  13. ↑ Marcel Atze: Verneigung vor der Schrift. Markus Kirchhoff portrĂ€tiert jĂŒdische Lesewelten und deren Untergang (Rezension zu HĂ€user des Buches von Markus Kirchhoff)
  14. ↑ Gerd Simon: Vom Antisemiten zum Semitistik-Professor: Chronologie Otto Rössler
  15. ↑ Israel Gutman (Hrsg.): EnzyklopĂ€die des Holocaust Band II, Artikel Husseini, S. 632
  16. ↑ Wolfgang Benz: Dimension des Völkermords, R. Oldenbourg Verlag, MĂŒnchen 1991, ISBN 3-486-54631-7, S. 2
  17. ↑ zitiert nach Sven Oliveira Cavalcanti: Sartre und Israel - Teil 1: Die Folgen von Auschwitz - vor der GrĂŒndung Israels
  18. ↑ zitiert nach Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems, Band 1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, S. 1

Literatur

Bibliographie
  • Volkmar Eichstaedt: Bibliographie zur Geschichte der Judenfrage, Bd. I: 1750-1848, Hamburg 1938
  • Wolfgang Benz (Hrsg.): Die 'Judenfrage'. Schriften zur BegrĂŒndung des modernen Antisemitismus 1789 bis 1914. K.G. Saur, MĂŒnchen 2002-2003, ISBN 3-598-35046-5 (mit 369 auf Mikrofilm zugĂ€nglichen Dokumenten, ausfĂŒhrliches Vorwort)
Historischer Überblick
  • Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems, Stuttgart 1980, ISBN 3-421-01963-0
  • Robert Weltsch: Die deutsche Judenfrage. Ein kritischer RĂŒckblick, Königstein 1981, ISBN 3-7610-0357-9
  • Abraham LĂ©on: Judenfrage & Kapitalismus. Eine historisch-materialistische Analyse der Rolle der Juden in der Geschichte bis zur GrĂŒndung des Staates Israel. Schulungstext zur Wirtschaftsgeschichte Europas, Trikont, 2000
Zionismus
  • Jakob Taut: Judenfrage und Zionismus, Freiburg 1986, ISBN 3-88332-097-8
  • Jakob Toury: The Jewish Question. A Semantic Approach, in: Leo Baeck Institut, Jahrbuch 11/1966, S. 85-106 (englisch)
  • Isaac Deutscher: Die ungelöste Judenfrage. Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus, Rotbuch, Berlin 1985, ISBN 3-88022-159-6
Kaiserzeit
NS-Zeit
  • Dieter Schiefelbein: Das Institut zur Erforschung der Judenfrage, Frankfurt am Main. Vorgeschichte und GrĂŒndung 1935-1939. Stadt Frankfurt/Main 1993, ISBN 3-88270-803-4
  • Horst Junginger: Die Verwissenschaftlichung der "Judenfrage" im NS. Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg, Reihe Forschung. WBG, Darmstadt 2011
Sozialismus und Kommunismus
  • Edmund Silberner, Arthur Mandel: Sozialisten zur Judenfrage, Colloquium, Berlin 1962
  • Edmund Silberner: Kommunisten zur Judenfrage. Zur Geschichte von Theorie und Praxis des Kommunismus, VS Verlag 1983, ISBN 3-531-11640-1
Nach 1945
  • Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage. Rowohlt TB, Hamburg 1994, ISBN 3-499-13149-8

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