Judensand

Blick von der Mombacher Straße auf den Judensand

Der Judensand ist die älteste bekannte Begräbnisstätte der Jüdischen Gemeinde in Magenza, dem jüdischen Mainz. Neben dem Heiligen Sand gilt er als ältester jüdischer Friedhof Europas.

Inhaltsverzeichnis

Mittelalter

Der Erwerb des Grundstücks ist nicht belegt, nach einer ungesicherten Überlieferung wurde aber bereits im Jahr 1012 ein Grundstück zur Anlage eines Friedhofes von einem Mar Samuel und seiner Frau Rahel erworben. Nach dem Gezerot Tatnu wurde die Grabstätte dann lange nicht mehr benutzt. Als Judensand wurde das Gelände erstmals 1286 urkundlich erwähnt und später 1397 als Judenkirchhof bezeichnet. Die Bezeichnung „Judensand“ steht aller Wahrscheinlichkeit nach in Zusammenhang mit der armen Bodenstruktur des Geländes, welches daher günstig zu erwerben war. Es handelte sich dabei um einen Platz, der den Juden von der Stadtverwaltung außerhalb der damaligen Stadtmauern vor dem Münstertor, im heutigen Stadtteil Hartenberg-Münchfeld zugewiesen wurde.

Im Jahr 1438 wurden die Juden auf Veranlassung der Zünfte aus Mainz vertrieben und in der Folge wurde auch der Friedhof abgetragen und umgepflügt. Die Grabsteine wurden als Baumaterial für den Bau eines Schiffsentladeplatzes verkauft, ein Teil des Friedhofsgeländes wurde von der Stadt zur Benutzung als Weinberge verpachtet.

Grabsteine bedeutender Mitglieder der jüdischen Gemeinde

Etwa hundert dieser historischen Steine konnten im 19. Jahrhundert bei Bauarbeiten zur Rheinbegradigung und zur Entfestigung der Stadt wieder freigelegt und geborgen werden. 1926 wurden diese durch die jüdische Gemeinde wieder im würdigen Umfeld aufgestellt. Der älteste erhaltene Grabstein, der des Jehudah ben Senior, stammt aus dem Jahr 1049 und ist der älteste in Mitteleuropa. Zu den weiteren alten Grabsteinen gehört der des Jakov ben Jakar, gestorben 1063. Im 12. Jahrhundert wurden einige Grabsteine bedeutsamer Personen nachgebildet, darunter der von Meschullam ben Kalonymos.

Bei der Rückkehr der Juden in die Stadt im Jahr 1445 wurde ein Teil des früheren Friedhofes zurückgegeben. 1462 wurden die Juden erneut, diesmal durch Adolf II. von Nassau vertrieben und das Judenhaus auf dem Friedhof niedergebrannt, welches damals das höchstgelegene Gebäude der Stadt war. Adolf verfügte 1470 die Ausweisung aller Juden aus Kurmainz.

Neuzeit

Etwa zu Beginn des 18. Jahrhunderts konnte erneut ein jüdischer Friedhof belegt werden. Das Gelände dieser Grabstätte schloss sich an den „alten Judensand“ an der Mombacher Straße an. Dieser Friedhof wurde bis 1880 belegt. Er umfasst eine Fläche von 1,85 ha und war bis 1813 mit einem Zaun umgeben. Bei einer Bestandsaufnahme im Jahr 1937 wurden etwa 1.500 Grabsteine vom 17. Jahrhundert bis 1880 gezählt. Auf einem von der jüdischen Gemeinde 1864 erworbenen Erweiterungsgrundstück zu diesem Friedhof, das jedoch nicht mehr belegt worden ist, wurde 1926 ein Denkmalsfriedhof für die Grabsteine des mittelalterlichen Friedhofes aus der Zeit von 1049 bis 1421 angelegt.

Der damalige Rabbiner Sali Levi betreute die Arbeiten aus jüdischer Sicht der Tradition. Die meisten dieser Grabsteine waren zwischen 1825 und 1922 (und darüber hinaus noch bis 1958) bei der Beseitigung alter Befestigungsanlagen in der Nähe des Judensandes (Rheingauwall), bei Abbrucharbeiten in der Altstadt und bei Erdarbeiten auf dem Gelände des Friedhofes gefunden worden. Insgesamt enthält dieser Denkmalsfriedhof 196 Steine; wovon sechs Grabsteine aus dem 11. Jahrhundert stammen.

Durch den Mainzer Stadtbaumeister Eduard Kreyßig wurde 1880 ein neuer jüdischer Friedhof neben dem Mainzer Hauptfriedhof angelegt. Damit lief die Nutzung des Judensandes aus.

Gegenwart

Im August 2007 wurden bei Bauarbeiten direkt neben dem zurückgegebenen Teil Grabsteine von aus dem Mittelalter stammenden Gräbern entdeckt. Auf dem rund 9.000 Quadratmeter großen Gelände sollten Stadtvillen mit unverbaubarem Blick entstehen. Nach dem Fund der Gräber wurde ein Baustopp verhängt und die Steine von Archäologen und zunächst einheimischen Vertretern der jüdischen Gemeinde begutachtet. Da der jüdische Glauben verbietet, dass Gräber auch Jahrhunderte später angetastet werden, wurde die Orthodoxe Rabbinerkonferenz in Deutschland um eine Expertise gebeten.

Literatur

  • Rolf Dörrlamm: Magenza. Die Geschichte des jüdischen Mainz, Festschrift zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes der Landes-Bausparkasse Rheinland-Pfalz, Mainz 1995.
  • Germania Judaica I, S. 174-223; II,2 S. 512-521; III,2 S. 786-831
  • Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. 1971 Bd. II,7-46 (Lit.).
  • Juden in Mainz. Katalog zur Ausstellung der Stadt Mainz 1978 (Lit.). In einem 2. Band von 1979 Rückblick auf die Ausstellung.
  • Martin Hanauer: Die Schicksale der Märtyrer des Mainzer Judenfriedhofs im Mittelalter. S. 92-94.
  • Bernd A. Vest: Der alte jüdische Friedhof in Mainz. Erweiterte Auflage mit Beiträgen von Friedrich Schütz und Manuel Herz. Mainz 2000 (1. Aufl. 1988).

Weblinks

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