Julius Raab


Julius Raab
Julius Raab – 1961

Julius Raab (* 29. November 1891 in St. Pölten, Niederösterreich; † 8. Jänner 1964 in Wien) war Bundeskanzler der Republik Österreich (1953–1961) und wurde als „Staatsvertragskanzler“ bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Ausbildung

Julius Raab wuchs mit zwei Brüdern, unter ihnen Heinrich Raab, in der St. Pöltner Baumeisterfamilie Wohlmeyer auf. Sein Onkel war Johann Wohlmeyer. Nach bestandener Matura am Seitenstettener Stiftsgymnasium studierte er in Wien an der Technischen Hochschule Bauingenieurwesen und war Mitglied der K.A.V. Norica Wien, damals im CV, jetzt im ÖCV. Des Weiteren war er Mitglied der A.V. Austria Innsbruck (ÖCV). Gemeinsam mit dem Gymnasiasten Leopold Figl gründete er die Mittelschulverbindung Nibelungia St. Pölten.[1]

Erster Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg diente der gelernte Baumeister als Pionieroffizier. Beim Zusammenbruch im Jahr 1918 führte er als Oberleutnant seine Kompanie geordnet von der Piavefront zurück in die Heimat. Später erzählte er, dass er zwar keine Befehlsgewalt gehabt hätte, aber die Leute seien aus Vertrauen freiwillig mit ihm gegangen, als geschlossene Einheit.[1]

Zwischenkriegszeit

Raab war von 1927 bis 1934 Abgeordneter der Christlichsozialen Partei zum Nationalrat. Er wurde von Ignaz Seipel in die Heimwehr entsandt, um diese an die Partei zu binden, und legte am 18. Mai 1930 als Führer der niederösterreichischen Heimwehr den Korneuburger Eid ab, in dem der „westliche demokratische Parlamentarismus“ und der Parteienstaat „verworfen“ wurden; dies wurde von Demokraten als Signal des Austrofaschismus verstanden. Allerdings verließ er die Heimwehr Ende 1930, als diese als Wahlpartei in Konkurrenz zu den Christlichsozialen kandidieren wollte. Er war nun intensiv als Interessenvertreter für das Gewerbe tätig und trat für eine Zusammenfassung der Handelskammern ein. (Der Ständestaat erließ 1937 ein Handelskammergesetz.)[2]

Als Abgeordneter beschimpfte er den Sozialistenführer Otto Bauer in einer Parlamentssitzung 1930 als „Saujud“.[3][4][5] (Antisemitische Stereotype konnten auch in der Zweiten Republik bei Bedarf aktiviert werden, wie sich z. B. bei der Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre 1975 und bei der Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten 1986 zeigte.)

Im letzten Kabinett Schuschniggs vor dem gewaltsamen „Anschluss“ war Raab im Februar/März 1938 Handelsminister.

Zweiter Weltkrieg

Unter der NS-Herrschaft galt er als „wehrunwürdig“ und erhielt für Niederösterreich, den damaligen „Reichsgau Niederdonau“, Aufenthaltsverbot. Der Hausarzt der Familie und Gauleiter von Niederdonau, Dr. Hugo Jury bewahrte ihn vor dem KZ und weiteren Repressalien.

Raab gründete in Wien eine Baufirma, in der er zahlreiche Gesinnungsfreunde unterbrachte - Leute, die aus der Haft entlassen worden waren oder auch nicht weiter „auffallen“ wollten. Hier fand auch Leopold Figl zeitweise Zuflucht, wenn er sich nicht in KZ-Haft befand.

Politischer Werdegang nach dem Krieg

Julius Raab (50-Schilling-Gedenkmünze, 1971)
Denkmal für Julius Raab an der Einfassung des Volksgartens

Raab war Gründer der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft, deren Präsidentschaft er 1947 übernahm. 1945 war er maßgeblich an der Gründung der Österreichischen Volkspartei beteiligt. Seine Berufung in die erste österreichische Nachkriegsregierung wurde 1945, aufgrund seiner Tätigkeit als niederösterreichischer Heimwehrführer, von den Alliierten abgelehnt. Diese wurde ihm als „faschistische Vergangenheit“ ausgelegt. 1949 nahm er an der von Alfred Maleta organisierten Oberweiser Konferenz, einer Kontaktaufnahme der Volkspartei mit ehemaligen Nationalsozialisten, teil. Von 1946 bis 1953 und von 1961 bis 1964 war er Präsident der Bundeswirtschaftskammer. Sein Amt als Regierungschef trat er am 2. April 1953 an und blieb bis 11. April 1961 in vier Regierungen Bundeskanzler sowie gleichzeitig Bundesobmann der ÖVP; siehe Bundesregierung Raab I bis Bundesregierung Raab IV.

In seine Kanzlerschaft fällt ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Aufschwung Österreichs, der auch mit dem Namen des Finanzministers Reinhard Kamitz verbunden ist (Raab-Kamitz-Kurs). Die Währung wurde stabilisiert, und es wurde weitgehende Vollbeschäftigung erreicht. 1955 trat Österreich auch der EFTA bei. Raab führte Koalitionsregierungen mit der SPÖ, diese Große Koalition blieb die Standardregierungsform bis 1966. Im Jahr 1957 erlitt er einen leichten Schlaganfall, von dem er sich nie wieder ganz erholte, was er selbst allerdings nicht wahrhaben wollte.

Raab war ein Politiker des gemütlichen, aber patriarchalischen Typs. Er saß, seiner Macht bewusst, gern Virginier rauchend im Kaffeehaus nahe dem Kanzleramt und wurde von Karikaturisten österreichischer Zeitungen auch gern mit Zigarre dargestellt. Seine Abberufung 1961 erfolgte, weil er der ÖVP nicht mehr dynamisch genug erschien.

Besonders in Erinnerung ist Raab vor allem als Chef der Bundesregierung, die 1955 den Staatsvertrag und damit den Abzug der Besatzungstruppen erreichte. Raab war Leiter der Regierungsdelegation, die im April 1955 auf Einladung der Sowjetunion in Moskau die abschließenden Verhandlungen führte. Weitere Delegationsmitglieder waren Adolf Schärf (in den ersten beiden Raab-Regierungen bis 22. Mai 1957 Vizekanzler, dann Bundespräsident), Außenminister Leopold Figl - der am 15. Mai 1955 für Österreich unterzeichnete - und Staatssekretär Bruno Kreisky. Der Staatsvertrag beendete die alliierte Besetzung Österreichs und gab dem Land damit seine volle Souveränität zurück.

Am 28. April 1963 unterlag Raab, der einer Krankheit zum Trotz aus Pflichtbewusstsein für die ÖVP angetreten war, bei der Bundespräsidentenwahl dem Amtsinhaber seit 1957, Adolf Schärf, der mit 55,4 % der Stimmen wiedergewählt wurde. Acht Monate später ist Julius Raab verstorben.

Er ruht in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 14 C, Nummer 21 A).

Auszeichnungen (Auszug)

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Thomas Chorherr: Große Österreicher. 100 Portraits von bekannten Österreichern. Ueberreuter. Wien 1985. ISBN 3-8000-3212-0. S. 240-243
  2. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Band 4, Kremayr & Scheriau, Wien 1995, ISBN 3-218-00546-9, S. 619
  3. Ernst Hanisch (Hrsg.): Österreichische Geschichte: 1890–1990: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Ueberreuter, Wien 2005, S. 105.
  4. Peter Csendes: Wien: Von 1790 bis zur Gegenwart, Böhlau, Wien 2006, ISBN 9783205992684, S. 501
  5. Klemens Kaps: Baumeister des Faschismus. (…) Lehrjahre eines österreichischen Staatsvertragskanzlers. In: Monatszeitschrift Datum, Nr. 9 / 2005.

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