Junge Letten

Jungletten (lett.: jaunlatvieši) ist die gebräuchlichste Bezeichnung für die Intellektuellen des ersten Nationalen Erwachens der Letten zwischen 1850 und 1890.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Jaunlatvieši wird manchmal auch mit Neue Letten übersetzt; Jungletten oder Junge Letten aber ist genauer, weil es der literarischen Bewegung Junges Deutschland nachempfunden ist. Ursprünglich war es eine von ihren meist deutsch-baltischen Gegnern verwandte abschätzige Bezeichnung für die nationalistischen Intellektuellen. Der Begriff "ein junges Lettland" wurde 1856 erstmals von Gustav Wilhelm Sigmund Brasche, dem Pastor von Nīca, in einer Besprechung von Juris Alunāns' Dziesmiņas latviešu valodai pārtulkotas (dt.: Kleine Lieder, ins Lettische übersetzt) in der Zeitung Das Inland benutzt. Darüber räsonierend, wer solche Literatur in Lettland schätzen könnte (Alunāns' Buch war die erste größere Übersetzung klassischer ausländischer Dichtung in die lettische Sprache), warnte Brasche, dass diejenigen, die den Traum "eines jungen Lettlands" träumten, das tragische Schicksal des Fährmanns in Heines Gedicht über die Lorelei erleiden würden; die Übersetzung war Teil von Alunāns' Gedichtsammlung. Die Jungen Letten wurden mitunter auch als "tautībnieki" (Volkskundler) oder in Anlehnung an die Slawophilen als Lettophile bezeichnet.

Anfänge

Obwohl die Jungletten als Teil einer hauptsächlich kulturellen und literarischen Bewegung betrachtet werden können, hatte ihr Auftreten wegen der damals in Lettland vorherrschenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen bedeutende politische Auswirkungen. Obgleich Teil des russischen Reiches, war Lettland von deutsch-baltischen Adligen dominiert. Das Jahr 1856 wird allgemein als Anfang der Bewegung angesehen: Alunāns' Buch erschien und die größte Zeitung in lettischer Sprache Mājas Viesis (Der Hausgast), die einen Gegenpol zur deutschfreundlichen Zeitung Latviešu Avīzes darstellte, wurde gegründet. Ein anderes zeitgenössisches und anstoßgebendes Ereignis war die öffentliche Erklärung der Nationalität durch einen späteren Anführer der Bewegung, Krišjānis Valdemārs, von 1854 bis 1858 Student der Universität Tartu (Dorpat). Valdemārs befestigte eine Visitenkarte als Namensschild an seiner Tür, die ihn als "C. Woldemar stud. cam. Latweetis." auswies. Zu dieser Zeit galt es für eine gebildete Person beinahe als unerhört, sich Lette zu nennen, Bildung bedeutete Germanisierung und Valdemārs' Tat wurde mit dem Handeln Luthers vergleichen, als dieser seine 95 Thesen ans Portal der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Genau jedoch wie einige Gelehrte diesen Vorgang als unmaßgeblich bewerten, kann man Valdemārs' Türschild in seinen Zusammenhang gestellt auch weniger dramatisch sehen. Der Historiker Arveds Švābe hielt fest, dass es Valdemārs in seinen eigenen Schriften ablehnte, ein Radikaler zu sein. Die Jungletten hatten bis in die 1860er keinerlei politisches Programm, um die Deutsch-Balten herauszufordern, nach Švābe kristallisierte sich ihr politischer Widerstand gegen die herrschende Ordnung unter dem Einfluss der Slawophilen und der Reformen Alexanders des II. heraus.

Exponenten

Valdemārs gilt als geistiger Vater des Erwachens. Zusammen mit Alunāns leitete er in Tartu Studentenversammlungen und befürwortete volkskundliche Studien und die Einrichtung von Marineakademien um seefahrende Völker aus den Letten und Esten zu machen. Krišjānis Barons begann unter dem Einfluss von Valdemārs' damit, dainas, Volkslieder und Gedichte, zu sammeln und 1862 veröffentlichten Valdemārs, Alunāns und Barons in Sankt Petersburg gemeinsam die bisher radikalste lettischsprachige Zeitung Pēterburgas Avīzes; 1865 wurde diese von den Behörden verboten. Atis Kronvalds (auch bekannt als Kronvaldu Atis) erneuerte von 1867 bis 1873 die "lettischen Abende", die Valdemārs in Tartu begonnen hatte. Seine Nationalen Bestrebungen (1872) können als Manifest der Jungletten angesehen werden. Zu ihren älteren Kollegen gehörten Kaspars Biezbārdis, der erste lettische Philologe, der dabei half, Petitionen an den Zaren zu verfassen, in denen die rauen Bedingungen für die lettischen Landarbeiter angegriffen wurden und der dafür 1863 nach Kaluga verbannt wurde, sowie Andrejs Spāģis, der als erster Schriftsteller die europäische Aufmerksamkeit auf das baltische Problem lenkte. Fricis Brīvzemnieks-(Treuland) wird als Vater der lettischen Volkskunde betrachtet; Barons machte das Sammeln der dainas später zu seiner Lebensaufgabe und vollendet das gemeinsam begonnene Werk. Der Dichter Auseklis (Pseudonym für Krogzemju Mikus) stand in den Worten des Diplomaten und Gelehrten Arnolds Spekkes für die "romantische und mystische Suche nach der Seele der Nation." Der Junglette Andrejs Pumpurs verfasste 1888 das Nationalepos Lāčplēsis (Der Bärentöter).

Entwicklungen und Teilungen

Pumpurs umschrieb die Bewegung rückwirkend so: "Diejenigen in dieser Gruppierung, die fünfundzwanzig Jahre um die Freiheit kämpften, wurden Jungletten genannt. Sie hatten fast alle das gleiche Schicksal. Ohne Heimatland, ihr Volk rechtlos, ohne Güter und Unterhalt, oft gar ohne Unterkunft und Brot, waren sie zur Wanderschaft verdammt. Alle Türen blieben ihnen verschlossen, man verwehrte ihnen Wohnstatt und Anstellung. Schweren Herzens verließen sie ihr geliebtes Heimatland und gingen ins Ausland, ins russische Kernland auf der Suche nach Auskommen und Wissen."

Tatsächlich war die Hälfte der Letten, die in jener Zeit eine höhere Bildung erlangten, gezwungen, sich Arbeit in Russland zu suchen. Wie es Švābe sah: "Mit ihrer eigennützigen und kurzsichtigen Politik drängte der deutsch-baltische Adel die Jungletten in die Freundschaft zu Russland". Sogar deutsch-baltische Intellektuelle, die sich dem Studium der lettischen Kultur und Sprache widmeten, wie August Johann Gottfried Bielenstein, der Herausgeber der Latviešu Avīzes, griffen die jungen Letten an, während Keuchel, der Herausgeber der Zeitung für Stadt und Land erklärte, dass es unmöglich sei, gebildet und Lette zu sein, ein gebildeter Lette ("sei ein Unding"). Pastor Brasche schrieb, es gäbe weder eine lettische Nation, noch habe das lettische Volk eine Vergangenheit, und schlug vor, den Begriff "Junge Letten" durch ("Jung-Bauernstand") zu ersetzen. Die verbreitetste protestantische Zeitschrift erklärte, dass die Letten im 13. Jahrhundert eine Nation gewesen wären, aber seither zu einer Bauernschicht verkommen wären. "Braucht jede Schicht ihre eigene Sprache? Das Lettische muss aussterben." Die ethnisch lettischen Unterstützer der Deutsch-Balten wurden als "Altletten" bekannt. Weil viele Gegner der Jungletten mit der protestantischen Kirche in Verbindung gebracht wurden, hatte die Bewegung auch einen ausgesprochen antiklerikalen Charakter.

Obwohl ein Zweig des Nationalen Erwachens in Tartu beheimatet war und später nach Sankt Petersburg und Moskau wechselte, gelang es den Lettophilen in den späten 1860ern, sich in Lettland festzusetzen. Sie gründeten 1867 einen Hilfsfonds für die Opfer der Hungersnot in Estland und Finnland und erhielten ein Jahr später die Erlaubnis, die Rīgaer Lettische Gesellschaft zu gründen. Ähnliche Gesellschaften folgten in anderen Städten, die Rīgaer erhielt den Übernamen "Mütterchen" ("māmuļa"). Die Rīgaer Lettische Gesellschaft brachte das erste lettische Stück auf die Bühne, hielt die erste Konferenz lettischer Lehrkräfte ab und organisierte 1873 das erste Lettische Sängerfest.

Valdemārs erging sich in Streitschriften mit Keuchel (dem Autor von "sei ein Unding") und schrieb Nationale Bestrebungen seinen Kritikern zur Antwort auf deutsch. Als Pragmatiker und Materialist kam Valdemārs im Exil und unter polizeilicher Überwachung in Moskau weiter unter den Einfluss der Slawophilen, als er für den Verleger Michail Nikiforowitsch Katkow arbeitete. Für Vāldemārs, "konnte der Kulake niemals so gefährlich sein, wie der Deutsche mit seinen Eisenkrallen." In Wirklichkeit war die Freiheitlichkeit, nach der die Jungletten im Osten suchten, unter Zar Alexander dem III. bald gänzlich auf dem Rückzug und die lettische Sprache durch die Russifizierung stärker gefährdet als durch die Germanisierung.

Quellen

  • Arnolds Spekke: History of Latvia: An Outline. Stockholm: M. Goppers/Zelta Ābele, 1951.
  • Alfred[s] Bilmanis: A History of Latvia. Princeton: Princeton University Press, 1951.
  • Arveds Švābe: Latvijas vēsture 1800-1914. Uppsala: Daugava, 1958.
  • Arveds Švābe, ed.: Latvju enciklopēdija. Stockholm: Trīs Zvaigznes, 1952-1953.
  • Uldis Ģērmanis: Latviešu tautas piedzīvojumi. Ann Arbor: Ceļinieks, 1974.
  • Agnis Balodis: Latvijas un latviešu tautas vēsture. Rīga: Kabata, 1991.
  • Teodors Zeiferts: Latviešu rakstniecības vēsture. Rīga: 1922 -- verfügbar unter http://www.ailab.lv/Teksti/Senie/Zeiferts/zeifsat.htm
  • Ernests Blanks: Latvju tautas ceļš uz neatkarīgu valsti. Västerås: Ziemeļbāzma, 1970.
  • Ilga Apine: Latvija 19. gadsimta otrajā pusē Version vom 23. Juni 2005
  • Jānis A. Krēsliņš: Recent Publications on Baltic History. Version vom 23. Juni 2005
  • Arturs Priedītis: Latvijas kultūras vēsture. Daugavpils: A.K.A., 2000. ISBN 9984-582-11-6 (mit Zusammenfassung auf Russisch und Englisch)
  • Viktors Hausmanis, ed.: Latviešu rakstniecība biogrāfijās. Rīga: LZA, 1992.
  • Jānis Rozenbergs: "Fricis Brīvzemnieks -- latviešu folkloristikas pamatlicējs." (mit einer kurzen Zusammenfassung auf Englisch) Version vom 25. Juni 2005
  • "Jaunlatvieši un latviešu valodas attīstība," "Die Jungletten und die Entwicklung der lettischen Sprache". Version vom 25. Juni 2005.

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