Kaiserlich Russische Armee

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Kaiserlich Russische Armee
Bronze-Gedenkplatte mit dem Zarenwappen auf einem Gedenkstein f√ľr russ. Gefallene 1914 bis 1916

Die Kaiserlich Russische Armee, auch Zaristische Armee genannt, war das Heer des Russischen Reiches von der Zeit Peter des Gro√üen bis zur Proklamierung der Russischen Sowjetrepublik im Jahre 1917. Nachfolgestreitkraft wurde offiziell die Rote Armee, w√§hrend Teile der Angeh√∂rigen der alten Armee in die Wei√üe Armee √ľbergingen.

Inhaltsverzeichnis

Vorläufer

Die Wurzeln der sp√§teren zaristischen Armee gehen auf die Druschinas der F√ľrsten und Gro√üf√ľrsten in der Zeit des Mittelalters zur√ľck. Diese waren vom F√ľrsten angeheuerte und aus eigener Kasse bezahlte, einigerma√üen professionelle Soldaten die als einer Art Leibgarde fungierten. Im Unterschied zu den Europ√§ischen Rittern waren die Mitglieder der Druschina nicht an Landvergaben sondern nur direkt an den F√ľrsten gebunden. Deswegen fanden sich Vertreter unterschiedlichster V√∂lker in den Regimentern zusammen. Ein anderer Unterschied war das Fehlen einer Lehnspflicht, der Eintritt in die Druschina war ebenso freiwillig wie der Austritt oder Wechsel zu einem anderen F√ľrsten. Da f√ľr gr√∂√üere kriegerischen Operationen die Mannschaftsst√§rke der Druschinas naturgem√§√ü nicht ausreichte, wurden bei Notwendigkeit Landwehr von den Gemeinden einberufen. W√§hrend der Herrschaft von Vasili III (1479-1533) wurden die ersten Vorg√§nger einer tats√§chlich stehenden Armee, die Pishalshiky (zu deutsch die Handrohrtragenden) aufgestellt. Diese setzten sich zu Friedenszeiten aus Adelsleuten und Adelss√∂hnen zusammen, in Kriegszeiten stellten die Adligen ihre Gefolgsleute und die St√§dte und Gemeinden ein besonderes Aufgebot zus√§tzlich zur Verf√ľgung. Ab etwa 1530 entstanden aus diesem Gebilde dann unter Iwan IV. die Strelizen. Dabei wurden die Adels- und Gemeindeaufgebote durch Kosaken, vom Staate bezahlten Artilleristen und Versorgungseinheiten, wie Schmiede, Schneider, Dolmetscher usw. erg√§nzt. Ihrer Natur nach privilegiert waren diese Einheiten sehr launisch, griffen oft in die Politik ein und dazu im Vergleich zu Berufssoldaten von zweifelhaftem Kampfwert.

Die Armee im Russischen Zarentum (1547‚Äď1721)

Im 17. Jahrhundert

Buchillustration von Strelizen um 1674
Aleksander Wassiljewitsch Wiskowatow, 1841

Im allgemeinen wird die Vorpetrinische Armee des 17. Jahrhunderts mit einer Ansammlung unausgebildeter Adelsaufgebote und widerspenstiger Strelitzen in Verbindung gebracht.[1] Dies ist jedoch ein falscher Eindruck, da bereits seit den 1630ern Reformen unternommen wurden, die die Russische Armee an den westeurop√§ischen Stil heranf√ľhren sollten.

Nach der Zeit der Smuta, in der sich Russland 20 Jahre ununterbrochen im Kriegszustand befand, ben√∂tigte es im Anschluss eine Zeit der inneren Konsolidierung, um sich von den erlittenen Verlusten zu erholen. In den 1630ern f√ľhlte sich das Reich stark genug um einen neuen Krieg gegen Polen zu f√ľhren, mit dem Ziel, die w√§hrend der Zeit der Smuta an Polen verloren gegangenen Gebiete zur√ľckzugewinnen. Bei dem sich anschlie√üenden Krieg gegen Polen-Litauen von 1632 bis 1634 zeigte sich allerdings, dass die einstmals milit√§risch schlagkr√§ftigen russischen Truppen im Verh√§ltnis zu den neuzeitlichen Linienregimentern der polnischen Armee nicht mithalten konnten. Das berittene Adelsaufgebot war, bedingt durch mangelndes Training, schlecht zu Pferde und trug veraltete Waffen, w√§hrend die Strelitzen unter schlechter F√ľhrung litten und durch eine zunehmende Konzentrierung auf die Durchsetzung eigener Interessen in ihrer Leistungsf√§higkeit beeintr√§chtigt wurden.[2]

So begann nach diesem Fehlschlag eine breiter angelegte und lang andauernde Reformierungsphase der russischen Armee. Die Zaren heuerten zuerst ganze ausl√§ndische Regimenter an. Ab Mitte des 17. Jahrhundert √§nderte sich dies jedoch, insofern nur noch einzelne ausl√§ndische Offiziere angeheuert wurden, die die Nationalen Regimenter ausbilden und f√ľhren sollten. Diese Offiziere √ľbertrugen ihre milit√§rischen F√§higkeiten, Wissen und Technologien die sie in Westeuropa erhalten hatten, auf die russischen Regimenter was zu einer Imitation der Russischen Armee nach westeurop√§ischen Standard f√ľhrte.

Die Armee des Russischen Zarenreiches bestand ab der Mitte des 17. Jahrhundert im Wesentlichen aus:

Die Artillerie war ein eigenständiger, von der Armeeorganisaition losgelöster Teil, genannt Narjad. Sie hatte keine stabile Organisationsform und Stärke.

Zur Mitte des 17. Jahrhunderts gab es bereits 16 Regimenter Strelizen (16.900 Mann), das Adelsaufgebot bestand aus 9.700 Mann, w√§hrend zur selben Zeit 58 Regimenter bestanden, die zusammen 59.200 Mann ausmachten sowie 25 regul√§re Kavallerieregimenter mit 29.800 Mann. So waren von den 115.000 regul√§ren Truppen bereits 76% der Soldaten Angeh√∂rige der Verb√§nde neuer Art.[3] Der Erfolg der russischen Truppen im Russisch-Polnischer Krieg 1654‚Äď1667 best√§tigte den Reformkurs.

Kriegseinsätze der zaristischen Armee im 17. Jh.:

Die f√ľr das Heer vorgesehenen Mittel im ersten √ľberlieferten Staatshaushalt im Jahr 1680 betrugen 62%.[4] Die hohen Ausgaben f√ľr das Heer hingen mit der seit Jahrzehnten andauernden Heeresreform zusammen. Ziel dieser war die Abl√∂sung des alten Adelsaufgebotes durch ein stehendes Heer. Im ganzen verf√ľgte der Zar zu diesem Zeitpunkt - einschlie√ülich der ukrainischen Kosaken - √ľber rund 200.000 Mann.[5] Davon waren 61.300 Infanterie und 30.500 Kavallerie moderner Art in 63 regul√§ren Regimentern nach europ√§ischen Muster mit ausl√§ndischen und russischen Berufsoffizieren. Die Bewaffnung entsprach ungef√§hr der der √ľbrigen Armeen Europas, die in Russland selbst hergestellt wurden.[6] Daneben gab es noch 15.800 Mann Adelsaufgebot und 20.000 Strelitzen.[7] Der Anteil der Adligen war seit 1630 bis 1680 von 34% auf 8% zur√ľckgegangen, obgleich man auf R√ľcksicht des Adels und aus finanziellen Gr√ľnden noch nicht auf das Adelsaufgebot verzichtete. Die Strelitzenoffiziere rebellierten aber gegen die Einf√ľhrung der neuen Dienstr√§nge Oberst und Hauptmann statt der bisherigen Haupt- und Hundertschaftsf√ľhrer. Erfolgreich war dagegen die Einf√ľhrung von neun, dann acht Milit√§rbezirken f√ľr das Reich, die die Rekrutierungen erleichtern sollten.

Nach zwei unterdr√ľckten Strelizenaufst√§nden (1682 und 1698) wurden die Regimenter aufgel√∂st.

Die Ans√§tze zur Modernisierung der Armee wurden teilweise w√§hrend der Regentschaft der Schwester von Peter, Sofia Alexejewna und dem F√ľrsten Wassili Wassiljewitsch Golizyn von 1682 bis 1689 zunichte gemacht. Die nicht am Milit√§r interessierte Regentin f√ľgte sich dem Widerwillen des Adels gegen die Truppen der Neuen Ordnung und verbot die weitere Ausbildung solcher Truppen.[8] Dieses Verbot brach dem stehenden Heer das R√ľckgrat und warf Russland gegen√ľber seinen Nachbarn milit√§risch weit zur√ľck. Die so k√ľnstlich geschw√§chte Armee erlitt folglich Niederlagen bei zwei Krimfeldz√ľgen 1687 und 1689 gegen die tatarischen Vasallen des Sultans. Zu dem Zeitpunkt hatte die Armee nur noch etwa 112.000 Mann (davon 80.000 nach moderner Ordnung in immer noch denselben 63 Regimentern) und ca. 40.000 geworbene Dienstkosaken zu verzeichnen. Das bedeutet, dass seit 1681 die russische Armee um mehr als 60.000 Soldaten geschrumpft war.[9] Der Zustand verschlechterte sich noch in den ersten Jahren der offiziellen Herrschaft Peters I. (1689 bis 1694) weiter, als noch seine Mutter die Regierungsgesch√§fte f√ľhrte. F√ľr diese Zeit muss die Zahl der regul√§ren Soldaten um weitere 40.000 Mann zur√ľckgegangen sein.

Reformen unter Peter dem Großen (1700 bis 1723)

W√§hrend der Regierungszeit des Zaren Peter I. 1689 bis 1725 wurden durch Patrick Gordon, Fran√ßois Le Fort und Andere die Grundlagen einer modernen Armee nach europ√§ischem Vorbild geschaffen. Als Initialz√ľndung f√ľr die grundlegende Reformierung erwies sich die Katastrophe infolge der Schlacht bei Narva im Gro√üen Nordischen Krieg im Jahr 1700, bei der sich die russische Armee als deutlich unterlegen gegen√ľber einer viel kleineren schwedischen Streitmacht erwies. Zu der Zeit verf√ľgte der Zar √ľber ein Heer von 100.000 Mann, die durch die Aufl√∂sung der Strelitzen-Regimenter 1698 und die Versto√üung der Strelitzen aus dem Heer um 30.000 Mann geschw√§cht wurde. Die Armee war zudem bis auf vier Regimenter schlecht bewaffnet und noch schlechter ausgebildet und gef√ľhrt.[10]

Da die schwedische Hauptarmee auf dem polnischen Kriegsschauplatz gebunden war, nutzte Zar Peter I. die Situation und baute Schritt f√ľr Schritt die Armee wieder auf. Durch Rekrutierungen konnte die Armee wieder gest√§rkt werden und umfasste 1705 bereits wieder 200.000 Soldaten, nach 34.000 im Jahr 1700.[11] Peter I. ernannte ausl√§ndische Experten, die die Truppen - ausgestattet mit modernen Waffen - in den Methoden der westeurop√§ischen Kriegsf√ľhrung schulen sollten. Um die bei Narva verloren gegangene Artillerie schnell wieder aufzubauen, lie√ü Peter I. Kirchenglocken konfiszieren, um aus ihnen Kanonen herzustellen. So verf√ľgte im Fr√ľhjahr 1701 die russische Armee wieder √ľber 243 Kanonen, 13 Haubitzen und 12 M√∂rser.[11] Danach wurden weitere Anstrengungen unter der Leitung geschickter holl√§ndischer Gesch√ľtzgie√üer unternommen, um die Artillerie weiter zu modernisieren. In L√ľttich, Europas √§ltester und wichtigster Waffenfabrik, wurden 15.000 neue Musketen gekauft.

Weitere Punkte der Heeresreform von 1705 und davor:

  • Die alte Moskowiter Reiterei wurde durch Dragonerverb√§nde ersetzt, die keine reinen Adelsverb√§nde mehr darstellten.
  • Weitere Anstrengungen wurde in dem Aufbau von milit√§rischen Ausbildungsst√§tten verwendet. Ferner wurde die ehemaligen Spielregimenter Peter des Gro√üen, das Preobraschenski- und das Semjonowski-Regiment als privilegierte Eliteeinheiten der Zaristischen Garde errichtet.
  • Der Adel, der bisher im Rahmen des Adelsaufgebot dienstverpflichtet waren und als Gefolgsleute Dienstlehen erhalten hatten, wurden von nun an als regelm√§√üig besoldete Offiziere in die Armee eingebunden. Das Unteroffizierskorps und die Mannschaften wurde durch Bauern und B√ľrger der St√§dte gestellt. Die Dienstzeit betrug 15-20 Jahre.
  • Als Spezialisten wurden ausl√§ndische Fachleute in der Organisation des russisches Heeres integriert, wobei die Schl√ľsselpositionen von Russen besetzt blieben.

Die Zaristische Armee konnte zwischen 1701 und 1706 von 40 auf 78 Regimenter vergr√∂√üert,[12] und bis 1709 von Grund auf erneuert und reorganisiert werden, so dass sie in der Lage war, mit den disziplinierten schwedischen Truppen mitzuhalten und in der Schlacht bei Poltawa einen entscheidenden Sieg zu erringen, und die Wende des Krieges herbeizuf√ľhren.

Da Peter der Gro√üe in seinen 36 Regierungsjahren nur in 2 Jahren keinen Krieg f√ľhrte, gab es eine Vielzahl von Aushebungen. Allein zwischen 1705 und 1713 w√§hrend des Gro√üen Nordischen Krieges gab es 10 Musterungen, die rund 337.000 M√§nner zu den Waffen riefen. Die Dienstbedingungen waren allerdings so schlecht, dass w√§hrend des Gro√üen Nordischen Krieges etwa 45.000 russische Soldaten t√∂dlich verletzt wurden, aber 54.000 an Krankheiten starben.[13]

Eine weitere wichtige Reform Peters, die auch der Armee sehr behilflich war, war die Reform der Rangliste durch die Rangtabelle 1721. Urspr√ľnglich durfte nach der alten Rangliste niemand in der Armee unter jemandem dienen, dessen Rang niedriger war als der Rang des eigenen Vaters. Dies f√ľhrte dazu, dass geeignete Milit√§rs keine F√ľhrungsaufgaben in Verb√§nden √ľbernehmen konnten, sofern in diesen Verb√§nden S√∂hne rangh√∂herer Adeliger dienten. Dadurch wurde die Schlagkraft der russischen Armee massiv geschw√§cht. Dieses System wurde von Sofia Alexejewna zwar au√üer Kraft gesetzt, aber erst durch die neue Rangordnung 1721 ersetzt.

Das Unteroffizierskorps und die Mannschaften wurde durch Bauern und B√ľrger der St√§dte gestellt. Die Dienstzeit betrug 15-20 Jahre. Zur Finanzierung der neuen russischen Armee, die zwischen 1701 und 1706 von 40 auf 78 Regimenter vergr√∂√üert wurde [12] und der neu gegr√ľndeten russischen Flotte f√ľhrte Peter der Gro√üe 1718 die Kopfsteuer f√ľr die leibeigenen Bauern und die steuerpflichtigen B√ľrger der St√§dte ein.

Bedingt durch die schlechten Bedingungen in der Armee, nahm zu der Zeit die Desertion große Ausmaße an. Eine von der russischen Administration unternommene Zählung ergab 198.876 Deserteure in der Zeit von 1719 bis 1727.[13]

Nach dem siegreichen Ende des Großen Nordischen Krieges ernannte sich Zar Peter I. 1721 zum Kaiser und erhob das russische Zarentum zum Kaiserreich Russland. Die offizielle Bezeichnung der Zarenarmee war von nun an bis zu ihrer Auflösung 1917 Kaiserlich Russische Armee.

Die Armee im Russischen Kaiserreich (1721‚Äď1917)

Im 18. Jahrhundert

Abbildung russischer Infanterie zur Zeit des Siebenjährigen Krieges
(Richard Kn√∂tel (1857‚Äď1914): Uniformkunde, Band III. No. 27.)

W√§hrend der Regierungszeit der Kaiserin Elisabeth zeichnete sich die neue Armee an der Seite der Koalition gegen K√∂nig Friedrich II. im Siebenj√§hrigen Krieg aus. Es wird angenommen, dass der pl√∂tzliche Tod Elisabeths Preu√üen vor der Niederlage rettete. Zu Beginn der Regierungszeit von Katharina II. verf√ľgte die russische Armee √ľber ein stehendes Heer von ca. 186.000 Soldaten zuz√ľglich irregul√§rer Kosakenverb√§nde. Au√üerdem konnte die Opoltschenije aufgeboten werden. Diese z√§hlte 270.000 Mann Infanterie und 50.000 Reiter.

Im Zeitalter Napoleons bis zum Ersten Weltkrieg

In dem Kriegsgeschehen in Europa zur Zeit Napoleons stand die Armee des Zarenreiches an Seite der Alliierten gegen Frankreich und nahm an s√§mtlichen bedeutenden Schlachten, von Austerlitz bis zur gro√üen V√∂lkerschlacht bei Leipzig teil. Zu Beginn des Russlandfeldzuges Napoleons im Jahr 1812 standen im westlichen Teil des Russischen Reiches rund 250.000 Mann bereit, von denen 156.000 Mann mit 762 Gesch√ľtzen im Gro√üherzogtum Warschau (1. und 2. Westarmee), 42.000 Mann in Wolhynien (Dritte Reserve-Operationsarmee) und die restlichen Truppen in Finnland, Moldawien und im Kaukasus standen. Dazu kamen Kosakenformationen und Truppen aus Asien, welche zusammen eine Truppenmacht von 70.000 Mann ergaben.

Nach den Napoleonischen Kriegen und der f√ľhrenden Rolle bei der Niederringung Napoleons in den sich anschlie√üenden Befreiungskriegen, sahen viele das Russische Reich als st√§rkste europ√§ische Milit√§r- und Landmacht an. Im fr√ľhen 19. Jahrhundert war die Armee aber haupts√§chlich noch mit einer Vorderladermuskete (Steinschlo√ü und glatter Lauf) ausger√ľstet. Das russische Modell von 1828 verwendete wie sein Vorg√§nger noch runde Kugeln und traf ab 200 Meter nicht mehr genau. Die in den Armeen Westeuropas eingesetzten Hinterlader galten als zu kompliziert und nicht robust genug, au√üerdem bereiteten sie der russischen Waffenindustrie eine Menge technischer Schwierigkeiten. Die Waffenbeschaffung lag beim Regiment, aber die Offiziere gaben die daf√ľr vorgesehenen Mittel lieber f√ľr Essen und vor allem f√ľr Trinkgelage aus, die als M√§nnlichkeitsrituale galten. F√ľr die Beschaffer kamen die Reisen zu schmutzigen Staatsarsenalen und weit entfernten R√ľstungsbetrieben einer Bestrafung gleich. Ramschverk√§ufe versuchte der Staat zwar mit der Einsetzung von Waffeninspektoren zu verhindern, dies allerdings mit wenig Erfolg denn die Inspektoren wurden bald selbst Teil des Lottersystems denn es galt: erf√ľlle den Plan, liefere die Einheiten, bezahle die Inspektoren und k√ľmmere dich nicht um die Qualit√§t. Das Ergebnis waren meist falsch sitzende L√§ufe, schlechte Nieten und Schrauben, verrottete Gewehrsch√§fte und unpassende Schlo√üteile. 1853 besa√ü die zaristische Armee nur die H√§lfte der ben√∂tigten Musketen. Nicht besser stand es um den Ausbildungsstand der Soldaten (generelle Dienstzeit 25 Jahre). Das Gewehr war eher ein Vorf√ľhrger√§t, wurde nur f√ľr Paraden aufpoliert da die M√§nner das Fett aus eigener Tasche bezahlen mussten. Munition war teuer, da sie im damaligen Russland nicht in gen√ľgender Menge produziert werden konnte. F√ľr Schie√ü√ľbungen wurden haupts√§chlich Tonkugeln verwendet die jedoch bald die L√§ufe ruinierten. Auch die Offiziere k√ľmmerten sich nicht sonderlich besser um ihre Waffen. Das Kriegsministerium befahl daher lieber Pistolen anstatt von Revolvern auszugeben. Die Waffenschmiede der Armee wiederum hatten weder die Ausbildung noch das geeignete Werkzeug; mit denselben Ger√§tschaften mussten sie Pferde beschlagen, R√§der wieder festmachen und eben auch Gewehre reparieren.

Angesichts all dieser Unzul√§nglichkeiten gelangten die russischen Strategen schlie√ülich zur Ansicht, dass der Kampf Mann gegen Mann und die Moral wichtiger waren. Dem Bajonett kam in diesem √úberlegungen daher eine besondere Bedeutung zu. ‚ÄěDie Gewehrkugel ist ein Dummkopf, aber das Bajonett ist ein braver Kerl.‚Äú meinte Marschall Suwarow da sein Einsatz in der Schlacht seiner Meinung nach sicherer war. Gewehre schw√§chten hingegen Entschlu√ükraft und Kampfgeist, es sei daher ein Fehler von Vorder- auf Hinterlader zu wechseln. Dabei w√ľrde blo√ü eine Menge Munition verschwendet. W√§hrend in anderen Armeen die modernen Hinterlader immer mehr an Bedeutung gewannen wurde der russische Soldat in dieser Hinsicht einem rigorosen Sparprogramm unterworfen. Diese fatale Milit√§r√∂konomie war auch ein Spiegelbild der Gesellschaft im Zarenreich die durch die gro√üe Angst vor Ver√§nderung und durch eine zum Himmel schreiende Unwirtschaftlichkeit gepr√§gt war. Der Krimkrieg war daher das vorprogrammierte Desaster f√ľr die Armee des Zaren. Viele Einheiten verwendeten immer noch Steinschlo√ümusketen w√§hrend Briten und Franzosen Perkussionsb√ľchsen einsetzten die eine 3-5fache Reichweite besa√üen. Selbst die russischen Gener√§le waren dadurch eine leichte Beute. Die Russen verloren was sie sich am meisten leisten konnten, Menschen, 600.000 von ihnen kamen auf der Krim ums Leben. Vielmehr schmerzten den Generalstab und den Zaren aber die unerheblichen Gebietsverluste.[14]

Nach dem verlorenen Krimkrieg √ľbernahm Frankreich zun√§chst die Stellung der f√ľhrenden europ√§ischen Milit√§r- und Landmacht, welche wiederum 1871 vom neu gegr√ľndeten Deutschen Kaiserreich abgel√∂st wurde. Das russische Heer wurde in der Phase des Imperialismus im 19. Jahrhundert, wie in anderen europ√§ischen Staaten auch, stetig vergr√∂√üert. 1874 kam es zur Einf√ľhrung der Wehrpflicht. Aufgrund des riesigen Menschenpotentials des Zarenreichs wurden √ľber Jahrzehnte hinweg allenfalls rund 30 % der infragekommenden Dienstpflichtigen herangezogen.

Im Ersten Weltkrieg (1914‚Äď1917)

Das russische Heer war 1914 zahlenm√§√üig das gr√∂√üte der Welt. Allerdings entsprach diese Tatsache nicht einer entsprechenden Schlagkraft. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs mangelte es bei rund der H√§lfte der Infanteriedivisionen an Waffen, Munition und moderner Ausr√ľstung . Es fehlte z.B. an schwerer Artillerie und Nachrichtenmitteln. Die materielle Sicherstellung (Versorgung, Nachschub) war mangelhaft.

Zu Kriegsbeginn 1914 war die Kaiserlich Russische Armee eine stark fragmentierte Organisation, durch die verschiedene Bruchlinien verliefen, die ihre Erfolgsmöglichkeiten im Ersten Weltkrieg entschieden schwächten:

  • Einen ersten Konflikt gab es zwischen den beiden Machtpolen, die die Streitkr√§fte steuerten. Dabei stand die Amtsgewalt des Kriegsministers Suchomlinow in Konkurrenz zum Einfluss des Pro-forma-Armeechefs Gro√üf√ľrst Nikolai. Beide schw√§chten sich in ihrem Intrigenspiel bei Hofe derart, dass erst wenige Wochen vor Kriegsbeginn ein einheitliches Armeehauptquartier, die sogenannte ‚ÄěStawka‚Äú unter General Danilow aufgestellt werden konnte. Die Armee im Westen blieb aber in zwei Fronten gegliedert: Die Nordwestfront unter General Jakow Schilinski (zum Angriff auf Ostpreu√üen) und die S√ľdwestfront unter General Nikolai Iwanow (gegen die k.u.k.-Truppen in Galizien). Das Hauptquartier besa√ü freilich nur geringen Einfluss, w√§hrend gleichzeitig die Frontkommandeure eine starke Autonomie genossen. Darunter sollte die strategische Koordination der russischen Armee bis zur Brussilow-Offensive 1916 leiden.
  • Ein weiterer Graben tat sich innerhalb des Offizierskorps des Kaiserlichen Heeres auf. Eine Kaste meist adliger Offiziere durchlief die Generalstabsausbildung und stieg ohne nennenswerte Dienste bis in h√∂chste R√§nge auf. Der Rest der Offiziere, vor allem kleinb√ľrgerlicher und b√§uerlicher Abkunft, war meist ohne Aufstiegsm√∂glichkeiten auf schlecht bezahlten Posten fixiert. Diese Umst√§nde schr√§nkten die Genauigkeit ein, mit der sich Informationen entlang der Befehlskette bewegten, da Sender und Empf√§nger oft sprichw√∂rtlich aus verschiedenen Welten stammten. Den adligen Generalst√§blern waren die Probleme der Kriegsf√ľhrung durch die unteren R√§nge kaum zu vermitteln, da sie aufgrund mangelndem Dienst an der Truppe die Situation der Mannschaften oft nicht kannten. Die Unterschiede im sozialen Status verschlimmerten diesen Faktor noch um ein weiteres, da soziale Perspektive und soziales Verhalten zwischen den beiden Gruppen verschieden waren. S√§mtliche Armeen Europas waren auf den modernen Krieg nicht vorbereitet, die Streitkr√§fte Russlands besa√üen allerdings die schlechtesten Voraussetzungen f√ľr rasche Reformen.
  • In der Feinplanung des Kriegsfalls haftete der Stab der Armee an veralteten Milit√§rdoktrinen. Die Ausnutzung des Eisenbahnnetzes wurde ineffizient durchgef√ľhrt. Oft marschierten ganze Regimenter tagelang neben unbenutzten Eisenbahnstrecken her. Ebenso verhielt es sich mit der Mobilisierungsplanung f√ľr den Krieg. Die Truppen wurden zwar schnell in Marsch gesetzt, doch war ihre Vorbereitung auf einen modernen Krieg unzureichend. Die Munitionsreserve pro Gesch√ľtz im Feld wurde an Zahlen aus dem Russisch-Japanischen Krieg von 1905 ausgerichtet. Somit hatte ein russischer Batteriekommandeur nur ein Drittel der Geschosse seines deutschen Gegenspielers zur Verf√ľgung. Dieselben Probleme traten bei der Zuweisung von Lazarettbetten und Schanzausr√ľstung auf.
  • Bei der Ausstattung der Artillerie wurden leichte Gesch√ľtze bevorzugt. Die wenigen schweren Kanonen wurden fern der Front in den Festungen aufgespart. Dieser Fokus auf milit√§risch sinnlos gewordene Befestigungswerke band auch den gr√∂√üten Teil der Munitionsreserve der Streitkr√§fte.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Evgeniń≠ Viktorovich Anisimov, John T. Alexander:The Reforms of Peter the Great, M. E. Sharpe Verlag, S. 57
  2. ‚ÜĎ Geoffrey Parker: The Cambridge Illustrated History of Warfare, Cambridge University Press, S. 172
  3. ‚ÜĎ Evgeniń≠ Viktorovich Anisimov, John T. Alexander:The Reforms of Peter the Great, M. E. Sharpe Verlag, S. 58
  4. ‚ÜĎ Hans-Joachim Torke: Die russischen Zaren, 1547-1917, C.H.Beck-Verlag, S.132
  5. ‚ÜĎ Hans-Joachim Torke: Die russischen Zaren, 1547-1917, C.H.Beck-Verlag, S.133
  6. ‚ÜĎ Lothar R√ľhl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S.166
  7. ‚ÜĎ Evgeniń≠ Viktorovich Anisimov, John T. Alexander:The Reforms of Peter the Great, M. E. Sharpe Verlag, S. 58
  8. ‚ÜĎ Lothar R√ľhl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S.160
  9. ‚ÜĎ Lothar R√ľhl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S. 166
  10. ‚ÜĎ Lothar R√ľhl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S. 175
  11. ‚ÜĎ a b Duffy:Russia's Military Way to the West, S. 17
  12. ‚ÜĎ a b Christoph Schmidt: Russische Geschichte 1547-1917, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 32
  13. ‚ÜĎ a b Christoph Schmidt: Russische Geschichte 1547-1917, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 37
  14. ‚ÜĎ David Landes, 2009, S. 268-270

Literatur

Weblinks


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