Karfreitagsliturgie

Was ist Wahrheit?
Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge, 1890: Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18,38

Der Karfreitag (althochdeutsch: kara „Klage, Kummer, Trauer“) ist der Freitag vor Ostern. Er folgt auf den Gründonnerstag und geht dem Karsamstag voraus. Christen gedenken an diesem Tag des Kreuzestodes Jesu Christi.

Der Karfreitag wird auch „Stiller“ oder „Hoher Freitag“ genannt. In der katholischen Kirche ist er ein strenger Fast- und Abstinenztag. Die Bezeichnung „Guter Freitag“ geht auf Martin Luther zurück. Unter Einbeziehung des Gründonnerstagabends ist der Karfreitag der erste Tag der österlichen Dreitagefeier (Triduum Sacrum oder Triduum paschale), das in seiner Gesamtheit in allen Konfessionen das höchste Fest des Kirchenjahres darstellt und wie ein einziger Gottesdienst gefeiert wird.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung im Christentum

Passionsprozession in Stuttgart-Bad Cannstatt

Der Karfreitag ist im Zusammenhang mit Ostern für die Christen einer der höchsten Feiertage. An ihm gedenkt die Kirche des Todes Jesu Christi und erwartet die Feier seiner Auferstehung. Nach ihrem Glauben litt und starb Jesus als „Gottesknecht“ und nahm im Kreuzestod freiwillig die Erbsünde und Schuld aller Menschen auf sich. Durch Tod und Auferstehung Jesu wird allen Menschen erst Sündenvergebung und damit Errettung aus dem Tod und ewiges Leben ermöglicht. Gleichzeitig betont die katholische Theologie zunehmend die Konsequenz seiner Gottessohnschaft, deren Botschaft von der Zuwendung des Schöpfergottes zu den Menschen eben nicht an Gewalt und Tod ihre Grenzen findet.

Das Karfreitagsgeschehen ist nicht isoliert zu betrachten, sondern steht in einer Reihe mit Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Nicht das Opfer Jesu soll damit allein das Große sein, sondern der Sieg über Hölle, Tod und Grab.

Karfreitagsliturgie

Besonders für die Liturgiewissenschaft ist die Karfreitagsliturgie der verschiedenen christlichen Konfessionen von großem Interesse, da sich an ihr der Grundsatz bewahrheitet: „Älteste Überlieferungen erhalten sich am ehesten in liturgisch hochwertiger Zeit“ (Anton Baumstark).[1] Der Karfreitag ist eine liturgisch hochwertige Zeit, und zu seinen ältesten überkommenen Riten zählen hier der Verzicht auf die liturgische Eröffnung, die Verlesung der Passion, die Verwendung von Holzklappern anstelle von Glocken und Altarschellen, die Prostratio, die Improperien und die typisch römische Fürbittweise, nämlich die Großen Fürbitten. Bereits ab 500 übernahm die römisch-katholische Kirche unter Papst Gelasius I. die Kyrielitanei aus der orthodoxen Kirche, in deren Liturgie bis heute noch viele frühkirchlichen Riten erhalten sind.

Die Feier

In der römisch-katholischen Kirche

Die großen Fürbitten
Kreuzverehrung – Adoratio crucis

Der Karfreitag ist eingebunden in die „Dreitagefeier vom Leiden und Sterben, von der Grabesruhe und der Auferstehung des Herrn“, das Triduum Sacrum, auch „österliches Triduum“ genannt. Es beginnt am Gründonnerstag mit der Messe vom Letzten Abendmahl und findet seinen Höhepunkt in der Feier der Osternacht. Als Teil des Osterfastens ist der Karfreitag in der katholischen Kirche ein strenger Fast- und Abstinenztag. Die Tradition, freitags kein Fleisch zu essen, ist auf das Karfreitagsgeschehen zurückzuführen.

Wie seit dem frühen Christentum kirchliche Tradition, wird am Karfreitag keines der mit Festfreude verbundenen Sakramente gefeiert („Ecclesia … sacramenta penitus non celebrat“), daher auch nicht die Eucharistie.

Vor allem an Kathedralkirchen werden am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag feierlich gesungene Karmetten mit der Gemeinde gefeiert.

Hauptgottesdienst der Liturgie der Lateinischen Kirche ist am Karfreitag die Feier vom Leiden und Sterben Christi. Sie besteht aus drei Teilen mit unterschiedlichem liturgiegeschichtlichem Hintergrund:

Örtlich schließt sich eine Feier der „Grablegung Christi“ an.

Der Gottesdienst beginnt in der Regel um 15 Uhr, zur überlieferten Todesstunde Jesu. Die liturgische Farbe ist seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht mehr schwarz, sondern rot. Rot steht hier als Zeichen für das im Leiden und Sterben Jesu vergossene Blut.

Der Wortgottesdienst des Karfreitags bildet den alten und eigentlichen Kern der „Feier vom Leiden und Sterben Christi“. Er beginnt nach schweigendem Einzug mit einem stillen Gebet aller, währenddessen sich die zelebrierenden Priester (und örtlich auch die liturgischen Dienste) als Zeichen äußerster Demut auf den Boden hinstrecken (Prostratio), die übrigen Mitfeiernden niederknien. Das stille Gebet schließt (daher ohne „Lasset uns beten“) mit der Oration des Vorstehers und dem „Amen“ der Gemeinde.

Es folgen biblische Lesungen aus Jesaja 52,14–53,12 EU und Hebr 4,14–16; 5,7–9 EU, dazwischen der Gesang von Psalm 31 EU. Höhepunkt der Wortfeier ist die Verkündigung des Leidensevangeliums Christi (Passion) nach dem Evangelisten Johannes, die in der Regel mit verteilten Rollen (Evangelist, Worte Jesu, Worte sonstige Personen) erfolgt (Joh 18,1−19,42 EU).

Darauf folgen gegebenenfalls eine kurze Predigt und immer die Großen Fürbitten, welche die Anliegen der Kirche, der Welt und der Notleidenden vor Gott tragen. Jede der zehn Fürbitten besteht aus vier Teilen:

  • Gebetseinladung mit Nennung des Anliegens
  • stilles Gebet im Knien
  • zusammenfassende Oration des Vorstehers
  • „Amen“ als Ausdruck der Bekräftigung der Bitte durch alle Gläubigen

Die Judenfürbitte reicht bis ins frühe Mittelalter zurück und wurde 1570 festgelegt. Ihr bis ins 20. Jahrhundert gebrauchter Wortlaut konnte als abwertend empfunden werden und ist heute in einer Fassung formuliert, die die Wertschätzung für das Volk Israel zum Ausdruck bringt und die Bestimmung des jüdischen Volkes offen lässt: „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“ Mit dem päpstlichen Schreiben Summorum Pontificum wurden 2007 erweiterte Ausnahmen möglich (etwa für Ordensgemeinschaften, kleinere Gruppen innerhalb einer Gemeinde oder für Personalpfarreien), um den Karfreitagsgottesdienst nach der vorkonziliaren Liturgie von 1962 zu feiern. Nach Protesten gegen die damit verbundene prinzipielle Gleichstellung des alten Gebets „Für die Bekehrung der Juden“ führte Papst Benedikt XVI. 2008 eine neue Kompromissformulierung ein. Diese stieß innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche zum Teil auf Kritik.[2]

Die Kreuzverehrung (Adoratio crucis), eine Sakramentalie, bildet den zweiten Teil der Feier. Ein Kreuz mit oder ohne Darstellung des Gekreuzigten wird den Mitfeiernden hoch erhoben gezeigt („Kreuzerhöhung“) und der Priester lädt alle mit einem gesungenen Ruf zur Kreuzverehrung ein. Dieser traditionelle Gebetsruf lautet „Ecce lignum crucis, in quo salus mundi pependit. Venite adoremus“ – deutsch „Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt. Kommt, lasset uns anbeten!“

Dabei wird entweder ein verhülltes Kreuz in den Altarraum gebracht, dort in drei Schritten enthüllt und gezeigt. Oder ein unverhülltes Kreuz wird in Prozession vom Kircheneingang zum Altarraum getragen und während der Prozession dreimal die Kreuzerhöhung mit dem Aufruf zur Kreuzverehrung vorgenommen. Danach treten alle Mitfeiernden prozessionsweise zum Kreuz und verehren es durch die klassischen Zeichen der Kniebeuge und des Kusses. Zunehmend üblich werden auch andere Formen der Kreuzverehrung wie das Niederlegen von Blumen. Von der Enthüllung des Kreuzes an wird es bis zur Osternacht beim Vorüberschreiten durch eine doppelte oder einfache Kniebeuge geehrt, wie sonst das ausgesetzte Allerheiligste.

Verschiedene Gesänge begleiten die Kreuzverehrung, an erster Stelle ein aus den Ostkirchen übernommenes Responsorium, das den österlichen Charakter auch der Karfreitagsfeier erkennen lässt: „Dein Kreuz, o Herr, verehren wir, und deine heilige Auferstehung rühmen und preisen wir: Denn siehe, durch das Holz des Kreuzes kam Freude in alle Welt“. Gebräuchliche Gesänge sind auch die Improperien, „Heilges Kreuz, sei hochverehret“, „O Haupt voll Blut und Wunden“ und der Hymnus Pange lingua gloriosi proelium certaminis des Venantius Fortunatus. Gesungen wird a cappella, das heißt, nicht von Instrumenten begleitet.

Die folgende schlichte Kommunionfeier wird eingeleitet mit dem Vaterunser und abgeschlossen durch ein Dankgebet nach dem Kommunionempfang. Da am Karfreitag keine Eucharistiefeier stattfindet, werden für die Kommunion genügend Hostien aus der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag aufbewahrt. Die Feier der Kommunion mit „vorgeheiligten Gaben“ (Praesanctificata) gehört seit dem 8. Jahrhundert fest zur Karfreitagsliturgie auch der Westkirche, der Empfang der heiligen Kommunion aber beschränkte sich seit dem hohen Mittelalter (in Deutschland ab dem 16. Jahrhundert) auf den Klerus, in kleineren Gemeinden auf den Priester (Laien erhielten auf Wunsch die Kommunion außerhalb der Feier). Papst Pius XII. stellte 1955 die ursprüngliche Ordnung der Kommunionfeier für die ganze Gemeinde, Kleriker und Laien, wieder her. Das im deutschsprachigen Raum mancherorts üblich gewordene Unterlassen der Kommunionfeier am Karfreitag ist in der geltenden kirchlichen Ordnung nicht vorgesehen. Der geistliche Sinn des Empfangs der Kommunion am Karfreitag ist die innige, sakramentale Vereinigung der Christgläubigen mit dem leidenden und sterbenden Christus. Die Feier vom Leiden und Sterben Christi endet mit einem Segensgebet über das Volk.

In manchen Diözesen, so in Trier, schließt sich die „Feier der Grablegung“ an. Die Trierer Bistumstradition fügt den drei Teilen des nachmittäglichen Karfreitagsgottesdienstes somit einen vierten hinzu. Nach der Kommunionfeier erinnert der Priester an die Abnahme des Leichnams Jesu vom Kreuz und seine Grablegung. Die Feier der Grablegung wird in vier liturgische Elemente unterteilt:

  • Evangelium von der Grablegung Jesu
  • Gang zum Heiligen Grab
  • Grablegung
  • Segensgebet und Abschluss

Der Priester liest am Ambo den Schluss der Johannespassion (Joh 19,38-42). Wegen der Feier der Grablegung endet die Leidensgeschichte nach Johannes bereits mit den Worten: „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“. (Joh 19,37 EU). Nach der Verkündigung des Evangeliums von der Grablegung Jesu legt ein Ministrant das Kreuz dem Priester auf das über beiden Armen geschürzte Messgewand. Dieser trägt es zu dem in der Kirche hergerichteten Heiligen Grab. Er wird begleitet von zwei Leuchterträgern. Der Thuriferar führt die Prozession an, ihm folgen die Ministranten mit den Klappern, jene die einen besonderen Dienst ausüben und nach Möglichkeit die übrigen Gläubigen. Während der Übertragung des Kreuzes kann das Responsorium „Jerusalem luge“ oder das Lied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ gesungen werden. Am Ort der Grablegung legt der Priester das Kreuz nieder. Er inzensiert es und bedeckt es mit einem Leinentuch. Währenddessen kann der Chor das Responsorium „Ecce quomodo moritur justus“ oder „Sepulto Domino“ singen. Es folgt eine Zeit der Stille. Am Ende der Feier spricht der Priester das Segensgebet. Danach kann er den Versikel singen: „Ihm ist ein Ort bereitet im Frieden. Seine Wohnung wird sein auf dem Zion“. Der Priester begibt sich mit den liturgischen Diensten direkt in die Sakristei. Die Gläubigen verlassen schweigend die Kirche.

Zu passender Zeit wird der Altar völlig entblößt. Altartuch und Korporale, die bei der Kommunionfeier benötigt wurden, werden entfernt. Das Heilige Grab mit dem dort niedergelegten Kreuz, dem Bild des im Grab ruhenden Christus, soll am Abend des Karfreitags und am Karsamstag, dem Tag der Grabesruhe des Herrn, den Gläubigen zugänglich sein.

Das in der Kirche aufgestellte Kreuz (bzw. das im Heiligen Grab liegende) wird bis zur Feier der Osternacht in der Form verehrt wie sonst das Allerheiligste, also durch eine doppelte oder (nach örtlichem Brauch) einfache Kniebeuge.

Neben der Feier vom Leiden und Sterben Christi sind die Kreuzwegandacht, die feierliche Trauermette und die „Andacht von den Sieben Worten (Jesu am Kreuz)“ beliebte Frömmigkeitsformen am Karfreitag. Regional sind auch Karfreitagsprozessionen üblich, so in Lohr am Main, in Stuttgart-Bad Cannstatt, Menden (Sauerland). Sehr verbreitet sind sie in Süditalien und Sizilien, in Spanien – insbesondere in Andalusien – und in Guatemala. Von überregionaler Bedeutung sind die Karfreitagsprozessionen in Jerusalem (durch die Via Dolorosa) und der unter Mitwirkung des Papstes gestaltete Kreuzweg im Kolosseum in Rom.

Karfreitagsratsche aus Rottenburg am Neckar, 19. Jahrhundert

In katholischen Kirchen schweigen nach alter Tradtion die Orgel und die Kirchenglocken nach dem Gloria der Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag. An die Stelle der Glocken und Schellen treten vielerorts Ratschen bzw. Klappern, mit denen in vielen katholischen Landstrichen die Kirchgänger nach alter Tradition auch zu den Gottesdiensten, zum Stundengebet und zum Angelus gerufen werden.

Am Karfreitag und Karsamstag brennt das Ewige Licht nicht, und die Liturgie wird an einem von jeglichem Schmuck entblößten Altar gefeiert. Die einzigen Kerzen brennen beim provisorischen Aufbewahrungsort des Allerheiligsten. Andere Leuchter sind nicht selten mit schwarzem Tüll umwickelt, sofern sie nicht aus der Kirche entfernt werden können. Seit der Neuordnung der Liturgie der Karwoche wird am Karfreitag keine Inzens mit Weihrauch mehr vorgenommen.

In den evangelischen Kirchen

Durch die Konzentration der evangelischen Predigt auf die Bedeutung des Erlösungswerkes Christi (Solus Christus) und die Theologie des Kreuzes entwickelte sich der Karfreitag in der Zeit der Lutherischen Orthodoxie zum wichtigsten Feiertag in den evangelischen Landeskirchen – eine Bedeutung, die er bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts beibehielt. Im Zentrum der Feier stand dabei die Betrachtung der Passionsgeschichte durch Predigt, Gebet und Lieder. In den von Johannes Bugenhagen verfassten norddeutschen Kirchenordnungen war festgelegt, dass die von ihm zusammengestellte Passionsharmonie am Karfreitag zu verlesen sei. Ein weiteres wichtiges Element der betrachtenden Vergegenwärtigung war die Kirchenmusik in der Gestalt von Passionschorälen wie O Haupt voll Blut und Wunden von Paul Gerhardt. Aus den Passionsmusiken, die die responsorisch vorgetragene Passionsgeschichte mit einer belehrenden Einleitung (Exordium) und einem meditativen Schluss verbanden, entwickelte sich das Passions-Oratorium (Johannespassion, Matthäuspassion, Lukaspassion).

Nachdem vor allem die lutherischen Kirchen bis ins 18. Jahrhundert hinein die vorreformatorische liturgische Praxis – von einigen als Missbräuchen empfundenen Stücken bereinigt – beibehielten, änderte sich das mit dem aufkommenden Einfluss rationalistischer und pietistischer Theologie und Frömmigkeit, in deren Folge die Deutung des Heiligen Abendmahls als Sakrament stark an Bedeutung verlor. Das hatte zur Folge, dass im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nun der Karfreitag einer der wenigen Tage war, an dem in fast allen evangelischen Kirchen das Abendmahl gefeiert wurde. Auch heute noch ist der Empfang des Abendmahls an diesem Tag ein wichtiger Teil der Spiritualität in manchen Gemeinden. In anderen Kirchengemeinden wird der Karfreitag in altkirchlicher Tradition als aliturgischer Tag, also ohne Abendmahl, begangen. Hier spielt dann die Abendmahlsfeier im Oster(nacht)gottesdienst eine wichtige Rolle. Als liturgische Farbe gilt schwarz, ersatzweise violett, auch wenn häufig auf jegliche Paramente verzichtet wird. Auch Blumenschmuck und Kerzen sind am Karfreitag eher unüblich. Am Karfreitag – wie auch am Karsamstag – schweigen mancherorts in Anlehnung an die katholische Tradition die Glocken, oder es läutet nur die größte Glocke (Pulsglocke).

Die Lesungen sind Verse aus Psalm 22 (Ps 22 LUT), das Gottesknechtslied aus Jesaja (Jes 53,1-12 LUT), eine Stelle aus dem 2. Korintherbrief (2 Kor 5,19-21 LUT) als Epistel sowie eine Kurzfassung der Passionsgeschichte aus dem Johannesevangelium (Joh 19,16-30 LUT) als Evangelium. Es kann auch die gesamte Passionsgeschichte nach Johannes (Joh 18-19 LUT) gelesen werden. Die Fürbitten werden meist nach dem Muster der Großen Fürbitten oder auch als Litanei unter dem Kreuz (die aus der Tradition der Berneuchener Bewegung stammt) gestaltet.

In manchen evangelischen Kirchen findet neben dem Hauptgottesdienst am Morgen oder stattdessen eine Liturgische Feier zur Todesstunde Jesu um 15 Uhr (Mk 15,25 LUT) oder eine Aufführung der Johannespassion oder anderer Passionsmusik in einem gottesdienstlichen Rahmen statt.

Auch im Familienbrauchtum vieler evangelischer Familien spielt der Karfreitag eine besondere Rolle durch gemeinsamen Kirchgang und oft auch ein Fischessen.

In den Ostkirchen byzantinischer und slawischer Tradition

Russisch-Orthodoxes Segenskreuz

Die Karfreitagsfeier in den orthodoxen und katholischen Ostkirchen byzantinischer und slawischer Tradition beginnt in der Regel am Donnerstagabend mit dem Morgengottesdienst (Orthros/utrenja). Dieser Gottesdienst – im Volksmund oft einfach „Die zwölf Evangelien“ genannt – wird von zwölf Evangelienlesungen bestimmt. Die offizielle Bezeichnung lautet „Akoluthia der heiligen Leiden“. In dem Gottesdienst werden die Passionstexte aus den vier Evangelien gesungen, außerdem fünfzehn zum Teil altkirchliche Antiphonen und Kathismen. Der Kanon dieses Gottesdienstes stammt von Kosmas von Majuma und ist ein Musterbeispiel aus der Zeit der zweiten Hochblüte byzantinischer Kirchendichtung im 7./8. Jahrhundert. In der griechischen, aber auch in der rumänischen Tradition hat der Gottesdienst einen besonders dramatischen Höhepunkt mit dem Gesang des 15. Antiphonon. Hier wird ein Kruzifix aus der Nordtür der Ikonostase in die Mitte der Kirche getragen und dort befestigt. Daran schließt sich die Verehrung des Kreuzes durch die Gemeinde an. Der Text der ersten Strophe des 15. Antiphonon lautet:

„Heute hängt am Holz, der die Erde in die Wasser gehängt hat.
Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel.
Lügenhaft wird mit Purpur verhüllt, der den Himmel mit Wolken verhüllt.
Schläge hat empfangen, der im Jordan den Adam befreite.
Mit Nägeln wurde befestigt der Bräutigam der Kirche.
Mit einer Lanze wurde durchbohrt der Sohn der Jungfrau.
Wir verehren deine Leiden, Christus.
Zeige uns auch deine herrliche Auferstehung!“

Die nächsten Gottesdienste, die am Freitagmorgen gefeiert werden, sind die „königlichen Stunden“. Bei ihnen wird in der griechischen Tradition die Abbildung Christi vom Kruzifix, das am Abend zuvor in der Kirche aufgestellt wurde, abgenommen und in ein weißes Tuch gehüllt.

In der anschließenden Vesper erfolgt die feierliche Auslegung des Grabtuchs Christi (epitaphios/plaschtschanica) in der Kirche. Dieses verbleibt dort bis zum Osterfest als Ort, an dem die Gläubigen den ins Grab gestiegenen Christus verehren.

Am Abend des Karfreitag findet die Prozession des Epitaphios (plaschtschanica) statt. In den ostkirchlichen Karfreitagshymnen finden sich zahlreiche Vorgriffe auf die Auferstehung.

Als besonderes Zeichen der Stille im Angesicht des Todes wird am Karfreitag keine Eucharistie gefeiert. Die der Konstantinopler Tradition angehörende karfreitägliche Kommunionfeier (Liturgie der vorgeheiligten Gaben) verschwand im 15. Jahrhundert, örtlich bereits etwas früher.

Der einzige Fall, in dem am Karfreitag eine volle Liturgie gefeiert wird, ist, wenn dieser mit der Verkündigung des Herrn am 25. März zusammenfällt; für diesen Fall gibt es eine spezielle vereinigte Liturgie der beiden Feste. Anders als die lateinische Tradition kennen die Ostkirchen keine Umlegung von Feiertagen.

Der Karfreitag ist in den orthodoxen Kirchen strenger Fastentag. Wenn überhaupt gegessen wird, so beschränkt sich das auf einfachste fettfreie pflanzliche Lebensmittel.

In der alt-katholischen Kirche

Der Tag des Leidens und Sterbens des Herrn wird in der alt-katholischen Kirche mit einem Wortgottesdienst zur Todesstunde Jesu begangen.

Die Eröffnung und die Entlassung sind schlicht und schmucklos:

  • Während des Einzugs wird nicht gesungen
  • Der Altardienst wirft sich vor dem entblößten Altar nieder oder kniet davor
  • Nach stillem Gebet folgt das Tagesgebet
  • Nach dem Gebet zum Abschluss verlassen alle in Stille den Gottesdienstraum

Der Wortgottesdienst besteht aus folgenden Teilen:

  • Nichtevangelische Lesung(en)
  • Lesung der Passion
  • Predigt
  • Große Fürbitten
  • Kreuzverehrung mit Improperien
  • mancherorts: Kommunionausteilung

Die Kreuzverehrung kann auch unmittelbar nach der Passion oder nach der Predigt folgen. Die Großen Fürbitten werden nach diesem Ablauf vor dem enthüllten Kreuz vollzogen und mit dem Vaterunser abgeschlossen.[3]

Drei-Stunden-Andacht

Im 18. Jahrhundert entwickelte der Jesuit Alonso Messia Bedoya in Lima eine nicht-liturgische Andachtsform. Sie bestand aus Lesungen und Betrachtungen der sieben letzten Worte Jesu, verbunden mit Liedern und Gebeten. Über Rom verbreitete sich diese Andachtsform auch in Europa; Joseph Haydn schuf mit Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze ihre bekannteste musikalische Fassung. Im englischsprachigen Raum erlangte die Feier, die von 12 bis 15 Uhr dauerte und deshalb auch Three-Hours service genannt wird, im ausgehenden 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowohl in der katholischen Kirche als auch in verschiedenen protestantischen Denominationen große Beliebtheit.[4]

Staatliches Recht

In Deutschland und den meisten Kantonen der Schweiz ist Karfreitag ein gesetzlicher Feiertag. In Österreich und Luxemburg ist der Karfreitag kein gesetzlicher Feiertag für die Allgemeinheit, nur evangelische Christen, Altkatholiken und Methodisten haben in Österreich an diesem Tag arbeitsfrei.

Viele säkular denkende Bürger kritisieren das am Karfreitag und an anderen „stillen Tagen“ geltende Tanzverbot in Deutschland. Es verbietet verschiedenartige öffentliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel Tanz- oder Sportveranstaltungen, an diesem Tag abzuhalten. Auch Theater müssen in ihrem Spielplan den Karfreitag berücksichtigen, reine Komödien dürfen nicht gespielt werden. In Bremen z. B. bleibt die traditionelle „Osterwiese“, eine Kirmes mit Fahrgeschäften etc., am Karfreitag geschlossen, ebenso in Hamburg der „Frühlingsdom“.

Gegner des Tanzverbots argumentieren, dass es jedem selbst überlassen sein solle, wann man sich zu einer Tanzveranstaltung begibt, außerdem dürften Nichtchristen im Zuge der Religionsfreiheit christliche Vorgaben nicht aufgezwungen werden. Aus Sicht der Kirchen aber sind öffentliche Tanz- und Sportveranstaltungen ohne Beeinträchtigung der Nachbarn nicht möglich; sie erwarten deshalb Rücksichtnahme auf den stillen Charakter des Karfreitags.

Literatur

  • G. Romer: Die Liturgie des Karfreitags; in: Zeitschrift für Katholische Theologie 77 (1955), S. 39–92 (liturgiehistorisch). ISSN 0044-2895
  • Sebastià Janeras: Le Vendredi-Saint dans la tradition liturgique byzantine. Structure et histoire de ses offices; Rom: Benedictina, 1988; keine ISBN
  • Holger Kaffka: „Die Schädelstätte wurde zum Paradies“. Das Kreuz Christi im orthodoxen Gottesdienst der byzantinischen und slawischen Tradition; Oikonomia 35; Erlangen 1995
  • Kongregation für den Gottesdienst: Rundschreiben Über die Feier von Ostern und ihre Vorbereitung; in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 81; Bonn 1990; S. 15–46
  • Bischöfliches Generalvikariat Trier, Hauptabteilung Pastorale Dienste: Manuale Trevirense. Heilige Woche – Karwoche und Ostern. Studienausgabe; Trier: Paulinus, 1999 ISBN 3-7902-0190-1
  • Bistum Trier: Gotteslob; 26. Auflage

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Das Gesetz der Erhaltung des Alten in liturgisch hochwertiger Zeit; in: JLw 7 (1927), S. 1–23
  2. s. die Zusammenfassung unter Karfreitagsfürbitte für die Juden
  3. Vgl. Die Rubrik zum Karfreitag in: Die Feier der Eucharistie im Katholischen Bistum der Alt-Katholiken. Für den gottesdienstlichen Gebrauch erarbeitet durch die Liturgische Kommission und herausgegeben durch Bischof und Synodalvertretung, Bonn: Alt-Katholischer Bistumsverlag 2006, Seite 74; ISBN 3-934610-30-7
  4. Siehe Three-hours service, in: J.G. Davies (Hrsg.): A Dictionary of Liturgy and Worship. London: SCM Press 1972, S. 355f

Weblinks


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