Karl Kraus

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Karl Kraus
Karl Kraus (Fotografie um 1900)
Gedenktafel am Geburtshaus

Karl Kraus (* 28. April 1874 in Jičín, Böhmen; † 12. Juni 1936 in Wien) war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er war Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach- und Kulturkritiker sowie vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrĂŒckte, der Journaille.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Titelblatt des Erstlingswerks Die demolirte Litteratur, 1897

Karl Kraus wurde am 28. April 1874 als Sohn des jĂŒdischen Papierfabrikanten und wohlhabenden Kaufmanns Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine (geborene Kantor) geboren. Im Jahr 1877 zog die Familie nach Wien. Seine Mutter starb im Jahr 1891.

1892 begann Kraus ein Studium der Rechtswissenschaft an der UniversitĂ€t Wien. Seit November 1891 sandte er Artikel an die MonatsblĂ€tter der Breslauer Dichterschule unter der Redaktion von Paul Barsch. Im April 1892 erschien eine Rezension von Gerhart Hauptmanns Drama Die Weber als sein erster journalistischer Beitrag in der Wiener Literaturzeitung. Seinen Versuchen in dieser Zeit, in einem Vorstadttheater aufzutreten, war kein Erfolg beschieden. Auch eine mit Anton Lindner geplante Satirezeitschrift ist nie erschienen, obwohl bereits BeitrĂ€ge vorlagen, beispielsweise von Frank Wedekind. Bald darauf wechselte er das Fach und studierte bis 1896 Philosophie und Germanistik, ohne jedoch das Studium abzuschließen. Aus dieser Zeit rĂŒhrte seine Freundschaft mit Peter Altenberg her.

Im Jahr 1897 gelang Kraus mit der Veröffentlichung der Satire Die demolirte Litteratur der erste große Publikumserfolg; symptomatisch war bereits zu diesem Zeitpunkt, dass Kraus sich die bittere Feindschaft der durch ihn bloßgestellten Literaten zuzog. Kraus wurde im selben Jahr Wiener Korrespondent der Breslauer Zeitung.

Im Jahr 1898 begann Kraus, der bereits an der GrĂŒndung der Zeitschrift Die Waage mitgewirkt hatte, die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift zu erwĂ€gen. Diese Zeitschrift â€“ Die Fackel â€“ erschien erstmals im April 1899. 1901 fand der erste von vielen Prozessen statt, die von Personen eingeleitet wurden, die sich durch KorruptionsvorwĂŒrfe der Fackel angegriffen fĂŒhlten: hier der Theaterkritiker und BĂŒhnenautor Hermann Bahr[1] und der Intendant Emmerich Bukovics. Im selben Jahr musste Kraus nach einer monatelangen Reise feststellen, dass sein Verlag Moriz Frisch sich der Fackel bemĂ€chtigt hatte, indem er das Titelblatt der Zeitschrift unter dem eigenen Namen als Marke hatte eintragen lassen und eine Zeitschrift namens Neue Fackel herausgab. Ein Prozess konnte dieses Treiben unterbinden. Die Fackel erschien allerdings von da an ohne Titelbild, und Kraus wechselte zur Druckerei Jahoda & Siegel.

1899 trat Kraus aus der jĂŒdischen Glaubensgemeinschaft aus. 1911 ließ er sich am 8. April in der Wiener Karlskirche römisch-katholisch taufen. Sein Taufpate war Adolf Loos. 1923 trat Kraus aus der katholischen Kirche wieder aus.

Im Jahr 1902 verfasste Kraus mit dem Aufsatz Sittlichkeit und KriminalitĂ€t seinen ersten Beitrag darĂŒber, was eines der großen Themen seines Wirkens werden sollte: die zum Schutz der Sittlichkeit vermeintlich gebotene Verteidigung der Sexualmoral mit justiziellen Mitteln („Der Skandal fĂ€ngt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.“).[2] Von 1906 an veröffentlichte Kraus in der Fackel Aphorismen, die spĂ€ter in den BĂŒchern SprĂŒche und WidersprĂŒche (erste Ausgabe 1909, weitere Ausgaben bis 1924), Pro domo et mundo (1919) und Nachts (1924) zusammengefasst wurden. 1910 hielt Kraus die erste seiner bis 1936 siebenhundert öffentlichen Lesungen ab. Im selben Jahr erschien die Schrift Heine und die Folgen.

Die erste aufsehenerregende „Erledigung“ durch Kraus erfolgte im Jahr 1907, als er seinen frĂŒheren Gönner Maximilian Harden aus Anlass von dessen Rolle im Eulenburg-Prozess angriff.

1913 lernte Kraus die böhmische Baronin Sidonie NĂĄdherny von Borutin kennen, mit der ihn bis zu seinem Tod eine konfliktreiche, aber lange und intensive Beziehung verband. Auf Schloss Janowitz, dem Familienbesitz der NĂĄdhernys, entstanden zahlreiche Werke. Sidonie NĂĄdherny wurde zur wichtigen Korrespondenzpartnerin, „kreativen Zuhörerin“ und Adressatin von BĂŒchern und Gedichten.

Nach einem Nachruf auf Franz Ferdinand, den beim Attentat von Sarajevo ermordeten Thronfolger, im Sommer 1914 erschien die Fackel viele Monate lang nicht, und meldete sich erst im Dezember 1914 mit dem Aufsatz In dieser großen Zeit erneut zu Wort: „In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt; [
] in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.“[3] In der Folgezeit schrieb Kraus gegen den Krieg, mehrere Ausgaben der Fackel wurden beschlagnahmt, andere Ausgaben von der Zensur behindert.

Im Jahr 1915 begann er mit der Arbeit an dem TheaterstĂŒck Die letzten Tage der Menschheit, von dem Teile vorab in der Fackel abgedruckt wurden und das 1919 in Form von Sonderheften der Fackel erschien. Bereits 1918 war der Epilog dazu unter dem Titel Die letzte Nacht als Sonderheft veröffentlicht worden. Ebenfalls im Jahr 1919 gab Kraus seine gesammelten KriegsaufsĂ€tze unter dem Titel Weltgericht heraus.

1921 veröffentlichte Kraus als Replik zu einem von Franz Werfel unter dem Titel Spiegelmensch veröffentlichten Angriff auf ihn das satirische Drama Literatur oder Man wird doch da sehn.

Im Januar 1924 begann die Auseinandersetzung mit dem erpresserischen Verleger des Boulevardblatts Die Stunde, Imre BĂ©kessy. BĂ©kessy antwortete mit Rufmordkampagnen gegen Kraus, der im Jahr darauf unter dem Schlachtruf „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“ zu einer „Erledigung“ ausholte und 1926 erreichte, dass BĂ©kessy sich seiner Verhaftung durch Flucht aus Wien entziehen musste. 1927 forderte Kraus Johann Schober, den fĂŒr die blutige Niederschlagung der „Julirevolte“ mitverantwortlichen Wiener PolizeiprĂ€sidenten, auf Plakaten erfolglos zum RĂŒcktritt auf. Im StĂŒck Die UnĂŒberwindlichen, das 1928 erschien, verarbeitete Kraus diese beiden Auseinandersetzungen. Im selben Jahr veröffentlichte er die Akten des Prozesses, den Alfred Kerr gegen Kraus angestrengt hatte, da Kraus ihm in der Fackel dessen frĂŒhere chauvinistische Kriegsgedichte vorgehalten hatte.

Gedenktafel an seinem Wohnhaus in Wien, Lothringerstraße 6

Ab 1930 las Kraus im Rundfunk, zuerst in Berlin, dann in Wien und machte Aufnahmen fĂŒr die Schallplatte. 1931 fĂŒhrte die Staatsoper Unter den Linden seine Bearbeitung von Offenbachs Operette La PĂ©richole auf.

In das Jahr 1932 fiel Kraus' NeuĂŒbersetzung der Shakespeareschen Sonette. 1933 erschien nach der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers monatelang keine Ausgabe der Fackel. Kraus arbeitete an einem monumentalen Text, der die MachtĂŒbernahme und die ersten Monate der nationalsozialistischen Herrschaft bewĂ€ltigen sollte, verzichtete jedoch schließlich auf dessen Veröffentlichung. Das Werk erschien erst 1952 posthum unter dem Titel Dritte Walpurgisnacht. In der Oktoberausgabe 1933 (der einzigen Ausgabe der Fackel in diesem Jahr) veröffentlichte Kraus statt dessen das Gedicht Man frage nicht, das mit der Zeile endet: Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

1934 rechtfertigte er in einem Aufsatz Warum die Fackel nicht erscheint den erwĂ€hnten Verzicht auf eine Veröffentlichung der dritten Walpurgisnacht, aus der er jedoch lange Passagen zitierte. Mit seiner UnterstĂŒtzung fĂŒr den diktatorisch regierenden Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, von dem sich Kraus erhoffte, er wĂŒrde das Übergreifen des Nationalsozialismus auf Österreich verhindern, entfremdete sich Kraus von Teilen seiner AnhĂ€ngerschaft.

Das Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof

Im Februar 1936 wurde Kraus nach Erscheinen der Fackel-Ausgabe Nr. 922 in der Dunkelheit von einem Radfahrer niedergestoßen. Die Folgen waren immer stĂ€rkere Kopfschmerzen und GedĂ€chtnisschwund. Am 2. April 1936 hielt er seine letzte Vorlesung. Nach einem schweren Herzinfarkt im CafĂ© Imperial am 10. Juni starb Kraus am 12. Juni 1936 in seiner Wohnung in der Lothringerstraße 6 an Herz- und Gehirnschlag.[4]

Sein ehrenhalber gewidmetes Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 5A, Reihe 1, Nr. 33) nahe der alten Israelitischen Abteilung beim Ersten Tor.

Am Haus Lothringerstraße 6 in Wien 4, das er seit 1912 bewohnt hatte, ist eine Gedenktafel angebracht.[5]

Person

Karl Kraus hat zeitlebens polarisiert. Dem entsprach seine Erscheinung: sein Bewusstsein der eigenen Bedeutung war immens und dieser Polarisierung zweifellos förderlich. Dieses Selbstbild entbehrte nicht jeder Grundlage: die Hörer seiner Lesungen waren von der Persönlichkeit des Vortragenden fasziniert. Seine AnhĂ€nger sahen ihn als unfehlbare AutoritĂ€t an, die allen, die er förderte, jede UnterstĂŒtzung zukommen ließ, um sie ins rechte Licht zu rĂŒcken. Elias Canetti hörte von Kraus erstmals ĂŒber Bekannte, die ihn wie folgt schilderten:

„Das sei der strengste und grĂ¶ĂŸte Mann, der heute in Wien lebe. Vor seinen Augen finde niemand Gnade. In seinen Vorlesungen greife er alles an, was schlecht und verdorben sei. [
] Jedes Wort, jede Silbe in der Fackel sei von ihm selbst. Darin gehe es zu wie vor Gericht. Er selber klage an und er selber richte. Verteidiger gĂ€be es keinen, das sei ĂŒberflĂŒssig, er sei so gerecht, dass niemand angeklagt werde, der es nicht verdiene. Er irre sich nie, könne sich gar nicht irren. [
] Wenn er daraus [aus den Letzten Tagen der Menschheit] vorlese, sei man wie erschlagen. Da rĂŒhre sich nichts im Saal, man getraue sich kaum zu atmen. [
] Wer ihn gehört habe, der wolle nie mehr ins Theater gehen, das Theater sei langweilig verglichen mit ihm, er allein sei ein ganzes Theater, aber besser, und dieses Weltwunder, dieses Ungeheuer, dieses Genie trug den höchst gewöhnlichen Namen Karl Kraus.“

– Elias Canetti: Die Fackel im Ohr, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1982, S. 66 f.

FĂŒr seine zahlreichen Gegner, die er sich durch die Unbedingtheit und Leidenschaft seiner Parteinahme schuf, war er hingegen ein verbitterter Misanthrop und ein „armer Möchtegern“ (Alfred Kerr), der sich in hasserfĂŒllten Verurteilungen und Erledigungen erging.

„Hinter Karl Kraus steht keine Religion, kein System, keine Partei, hinter Karl Kraus steht immer wieder immer nur Karl Kraus. Er ist ein in sich geschlossenes System, er ist eine Ein-Mann-Kirche, ist selbst Gott und Papst und Evangelist und Gemeinde dieses Bekenntnisses. Er spricht in eigenem Namen, in eigenem Auftrag und ohne RĂŒcksicht auf Resonanz. Er haßt das Publikum seiner Leseabende und haßt die Leser seiner Zeitschrift, er verbittet sich jede Zustimmung
 und hier setzt schon der erste unauflösliche Widerspruch ein; denn zugleich hĂ€ngt er am Beifall des Auditoriums, fĂŒr den er danken kommt und den er voll Stolz registriert, zugleich druckt er ausfĂŒhrlich zustimmende Referate der Zeitungen ab
 Will man nach seiner seelischen Disposition fragen, wird man mit den naheliegenden OberflĂ€chenkategorien ‚Eitelkeit‘ oder ‚GrĂ¶ĂŸenwahn‘ nicht viel anfangen können
 Ich glaube, daß zwei Erkenntnisse am ehesten den Weg zum VerstĂ€ndnis der Einzigartigkeit des PhĂ€nomens Karl Kraus eröffnen und daß sie, aufeinander bezogen, seine Entwicklung und seine Besonderheit erklĂ€ren
 Karl Kraus
 hat als junger Mann von fĂŒnfundzwanzig Jahren verwirklicht, wovon jeder kluge, selbstĂ€ndige Unzufriedene jeder Zeit trĂ€umt: er hat sich ein Forum geschaffen, um ohne RĂŒcksichten und Hemmungen, jenseits aller Cliquen und Bindungen in absoluter Freiheit seine Meinung zu Ă€ußern, zu kritisieren, anzuklagen, zu kĂ€mpfen
 Er hat von seinem fĂŒnfundzwanzigsten Jahr bis zu seinem Tod nur getan, was er wollte. Und er hat, zweitens, ein einziges, das er wollte, und das, wie ich glaube, seine restlose und letzte ErfĂŒllung gewesen wĂ€re, nicht zu tun vermocht und war darum verurteilt, es sein Leben lang auf Umwegen zu umkreisen und nur indirekt, behelfsmĂ€ĂŸig zu verwirklichen. Er war im Grund seines Herzens Schauspieler, besser Theatermensch; und er konnte nicht zum Theater. So
 mußte ihm, was vielleicht nur Nebenbei gewesen wĂ€re, zur Hauptsache, und, wo immer denkbar, dem Theater angenĂ€hert werden: ‚Wenn ich vortrage, so ist es nicht gespielte Literatur. Aber was ich schreibe, ist gedruckte Schauspielkunst.‘ Und: ‚Ich bin vielleicht der erste Fall eines Schreibers, der sein Schreiben zugleich schauspielerisch erlebt.‘“

– Hans Weigel: Karl Kraus oder die Macht der Ohnmacht, S. 9

Karl Kraus und die Sprache

Karl Kraus war ĂŒberzeugt, dass sich in jeder kleinsten Unstimmigkeit, die scheinbar eine höchstens lokal und zeitlich begrenzte Bedeutung hat, die großen Übel der Welt und der Epoche offenbaren. So konnte er in einem fehlenden Beistrich ein Symptom fĂŒr jenen Zustand der Welt erblicken, der einen Weltkrieg erst möglich macht. Eines der Hauptanliegen seiner Schriften war es, mittels solcher kleinen MissstĂ€nde auf die großen Übel hinzuweisen.

Wichtigster Indikator fĂŒr die MissstĂ€nde in der Welt war fĂŒr ihn die Sprache. In dem nachlĂ€ssigen Umgang seiner Zeitgenossen mit der Sprache sah er ein Zeichen fĂŒr den nachlĂ€ssigen Umgang mit der Welt im Allgemeinen. So konnte Ernst Kƙenek ĂŒber Karl Kraus die folgende fĂŒr ihn typische Äußerung berichten: „Als man sich gerade ĂŒber die Beschießung von Shanghai durch die Japaner erregte und ich Karl Kraus bei einem der berĂŒhmten Beistrich-Probleme antraf, sagte er ungefĂ€hr: Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange das irgend möglich ist, muß ich das machen, denn hĂ€tten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß die Beistriche am richtigen Platz stehen, so wĂŒrde Shanghai nicht brennen.“[6]

Er warf den Menschen seiner Zeit – und unter ihnen nicht zuletzt den Journalisten und Schriftstellern – vor, die Sprache als Mittel zu gebrauchen, das man zu „beherrschen“ glaubt, anstatt sie als Zweck zu sehen und ihr zu „dienen“. FĂŒr Kraus ist Sprache kein Mittel, um vorgefertigte Meinungen an den Mann zu bringen, sondern das Medium des Denkens selbst und als solches der kritischen Reflexion bedĂŒrftig. Ein wesentliches Anliegen Karl Kraus’ war es darum, in einer „durch und durch journalisierten Zeit, der der Geist zur Information dient und die taube Ohren hat fĂŒr den Einklang von Inhalt und Form“ seine Leser zu „entjournalisieren“ und zu einem „VerstĂ€ndnis fĂŒr die Angelegenheit der deutschen Sprache zu erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige HĂŒlle der Meinung begreift“.

Wie weit die Sprache seiner Zeitgenossen sich vom Gedanken und von der Vorstellung des Gesprochenen entfernt hat, wird in den sinnentleerten Phrasen offenbar, deren Metaphorik aus lĂ€ngst vergangenen Zeiten stammt – wenn etwa im April 1914 in der Fackel zitiert wird: „‚Der Autor ist entschieden ein grĂŒndlicher Kenner internationaler MarineverhĂ€ltnisse und hat in unterschiedlichen BroschĂŒren manche Lanze fĂŒr die VerstĂ€rkung der Seemacht unseres Vaterlandes gebrochen.‘ Wiewohl solche nicht einmal mehr zu Lande verwendet werden.“[7]

Die Sprache lasse sich nicht völlig vom Menschen in den Dienst seiner Absichten stellen, sondern zeige noch in ihrer verstĂŒmmeltsten Form die wahren ZustĂ€nde in der Welt auf. So wiesen beispielsweise die Kriegsgewinnler unbewusst auf das grausame Schlachten wĂ€hrend des Krieges hin, wenn sie den Krieg als „Mordshetz“ (österreichisch: großer Spaß) bezeichneten.

Diese Fixierung auf die „richtige Sprache“ wurde von vielen Zeitgenossen zumindest als schrullig und oberflĂ€chlich angesehen. Indem er in der Presse und der „literarischen Unterwelt“ den Hauptfeind ausmachte, blieben andere gesellschaftliche und kulturelle Felder bei ihm unscharf, was sich auch in seiner schwankenden politischen Haltung (zeitweise sympathisierte er mit der Sozialdemokratie, zeitweise mit dem Erzherzog Franz Ferdinand) ausdrĂŒckt. Albert Fuchs â€“ ursprĂŒnglich ein Verehrer Kraus’ â€“ brachte es folgendermaßen auf den Punkt: Sie [Karl Kraus’ Philosophie] forderte, dass ich anstĂ€ndiges Deutsch redete. Sonst forderte sie nichts.[8]

Wortspiele mit und ĂŒber Namen sind in aller Regel peinlich. Karl Kraus beherrschte sie jedoch meisterlich. Die Inhaftierung des betrĂŒgerischen Bankiers Reitze glossierte er wie folgt: „Die Strafanstalt Stein entbehrt nicht eines gewissen Reitzes“. In seinen frĂŒheren Jahren umwarb er die junge Schauspielerin Elfriede Schopf, die sich allerdings in den festen HĂ€nden des Burgtheaterhelden Adolf von Sonnenthal befand. Die Nachricht von dessen plötzlichem Tod entlockte ihm den Ausruf: „Jetzt mĂŒsste man die Schopf bei der Gelegenheit packen!“.[9] Die manchmal nicht leicht verstĂ€ndlichen Verlautbarungen kommunistischer Parteien kommentierte er als „Moskauderwelsch“.[10]

Karl Kraus und die Presse

Karl Kraus’ Feldzug gegen die Presse („Journaille“, „Tintenstrolche“, „Fanghunde der öffentlichen Meinung“, „Preßmaffia“, „Preßköter“[11]) zieht sich durch sein gesamtes Lebenswerk. Er wirft ihr vor, dass „bloß das, was zwischen den Zeilen steht, nicht bezahlt“[12] sei. Insbesondere wendet er sich gegen die Neue Freie Presse, von der er sagt, dass es „keine Schlechtigkeit gibt, die der Herausgeber der Neuen Freien Presse nicht fĂŒr bares Geld zu vertreten, und keinen Wert gibt, den er aus Idealismus nicht zu leugnen bereit ist“.[12] Das PhĂ€nomen ist nicht neu (und erstreckt sich auch auf weitere Kontrolleure der öffentlichen Dinge und Meinungen), dass alles der Kritik durch die Presse ausgesetzt ist – mit Ausnahme der Presse selbst.

Dieses Vorgehen Kraus’ geschah keineswegs ohne Grund. Kraus wies die Zahlung sogenannter „Pauschalien“ großer Wirtschaftsunternehmen an die Zeitungen nach, mit denen sie sich das Wohlverhalten der Zeitungen erkauften. Er konnte einen Zusammenhang zwischen Angriffen einer Zeitung auf ein Wirtschaftsunternehmen und deren Erlöschen mit Schaltung einiger Inserate durch dieses Unternehmen belegen.

Hinzu kommt, dass die Presse zu allen Zeiten die Tendenz aufgewiesen hat, sich gerne selbst sehr wichtig zu nehmen. Karl Kraus stellte vor allem in seinen frĂŒheren Jahren darum gerne auch die Presse aktiv bloß, etwa durch Lancieren des einen oder anderen sogenannten Grubenhunds mit einer Menge von beeindruckend klingenden, aber sinnlosen Fachbegriffen.

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt [
]
Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr lĂ€ĂŸt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint. [
][13]

Der Kampf gegen die Presse ist nicht zu trennen vom Kampf gegen die Phrase: „
es ist meine tiefste Überzeugung, daß die Phrase und die Sache eins sind“.[14] Wer unrein schreibt, der denkt auch unrein: „Die Menschen glauben immer noch, daß der menschliche Inhalt bei schlechtem Stil ein vorzĂŒglicher sein könne und daß sich die Gesinnung ganz separat etabliere. Aber ich behaupte
 daß nichts notwendiger ist, als solche Leute als Makulatur einzustampfen. Oder es mĂŒĂŸte ein Landtag ĂŒber die Sprache konstituiert werden, der, wie fĂŒr jede Kreuzotter, fĂŒr jede erlegte Phrase eine Belohnung aussetzt.“[15]

Dabei wird ihm auch vorgeworfen, dass ihn sein Hass auf die liberale Presse zumindest in den Vorkriegsjahren zu einem ultrakonservativ gefÀrbten Antiliberalismus getrieben habe, viele Positionen aus dieser Zeit seien nicht buchstÀblich zu nehmen[16]

Karl Kraus und das Judentum

Bereits 1899 trat Karl Kraus aus der jĂŒdischen Kultgemeinschaft aus und ließ sich nach einigen Jahren der Konfessionslosigkeit im Jahr 1911 katholisch taufen. Dieser Schritt aber blieb der Öffentlichkeit unbekannt, bis Karl Kraus ihn 1922 in aufsehenerregender Weise rĂŒckgĂ€ngig machte – als Protest gegen eine Kirche, welche die Salzburger Kollegienkirche dazu hergab, dass Max Reinhardt darin TheaterauffĂŒhrungen inszenierte.

Kraus’ Schriften weisen stellenweise einen Duktus auf, den man als antisemitisch auffassen könnte, so etwa, wenn er das „JĂŒdisch-Deutsch“ als „mauscheln“ bezeichnet, oder wenn er in RĂŒckgriff auf die angeblichen Ritualmorde der Juden die TĂ€tigkeit des Herausgebers der Neuen Freien Presse, Moriz Benedikt, einen „Ritualraub“ nennt. Auch in der langwĂ€hrenden polemischen Auseinandersetzung Kraus’ mit Heinrich Heine, einem deutsch-jĂŒdischen Schriftsteller wie Kraus selbst, dem er vorwirft, er habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, so dass jeder Kommis nun an ihren BrĂŒsten herumfingern dĂŒrfe, finden sich zahlreiche versteckte und offene Anspielungen auf Heines Judentum, obwohl sich Heine im Juni 1825 taufen ließ.

Diese Ambivalenz gegenĂŒber der eigenen Herkunft und die Neigung, die vermeintlichen „typisch jĂŒdischen“ Eigenschaften vornehmlich als negativ aufzufassen, ist jedoch keine spezifische Eigenschaft Karl Kraus’.[17] Eine assimilierungswillige und weitgehend schon assimilierte Judenschaft in Wien traf auf die aus Galizien und Lodomerien nach Wien strömenden ostjĂŒdischen Glaubensgenossen mit ihrem als unzeitgemĂ€ĂŸ empfundenen Kaftan, ihren SchlĂ€fenlocken und ihren Tefillin – und empfand Fremdheit und Beklemmung. Die „Westjuden“ legten Wert darauf, nicht mit den „Ostjuden“ verwechselt zu werden, hingen mit besonderer Liebe an Deutschland und Österreich und gaben sich bisweilen deutscher als die christlichen Deutschen, waren kulturell ĂŒberaus engagiert, wirtschaftlich erfolgreich und wollten angesichts einer Zeit, welche die atavistische Judenfeindschaft scheinbar ein fĂŒr allemal ĂŒberwunden hatte, den Geruch und die Erniedrigung des jahrhundertelangen Ghettos hinter sich lassen, ohne von osteuropĂ€ischen GlaubensbrĂŒdern erneut daran erinnert zu werden. Außerdem bestand die Sorge, dass die Ostjuden durch ihre Erscheinung und ihre fremden GebrĂ€uche alte Ressentiments von neuem beleben könnten â€“ zumal gerade gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Wien und anderswo das PhĂ€nomen des Antisemitismus immer stĂ€rker um sich griff. Zur Wiederentdeckung der Kultur des Ostjudentums hat es eines Martin Buber bedurft.

Gerade Kraus, Abkömmling einer wohlhabenden Familie großbĂŒrgerlicher Industrieller, musste dazu neigen, dieses Empfinden der alteingesessenen Judenschaft zu teilen. Die von Kraus vertretene Einstellung des arrivierten Judentums zur jĂŒdischen Frage lĂ€sst sich gut an seinem Pamphlet Eine Krone fĂŒr Zion (1898) erkennen, das auf Herzls Publikation Der Judenstaat antwortet. Die Krone, eigentlich die österreich-ungarische WĂ€hrung (wobei fĂŒr die Berechtigung einer Teilnahme am Zweiten Zionistischen Kongress als Mindestspende eine Krone zu erlegen war), wurde von Kraus als Krone eines Möchtegern-„Königs von Zion“ gedeutet. Kraus warf dem Zionismus vor, zu einem historischen Fehler anzusetzen: Er verlasse den einzig erfolgversprechenden Pfad der Assimilierung und fĂŒhre in die Irre, und er spiele außerdem denjenigen in die HĂ€nde, die eine Trennung zwischen Juden und Nichtjuden herbeifĂŒhren wollten. Insbesondere den militanten Zionisten sei es gelungen, „Christen, die dem Antisemitismus bisher keinerlei Geschmack abgewinnen konnten, von der Heilsamkeit der Absonderungsidee zu ĂŒberzeugen“. Der Zionismus werde vor der Integration kapitulieren mĂŒssen: „Es ist kaum anzunehmen, dass die Juden diesmal trockenen Fußes in das Gelobte Land einziehen werden, ein anderes rotes Meer, die Sozialdemokratie, wird ihnen den Weg dahin versperren.“[18] Außerdem fĂŒhlte sich Kraus auch infolge seiner jĂŒdischen Abstammung grundsĂ€tzlich dazu verpflichtet, sich von einer Idee nicht vereinnahmen zu lassen und fĂŒr einen eigenen Judenstaat optieren zu mĂŒssen: Er fĂŒhlte sich als Österreicher und Wiener. Darin wusste sich Kraus mit einem bedeutenden Teil der altansĂ€ssigen Judenschaft einig, welche – so sehr sie auch die Notwendigkeit einer Lösung fĂŒr das bedrĂ€ngte Ostjudentum sehen mochte – fĂŒr sich selbst einen Sinn und einen Zweck der Bewegung des Zionismus nicht erkannte, weil sie nicht sah oder sehen wollte, was Theodor Herzl inmitten des Tumults im Verlauf des Dreyfus-Prozesses gefolgert hatte.

Die Distanz zu den eigenen Wurzeln hat sich bei nicht wenigen Angehörigen der assimilierten Judenschaft in einer Haltung entladen, die als „jĂŒdischer Selbsthass“ bezeichnet wurde. Wenngleich es auch nicht an Stimmen fehlte, die eine ĂŒberstĂŒrzte Assimilierung als wĂŒrdelos ansahen, ging der Tenor dahin, den Begriff „jĂŒdische Eigenschaften“ als negativ besetzt anzusehen und die eigene jĂŒdische Herkunft möglichst zu ignorieren – wofĂŒr das Werk von Karl Kraus, der jene allerdings nicht verleugnet hat, in vieler Hinsicht ein Beispiel darstellt.

Verkennen sollte man allerdings nicht, dass Kraus viel eher als die Juden die Antisemiten unter seinen Zeitgenossen lĂ€cherlich fand. In dem Aufsatz Er ist doch e Jud (Oktober 1913) druckt Kraus die Zuschrift eines Lesers ab, welcher ihn bittet sich dazu zu erklĂ€ren, ob ihm, Kraus, „nichts von allen den Eigenschaften des Juden anhaftet“, und „welche Stellung“ Kraus zu dem Satz einnehme, „dem auch Lanz-Liebenfels beipflichtet“, dass man nĂ€mlich „aus der Rasse 
 nicht austreten“ könne. Kraus fĂŒhrt dazu aus, es sei nicht seine Sache, „mir meinen Kopf von fremden Leuten zerbrechen zu lassen [
] Meine Unbildung bringt es mit sich, daß ich ĂŒber das Rassenproblem kaum so viel auszusagen wĂŒĂŸte, als notwendig ist, um in einem halbwegs anstĂ€ndigen Kegelclub, der auf sich hĂ€lt, noch fĂŒr einen intelligenten Menschen zu gelten. Trotzdem war es möglich, daß ein Fachmann wie der Dr. Lanz von Liebenfels, auf den sich auch mein PrĂŒfer beruft, mich als den 'Retter des Ario-Germanentums' angesprochen hat. Wie das zugeht, weiß ich nicht, da doch diese Rassenantisemiten auch den Satz aufgestellt haben: 'Aus der Rasse kann man nicht austreten' [
] Ich weiß nicht, ob es eine jĂŒdische Eigenschaft ist, das Buch Hiob lesenwert zu finden, oder ob es Antisemitismus ist, ein Buch Schnitzlers in die Ecke zu werfen [
] Mit der Rasse kenne ich mich nicht aus“.[19]

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Veröffentlichung von Eine Krone fĂŒr Zion schrieb Kraus dazu: „Ich kann, da ich nicht mit soviel Gesinnung auf die Welt gekommen bin wie ein zionistischer Redakteur, unmöglich als FĂŒnfzigjĂ€hriger aufrechterhalten, was ich als DreiundzwanzigjĂ€hriger geschrieben habe.“ Jedoch „Reue als Vorstellung, dass ich es damals hĂ€tte unterlassen oder anders tun können, kann sich nie meiner bemĂ€chtigen. Das wĂ€re doch nur möglich, wenn ich wĂŒsste, dass ich es gegen meine Überzeugung getan hĂ€tte!“[18]

Der Ambivalenz seiner ĂŒberkommenen Einstellung zur jĂŒdischen Frage scheint Kraus sich durchaus bewusst gewesen zu sein, als er etwa in der Dritten Walpurgisnacht einen Brief an den WDR abdruckte, der Kraus im April 1933 um die Überlassung einiger Probeexemplare von dessen Übersetzung der Sonette Shakespeares gebeten hatte. Kraus gab vor, den Redakteur „vor einem Mißgriff zu bewahren, der Sie in Widerspruch zu den in Deutschland geltenden Richtlinien der kulturkritischen Betrachtung bringen könnte“: Er selbst sei ein jĂŒdischer Autor, doch fehle in den BĂŒchern ein Hinweis auf eine „Übersetzung aus dem HebrĂ€ischen“ (im Sinne einer Art literarischen Judensterns).[20] Karl Kraus war sich bewusst, dass der nationalsozialistische Rassebegriff ihn als jĂŒdischen Autor einstufen wĂŒrde, er konnte tun oder lassen, was er wollte.

Werk

Die Fackel

Siehe auch Hauptartikel Die Fackel

Cover der Urausgabe der „Fackel“, April 1899
„Fackel“ von 1909

Am 1. April 1899 grĂŒndete Karl Kraus die Zeitschrift Die Fackel. In der Vorrede zur Fackel sagte er sich von allen RĂŒcksichten auf parteipolitische oder sonstige Bindungen los. Unter dem Motto Was wir umbringen, das er dem reißerischen Was wir bringen der Zeitungen entgegenhielt, sagte er der Welt, vor allem der der Schriftsteller und Journalisten, den Kampf gegen die Phrase an und entwickelte sich zum wohl bedeutendsten VorkĂ€mpfer gegen die Verwahrlosung der deutschen Sprache.

Die Entwicklung der Zeitschrift Die Fackel ist eine Biographie ihres Herausgebers. Von Anfang an war Karl Kraus nicht nur der Herausgeber, sondern auch der Autor der meisten BeitrĂ€ge (ab 1912 alleiniger Autor). WĂ€hrend jedoch die Fackel zu Beginn durchaus mit anderen Ă€hnlichen Zeitschriften (wie etwa der WeltbĂŒhne) vergleichbar war, wurde sie spĂ€ter mehr und mehr die privilegierte Form seines eigenen schriftstellerischen Ausdrucks. Karl Kraus war finanziell unabhĂ€ngig und musste keine RĂŒcksichten nehmen. So war Die Fackel allein sein Werk; es wurde darin ausschließlich gedruckt, was er fĂŒr richtig hielt. Die letzte Nummer,[21] erschienen vier Monate vor seinem Tod, endet mit dem Wort Trottel.

Kraus’ Selbstbewusstsein war ungemein, seine Misanthropie legendĂ€r; eine Vorstellung mag einer im Januar 1921 auf seinem Heft veröffentlichten großen Notiz entnommen werden, die beinahe als Manifest seines Wirkens bezeichnet werden kann:

Ich
lese keine Manuskripte und keine Drucksachen,
brauche keine Zeitungsausschnitte,
interessiere mich fĂŒr keine Zeitschriften,
begehre keine Rezensionsexemplare und versende keine,
bespreche keine BĂŒcher, sondern werfe sie weg,
prĂŒfe keine Talente,
gebe keine Autogramme [
]
besuche keine Vorlesungen außer den eigenen [
]
erteile keinen Rat und weiß keinen,
mache keinen Besuch und empfange keinen,
schreibe keinen Brief und will keinen lesen und
verweise auf die völlige Aussichtslosigkeit jedes Versuchs, mich zu irgendeiner der hier angedeuteten oder wie immer beschaffenen, schon in ihrer Vorstellung meine Arbeit störenden, mein Missbehagen an der Außenwelt mehrenden Verbindungen mit eben dieser bestimmen zu wollen, und habe nur noch die Bitte, die auf alle derlei Unternehmungen vergeudeten Porto- und sonstigen Kosten von jetzt an der Gesellschaft der Freunde Wien I, Singerstraße 16, zuzuwenden.“[22]

Die letzten Tage der Menschheit

Die letzten Tage der Menschheit ist eine „Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog“. Sie ist in den Jahren 1915–1922 als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entstanden.

Siehe Hauptartikel: Die letzten Tage der Menschheit

Dritte Walpurgisnacht

Die Machtergreifung im benachbarten Deutschland schien Kraus die Sprache zu verschlagen. Erst im Oktober 1933 meldete er sich erneut mit der dĂŒnnsten „Fackel“ zu Wort (4 Seiten), die er jemals herausgegeben hat. Neben einer Grabrede fĂŒr Adolf Loos enthĂ€lt sie nur das folgende Gedicht:

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und trÀumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war's einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.[23]

Diese Äußerung in Fackel Nr. 888 wurde von Bertolt Brecht in einem Gedicht kommentiert:

Als der Beredte sich entschuldigte
Daß seine Stimme versage
Trat das Schweigen vor den Richtertisch
Nahm das Tuch vom Antlitz und
Gab sich zu erkennen als Zeuge. [24]

Die nationalsozialistischen Machthaber setzten Kraus’ Lebenswerk umgehend auf die „Liste des schĂ€dlichen und unerwĂŒnschten Schrifttums“. Bei der BĂŒcherverbrennung hingegen wurden seine Werke verschont. Kraus war nicht erbaut davon: „[
] diese schwarze Liste, bei deren Anblick einen der gelbe Neid packt. Wo bleibt da die Gerechtigkeit, wenn man sein Leben lang zersetzend gewirkt hat, den Wehrwillen geschwĂ€cht, den Anschluß widerraten und den ans Vaterland nur zum Schutz gegen das andere empfohlen hat, in der oft (selten mit Quelle) zitierten Erkenntnis, daß dort elektrisch beleuchtete Barbaren hausen und daß es das Volk der Richter und Henker sei.“[25]

Kraus war in den Monaten von der Machtergreifung in Berlin bis zum Oktober 1933 allerdings keineswegs untĂ€tig gewesen. Er erkannte frĂŒh die Unmenschlichkeit und die Gefahr des Nationalsozialismus. Seine Gedanken dazu finden sich in dem Buch Dritte Walpurgisnacht, das mit den berĂŒhmten Worten beginnt: „Mir fĂ€llt zu Hitler nichts ein“. In diesem Werk, das 1933 – in den ersten Monaten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung – entstand, aber erst 1952 veröffentlicht wurde, findet sich der prophetische Satz, der Nationalsozialismus sei ein Alptraum, aus dem – „nach BewĂ€ltigung der anderen Parole“ – Deutschland „erwachen“ werde. Mit der „anderen Parole“ spielt Kraus auf den zweiten Teil des NS-Slogans „Deutschland erwache, Juda verrecke!“ an.

Walpurgisnachtszene aus „Faust“

Die Dritte Walpurgisnacht bezieht ihren Namen daher, dass Kraus seine Beobachtungen und Feststellungen neben die Klassische Walpurgisnacht in Goethes Faust (2. Teil) hÀlt und mit dieser kommentiert, etwa wenn er Joseph Goebbels behandelt:

Wie sie dem Satyrvolk behagen;
Ein Bocksfuß darf dort alles wagen.

Sie ist durch einen folgerichtigen Schluss von den AnfĂ€ngen des Nationalsozialismus auf seinen Fortgang und sein Ende gekennzeichnet, und zwar anhand der bestialischen Taten einerseits, welche das Buch zahlreich anfĂŒhrt, sowie der Sprache der Nationalsozialisten andererseits. Die FriedensschwĂŒre der neuen Machthaber deutete er richtig: „Wir leben [
] in einem ewigen Zirkulus und die Welt kennt sich nicht aus, wiewohl sie leichter das Wehrhafte als das Wahrhafte erkennt, vor allem in den Reden rein pazifistischen Inhalts, hinter der sie den Gedanken vermutet: si vis bellum, para pacem.“

An der Dritten Walpurgisnacht arbeitete Kraus von Mai bis September 1933; sie sollte als Ausgabe der Fackel erscheinen. Sie war schon gesetzt und die Druckfahnen durchgesehen, als Kraus sich dazu entschloss, auf die Veröffentlichung zu verzichten. Weniger die persönliche Gefahr ist hierfĂŒr ausschlaggebend gewesen als die BefĂŒrchtung, dass die Nationalsozialisten sich fĂŒr eine Provokation, fĂŒr welche sie nach aller Erfahrung grĂ¶ĂŸere Kreise als ihn allein verantwortlich machen wĂŒrden, an unschuldigen Opfern rĂ€chen könnten. Er selbst bekannte, dass er „den schmerzlichsten Verzicht auf den literarischen Effekt geringer achtet als das tragische Opfer des Ă€rmsten anonym verschollenen Menschenlebens“.[26] So kam es, dass die Dritte Walpurgisnacht erst nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen konnte.

Weitere Veröffentlichungen

Viele der grĂ¶ĂŸeren Essays veröffentlichte Kraus auch als BroschĂŒren, so z. B.: Der Fall Hervay, 1904; Irrenhaus Österreich, 1904; Die Kinderfreunde, 1905; Der Prozeß Riehl, 1906. Da Karl Kraus in dem Bewusstsein schrieb, dass sein Werk seine Zeit ĂŒberdauern werde, veröffentlichte er viele seiner Artikel gesammelt und ĂŒberarbeitet in Buchform. Unter den frĂŒhen Buchveröffentlichungen sind zu nennen: Sittlichkeit und KriminalitĂ€t 1908, Die chinesische Mauer 1910, Weltgericht 2 BĂ€nde 1919.

Kraus hat sich intensiv mit dem Werk Shakespeares befasst. Im Anschluss an eine Befassung mit einer Nachdichtung von Shakespeares Sonetten durch Stefan George, die er in einer Fackel 1932 mit dem Aufsatz Sakrileg an George oder SĂŒhne an Shakespeare? verriss („Befund hoffnungslos. Totholz jede Zeile“[27]), dichtete er die Sonette selbst nach. Ebenso hat er Übersetzungen mehrerer Dramen Shakespeares bearbeitet (u. a. Timon von Athen, König Lear, Macbeth) und sieben davon in Buchform veröffentlicht.

Die Vorlesungen

Jacques Offenbach

Seine erste Vorlesung aus eigenen Schriften hielt Kraus am 13. Januar 1910 im „Verein fĂŒr Kunst“ in Berlin. Die Resonanz war derart, dass der in Wien beharrlich Totgeschwiegene sich mit dem Gedanken trug, nach Berlin ĂŒberzusiedeln. Doch auch in Wien fanden seine VortrĂ€ge das Interesse der Zuhörerschaft, und so wurde Kraus außer zum Dichter auch zum Vorleser.

Bei seinen Vorlesungen aus eigenen und fremden Schriften (unter anderen William Shakespeare, Johann Nestroy, Jacques Offenbach) faszinierte er seine Zuhörer durch seine Sprachgewalt und Persönlichkeit. Er selbst schrieb:

Ich muß sie alle vereinen,
die ich einzeln nicht gelten lasse.
Aus tausend, die jeder was meinen,
Mach ich eine fĂŒhlende Masse.
Ob der oder jener mich lobe,
ist fĂŒr die Wirkung egal.
Schimpft alle in der Gardrobe,
ihr wart mir doch wehrlos im Saal![28]

In der Tat erzielte er durch seine genau 700 Vorlesungen bei seinen Zuhörern die stĂ€rksten Wirkungen, wie z. B. Elias Canetti in seinem autobiographischen Werk Die Fackel im Ohr bekennt. Er verfĂŒgte nicht nur ĂŒber das rhetorische RĂŒstzeug, sondern ĂŒber eine Variationsbreite des Charakterisierens und Portraitierens bis ins letzte Detail durch alle Nuancen, Dialekte und Akzente.

So sehr sein Auftreten das Publikum in den Bann schlug, hatte Kraus gleichwohl vor seinen Auftritten Lampenfieber und verbat sich jede Störung, auch das Fotografieren.

Kleine Ausschnitte aus seinen Vorlesungen blieben durch den Tonbandeinsatz von Amateuren, teils auch durch einige österreichische und deutsche Rundfunksender erhalten. Ein Amateur hat ferner 1934 Karl Kraus bei einer seiner Vorlesungen auf einem Tonfilm festgehalten.[29]

Freund und Feind

Geförderte Autoren

Zu den von Karl Kraus geförderten und unterstĂŒtzten Autoren gehörten neben Peter Altenberg und anderen die von ihm hochgeschĂ€tzten Dichter Else Lasker-SchĂŒler und Georg Trakl, dem wir eine kurze, lyrische Charakterisierung seines Gönners verdanken:

Weißer Hohepriester der Wahrheit,
Kristallne Stimme, in der Gottes eisiger Odem wohnt,
ZĂŒrnender Magier,
Dem unter flammendem Mantel der blaue Panzer des Kriegers klirrt.

Die Fackel druckte in ihren ersten Jahren – bevor in ihr fast ausschließlich Kraus’ Werke gedruckt wurden – ferner auch BeitrĂ€ge u. a. von Houston Stewart Chamberlain, Albert Ehrenstein, Egon Friedell, Karl Hauer, Detlev von Liliencron, Victor Loos, Erich MĂŒhsam, Otto Soyka, August Strindberg, Frank Wedekind, Franz Werfel und Oscar Wilde.

Mit einigen dieser Autoren allerdings, besonders mit Werfel, ĂŒberwarf sich Kraus spĂ€ter.

Erledigungen

Karl Kraus wirkte, indem er sich mit berĂŒhmten Zeitgenossen anlegte. Die Liste seiner Gegner ist lang und illuster: statt Vieler seien Hermann Bahr, Sigmund Freud und die Psychoanalyse, Arthur Schnitzler, Moriz Benedikt, Maximilian Harden, Alfred Kerr und Johann Schober genannt. Sie mussten groß sein, AnhĂ€nger und Einfluss haben, um sich zur Exemplifizierung des GrundsĂ€tzlichen zu eignen. Kraus agierte hier mit seiner Zeitschrift wie eine Gerichtsinstanz. Vier Kampagnen seien hier exemplarisch umrissen.

Maximilian Harden

Maximilian Harden

Maximilian Harden gab in Berlin seine eigene Zeitschrift Die Zukunft heraus. UrsprĂŒnglich herrschte Freundschaft zwischen Kraus und Harden; die Zukunft, ebenfalls im Wesentlichen Sprachrohr eines Einzelnen, war in vieler Hinsicht ein Vorbild fĂŒr die Fackel, und Kraus hatte sich mit Harden vor dem Start der Fackel beraten. Dann jedoch suchte Kraus den Konflikt mit Harden vor dem Hintergrund der von Kraus leidenschaftlich angegangenen Sittlichkeitsprozesse, wie sie fĂŒr die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg typisch waren. Dieser Art von Prozessen widmete Kraus mit Sittlichkeit und KriminalitĂ€t eine ganze Sammlung seiner AufsĂ€tze, in denen er fĂŒr das Recht des Individuums auf Lust und auf Verschonung von SexualschnĂŒffelei eintrat.

Im Rahmen der sogenannten Eulenburg-Prozesse gegen den kaiserlichen Vertrauten Philipp FĂŒrst zu Eulenburg und Hertefeld und Graf Kuno von Moltke, die homosexueller Handlungen beschuldigt waren, kĂ€mpfte Harden in einer Schlammschlacht (u. a. wurden Meineide geschworen und Harden ließ sich bezahlt beleidigen, um im folgenden pro-forma-Prozess eine Zeugenaussage verwerten zu können) gegen die „Hofkamarilla“. Obwohl Kraus fĂŒr das System des deutschen Kaiserreichs selbst nicht sehr viele Sympathien hegte, widerten ihn die FĂŒhrung eines weiteren großen Sittlichkeitsprozesses im Allgemeinen und die Methoden Maximilian Hardens – mit seiner Taktik, fĂŒr politische Ziele das Privatleben anderer Menschen ans Licht zu zerren und dabei die Vernichtung ihrer bĂŒrgerlichen Existenz in Kauf zu nehmen – im Besonderen an. So widmete er ein ganzes Doppelheft der Fackel einer großen Abrechnung mit Harden (Harden. Eine Erledigung.), worin er auch bemĂŒht ist, seine oben angedeutete nicht widerspruchsfreie Stellung zu Harden als frĂŒhem Förderer anzusprechen und mit seiner Entwicklung zu begrĂŒnden.

Die Auseinandersetzung mit Harden zieht sich allerdings auch noch durch die spĂ€ter erscheinenden BĂŒcher Die chinesische Mauer und Literatur und LĂŒge, da Kraus sich auf die außergewöhnlich geschraubte Sprache Hardens stĂŒrzte, die von dessen Prunken mit Bildung und Halbbildung und von gewollt altertĂŒmlichen Wendungen strotzte. Kraus nannte dieses Hardensche Deutsch „Desperanto“ und gab in der Fackel mehrfach Übersetzungen aus Harden heraus („Unterm Wonnemond ein borussisches Sodom bezetern – Im Mai ĂŒber preußische Sittenverderbtheit klagen“[30]).

Alfred Kerr

Alfred Kerr blieb fĂŒr Karl Kraus fast ein lebenslanges, jedenfalls durch seine jeweiligen unĂŒberlegten Reaktionen ein besonders dankbares Objekt seiner „Erledigungen“.

Bereits 1911 gerieten Kraus und Kerr erstmals aneinander. Kerr war Hauptautor der literarischen Zeitschrift Pan, die vom Verleger Paul Cassirer herausgegeben wurde. 1911 hatte der Berliner PolizeiprĂ€sident von Jagow die Schauspielerin Tilla Durieux, zu der Zeit Ehefrau Cassirers, umworben. Diese AffĂ€re wurde von allen Beteiligten gĂŒtlich beigelegt, und es hĂ€tte keine Notwendigkeit bestanden, noch daran zu rĂŒhren. Kerr allerdings wollte aus politischen GrĂŒnden Druck auf von Jagow ausĂŒben und veröffentlichte hierzu mit Billigung Cassirers die AffĂ€re mit privaten Details im Pan. Kraus verwies ihm in den Fackel-AufsĂ€tzen Der kleine Pan ist tot, Der kleine Pan röchelt noch und Der kleine Pan stinkt schon[31] seine Handlungsweise ebenso, wie er es Harden gegenĂŒber tat. In der folgenden Auseinandersetzung griff Kraus Kerrs ganzes Schaffen an und bezweifelte dessen literarische FĂ€higkeiten. Schließlich ließ sich Kerr dazu hinreißen, ein „Capricho“ auf Kraus zu verfassen, das voller persönlicher Beleidigungen steckt und in einem unflĂ€tigen Spottgedicht gipfelt:

KrÀtzerich, in BlÀttern lebend,
Nistend, mistend, „ausschlag“-gebend.
Armer Möchtegern! Er schreit:
„Bin ich Ă€ Perseenlichkeit
!“

Kraus, der das Gedicht im Aufsatz Der kleine Pan stinkt noch in voller LĂ€nge in der Fackel abdruckte, meinte hierzu: „Es ist das StĂ€rkste, was ich bislang gegen den Kerr unternommen habe [
] Es ist mein VerhĂ€ngnis, daß mir die Leute, die ich umbringen will, unter der Hand sterben.“[32] Kerr hat sich mit seinem eigenen Capricho am meisten selbst geschadet und sich nur langsam von seiner verheerenden Wirkung erholt.

Nach dem Ersten Weltkrieg geißelte Karl Kraus nicht so sehr die Nationalisten, die sich selbst wenigstens treu geblieben waren, sondern die Kriegslyriker, die sich ĂŒbergangslos in Demokraten und Pazifisten verwandelten und sich an frĂŒhere TĂ€tigkeiten nicht mehr erinnern mochten. Alfred Kerr trug seine angeblich seit jeher weiße Weste besonders dreist, unter anderem, indem er als Vertreter der Völkerversöhnung nach Paris reiste, wo man von seinen Kriegsgedichten nichts wusste:

Ist Dein Land, Immanuel Kant,
Von den Skythen ĂŒberrannt?
Mit Gestank und mit GelÀrme
stapfen stumpfe SteppenschwÀrme
Hunde drangen in das Haus -
Peitscht sie raus![
]
DĂŒrfen uns nicht unterkriegen,
Peitscht sie, daß die Lappen fliegen,
Zarendreck, Barbarendreck -
Peitscht sie weg! Peitscht sie weg![33]

Der Demokrat und Pazifist Kerr erwies sich als ĂŒberaus empfindlich gegen den Nachweis seines schriftstellerischen Werks wĂ€hrend des Kriegs. Er nahm den Umstand, dass Kraus ihm eines der vielen unter einem Sammelpseudonym (Gottlieb) veröffentlichten Kriegsgedichte fĂ€lschlicherweise zugeschrieben hatte, zum Anlass, gegen Kraus eine Verleumdungsklage zu erheben. Dieser brachte seinerseits eine Widerklage ein. Kerr, obwohl selbst jĂŒdischer Herkunft, verwendete die Angriffe antisemitischer Vereinigungen auf Kraus zu dem Zweck, das mutmaßlich selbst antisemitisch eingestellte Berliner Gericht gegen Kraus einzunehmen. Beide Klagen wurden vor Gericht einvernehmlich zurĂŒckgezogen, da Kerr allmĂ€hlich schwante, welche Öffentlichkeitswirkung der Prozess entfalten wĂŒrde. Kraus nannte Kerr einen „Schuft“ und gab an, er habe der Erledigung des Verfahrens zugestimmt, um die von Kerr dem Gericht vorgelegten SchriftsĂ€tze in der Fackel veröffentlichen zu können. Dies geschah im September 1928 in einer Fackel von ĂŒber zweihundert Seiten Umfang. Kerr steht in diesem von Kraus kommentierten Text, nicht nur wegen der antisemitischen Seitenhiebe, wenig vorteilhaft da. Er kĂŒndigte im selben Monat eine Antwort und Abfuhr contra Kraus an, von der es hieß: „Erscheint in 8 Tagen“. Der Erscheinungstermin wurde immer weiter hinausgezögert – doch Kerrs Antwort erschien niemals, obwohl (wenn Kraus’ Freunde sich recht erinnern) der begabte Stimmenimitator Kraus immer wieder einmal anonym bei Kerr angerufen und ihn gefragt haben soll, wann denn nun mit der Gegenschrift zu rechnen sei.

Imre BĂ©kessy

Die UnĂŒberwindlichen. Der „Chor der Redakteure“ ist eine Parodie auf den Gesang der RĂ€uber im 4. Akt, 5. Szene von Friedrich Schillers „RĂ€uber“.

Imre BĂ©kessy, ein vorbestrafter Ungar, der 1923 von der Stadt Wien die österreichische StaatsbĂŒrgerschaft erhielt, gab in Wien die Tageszeitung Die Stunde heraus, fĂŒr Wien eine Tageszeitung neuen Typs mit vielen Bildern, wenig Text, vielen Annoncen, einer Menge Klatsch und wenig Politik. Kraus nahm die Stunde lange nicht wahr, weil er sich mit den sogenannten QualitĂ€tsblĂ€ttern fĂŒr die gebildete Schicht anzulegen pflegte. Die Boulevardzeitung fiel Kraus erstmals auf, als der Herausgeber BĂ©kessy einen Prozess zweier Redakteure der Zeitschrift Der Volkswirt abzuwĂŒrgen vermochte, indem er mit der Veröffentlichung eines Privatbriefs eines der Redakteure drohte. BĂ©kessy war der Idealtypus eines kĂ€uflichen Redakteurs, der sich Zuwendungen nicht lediglich unter der Hand andienen, sondern sich das Erscheinen oder Nichterscheinen eines Artikels bezahlen ließ.

Die Stunde reagierte auf die ihr eigene Weise, indem sie „EnthĂŒllungen“ ĂŒber Karl Kraus anbot. Das reichte von der Veröffentlichung eines Jugendfotos, auf welchem der Retuscheur Kraus abstehende Ohren und einige weitere unansehnliche ZĂŒge verpasste, bis zu einem erlogenen Erbschaftsstreit Kraus’ mit seiner Schwester.

Kraus reagierte: im Juni 1925 las er den Text „Entlarvt durch BĂ©kessy“ vor, der in dem Ruf gipfelte: „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“, welchen er bei spĂ€teren Gelegenheiten aus Anlass weiterer Arbeiten und Lesungen zu Imre BĂ©kessy ebenso publikumswirksam wiederholte. Bundesgenossen hatte Kraus nur wenige; insbesondere die Sozialdemokratische Partei und der Wiener PolizeiprĂ€sident Johann Schober (die an sich Kraus SchĂŒtzenhilfe versprochen hatten) zögerten beide, gegen BĂ©kessy vorzugehen, da BĂ©kessy zu viel ĂŒber sie wusste.

BĂ©kessy hielt dem Druck der Fackel nicht stand: Ein Prokurist wurde verhaftet, ein Angestelltenverband forderte seine Mitglieder auf, die Stunde nicht mehr zu kaufen, er sah sich einem Ermittlungsverfahren wegen Erpressung ausgesetzt. Kraus nannte BĂ©kessy öffentlich einen BetrĂŒger, Meineidigen und Erpresser und stellte ihm anheim, den Gegenbeweis vor Gericht anzutreten. Stattdessen floh BĂ©kessy ins Ausland, wie es hieß „zur Kur“, um nicht mehr nach Wien zurĂŒckzukehren.

Im Mai 1928 machte Kraus BĂ©kessy und seine Stunde zum Gegenstand seines satirischen Dramas Die UnĂŒberwindlichen, in dem BĂ©kessy als Barkassy, der Wiener PolizeiprĂ€sident Schober wegen seiner Rolle bei der Niederschlagung der Julirevolte sowie der Spekulant Camillo Castiglioni auftreten. Castiglioni erreichte ein AuffĂŒhrungsverbot in Österreich, so kam es zur UrauffĂŒhrung in Dresden.

Johann Schober

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Das Schoberlied
Historische Aufnahme des Schoberlieds mit Karl Kraus 1927/8

Johann Schober, dreimaliger österreichischer Kanzler und damals gerade PolizeiprĂ€sident von Wien, hatte die blutige Niederschlagung der Julirevolte vom 15. Juli 1927 zu verantworten: Eine nach dem Schattendorfer Urteil aufgebrachte Menge hatte den Justizpalast angesteckt, die Polizei hatte auf die Leute geschossen, und etwa 100 Menschen waren dabei zu Tode gekommen. Dieses Ereignis wird bis heute kontrovers gesehen. Schober hatte in seiner Position angesichts eines rasenden Mobs, der GebĂ€ude anzĂŒndete, zweifellos eine Entscheidung zu treffen. Ob der Schießbefehl unumgĂ€nglich war, und warum es zu einer derart hohen Zahl von Opfern hatte kommen mĂŒssen, ist seitdem vielfach diskutiert worden. Der Skandal war allerdings nicht so sehr der Schießbefehl allein, sondern der Blutrausch, in dem Abteilungen der Wiener Polizei ein regelrechtes Scheibenschießen auf ihre „Gegner“ veranstalteten. Nach den in der Fackel veröffentlichten Augenzeugenberichten wurde wahllos auf Passanten geschossen, darunter Kinder und nachweislich Unbeteiligte.

Die bĂŒrgerliche Regierung jedenfalls stellte sich hinter Schober, der sich damit rechtfertigte, seine Pflicht getan zu haben, und hinter dessen Polizei. Kraus war empört, zog in der Fackel Vergleiche mit dem Weltkrieg und plakatierte in Wien mit großen Buchstaben die an Schober gerichtete Botschaft: „Ich fordere Sie auf, abzutreten“. Kraus gedachte Schober Ă€hnlich in die Ecke zu drĂ€ngen, wie es ihm mit BĂ©kessy gelungen war, und zwar nicht nur mit publizistischen Mitteln, sondern auch unter Einsatz der Justiz. Abgesehen von den Ereignissen des 15. Juli stĂŒtzte sich Kraus auf Zusagen Schobers im Kampf gegen BĂ©kessy, die dieser nicht eingehalten, und Maßnahmen, die dieser nicht ergriffen hatte. Schober, so Kraus, habe sein Wort gebrochen und habe somit abzutreten.

Hier verrechnete sich Kraus: Das Publikum, an das er sich mit seinem moralischen Appell wandte, wollte davon kaum etwas wissen. Weder wollten die BĂŒrger den „Retter vor dem Umsturz“ preisgeben, noch konnten die Sozialdemokraten Kraus gegen den „Arbeitermörder“ Schober voll unterstĂŒtzen, weil zwischen ihnen und ihrem Schutzbund einerseits und den Heimwehren andererseits im Wesentlichen nur Schober und seine Polizei stand. Daher richtete Kraus gegen Schober im Ergebnis nichts aus. Die angestrebte „Erledigung“ konnte er in diesem Falle nicht erreichen. Hinzu kam, dass ein Wiener Original, der sogenannte „GoldfĂŒllfederkönig“, als Schabernack seinerseits Plakate affichieren ließ, in denen Schober im gleichen Wortlaut aufgefordert wurde, „nicht abzutreten“.

Kraus portraitierte Schober in dem Drama Die UnĂŒberwindlichen als die Figur Wacker. Diesem Wacker wird durch Kraus das von ihm selbst gedichtete Schoberlied in den Mund gelegt, welches Kraus dadurch populĂ€r zu machen hoffte, dass er es als billig zu erstehende Flugschrift vertrieb – in der trĂŒgerischen Hoffnung, ein in allen Straßen gesungenes Spottlied könnte Schober zum Amtsverzicht bewegen:

Ja das ist meine Pflicht,
bitte sehn S’ denn das nicht.
Das wĂ€r’ so a G’schicht,
tĂ€t’ ich nicht meine Pflicht [
]

Das Lied leiert in dieser Weise weiter (zu Motiven aus Üb immer Treu und Redlichkeit und dem Radetzky-Marsch), endet aber mit der Strophe:

Wohl wagt’s mancher Wicht
und verkennt meine Pflicht.
Doch vors G’richt geh’ ich nicht,
das ist nicht meine Pflicht![34]

Damit spielt Kraus darauf an, dass Schober ihn trotz wĂŒtender Angriffe nicht verklagte.

Wirkung

„Als er starb, schien er sich ĂŒberlebt zu haben. Da er fĂŒnfzehn Jahre spĂ€ter aufzuerstehen begann, sahen wir, daß er ĂŒberlebt hatte und uns ĂŒberleben wird.“ (Hans Weigel)[35]

Fackel und BĂŒcher waren, obwohl ursprĂŒnglich lukrativ, zu einem VerlustgeschĂ€ft geworden, und Kraus starb fast mittellos. Die Erlöse seiner vielen Lesungen hatte er ausnahmslos fĂŒr gemeinnĂŒtzige Zwecke gespendet. Der Nachlass reichte knapp hin, um die Kosten des BegrĂ€bnisses zu decken. Ein weiteres Heft der Fackel hĂ€tte er vielleicht nicht mehr finanzieren können. Ein Karl-Kraus-Archiv wurde gerade eben rechtzeitig vor 1938 in die Schweiz gebracht: was in Wien blieb, wurde geplĂŒndert und vernichtet. Heute befinden sich die Reste in der Wienbibliothek im Rathaus.

Kraus und seine Zeit hatten sich auseinandergelebt. Wenig ließ darauf schließen, dass die nach seinem Tod durch andere Geschehnisse tiefgreifend verĂ€nderte Nachwelt ihm Interesse entgegenbringen wĂŒrde. Und wirklich: Kraus ist postum noch mehr als zu Lebzeiten ein 'Geheimtipp', mag auch sein Werk von Zeit zu Zeit in literarischen Kanons empfohlen werden. Viele seiner Schriften behandeln Wiener AffĂ€ren von vor hundert Jahren; man muss nicht den 'bildungsfernen Schichten' angehören, um diesen Stoff uninteressant zu finden, und ein vollstĂ€ndiges VerstĂ€ndnis ist nur im Kontext der Zeitgeschichte und des Fackel-Laufs möglich -- idiosynkratisch österreichisch nannte es jemand aus dem englischen Sprachraum, dessen Leser zusĂ€tzlich durch die Sprachbarriere gehindert werden.

Und dennoch ist das Werk zeitlos. Es findet Leser, die sich von Kraus’ Meisterschaft der satirischen Form angezogen fĂŒhlen – eine Satire, die in einer solchen Weise aus der Sprache lebt, dass Kraus’ Werke sehr schwer ĂŒbersetzbar sind. Viele Themen der Fackel sind auch nach einem Jahrhundert nicht erledigt. Dass Kraus sich keiner Ideologie, Schublade oder Partei unterordnete, vielmehr (fast) jedem auf die Zehen trat, hat seine PopularitĂ€t bereits zu Lebzeiten begrenzt; er konnte weder der SĂ€ulenheilige der Revolution noch der Reaktion sein, seine Schriften waren weder fĂŒr Bibelkreis noch fĂŒr Synagoge geeignet, und weder Patriarchen noch Emanzen konnten mit ihm voll ĂŒbereinstimmen.

Kraus’ Werk ist also heute wie damals im Vergleich zu seiner Bedeutung wenig bekannt. Man muss allerdings bedenken, dass Kraus einer der ganz wenigen (wie etwa Kurt Tucholsky) ist, denen es gelang, mit journalistischen Arbeiten die schriftstellerische Spitze zu erreichen und deren Werke zum Tagesgeschehen einer lĂ€ngst vergangenen Zeit heute noch geschĂ€tzt und gelesen werden. TatsĂ€chlich sind die meisten seiner Gegner heute ĂŒberhaupt nur – außer als Fußnote in GeschichtsbĂŒchern – bekannt, weil sie von der Fackel erledigt wurden. Dies macht aber auch das bis heute Umstrittene an Kraus aus: dass er im „Erledigen“ maßlos war und kaum ein noch so bedeutender Zeitgenosse seinen Kampagnen entgehen konnte. 1984 schrieb Hellmut Andics von Kraus' „DemoliertĂ€tigkeit an literarischen DenkmĂ€lern“ mit der „Fackel“ als „Exekutivorgan einer kulturellen Sittenpolizei, und mit der MentalitĂ€t eines PrĂŒgelpolizisten ging Karl Kraus auch gegen die intellektuelle Unterwelt vor. Was 'Unterwelt' war, entschied er selbst als AnklĂ€ger, Richter und Henker in einer Person.“[36] Selbst im Tod hoffte Kraus nicht auf Ruhe, im Gegenteil:

Wortverbunden bleib ich den Gestalten,
gegen die ich mich des Geistes wehre. [
]
Dreist entreiß ich mich dem faulen Frieden,
nichts zu haben als die Totenstille [
]
Todesfurcht ist, daß Natur mich bringe
einst um alles mir lebendige Grauen.
Jener ewigen Ruh ist nicht zu trauen.
Ich will leiden, lieben, hören, schauen:
ewig ruhlos, daß das Werk gelinge![37]

Auf die österreichische Literatur hat er bis zur Gegenwart große Wirkung. ReprĂ€sentativ dafĂŒr ist die Haltung Elias Canettis, der sich als Goethe-Leser von der unbedingten Verpflichtung auf Kraus als Vorbild befreite, seine dann sehr kritische Haltung aber nach der Publikation von Kraus' Briefwechsel mit Sidonie NĂĄdhĂ©rny in den siebziger Jahren Ă€nderte. In der Literaturkritik berief sich in Österreich Edwin Hartl jahrzehntelang durchgehend auf Karl Kraus als ĂŒberragenden Maßstab, so wie neuerdings auch Wilhelm Hindemith in Deutschland. Der Essayist Erwin Chargaff bezeichnet Karl Kraus gar als seinen „einzigen Lehrer“.

Ehrungen

1970 wurde die Karl-Kraus-Gasse in Wien Meidling nach Kraus benannt. Am 26. April 1974 gab die Österreichische Post zu seinem 100. Geburtstag eine Gedenkbriefmarke heraus (4 Schilling, lilarot. Michel Nr. 1448).

Literatur

Werk

VollstÀndige Nachdrucke der Fackel erschienen im Kösel-Verlag sowie bei Zweitausendeins (hier verkleinert).

Briefwechsel, Dokumente

  • Karl Kraus – Frank Wedekind. Briefwechsel 1903 bis 1917. Hrsg. u. kommentiert v. Mirko Nottscheid. WĂŒrzburg, 2008. ISBN 3-8260-3701-4
  • Karl Kraus: Briefe an Sidonie NĂĄdhernĂœ von Borutin 1913–1936. Hrsg. Friedrich PfĂ€fflin, 2 BĂ€nde. Wallstein, Göttingen 2005. ISBN 3-89244-934-1
  • Karl Kraus und Kurt Wolff: Zwischen JĂŒngstem Tag und Weltgericht. Briefwechsel 1912-1921. Hrsg. Friedrich PfĂ€fflin. Wallstein, Göttingen 2007. ISBN 978-3-8353-0225-9.
  • Karl Kraus und Mechtilde Lichnowsky: Briefe und Dokumente 1916–36. Hrsg. Friedrich PfĂ€fflin und Eva Dambacher. Marbach 2000.
  • Karl Kraus – Franz Werfel. Eine Dokumentation. Zusammengestellt und dokumentiert von Christian Wagenknecht und Eva Willms, (Reihe Bibliothek Janowitz, hg. von Friedrich PfĂ€fflin), Wallstein, Göttingen 2011. ISBN 978-3-8353-0983-8
  • „Wie Genies sterben“. Karl Kraus und Annie Kalmar. Briefe und Dokumente 1899–1999. Hrsg. Friedrich PfĂ€fflin und Eva Dambacher. Wallstein, Göttingen 2001. ISBN 3-89244-475-7
  • Karl Kraus – Otto Stoessl: Briefwechsel 1902–1925. Hrsg. Gilbert J. Carr. Deuticke, Wien 1996.
  • Feinde in Scharen. Ein wahres VergnĂŒgen dazusein: Karl Kraus – Herwarth Walden Briefwechsel 1909–1912. Hrsg. George C. Avery. Wallstein, Göttingen 2002. ISBN 978-3-89244-613-2
  • Karl Kraus contra
 Die Prozeßakten der Kanzlei Oskar Samek. Hrsg. Hermann Böhm, 4 BĂ€nde. Wien 1995–1997.
  • Peter Altenberg: Dein unglĂŒcklicher Peter: Briefe an Karl Kraus. In: Andrew Barker und Leo A. Lensing: Peter Altenberg: Rezept die Welt zu sehen. BraumĂŒller, Wien 1995. S. 209–268.
  • Anton Kuh: Luftlinien, Löcker-Verlag Wien 1981 (enthĂ€lt Kuhs Stegreifrede vom 25. Oktober 1925 gegen Karl Kraus: Der Affe Zarathustras)

SekundÀrliteratur

  • Theodor W. Adorno: Sittlichkeit und KriminalitĂ€t. Zum elften Band der Werke von Karl Kraus. In: Th.W.A.: Gesammelte Schriften. Bd. 11, Frankfurt a. M. 1974, S. 367–387.
  • Gerhard Amanshauser: LektĂŒre. Salzburg 1991, S. 26, 78, 107.
  • Helmut Arntzen: Karl Kraus und die Presse. MĂŒnchen 1975 (Literatur und Presse. Karl-Kraus-Studien. Bd. 1), ISBN 3-7705-1272-3.
  • Walter Benjamin: Karl Kraus. in: W. B., Gesammelte Schriften, Bd. II/1, Frankfurt a. M. 1977, S. 334–367.
  • Elias Canetti: Karl Kraus – Schule des Widerstands, in: Macht und Überleben Berlin: LCB, 1972, ISBN 3-920392-36-1
  • Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Studien zum ‚Theater der Dichtung‘ und Kulturkonservatismus, Kronberg 1973
  • Jens Malte Fischer: Karl Kraus, Stuttgart 1974
  • Mirko Gemmel: Die Kritische Wiener Moderne. Ethik und Ästhetik. Karl Kraus, Adolf Loos, Ludwig Wittgenstein. Parerga, Berlin 2005, ISBN 3-937262-20-2.
  • Wolfgang Hink: Die Fackel. Hrsg. Karl Kraus. Bibliographie und Register. 2 Bde. MĂŒnchen u.a. 1994.
  • Youssef Ishagpour: Masse und Macht im Werk Elias Canettis, in: John Pattillo-Hess (Hrsg.), Tod und Verwandlung in Canettis Masse und Macht, Canetti-Symposion, Kunstverein Wien, Löcker, Wien 1990, S. 78–89.
  • Werner Kraft: Karl Kraus: BeitrĂ€ge zum VerstĂ€ndnis seines Werkes. MĂŒller, Salzburg 1956.
  • Werner Kraft: Das Ja des Neinsagers: Karl Kraus und seine geistige Welt. edition text + kritik, MĂŒnchen 1974, ISBN 3-415-00369-8
  • Reinhard Merkel: Strafrecht und Satire im Werk von Karl Kraus. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1998, ISBN 3-518-28945-4.
  • Michael Naumann: Der Abbau einer verkehrten Welt. Satire und politische Wirklichkeit im Werk von Karl Kraus. MĂŒnchen, List 1969 (zugl. Diss., MĂŒnchen 1969).
  • Alfred Pfabigan: Karl Kraus und der Sozialismus. Wien, 1976.
  • Friedrich PfĂ€fflin (Hrsg.): Der „Fackel“-Lauf. Bibliographische Verzeichnisse. Marbach (Dt. Schillergesellschaft) 1999, ISBN 3-933679-24-9.
  • Friedrich PfĂ€fflin (Hrsg.): Aus großer NĂ€he. Karl Kraus in Berichten von WeggefĂ€hrten und Widersachern, Bibliothek Janowitz, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0304-1.
  • Sigurd Paul Scheichl und Christian Wagenknecht(Hrsg.): Kraus Hefte, in 72 Heften, edition text + kritik, MĂŒnchen 1972–1994
  • Paul Schick: Karl Kraus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1986, ISBN 3-499-50111-2.
  • John Theobald: The Paper Ghetto. Karl Kraus and Anti-Semitism. New York 1996.
  • Edward Timms: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874–1918. Deuticke, Wien 1986 (als Taschenbuch: Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999 ISBN 3-518-39495-9).
  • Edward Timms: Karl Kraus. Apocalyptic Satirist. The Post-War Crisis and the Rise of the Swastika. Yale University Press, New Haven and London 2005. ISBN 0-300-10751-X.
  • Hans Weigel: Karl Kraus oder Die Macht der Ohnmacht. dtv, MĂŒnchen 1968, ISBN 3-423-00816-4.

Kataloge

  • Karl Kraus: eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach; 8. Mai – 31. Oktober 1999/Ausstellung und Katalog. Friedrich PfĂ€fflin 
, Marbach am Neckar (Schiller-Nationalmuseum) 1999, (Marbacher Kataloge; 52), ISBN 3-933679-19-2
  • Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos, Marcus Patka (Hrsg. i. A. des JĂŒdischen Museums der Stadt Wien): „Was wir umbringen“ – Die Fackel von Karl Kraus, Katalog zur Ausstellung 1999, ISBN 3-85476-024-8

Quellen

Texte von Kraus sind soweit möglich zitiert nach der Ausgabe: Karl Kraus: Schriften, hrsg. von C. Wagenknecht, suhrkamp taschenbuch 1311-1322, Frankfurt a. M. 1989.

  1. ↑ Vgl. Alfred Pfabigan: Hermann Bahr als Opfer in: A. P. und Jeanne Benay (Hrsg.): Hermann Bahr – FĂŒr eine andere Moderne. Anhang: Hermann Bahr: Lenke. ErzĂ€hlung (1909). Korrespondenz von Peter Altenberg an Hermann Bahr (1895-1913). Bern: Peter Lang 2004, 205-220.
  2. ↑ SprĂŒche und WidersprĂŒche in: Band 8 (Aphorismen), S. 45. Vgl. Prozeß Veith, in: Band 2 (Die chinesische Mauer), S. 32: „Die Unsittlichkeit lebt so lange in Frieden, bis es dem Neid gefĂ€llt, die Moral auf sie aufmerksam zu machen, und der Skandal beginnt immer erst dann, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.“
  3. ↑ In dieser großen Zeit. In: Band 5 (Weltgericht I), S. 9. Vgl. Die Fackel Nr. 404, Dezember 1914, S. 1
  4. ↑ Schick, Karl Kraus, S. 136; Briefe an Sidonie NĂĄdhernĂœ von Borutin, Band 2, Anmerkungen. dtv, MĂŒnchen, 1974, S. 404
  5. ↑ Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Band 3, S. 598 f.
  6. ↑ Weigel, Kraus oder die Macht der Ohnmacht, S. 128
  7. ↑ Die Katastrophe der Phrasen. Glossen 1910–1918, Suhrkamp 1994, Frankfurt/M, S. 176
  8. ↑ Albert Fuchs: Geistige Strömungen in Österreich 1867-1918, Wien, Globus, 1949, im Reprint von 1984 (Löcker) enthalten: Albert Fuchs – Ein Lebensbild, S. XXIV
  9. ↑ Friedrich Torberg: Die Erben der Tante Jolesch. dtv, Seite 44
  10. ↑ Friedrich Torberg: Voreingenommen wie ich bin. Langen MĂŒller, Seite 81
  11. ↑ fĂŒr eine beispielhafte Aufstellung dieser und anderer Bezeichnungen vgl. Weigel, Kraus oder die Macht der Ohnmacht, S.125
  12. ↑ a b Weigel, Kraus oder die Macht der Ohnmacht, S.125
  13. ↑ Das Lied von der Presse in Literatur oder Man wird doch da sehen, in: Band 11 (Dramen), S. 57
  14. ↑ Ein notgedrungenes Kapitel, in: Band 3 (Literatur und LĂŒge), S. 144.
  15. ↑ Weigel, Kraus oder die Macht der Ohnmacht, S.128 f.
  16. ↑ etwa: Albert Fuchs: Geistige Strömungen in Österreich 1867-1918, Wien (Globus) 1949, S. 272
  17. ↑ Jacques Le Rider: Das Ende der Illusion. Die Wiener Moderne und die Krisen der IdentitĂ€t, Wien 1990, ISBN 3215074923
  18. ↑ a b zit. nach: Geschichte mit Pfiff 5/93: „PalĂ€stina/Israel“, S.45 (Autor nicht feststellbar), ISSN 0173-593X
  19. ↑ Er ist doch e Jud, in: Band 4 (Untergang der Welt durch schwarze Magie), S. 327 ff.
  20. ↑ Band 12 (Dritte Walpurgisnacht), S. 159.
  21. ↑ Die Fackel Nr. 922, Februar 1936, S. 112
  22. ↑ Weigel, Kraus oder die Macht der Ohnmacht, S.86
  23. ↑ Band 9 (Gedichte), S. 639. Vgl. Die Fackel Nr. 888, Oktober 1933, S. 4.
  24. ↑ Schick, Karl Kraus, S. 129; s. a. Bert Brecht: „Über die Bedeutung des zehnzeiligen Gedichtes in der 888. Nummer der Fackel“ (Oktober 1933)
  25. ↑ Band 12 (Dritte Walpurgisnacht), S. 41.
  26. ↑ Warum die Fackel nicht erscheint, in: Die Fackel Nr. 890–905, Ende Juli 1934, S. 10.
  27. ↑ Die Fackel Nr. 885–887, Ende Dezember 1932, S. 61.
  28. ↑ Der Vorleser in Worte in Versen III, in: Band 9 (Gedichte), S. 144.
  29. ↑ Vgl. Preiser Records, 1989, „Karl Kraus liest aus eigenen Schriften“, mit Aufnahmen aus den Jahren 1930–1934 ISBN 3-902028-22-X
  30. ↑ Übersetzung aus Harden, in: Band 3 (Literatur und LĂŒge), S. 81.
  31. ↑ vgl. „Der Fall Kerr. Der kleine Pan ist tot.“ – Literatur und LĂŒge ff., in: Wikimedia Commons
  32. ↑ Der kleine Pan stinkt noch, in: Band 3 (Literatur und LĂŒge), S. 214.
  33. ↑ Die Stunde des Gerichts, Suhrkamp, Frankfurt 1992, S. 174
  34. ↑ in: Band 11 (Dramen) S. 306f. bzw. 395 (mit Partitur)
  35. ↑ Weigel, S. 16
  36. ↑ Luegerzeit. Das schwarze Wien bis 1918, Wien & MĂŒnchen (Jugend & Volk), 1984, S. 278
  37. ↑ Todesfurcht in Worte in Versen VI, in: Band 9 (Gedichte), S. 435.

Tondokumente mit Karl Kraus

  • Schellack-Schallplatten (elektroakustische Aufnahmen) der Firma „Die Neue Truppe“ (1930/31): Karl Kraus liest „Das Schoberlied“ (Nr. 141) und „Das Lied von der Presse“ (Nr. 142) – „Die Raben“ aus „Die letzten Tage der Menschheit“ (Nr. 143) – „Todesfurcht“ (Nr. 144) – „Das Ehrenkreuz“ (Nr. 158) – „Bunte Begebenheiten“ (Nr. 159) – „Jugend“ (Nr. 160).
  • Karl Kraus liest aus seinen Schriften. Preiserrecords, 93017, 1989 (CD). Aufnahmen der „Neuen Truppe“ (1930/31) (außer: A. Polgars Nachruf (Aufnahme vom 8. Januar 1952) und „Reklamefahrten zur Hölle“ (Tonspur des Films von 1934)). EnthĂ€lt: Nachruf auf Karl Kraus, gesprochen von Alfred Polgar. – Kraus liest und singt: „Das Lied von der Presse“. – „Das Ehrenkreuz“. – „Bunte Begebenheiten“. – „Jugend“. – „Das Schoberlied“. – „Weg damit!“ – „Zum ewigen Frieden“. – „Die Raben“. – „Reklamefahrten zur Hölle“. – „Todesfurcht“.
  • Karl Kraus liest. Preiserrecords, 90319 (CD). EnthĂ€lt Aufnahmen aus den Jahren 1930 und 1931. Goethe: „Eos und Prometheus“ aus „Pandora“. – Shakespeare: Vier Fragmente aus „Timon von Athen“. – J. Offenbach: Metellas Brief aus „Pariser Leben“. – J. Offenbach: „Zu Tische“, aus „Die SchwĂ€tzerin von Saragossa“. – F. Raimund: Szenen aus dem 1. Aufzug von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“.

Film

  • Karl Kraus: Aus eigenen Schriften. Tonfilm der Prag-Paris-Filmgesellschaft, Prag. (18 Min.) Aufnahmeleitung: Albrecht Viktor Blum (Prag), 1934. Erstmals aufgefĂŒhrt in Wien zum 60. Geburtstag von Karl Kraus, Juni 1934. Original im Wiener Stadt- und Landesarchiv, Wien. Veröffentlicht als VHS-Video innerhalb der Begleitmaterialien zur Karl-Kraus-Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 1999. EnthĂ€lt: „Zum ewigen Frieden“. – „Die Raben“. – „Reklamefahrten zur Hölle“. – „Weg damit!“
  • Karl Kraus. Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Dokumentarfilm, 45 Min., Buch und Regie: Florian Scheuba und Thomas Maurer, Produktion: SWR, Erstsendung: 17. Dezember 2006, Inhaltsangabe des SWR

Weblinks

 Commons: Karl Kraus â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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 Wikisource: Karl Kraus â€“ Quellen und Volltexte
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