Karneval

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Karneval

Als Karneval, Fastnacht oder Fasching (auch f√ľnfte Jahreszeit) bezeichnet man verschiedene Br√§uche, um die Zeit vor dem Aschermittwoch in Ausgelassenheit, Fr√∂hlichkeit und √ľbersch√§umender Lebensfreude zu feiern.

Diese Br√§uche haben sich in den zahlreichen Karnevals-, Fastnachts- und Faschingshochburgen mit spezifischen Eigenarten entwickelt. Ihren Ursprung haben die Br√§uche in einer christianisierten Form der heidnischen Winteraustreibung, wobei ein Bezug zur christlichen Fastenzeit entstand. Weitere wichtige Einfl√ľsse sind die Narretei, Lokalpatriotismus und die Verh√∂hnung der franz√∂sischen Besatzung am Anfang des 19. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsherkunft und -verbreitung

Fastnacht, Fastelabend, Fasnacht

Das Wort Fastnacht und seine regionalen Abwandlungen werden vor allem in Hessen und Rheinhessen, in Franken, in der Pfalz, am Mittelrhein sowie in Baden, W√ľrttemberg, Bayerisch-Schwaben, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Luxemburg, der Schweiz, Liechtenstein und den westlichen Landesteilen √Ėsterreichs (Alpenraum) verwendet.

Regional hei√üt es in Mainz Fas(s)enacht, in Franken Fasenacht, in der Schweiz Fasnacht, in Baden, W√ľrttemberg und Bayerisch-Schwaben Fasnet, regional auch F(a)asent und in Luxemburg Fuesend. Weitere sprachliche Auspr√§gungen sind Fosnet, Foaset und Fassend, sowie Fasent (in manchen Orten Mittelbadens).

Im niederdeutschen Raum heißt der Karneval plattdeutsch Faslaomt oder Faslam - dabei entspricht der Faslam in protestantischen Gebieten nicht mehr dem, was gemeinhin unter Karneval verstanden wird. Im Großraum Köln wird in der kölschen Mundart auch Fastelov(v)end oder Fasteleer verwendet, während man dort im Hochdeutschen ausschließlich von Karneval spricht.

Volksetymologisch wird das Wort Fastnacht oft an das althochdeutsche fasta (Fastenzeit) und naht (Nacht, Vorabend) angeschlossen und angegeben, der Name bezeichne urspr√ľnglich nur den Tag vor Beginn der Fastenzeit, ab dem 15. Jahrhundert auch die Woche davor. Eine andere Volksetymologie stellt eine Verbindung zum Wort ‚ÄěFass‚Äú her. Der Vergleich der Dialektw√∂rter ergibt jedoch eine gemeinsame Wortform der Gestalt *fasanaht, die diese Interpretationen widerlegt. Die Bedeutung des Vorderglieds fasa- bleibt unklar. Am wahrscheinlichsten scheint zwar ein Anschluss an eine indogermanische Verbalwurzel *pwos- mit der Bedeutung ‚Äěreinigen, l√§utern, fasten‚Äú.

Die Fasnacht wird im nationalsozialistischen Sinne von der ‚ÄěFastnacht‚Äú, die in einem liturgischen Kontext verstanden wird, unterschieden. Nach einer Ver√∂ffentlichung Hans Strobels in verschiedenen Zeitschriften im Januar 1937 fand von systemtreuer Seite ein konsequenter Begriffsgebrauch von ‚ÄěFasnacht‚Äú statt und wurde in √Ėsterreich und Deutschland verwendet.

Siehe auch: Schwäbisch-alemannische Fastnacht

Fasching

Das Wort Fasching taucht im Hochdeutschen bereits ab dem 13. Jahrhundert zun√§chst in den Formen vaschanc und vaschang auf. Etymologisch[1] leitet sich Fasching, Vaschang vom ‚ÄěFastenschank‚Äú her, also dem letzten Ausschank (alkoholischer Getr√§nke) vor der damals noch strengen Fastenzeit. Darauf verweist auch die mittelniederdeutsche Form vastgang, beziehungsweise die (sp√§t)altnordische Form fostugangr f√ľr den Beginn der Fastenzeit. Die Angleichung an W√∂rter mit -ing ist deutlich j√ľnger.

Vom Fasching spricht man vor allem in Altbayern und √Ėsterreich (√∂stlich des Arlbergs) im bairischen Sprachraum. In Sachsen und Brandenburg finden sich zwar verbreitet Karnevalsvereine, das Brauchtum an sich bezeichnet man regional jedoch auch als Fasching. Auch im norddeutschen Raum ist Fasching vielerorts die vorherrschende Bezeichnung f√ľr die n√§rrischen Tage.

Karneval

Goldmasken beim Karneval in Venedig (1995)

N√∂rdlich der Linie Bonn-Erfurt gibt es in Deutschland fast ausschlie√ülich Karnevalsvereine, die Veranstaltung nennt man hingegen in Sachsen und Brandenburg auch Fasching. Verbreitet bezieht man den Karneval jedoch in erster Linie auf den rheinischen Karneval (siehe: K√∂lner Karneval, D√ľsseldorfer Karneval, Eschweiler Karneval, Aachener Karneval, Neusser Karneval, M√∂nchengladbacher Karneval). Die Herkunft des Begriffs ist nicht eindeutig gekl√§rt, die gel√§ufigste Vermutung ist die Ableitung vom Mittellateinischen carnelevale (carne+levare) als die mit der Fastenzeit gemeinte ‚ÄěFleischwegphase‚Äú; vereinfachend ist die √úbersetzung von "carne vale" als ‚ÄěFleisch, lebe wohl!‚Äú m√∂glich.

Im 19. Jahrhundert soll der Begriff auch auf das r√∂mische, vorchristliche lat. carrus navalis zur√ľckgef√ľhrt worden sein, einem Schiffskarren, ein Schiff auf R√§dern, das bei j√§hrlichen Umz√ľgen zum Wiederbeginn der Schifffahrt durch die Stra√üen gef√ľhrt worden sein sollte. Hieraus soll sich die Tradition des Narrenschiffs gebildet haben. Jedoch sollen andere Forschungen ergeben haben, dass das Wort carrus navalis im klassischen Latein nicht existierte.

Der Begriff Karneval findet sich auch im internationalen Sprachraum, wird aber sehr unterschiedlich gefeiert. Karnevaleske Strukturen des Maskierens, Verkleidens und ritualisierter Ausgelassenheit lassen sich in allen Kulturen finden. Bekannt sind unter anderem der Karneval in Rio, Karneval in Venedig der Karneval von Qu√©bec, der Mittfasten (L√§tare) - Karneval in Stavelot und anderen belgischen Ostkantonen, sowie in Spanien der Karneval in C√°diz. Auch in den S√ľdstaaten der USA gibt es eine ausgepr√§gte Karnevalstradition. Man verwendet hier die franz√∂sische Bezeichnung Mardi Gras (Fetter Dienstag, Fastnachtsdienstag). Eine ganz eigenst√§ndige Vitalit√§t entwickelte der Karneval in Lateinamerika.

Zeitlicher Verlauf

Beginn

Rheinischer Karnevalsumzug in Koblenz

Als Beginn der Fastnachtszeit galt bzw. gilt in den deutschsprachigen Ländern traditionell der Dreikönigstag.

Seit dem 19. Jahrhundert finden in vielen Gegenden zusätzlich am 11. November, ab 11:11 Uhr einzelne Veranstaltungen statt, zu denen insbesondere die Vorstellung des Prinzenpaars gehört. Hintergrund ist, dass auch das Geburtsfest Christi bereits kurz nach dessen Fixierung im Jahr 354 eine vorangehende 40-tägige Fastenperiode vorsah, vor deren Beginn man - wie vor Karneval - ebenfalls die später verbotenen Fleischvorräte aufzuzehren pflegte (Gansessen am 11. November, dem Martinstag).

Die Zeit vom 12. November bis 5. Januar bleibt aber selbst in den Hochburgen entlang des Rheins weiterhin weitgehend karnevalsfrei, was sich aus der erw√§hnten vorweihnachtlichen Fastenzeit, der Rolle des Novembers als Trauermonat und dem besinnlichen Charakter des Advent erkl√§rt. Soweit von einer ‚ÄěVorverlagerung‚Äú des Karnevalsbeginns oder von einer ‚ÄěSaisoner√∂ffnung‚Äú am 11. November gesprochen wird, ist dies daher zumindest irref√ľhrend. Von seiner Entstehungsgeschichte her stellt der 11. November vielmehr einen zweiten, ‚Äěkleinen‚Äú Karneval dar; 1823 bestimmte n√§mlich ein "Festordnendes Comit√©" in K√∂ln das n√§rrische Datum zum Beginn der Vorbereitungen f√ľr einen von nun an geregelten Karnevalsumzug.

Höhepunkt

Den H√∂hepunkt erreicht die Fastnacht in der eigentlichen Fastnachtswoche vom schmotzigen/unsinnigen oder auch glombiga Donnerstag (von Schmotz = Schmalz, was auf in Schmalz gebackene Fastnachtsk√ľchle hinweist) bzw. Weiberfastnacht √ľber den Nelkensamstag, Tulpensonntag, Rosenmontag bis zum Fastnachtsdienstag, auch Veilchendienstag genannt. Dabei gibt es insbesondere am Rosenmontag entsprechende Umz√ľge - wobei sich Rosen urspr√ľnglich nicht auf die Blume, sondern auf das Verb rasen bezog. Anderen Interpretationen zufolge verdankt der Rosenmontag seinen Namen dem vierten Fastensonntag, dem Rosensonntag.

Denkmal f√ľr Gardetrommler in Mainz

Die gr√∂√üten Umz√ľge finden in den Karnevalshochburgen statt: K√∂ln, Mainz, D√ľsseldorf, Eschweiler, Euskirchen, Bonn, Koblenz, Krefeld, Duisburg, Aachen und D√ľlken. Aber auch weiter s√ľdlich, etwa in Frankfurt am Main (Fastnachtssonntag), Aschaffenburg (Faschingssonntag), Mannheim (Fastnachtssonntag), Wombach (Fastnachtssonntag) W√ľrzburg, Karlstadt/Main (jeweils Fastnachtssonntag) oder Karlsruhe (Fastnachtsdienstag) gibt es gro√üe Umz√ľge mit mehreren Hunderttausend Besuchern. Als der gr√∂√üte Umzug im norddeutschen Raum ist der traditionelle Schoduvel in Braunschweig am Fastnachtssonntag und der Karnevalsumzug in Berlin bekannt.

In den Stadtteilen, St√§dten und D√∂rfern um diese Hochburgen herum gibt es Umz√ľge am Samstag (Nelkensamstag), Sonntag (Orchideen- oder Tulpensonntag) und Dienstag (Veilchendienstag). In Duisburg-Hamborn findet seit Jahrzehnten am Karnevalssonntag der gr√∂√üte Kinderkarnevalszug Europas statt.

In der Nacht zu Mittwoch um Punkt Mitternacht endet der Karneval und es gibt an vielen Orten die Tradition, dass die Karnevalisten in dieser Nacht eine Strohpuppe, den so genannten Nubbel, als Verantwortlichen f√ľr alle Laster der karnevalistischen Tage, vor allem wegen des ausgegebenen Geldes, verbrennen. In D√ľsseldorf und den niederrheinischen St√§dten wie Krefeld, Duisburg, M√∂nchengladbach, Kleve oder Wesel wird der so genannte Hoppeditz zu Grabe getragen. Dieser war urspr√ľnglich eine typisch niederrheinische Narrenfigur. Dieser Schelm oder Hanswurst hatte √Ąhnlichkeit mit Till Eulenspiegel und den mittelalterlichen Hofnarren. So wird berichtet, dass es im 18. und 19. Jahrhundert am Niederrhein der kleinen Leute Brauch war, in der Nacht auf Aschermittwoch ausger√ľstet mit Stangen, an denen W√ľrste hingen, durch die Stra√üen zu laufen und lustige Lieder zu singen.

Ende

Ende des Karnevals ist der Aschermittwoch. Sein Termin hängt insofern unmittelbar von der Lage des Osterfests ab:

325 wurde auf dem Konzil von Nic√§a das Osterdatum auf den ersten Sonntag nach dem ersten Fr√ľhlingsvollmond festgelegt. Um 600 legte Papst Gregor der Gro√üe eine 40-t√§gige Fastenzeit vor Ostern fest, die an die Zeit erinnern soll, die Jesus Christus in der W√ľste verbracht hat. Nach dieser Regelung begann die Fastenzeit am Dienstag nach dem 6. Sonntag vor Ostern (Invocavit oder Dominicia Quadragesima, im Deutschen auch Funkensonntag).

Mit dem Konzil von Benevent im Jahr 1091 wurden die sechs Sonntage vor Ostern vom Fasten ausgenommen. So r√ľckte der Beginn der Fastenzeit um sechs Tage nach vorne auf den heutigen Aschermittwoch.

Noch bis ins 16. Jahrhundert existierten beide Fastnachtstermine, die alte ‚ÄěBurefasnacht‚Äú (Bauernfastnacht) und die neue ‚ÄěHerren-‚Äú bzw. ‚ÄěPfaffenfastnacht‚Äú konkurrierend nebeneinander. Insbesondere im badischen Raum als auch in der Schweiz haben sich viele Br√§uche der alten Fasnacht erhalten. Am bekanntesten ist davon sicherlich die Basler Fasnacht. Diese beginnt am Montag nach Aschermittwoch um 4:00 Uhr mit dem Morgestraich und endet am folgenden Donnerstag Morgen, ebenfalls um 4:00 Uhr. Aus diesem Zusammenhang erkl√§rt sich auch, dass sich der Termin der protestantischen Basler Fasnacht - wie oftmals geschrieben - keineswegs auf die Reformation bezieht, sondern auf obige Begebenheit.

Im orthodoxen Raum beginnt das volle Fasten bereits am Montag nach dem 7. Sonntag vor Ostern, und bereits eine Woche vorher beginnt der Fleischverzicht. Die russische ‚ÄěButterwoche‚Äú, in der traditionell gefeiert wird und gro√üe Mengen Blini, eine Art Pfannkuchen gegessen werden, liegt dazwischen; andere osteurop√§ische L√§nder haben √§hnliche Br√§uche. Da das √∂stliche Osterfest oft sp√§ter ist als das westliche - beruhend auf der westlichen Reform des Kalenders, verschiebt sich auch die Fastnacht.

Mittfasten

Einige belgische Ostkantone feiern den Karnevalshöhepunkt mit einem Mittfasten-Umzug (meist zu Lätare). Bekannt ist besonders der große Zug der weißen Mönche (Blanc-Moussis) in Stavelot, der seit 1449 stattfindet.

Räumliche Einordnung

Der Karneval findet fast ausschlie√ülich in katholischen, in abgewandelter Form auch in orthodoxen Gebieten statt. Dieses h√§ngt sicherlich nicht nur mit der Fastenzeit zusammen, sondern auch mit dem fr√ľher st√§rker vorherrschenden Katholizismus als Lebensform. Ber√ľhmteste Ausnahme ist wohl die Basler Fasnacht. Hochburgen sind also in Deutschland das Rheinland, Rheinhessen, S√ľdhessen, M√ľnsterland, die Lausitz, Franken und Baden-W√ľrttemberg (Schw√§bisch-alemannische Fastnacht), in Luxemburg Diekirch, Echternach und Remich, sowie in der Schweiz Basel und Luzern, in den Niederlanden (in den Provinzen Limburg und Nordbrabant), in Belgien insbesondere das deutschsprachige Ostbelgien. Vereinzelt existiert die Tradition auch auf dem Land in Flandern. Ber√ľhmt ist ferner der Karneval in Venedig sowie der Mardi Gras in New Orleans. Der Karneval ist auch in Rijeka (Kroatien) und S√ľdamerika verbreitet; besonders der Karneval in Rio in Brasilien und der Karneval von Barranquilla in Kolumbien sind weltbekannt.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert verschwand in den √ľberwiegend evangelischen Gebieten mit dem Aschermittwoch auch die Fastnacht. Eine Ausnahme war Basel, wo die Fasnacht nie dauerhaft abgeschafft wurde (siehe oben Karnevalstermin und Basler Fasnacht). Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert wurde in vielen evangelischen St√§dten wieder eine Fastnacht eingef√ľhrt.

Geschichte

Fasnachtsumzug in Luzern

In der Antike

Vorl√§ufer des Karnevals wurden bereits vor 5000 Jahren im Zweistromland gefeiert, im Land mit den ersten urbanen Kulturen. Eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. gibt Kunde davon, dass unter dem Priesterk√∂nig Gudea ein siebent√§giges Fest gefeiert wurde und zwar nach Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes. Die Inschrift besagt: ‚ÄěKein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die M√§chtige und der Niedere sind gleichgeachtet.‚Äú Hier wird zum ersten Mal das Gleichheitsprinzip bei ausgelassenen Festen praktiziert und dies ist bis heute ein charakteristisches Merkmal des Karnevals.

In allen Kulturen des Mittelmeerraumes lassen sich √§hnliche Feste, die meist mit dem Erwachen der Natur im Fr√ľhling in Zusammenhang stehen, nachweisen: In √Ągypten feierte man das ausgelassene Fest zu Ehren der G√∂ttin Isis und die Griechen veranstalten es f√ľr ihren Gott Dionysos. Die R√∂mer schlie√ülich feierten vom 17. Dezember bis 19. Dezember die Saturnalien zu Ehren ihres Gottes Saturn. Das Fest war verbunden mit einem √∂ffentlichen Gelage, zu dem jedermann aus jeder Gesellschaftsschicht eingeladen war. Hinrichtungen wurden w√§hrend der Saturnalien hinten angestellt. Sklaven und Herren tauschten zeitweise die Rollen, feierten und sa√üen gemeinsam myrtenbekr√§nzt bei Tische, tranken und a√üen nach Herzenslust, konnten jedes freie Wort wagen und √ľbersch√ľtteten sich mit kleinen Rosen. Aus den Rosen entstand m√∂glicherweise das in unseren Tagen bekannte Konfetti. Die R√∂mer veranstalteten auch farbenpr√§chtige Umz√ľge, bei denen ein geschm√ľckter Schiffswagen umhergezogen wurde.

Jedoch werden in der aktuellen Forschung Termine wie Saturnalien oder Lupercalien als Ursprung des Fastnachtsbrauchtums stark angezweifelt. In vielen Masken, Figuren und Br√§uchen scheinen sich auch vorchristliche, z.B. keltische Riten erhalten zu haben, die den Wechsel vom kalten Winterhalbjahr in das warme und fruchtbare Sommerhalbjahr beinhalten. Den Winter h√§tte man versucht zu vertreiben, indem man sich als Geister, Kobolde und unheimliche Gestalten aus der Natur verkleidete und mit Holzst√∂cken wild um sich schlug bzw. mit einer Rassel oder Ratsche (Schnarre) Krach machte. Die neuere Forschung bezweifelt mittlerweile auch die germanische Theorie: Sie f√ľhrt an, dass sich Br√§uche und Feste nicht mit einer Unterbrechung von mehreren Jahrhunderten √ľberliefert haben k√∂nnten und gehen daher von der heutigen Fastnacht als einem christlichen Fest aus.

Germanische Theorien (sog. Kontinuit√§tspr√§missen) hatten insbesondere w√§hrend des Nationalsozialismus Konjunktur, werden heute aber teilweise unbewusst noch immer zitiert. Die Skepsis gegen√ľber allen Theorien, die eine √úberlieferung germanischen oder keltischen Brauchtums annehmen, h√§lt seit dem Zweiten Weltkrieg ungebrochen an.

Es ist aus diesem Grund davon auszugehen, dass √ľber mehrere Jahrhunderte keine Feste √§hnlich der Fastnacht stattfanden, sondern diese eher im hohen und sp√§ten Mittelalter mit der Fastenzeit entstanden.

Im Mittelalter

Ein Schembartläufer aus dem Jahre 1476

Im mittelalterlichen Europa feierte man - zwar in Kirchen, jedoch nicht kirchlich - ‚ÄěNarrenfeste‚Äú vom 12. Jahrhundert bis zum Ende des 16. Jahrhunderts um den Epiphaniastag (6. Januar). Dabei √ľbernahmen die unteren Kleriker vor√ľbergehend Rang und Privilegien der h√∂heren Geistlichkeit. Kirchliche Rituale wurden parodiert; selbst ein ‚ÄěPseudopapst‚Äú wurde gek√ľrt, am 28. Dezember, am Tag der unschuldigen Kinder, wurde oftmals ein Kinderbischof gek√ľrt, welcher dem Rollentausch √§hnlich dem ‚ÄěPseudopapst‚Äú gleichkam. In Gestalt von Prozessionen wurden auch die Bewohner der St√§dte am Fest beteiligt. Auch w√§hrend der eigentlichen Karnevalstage waren Narren- oder Eselsmessen weit verbreitet.

Eine der √§ltesten Erw√§hnungen der Fastnacht findet sich in der Speyerer Chronik des Stadtschreibers Christoph Lehmann von 1612 der aus alten Akten berichtet: ‚ÄěIm Jahr 1296 hat man Unwesen der Fastnacht etwas zeitig angefangen / darinn etliche Burger in einer Schlegerey mit der Clerisey Gesind das √§rgst davon getragen / hernach die Sach beschwerlich dem Rhat angebracht / und umb der Frevler Bestrafung gebetten.‚Äú (Clerisey Gesind meint die Bediensteten des Bischofs und des Domkapitels, also der Kleriker, in der Domimmunit√§t)

Die mittelalterliche Fastnacht wird auf die augustinischen Lehren vom Zwei-Staaten-Modell zur√ľckgef√ľhrt. Die Fastnacht steht daher f√ľr die civitas diaboli, den Staat des Teufels. Daher wurde die oftmals ausartende Fastnacht von der Kirche als didaktisches Beispiel geduldet, um zu zeigen, dass die civitas diaboli wie auch der Mensch verg√§nglich ist und am Ende Gott siegreich bleibt. Mit dem Aschermittwoch musste daher die Fastnacht enden, um die unausweichliche Umkehr zu Gott zu verdeutlichen. W√§hrend die Kirche bei gottesl√§sternden Szenen w√§hrend der Fastnacht unt√§tig blieb, wurde ein Weiterfeiern der Fastnacht in den Aschermittwoch hinein streng verfolgt.
Insbesondere im ausgehenden 14. und 15. Jahrhundert wurde im deutschen Raum Fastnacht gefeiert, so z. B. die N√ľrnberger Schembartl√§ufe. Um diese Zeit fand auch der Narr Einzug in die Fastnacht, der im didaktischen Sinne der Fastnacht auf die Verg√§nglichkeit hinweisen sollte.

In manchen Fastnachten - insbesondere in Tirol - wird vor diesem Hintergrund bereits am Fastnachtsdienstagabend zum ‚ÄěBetzeitl√§uten‚Äú die Maske um sechs Uhr abgelegt. Hintergrund zu dieser Uhrzeit ist die [vor-]urchristliche Tradition, wonach der neue Tag bereits mit dem Einbruch der Nacht beginnt.

In der Neuzeit

Da die Reformation die vor√∂sterliche Fastenzeit abschaffte und somit auch die Fastnacht ihren Sinn verlor, gerieten viele Br√§uche zum Teil wieder in Vergessenheit. Bis heute ist der Karneval Sinnbild katholischer Mentalit√§t. W√§hrend √§ltere Fastnachten in S√ľdwestdeutschland sich nach wie vor in katholischen Gebieten finden lassen, f√ľhrte ein regelrechter Fastnachtsboom in den 1990er Jahren auch in evangelischen Gegenden die Fastnacht ein. In der Schweiz hat Basel einen Sonderstatus: Die Stadt feiert trotz des seit Jahrhunderten vorherrschenden Protestantismus eine alte, traditionelle Fastnacht.

Straßenkarneval in einem katholischen Dorf in den östlichen Niederlanden

Im Barock und Rokoko wurden vor allem auf Schl√∂ssern und an den F√ľrstenh√∂fen rauschende Karnevalsfeste gefeiert, deren Masken sich stark an die italienische Commedia dell'Arte anlehnten.

W√§hrend in den St√§dten vermehrt Handwerksz√ľnfte - und dort insbesondere die jungen Gesellen - die Fastnacht ausrichteten, √ľbernahm im fr√ľhen 19. Jahrhundert insbesondere im rheinischen Raum das B√ľrgertum die Festveranstaltung, da Z√ľnfte in den Sp√§tfolgen der Franz√∂sischen Revolution und dem Einmarsch von franz√∂sischen Truppen unter Napoleon an Bedeutung verloren bzw. aufgel√∂st wurden. Das B√ľrgertum feierte zwar nach wie vor n√§rrische Maskenb√§lle, die Stra√üenfastnacht war aber nahezu ausgestorben. So wurde zur Wiederbelebung 1823 in K√∂ln eine neue Art der Stra√üenfastnacht begr√ľndet: der heutige Karneval.

Vor allem in √Ėsterreich, der Schweiz, dem Elsass, Bayern und Baden-W√ľrttemberg erhielten sich √§ltere Formen. Besonders in Baden-W√ľrttemberg wird heute somit zwischen Karneval und schw√§bisch-alemannischer Fastnacht unterschieden. Nachdem sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch hier der Karneval durchgesetzt hatte, wurde nach dem Ersten Weltkrieg eine R√ľckbesinnung auf die alten Formen gefordert, die sich in der Gr√ľndung der Vereinigung Schw√§bisch-Alemannischer Narrenz√ľnfte 1924 manifestierte.

In anderen Ländern konnten sich der Fasching und der Karneval kaum etablieren, so gerieten in England viele Bräuche aufgrund der Reformation Heinrichs VIII. in Vergessenheit, die sich daher auch nicht in den USA festigen konnten. Als einzige Ausnahme gilt hier historisch bedingt New Orleans, wie bereits erwähnt.

W√§hrend der Zeit des Nationalsozialismus wurde Fasching oftmals f√ľr propagandistische Zwecke eingesetzt, siehe hierzu Fasching w√§hrend des Nationalsozialismus.

Museen

Das Kölner Karnevalsmuseum

Belege

  1. ‚ÜĎ Das Herkunftsw√∂rterbuch der deutschen Sprache, Bibliographisches Institut, Mannheim, 1993
  2. ‚ÜĎ K√∂lner Karnevalsmuseum - Haus des K√∂lner Karnevals - K√∂ln http://webmuseen.de/k%C3%B6lner-karnevalsmuseum-k%C3%B6ln-m960680.html
  3. ‚ÜĎ Ausschuss Aachener Karneval: Zentrales Karnevalsarchiv und -Museum (abgerufen am 4. Februar 2008)
  4. ‚ÜĎ http://www.maskenmuseum.de

Siehe auch

Literatur

  • Michail Bachtin: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987, ISBN 3-518-28787-7.
  • Hildegard Brog: Was auch passiert: D‚Äôr Zoch k√ľtt! Die Geschichte des rheinischen Karnevals. Campus-Verlag, Frankfurt a.¬†M. 2000, ISBN 3-593-36387-9.
  • Carl Dietmar: K√∂lner Mythen ‚Äď wie sich die K√∂lner ihre Wahrheit(en) basteln. 2005
  • Christina Frohn: Der organisierte Narr. Karneval in Aachen, D√ľsseldorf und K√∂ln von 1823 bis 1914, Marburg 2000 (zugl. Diss. Universit√§t Bonn 1999), ISBN 3-89445-269-2
  • Hans Gapp: Die gro√üen Fasnachten Tirols. Edition L√∂wenzahn, Innsbruck 1996, ISBN 3-7066-2135-5.
  • Rolf Gisler-Jauch: Fasn√§chtliches Uri. Gisler, Altdorf 2005, ISBN 3-906130-32-0 .
  • Berthold Hamelmann: ‚ÄěHelau und Heil Hitler‚Äú. Alltagsgeschichte der Fasnacht 1919-1939 am Beispiel der Stadt Freiburg. Eggingen. 1989. Bd. 2 der Ausgabe Alltag & Provinz
  • Kris Kershaw: Odin. Der ein√§ugige Gott und die indogermanischen M√§nnerb√ľnde. Arun Verlag, Uhlst√§dt-Kirchhasel 2004, ISBN 3-935581-38-6. (Dieses Buch befasst sich auch ausf√ľhrlich mit der europ√§ischen Verbreitung von karnevals√§hnlichen und karnevalesken Br√§uchen (sowie anderem Brauchtum bzw. Festen) und deren m√∂glichen mythologischen Herleitungen. Steht damit allerdings im Widerspruch zur aktuellen volkskundlichen Forschung.)
  • Ruth Mateus-Berr: Fasching und Faschismus. Ein Beispiel. Faschingsumzug 1939 in Wien. (Hg. von Manfred Wagner). Wien. Praesens 2007. ISBN 978-3-7069-0451-3
  • Werner Mezger: Narrenidee und Fastnachtsbrauch. Studien zum Fortleben des Mittelalters in der europ√§ischen Festkultur. Konstanzer Bibliothek, Bd. 15. Universit√§ts-Verlag Konstanz, Konstanz 1991, ISBN 3-87940-374-0
  • Werner Mezger: Das gro√üe Buch der schw√§bisch-alemannischen Fasnet. Urspr√ľnge, Entwicklungen und Erscheinungsformen organisierter Narretei in S√ľdwestdeutschland. Theiss, Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1221-X
  • Migros-Genossenschafts-Bund (Hg.): Feste im Alpenraum, Migros-Presse, Z√ľrich 1997, ISBN 3-9521210-0-2
  • Dietz-R√ľdiger Moser: Fastnacht, Fasching, Karneval. Das Fest der ‚Äěverkehrten Welt‚Äú. Edition Kaleidoskop, Graz 1986, ISBN 3-222-11595-8 .
  • Florens Christian Rang: Historische Psychologie des Karnevals. Hrsg. Lorenz J√§ger. Brinkmann u. Bose, Berlin 1983¬≤, ISBN 3-922660-08-8.
  • Martin Stotzer: B√ľre N√∂ijohr. Zur Geschichte der Fasnacht im Allgemeinen und √ľber die Anf√§nge des ‚ÄěB√ľre N√∂ijohrs‚Äú ‚Äď der ersten Fasnacht im Jahr in der Schweiz. Vereinigung f√ľr Heimatpflege, B√ľren 2000.

Weblinks


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