Kaufkraftparität


Kaufkraftparität

Kaufkraftparität (KKP) (engl. purchasing power parity, PPP; Parität = Gleichheit von lat. par = gleich) ist ein Begriff der makroökonomischen Analyse. Die KKP zwischen zwei geografischen Räumen liegt dann vor, wenn Waren und Dienstleistungen eines Warenkorbes für gleich hohe Geldbeträge erworben werden können. Werden zwei unterschiedliche Währungsräume verglichen, so werden die Geldbeträge durch Wechselkurse vergleichbar gemacht.

Inhaltsverzeichnis

Anwendungsgebiete

Das Konzept der Kaufkraftparität wird für eine ganze Reihe von Anwendungen genutzt:

  • als langfristige Wechselkurstheorie (Kaufkraftparitätentheorie): Demzufolge passen sich Wechselkurse so an, dass zwischen beiden Währungsräumen Kaufkraftparität herrscht. Den Wechselkurs, zu dem die Kaufkraft in beiden Währungsräumen gleich ist, bezeichnet man als kaufkraftparitätischen Wechselkurs.

Kaufkraftparitätentheorie

Grundkonzept

Die Kaufkraftparitätentheorie besagt, dass die Wechselkurse zwischen zwei Währungen hauptsächlich deshalb schwanken, um Preisniveauunterschiede auszugleichen. Sie basiert auf dem Grundsatz des Gesetzes vom einheitlichen Preis. Demnach müsste sich ein Gut überall auf der Welt zum gleichen Preis verkaufen. Andernfalls gäbe es Arbitrage-Möglichkeiten. Nach der Theorie muss eine Geldeinheit in allen Ländern die gleiche Kaufkraft haben, sie muss überall den gleichen realen Wert besitzen.

Die Kaufkraftparitätentheorie stammt ursprünglich aus der monetären Außenwirtschaftstheorie. Es wird dabei berechnet, wie viel Einheiten der jeweiligen Währung notwendig sind, um den gleichen repräsentativen Güterkorb zu kaufen, den man für 1 US-Dollar in den USA erhalten könnte. Kurzfristig kann der Wechselkurs von der Kaufkraftparität abweichen, insbesondere da monetäre Störungen schnelle Änderungen des Wechselkurses verursachen können während sich das Preisniveau nur relativ langsam ändert. Langfristig jedoch sollte er aber um diesen Wert schwanken.

Als Wegbereiter der Kaufkraftparitätentheorie gilt Gustav Cassel, wenngleich Ansätze zu ihr sich schon im 17. Jahrhundert finden. Ausgehend von dieser Interpretation und der Zinsparitätentheorie entwickelte Rudiger Dornbusch die monetäre Wechselkurstheorie.

Kritik

Die Kaufkraftparitätentheorie ist eine vereinfachte Darstellung des Prinzips, wie sich Wechselkurse konstituieren. Nicht enthalten sind die in der Praxis faktisch anfallenden Transaktionskosten (Transportkosten, Zoll und Steuerabgaben, sowie Verzerrungen durch staatliche Handelsbeschränkungen).

So zeigen Dornbusch und Fischer empirisch am Beispiel des Wechselkurses der DM und dem US-Dollar seit dem Jahr 1979, dass die Theorie nicht in jedem Fall linear anwendbar ist.[1]

Ein weiterer Kritikpunkt ist der heutige (geringe) Einfluss, den Kauf und Verkauf von Devisen aus Warengeschäften auf die Wechselkursentwicklung ausüben. Laut der letzten Devisenmarktstatistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vom April 2007 beträgt der durchschnittliche Tagesumsatz am Devisenmarkt 3.210.000.000.000 (3,21 Billionen) US-Dollar und ist seit der letzten Umfrage im Jahre 2004 um 70 % gestiegen. Nur etwa drei Prozent der Umsätze stammen danach aus Warengeschäften.[2]

Kaufkraftparitäten als Korrekturfaktor

Für internationale Einkommensvergleiche ermitteln internationale Organisationen (z. B. Weltbank) solche Kaufkraftparitäten empirisch, um Verzerrungen durch Wechselkursschwankungen zu eliminieren. So verwendet die Weltbank den Begriff lokale Kaufkraft für ihre Definition von Armut. Um das Einkommen der Personen vergleichen zu können, wird die Kaufkraft des US-Dollars in lokale Kaufkraft umgerechnet. Ein US-Dollar in lokaler Kaufkraft wird als finanzielles Minimum angesehen, das eine Person zum Überleben braucht.

Da viele Entwicklungsländer (nach der Kaufkraftparitätentheorie) unterbewertete Währungen aufweisen, stellt sich ihr Pro-Kopf-Einkommen in (USD-) Kaufkraftparitäten zumeist höher dar als mit offiziellen Wechselkursen umgerechnet.

Ein populäres Beispiel für Kaufkraftparitäten auf einer alternativen Basis ist der von der Zeitschrift The Economist regelmäßig veröffentlichte Big-Mac-Index. Dabei wird ermittelt, wie viel ein Big Mac in einem McDonalds-Restaurant in den verschiedenen Ländern der Welt kostet. Diese Preise werden zur Grundlage einer Währungsumrechnung gemacht. Ähnlich ist der iPod-Index. Hierbei wird der Verkaufspreis des von der Firma Apple produzierten iPods in verschiedenen Ländern verglichen. Ein Hauptunterschied zwischen beiden Indizes liegt darin, dass iPods ein über Landesgrenzen handelbares Gut darstellen, während mit Big Macs kein internationaler Handel betrieben wird, weshalb es bei Big Macs auch nicht zu ausgleichenden Arbitrage-Geschäften kommen kann.

Beispieltabelle

Bruttoinlandsprodukte ausgewählter Staaten von 1997 (Quelle: Fischer Weltalmanach 2000)
Land BIP/Kopf (in USD) BIP/Kopf (in PPP-$) Relation
Schweiz 43060 26580 0,62
Norwegen 36100 24260 0,67
USA 29080 29080 1
Deutschland 28280 21170 0,75
Vereinigtes Königreich 20870 20710 0,99
Portugal 11010 14180 1,29
Saudi-Arabien 7150 10540 1,47
Brasilien 4790 6350 1,32
Polen 3590 6510 1,81
China 860 3070 3,57
Indien 370 1660 4,49
Nigeria 280 860 3,07
Sierra Leone 160 410 2,56

1997 mussten für einen US-Dollar etwa 1,43 Schweizer Franken bezahlt werden. 1,43 geteilt durch 0,62 (siehe Tabelle) ergibt 2,31; die Kaufkraftparität zwischen Dollar und Franken betrug demnach 2,31. Das bedeutet, dass im besagten Jahr in der Schweiz mit 2,31 Franken gleich viele Warenwerte wie in den USA mit 1 US-Dollar eingekauft werden konnten.

Gemäß der Kaufkraftparitätentheorie wäre der Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar überbewertet, denn es bestünde eine Arbitragemöglichkeit. Man könnte Franken in Dollar wechseln, damit in den USA Waren kaufen und diese mit Gewinn in der Schweiz verkaufen. Dadurch würden stetig Franken in Dollar gewechselt, und der Franken würde an Wert verlieren. Erst wenn der Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar auf 62% seines ursprünglichen Wertes abgewertet wäre, bestünde diese Möglichkeit nicht mehr und Arbitrage würde sich nicht mehr lohnen.

Empirie

International Comparison Program

Das ursprünglich von Irving Kravis, Alan Heston und Robert Summers initiierte Forschungsprogramm der Weltbank vergleicht Volkswirtschaften mittels der Kaufkraftparitätentheorie.

Das internationale Vergleichsprojekt (ICP) versucht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften vergleichbarer zu machen. Ein realer Vergleich ist oft schwierig, da die frei gebildeten Wechselkurse oft verzerrt sind (z. B.: Chinas Deviseninterventionen). Daher betrachtet das ICP die preisliche Entwicklung von Warenkörben gemäß dem Kaufkraftparitätenansatz, um eine realitätsnähere Untersuchung zu ermöglichen.

Preissystemwahl & Gerschenkroneffekt

Die Wahl eines geeigneten Preissystems erweist sich als schwierig, da trotz gleicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit -aufgrund von unterschiedlichen Preisniveaus- Länder verschieden leistungsfähig erscheinen. Dieser Verzerrungseffekt wird auch Gerschenkroneffekt genannt. Das ICP wählt ein Durchschnittspreissystem, um den Gerschenkroneffekt zu verringern.

Modell

Die internationalen Preise (Durchschnittspreissystem) werden definiert als:

\pi_i = \sum_{j=1}^m \frac{p_{ij}}{KKP_j} \cdot \frac{q_{ij}}{Q_{i}}

womit sich umgekehrt für die Kaufkraftparität des Landes j ergibt:

KKP_j = \frac{\sum_{i=1}^m p_{ij} \cdot q_{ij}}{\sum_{i=1}^m \pi_i \cdot q_{ij}}

Erläuterung der Symbole:

  • πi - internationaler Preis für Gut i
  • pij - Preis für Gut i in Land j
  • KKPj - Kaufkraftparität von Land j
  • qij - produzierte Menge von Gut i in Land j
  • Q_{i} = \sum_{j=1}^m q_{ij} - Weltproduktion von Gut i

Ergebnisse

Verglichen mit der herkömmlichen Berechnung über Wechselkurse:

  • Abstand zwischen den Ländern fällt geringer aus
  • Dienstleistungsquote (Ausgaben für Dienstleistungen gemessen am Sozialprodukt) ist in Entwicklungs- wie auch Industrieländern ähnlich (jeweils ca. 1/3)
  • Investitionsquote (Investitionsausgaben gemessen am Sozialprodukt) ist in Industriestaaten viel höher

Kritik & Probleme

  • statistische Datenerhebung
    • vergleichbares Produkt finden um, pij qij erheben zu können (besonders schwierig bei Dienstleistungen)
  • Gerschenkron-Effekt tritt trotz des Durchschnittspreissystems auf
  • in Gleichung zur Bestimmung der internationalen Preise wird Anteil eines Landes an Weltproduktion stark gewichtet: \frac{q_{ij}}{\sum_{j=1}^m q_{ij}}
    • ⇒ Verzerrung der internationalen Preise zugunsten Länder mit hoher Weltproduktion
  • ICP basiert auf Kaufkraftparitätenansatz, der Freihandel voraussetzt (Gesetz vom einheitlichen Preis)

Siehe auch

Quellen

  1. Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer: Makroökonomik, 6. Auflage, 1995, R. Oldenbourg Verlag, München, ISBN 3-486-22800-5, S. 760-761
  2. Triennial Central Bank Survey der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich

Literatur

  • Gerhold, R.: Die Kaufkraftparität als Verbindungsglied zwischen der realen und monetären Außenwirtschaftstheorie, Metropolis, Marburg 1999.
  • Obstfeld, M./Rogoff, M.: Foundations of international macroeconomics, 7. Aufl. Cambridge/MA, 2004.
  • N. Mankiw: Grundzüge der Volkswirtschaft 3. Auflage Schäffer Poeschel 2004
  • Braulke "Monetäre Außenhandelstheorie" Vorlesung WS 2008/2009 Uni Osnabrück [1]
  • Kravis, Irving B, 1984. "Comparative Studies of National Incomes and Prices," Journal of Economic Literature, American Economic Association, vol. 22(1), pages 1-39, March

Weblinks


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