Kirche der Altpreußischen Union

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Kirche der Altpreußischen Union

Die Kirche der Altpreußischen Union war eine evangelische Landeskirche in Preußen, die von 1817 bis 1945 unter verschiedenen Namen existierte.

Am 27. September 1817 verordnete König Friedrich Wilhelm III. in Preußen die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden zu einer „unierten“ Kirche. Nach den Befreiungskriegen und einem pietistischen Erweckungserlebnis kam der preußische König zur Einsicht, dass die Abgrenzungen zwischen den evangelisch-reformierten, zu denen vor allem die Hugenotten, die regierenden Hohenzollern und die Bewohner an Niederrhein, Teilen des HunsrĂŒcks und Teilen des Bergischen Landes sowie des Siegerlandes gehörten, und den evangelisch-lutherischen Christen, die die Mehrheit der preußischen Bevölkerung ausmachte, unzeitgemĂ€ĂŸ sei. Bereits seine Vorfahren, so der Große KurfĂŒrst mit dem Berliner ReligionsgesprĂ€ch, hatten versucht, den innerprotestantischen Konfessionsgegensatz zu ĂŒberwinden.

Bei der nunmehr vereinigten Kirche handelte es sich um eine Verwaltungs- und nicht Bekenntnisunion; doch entstanden schon bald auch bekenntnis-unierte Gemeinden.

Inhaltsverzeichnis

Namen und Status der Landeskirche

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Neben den unten aufgefĂŒhrten offiziellen Namen, die diese evangelische Kirche fĂŒhrte, bestehen Bezeichnungen wie altpreußische Kirche, altpreußische Landeskirche oder altpreußische Union. Daneben ist auch preußische Landeskirche gebrĂ€uchlich, jedoch seit 1866 ungenau, da die bestehenden oder neu gebildeten evangelischen Staatskirchen[1] in den damals annektierten Provinzen ebenfalls preußische Landeskirchen waren.

  • 1821–1845: Evangelische Kirche in Preußen, auf Verwaltungsebene unierte evangelische Staatskirche neben als gesetzlos drangsalierten nicht-unierten (lutherischen und reformierten) Kirchen
  • 1845–1875: Evangelische Landeskirche in Preußen, unierte Staatskirche neben anderen anerkannten unabhĂ€ngigen nicht-unierten Kirchen
  • 1875–1922: Evangelische Landeskirche der Ă€lteren Provinzen Preußens, unierte Staatskirche in Altpreußen, neben anderen unierten und nicht-unierten Staatskirchen in den 1866 annektierten Provinzen und anderen anerkannten unabhĂ€ngigen nicht-unierten Kirchen
  • 1922 – 24. Juni 1933: Evangelische Kirche der altpreußischen Union (EKapU, APU), unabhĂ€ngige unierte Landeskirche in Altpreußen neben anderen unabhĂ€ngigen unierten und nicht-unierten Landeskirchen und anerkannten unabhĂ€ngigen nicht-unierten Kirchen
  • 24. Juni bis 15. Juli 1933: EKapU preußischer Staatskontrolle unterworfen, Einsetzung einer NS-loyalen FĂŒhrungsspitze
  • 15. Juli 1933 – 28. Februar 1934: EKapU unter neuer gleichgeschalteter FĂŒhrung
  • 1. MĂ€rz – 20. November 1934: Die neue Kirchenleitung hatte die EKapU in die gleichgeschaltete Deutsche Evangelische Kirche (DEK) ĂŒberfĂŒhrt
  • 29. Mai 1934 – 1945: Nachdem AnhĂ€nger der Bekennenden Kirche (BK) die oktroyierte Kirchenleitung als rechtswidrig und hĂ€retisch erklĂ€rt hatten, sahen sie ein Schisma zwischen ihren neu gebildeten und zu bildenden Organen und Bekenntnisgemeinden und den gleichgeschalteten Gremien und Kirchengemeinden als gegeben an und betrachteten sich als wahre EKapU
  • 20. November 1934 – 1945: Das Landgericht I Berlin stellte fest, dass die de facto Verschmelzung der offiziellen EKapU mit der DEK jeder Rechtsgrundlage entbehrte und die EKapU daher weiter existierte. Seither reklamierten offizielle EKapU und altpreußische BK jeweils, die wahre EKapU zu vertreten.
  • 1945–1953: Durch Enthebung oder RĂŒcktritt scheiden viele Deutsche Christen aus der offiziellen Kirchenleitung aus und BK-AnhĂ€nger und Neutrale ĂŒbernehmen Positionen. Die Kirchenprovinzen der EKapU verselbstĂ€ndigen sich ab 1945 zu Landeskirchen und die EKapU wird Kirchendachverband, wie die Generalsynode in der neuen Kirchenordnung 1951 feststellt.
  • 1953–2003: Evangelische Kirche der Union (EKU), Kirchendachverband, unter geĂ€ndertem Namen, nachdem der DDR-Innenminister die Streichung des Namensbestandteils altpreußisch verlangte.
  • 2004: Die EKU geht in der Union Evangelischer Kirchen auf.

Geschichte

Im Laufe der Geschichte verĂ€nderte sich der Name dieser 1817 gegrĂŒndeten Kirche mehrmals: 1821 hieß sie „Evangelische Kirche in Preußen“. Nach dem Aufkommen verschiedener Freikirchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders der altkonfessionellen Altlutheraner, nannte sie sich zur Unterscheidung von diesen ab 1845 „Evangelische Landeskirche in Preußen“. 1850 kamen Hohenzollern-Hechingen und -Sigmaringen an Preußen und die dortigen evangelischen Kirchgemeinden wurden als „Kirchenkreis Hohenzollern“ am 1. Januar 1899 Teil der rheinischen Kirchenprovinz.

1866 annektierte Preußen mehrere Nachbarstaaten. Deren teils unierte (Landeskirche Frankfurt am Main, Landeskirche in Hessen-Kassel, Landeskirche in Nassau) und teils lutherische Staatskirchen (Landeskirche Hannovers, Landeskirche Schleswig-Holstein) und die reformierten Kirchgemeinden blieben aber selbstĂ€ndig. Die meisten reformierten Gemeinden in der Provinz Hannover schlossen sich unter Mitwirkung König Wilhelms I. 1882 zur Evangelisch-Reformierten Kirche der Provinz Hannover zusammen.

Die altpreußische Landeskirche nannte sich folglich ab 1875 offiziell „Evangelische Landeskirche der Ă€lteren Provinzen Preußens“. Sie war untergliedert in Kirchenprovinzen in allen neun altpreußischen politischen Provinzen, nĂ€mlich Brandenburg (mit Berlin), Ostpreußen, Pommern, Posen, Rheinland (mit Hohenzollern), Sachsen, Schlesien, Westfalen und Westpreußen.

Am Ende des Ersten Weltkriegs musste der König von Preußen 1918 abdanken, wodurch auch das landesherrliche Kirchenregiment wegfiel. Daher gab sich die altpreußische Landeskirche 1922 eine neue Kirchenordnung und den Namen „Evangelische Kirche der altpreußischen Union“ (EKapU bzw. ApU); auch die Kirchenprovinzen wurden demokratisiert. Die Leitung der Kirchenprovinzen lag ab 1922 bei den ProvinzialkirchenrĂ€ten, die von den Provinzialsynoden gewĂ€hlt wurden. Den Konsistorien, nunmehr zuarbeitende Verwaltungsorgane der Kirchenprovinzen, standen geistliche Generalsuperintendenten und juristische KonsistorialprĂ€sidenten vor.

Die Kirchgemeinden in den an Belgien (vier Gemeinden der rheinischen Kirchenprovinz), Polen (Kirchenprovinz Posen ĂŒberwiegend, Kirchenprovinz Westpreußen zu großen Teilen, sowie 17 ostoberschlesische Kirchgemeinden der Kirchenprovinz Schlesien) und die Tschechoslowakei (Gemeinde Hultschin der Kirchenprovinz Schlesien) abgetretenen Gebieten blieben bestehen, schieden aber aus der Landeskirche aus; die einheimische Bevölkerung blieb ĂŒberwiegend in den Abtretungsgebieten wohnen. Die Kirchgemeinden in den Völkerbundmandaten Freie Stadt Danzig (Landessynodalverband der Freien Stadt Danzig mit Status einer Kirchenprovinz[2]), Memel- (ab 1924 zu Litauen, die Kirchengemeinden bildeten ab 1925 den Landessynodalverband Memelgebiet mit Status einer Kirchenprovinz[3]) und Saargebiet (rheinische Kirchenprovinz) blieben Glieder der Landeskirche. Die bei Deutschland verbliebenen Kirchgemeinden im Regierungsbezirk Westpreußen wurden Teil der Kirchenprovinz Ostpreußen, diejenigen in der Grenzmark Posen-Westpreußen bildeten ab 1923 die „Kirchenprovinz Posen-Westpreußen“.

Im Dritten Reich prÀgte insbesondere der gemeinsame Widerstand wÀhrend des Kirchenkampfes in der Bekennenden Kirche gegen die hitlertreuen Deutschen Christen einen kleinen Teil der Christen in der Kirche. Die Barmer Theologische ErklÀrung von 1934 kann als unierte Bekenntnisschrift angesehen werden, in die auf dem Gebiet der unierten Kirche Christen aus reformierter und lutherischer Tradition gemeinsam einstimmten. Die Evangelische Kirche des Landesteils Birkenfeld schloss sich am 25. Juni 1934 der EKapU an und bildete seither einen Kirchenkreis in deren rheinischer Kirchenprovinz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Oder-Neiße-Linie die Ostgrenze Deutschlands. Anders als 1918/20 zog die neue Grenzziehung aber die umfassende Vertreibung der einheimischen Bevölkerung nach sich. So gingen die meisten evangelischen Kirchgemeinden in Ostpreußen (heute zur Republik Polen bzw. – als Oblast Kaliningrad â€“ zu Russland gehörend) sowie in Ostbrandenburg, Hinterpommern und Schlesien (außer das westlich der Neiße gelegene Provinzialgebiet), die heute zu Polen gehören, mit der Vertreibung ihrer nicht geflohenen Gemeindemitglieder unter, entsprechend auch alle ĂŒbergeordneten kirchlichen Organisationen wie Kirchenprovinzen etc. Sofern dort lutherische Kirchgemeinden bestehen blieben oder neu entstanden, gehören diese zur Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Polen bzw. Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien.

Die Kirchenleitungen der noch in Deutschland verbliebenen sechs Kirchenprovinzen westlich von Oder und Neiße, westliches und mittleres Brandenburg, Rest-Pommern, Rheinland, Provinz Sachsen, Rest-Schlesien und Westfalen, trafen sich 1945 in Treysa (heute ein Ortsteil von Schwalmstadt), um neue GrundsatzbeschlĂŒsse zu fassen. Die Kirchenprovinzen wurden die selbstĂ€ndigen Landeskirchen Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg (bis 2003), Pommersche Evangelische Kirche (1968–1991: Evangelische Kirche in Greifswald), Evangelische Kirche im Rheinland, Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (bis 2009), Evangelische Kirche von Schlesien (1968–1992: Evangelische Kirche des Görlitzer Kirchengebiets, 1992–2003: Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz) und Evangelische Kirche von Westfalen. Sie bildeten nach weiteren ZusammenkĂŒnften 1949, 1950 und 1954 die altpreußische Landeskirche schließlich zur „Evangelischen Kirche der Union“ (EKU) um. Diese trat, wie ihre sechs Gliedkirchen selbst, der EKD bei und war bis 2003 eine Union von sechs (ab 1960 sieben; Beitritt der Landeskirche Anhalts) selbstĂ€ndigen unierten Landeskirchen.

1945 hatte die Evangelische Landeskirche in WĂŒrttemberg kommissarisch die Betreuung des Kirchenkreises Hohenzollern ĂŒbernommen, der dann am 1. April 1950 auch förmlich von der Evangelischen Kirche im Rheinland in die wĂŒrttembergische Landeskirche umgegliedert wurde.

Kirchenleitung

Eingang zum Bau des ehem. EOK, jetzt Kirchenamt fĂŒr die Bundeswehr, rechts Giebelbau des Museums fĂŒr Fotografie

Als oberstes ausfĂŒhrendes Organ wurde 1850 der Evangelische Oberkirchenrat (EOK) eingerichtet, der 1912 in einen eigenen Neubau in der Jebensstraße, Berlin, zog. Er war mit Theologen und Juristen besetzt. Mit der neuen Kirchenordnung von 1922 waren seine Kompetenzen beschnitten worden. Die Kirchenleitung, die bis 1918 als Summepiskopat beim preußischen Monarchen lag, ging 1922 auf den Kirchensenat ĂŒber, dem der EOK nunmehr zuarbeitete. Der PrĂ€ses der Generalsynode stand zugleich dem Kirchensenat vor und vertrat die Kirche nach außen. 1951 wurde der EOK in Kirchenkanzlei umbenannt und blieb unter dieser Bezeichnung auch nach der Umbenennung der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union in Evangelische Kirche der Union im Dezember 1953 bestehen.

PrÀsidenten des Evangelischen Oberkirchenrats

Neben dem Landesherrn als summus episcopus leiteten die PrÀsidenten des EOK die Kirche bis 1922

  • 1850–1863: Rudolf von Uechtritz
  • 1863–1864: Heinrich von MĂŒhler (kommissarisch)
  • 1865–1872: Ludwig Emil Mathis
  • 1872–1873: Wilhelm Hoffmann (kommissarisch)
  • 1873–1878: Emil Herrmann
  • 1878–1891: Ottomar Hermes
  • 1891–1903: Friedrich Wilhelm Barkhausen
  • 1903–1919: Bodo Voigts
  • 1919–1924: Reinhard Möller
  • 1925–1933: Hermann Kapler; zurĂŒckgetreten nachdem die EKapU preußischer Staatskontrolle unterworfen worden war
  • 193300000: Ernst Stoltenhoff; kommissarisch, vom preußischen Staatskommissar August JĂ€ger abgesetzt
  • 1933–1945: Friedrich Werner, von August JĂ€ger eingesetzt, spĂ€ter durch die braune Generalsynode bestĂ€tigt; 1945 amtsenthoben
  • 1945–1951: Otto Dibelius; von der provisorischen Kirchenleitung (Beirat) berufen

PrÀsides der Generalsynode

Ab 1922 leiteten die PrĂ€sides der Generalsynode als Vorstand des Kirchensenats zugleich die Landeskirche. Die neue Kirchenordnung der altpreußischen Landeskirche vom 1. August 1951 ersetzte den Kirchensenat durch den Rat der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Der PrĂ€ses der Generalsynode war darin Mitglied, aber nicht qua Amt Vorsitzender.

Landesbischof

Am 4. August 1933 erklĂ€rte sich Ludwig MĂŒller zum altpreußischen Landesbischof, nachdem ihm der preußische Staatskommissar August JĂ€ger kommissarisch die Kirchenleitung ĂŒbertragen hatte. Die deutschchristliche Mehrheit der Generalsynode bestĂ€tigte am 5. September 1933 diesen selbstherrlichen Akt, indem sie die Kirchenordnung durch Kirchengesetz dahingehend Ă€nderte, dass sie das Amt des Landesbischofs ĂŒberhaupt erst schuf. Ab 3. Oktober 1935 fĂŒhrte MĂŒller zwar weiter den Titel Landesbischof, hatte aber keine Kompetenz in der Kirchenleitung mehr.

  • 1933–1945: Ludwig MĂŒller (am 3. Oktober 1935 durch den altpreußischen Landeskirchenausschuss entmachtet, nach dessen Auflösung Februar 1937 ging die Kirchenleitung de facto auf Friedrich Werner ĂŒber)

Siehe auch

Literatur

  • Die Geschichte der Evangelischen Kirche der Union. Ein Handbuch. 3 BĂ€nde, hrsg. von J. F. Gerhard Goeters und Joachim Rogge im Auftrag der Evangelischen Kirche der Union; Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1992–1999, ISBN 3-374-01386-4.

Einzelnachweise

  1. ↑ Die anderen evangelischen Staatskirchen Preußens sind im folgenden Abschnitt zur Geschichte aufgefĂŒhrt.
  2. ↑ Vgl. Adalbert Erler: Die rechtliche Stellung der evangelischen Kirche in Danzig. Berlin 1929, zugl. Univ. Greifswald, Rechts- und staatswissenschaftliche. Diss. v. 21. Februar 1929, S. 36 ff
  3. ↑ Vgl. Abkommen betr. die evangelische Kirche des Memelgebietes vom 31. Juli 1925, siehe Ernst Rudolf Huber: VertrĂ€ge zwischen Staat und Kirche im Deutschen Reich. Marcus, Breslau 1930 (= Abhandlungen aus dem Staats- und Verwaltungsrecht sowie aus dem Völkerrecht, hrsg. von Siegfried Brie, Max Fleischmann und Friedrich Giese, H. 44), S. 82

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