Konversationsimplikatur

Implikatur ist ein Begriff aus der Pragmatik, einer Teildisziplin der Linguistik.

Inhaltsverzeichnis

Bei einer Implikatur (oder auch: dem Implikatierten) einer sprachlichen Äußerung handelt es sich um einen Bedeutungsaspekt, der durch die Äußerung zwar kommuniziert, aber vom Sprecher nur angedeutet wird (anstatt gesagt). Anders formuliert: die Implikatur macht es einem Sprecher möglich, mehr zu kommunizieren als er eigentlich sagt. Die strikte Trennung zwischen dem Implikatierten und Gesagten geht zurück auf den Sprachphilosophen Paul Grice, der auch den Begriff der Implikatur in „Logic and Conversation“ (1975) prägte.

Demnach ist der Bereich des Gesagten eingeschränkt durch die (semantische) Satzbedeutung (das heißt die Bedeutung einzelner Satzelemente, beispielsweise Wörter, sowie deren Reihenfolge und syntaktischen Charakter), er wird aber kontextuell angereichert (Referenzbestimmung, Desambiguierung) bis er propositional ist, das heißt bis er auf eine Wahrheit hin überprüft werden kann. So kann ein Satz wie „Er ist in das Haus gegangen“ erst auf seine Wahrheit hin überprüft werden, wenn ich aufgrund von Äußerungssituation, Referenzzeitpunkt etc. weiß, wer in dem Satz mit „er“ bezeichnet wird und auf welches Haus Bezug genommen wird etc. Diese Definition des Gesagten ist noch immer umstritten, da hier bereits pragmatische Prozesse einfließen. Wichtig aber ist bei Grice: lediglich gesagte Bedeutung ist wahrheitskonditional, das heißt nur sie spielt eine Rolle für den Wahrheitswert eines Satzes.

Das Implikatierte hingegen ist nie wahrheitskonditional, da es nicht Teil dessen ist, was ein Sprecher mit seiner Äußerung sagt. Grice unterscheidet

  • konversationelle Implikaturen
  • konventionelle Implikaturen

Konversationelle Implikaturen basieren auf dem von Grice (in Anlehnung an Kant) formulierten Kooperationsprinzip. Dieses besagt kurz gesagt, dass in der Kommunikation rationale Regeln unterstellt werden: jeder Sprecher sollte seinen Beitrag so leisten, wie es der gegenwärtige Zeitpunkt der Äußerung erfordert. Spezifische Unterbedingungen nennt Grice in den Konversationsmaximen. Eine konversationelle Implikatur kann nun beispielsweise dadurch entstehen, dass das Gesagte nur dann einen Sinn ergibt, wenn wir eine Implikatur hinzufügen. Ein Beispiel: wenn ich als Autofahrer zu einem Fußgänger sage, dass mein Benzin alle ist und er mir antwortet „Um die Ecke ist eine Tankstelle.“, dann werde ich annehmen, dass er mit seiner Äußerung zu verstehen gibt, dass ich an dieser Tankstelle Benzin bekomme:

  • A: „Mein Benzin ist alle.“
  • B: „Gleich um die Ecke ist eine Tankstelle.“
  • +> (B implikatiert) An der Tankstelle gibt es Benzin

Wenn sich nun herausstellt, dass die Tankstelle seit 10 Jahren geschlossen ist, werde ich B keinen Vorwurf machen können: mit seinen Worten hat er lediglich gesagt, dass um die Ecke eine Tankstelle ist - dass es dort Benzin gibt, hat er nur implikatiert. Diese Implikatur ginge auf die Maxime der Relation zurück („sei relevant“). In diesem Fall gehe ich (beziehungsweise der Autofahrer) aufgrund des Kooperationsprinzips davon aus, dass der Sprecher von B sich an das Kooperationsprinzip hält und die Konversationsmaximen befolgt. Genauso können Implikaturen aber Äußerungen mit „Sinn füllen“, die strenggenommen nicht wahr oder unsinnig sind, beispielsweise Metaphern oder Tautologien. So können beispielsweise Metaphern wie „Du bist die Sonne in meinen Augen“ oder Tautologien wie „Eine Frau ist halt eine Frau“ einen Sinn ergeben, den sie rein semantisch nicht haben - ihr Sprecher wird mit ihnen mehr kommunizieren, als er sagt.

Grice unterscheidet zwischen generalisierten konversationellen Implikaturen und partikularisierten konversationellen Implikaturen. Erstere sind nicht von einem bestimmten Kontext der Äußerung abhängig, das heißt sie würden in jeder denkbaren Situation durch eine Äußerung ausgelöst. So implikatiert ein Satz wie „Ich habe drei Kinder.“ immer, dass der Sprecher nicht mehr als drei Kinder hat:

  • A: Ich habe drei Kinder
  • +> Ich habe nicht mehr als drei Kinder

Wohlgemerkt: der Sprecher sagt dies nicht, denn wenn er fünf Kinder hätte, stimmt es ja auch, dass er drei Kinder hat. Andere Beispiele sind: jemand der sagt „In Holland ist es warm.“ implikatiert, dass es in Holland nicht heiß ist etc. Bei generalisierten (Quantitäts-)Implikaturen spielen also immer Skalen eine Rolle (sog. Horn-Skalen). Bei den partikularisierten konversationellen Implikaturen spielt hingegen immer der Kontext eine Rolle. Das Benzin-Beispiel war ein Beispiel für eine solche Implikatur, denn der Satz „Um die Ecke ist eine Tankstelle.“ implikatiert nicht immer und in jeder Situation, dass es an der bezeichneten Tankstelle Benzin gibt.

Für alle konversationellen Implikaturen gelten bestimmte Eigenschaften. Die wichtigsten:

  • sie sind annullierbar (engl.: cancelable) (das heißt, sie können vom Sprecher zurückgenommen werden, ohne dass dies merkwürdig wirkt, beispielsweise: „Um die Ecke ist eine Tankstelle, aber die hat längst Pleite gemacht.“)
  • sie sind nicht abtrennbar (engl.: nondetachable) (das heißt, man kann einen anderen Ausdruck, der nahezu dasselbe sagt, verwenden, und die Implikatur entsteht trotzdem, da sie aus dem Gesagten hervorgeht, beispielsweise: „An der Ecke da rechts rein findet sich 'ne Tankstelle.“)
  • sie sind bekräftigbar, ohne dass dies redundant wirkt (weil ihr Inhalt nicht Teil des Gesagten ist, beispielsweise: „Um die Ecke ist eine Tankstelle, da können Sie auftanken.“)

Konventionelle Implikaturen kommen bei Grice wesentlich kürzer und sind noch umstrittener als die konversationellen. Diese Implikaturen basieren auf der konventionellen Bedeutung eines ganz bestimmten Begriffs und dennoch sollen sie nicht Teil dessen sein, was gesagt wurde, da sie nicht maßgeblich für die Wahrheit einer Äußerung sind. Ein Beispiel wäre beispielsweise ein Satz wie „Sie ist arm, aber hübsch.“. Das „aber“ implikatiert eine Art Gegensatz zwischen Armut und körperlicher Attraktivität. Dass dieser Gegensatz - so allgemein angenommen - unsinnig ist, erscheint klar. Dennoch wäre der Satz nach Grice wahr, wenn die Bezeichnete arm ist und hübsch ist. Weitere Beispiele: „Sogar Schröder bereut die Reformen.“ (der Sprecher implikatiert, dass dies überraschend ist); „Er ist Kaufmann, deshalb hat er Geschmack.“ (logische Folgerung wird implikatiert) etc. Mittlerweile liegen neue Ansätze vor, die das Konzept der konventionellen Implikatur entweder gänzlich ablehnen (beispielsweise Bach) oder aber deutlich abändern (beispielsweise Potts).

Zur Begrifflichkeit

Grice spricht im engl. Original von „implicature“ und „to implicate“. Grice war es ein Anliegen, jegliche Verwechslung mit den semantischen Termini „Implikation“ und „implizieren“ zu vermeiden, weshalb diese Begriffe im Allgemeinen übertragen werden mit „Implikatur“ und „implikatieren“ (Grice, Orig., und Meibauer, S. 32).

Andreas Kemmerling, der den Grice-Aufsatz Logic and Conversation übersetzt hat, hat nun zwar „implicature“ mit „Implikatur“ übersetzt, aber „to implicate“ mit „implizieren“, was der erwähnten Differenzierung nicht nachkommt (Grice, dt. Übersetzung). In seinem Handbuch-Beitrag „Implikatur“ verwendet Kemmerling für „to implicate“ aber „implikieren“ (Kemmerling, z.B. S. 323).

Deshalb: Für „to implicate“ sind implikatieren und implikieren ohne Probleme zu verwenden; „implizieren“ sollte wohl eher vermieden werden oder wenigstens durch konversationell implizieren näher bezeichnet werden (um den Unterschied zu „logisch implizieren“, „konventionell implizieren“ usw. deutlich zu machen).

Die Kritik an der Grice'schen Konzeption hat zu weiteren Termini geführt. So führt Carston (Language and Cogniton, 1988) noch die „Explikatur“ ein, was von Bach (Semantic slack, in: Tsohatzidis: Foundations of speech act theory, 1994) kritisiert wird, der dafür „Implizitur“ vorschlägt. Damit sollen Fälle wie die Folgenden geklärt werden können (Anreicherung eines propositionalen Fragments; Meibauer, S. 38).

  • „Du wirst schon nicht sterben.“ (Explikatur/Implizitur: von dieser kleinen Wunde)
  • „Ich habe noch nichts gegessen.“ (Explikatur/Implizitur: heute)

Siehe auch

Präsupposition

Literatur

  • Grice, H. Paul: Logic and Conversation. In: Cole/Morgan (Hg.): Speech acts (=Syntax and Semantics, 3), S. 41-58. Dt.: Logik und Konversation (Übers. A. Kemmerling). In: Meggle (Hg.): Handlung, Kommunikation, Bedeutung. Frankfurt a.M. 1993 (stw 1083), S. 243–265.
  • Kemmerling, Andreas: Implikatur. In: Stechow/Wunderlich (Hg.): Semantik. Berlin, New York 1991 (=Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 6), S. 319-333.
  • Levinson, Stephen C.: Pragmatik (Orig. 1983). Tübingen 2000 (=Konzepte der Sprach- und Lilteraturwissenschaft, 39), Kapitel „Konversationelle Implikaturen“, S. 107-181.
  • Meibauer, Jörg: Pragmatik. Eine Einführung. Zweite, verbesserte Aufl. Tübingen 2001 (=Stauffenberg-Einführungen, 12).
  • Rolf, Eckard: Sagen und Meinen. Paul Grices Theorie der Konversations-Implikaturen. Opladen. Westdeutscher Verlag, 1994.

Weblinks


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