Angevinisches Reich

ÔĽŅ
Angevinisches Reich
Größte Ausdehnung des angevinischen Reichs

Das Angevinische Reich (eng.: Angevin Empire) ist eine moderne Bezeichnung f√ľr den umfangreichen territorialen Besitz des Hauses Plantagenet f√ľr den Zeitraum von etwa 1150 bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Der Besitz umfasste haupts√§chlich die gesamte westliche H√§lfte Frankreichs sowie das K√∂nigreich England.

Inhaltsverzeichnis

Name des Reiches

Das franz√∂sische Adjektiv angevin (‚Äěvon Anjou‚Äú) bezeichnet die Bewohner und deren gesprochenen Dialekt aus der franz√∂sischen Landschaft Anjou um den Hauptort Angers. In der Antike siedelte dort der keltische Volksstamm der Andegaven, nach denen sich die mittelalterlichen Grafen des Anjou im damaligen Latein entweder comes Andecavorum (‚ÄěGraf der Angeviner‚Äú) oder comes Andegavensis (‚ÄěGraf von Anjou‚Äú) nannten.

Das Anjou war das Stammland der Plantagenets, weshalb diese Familie in England oft auch als first Angevin Dynasty bezeichnet wird, in Unterscheidung zur zweiten und dritten Anjou-Dynastie. Der Begriff ‚ÄěAngevin Empire‚Äú selbst ist eine Wortsch√∂pfung der j√ľngeren Geschichtsforschung und wurde erstmals von der britischen Historikerin Kate Norgate in ihrem 1887 ver√∂ffentlichten Werk England under the Angevin Kings verwendet. Dabei ist allerdings die Verwendung des Terminus Empire (Imperium, Reich) unter Historikern umstritten, da w√§hrend des Mittelalters im engeren staatsrechtlichen Sinn nur das Heilige R√∂mische Reich (Sacrum Romanum Imperium) als ein ‚ÄěReich‚Äú zu verstehen war. Zumal die Plantagenets niemals √ľber einen imperialen Titel (imperator, augustus) verf√ľgten, der ihnen die Herrschaft √ľber ihren L√§nderkomplex legitimiert h√§tte.

Vielmehr bestand das ‚Äěangevinische Reich‚Äú aus einer Vereinigung mehrerer Rechtstitel innerhalb der Plantagenetsfamilie. Der h√∂chste Titel, den sie f√ľhrten, war der eines K√∂nigs von England (regi Angli√¶), mit dem allerdings ausschlie√ülich nur in England Herrschaftsrechte verbunden waren, weshalb bei dem ‚Äěangevinischen Reich‚Äú auch nicht von einem ‚Äěenglischen Reich‚Äú gesprochen werden kann, ebenso wenig wie die festl√§ndischen Gebiete englisches Hoheitsgebiet waren. F√ľr ihre Gebiete auf dem franz√∂sischen Festland verf√ľgten die Plantagenets √ľber die jeweils zugeh√∂renden Rechtstitel, die ihre Herrschaft dort begr√ľndeten.

In Frankreich wird statt von einem angevinischen vom Empire Plantagenêt gesprochen.

Entstehung

Die Grafen von Anjou waren franz√∂sische Feudalf√ľrsten, die bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts zu den m√§chtigsten Vasallen des franz√∂sischen K√∂nigs aufgestiegen waren. Neben ihrem Stammland Anjou, das sich im unteren Loiretal um Angers befand, kontrollierten sie schon die angrenzenden Gebiete um Tours und Le Mans (zusammen Grand-Anjou genannt). Das Angevinische Reich verdankte seine Entstehung ma√ügeblich zwei Ehen des Grafenhauses. Zuerst die Heirat des Grafen Gottfried V. von Anjou (gen.: ‚ÄěPlantagen√™t‚Äú) mit der Erbin des anglo-normannischen Reichs Mathilde (gen.: ‚Äědie Kaiserin‚Äú) im Jahr 1128. Diese Ehe brachte der Plantagenetfamilie den Anspruch auf die Normandie, der 1144 umgesetzt wurde, und auf das K√∂nigreich England. Der Sohn des Paares, Heinrich II. Kurzmantel, heiratete 1152 die Herzogin Eleonore von Aquitanien, womit deren umfangreicher Besitz, der fast den gesamten S√ľden Frankreichs umfasste, an die Familie kam. Heinrich konnte zudem 1154 den englischen Thron besteigen, nachdem sein Konkurrent Stephan von Blois gestorben war.

Frankreich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Der französische Teil des angevinischen Reichs in rot, die französische Krondomäne in dunkelblau.

Besitzstand und zugehörige Vasallen

Herzogtum Gascogne und seine Vasallen um 1150.
Anmerkung 1: Die Grafschaft Bigorre war seit 1082 ein Vasall von Aragón
Anmerkung 2: Die Grafschaft Comminges war seit 1144 ein Vasall von Toulouse
  • Ostirland (1171)
    • westirische Kleink√∂nige

Stammtafel der Plantagenets

Wappen der Plantagenets
 
 
 
Gottfried V. von Anjou
(1113‚Äď1151)
 
Mathilde ‚Äědie Kaiserin‚Äú
(1102‚Äď1167)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Heinrich II. Kurzmantel
(1133‚Äď1189)
 
Eleonore von Aquitanien
(1123‚Äď1204)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Heinrich der J√ľngere
(1155‚Äď1183)
 
Richard Löwenherz
(1157‚Äď1199)
 
Gottfried von Bretagne
(1158‚Äď1186)
 
Johann Ohneland
(1167‚Äď1216)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Arthur von Bretagne
(1187‚Äď1203)
 
Heinrich III.
(1207‚Äď1272)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Könige von England bis 1485
 

Charakter des Reiches

Das angevinische Reich war kein in sich vereintes Staatsgef√ľge, es entsprach vielmehr einer Zusammenfassung mehrerer Territorien, die in Personalunion von einem Herrscher regiert wurden. Das hei√üt, es existierte keine einende Reichsideologie wie etwa im heiligen r√∂mischen Reich, auch gab es keine einheitliche Reichsverwaltung noch ein besonderes Zusammengeh√∂rigkeitsgef√ľhl unter den Untertanen der jeweiligen Reichsteile. Vielmehr besa√ü jeder Reichsteil eine eigene Verwaltung und eigene Rechtsgewohnheiten. Auch war die Herrschergewalt in den jeweiligen Territorien unterschiedlich ausgepr√§gt. War zum Beispiel die Herrschaft in England oder der Normandie mittels einer zentralisierten Verwaltung stark auf die Person des K√∂nigs bzw. des Herzogs ausgerichtet, war sie in Aquitanien oder der Bretagne nur schwach ausgebildet und in erster Linie von der Gefolgschaftstreue m√§chtiger Vasallen abh√§ngig.

Ein weiteres entscheidendes Merkmal des angevinischen Reichs, das ma√ügeblich zu seinem Untergang beitrug, war die Lehnszugeh√∂rigkeit seiner festl√§ndischen Territorien zum franz√∂sischen K√∂nigreich. Das hei√üt, die Plantagenets waren f√ľr diese Gebiete Vasallen der franz√∂sischen K√∂nige, denen sie zur Gefolgschaftstreue verpflichtet waren. Nicht selten nutzten die franz√∂sischen K√∂nige der Kapetingerdynastie ihre, den Plantagenets √ľbergeordnete, lehnsrechtliche Position, um diese zu schw√§chen, denn die K√∂nige Frankreichs verf√ľgten im Vergleich zu den Plantagenets nur √ľber ein verschwindend geringes Gebiet, die Krondom√§ne, auf das sie einen direkten Zugriff besa√üen. Die Herrschaft √ľber ihr K√∂nigreich hing also ebenfalls von der Gefolgschaftstreue ihrer Vasallen zu ihnen ab. Die Plantagenets in ihrer Machtf√ľlle stellten dabei ein st√§ndiges Bedrohungspotenzial f√ľr sie dar. Die Errichtung einer starken K√∂nigsgewalt in Frankreich konnte letztlich nur √ľber die Zerschlagung des Territorialkonglomerats der Plantagenets gehen.

Geschichte

Konsolidierung unter Heinrich II. Kurzmantel

Unter Heinrich II. Kurzmantel erreichte das angevinische Reich seine gr√∂√üte territoriale Ausdehnung. Er konnte 1151 von seinem Vater neben den Stammbesitzungen der Familie um Anjou, Maine und Touraine, bereits das Herzogtum Normandie √ľbernehmen. Zusammen mit seinem Vater hatte er kurz vor dessen Tod dem franz√∂sischen K√∂nig Ludwig VII. f√ľr diese Gebiete in Paris den Lehnseid ablegt. Dabei begann Heinrich mit der K√∂nigin Eleonore von Aquitanien eine Beziehung, die schlie√ülich in der Heirat mit ihr im selben Jahr m√ľndete, nachdem sich Eleonore von ihrem ersten Mann scheiden lie√ü. Damit wurden alle wesentlichen Gebiete des angevinischen Reichs in diesem Paar vereint, aber zugleich auch der Beginn der Rivalit√§t des franz√∂sischen K√∂nigs und Ex-Ehemanns von Eleonore zu den Plantagenet gelegt. Allein schon die Hochzeit geschah ohne Einwilligung K√∂nig Ludwigs VII., als dem Lehnsherrn beider Ehepartner. Zu einer Entspannung des Konfliktes kam es am 5. Februar 1156 im Vexin, indem Heinrich f√ľr alle Festlandsbesitzungen, einschlie√ülich dem seiner Frau, Ludwig VII. huldigte.

Nach dem Tod K√∂nig Stephans 1154 konnte Heinrich dessen Nachfolge im K√∂nigreich England antreten. In seiner Eigenschaft als englischer K√∂nig konnte er die Oberherrschaft √ľber die britische Insel erringen. 1157 huldigte ihm der schottische K√∂nig und im Juli 1163 die walisischen F√ľrsten. Im Oktober 1171 setzte er nach Irland √ľber, dessen √∂stliche H√§lfte er seiner direkten Herrschaft unterwerfen konnte und in deren westlichen H√§lfte er als Oberherr anerkannt wurde.

Heinrich II. Kurzmantel

Auch auf dem Festland betrieb Heinrich eine offensive Expansionspolitik. Sein Hauptgegner dort war der Graf von Toulouse, auf dessen Grafschaft Heinrichs Ehefrau einen Anspruch besa√ü, der schon seit Generationen in ihrer Familie erhoben wurde. 1159 startete Heinrich das gr√∂√üte milit√§rische Vorhaben seiner Herrschaft um diesen Anspruch gewaltsam durchzusetzen. Hier aber kollidierte er erstmals mit den Gesetzm√§√üigkeiten des franz√∂sischen Feudalgef√ľges. Graf Raimund V. von Toulouse wandte sich hilfesuchend an K√∂nig Ludwig VII. von Frankreich, der sich in das belagerte Toulouse begab und sich Heinrich zu erkennen gab, der darauf die Belagerung aufgeben musste. Wenngleich Heinrich milit√§risch in der Lage war, die Stadt zu nehmen, kam f√ľr ihn eine Gef√§hrdung seines Lehnsherrn nicht in Frage. Eine derartige Missachtung eines auf Vertrauen und Treue basierendes Verh√§ltnis h√§tte nicht nur zu einem Bruch dieses gef√ľhrt, sondern auch einen Pr√§zedenzfall f√ľr Heinrichs eigene Vasallen, zur Aufl√∂sung ihrer Bindung an ihn, geliefert. Zu einer Auss√∂hnung mit dem Grafen von Toulouse kam es 1173 in Limoges, der dort den Plantagenets huldigte und seine Grafschaft fortan als Lehen Aquitaniens hielt.

Das Verh√§ltnis der Plantagenets zu ihren Vasallen war schon unter Heinrich II. Kurzmantel nicht spannungsfrei. Besonders in den Reichsteilen, in denen der Lehnsadel eine traditionell starke Position gegen√ľber dem Lehnsherren einnahm, kam es wiederholt zu Revolten des lokalen Adels gegen ihn. Besonders in der Bretagne und vor allem in Aquitanien stie√ü er dabei auf starken Widerstand. Der aquitanische Adel, an seiner Spitze die Lusignans, wehrte sich vehement gegen Heinrichs Versuche die herzogliche Gewalt zu st√§rken. Dieser Widerstand, aber auch Heinrichs kirchenpolitischer Konflikt mit Thomas Becket, wurde stillschweigend vom franz√∂sischen K√∂nig gef√∂rdert, der sich dadurch eine Schw√§chung des Plantagenet erhoffte. Um den unterschiedlichen Gegebenheiten in seinen L√§ndereien Rechnung zu tragen und um das Verh√§ltnis zu K√∂nig Ludwig VII. zu entspannen, entschloss sich Heinrich zu einer formellen Teilung seiner Macht.

Dazu traf er sich in Begleitung seiner S√∂hne am 6. Januar 1169 in Montmirail zu einer pers√∂nlichen Begegnung mit dem franz√∂sischen K√∂nig. Dort setzte Heinrich seinen √§ltesten Sohn, Heinrich den J√ľngeren, in Anjou, Normandie und Bretagne und den zweit√§ltesten, Richard, in Aquitanien ein. Alle drei huldigten anschlie√üend dem franz√∂sischen K√∂nig, Heinrich f√ľr den Gesamtbesitz und dessen S√∂hne f√ľr die ihnen zugewiesenen Gebiete. Die Bretagne sollte ein Jahr sp√§ter vom dritten Sohn, Gottfried, √ľbernommen werden, der daf√ľr seinem √§lteren Bruder Heinrich dem J√ľngeren huldigen musste, da die Bretagne ein feudum der Normandie war. Der j√ľngste Sohn, Johann, erhielt in der Vereinbarung von Montmirail kein Land zugewiesen (daher ‚ÄěOhneland‚Äú), er wurde erst 1177 zum Herren von Irland (Dominus Hiberniae) ernannt. In Montmirail wurde zus√§tzlich eine Ehe zwischen der Prinzessin Margarethe von Frankreich und Heinrich dem J√ľngeren vereinbart, der im folgenden Jahr zudem zum (Mit)K√∂nig von England gekr√∂nt wurde.

Trotz der Herrschaftsteilung dachte Heinrich nicht daran, seine S√∂hne an der tats√§chlichen Macht teilhaben zu lassen, und bestimmte weiterhin allein die Politik seiner Familie. Dies f√∂rderte den Unmut der S√∂hne, die sich angetrieben von ihrer Mutter und unterst√ľtzt durch K√∂nig Ludwig VII. von Frankreich und K√∂nig Wilhelm I. von Schottland im Jahr 1183 gegen ihren Vater erhoben. Der konnte durch den Einsatz von S√∂ldnerkompanien (Brabanzonen) sowohl auf der britischen Insel und auf dem Festland bis September 1184 die Rebellion niederschlagen. K√∂nigin-Herzogin Eleonore nahm er gefangen und seine S√∂hne unterwarfen sich wieder seiner Autorit√§t. Um sich mit dem franz√∂sischen K√∂nig auszus√∂hnen wurde 1174 eine zus√§tzliche Ehe zwischen Richard und der Prinzessin Alice (Alix) von Frankreich verhandelt. Damit sollte auch eine L√∂sung in dem lang anhaltenden Konflikt √ľber die Besitzrechte des normannischen Vexin mit seiner strategisch wichtigen Festung Gisors gefunden werden. Das Vexin befand sich seit l√§ngerem in der Hand der Herz√∂ge der Normandie und damit seit 1144 bei den Plantagenets, die franz√∂sische Krone hat das jedoch nie anerkannt. Um diesen Konflikt zu entsch√§rfen sollte das Vexin als Mitgift f√ľr Alice gelten, durch deren Ehe mit Richard der Besitzstatus des Vexin legitimiert werden sollte. Allerdings ging Richard in den folgenden Jahren dem Ehebund mit Alice beharrlich aus dem Weg und lieferte damit einen weiteren Konfliktgrund mit dem franz√∂sischen K√∂nigshaus.

Im Jahr 1180 starb K√∂nig Ludwig VII. von Frankreich und seine Nachfolge trat K√∂nig Philipp II. an, mit dem der Gegensatz zwischen Kapetingern und Plantagenets in eine neue Phase trat. Dabei konnte Heinrich II. Kurzmantel zun√§chst als Schutzherr des jungen K√∂nigs auftreten, der sich in einem wechselseitigen Konflikt mit seiner Mutter, den Grafen von Blois-Champagne und dem Grafen von Flandern um die Regentschaft befand. Nachdem sich Philipp II. gegen seine Gegner durchgesetzt hatte nahm er sofort die n√§chste Gelegenheit war, um sich mit seinem einstigen Besch√ľtzer auseinander zu setzen. Als Anlass dazu diente ihm der Alice-Vexin-Konflikt und in die H√§nde spielte ihm erneuter Streit unter den Plantagenets. Heinrich der J√ľngere forderte vom Vater nachdr√ľcklich eine Beteiligung an der Macht. Um einen erneuten gewaltsamen Streit zu vermeiden, forderte Heinrich II. Kurzmantel seine j√ľngeren S√∂hne im Fr√ľhjahr 1183 in Le Mans dazu auf, ihrem √§lteren Bruder zu huldigen. Dies aber lehnte Richard, der seit der Gefangenschaft seiner Mutter faktisch allein in Aquitanien regierte, ab. Indem nun ausbrechenden Bruderkampf wurde der j√ľngere Heinrich von K√∂nig Philipp II. mit S√∂ldnern und Geld unterst√ľtzt, w√§hrend Richard die Unterst√ľtzung vom Vater erhielt. Zu Richards Gegnern gesellten sich auch seine eigenen Vasallen in Aquitanien, die seit seiner Herrschaft einen st√§ndigen Unruheherd f√ľr ihn bildeten. Der Kampf endete jedoch, nachdem im Juni 1183 √ľberraschend der j√ľngere Heinrich starb. Der Konflikt wurde darauf beendet, indem Heinrich II. Kurzmantel am 6. Dezember 1183 in Gisors K√∂nig Philipp II. f√ľr alle Festlandsgebiete huldigte. Ein weiterer Erfolg stellte sich f√ľr Philipp II. in der Bretagne ein, nachdem 1184 Gottfried an seinen Hof zog und vermutlich ihm f√ľr sein Herzogtum huldigte. Dieses Territorium ging den Plantagenets damit faktisch verloren, da sich die Ehefrau Gottfrieds nach dessen Tod 1186 entschieden gegen die Familie ihres Mannes stellte.

Die anschlie√üend anstehende Nachfolgefrage um das Samterbe der Plantagenets f√ľhrte sogleich zu neuem Streit in dieser Familie. K√∂nig Heinrich II. favorisierte dabei seinen j√ľngsten Sohn Johann, dem er die Normandie √ľbertragen und den er mit der Prinzessin Alice (Alix) verheiraten wollte. Diese faktische Enterbung Richards f√ľhrte diesen 1187 in ein Zweckb√ľndnis mit Philipp II. gegen den Vater. Philipp II. konnte dadurch bedeutende milit√§rische Erfolge im unteren Berry erreichen, wo er im Mai 1187 Issoudun und am 11. August 1188 Ch√Ęteauroux einnehmen konnte. Am 18. November 1188 huldigte Richard in Bonsmoulins dem franz√∂sischen K√∂nig neben Aquitanien auch f√ľr Anjou und Normandie, das ihm noch nicht einmal geh√∂rte, wodurch er aber den endg√ľltigen Bruch mit seinem Vater besiegelte. Der erschien 1189 mit einem Heer in Frankreich, um den Kampf aufzunehmen, wurde jedoch schnell von seinen Feinden besiegt und floh vor seinem Sohn nach Chinon. Am 4. Juli 1189 musste sich Heinrich II. Kurzmantel im Vertrag von Azay-le-Rideau geschlagen geben und alle Eroberungen Richards und Philipps II. anerkennen. Zwei Tage sp√§ter starb er in Chinon.

Richard Löwenherz gegen Philipp II. August

Mit dem Tod des alten Heinrich zerfiel auch das B√ľndnis des nunmehrigen englischen K√∂nigs und Alleinherrschers des angevinischen Reichs Richard mit Philipp II. von Frankreich. Obwohl Richard am 22. Juli 1189 in Chaumont-en-Vexin dem franz√∂sischen K√∂nig f√ľr alle Festlandsbesitzungen huldigte, verweigerte er weiterhin die dringlich geforderte Ehe mit Alice, womit der Streit um das Vexin weiterhin aktuell blieb. Ein tiefer greifendes Zerw√ľrfnis blieb zun√§chst aus, da sich beide K√∂nige zur Durchf√ľhrung eines Kreuzzuges zur R√ľckeroberung von Jerusalem verpflichtet hatten. Richard vertraute f√ľr die Zeit seiner Abwesenheit die Regentschaft im Reich ihm nahestehenden Gefolgsleuten an. In England waren dies die chief justiciars Wilhelm von Longchamp und Hubert Walter, Erzbischof von Canterbury.

Richard Löwenherz

Im Verlauf des dritten Kreuzzuges, den beide K√∂nige 1190 antraten, kam es dann aber zum Bruch zwischen ihnen, nachdem Richard auf Zypern Berengaria von Navarra geheiratet und damit die Versto√üung der Prinzessin Alice vollendet hatte. F√ľr den franz√∂sischen K√∂nig stellte diese Zur√ľckweisung seines Vasallen einen erheblichen Ansehensverlust dar, zumal Richard auch die Forderung auf die Restitution des Vexins an Philipp II. ignorierte. Der K√∂nig von Frankreich beendete im Juli 1191 seinen Kreuzzug und kehrte in die Heimat zur√ľck, w√§hrend Richard noch im heiligen Land blieb um gegen Saladin zu k√§mpfen. In dieser Zeit forcierte Philipp II. den Kampf gegen Richard und fand in dessen Bruder Johann einen Verb√ľndeten.

Prinz Johann verfolgte w√§hrend der Abwesenheit seines Bruders eigene Interessen, nachdem er um eine m√∂gliche Nachfolge im Angevinischen Reich bangen musste. W√§hrend der √úberfahrt Richards in das heilige Land hatte dieser auf Sizilien mit dem dortigen K√∂nig Tankred von Lecce ein Abkommen geschlossen, das gegen die Italienpolitik Kaiser Heinrichs VI. gerichtet war. In diesem Abkommen versprach Richard die Hochzeit zwischen seinem Neffen Arthur von Bretagne und einer Tochter K√∂nig Tankreds. Damit hatte Richard den Neffen zum Nachfolger im Falle einer eigenen Kinderlosigkeit designiert, was die Aussichten Johanns auf die Nachfolge in Frage stellte. In der Folge opponierte Johann mit der Hilfe Philipps II. in England gegen die von Richard eingesetzten Regenten, was zu b√ľrgerkriegs√§hnlichen Zust√§nden f√ľhrte. Zugleich f√ľhrte Philipp II. Feldz√ľge in die Auvergne und die obere Normandie durch, wo er mehrere Burgen erobern konnte.

Richards Verhalten auf dem Kreuzzug hatte zugleich Philipps II. diplomatische Position in diesem Konflikt beg√ľnstigt, der zunehmend europ√§ische Ausma√üe annahm. Durch das sizilianische Abkommen Richards gewann Philipp II. den Kaiser als nat√ľrlichen Verb√ľndeten und durch eine Beleidigung gegen√ľber dem Herzog von √Ėsterreich wurde der zu einem Feind Richards. Auf der R√ľckreise in die Heimat wurde Richard im Dezember 1192 bei der Passierung von √Ėsterreich vom Herzog gefangengenommen und an den Kaiser ausgeliefert. Die Gefangennahme seines Rivalen nutzte Philipp II. im Fr√ľhjahr 1193 zu einem Angriff auf die Normandie, wo er Burgen wie Pacy, Ivry und vor allem das lang geforderte Gisors einnehmen konnte. In einem durch Richard erm√§chtigten Friedensabkommen (Mantes, 9. Juli 1193) bekam Philipp II. alle Eroberungen best√§tigt. Trotz der Haft Richards konnte Philipp II. nun nur indirekt gegen ihn vorgehen, da er aufgrund eigener familieninterner Probleme mit dem Papst in einen Konflikt geriet. Philipp II. f√∂rderte stattdessen Prinz Johann in seinen Ambitionen, der im Gegenzug zum Verzicht auf die obere Normandie und die Touraine, sowie im Falle einer erfolgreichen √úbernahme des englischen Thrones zu einer Lehnsnahme Englands zugunsten Frankreichs bereit war. Willkommen waren f√ľr Philipp II. auch die notorisch aufr√ľhrerischen Barone in Aquitanien, die ebenso die Gefangenschaft ihres Lehnsherren f√ľr einen abermaligen Aufstand gegen ihn nutzten. In der Zwischenzeit konnte Richard seine Position gegen√ľber dem Kaiser verbessern, indem er in Deutschland vermittelnd im Konflikt zwischen Staufern und Welfen wirkte und gegen√ľber dem Kaiser f√ľr das englische Regnum huldigte. Die schnelle Zahlung des L√∂segeldes bewirkte Anfang 1194 seine Freilassung.

Richard zog zuerst nach England, wo er schnell die √∂ffentliche Ordnung wiederherstellte, doch schon im Mai 1194 setzte er in die Normandie √ľber, um dort seinen Bruder Johann zur Unterwerfung zu zwingen, der fortan loyal zu Richard blieb. England, das Richard nie wieder betreten sollte, lie√ü er unter der Verwaltung seiner Vertrauten zur√ľck, deren Aufgabe in erster Linie darin bestand, die finanziellen Ressourcen Englands auszubeuten, die er zur Finanzierung seines Krieges auf dem Festland ben√∂tigte. England war neben der Normandie der am besten organisierte Teil des angevinischen Reichs. Vor allem Richards Vater hatte dort die Errichtung eines Verwaltung- und Steuersystems betrieben, das an Effizienz im Abendland seiner Zeit un√ľbertroffen war. Und doch nahm England in der Wahrnehmung Richards nur die Rolle einer Nebenprovinz ein, deren schier unersch√∂pfliche Geldreserven die finanzielle Hauptlast f√ľr den Kreuzzug, das L√∂segeld an den Kaiser und eines intensiven Burgenbaus in der Normandie (Ch√Ęteau-Gaillard) trug. Diese Finanzpolitik f√ľhrte in der Endphase von Richards Herrschaft in England erstmals zu einer breiten Ablehnung unter den Baronen und der st√§dtischen Bev√∂lkerung. Auf einem Konzil in Oxford (7. Dezember 1197), auf dem Richards Statthalter sowohl vom Adel und dem Klerus neue Steuerbewilligungen verlangten, √ľbte der Bischof von Lincoln, Hugh von Avalon, √∂ffentliche Kritik an den Geldforderungen des K√∂nigs. Der Bischof wies daraufhin, dass Klerus und Adel Englands zwar zur Verteidigung des K√∂nigreiches verpflichtet seien, nicht aber zur Beteiligung an den dynastischen Konflikten seines K√∂nigs auf dem Festland. Ungeachtet dieses offen zu Tage tretenden Mangels eines angevinischen Reichsbewusstseins setzte Richard seinen Krieg fort. Um englische Belange k√ľmmerte er sich nicht mehr, was den Abfall der Waliser unter Lord Rhys zur Folge hatte.

In Frankreich konnte Richard schnell die Oberhand √ľber Philipp gewinnen, nachdem er ihn im Juli 1194 bei Fr√©teval geschlagen hatte und ihm mehrere Burgen abnehmen konnte. Damit n√∂tigte er Philipp am 15. Januar 1196 zu einem Frieden in Louviers, in dem Richard aber auch erstmals eigene Gebietsverluste an Philipp akzeptierte. Darauf versuchte Richard im April 1196, die Kontrolle √ľber die Bretagne zur√ľckzugewinnen, was aber seine Schw√§gerin Konstanze verhinderte, indem sie ihren Sohn und Richards designierten Erben, Arthur, an den Hof nach Paris schickte. Um sich f√ľr seinen vorrangigen Kampf gegen Philipp zu entlasten, strebte Richard auch einen Ausgleich mit dem Grafen Raimund VI. von Toulouse an, der trotz seiner Lehnsnahme stets gegen die Plantagenets aufbegehrt hatte. In einem Abkommen erkannte Richard den Grafen in seinen Besitzungen an und verheiratete ihn mit seiner Schwester Johanna, die mit dem Agenais als Mitgift ausgestattet wurde. Im Juni 1196 nahm K√∂nig Philipp II. den Krieg wieder auf und eroberte die starke normannische Burg Aumale. Richard begegnete dieser Offensive mit einem B√ľndnis mit dem Grafen von Flandern, um Philipp so einen Zweifrontenkrieg aufzuzwingen. Seine diplomatischen Aktivit√§ten dehnte er auch auf Deutschland aus, wo er nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. die Wahl seines Neffen Otto von Braunschweig unterst√ľtzte. Im September 1198 konnte Richard erneut seinen Rivalen Philipp in der Schlacht bei Gisors pers√∂nlich schlagen. Unter p√§pstlicher Vermittlung nahmen beide Parteien erneute Friedensgespr√§che auf, in denen unter anderem eine Ehe des franz√∂sischen Thronfolgers mit einer Nichte Richards vereinbart wurde. Bevor Richard diesen neuen Frieden ratifizieren konnte starb er unerwartet im April 1199 auf einem Feldzug gegen einen rebellierenden Vasallen in Aquitanien.

Zusammenbruch unter Johann Ohneland

Beg√ľnstigt durch die Hilfe seiner Mutter, die im Juli 1199 f√ľr Aquitanien an Philipp II. gehuldigt hatte, wurde Johann relativ schnell in allen Teilen des angevinischen Reichs anerkannt, obwohl es aufgrund unterschiedlicher Gewohnheiten im Erbrecht zu Unsicherheiten unter den Vasallen im Bezug auf die Erbrechte Arthurs von Bretagne kam. Philipp II. von Frankreich nutzte den Tod Richards und das Ausbleiben des Friedensabkommens, um sofort den Krieg gegen seinen einstigen Verb√ľndeten Johann zu beginnen. Dabei gelangen ihm gr√∂√üere Eroberungen in der Normandie, wo sich ihm die Grafen von √Čvreux und Meulan unterwarfen. Johann selbst ging dem Kampf aus dem Weg und zog nach England wo er seine Kr√∂nung begehen wollte. Dadurch erreichte Philipp eine weit bessere Verhandlungsbasis als er sie noch gegen√ľber Richard besa√ü. Am 22. Mai 1200 akzeptierte Johann im Vertrag von Le Goulet erhebliche Gebietsverluste in der Normandie und im Berry zugunsten Philipps, erhielt aber im Gegenzug von ihm die Anerkennung in allen anderen festl√§ndischen Besitzungen.

Johann Ohneland

Das anschlie√üende Fehlverhalten Johanns lieferte dem franz√∂sischen K√∂nig aber einen erneuten Vorwand, um milit√§risch und auch gerichtlich gegen Johann vorzugehen. Der hatte im August 1200 mit Isabella von Angoul√™me die Tochter eines seiner aquitanischen Vasallen entf√ľhrt und geheiratet. Die Braut war aber zuvor schon mit einem Spross der Lusignanfamilie verlobt gewesen, die nun ihrerseits in dieser Sache an K√∂nig Philipp II. appellierten der darauf einen Lehnsprozess gegen Johann aufnahm. Nachdem Johann mehrere Aufforderungen vor dem Gericht zu erscheinen nicht nachkam, wurde √ľber ihn 1202 ein Vers√§umnisurteil verh√§ngt, indem er all seiner Lehen in Frankreich f√ľr verlustig erkl√§rt wurde. Zur Durchsetzung des Urteils griff Philipp auf den Prinzen Arthur von Bretagne zur√ľck, der dem franz√∂sischen K√∂nig f√ľr alle angevinischen Besitzungen in Frankreich huldigte. Trotz eines Sieges √ľber Arthur bei Mirebeau im Juli 1202 konnte Johann den Zusammenbruch des angevinischen Reichs nicht mehr aufhalten. Nachdem sich seit dem Fr√ľhjahr 1203 in Frankreich das Ger√ľcht √ľber die Ermordung des gefangenen Prinzen Arthur durch Johann verbreitete, fielen in faktisch allen angevinischen Territorien die Vasallen von ihm ab und unterstellten sich der direkten Herrschaft des K√∂nigs von Frankreich. Der konnte dadurch bis zum Jahr 1204 im Handstreich das gesamte Gebiet n√∂rdlich der Loire, also Normandie, Anjou, Maine und Touraine, unter seine Herrschaft bringen. Und auch in Aquitanien und Gascogne brach die Plantagenetherrschaft noch im selben Jahr in sich zusammen, nachdem die K√∂nigin-Herzogin Eleonore gestorben war. Obwohl Johann dort als Herzog in der Rechtsnachfolge seiner Mutter stand, zeigte er diesen Gebieten nur geringes Interesse und √ľberlie√ü seine dortigen Vasallen weitestgehend sich selbst, lediglich im Poitou und der Saintonge wurde seine nominelle Herrschaft durch eingesetzte Seneschalle aufrechterhalten. Die Gascogne wurde 1206 kurzzeitig von K√∂nig Alfons VIII. von Kastilien besetzt, der das Land als Mitgift seiner Frau, einer Schwester Johanns betrachtete. In einem im gleichen Jahr geschlossenen Abkommen hob Alfons VIII. die Besetzung wieder auf. Das zu Toulouse bestehende Lehnsverh√§ltnis war dagegen faktisch beendet.

Johanns tats√§chlicher Herrschaftsraum begrenzte sich aber vor allem auf das englische K√∂nigreich, um dessen Belange er sich folglich st√§rker als sein Bruder zu k√ľmmern versuchte. Neben dem Ausbau der k√∂niglichen Verwaltung brachte er gegen√ľber der Peripherie des Landes die Autorit√§t der Krone zur Geltung. Im August 1209 erneuerte er bei Norham die englische Oberherrschaft √ľber den schottischen K√∂nig, die seit der Regierung Richards faktisch nicht mehr wahrgenommen wurde. In Irland unterwarf Johann 1210 mit √§u√üerster H√§rte jene normannische Lords, die sich unter Richards Abwesenheit zu selbstst√§ndige F√ľrsten aufgeschwungen hatten. Danach betrieb er die Konsolidierung seiner Herrschaft durch die Etablierung einer k√∂niglichen Zentralverwaltung nach englischem Vorbild und durch eine systematische St√§dtepolitik (z. B. Dublin, Cork). √Ąhnlich ging Johann die Unterwerfung der walisischen F√ľrsten an, die er in mehreren Feldz√ľgen bis 1211 zur Anerkennung seiner Oberhoheit zwang. Durch den Bau eines Burgensystems sicherte er seine Herrschaft in Wales zus√§tzlich ab.

Trotz dieser Erfolge geriet Johann in den folgenden Jahren gegen√ľber seinen englischen Baronen zunehmend in Bedr√§ngnis. Anlass dazu gab er selbst durch eine aggressive Kirchenpolitik, die ihm die Exkommunikation einbrachte, und durch die Fortf√ľhrung der Steuerpolitik seines Bruders die ihm vorrangig zur R√ľckeroberung der famili√§ren Festlandsgebiete diente. F√ľr dieses Ziel engagierte er sich f√ľr seinen Neffen Kaiser Otto IV. im deutschen Thronstreit gegen die Staufer, um diesen als Alliierten gegen den K√∂nig von Frankreich zu gewinnen. Zus√§tzlich betrieb Johann eine intensive B√ľndnispolitik in dem f√ľr die englische Exportwirtschaft wichtigen fl√§misch-niederl√§ndischen Raum gegen Frankreich. Diese Aktivit√§ten f√ľhrten im Gegenzug zur Parteinahme Frankreichs f√ľr den jungen sizilianischen K√∂nig Friedrich II. von Hohenstaufen als Gegenkandidat zum welfischen Kaiser. 1213 konnte Johann eine Invasion Frankreichs in England durch eine rechtzeitige Unterwerfung unter den Papst begegnen, den er als Lehnsherr Englands anerkannte und daf√ľr vom Bann gel√∂st wurde. Darauf entschloss sich das englisch-welfische B√ľndnis im Folgejahr zu einer gro√üen Offensive gegen Frankreich, nachdem die Position Kaiser Ottos im Reich durch die Ankunft Friedrichs zunehmend in Frage gestellt wurde. Johann landete im Fr√ľhjahr 1214 mit einem Heer im Poitou und drang in das Anjou vor um das Stammland seiner Familie zur√ľckzuerobern, w√§hrend gleichzeitig Kaiser Otto mit einem Heer in Flandern vorr√ľckte. Am 2. Juli wurde Johann bei Roche-aux-Moines vom franz√∂sischen Kronprinzen Ludwig VIII. dem L√∂wen √ľberrascht und in einem kurzen Kampf in die Flucht geschlagen. Wenige Wochen sp√§ter am 27. Juli konnte K√∂nig Philipp II. in der Schlacht bei Bouvines den entscheidenden Sieg √ľber den Kaiser erringen.

Mit der Niederlage bei Bouvines verlor Johann die letzte Chance das Reich seiner Familie wiederherzustellen. Auch in England war seine Herrschaft nun gef√§hrdet nachdem sich die Barone gegen ihn erhoben. In der Magna Carta (12. Juni 1215) musste er ihnen weitreichende rechtliche Zugest√§ndnisse und eine Beteiligung an der Macht gew√§hren. Der Versuch dieser Entwicklung entgegenzuwirken, f√ľhrte 1216 zu einem Abfall seiner Barone, die dem franz√∂sischen Kronprinzen die englische Krone anboten. Prinz Ludwig konnte im Mai 1216 in London einziehen und weite Teile Englands unter seine Kontrolle bringen. Nur der Tod Johanns am 26. Oktober in Newark rettete den Plantagenets den Thron, nachdem sein Sohn Heinrich III. umgehend zum K√∂nig gekr√∂nt und vom Papst anerkannt wurde. Anschlie√üende milit√§rische Erfolge der Anh√§nger Heinrichs III. bei Lincoln und Sandwich f√ľhrten im September 1216 zu einem Abzug des Prinzen.

Der Vertrag von Paris 1259

Frankreich während und nach dem Ende des angevinischen Reichs

Nachdem Ludwig VIII. den franz√∂sischen Thron bestiegen hatte, f√ľhrte er 1224 einen Feldzug in das Poitou, wo sich ihm die letzten Anh√§nger der Plantagenet ergaben. Nur die Gascogne konnte durch den Prinzen Richard von Cornwall gehalten werden. Der Lehnsadel Aquitaniens trat in den folgenden Jahren in ein direktes Treueverh√§ltnis zur franz√∂sischen Krone, womit das aquitanische Herzogtum faktisch aufgel√∂st wurde. K√∂nig Heinrich III. von England war aber nicht bereit den Verlust zu akzeptieren. Nachdem ehemals angevinische Territorien an Prinzen des franz√∂sischen K√∂nigshauses als Apanagen vergeben wurden, entschloss er sich im Jahr 1242 zu einer Offensive gegen den jungen K√∂nig Ludwig IX. den Heiligen. Aber schon wenige Tage nachdem er an der K√ľste der Saintonge gelandet war wurde er am 21. Juli in der Schlacht bei Taillebourg geschlagen, worauf er sich nach England zur√ľckziehen musste.

Obwohl Heinrich III. weiterhin auf seine Anspr√ľche nicht verzichten wollte, fand mit der Niederlage bei Taillebourg der Kampf um das angevinische Reich damit sein Ende. Die n√§chsten Jahre waren von mehreren Waffenstillst√§nden zwischen England und Frankreich gepr√§gt. √Ąhnlich wie schon sein Vater geriet Heinrich III. mit den englischen Baronen in einen Machtkampf, der auch sein Engagement auf dem Festland als Ursache hatte, das die Barone nicht l√§nger bereit waren mitzutragen. Schlie√ülich sah sich Heinrich III. zu einem dauerhaften Frieden mit Frankreich gen√∂tigt. Nach der tatkr√§ftigen Vermittlung seiner Ehefrau, deren Schwester mit Ludwig IX. von Frankreich verheiratet war, kam es am 28. Mai 1258 zur Unterzeichnung des Vertrages von Paris, der den ann√§hernd einhundert Jahre w√§hrenden Kriegszustand zwischen den Plantagenets und der franz√∂sischen Krone beendete. Heinrich III. erkannte darin die vorangegangenen Verluste der Plantagenets an die Krone Frankreichs an, wurde im Gegenzug in dem Besitz der Gascogne (Guyenne) best√§tigt und erhielt mit der Saintonge und Teilen des Angoumois und P√©rigords weitere Gebiete zur√ľckerstattet. Der Vertrag wurde anschlie√üend von den englischen Baronen ratifiziert und trat am 5. Dezember 1259 in Paris mit der Huldigung Heinrichs III., f√ľr seine franz√∂sischen Besitzungen, gegen√ľber Ludwig IX. in kraft.

Erbe

Die √Ąra des angevinischen Reichs bildete den H√∂hepunkt in der Geschichte des franz√∂sischen Feudalismus, der mit dem Zusammenbruch der karolingischen Herrschaft im 10. Jahrhundert seinen Anfang nahm. Weder vor noch nach den Plantagenets konnte eine Familie eine solch herausragende Machtposition in Frankreich einnehmen, die selbst das K√∂nigtum in ihren Schatten stellte. Dennoch nahm gerade das Angevinerreich f√ľr die weitere Entwicklung des kapetingischen K√∂nigtums eine entscheidende Rolle ein. Trotz ihrer Schw√§che konnten die Kapetinger ihre Stellung an der Spitze der Lehnspyramide behaupten und damit jederzeit ihre Vasallen und damit auch die Plantagenets lehnsrechtlich belangen. In den Anstrengungen zur √úberwindung der Plantagenets nahmen sie die Herausbildung einer komplexen auf ihre Dynastie zugeschnittenen Herrschaftsideologie in Angriff, die zur Bildung eines Zusammengeh√∂rigkeitsgef√ľhls in den Regionen des gesamten franz√∂sischen Regnums, inbegriffen der angevinischen Territorien, beitragen sollte. K√∂nig Philipp II. (seit der Schlacht von Bouvines auch Augustus genannt) war der erste Kapetinger der sich rex Franciae (K√∂nig von Frankreich) und nicht mehr rex Francorum (K√∂nig der Franken) nannte. Mit der zeitgleich einsetzenden R√ľckbesinnung auf die universelle Herrschaftsauffassung Karls des Gro√üen schufen die Kapetinger eine zus√§tzliche Legitimation einer ungeteilten Herrschaft √ľber das franz√∂sische K√∂nigreich.

Johann Ohneland unterzeichnet die Magna Carta

Diese Entwicklungen gingen an den Herrschern des angevinischen Reichs, namentlich Heinrich II. Plantagenet und Richard L√∂wenherz, nahezu spurlos vor√ľber. Zwar versuchte besonders Richard durch eine ideelle Ankn√ľpfung an den mythischen Britenk√∂nig Artus sein englisches K√∂nigtum zu erh√∂hen (Excalibur, Artusgrab in Glastonbury) und durch die Verbindung mit der Idee einer Britannica die englische Oberherrschaft auf den Inseln zu legitimieren, doch beschr√§nkten sich diese Ma√ünahmen auch ausschlie√ülich auf England und seine britischen Nachbarn. Bezogen auf das Festland haben es beide K√∂nige vers√§umt die strukturellen Defizite ihres L√§nderkomplexes durch institutionelle Reformen wie der Bildung eines einheitlichen Verwaltungsapparats und Rechtsystems zu beheben. Ebenso gelang es ihnen hier nicht ein Einheitsgef√ľhl unter ihren Untertanen zu erreichen. Die Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft beruhte einzig auf milit√§rischer St√§rke, mit denen sie Opponenten niederwerfen, Angriffe von au√üen begegnen und dynastische Interessen gegen√ľber ihren Untertanen durchsetzen konnten. Diese Herrschaftsf√ľhrung erweckte bei ihren Vasallen nicht selten den Anschein einer ‚Äěangevinsichen Despotie‚Äú und beg√ľnstigte damit deren schnellen Abfall zum franz√∂sischen K√∂nig in den ersten Regierungsjahren Johanns. Letztlich konnten die Plantagenets nur in England ihre Herrschaft erhalten, wo sie ihr √úberleben erst durch eine Teilung der Macht nach dem gewaltsamen Aufbegehren ihrer Barone gew√§hrleisten konnten.

Darin liegt auch die Bedeutung des angevinischen Reichs f√ľr die Geschichte Englands. Wurde England durch die Etablierung eines franko-normannischen Adels, seit der Eroberung durch den Normannenherzog Wilhelm im Jahr 1066, kulturell und politisch stark vom franz√∂sischen Festland beeinflusst, schlug das Inselreich unter den ersten Plantagenetk√∂nigen einen eigenen geschichtlichen Kurs ein. Die wachsende Opposition der Barone des K√∂nigreiches, hervorgerufen durch eine bedenkenlose Ausbeutung seiner finanziellen Ressourcen f√ľr dynastische Interessen auf dem Festland, f√ľhrte zur Herausbildung eines politischen Selbstbewusstseins des baronialen Standes. Die dem K√∂nig in der Magna Carta abgerungenen politischen Zugest√§ndnisse l√∂sten eine entscheidende Weichenstellung in der Verfassungsgeschichte Englands aus. Und nicht zuletzt beg√ľnstigte der Zusammenbruch des angevinischen Reiches die Entwicklung einer englischen Nationalidentit√§t.

Durch den Besitz der Guyenne blieben die Plantagenets weiterhin in Vasallit√§t zu Frankreich, wenngleich sie im weiteren geschichtlichen Verlauf vor allem als souver√§ne K√∂nige von England auftraten. Die Aufl√∂sung dieses Lehnsverh√§ltnisses und der Streit √ľber die Verf√ľgungsgewalt auf das Agenais, das nach dem Aussterben der Grafen von Toulouse mit der franz√∂sischen Krondom√§ne vereint wurde, legte den Anlass f√ľr weitere Konflikte zwischen England und Frankreich, die ma√ügebliche Ursachen f√ľr den Ausbruch des hundertj√§hrigen Krieges im 14. Jahrhundert beisteuerten.

Literatur

  • Dieter Berg: Die Anjou-Plantagenets. Stuttgart u.a. 2003.
  • Dieter Berg: Richard L√∂wenherz. Darmstadt 2007.
  • Jean Favier: Les Plantagen√™ts. Origine et destin d'un empire. √©d. Fayard, Paris 2004.
  • Martin Aurell: L‚ÄôEmpire des Plantagen√™t, 1154-1224. coll. Tempus, √©d. Perrin, 2004.

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Angevinisches Reich ‚ÄĒ ¬† [√£ í…ô , franz√∂sisch], Bezeichnung f√ľr die Herrschaft des Hauses Anjou in England und weiten Teilen Westfrankreichs (Normandie, Loiregrafschaften, Aquitanien, Gascogne, Lehnshoheit √ľber die Bretagne) unter den K√∂nigen Heinrich II ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Angevinisches Reich unter Heinrich II. ‚ÄĒ Angevinisches Reich unter Heinrich II. ¬† Im M√§rz 1152 lie√ü der franz√∂sische K√∂nig Ludwig VII. die Ehe mit seiner Gemahlin Eleonora, Herzogin von Aquitanien, wegen angeblich zu naher Verwandtschaft f√ľr nichtig erkl√§ren; eher wohl war der zu… ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Ludwig der Heilige ‚ÄĒ Der heilige Ludwig in einer um 1235 gefertigten Miniatur (New York, Pierpont Morgan Library) Ludwig IX. von Frankreich, genannt Ludwig der Heilige in Frankreich Saint Louis (* 25. April 1214 in Poissy, vermutlich auf der Burg Poissy; ‚Ć 25. August ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Richard I. (England) ‚ÄĒ Richard I. (aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts) Richard I. (genannt L√∂wenherz, franz√∂sisch Richard Ier CŇďur de Lion, englisch Richard I the Lionheart, eigentlich Richard Plantagen√™t; * 8. September 1157 in Oxford; ‚Ć 6. April 1199 in… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Richard I. L√∂wenherz ‚ÄĒ Richard I. (aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts) Richard I. (genannt L√∂wenherz, franz√∂sisch Richard Ier CŇďur de Lion, englisch Richard I the Lionheart, eigentlich Richard Plantagen√™t; * 8. September 1157 in Oxford; ‚Ć 6. April 1199 in… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • St. Ludwig ‚ÄĒ Der heilige Ludwig in einer um 1235 gefertigten Miniatur (New York, Pierpont Morgan Library) Ludwig IX. von Frankreich, genannt Ludwig der Heilige in Frankreich Saint Louis (* 25. April 1214 in Poissy, vermutlich auf der Burg Poissy; ‚Ć 25. August ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Graf von Poitiers ‚ÄĒ Das Wappen der Grafschaft Poitou, Richard L√∂wenherz trug es erstmals anl√§sslich des dritten Kreuzzuges Das Poitou, altnorw./norm. Peitaland, ist eine Landschaft im Westen Frankreichs und war eine historische Provinz und Grafschaft. Das Gebiet der ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Graf von Poitou ‚ÄĒ Das Wappen der Grafschaft Poitou, Richard L√∂wenherz trug es erstmals anl√§sslich des dritten Kreuzzuges Das Poitou, altnorw./norm. Peitaland, ist eine Landschaft im Westen Frankreichs und war eine historische Provinz und Grafschaft. Das Gebiet der ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Grafschaft Poitou ‚ÄĒ Das Wappen der Grafschaft Poitou, Richard L√∂wenherz trug es erstmals anl√§sslich des dritten Kreuzzuges Das Poitou, altnorw./norm. Peitaland, ist eine Landschaft im Westen Frankreichs und war eine historische Provinz und Grafschaft. Das Gebiet der ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Philipp-August ‚ÄĒ Philipp II. August von Frankreich Philipp II. August (* 21. August 1165 in Paris; ‚Ć 14. Juli 1223 in Mantes la Jolie) war von 1180 bis 1223 K√∂nig von Frankreich. Philipp II. war der einzige Sohn Ludwigs VII. von Frankreich und dessen dritter Gem ‚Ķ   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.