Kriegsziele im Ersten Weltkrieg

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Kriegsziele im Ersten Weltkrieg

Die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg resultierten aus den Hegemonie-Bestrebungen der damaligen GroßmĂ€chte und dem Drang der Völker auf nationale Selbstbestimmung. Sie bestanden ĂŒberwiegend aus konkreten territorialen, politischen und wirtschaftlichen AnsprĂŒchen. Besondere Bedeutung erlangten die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg in der Diskussion um die Kriegsschuldfrage nach 1918 bis zur Fischer-Kontroverse. Als entscheidendes Dokument in diesem Streit gilt das geheime „Septemberprogramm“, das erst Ende der 1950er Jahre wiederentdeckt wurde. Kurz nach Beginn des Krieges hatte die Reichsregierung hier ihre Ziele dafĂŒr formuliert, „wie Europa nach diesem Kriege aussehen sollte“.[1]

Erster Weltkrieg – beteiligte Staaten
  • ï»żEntente, Alliierte und Assoziierte
  • ï»żMittelmĂ€chte
  • ï»żNeutrale*
  • *Nicht eingezeichnet: Abessinien, Darfur, der Senussi-Staat und Persien kĂ€mpften teilweise auf Seiten der MittelmĂ€chte. Zentralarabien und der Hedschas standen auf Seiten der Entente.

Inhaltsverzeichnis

Ausgangsproblematik

Die Formulierung der Kriegsziele war fĂŒr die meisten kriegfĂŒhrenden Staaten eine delikate Angelegenheit. Viele bezeichneten es als gefĂ€hrlich und unnötig, denn die VerkĂŒndung konkreter Kriegsziele konnte unangenehme Verpflichtungen nach sich ziehen, die man lieber vermeiden wollte. Öffentlich verkĂŒndete Kriegsziele nicht zu erreichen, hĂ€tte als Niederlage erscheinen können. Daher sprach man in der ersten Phase des Krieges vielerorts nur in sehr allgemeiner Form öffentlich von Kriegszielen und konzentrierte die Gedanken der Öffentlichkeit auf den Sieg an sich. Detaillierte Kriegsziele waren zweitrangig, denn eine „Einkaufsliste“ ĂŒber zu gewinnende Territorien oder ZugestĂ€ndnisse hĂ€tte den „heroischen Charakter“ gestört, den der Krieg in den Augen vieler Zeitgenossen – besonders zu Anfang (→Augusterlebnis) – hatte. Andererseits hĂ€tten öffentlich verkĂŒndete Expansionsbestrebungen negativen Einfluss auf die vielleicht kriegsentscheidende Haltung der neutralen Staaten haben können. SpĂ€ter wurde die öffentliche Formulierung der Kriegsziele aber oft nötig, um Kosten-Nutzen-Analysen aufzustellen, ob es denn wert sei, fĂŒr dies oder jenes Kriegsziel weiter zu kĂ€mpfen.[2]

Pufferzonen und Grenzverbesserungen spielten noch eine vorrangige Rolle in den Überlegungen, obwohl durch den technischen Fortschritt Entfernungen nicht mehr so bedeutsam waren wie noch im 19. Jahrhundert. „Die Tatsache, dass Grenzverschiebungen im Zeitalter der Massenkriege, der modernen Transportmittel und der Flugzeuge nur noch begrenzte militĂ€rische Bedeutung haben, war“, laut Gerhard Ritter, „nicht einmal den FachmilitĂ€rs gelĂ€ufig“ – daher auch Politikern und Publizisten unbekannt. Der Nationalismus hatte die politischen Akteure empfindlich fĂŒr Gebietsverluste und Grenzverschiebungen gemacht, so dass „solche Verschiebungen durch ihre politische Wirkung einen kĂŒnftigen Dauerfrieden mehr bedrohen als militĂ€risch sichern wĂŒrden“. Im Zeitalter des Nationalismus und Imperialismus erkannte fast niemand, dass Annexionen den Gegner nicht schwĂ€chen wĂŒrden und so der Frieden nicht gesichert werden könnte, sondern im Gegenteil erneut gefĂ€hrdet wĂŒrde.[3]

Die MittelmĂ€chte benutzten wie die Alliierten die Kriegsziele auch als Kriegsmittel, zur Ermutigung ihrer Bevölkerung, ihrer VerbĂŒndeten oder der Neutralen, oder als Entmutigung, als Drohung wie zur Zersetzung des Gegners.[4]

Die Kriegszielpolitik beider Seiten war auch auf wirtschaftliche Macht ausgerichtet, einerseits durch Okkupation oder Einflussnahme in Absatzgebieten fĂŒr die eigenen Exporte, andererseits durch Eroberung neuer Rohstoffquellen. Dennoch waren die Kriegsziele notwendigerweise hypothetische und vergĂ€ngliche Optionen, die wenigsten hatten einen bedingungslosen Charakter.[5]

BegriffsklÀrung

Der Terminus „Kriegsziele“ wurde schon wĂ€hrend des Krieges von den Kriegsgegnern verwendet. Der Sieg selbst war dabei kein Kriegsziel, sondern Voraussetzung fĂŒr die Verwirklichung der Kriegsziele. Diese Kriegsziele bestanden faktisch aus den Bedingungen – Gebietsabtretungen, EntschĂ€digungen, Entwaffnung – die nach einem Sieg dem Unterlegenen auferlegt werden sollten.[6] Die Begriffe Kriegsziel, Kriegsgrund und Kriegsursache wurden oft nicht voneinander unterschieden. Obwohl die veröffentlichten oder geheim gehaltenen Kriegsziele teilweise extreme Forderungen – etwa nach Annexionen – umfassten, kann der Kriegseintritt nicht ausschließlich mit diesen Zielen erklĂ€rt werden. Es gab jedoch auch FĂ€lle, wo sich Kriegsgrund und Kriegsziele deckten, wie es bei Italien, RumĂ€nien und Bulgarien der Fall war. Bei den meisten anderen Staaten ist nach dem Kriegsausbruch das ursprĂŒngliche Kriegsmotiv durch KriegsansprĂŒche ĂŒberlagert worden, welche erst im Kriegsverlauf entstanden und sich im Kriegsverlauf wandelten. „Aus annexionistischen Kriegszielen kann weder fĂŒr die eine noch fĂŒr die andere Seite der Vorwurf abgeleitet werden, daß sie den Krieg, von seinem Grund her geurteilt, als Eroberungskrieg begonnen hĂ€tte“, argumentierte Ernst Rudolf Huber.[7] Im Verlauf und nach Ende des Krieges wurden Kriegsschuld und Kriegsziele oft nur als zwei Seiten einer Medaille betrachtet, obwohl die Verbindung zwischen beiden nur scheinbar derart eng ist.[8] Kriegsziele, Strategie und Friedensverhandlungen waren eng miteinander verbunden, die Grenzen fließend.[9]

Kriegsziele der MittelmÀchte

Deutsches Reich

Kriegsziele zu Beginn des Krieges

Deutschland und seine Kolonien 1914 (blau)

Beim Ausbruch des Weltkrieges ĂŒberwog im Deutschen Reich noch die Auffassung, der Krieg habe bloßen Verteidigungscharakter. Ausgelöst durch die raschen Erfolge der Armee im Westfeldzug, wurden aber schon bald zum Teil fantastische Annexionsprojekte formuliert.[10] Dabei trat das ĂŒberwiegend kommerziell dominierte Vorkriegsziel des deutschen Imperialismus, nĂ€mlich die koloniale Expansion des Deutschen Reiches in Afrika und Vorderasien, zugunsten einer allgemeinen Machterweiterung in Europa zurĂŒck, denn durch die „Mittellage“ und „Einkreisung“ in Europa fĂŒhlte sich das Deutsche Reich bedroht. Durch Annexionen in Ost und West in zum Teil extremer GrĂ¶ĂŸenordnung wollte man die gewĂŒnschte Hegemonialstellung des Deutschen Reiches auf dem europĂ€ischen Festland fĂŒr alle Zukunft sichern. Erst danach habe der Kampf um einen „Platz an der Sonne“ genannten Anteil an der Welt gute Erfolgsaussichten.[11]

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg

Am 9. September 1914 legte Kanzler Bethmann Hollweg in seinem „Septemberprogramm“ die Kriegsziele fest. Deutschland wollte seine seit der ReichsgrĂŒndung stark gewachsene Machtstellung sichern und seine AnsprĂŒche auf eine Weltpolitik geltend machen.

„Sicherung des Deutschen Reichs nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muß Frankreich so geschwĂ€cht werden, daß es als Großmacht nicht neu erstehen kann, Rußland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrĂ€ngt und seine Herrschaft ĂŒber die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden.
Die Ziele des Krieges im einzelnen:

  1. Frankreich: Abtretung des Erzbeckens von Briey [
]. Ein Handelsvertrag, der Frankreich in wirtschaftliche AbhÀngigkeit von Deutschland bringt [
].
  2. Belgien: Angliederung von LĂŒttich und Verviers an Preußen, eines Grenzstriches der Provinz Luxemburg an Luxemburg. Zweifelhaft bleibt, ob Antwerpen mit einer Verbindung nach LĂŒttich gleichfalls zu annektieren ist. Gleichviel, jedenfalls muß ganz Belgien, wenn es auch als Staat Ă€ußerlich bestehen bleibt, zu einem Vasallenstaat herabsinken, [
] wirtschaftlich zu einer deutschen Provinz werden.
  3. Luxemburg wird deutscher Bundesstaat und erhÀlt einen Streifen aus der jetzt belgischen Provinz Luxemburg und eventuell die Ecke von Longwy.
  4. Es ist zu erreichen die GrĂŒndung eines mitteleuropĂ€ischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, DĂ€nemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventl. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter Ă€ußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsĂ€chlich unter deutscher FĂŒhrung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands ĂŒber Mitteleuropa stabilisieren.
  5. Die Frage der kolonialen Erwerbungen, unter denen in erster Linie die Schaffung eines zusammenhĂ€ngenden mittelafrikanischen Kolonialreichs anzustreben ist, desgleichen die Rußland gegenĂŒber zu erreichenden Ziele werden spĂ€ter geprĂŒft [
].
  6. Holland. Es wird zu erwĂ€gen sein, durch welche Mittel und Maßnahmen Holland in ein engeres VerhĂ€ltnis zu dem Deutschen Reiche gebracht werden kann [
].“

– Septemberprogramm: konzipiert vermutlich von Kurt Riezler, 9. September 1914.[12]

Kriegsziele im Westen
Kriegsziele im Osten

Das Septemberprogramm entsprach den Ideen und WĂŒnschen der fĂŒhrenden deutschen Kreise in Politik, Wirtschaft und MilitĂ€r. Namentlich die Industrie erhoffte sich von friedensvertraglichen Regelungen weitgehende Wettbewerbsprivilegien durch Eingriffe in die Autonomie der betroffenen Staaten. Das Programm ist das Ergebnis der Zusammenfassung vieler Programme und Konzepte ĂŒber das zukĂŒnftige Europa. Bethmann Hollweg und sein Berater Kurt Riezler, der eigentliche Verfasser des Septemberprogrammes, waren Rezipienten unzĂ€hliger Kriegszielprogramme vieler Interessengruppen, welche sie als politisch erreichbare Ziele formulierten und in eine praktikable Form brachten.[13]

Die Kriegszielmehrheit im Reichstag erstreckte sich von den konservativen ĂŒber liberale Parteien bis ins sozialdemokratische Lager hinein. Ab 1915 sind allerdings wachsende GegensĂ€tze in dieser Frage festzustellen.[14] Nachdem in der Euphorie der ersten Kriegswochen weitgehende – meist unrealistische – Kriegsziele aufgestellt worden waren, verbot Bethmann Hollweg Ende 1914 aus RĂŒcksicht auf das neutrale Ausland und die deutsche Arbeiterschaft die öffentliche Kriegszieldebatte. Diese BeschrĂ€nkung wirkte allerdings nur in sehr geringem Maße und wurde spĂ€ter auf Betreiben der Dritten Obersten Heeresleitung (OHL), auch wegen der psychologischen Mobilisierung der kriegsmĂŒden Bevölkerung, aufgehoben. Die OHL erblickte in der Freigabe der Kriegszieldiskussion ein entscheidendes Mittel zur Totalisierung des Krieges und zur ideologischen KriegsfĂŒhrung.[15]

Das HerzstĂŒck der deutschen Kriegszielpolitik im Westen war wĂ€hrend des gesamten Krieges Belgien. Seit dem Septemberprogramm rĂŒckte keiner der politisch Verantwortlichen von der Forderung nach Beherrschung Belgiens als Vasallenstaat, neben möglichst großen direkten Annexionen, ab.[16] Zweites zentrales Kriegsziel war die mehr oder weniger direkte Beherrschung Polens neben der Annexion eines, je nach Herkunft des Konzeptes, unterschiedlich breiten Grenzstreifens.[17]

Auch Gebietserweiterungen in Kurland und Litauen wurden von Vertretern aller weltanschaulichen Richtungen in fast allen FĂ€llen verlangt. Einerseits, weil sie dem Reich direkt benachbart waren, andererseits, weil sie eine nichtrussische Bevölkerung und mit den Deutsch-Balten sogar eine kleine deutsche Minderheit besaßen.[18] Vorgesehen war, Ă€hnlich wie im polnischen Grenzstreifen, durch Ansiedlung von Russlanddeutschen auf russischen KrondomĂ€nen, Kirchen- und Großgrundbesitz, neben den Besitzungen der deutsch-baltischen Aristokratie, die VerdrĂ€ngung der Letten im eigenen Lande. Als Motivation der Besiedlungsaktion brach hier mit voller SchĂ€rfe die völkische Komponente der deutschen Kriegszielpolitik durch.[19]

Das deutsche Kriegsziel „Mittelafrika“ wurde besonders hartnĂ€ckig verfolgt. Ein Vorschlag von Wilhelm Heinrich Solf, dem StaatssekretĂ€r des Reichskolonialamtes, der im August und September 1914 ein konkretes Mittelafrika-Projekt entwarf, war die Verteilung der afrikanischen Kolonien Frankreichs, Belgiens und Portugals, die Bethmann Hollweg schließlich in sein Septemberprogramm einschloss.[20]

Trotz der Flut annexionistischer Agitation, die im Sommer 1915 ihren Höhepunkt erreichte, ließen die EroberungswĂŒnsche unter der Einwirkung der Kriegsnöte in breiten Bevölkerungskreisen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig schnell nach. Auf die EroberungswĂŒnsche wĂ€hrend der „Kriegspsychose“ des Winters 1914/15 folgte im FrĂŒhjahr 1915 die ErnĂŒchterung eines Großteils der Bevölkerung.[21] Die annexionistische Propaganda erfasste nicht wie im Zweiten Weltkrieg alle Bevölkerungskreise, sondern hauptsĂ€chlich industrielle und intellektuelle Schichten. In der zweiten HĂ€lfte des Krieges war die sozialdemokratische Parole eines Friedens ohne Annexionen sehr populĂ€r. Der Unmut richtete sich, vor allem unter den Soldaten, gegen den Alldeutschen Verband und seine AnhĂ€nger als „Kriegshetzer“ und „KriegsverlĂ€ngerer“.[22]

Kriegsziele und FriedensbemĂŒhungen

FĂŒr den allseits nicht erwarteten Fall, dass die Entente in Folge des Friedensangebots der MittelmĂ€chte in Verhandlungen eintreten wĂŒrde, forderte Bethmann Hollweg von Generalstab, Admiralstab und Kolonialamt die Erstellung von Kriegsziellisten als Verhandlungsgrundlage, was auch sogleich geschah.[23] Der Kanzler hat dann die Bedingungen der MilitĂ€rs und des Kolonialamtes in die Friedensbedingungen, die er Woodrow Wilson auf dessen Anfrage am 29. Januar 1917 ĂŒber Botschafter Bernstorff zukommen ließ, in verschleierter Form, als „Garantien“, doch noch aufgenommen.[24] In seinen unbestimmten Formulierungen konnten die MilitĂ€rs ihre WĂŒnsche berĂŒcksichtigt sehen, die Diplomatie hingegen ihren mĂ€ĂŸigenden Einfluss; – insofern war es eine Kompromißformel. Falls die Entente das Friedensangebot angenommen hĂ€tte, lauteten die Bedingungen:

„RĂŒckerstattung des von Frankreich besetzen Teils von Oberelsaß. Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Rußland strategisch und wirtschaftlich sichernden Grenze. Koloniale Restitution in Form einer VerstĂ€ndigung, die Deutschland einen seiner Bevölkerungszahl und der Bedeutung seiner wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert. RĂŒckgabe der von Deutschland besetzten französischen Gebiete unter Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigung sowie finanzieller Kompensationen. Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien fĂŒr die Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der belgischen Regierung festzustellen wĂ€ren. Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschluß zu restituierenden Gebiete. ... Die Friedensbedingungen unserer VerbĂŒndeten bewegten sich in gleich gemĂ€ĂŸigten Grenzen.[25]“

Dieses Programm, urteilt Wolfgang Steglich, ist unter allen Kriegsziellisten, die im Rahmen der Verhandlungen um die Friedensaktion aufgestellt wurden, das maßvollste gewesen.[26] Das lag in der Natur des Programms, das eine persönliche Mitteilung an Wilson darstellte, begrĂŒndet. Die einzelnen Kriegszielforderungen waren aber so unbestimmt abgefaßt, dass VerschĂ€rfungen leicht möglich waren. Die deutsche FĂŒhrung war sich einig, dass der Wilsonsche Friedensversuch gestoppt werden musste, weil er die deutschen Sonderfriedensversuche, die allein die Erreichung der Kriegsziele gewĂ€hrleisten könnten, vereitelt hĂ€tte.[27]

Kriegsziele gegen Ende des Krieges

Die Ostfront nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk

Im Rahmen der „Randstaatenpolitik“ Deutschlands – der „ZurĂŒckdrĂ€ngung Russlands“ durch Schaffung einer Zone von Pufferstaaten, von Finnland bis zur Ukraine – lag der Schwerpunkt deutschen Expansionsstrebens im Osten vor allem im Baltikum. Eine Mehrheit der fĂŒhrenden Schichten Deutschlands, von ganz rechts bis ins antizaristische linke Lager, hing der „Abgliederungskonzeption“ an.[28]

Der Vorfrieden von Brest-Litowsk am 3. MĂ€rz 1918 mit Sowjetrussland sah vor, dass Polen, Estland, Livland und Kurland aus Russland ausschieden und die Ukraine sowie Finnland unabhĂ€ngig wurden. Russland musste seine Truppen aus Finnland und dem an die TĂŒrkei grenzenden frĂŒheren russischen Gouvernement Kars, mit den StĂ€dten Ardahan, Kars und Batumi, abziehen. Russland verlor dadurch 26 Prozent des von ihm zuvor dominierten Territoriums, 27 Prozent des anbaufĂ€higen Landes, 26 Prozent des Eisenbahnnetzes, 33 Prozent der Textilindustrie, 73 Prozent der Eisenindustrie und 75 Prozent der Kohlenbergwerke.[29]

Einen Höhepunkt der deutschen KriegszielplĂ€ne, mit ausgedehnten Annexionsgebieten und EinflusssphĂ€ren im Osten und SĂŒdosten, bildete das Jahr 1918, zwischen dem Frieden mit Sowjetrussland und der Niederlage der MittelmĂ€chte. WĂ€hrend den Verhandlungen zu den ZusĂ€tzen des Brest-Litowsker Friedensvertrags vom Sommer 1918 versuchte insbesondere Ludendorff die Gebiete Estland, Livland, Kurland, die Krim, das Gebiet der Kuban- und Donkosaken als BrĂŒcke zum Kaukasus, das Kaukasusgebiet selbst, das Gebiet der Wolgatataren, das Gebiet der Astrachan-Kosaken und ferner Turkmenien und Turkestan als deutsche EinflusssphĂ€re zu sichern. Dies geschah mal gegen den Willen und mal mit Duldung der Reichsleitung.[30]

General Erich Ludendorff
Deutsche Kriegsziele 1918

Kaiser Wilhelm II. entwickelte den Plan, Russland nach Abtretung Polens, des Baltikums und des Kaukasus in vier unabhĂ€ngige ZarentĂŒmer, die Ukraine, den SĂŒdostbund, als antibolschewistisches Gebiet zwischen der Ukraine und dem Kaspischen Meer sowie in Zentralrussland und Sibirien zu teilen. Diese Form der Beherrschung ergĂ€be eine BrĂŒcke nach Zentralasien zur Bedrohung der britischen Stellung in Indien. Der Plan eines SĂŒdostbundes stand dabei in Konkurrenz zu tĂŒrkischen Absichten.[31]

Ludendorff glaubte nicht an die dauerhafte staatliche Trennung der Ukraine von Russland. Daher entwickelte er ein Konzept der deutschen EinflusssphĂ€ren in Russland, als Gegengewicht zum bolschewistischen Kern. Einerseits war der kurzlebige Staat Krim-Taurien als Siedlungsgebiet fĂŒr Russlanddeutsche vorgesehen, andererseits das Don-Kubangebiet als Verbindung zum Kaukasus. Die Krim sollte ein permanent besetzter Kolonialstaat mit deutscher Besiedlung werden, als FlottenstĂŒtzpunkt wichtig fĂŒr den deutschen Einfluss im Kaukasus und im Nahen Osten. Ludendorff entwickelte des Weiteren die Idee eines deutsch bestimmten Kaukasusblockes mit Georgien als Kern. Dies stellte sich jedoch wegen der großen Entfernung und des tĂŒrkischen Vorstoßes als völlig utopisch heraus.[32]

Die ZusatzvertrĂ€ge zum Brest-Litowsker Frieden vom 27. August 1918 stellten zwar einen neuen Höhepunkt der DemĂŒtigung Russlands dar, setzten aber gleichzeitig diesen noch viel weitergehenden AnnexionsplĂ€nen ein vorlĂ€ufiges Ende.[33] Die russischen Randstaaten von Finnland ĂŒber die Ukraine bis nach Georgien waren zwar nicht direkt annektiert worden, befanden sich aber in enger wirtschaftlicher und militĂ€rischer AbhĂ€ngigkeit vom Deutschen Reich.

Der zunehmende Zerfall der russischen Macht durch die Revolution und die Nichtachtung des amerikanischen Kriegseintritts ließen alle ZĂŒgel derer schießen, die aus lange angestauter Sorge vor der russischen Ostmacht den Ritt ins Ostland ersehnten. Je drohender im Westen die Gegner gegen die Front anrannten, desto eher lockte der Griff nach dem offenen Osten.[34]

Die damals in der deutschen FĂŒhrung diskutierte Frage war aber auch, ob sich ein deutsch beherrschtes Mitteleuropa in einem zukĂŒnftigen Krieg, gegen die zwei grĂ¶ĂŸten SeemĂ€chte, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten durchsetzen ließ. Schließlich besaßen die beiden WeltmĂ€chte praktisch den unbegrenzten Zugriff auf das globale wirtschaftliche Potential mit seinen Ressourcen. Als Antwort darauf entwickelten die deutschen Planer die Idee des deutschen Großraumes von der Biskaya bis zum Ural. Der östliche Großraum, wehrwirtschaftlich geschlossen und verteidigungsfĂ€hig, autark und blockadefest, als Gegengewicht zu den SeemĂ€chten, löste damit Mitteleuropa als zentrales deutsches Kriegsziel ab. Die SchwĂ€che der Mitteleuropakonzeption, mit AbhĂ€ngigkeit von anderen souverĂ€nen Staaten und begrenzten Rohstoffreserven entfiel beim Ostraum-Programm.[35]

Einordnung der Kriegsziele in der Forschung

Deutschland hatte im Gegensatz zu den meisten anderen KriegsfĂŒhrenden Staaten kein natĂŒrliches Kriegsziel. In der Folge wurden daher Ziele kĂŒnstlichen Charakters formuliert, die im Bewusstsein des Volkes nicht verwurzelt sein konnten. Das Fehlen greifbarer nationaler Ziele, nachdem der Weg nach SĂŒdosten durch das BĂŒndnis mit Österreich-Ungarn verwehrt war, fĂŒhrte zu einer Konzentration auf reine Machtexpansion.[36] Diese Machtexpansion, gemĂ€ĂŸigt und kritisch oder radikal und ausschweifend, war der Ausdruck des spezifischen und politischen Bewusstseins der Wilhelminischen Zeit. Sie begriff die Kumulation von Macht als den Kern staatlicher Existenz. Machtkonflikte erschienen ihr als die innerste Antriebskraft der Geschichte.[37]

Einen Krieg zu beginnen und einem fremden Staat Gebiete abzunehmen, war von jeher das unbezweifelte Recht des souverĂ€nen Staates gewesen. Zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bahnte sich jedoch in aller Welt ein Umschwung in Politik und öffentlicher Meinung an. Das Recht, Gebietsgewinne als vornehmlich 'imperial' begrĂŒndbares Kriegsziel anzustreben, wurde zunehmend in Frage gestellt. Die politisch-militĂ€rischen EntscheidungstrĂ€ger des Kaiserreichs verkannten jedoch die Bedeutung dieses Umschwungs. Sie formulierten stattdessen nach Beginn des Krieges mit großer SelbstverstĂ€ndlichkeit weitgehende Gebietsgewinne als Kriegsziel und strebten diese Gebietsgewinne militĂ€risch mit allen zu Gebote stehenden Mitteln an.[38]

Die deutsche Kriegszieldebatte war kein Kampf zwischen den Möglichkeiten der Expansion oder des Friedens, sondern ein Konflikt zwischen gemĂ€ĂŸigten und extremen Versionen eines „deutschen Friedens“. Die Annexionisten versuchten, vereinfacht gesagt, die großen Probleme des Reiches auf außenpolitischer Ebene durch Expansion zu lösen und die GemĂ€ĂŸigten durch innere Reformen (obwohl sie Expansion keineswegs ausschlossen). ZahlenmĂ€ĂŸig waren die AnhĂ€nger der gemĂ€ĂŸigten Richtung zwar den Annexionisten unterlegen, sie fanden aber mehr Gehör bei der Reichsleitung unter Bethmann Hollweg. Sie waren aber, anders als manche Gegner, keine Massenagitatoren. Die GemĂ€ĂŸigten blieben von der Arbeiterschaft isoliert und standen, ebenso hilflos wie Bethmann Hollweg, der annexionistischen Massenbewegung gegenĂŒber. Es gab also ein MissverhĂ€ltnis von starkem Einfluss nach oben und mangelnder Breitenwirkung nach unten. Bei den Annexionisten war das, zumindest bis zur Installierung der dritten OHL, genau umgekehrt. Das fĂŒhrte bei den GemĂ€ĂŸigten zu einem GefĂŒhl der Unterlegenheit, obwohl sie durch den Gang der Ereignisse bestĂ€tigt wurden. Diese psychologische Hypothek sollte noch in der Weimarer Republik fortwirken.[39]

Die Motive fĂŒr die Kriegszielbewegung waren vielfĂ€ltig und verflochten. Sie reichten von reinen ExistenzĂ€ngsten ĂŒber wirtschaftliche Partikularinteressen bis zu unverhohlenen AllmachtstrĂ€umen. Die durch die nationalistische Agitation fortwĂ€hrend noch gesteigerten und weit ĂŒberspannten Erwartungen der deutschen Öffentlichkeit, schrĂ€nkten die HandlungsfĂ€higkeit der noch relativ nĂŒchternen Reichsleitung unter Bethmann Hollweg, immer wieder ein und vergrĂ¶ĂŸerten die Diskrepanz zwischen weltpolitischen Illusionen und kontinentaleuropĂ€ischen RealitĂ€ten.[40] In der Außenpolitik vor und im Krieg zeigte sich wieder einmal Deutschlands altĂŒberkommene geografisch-politische Spaltung. Der Bruch mit Großbritannien wurde gefördert und begrĂŒĂŸt von der Flottenpartei, der (Schwer-) Industrie, dem anitplutokratischen FlĂŒgel des preußischen Mittelstandes sowie den Junkern und war im Wesentlichen eine norddeutsche Angelegenheit. Der Kampf mit Russland fand dagegen mehr UnterstĂŒtzung in SĂŒddeutschland, bei den Sympathisanten der Habsburger und im Finanzwesen. Zur Seite des kontinentalpolitischen FlĂŒgels zĂ€hlte Bethmann Hollweg, zur Gegenseite sein Hauptwidersacher (in den ersten Kriegsjahren), Alfred von Tirpitz.[41]

Hier tauchte auch wieder der alte Versuch auf, innere Probleme durch Expansion nach außen zu lösen. Es versuchten die traditionellen agrarischen und industriellen Machteliten im Reich, notwendige Reformen durch einen Sieg zu verhindern, um ihre privilegierte soziale Stellung im Inneren zu behaupten. Daher war ein VerstĂ€ndigungsfrieden fĂŒr die politisch MĂ€chtigen Deutschlands immer undenkbar, bedeutete er doch den Verlust ihrer Macht, fast ebenso sicher wie eine von außen herbeigefĂŒhrte Niederlage.

Das angestrebte „Imperium Germanicum“ scheiterte nicht nur an der deutschen KontinuitĂ€t des Irrtums (Fritz Fischer), sondern auch an den MĂ€ngeln der inneren Strukturen des Reiches, das zu keinerlei SelbstbeschrĂ€nkung als Vormacht eines Kontinentaleuropas befĂ€higt war. Es scheiterte aber auch an den Erfordernissen der Zeit, mit ihrem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das vom Reich im Grunde nicht wirklich akzeptiert wurde.[42]

Nach der Sozialimperialismus-Theorie von Hans-Ulrich Wehler entwickelte das Reich bereits zur Zeit Otto von Bismarcks die politische Strategie, soziale Spannungen im Inneren durch eine verstĂ€rkt auf den ĂŒberseeischen Imperialismus setzende Außenpolitik abzulenken und womöglich zu neutralisieren. Der Krieg bot demnach die Möglichkeit der Flucht nach vorne. Laut Wehler hatten die deutschen Kriegsziele fĂŒr die Machteliten einen funktionalen Aspekt, als Integrationsklammer, als Mittel, die politische und soziale Einheit der tief in sich gespaltenen wilhelminischen Gesellschaft herzustellen.[43]

Das Deutsche Reich war aufgrund seiner militĂ€rischen Macht, seines wirtschaftlichen Potentials und seiner territorialen GrĂ¶ĂŸe ohnehin schon die stĂ€rkste europĂ€ische Großmacht. Daher musste jede in seinem Wesen angelegt imperialistische Expansion zwangslĂ€ufig mit dem Gleichgewicht der KrĂ€fte in Europa („Balance of Power“) kollidieren. HĂ€tte sich Deutschland gegen die stĂ€rkst-mögliche Koalition aufrechterhalten, wĂ€re ihm laut Ludwig Dehio automatisch eine hegemoniale Funktion in Europa und in der Welt zugefallen.[44]

Schließlich hat Deutschland im Krieg bewiesen, dass es schon eine Weltmacht war, sonst hĂ€tte es nicht so lange Zeit gegen die drei anderen WeltmĂ€chte Russland, dem Britischen Empire und die Vereinigten Staaten Krieg fĂŒhren können. Das Streben nach der deutschen Weltmacht ging schon seit Bismarck eher in die Richtung von Statussymbolen einer Weltmacht mit möglichst vielen Kolonien.[45] Denn das deutsch beherrschte Gebiet der ErdoberflĂ€che erschien den deutschen Imperialisten, im Vergleich zu den anderen WeltmĂ€chten, oder auch zur nur europĂ€ischen Großmacht Frankreich, viel zu klein und als Ausgangsbasis fĂŒr die Zukunft einfach zu schmal.

Deutschland war also zwar stark genug, fĂŒr den Versuch eine dritte Weltmacht, neben der russischen und der anglo-amerikanischen, zu werden, aber nicht stark genug, um Erfolg zu haben.[46] Es scheiterte an dem ĂŒberspannten Versuch, ein Reich von der flandrischen KĂŒste bis zum Peipussee, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und der ÄgĂ€is, von Helgoland bis Bagdad zu beherrschen, wobei Kolonien und ĂŒberseeische StĂŒtzpunkte, mit Mittelafrika als Supplement zu einem ausgeweiteten Mitteleuropa, vorgesehen waren. Allerdings hĂ€tte gerade eine solche Machtzusammenballung europĂ€ische Befreiungskriege gegen eine deutsche Hegemonie provozieren mĂŒssen, wie sie im Zweiten Weltkrieg, nachdem Deutschland große Teile Europas erobert hatte, RealitĂ€t wurden.[47]

Vorkriegspolitik, Kriegsziele von 1914, Kriegsziele von 1918 bilden eine Einheit, so wie die Kriegsziele der verschiedenen Gruppen, Parteien, Klassen und Individuen eine Einheit bilden.[48] Die Kriegszielpolitik des Deutschen Reiches war, durch unrealistische ÜberschĂ€tzung der deutschen Macht, eine „erschĂŒtternde Illusion“. Charakteristisch fĂŒr diese Politik war ein Ineinandergreifen von wirtschaftlichem Denken und rein emotionalen Elementen, mit einem Mangel an Sinn fĂŒrs Reale, ÜberschĂ€tzung der eigenen und UnterschĂ€tzung der feindlichen KrĂ€fte.[49]

Deutschland mit seinem BĂŒndnis zwischen Rittergut und Hochofen fĂŒhrte eine Kriegszielpolitik, die nur aus dem Dilemma des konservativen Systems eines industrialisierten Agrarstaates erklĂ€rbar wird, in dem die ökonomische Machtstellung der Konservativen immer schwĂ€cher wurde.[50]

Lange Zeit dominierte in Westdeutschland die Auffassung, dass keinerlei Zusammenhang zwischen den deutschen Kriegszielen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg bestehe. In allen kriegsfĂŒhrenden Staaten waren es aber nur die deutschen Nationalisten, allen voran die Alldeutschen, die den entscheidenden QualitĂ€tssprung, die Umsiedlung feindlicher Bevölkerungsteile, vollzogen. Die VerĂ€nderung der ethnischen Verteilung zur Festigung der Macht des Reiches wurde, in der Tradition der preußischen Ostmarkenpolitik, durch zwangsweises Aufkaufen, Übernahme von KrondomĂ€nen, KirchengĂŒtern und Abschiebung von Teilen der Bevölkerung geplant. Die völkischen Aussiedlungs- und KolonisationsplĂ€ne fĂŒr den Ostraum gab es zwar schon seit Kriegsbeginn, sie beherrschten allerdings erst seit 1918, nach dem kurzfristigen Triumph der dritten OHL, die gesamte FĂŒhrungsspitze des Reiches.[51] Diese fĂŒr den Osten, vor allem fĂŒr den polnischen Grenzstreifen, von der Obersten Heeresleitung projektierte Ansiedlung von (vorerst) Russlanddeutschen wies schon in die Richtung der OstplĂ€ne der Nationalsozialisten. Der Nationalsozialismus hat die Ostraumideologie und den deutschen Expansionsdrang nach Osten hart und rĂŒcksichtslos wieder aufgenommen, allerdings viel energischer und brutaler als das kaiserliche Deutschland. Die BefĂŒrworter des Grenzstreifenprojekts in Regierung und MilitĂ€r dachten nur an eine systematische „Auskaufung“, als FortfĂŒhrung der preußischen Ostmarkenpolitik, nicht jedoch an eine völkerrechtswidrige gewaltsame Aussiedlung schon im Krieg, wie sie das Dritte Reich durchfĂŒhrte.[52]

Die völkische Politik Ludendorffs, vor allem im Osten 1918, nahm jedoch schon große Teile der Rassenpolitik Hitlers vorweg.[53] Der Versuch im Sommer 1918, den deutschen Großraum im Osten zu realisieren, war begleitet von völkischen Umsiedlungs- und KolonisationsplĂ€nen, die in vielen ZĂŒgen auf Hitlers Ostpolitik vorauswiesen.[54] Die Ideen, Millionen von Slawen als Heloten zu behandeln oder gar Millionen von Juden zu ermorden, existierten im Ersten Weltkrieg natĂŒrlich nicht.[55] Das Problem war das veraltete Denken der meisten Annexionisten in Kategorien der agrarischen Epoche, das sich die Lösung der inneren Schwierigkeiten, die aus dem rasanten Bevölkerungswachstum im Zuge der raschen Industrialisierung Deutschlands erwuchsen, nur auf dem traditionellen Weg einer territorialen Expansion mit bĂ€uerlicher Ansiedlung vorstellen konnte.[56]

Hitlers schon in den 1920er-Jahren fixiertes Fernziel, ein deutsches Ostimperium auf den TrĂŒmmern der Sowjetunion aufzubauen, war also nicht nur Vision, sondern besaß einen konkreten AnknĂŒpfungspunkt, in dem 1918 fĂŒr kurze Zeit schon einmal realisierten. Das verrĂ€terische Vokabular von 1918 zeigt, dass wichtige Voraussetzungen fĂŒr Programmatik und Praxis des Nationalsozialismus in dieser Zeit entstanden oder geschaffen wurden. Hitler, der an diese KontinuitĂ€ten anknĂŒpft und sie doch zerbricht (Nipperdey) und sein Programm knĂŒpften an die am weitesten gespannten Kriegsziele des Ersten Weltkrieges zwar an, waren aber qualitativ durch die Verquickung mit dem rassischen Dogma davon abgehoben.[57]

Neben frappierend Ă€hnlichen Kriegszielen gab es auch Ähnlichkeiten im Auftreten nach West wie nach Ost. Nach Westen beide Male noch relativ zivilisiert, nach Osten sehr viel brutaler, mit Steigerungen unter Hitler.[58]

Österreich-Ungarn

Außenminister Stephan Burián

Österreich-Ungarn nahm fĂŒr sich in Anspruch, um seine Interessen auf dem Balkan und um seine Existenz schlechthin zu kĂ€mpfen, die es an den Flanken insbesondere durch Russland bedroht sah. Durch den Krieg traten Differenzen zwischen den österreichisch-ungarischen Volksgruppen zeitweilig in den Hintergrund. Österreich-Ungarn strebte nicht nur die Eingliederung von Teilen Serbiens, sondern auch Montenegros und RumĂ€niens, Albaniens oder Russisch-Polens an. Entgegen den nationalistischen Tendenzen der damaligen Zeit hielt Österreich-Ungarn an der universalen Idee vom Kaisertum und somit am Vielvölkerstaat fest.

In den ersten Kriegswochen, vor den schweren Niederlagen in Galizien und Serbien, erlaubten sich die österreichischen StaatsmĂ€nner in ihren Vorstellungen genaue territoriale Ziele. Einige Wochen spĂ€ter verdrĂ€ngte jedoch das Überlebensmotiv geplante Erwerbungen.[59]

Gemeinsamer Ministerrat vom 7. Januar 1916

Durch die Eroberung Serbiens Ende 1915 wurden die sĂŒdslawische Frage und das Problem, in welches VerhĂ€ltnis das unterworfene Serbien zur Monarchie gebracht werden sollte, aktuell. Der Gemeinsame Ministerrat trat am 7. Januar 1916 unter dem Eindruck der zu erwartenden militĂ€rischen Entscheidung zusammen. In einer AtmosphĂ€re des Suchens nach endgĂŒltigen Formen war man bestrebt, die Kriegsziele Österreich-Ungarns zu definieren.

Teilnehmer an dieser Konferenz, das fĂŒr die Kriegszielpolitik der Monarchie wohl wichtigste und reprĂ€sentativste Ereignis, waren die beiden MinisterprĂ€sidenten Karl StĂŒrgkh (Österreich) und IstvĂĄn Tisza (Ungarn), die gemeinsamen Minister Ernest von Koerber (Finanzen), Alexander von Krobatin (Kriegsminister) und Stephan BuriĂĄn (Äußeres), der den Vorsitz fĂŒhrte, sowie der Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf.[60]

Zweck der Konferenz, war laut BuriĂĄn, eine Aussprache ĂŒber die Lage und ĂŒber die Ziele, die durch den Krieg erreicht werden sollten. In erster Linie seien dies IntegritĂ€t und Sicherheit der Monarchie, aber man mĂŒsse auch die FrĂŒchte der glĂ€nzenden Erfolge des Heeres unverkĂŒrzt nutzbar machen. Dazu sei eine genaue PrĂŒfung der RĂŒckwirkung, welche etwaige Eroberungen auf das zukĂŒnftige politische Leben der Monarchie ausĂŒben können, erforderlich. Serbien sei seiner Auffassung nach, neben den Bulgarien zugesagten Gebieten, noch durch die RĂŒckgabe der frĂŒher zu Albanien gehörenden Gebiete und eine weitgehende Grenzregulierung mit zwei BrĂŒckenköpfen zugunsten der Monarchie zu verkleinern. Übrig bleibe ein kleines Gebirgsland mit 1Âœ Millionen Einwohnern, dessen Inkorporation zwar Schwierigkeiten staatsrechtlicher, nationalpolitischer und volkswirtschaftlicher Natur mit sich brĂ€chte, aber bei der großen AnpassungsfĂ€higkeit der Monarchie in der Vergangenheit durchaus möglich sei.

Wie Conrad wollte auch BuriĂĄn Serbien als Kristallisationspunkt fĂŒr eine nationale Agitation und Werkzeug der Feinde beseitigt sehen. Einem verkleinerten Serbien jede politische Aktionsfreiheit zu nehmen, es in völlige AbhĂ€ngigkeit zu bringen, wie dies Tisza fordere, verlange die Anwendung der drakonischsten Mittel, fĂŒr die man das Odium auf sich nehmen mĂŒsste. Dennoch sei deren Wirkung problematisch, Serbien wĂŒrde immer noch Mittel und Wege finden können, um der Monarchie, im Vereine mit anderen MĂ€chten, zu schaden. Obwohl er sich den Anschein geben wollte in der Frage einen Mittelkurs zu steuern, schrieb BuriĂĄn am selben Tag in sein Tagebuch, er glaube an die Notwendigkeit der völligen Annexion Serbiens.[61]

Aber auch eine gÀnzliche Angliederung wÀre laut Buriån eine Last, welche wir nur in Erkenntnis der unabweisbaren Notwendigkeit auf uns nehmen könnten. Die serbische Agitation wÀre auch dann ein Problem. Die entscheidende Frage sei, ob es leichter wÀre,

„die serbische Frage zu lösen, wenn nur 66 Prozent aller Serben zur Monarchie gehören und 34 Prozent in einem selbstĂ€ndigen Staate leben, als wenn 100 Prozent Serben uns untertan werden. [
] Momentan sei es noch nicht an der Zeit, einen Beschluss darĂŒber zu fassen, welche von den beiden hier erwĂ€hnten Methoden befolgt werden solle.“

Die Frage sei auch zu eng mit einem möglichen Friedensschluss verknĂŒpft. Einen Friedensschluss, der russischerseits die Wiederherstellung Serbiens zur Bedingung habe, wollte BuriĂĄn nicht daran scheitern lassen.

Den Fortbestand eines verkleinerten Montenegros hielt er fĂŒr nicht so gefĂ€hrlich wie im Falle Serbiens. Es mĂŒsse sich jedoch bedingungslos unterwerfen und den Lovćen, seine KĂŒste bis Albanien und seine albanischen Landesteile abtreten. Im Falle Albaniens plĂ€dierte BuriĂĄn fĂŒr die Erhaltung der SelbstĂ€ndigkeit, denn es sei bei RĂŒckgabe der nach dem Balkankrieg an Serbien und Montenegro gegangenen Gebiete, trotz innerer Probleme, die vor allem durch die unglĂŒcklichen EinflĂŒsse bedingt waren, durchaus lebensfĂ€hig. Die Monarchie mĂŒsse die FĂŒhrung bei der Errichtung des selbstĂ€ndigen Staatswesens, durch ein effektives Protektorat ĂŒber Albanien, ĂŒbernehmen. Diese konservative, rein defensive Politik könne dazu beitragen, der Monarchie die definitive Vormachtstellung am Balkan zu sichern.

Durch die Gewinne im Norden könne man ohne Probleme im SĂŒden den Griechen, fĂŒr die Wahrung ihrer NeutralitĂ€t, gewisse Abtretungen machen. Im Falle einer Teilung Albaniens, wie sie Conrad verlangte, wĂŒrde man bei Angliederung des nördlichen Teiles, der kein Gewinn sei, eine schwere Last auf sich nehmen. Auch sprach sich der Außenminister offen gegen eine „Zulassung Bulgariens“ auf albanischem Gebiet an die Adria aus, wie dies Conrad vorgeschlagen hatte. Bulgarien hĂ€tte schon genug zu tun, um seine serbischen Eroberungen zu assimilieren, ihm albanische Gebiete anzutragen wĂŒrde fĂŒr die Monarchie die unnötige Aufgabe von Vorteilen bedeuten, die sie sich von einem selbstĂ€ndigen Albanien erwarte. Vorerst sei es das Beste, die albanische Autonomie unter österreichisch-ungarischem Protektorat anzustreben, falls der Versuch misslinge, die Teilung allein mit Griechenland durchzufĂŒhren.

In der polnischen Frage musste BuriĂĄn zugeben, dass Deutschland von der austropolnischen Lösung wieder etwas abgekommen sei. Eine Teilung Polens, wie sie Conrad forderte, wollte BuriĂĄn nicht a limine abweisen, es sei aber alles zu tun, um diese Lösung zu vermeiden. Gegen eine Teilung sprĂ€chen die innenpolitischen Schwierigkeiten mit einem vergrĂ¶ĂŸerten galizischen Kronland und die wachsende AttraktivitĂ€t des Panslawismus, wenn die zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn geteilte polnische Nation ihre Einheit, notfalls auch unter russischer Herrschaft, anstrebe. Daher sei, solange Deutschland nicht eine Teilung erzwinge, alles zu tun, um eine solche zu vermeiden.

MinisterprÀsident Istvån Tisza

Anschließend betonte Tisza er habe der österreichischen Regierung in der polnischen Frage immer den Vorrang eingerĂ€umt und deren schwere Last bei der Angliederung anerkannt. Ein ebensolches VerstĂ€ndnis mĂŒsse er aber auch fĂŒr die Schwierigkeiten des ungarischen Staates in der serbischen Frage beanspruchen.

Bei den Entwicklungsmöglichkeiten Albaniens war Tisza weniger optimistisch als BuriĂĄn, wollte aber wie dieser den Versuch eines selbstĂ€ndigen Albaniens wiederholen und erst nach dessen Scheitern eine Teilung mit Griechenland ins Auge fassen. Die Vereinigung Montenegros mit Serbien wollte er aber, anders als der Außenminister, als Chance zur Verbesserung der Friedensmöglichkeiten offen lassen.

Der wichtigste Punkt fĂŒr den ungarischen MinisterprĂ€sidenten war allerdings die serbische Frage. FĂŒr ihn reduzierte sich das Problem ebenfalls auf die Frage, ob es zweckmĂ€ĂŸig wĂ€re, die noch verbleibenden 1Âœ Millionen Serben der Monarchie anzugliedern oder ihnen ihre SelbstĂ€ndigkeit zu belassen. Über das Ziel sei man sich einig, nur bezĂŒglich der Mittel herrschten Divergenzen. Er verwies auf die Notwendigkeit, den zentripetalen KrĂ€ften in den LĂ€ndern der Stephanskrone, also den Ungarn und Kroaten, jene Stellung zu erhalten, welche sie im Interesse des Ganzen einnehmen mĂŒssten. Deren Lage wĂ€re durch die Inkorporierung aller Serben, die in spĂ€terer Folge politische Rechte geltend machen wĂŒrden, langfristig sehr erschwert. Die Masse der feindlich eingestellten Serben könne nur vorĂŒbergehend absolutistisch beherrscht werden. Tisza schĂ€tzte außerdem die Anziehungskraft eines außerhalb der Monarchie gelegenen kleinen Serbiens und dessen Gefahren geringer ein, als bei der Aufnahme einer so großen geschlossenen Menge von Serben. Er glaubte nicht, dass ein verkleinertes und sehr geschwĂ€chtes, aller Zukunftshoffnungen beraubtes, Serbien, dessen Hauptstadt eine kleine Gebirgsstadt wĂ€re, langfristig irgendeinen Einfluss auf die Serben innerhalb der Monarchie hĂ€tte.

Den Kroaten traute Tisza, wĂŒrden ihnen die Serben zugeschlagen, nicht genĂŒgend Widerstandskraft gegen sĂŒdslawische Vereinigungsbestrebungen zu. Selbst Ungarn wĂŒrden zwei Millionen Serben ĂŒberlasten und den Zwist mit Agram verschĂ€rfen. Daher sei die ungarische Regierung entschieden gegen die Angliederung grĂ¶ĂŸerer serbischer Gebiete. Er forderte hingegen die direkte Angliederung der Nordwestecke Serbiens, in möglichst beschrĂ€nktem Ausmaß, an Ungarn, nicht an Kroatien oder Bosnien und die SelbstĂ€ndigkeit des Restes.

„In den an Ungarn angegliederten Teilen solle so bald wie möglich mit einer intensiven Kolonisation zuverlĂ€ssiger ungarischer und deutscher Bauern begonnen und so an der SĂŒdostgrenze der Monarchie ein Keil zwischen den Serben im Königreiche und den in der Monarchie verbleibenden errichtet werden. Belgrad wĂŒrde zur Provinzstadt und wĂŒrde so jede Bedeutung als Zentrum des Serbentums verlieren. Die ganze Kolonisationsaktion, von der er sich sehr gute FrĂŒchte verspreche, hĂ€tte jedoch nur dann einen Sinn, wenn man Serbien nicht annektiere.“

Dieser Plan Tiszas erinnert an die deutschen KolonisationsplĂ€ne im polnischen Grenzstreifen und im Baltikum, steht aber im Gegensatz zu diesen recht einsam innerhalb der Gesamtpolitik der Monarchie da. In Deutschland wurden KolonisierungsplĂ€ne von fast allen wichtigen KrĂ€ften, wĂ€hrend des ganzen Krieges hindurch verfolgt, in Österreich-Ungarn waren sie nur sporadische Ideen, die selten auftauchten und nie weiterverfolgt wurden. Grund dafĂŒr war wohl die völkische Komponente in der deutschen Politik, die in der Monarchie, aufgrund ihrer Struktur, keine oder kaum eine Rolle spielte. Das kleine Königreich Serbien wĂ€re laut Tisza politisch und wirtschaftlich auf die Monarchie angewiesen und durch die Kontrolle seines Exportes leicht zu einem korrekten Verhalten zu zwingen. Ansonsten sei Restserbien in ökonomischer Weise tunlichst entgegenzukommen.

BuriĂĄns Ablehnung, die Bulgaren derzeit nicht weiter nach Westen vordringen zu lassen, stimmte Tisza vollkommen zu, fĂŒr die Zukunft sollte man sich aber die Möglichkeit offen lassen, fĂŒr den Fall erneuter Schwierigkeiten mit Serbien Bulgarien zur Besetzung ganz Serbiens zu ermutigen. Er wollte Restserbien also lieber dem potentiellen Konkurrenten auf den Balkan ĂŒberlassen, als es der Monarchie anzugliedern. Die Bedeutung Serbiens fĂŒr Russland schĂ€tzte Tisza noch grĂ¶ĂŸer ein als der Außenminister vorher, eine Annexion mit RĂŒcksicht auf die Friedensmöglichkeit mit Russland hielt er fĂŒr ganz ausgeschlossen. Abschließend drohte er fĂŒr letzteren Fall sogar Konsequenzen fĂŒr seine Person an und beharrte auf dem Beschluss des Ministerrats vom 19. Juli 1914, der einen Verzicht auf die Annexion Serbiens festgeschrieben hatte.

„Graf Tisza spricht den Wunsch aus, dass dieser Beschluss heute in dem Sinne ergĂ€nzt werde, es möge ausgesprochen werden, dass alles Gebiet, was in Nordserbien annektiert werde, direkt mit Ungarn zu vereinigen sei [
]“

Tisza betonte

„in der nachdrĂŒcklichsten Weise seine entschiedene Stellungnahme gegen weitgehende Annexionen serbischen Gebietes, welche die Situation sowohl in Kroatien, wie auch in Bosnien unhaltbar machen und schwere innere Krisen fĂŒr die Monarchie bedeuten wĂŒrden.“

MinisterprĂ€sident Karl von StĂŒrgkh

MinisterprĂ€sident StĂŒrgkh zeigte sich wie BuriĂĄn bereit, die Kriegsziele, falls dies zur Herstellung des Friedens nötig sei, zu reduzieren. Der Aufgabe der austropolnischen Lösung widersetzte sich am entschiedensten.[62] Er betonte die große Last, die Österreich durch die Angliederung Polens auf sich nehmen wĂŒrde, betrachte es aber als wĂŒnschenswertes Ziel, um nicht Galizien zu verlieren und die Polen nicht Russland zuzutreiben. Eine Teilung wĂ€re fĂŒr die Polen das Schlimmste, wĂŒrde das galizische Problem verschĂ€rfen, ebenso wie die ruthenische Frage. Nur wenn ganz Kongresspolen mit Westgalizien vereinigt werde, wĂŒrden sich die Polen, wenn auch widerwillig, mit einer Abtrennung Ostgaliziens abfinden. Die österreichische Regierung habe keineswegs die Absicht, Ostgalizien den Ruthenen zu ĂŒberlassen, die Verwaltung mĂŒsse im Gegenteil eher germanisiert werden. Den Ruthenen sei das lieber als die polnische Oberhoheit. Diese deutschnationale Idee StĂŒrgkhs zeugt, bei dem verschwindend geringen Anteil deutscher Bevölkerung Ostgaliziens, von wenig RealitĂ€tssinn. StĂŒrgkh und die Wiener BĂŒrokratie wollten damit auch die zentralistischen Tendenzen der Monarchie stĂ€rken und die ukrainischen FĂŒhrer stimmten sogar aus taktischen GrĂŒnden zu, da sie sich vorerst einmal eine Befreiung von der politischen und kulturellen Vorherrschaft der Polen erhofften.[62]

Die von StĂŒrgkh schon lĂ€nger befĂŒrwortete Teilung Galiziens, mit Bildung eines ukrainischen Kronlandes aus Ostgalizien und der Bukowina, schien aber nur bei Verwirklichung der austropolnischen Lösung realistisch. Aber gerade dieser Plan begrĂŒndete die ZurĂŒckhaltung vieler Polen gegenĂŒber der austropolnischen Lösung.[63]

Leon von BiliƄski

Der Obmann des Polenclubs Leon BiliƄski warnte im Dezember 1915 Burián, dass

„die Errichtung einer besonderen, aus Ostgalizien gebildeten deutsch oder ruthenisch verwalteten österreichischen Provinz in frĂŒherem oder spĂ€terem Zeitpunkt zu einem neuerlichen Kriege mit Russland fĂŒhren mĂŒsste.“

Daher bleibt es erstaunlich, wie stark der polnische Widerstand gegen die Teilung Galiziens in Wien und Budapest unterschĂ€tzt wurde.[64] Ein unabhĂ€ngiges albanisches Staatswesen betrachtete StĂŒrgkh mit noch mehr Skepsis als Tisza, gegen die Gefahr fremder WĂŒhlereien und Intrigen, vor allem Italiens, wĂ€re ein möglichst effektives Protektorat das einzige Mittel. FĂŒr ein Entgegenkommen gegenĂŒber Montenegro sei es zu spĂ€t, ein vom Meer angeschnittenes Gebirgsland könne bestehen bleiben, eine Vereinigung mit Serbien sĂ€he er sehr ungern. Die Montenegriner mĂŒssten in Hinkunft in ihren Bergen zurĂŒckgehalten und ihr Land etwa wie ein amerikanischer Naturpark behandelt werden. Ein Ausspruch kaum glaubhaft, wenn er nicht in den Protokollen des gemeinsamen Ministerrats festgehalten worden wĂ€re.[65] Die Serben außerhalb der Monarchie zu belassen, betrachtete StĂŒrgkh als die gefĂ€hrlichere Variante.

„Ein mit PrĂ€rogativen eines selbstĂ€ndigen Staatswesens, einem Staatsoberhaupt, internationalen Vertretungen ausgestattetes Serbien werde immer wieder zum Brennpunkt großserbischer Agitation werden. [
] Neben den großen Schwierigkeiten des polnischen Problemes erscheine ihm doch die Aufnahme von 1Âœ Millionen weiterer Serben in die Monarchie kinderleicht.“

StĂŒrgkhs Behauptung die Schwierigkeiten bei der Inkorporierung Serbiens seien grĂ¶ĂŸer als die, welche von einem selbstĂ€ndigen Serbien zu erwarten seien erscheinen etwas paradox.

MinisterprÀsident Ernest von Koerber

Finanzminister Koerber hielt territoriale Angliederungen, wegen der nationalen Struktur und den staatsrechtlichen Einrichtungen der Monarchie, fĂŒr schwer.

„Das Kriegsziel, das wir bei Beginn des Krieges uns setzten, war vornehmlich, uns im SĂŒden der Monarchie Ruhe zu verschaffen und unsere wirtschaftliche Stellung dort zu sichern.“

Nun sei die Möglichkeit gegeben, die unhaltbaren ZustĂ€nde, welche die großserbische Idee verursacht hat, zu beenden. Daher muss das unabhĂ€ngige Serbien, als PflanzstĂ€tte der großserbischen Bewegung, von der Landkarte verschwinden. FĂŒr die Friedensverhandlungen sei es egal, denn der Widerstand der Entente, insbesondere Russlands, gegen die Belassung eines verkleinerten, abhĂ€ngigen Serbiens wĂ€re der gleiche.

Der Sandschak-Novipazar sei, wegen des Verkehrs mit Saloniki, wieder in die Gewalt der Monarchie zu bekommen, Montenegro sei zu arm und unkultiviert, sein Fortbestand, wenn die Monarchie eine gute strategische Grenze und die KĂŒste erlange, von geringem Belang. Ob ein Protektorat Albanien Ruhe brĂ€chte, bezweifelte Koerber, eine Teilung erachtete er fĂŒr zweckmĂ€ĂŸiger. Eine Teilung Polens wĂŒrde es Russland zutreiben, stimmte Koerber BuriĂĄn zu.

Kriegsminister Alexander von Krobatin

Kriegsminister Krobatin machte sich Illusionen ĂŒber die Möglichkeit einer Niederwerfung Englands, durch eine deutsche Landung und deutsche Luftschiffe.

„Wenn Serbien nicht von der Landkarte gestrichen werde, wĂ€re die Monarchie in 10 bis 20 Jahren in einer Ă€hnlichen Situation wie 1914. Serbien sei nicht mit Belgien zu vergleichen, es sei ein armseliges Land, seiner Auffassung nach mĂŒsste der ganze noch zurĂŒckbleibende Teil Serbiens an Ungarn geschlagen und in 4 Komitate geteilt werden. Die eineinhalb Millionen Serben, um die es sich handle, könnten einem so lebenskrĂ€ftigen Staatswesen wie Ungarn unmöglich gefĂ€hrlich werden.“

Die Ansiedlungsfrage hielt Krobatin fĂŒr sehr wichtig und sah in der Ansiedlung staatstreuer Kolonisten ein sehr geeignetes Mittel, um die serbische Gefahr zu verringern. Auch fĂŒr ihn war die Gefahr eines selbstĂ€ndigen Serbiens viel grĂ¶ĂŸer. Ein verkleinertes, vom Meere abgeschnittenes Montenegro könne auch seiner Meinung nach nicht gefĂ€hrlich werden. Die Angliederung Polens betrachtete er eher als SchwĂ€chung, denn als StĂ€rkung der Monarchie. Auch Deutschland wĂŒrde nicht zustimmen, weshalb man sich mit einer Teilung abfinden mĂŒsse, denn ein selbstĂ€ndiges Polen wĂŒrde ganz unter deutschem Einfluss stehen.

Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf

Generalstabschef Conrad war nicht bereit die Bulgaren nach Albanien hineinzulassen, er

„zweifle aber an der Möglichkeit eines selbstĂ€ndigen Albaniens, und nachdem seiner Ansicht nach ganz Nordalbanien ebenso wie Montenegro und Serbien mit der Monarchie vereinigt werden muss, wĂŒrde er SĂŒdalbanien an Griechenland und auch einen kleinen Streifen an Bulgarien abtreten, wenn hierdurch die aktive Teilnahme Griechenlands erreicht werden könnte.“

Die Teilung mit Griechenland allein war ihm auch lieber. Koerbers Sandschakforderung unterstĂŒtzte er, bei einer anderen Lösung sei der Sandschak trotzdem, mit möglichst muslimischer Bevölkerung, an die Monarchie anzugliedern. Ein Restserbien mit 1Âœ Millionen Einwohnern könnten der Monarchie angeblich immer noch militĂ€rische Unannehmlichkeiten bereiten – ein militĂ€risches „Armutszeugnis“, das Conrad da der k.u.k. Armee und sich selbst ausstellte.

Den Nutzen Polens sah der Generaloberst vornehmlich in militĂ€rischer Hinsicht, in neuen ausgezeichneten Soldaten und der Verbesserung der unleidlichen strategischen Lage gegenĂŒber Russland.

Als Ergebnis der gemeinsamen Sitzung des Ministerrates einigte man sich schließlich auf den Zusatzantrag Tiszas:

„Die Konferenz einigt sich in der prinzipiellen Auffassung, dass jene Gebiete, welche nach Maßgabe des Kriegsergebnisses am nördlichen Kriegsschauplatze an die Monarchie angegliedert werden können, mit Österreich zu vereinigen wĂ€ren, wogegen alle Gebietserwerbungen in Serbien zu Ungarn kommen sollen,[
]“

Das offizielle Conclusum blieb also ziemlich nichtssagend, ein merkwĂŒrdiger Kompromiss.[66]

Heinrich von Tschirschky

Das eigentliche Thema, die zentrale Frage der Konferenz, ob alle serbischen Gebiete annektiert werden sollen oder der Rest Serbiens als von der Monarchie abhĂ€ngiger, formal selbstĂ€ndiger Staat weiter bestehen bleiben sollte, wurde damit nicht geklĂ€rt. Obwohl alle Teilnehmer in diesem Punkt, auch die angeblich Tisza-hörigen BuriĂĄn und StĂŒrgkh, geschlossen gegen Tisza auftraten, konnten sie sich nicht durchsetzen, sodass die Frage weiter offen blieb. Andererseits wurde StĂŒrgkhs Anspruch auf Deklaration der Möglichkeit einer Annektierung polnischer Gebiete entsprochen.[65] Die Annexionsidee Conrads hatte sich schließlich bei BuriĂĄn, was Serbien betrifft, durchgesetzt, nur die Dringlichkeit, mit tunlichster Beschleunigung definitive BeschlĂŒsse zu fassen, wie sie Conrad forderte, das heißt die Notwendigkeit einer offiziellen ErklĂ€rung der Annexionsziele, sah er nicht als gegeben an.[67]

Conrad zeigte sich durch den Widerstand Tiszas gegen die Annexion Serbiens und Montenegros Ă€ußerst verbittert:

„Ich kann nicht an das Verbrechen glauben, dass man sie [Anm. die Monarchie] nach den schweren und blutigen Opfern, welche der Krieg gefordert hat, erneut wieder in diese Gefahr bringen wĂŒrde – ich kann kaum glauben, dass die engen, kurzsichtigen und kleinlichen GrĂŒnde, welche man gegen die Annexion geltend macht, zum Durchbruch kommen sollten.[68]“

Der Ministerrat zeigte,

„dass die österreichischen Regierungsvertreter und militĂ€rischen FĂŒhrer immer entschiedener fĂŒr Annektierungen eintraten, andererseits, dass sie infolgedessen immer mehr in Gegensatz zu den ungarischen FĂŒhrungskreisen gerieten und nur in Anbetracht des Kriegszustandes keine offene Krise entstand.“

Der Gegensatz in den Kriegszielen zwischen Österreich und Ungarn tauchte auch spĂ€ter wieder auf, es kam aber nie mehr zu einer so eingehenden offenen Diskussion.[69]

Tisza machte bei der Ausgleichsstruktur der Monarchie nicht die geringsten ZugestĂ€ndnisse, sondern hielt starr daran fest, selbst wenn es zum Bruch kommen sollte. Dennoch zeigte die Ministerratssitzung, dass nicht nur BuriĂĄn, sondern auch Tisza sich dem Eindruck der nunmehr durchgefĂŒhrten oder noch zu erwartenden Eroberung beachtlicher Territorien nicht entziehen konnten. Tisza wurde schließlich wankend und wollte wohl nicht die Möglichkeit verpassen, eine etwaige austropolnische Lösung durch Angliederung sĂŒdslawischer Gebiete an Ungarn aufzuwiegen. Sein Anspruch, alle Gebiete im SĂŒdosten an Ungarn anzugliedern, spricht fĂŒr die Aufweichung seines annexionsfeindlichen Standpunktes.[70]

Die Anfang 1916 aufgestellten Kriegsziele zeigten, dass Österreich-Ungarn wie Deutschland seine eigenen KrĂ€fte ĂŒberschĂ€tzte und die seiner Gegner unterschĂ€tzte.[71]

Wenige Tage nach der Ministerratssitzung berichtete BuriĂĄn dem deutschen Botschafter Tschirschky und meinte, dass die allgemeine Stimmung dahin gehe, Serbien verschwinden zu lassen. Das sei auch gewiss das beste, nur wenn ein möglicher Frieden mit Russland daran scheitern sollte, wĂŒrde er fĂŒr ein Fortbestehen eines serbischen Staates – natĂŒrlich in ganz engen Grenzen, eintreten.[72]

Einordnung der Kriegsziele in der Forschung

Wie bei keiner anderen Großmacht standen bei der Monarchie auch „negative“ Kriegsziele im Vordergrund: die Behauptung des Trentino, des KĂŒstenlandes mit Triest und Fiume sowie der albanischen KĂŒste gegen Italien, die Abwehr der rumĂ€nischen AnsprĂŒche auf SiebenbĂŒrgen und die Bukowina, die ZurĂŒckweisung der großserbischen und sĂŒdslawischen Bestrebungen in Bosnien-Herzegowina, Dalmatien, Kroatien und Slawonien, die Verteidigung gegen die panslawistischen PlĂ€ne Russlands in Galizien und Böhmen und nicht zuletzt der Widerstand gegen die deutschen Hegemonialbestrebungen.

Auch die herrschenden Kreise der Monarchie wollten erobern und mussten nicht von Ă€ußeren KrĂ€ften zur Eroberung animiert werden. Aber die Hauptbestrebungen der österreichisch-ungarischen Monarchie bildeten die Aufrechterhaltung ihres Bestandes, das heißt ihrer „IntegritĂ€t“. Dass die Wahrung dieser „IntegritĂ€t“ auch Expansionsbestrebungen deckte, zeigen viele Denkschriften.[73] Die Monarchie tendierte unbestreitbar unter dem Einfluss Ă€ußerer Einwirkungen und innerer Bestrebungen immer mehr in Richtung dieser weit gefassten Interpretation der IntegritĂ€t.

Insgesamt lĂ€sst sich sagen: Das offizielle Kriegsziel Österreich-Ungarns war die Erhaltung der IntegritĂ€t der Monarchie. Inoffiziell versuchte die Monarchie allerdings ihre Stellung als Großmacht durch Einflussnahme beziehungsweise Annexion in Serbien, Montenegro, Albanien, RumĂ€nien, Polen und der Ukraine zu stĂ€rken.[74] Dennoch war in der Praxis, durch das prekĂ€re Gleichgewicht des Habsburgerreiches, der Erwerb slawischer oder rumĂ€nischer Gebiete nicht oder nur in beschrĂ€nktem Umfange möglich, ohne die Vorrangstellung Österreichs und Ungarns im Staatsverband zu schwĂ€chen. Bestenfalls eine Ausdehnung auf Kosten Russisch-Polens erschien unkritisch, da die Polen ebenso wie die Habsburger-Dynastie katholisch und ihr gegenĂŒber loyal waren. Allerdings erhob der BĂŒndnispartner Deutschland Anspruch auf Polen, Österreich musste seine AnnexionsplĂ€ne schließlich zurĂŒckstecken.

Zu Beginn des Krieges versuchte man durch weit reichende Kriegsziele alle externen Bedrohungen fĂŒr die Monarchie zu beseitigen und ihren Großmachtstatus fĂŒr alle Zeiten zu sichern. Die komplexe innere Struktur der Monarchie machte es aber schwer, alle Interessen unter einen Hut zu bringen.[75] Dadurch waren die imperialistischen Bestrebungen der Habsburgermonarchie mit besonderen Problemen belastet und trugen darum auch ZĂŒge, die typisch fĂŒr diesen Interessenkonflikt waren. In Österreich-Ungarn bedingte die Erörterung der Kriegsziele und deren territoriale Aspekte, mehr als in jedem anderen Staat, auch die Frage nach den sich daraus notwendigerweise ergebenden inneren, verfassungs- und nationalitĂ€tenrechtlichen Folgen.[76]

Die österreichischen StaatsmĂ€nner waren sich zwar bewusst, dass die Gewinne von zweifelhaften militĂ€rischen Erfolgen abhingen, was sie allerdings nicht daran hinderte, bei der Aufstellung der Kriegsziele auch ihr Wunschdenken in die PlĂ€ne einzubauen. Auf den Sitzungen des gemeinsamen Ministerrates wurde zwar immer wieder betont, dass die Kriegsziele vom Verlauf der militĂ€rischen Operationen abhingen, dennoch ließen sich die Teilnehmer immer wieder verleiten, den Ereignissen vorzugreifen.[77]

Osmanisches Reich

Das Osmanische Reich hatte seine jahrhundertelange Großmachtstellung faktisch lĂ€ngst verloren. Durch den Kriegseintritt auf der Seite der MittelmĂ€chte erhofften sich die Osmanen die Wiedergewinnung der Vormacht im Schwarzmeerraum zum Nachteil von Russland, mit dem das Osmanische Reich seit Jahrhunderten in Konflikte verwickelt war.

Der Weltkrieg war fĂŒr das Osmanische Reich anfangs der Versuch, seine UnabhĂ€ngigkeit und Kraft wiederzugewinnen. TatsĂ€chlich schaffte die TĂŒrkei, trotz ihrer wirtschaftlichen und militĂ€rischen RĂŒckstĂ€ndigkeit und ihrer unmodernen, ineffizienten inneren Strukturen, im Krieg eine SelbststĂ€ndigkeit zu erlangen, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr (Kranker Mann am Bosporus). Die TĂŒrken machten klar, dass sie Herren im eigenen Haus waren, sie erlangten in einem BĂŒndnis auf absoluter Gleichheit, vor allem in internen Belangen, volle SelbststĂ€ndigkeit – auch gegenĂŒber Deutschland.[78]

Bei Kriegsbeginn hatte das Reich zunĂ€chst noch seine NeutralitĂ€t verkĂŒndet, um Zeit fĂŒr die Vollendung seiner RĂŒstungsvorbereitungen zu gewinnen. Die Alliierten versuchten, das Osmanische Reich zur NeutralitĂ€t zu bewegen, Enver Pascha forderte dafĂŒr die Aufhebung der internationalen Finanzkontrolle sowie die RĂŒckgabe der ÄgĂ€ischen Inseln und eines Teils von Bulgarisch-Thrakien. Der russische Außenminister Sasonow erkannte, dass das Osmanische Reich ohne Gebietserwerbungen kein Abkommen mit den Alliierten schließen wĂŒrde, konnte aber nur die RĂŒckgabe der Insel Lemnos und eine Garantie territorialer Unversehrtheit des Reiches vorschlagen. Dem widersetzte sich aus RĂŒcksicht auf Griechenland der britische Außenminister Grey. Frankreich und Großbritannien boten eine GarantieerklĂ€rung nur fĂŒr die Zeit wĂ€hrend des Krieges und lediglich vage Verhandlungen ĂŒber eine mögliche Aufhebung der Finanzkontrolle nach dem Krieg an.

Strategische Minimalziele des Osmanischen Reiches waren bei Kriegseintritt die RĂŒckgewinnung Ägyptens und Armeniens sowie die Eroberung Adens (Jemen). Das Reich nahm den Weltkrieg aber gleichzeitig zum Anlass, um mit Hilfe panislamischer und pantĂŒrkischer Losungen seine Position zu krĂ€ftigen, seine Macht zu erweitern, Einflusszonen zu schaffen, verlorene Gebiete zurĂŒckzuerobern, ja sogar neue Territorien zu erwerben. Die osmanischen Revolutionierungsaktionen stehen in Bezug auf ihre Weitgestreutheit – sie erstreckten sich von Tunis bis Turkestan und Nordwestindien – denen des deutschen BĂŒndnispartners kaum nach.[79]

Das Hauptziel der osmanischen Hoffnungen, WĂŒnsche und TrĂ€ume wurde der muslimisch-tĂŒrkische Osten. Ein muslimischer Dreibund TĂŒrkei-Persien-Afghanistan sollte das Bindeglied nach Indien und nach Russisch-Turkestan sein.[80]

Der politische Turanismus der JungtĂŒrken war ein Traum, weil sie die Macht des Osmanischen Reiches bedeutend ĂŒberschĂ€tzten und vor allem die Tatsache ĂŒbersahen, dass den verschiedenen Turkvölkern ein einheitliches Nationalbewusstsein fehlte.[81]

FĂŒr das Osmanische Reich hatten fast alle Kriege der letzten Jahrhunderte mit oft riesigen Gebietsverlusten geendet. Schon wĂ€hrend des Weltkrieges hatte es, als einzige der vier MittelmĂ€chte, große Gebiete verloren. Um seine Stellung, vor allem bei Friedensverhandlungen zu wahren, glaubte es Gebietserwerbungen zu brauchen. Schneller und leichter als die RĂŒckeroberung seiner arabischen Gebietsteile von den Briten schien die Einverleibung der von Russland nicht oder kaum mehr verteidigten Gebiete Kaukasiens und Zentralasiens zu sein. Außerdem erschien die Eingliederung verwandter Völker im Osten lohnender als die RĂŒckeroberung der aufstĂ€ndischen arabischen Gebiete.[82]

Auf lange Sicht war der Bestand des Reiches auch ohne Krieg zweifelhaft. Dem Osmanischen Reich fehlten die meisten notwendigen Voraussetzungen fĂŒr ihren inneren Zusammenhalt: eine gemeinsame NationalitĂ€t, Religion, Sprache, Kultur, Geographie und Wirtschaft.[83]

Das Osmanische Reich jagte in Asien wie das Deutsche Reich fantastischen PlĂ€nen nach, die auf grĂ¶ĂŸtenteils irrealen Voraussetzungen beruhten. Das tĂŒrkische Vordringen in den Kaukasus, im Namen des „Pan-Turanismus“, erscheint heute als der „Amoklauf“ des zusammenbrechenden Osmanischen Reiches.[84]

Bulgarien

Zar Ferdinand I. von Bulgarien

Bulgarien erstrebte seit seiner Loslösung vom Osmanischen Reich im Jahre 1878 die Einverleibung Makedoniens, dessen Bevölkerung als Teil der bulgarischen Nation betrachtet wurde. Die MittelmĂ€chte sicherten Bulgarien im September 1915 den serbisch beherrschten Teil Makedoniens zu. Die Entente konnte hingegen Serbien, Griechenland und RumĂ€nien nicht einmal zur RĂŒckgabe der Bulgarien 1913 abgenommenen Gebiete bewegen und daher Bulgarien nur das osmanische Adrianopel anbieten.

BĂŒndnisvertrag mit den MittelmĂ€chten

Nachdem alliierte Verhandlungen mit Bulgarien, fĂŒr das vor allem der Rest der europĂ€ischen TĂŒrkei, Ostthrakien mit Adrianopel (Enos-Midia-Linie), als ZugestĂ€ndnisse vorgesehen waren, an der hartnĂ€ckigen Weigerung Serbiens, Teile ihrer mazedonischen Landesteile abzutreten, gescheitert waren, stiegen die Chancen eines Kriegseintritts Bulgariens auf Seiten der MittelmĂ€chte. Ausschlaggebend fĂŒr den Vorteil der MittelmĂ€chte war der gĂŒnstige Stand der KĂ€mpfe fĂŒr Deutschland und Österreich-Ungarn in Russland und fĂŒr die TĂŒrkei an den Dardanellen, aber vor allem das bessere Angebot, das den Bulgaren von den Feinden Serbiens gemacht werden konnte.[85] War doch die nationale Wiedervereinigung Bulgariens mit den nahe verwandten heutigen Mazedoniern spĂ€testens seit 1878, als nach San Stefano die GrĂŒndung Großbulgariens fehlschlug, das nationale Ziel des Balkanstaates. Auch die starken Organisationen der bulgarischen FlĂŒchtlinge aus Mazedonien, die das Land nach den Balkankriegen ĂŒberfĂŒllten, nutzten ihren politischen Einfluss um radikalere Entscheidungen in Bezug auf Mazedonien durchzusetzen. Makedonische Bulgaren hatten zahlreiche zentrale Posten in Politik und Heer inne und drĂ€ngten auf eine Vereinigung.[86]

Die bulgarische Seite verlangte eine Personalunion mit einem, um serbische Gebiete erweiterten, Albanien und fĂŒr den Fall eines rumĂ€nischen Kriegseintritts, auch die gesamte Dobrudscha. DarĂŒber hinaus forderte Bulgarien die Abtretung von Drama, Serres und Kavala, im Falle einer griechischen Mobilisierung. Mit diesen Forderungen strebte die bulgarische FĂŒhrung die Errichtung eines Staatswesens an, das ĂŒber die Grenzen von San Stefano hinausging und an das mittelalterliche Reich des Zaren Simeon erinnerte. In weiten Gebieten war der bulgarische Bevölkerungsanteil, wenn ĂŒberhaupt vorhanden, verschwindend gering.[87] Dieses Groß-Bulgarien wĂ€re ein multinationaler Staatsverband gewesen, der den Irredentismus aller Nachbarstaaten herausgefordert hĂ€tte. Die Niederlage im Zweiten Balkankrieg von 1913 hatte eine Übersteigerung der nationalen Idee bei den Bulgaren ausgelöst.[87]

Der deutsche StaatssekretĂ€r des Äußeren, Jagow war peinlich ĂŒberrascht ĂŒber die Maßlosigkeit der bulgarischen Forderungen. Offenbar wollte es uns alles zumuten, glaubte Jagow und drang auf eine ZurĂŒcknahme der Forderungen in Bezug auf Griechenland, RumĂ€nien und Albanien.[88]

Schon kurz darauf, am 25. August 1915, gab es schließlich auf Veranlassung Zar Ferdinands einen neuen bulgarischen Entwurf, der sich auf Mazedonien und das serbische Gebiet bis zur Morava beschrĂ€nkte. Letztlich gab, obwohl den bulgarischen Forderungen auf griechisches und rumĂ€nisches Gebiet nicht direkt entsprochen wurde, die herausragende Bedeutung des Kriegsziels (Serbisch-)Mazedonien, das die Entente nicht erfĂŒllen konnte, den Ausschlag zugunsten der MittelmĂ€chte. Denn Mazedonien war fĂŒr fast alle bulgarischen Parteien die zentrale Frage ihrer Politik, die nationale Lebensfrage schlechthin, ebenso wie fĂŒr König, Kirche und Armee.[89] Dabei musste MinisterprĂ€sident Wassil Radoslawow schon allein aus innenpolitischen GrĂŒnden auf die Abtretung ganz Vladar-Makedoniens bestehen, wĂ€hrend Belgrad allenfalls kleine Teile, erst nach Kriegsende gegen Kompensationen zu Lasten Österreich-Ungarns anbot.[90]

Wie im Falle der alliierten VertrĂ€ge mit Italien und RumĂ€nien, lassen sich die Kriegsziele Bulgariens durch die Kenntnis der Geheimkonvention im BĂŒndnisvertrag des Deutschen Reiches mit Bulgarien vom 6. September 1915 genau bestimmen. Das Deutsche Reich garantiert Bulgarien darin den Erwerb und die Annexion des „serbischen Mazedonien“ und Altserbiens von der MĂŒndung in die Donau bis zum Zusammenfluss der „serbischen“ und „bulgarischen Morava“, ĂŒber die KĂ€mme von Crna Gora und Ć ar Planina bis zur bulgarischen Grenze von San Stefano. Im Falle eines rumĂ€nischen oder griechischen Kriegseintritts auf Seiten der Alliierten werden dem neuen VerbĂŒndeten auch gleich Teile der Dobrudscha und Griechisch-Mazedoniens (in beiden FĂ€llen das im Friede von Bukarest (1913) abgetretene Gebiet) in Aussicht gestellt.[91]

Das Vertragswerk sicherte den Bulgaren die ErfĂŒllung jener irredentistischen Forderungen, die fĂŒr das Balkanland vordringlich und fĂŒr die MittelmĂ€chte relativ unproblematisch waren. Es stellte einen Kompromiss dar, der nur erreicht werden konnte, weil die beiden Kaiserreiche, aus Sorge um die TĂŒrkei, dringend die militĂ€rische Mitwirkung eines sĂŒdosteuropĂ€ischen Landes benötigten, um Serbien endgĂŒltig zu besiegen, und weil Bulgarien durch die Niederlagen Russlands den Krieg entschieden glaubte.[92]

Am 14. Oktober 1915 trat Bulgarien auf der Seite der MittelmÀchte in den Weltkrieg ein.

In der Folge fĂŒhrte Bulgarien Konflikte mit allen Nachbarn, kriegerische mit Serbien, Griechenland und RumĂ€nien, aber auch politische ĂŒber die Kriegszielfragen mit Österreich-Ungarn und der TĂŒrkei. Daher blieb Sofia als einzig mögliche Politik, sich allein auf Deutschland zu stĂŒtzen.[93]

Dobrudschafrage

GrenzverÀnderungen in der Dobrudscha

Auf Betreiben Russlands wurde im Jahre 1878 RumĂ€nien die Norddobrudscha zugesprochen. Dabei war RumĂ€nien aus ethnischen und wirtschaftlichen GrĂŒnden eher an Bessarabien interessiert und nicht an der von Bulgaren, TĂŒrken und Tataren bewohnten Dobrudscha. Das Streben des sĂŒdlichen Nachbarn nach diesem Gebiet war also nicht völlig aus der Luft gegriffen, obwohl sich die ethnische Zusammensetzung inzwischen verĂ€ndert hatte. In den Verhandlungen zum Geheimvertrag hatten König Ferdinand und MinisterprĂ€sident Radoslawow zuletzt doch auf die Norddobrudscha verzichtet, weil sie zu dieser Zeit noch Gefahren in einer gemeinsamen Grenze mit Russland sahen.[94]

Die Abgrenzung in der Geheimkonvention, vor allem in Bezug auf die Dobrudscha, fĂŒhrte gegen Ende des Krieges dennoch zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Vertragspartnern, die erst vier Tage vor der bulgarischen Kapitulation zugunsten Bulgariens entschieden wurden.[95]

Die Bulgaren hatten vorerst nicht mehr erhalten als sie 1913 an RumĂ€nien abgetreten hatten, der nördliche Teil der Dobrudscha bildete nach der Eroberung vorerst ein Kondominium fĂŒr den Vierbund, das Deutschland die militĂ€rische und wirtschaftliche Dominanz in diesem Gebiet sichern sollte. Im Dezember 1916 erhielt Radoslawow von Kaiser Wilhelm II. unerwarteten Auftrieb. In einer teils irrtĂŒmlichen, teils großzĂŒgigen Pauschalformulierung (Verwechslung SĂŒd-Dobrudscha mit Dobrudscha) erklĂ€rte der Kaiser: die Dobrudscha ist euch ja vertraglich zugesichert. Da habt ihr ja alles was ihr wollt.[96] Die bulgarischen Dobrudscha-Forderungen, die sich auf diese Zusage Kaiser Wilhelms II. beriefen, verwies die deutsche Regierung auf die Abmachung von 1915 und erklĂ€rte, sie sehe in der Äußerung ihres Herrschers keine verbindliche Verpflichtung.[97]

Schließlich war Deutschland an einer möglichst ungeschwĂ€chten Einflusszone RumĂ€nien interessiert. Inzwischen war aber Zar Ferdinand I., der eine gemeinsame Grenze aufgrund der SchwĂ€che des Russischen Reiches nicht mehr bedrohlich fand, auch fĂŒr die Erwerbung der Nord-Dobrudscha.[98]

Mariza-Frage

Entscheidend fĂŒr den Kriegseintritt der Bulgaren 1915 war jedoch nicht die vage Zusage auf erst noch zu erobernde Gebiete. Erst nachdem auf deutschen Druck hin (die Gallipoli-Schlacht machte das erforderlich) im Oktober 1915 das Osmanische Reich einen kleinen Streifen am linken, Edirne (Adrianopel) gegenĂŒberliegenden Ufer des Mariza (Evros) an Bulgarien ĂŒbergab, schloss sich Bulgarien den MittelmĂ€chten an. (Das genannte Gebiet umfasst etwa die nördliche HĂ€lfte der heute griechischen PrĂ€fektur Evros mit den StĂ€dten Orestiada und Didymoticho.)

Im Februar 1918 ermunterten die Bulgaren die TĂŒrken im Kaukasus, wollten aber höchstens das linke Mariza-Ufer zurĂŒckgeben.[99]

KĂŒhlmann und Ottokar Czernin unterstĂŒtzen die tĂŒrkischen Forderungen auf RĂŒckgabe des 1915 an Bulgarien abgetretenen Mariza-Gebietes. Die TĂŒrkei begrĂŒndete ihren Anspruch mit BilligkeitsgrĂŒnden, Bulgarien hielt unter Verweis auf das Vertragsrecht von 1915 dagegen.[100]

Im MĂ€rz 1918 verschĂ€rfte sich die Mariza-Frage; das Osmanische Reich drohte mit einem Ausscheiden aus dem BĂŒndnis.[101] Daraufhin drĂ€ngte Ludendorff:

„Bulgarien erhĂ€lt im Vergleich zu den anderen Staaten, namentlich der TĂŒrkei, so außergewöhnlich großen territorialen Gewinn, dass es wegen RĂŒckerstattung des ganzen, im Jahre 1915 erhaltenen tĂŒrkischen Gebietes nachgeben muss.“

Erst am 25. September 1918 erhielt Bulgarien, wenige Tage vor seinem Ausscheiden aus dem Krieg, auch de facto die (Nord-) Dobrudscha zugesprochen.[102] Die innenpolitische und militĂ€rische Auflösung konnte aber auch durch diese Erwerbung der gesamten Dobrudscha im letzten Moment nicht mehr aufgehalten werden.

Wie bei den meisten anderen kriegfĂŒhrenden Staaten, erschien auch Bulgarien der Krieg als Ausweg, der durch ErfĂŒllung der nationalen Ideale die sozialen und innenpolitischen Spannungen beseitigen sollte. Außerdem schien er der Regierung auch als Lösung der sich verschĂ€rfenden wirtschaftlichen Krisensituation des Landes. Irredentismus und nationalistischer Wille zur Expansion hatten triumphiert.[103]

Kriegsziele der Entente und ihrer wichtigsten VerbĂŒndeten

Frankreich

Kriegsziele zu Beginn des Krieges

Vorstellungen der extremistischen Action française von einer Nachkriegsordnung (1915/16)

Frankreich wollte Revanche fĂŒr die von den Franzosen als schmerzhaft empfundene Niederlage von 1871 nehmen und Elsaß-Lothringen zurĂŒckerobern. Frankreich wollte darĂŒber hinaus die durch den Deutsch-Französischen Krieg eingeleitete Vormachtstellung des Deutschen Reiches auf dem europĂ€ischen Festland beseitigen, welche die französische Nation zuvor seit dem 17. Jahrhundert innegehabt hatte.

Das wichtigste, fast absolute Kriegsziel der Nation tauchte bereits in den ersten Kriegstagen auf: die RĂŒckgewinnung Elsaß-Lothringens. Diese Forderung blieb vom Anfang bis zum Ende des Krieges, quer durch das politische Spektrum, ein unverrĂŒckbares Kriegsziel.[104] Als nach dem Sieg an der Marne beschlossen wurde, den Krieg bis zum Ende der „Hegemonie des preußischen Militarismus“ fortzufĂŒhren, traten bald auch weitere Ziele an die Öffentlichkeit, vom Saarbecken, ĂŒber linksrheinische Gebiete, in manchen Kreisen bis hin zur Infragestellung der Reichseinheit oder zumindest ihrer SchwĂ€chung im föderativen Sinne.[105] FĂŒhrend in dieser Frage war die extreme national-royalistische Action française, wĂ€hrend die republikanische Ligue des patriotes eine Kampagne lancierte, die auf eine Umgestaltung des Rheinufers in einen Pufferstaat unter französischer Dominanz oder sogar offene Annexion abzielte.[106]

Im Herbst 1915 zeichneten sich schließlich jene französischen Kriegsziele ab, die in den kommenden Jahren immer wieder, mit unterschiedlicher offizieller UnterstĂŒtzung, kaum verĂ€ndert auftauchten. Die RĂŒckkehr von Elsaß-Lothringen in den Grenzen von 1814 oder sogar 1790, also mit dem Saargebiet, die ZurĂŒckdrĂ€ngung Deutschlands an den Rhein durch Annexion oder Neutralisation des Rheinlandes, wobei sich die Regierung völlig freie Hand ließ sowie eine wirtschaftliche und militĂ€rische Angliederung Belgiens und Luxemburgs an Frankreich.[107]

Koloniale Kriegsziele

Französische Kolonien 1923 (dunkelblau

Die ĂŒberseeischen Kriegsziele Frankreichs manifestierten sich durch die Konzentration auf die Westfront, hauptsĂ€chlich bei den Vereinbarungen mit den Alliierten ĂŒber den Nahen und Mittleren Osten und Westafrika.

FĂŒr die Russland im MĂ€rz 1915 im „Abkommen ĂŒber Konstantinopel und die Meerengen“ zugesprochenen Gebiete forderte DelcassĂ© vorerst Kilikien und Syrien als Interessenszonen. Dem ComitĂ© de l’Asie Française war das jedoch zu wenig und es rief offen nach einer Annexion Kilikiens und Syriens inklusive PalĂ€stinas. Die Regierung folgte dieser Forderung und bekam im Oktober Kilikien und Syrien mit dem Libanon von Großbritannien zuerkannt. PalĂ€stina sollte internationalisiert werden. Die kolonialen Kriegsziele waren auch weniger Bestrebungen der Regierung, sondern der Kolonialpartei und ihren Sympathisanten im Außen- und Kolonialministerium. Die Regierung, durch die Westfront voll in Anspruch genommen, diskutierte koloniale Fragen nicht einmal, weswegen der Kolonialminister bis 1918 in dieser Frage dominierte.[108]

PrioritĂ€t fĂŒr viele Kolonialisten hatte ein geschlossenes französisches Westafrika, inklusive der deutschen und britischen Enklaven. Auch im Orient war Großbritannien mehr Konkurrent als der eigentliche Kriegsgegner, das Osmanische Reich. Zum Leidwesen der Kolonialisten hörte Georges Clemenceau aber wenig auf die Kolonialpartei und ihre Leute im Außenministerium am Quai d’Orsay, sondern trat Lloyd George in der anglo-französischen Deklaration vom 7. November 1918 die AnsprĂŒche auf PalĂ€stina und Mossul ab – möglicherweise, um britische UnterstĂŒtzung bei den französischen Ambitionen auf die linksrheinischen Gebiete zu erhalten.[109]

Die anderen HauptgrĂŒnde, warum die französische Kolonialpartei ihre Kriegsziele nicht voll durchsetzen konnte, waren das Mandatsprinzip des Völkerbundes in Afrika, die Tatsache, dass Großbritannien die militĂ€rische Macht in den fraglichen Gebieten innehatte, und die MĂ€ĂŸigung der Kolonialisten, vor allem in der Sprache, bedingt durch Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker. Hatten kolonialistische Beamte lange Zeit die kolonialen Kriegsziele bestimmt, konnte sich Clemenceau zuletzt doch durchsetzen.[109]

Kriegsziele 1916

Premierminister Aristide Briand

Die gĂŒnstige Kriegslage im Sommer 1916, insbesondere der als entscheidend bewertete Kriegseintritt RumĂ€niens, bewirkte bei der Regierung Briands ein Aufgeben der bisherigen ZurĂŒckhaltung. Diskussionen und Untersuchungen in Bezug auf die Friedensbedingungen setzten ein und fĂŒhrten schließlich zu einem umfangreichen Forderungsprogramm.[110]

Auf Verlangen PrĂ€sident PoincarĂ©s entwarf zuerst Generalstabschef Joffre im August 1916 einen Plan der wĂŒnschenswerten Friedensbedingungen – mit Annexion des saarlĂ€ndischen Kohlebeckens und der Bildung von drei oder vier linksrheinischen Staaten mit BrĂŒckenköpfen am rechten Rheinufer bei Straßburg und Germersheim sowie einer Verkleinerung Preußens zugunsten der anderen deutschen Staaten. Dieser Generalstabsplan wurde im Oktober 1916 ĂŒberarbeitet und verschĂ€rft, wobei eine dreißigjĂ€hrige Okkupation des Rheinlandes und eine Teilung Deutschlands in neun unabhĂ€ngige Staaten vorgesehen waren. Dieses extreme Konzept sollte aber erst nach Kriegsende wieder auftauchen.[111]

Das Kriegszielprogramm der Regierung Briand, im November 1916 von Paul Cambon, Botschafter in London, und seinem Bruder ausgearbeitet, war deutlich moderater. Danach sollte der deutsche Nationalstaat bestehen bleiben, Frankreich „zumindest“ die Grenze von 1790, also Elsass-Lothringen mit dem Saarland, erhalten. Einer mit großen Schwierigkeiten verbundenen Okkupation des Rheinlandes wird die Errichtung zweier neutraler, unabhĂ€ngiger Pufferstaaten unter französischem Schutz vorgezogen. Belgien, aber nicht Luxemburg, wird im Gegensatz zum Generalstabsmemorandum in UnabhĂ€ngigkeit belassen.[111]

Kriegsziele 1917

Pierre Paul Cambon

Manchen Regierungsmitgliedern ging das Cambon-Memorandum zu weit, andere wollten wiederum keinen Verzicht auf Annexionen im Rheinland. MinisterprÀsident Briand stand aber hinter dem Programm, weshalb es im Januar 1917, in revidierter Form, zum offiziellen Regierungsprogramm wurde. Die revidierte Form bezog sich jedoch in erster Linie auf die Verwendung subtilerer Formulierungen. So wurde das zumindest beim Anspruch auf die 1790er-Grenze weggelassen oder die Bezeichnung Pufferstaaten durch NeutralitÀt und provisorische Okkupation ersetzt.[112]

Alles sonstige sollte inter-alliierten Verhandlungen vorbehalten bleiben, was Frankreich freie Hand sicherte. Jedenfalls waren alle der Meinung, ein System von Pufferstaaten wĂŒrde spĂ€tere Annexionen erleichtern. Das Dokument war gedacht als Diskussionsgrundlage mit Großbritannien, ohne legislative Sanktion, und war daher möglichst unverbindlich gehalten, vage vor allem in Bezug auf die von Großbritannien abgelehnte Annexion des Rheinlandes.[113]

Aus diesem Grunde wurde das spektakulĂ€rste Kapitel in der Geschichte der französischen Kriegsziele auch ohne Wissen Großbritanniens geschrieben – die Mission des Kolonialministers Doumergue in Petrograd am 12. Februar 1917. Das Angebot Doumergues an Russland zur freien Festsetzung seiner Westgrenze war der Versuch, einen Sonderfrieden mit dem Deutschen Reich zu verhindern. Am 14. Februar 1917 sicherte Russland seinerseits den Franzosen UnterstĂŒtzung bei ihren Forderungen zu. Frankreich wurde Elsass-Lothringen im Umfang des frĂŒheren Herzogtums Lothringen mit dem Saarbecken zugestanden, die nicht annektierten linksrheinischen Gebiete sollen ein autonomes und neutrales Staatswesen unter französischem Schutz bilden, das besetzt bleibt, bis alle Friedensbedingungen erfĂŒllt sind.[114]

Wenige Wochen spĂ€ter wurde die Abmachung durch die erste russische Revolution allerdings hinfĂ€llig und durch das damit nötig gewordene Ausscheiden Russlands aus dem Krieg geriet die französische Kriegszielpolitik in eine tiefe Krise. Das zaristische Russland war schließlich die einzige Großmacht gewesen, welche Briands PlĂ€ne im Saarland und am Rhein unterstĂŒtzt hatte. Mit dem Kollabieren des Zarenreichs kollabierten, so schien es vorerst, auch Frankreichs RheinplĂ€ne.[115]

Kriegsziele gegen Ende des Krieges

Premierminister Alexandre Ribot

Der den gescheiterten Briand ersetzende MinisterprĂ€sident Ribot leitete eine neue Phase der französischen Kriegszielpolitik ein. Da durch das drohende Ausscheiden Russlands nun der Ausgang des Kampfes selbst in Frage gestellt wurde, trat die Frage der Kriegsziele natĂŒrlich in den Hintergrund – offiziell wurde nur mehr an Elsass-Lothringen festgehalten.[116]

Die Regierung Ribot wies den Geist der Eroberung weit von sich und verlangte neben Elsass-Lothringen nur notwendige Sicherheitsgarantien. Als die Erfolge des deutschen U-Boot-Krieges und die Meutereien im französischen Heer im FrĂŒhjahr 1917 die Kriegslage fĂŒr die Alliierten zusĂ€tzlich verschlimmerten, sah sich Ribot von den französischen Sozialisten gedrĂ€ngt, die Kriegsziele noch mehr zurĂŒckzuschrauben. Er entband Russland seiner Zusagen bezĂŒglich der neuen französischen Ostgrenze, an die sich die neue russische Regierung ohnehin nicht gebunden fĂŒhlte, und beteuerte, die RĂŒckgabe Elsass-Lothringens sei keinesfalls eine Annexion und die notwendigen Garantien solle man doch nicht im Geiste der Eroberung sehen.[117]

SpĂ€ter meinte Ribot zwar, die Stunde ist noch nicht gekommen, um ĂŒber alle Friedensbedingungen zu diskutieren und wies jegliche Annexionsbestrebungen zurĂŒck. Gleichzeitig ließ er aber die Möglichkeit unabhĂ€ngiger Rheinstaaten offen und verlangte weiterhin die Niederwerfung des preußischen Militarismus. Ribot hielt also an der Rheinlandpolitik, ebenso wie an der Gesamtheit der französischen Ziele fest, die VerĂ€nderung betraf lediglich die Ă€ußere Form der Kriegsziele, jedoch nicht deren Inhalt.[118]

Premierminister Georges Clemenceau

Erst im Januar 1918 erhielt Frankreich die endgĂŒltige offizielle UnterstĂŒtzung in der Hauptkriegszielfrage Elsaß-Lothringen; Lloyd George und PrĂ€sident Wilson forderten öffentlich die Auslöschung des Unrechts von 1871. Bis Kriegsende konzentrierte sich die seit November 1917 amtierende Regierung Clemenceau darauf, das Recht Frankreichs auf die Provinzen, ohne jegliche Abstimmung, zu zementieren, wĂ€hrend die anderen Fragen diskret im Hintergrund blieben, was aber keinesfalls ein Abgehen von weiteren Zielen bedeutete.[119]

So kam es, dass selbst nach Ende des Krieges die französischen Kriegsziele noch halbfertig und unklar waren, obwohl nach der sicheren Erlangung Elsass-Lothringens die Rheingrenze eindeutig das Hauptziel Clemenceaus und aller politischen FĂŒhrer war.[120] Langlebigstes und wichtigstes Konzept zur SchwĂ€chung Deutschlands war der Versuch der Loslösung des Rheinlandes von Deutschland durch Annexion oder Neutralisation.

Es ist nicht richtig, dass Frankreich mit seinen Absichten in Versailles scheiterte, konnte es doch, trotz aller Konzessionen an seine Alliierten, einen guten Teil seiner Ziele durchsetzen. Zwar musste das Land auf offene Annexionen im Saar- und Rheinland verzichten, hatte aber durch die Besetzung dieser Gebiete alle Möglichkeiten, den Vertrag, wie 1923 bei der Ruhrbesetzung, nachzubessern.[121] Dass die Okkupation letztlich scheiterte, lag jedenfalls nicht am mangelnden Durchsetzungsvermögen Frankreichs in Versailles.

Allerdings ist anzunehmen, dass bei einem Nichtausscheiden Russlands die „annexionistischen MĂ€chte“ Frankreich und Russland ihren Frieden diktiert, also ihre Kriegsziele weitgehend durchgesetzt und Deutschland auf das Gebiet zwischen Rhein und unterer Weichsel beziehungsweise Oder beschrĂ€nkt, hĂ€tten. Die Forderungen an die Besiegten hĂ€tten von vornherein anders gelautet, denn der Einfluss der liberal-gemĂ€ĂŸigt gesinnten angelsĂ€chsischen MĂ€chte wĂ€re auf der Friedenskonferenz weit weniger zum Tragen gekommen. Frankreich und sein großer kontinentaler VerbĂŒndeter hĂ€tten die neue Karte Europas weitgehend unter sich ausgemacht. So aber musste sich Frankreich, da es seine westlichen Alliierten benötigte, um Deutschland auch nach dem Kriege dauerhaft niederzuhalten, von vornherein bescheiden, um sich nicht britischen und US-amerikanischen EinwĂ€nden beugen zu mĂŒssen, die das bereits „kosmetisch behandelte“ und reduzierte Programm Frankreichs kritisierten und einzuschrĂ€nken trachteten. Man könnte daher, sehr vereinfacht sagen, Deutschland verdankt das Rheinland der Russischen Revolution.

Russisches Reich

Außenminister Sergei Dmitrijewitsch Sasonow

Das Russische Reich konzentrierte seine internationalen Interessen nach dem verlorenen Krieg 1904/05 gegen Japan auf den Balkan, als dessen natĂŒrliche Schutzmacht es sich sah. Dabei kam es unweigerlich zu starken Spannungen mit Österreich-Ungarn. Das SelbstverstĂ€ndnis Russlands als Erbe der byzantinisch-orthodoxen Kultur und die traditionelle Feindschaft gegen das Osmanische Reich kamen in den russischen Kriegszielen ebenfalls zum Ausdruck. Nach dem osmanischen Kriegseintritt erhoffte man sich auf russischer Seite den Gewinn Konstantinopels und der Meerengen zwischen der ÄgĂ€is und dem Schwarzen Meer. Die russischen Kriegsziele umfassten neben dem alten Ziel der Meerengen auch Galizien und vor allem den (klein)russisch (= ukrainisch) besiedelten Ostteil sowie aus strategischen GrĂŒnden das ins russische Gebiet hineinragende Ostpreußen. Im weiteren Sinne spielte sicher auch die Idee des Panslawismus, einer Zusammenfassung aller Slawen in einem Kontinentalblock, eine Rolle.

13-Punkte-Programm Sasonows

In der ersten Siegeszuversicht erstellte der russische Außenminister Sasonow am 14. September 1914 ein „13-Punkte-Programm“, welches in manchen Aspekten als Gegenpart zum Septemberprogramm Bethmann Hollwegs anzusehen ist. Dies ist auch bekannt als „12-Punkte-Programm“, weil bei den ersten Veröffentlichungen Punkt 13, ĂŒber die Reparationen, eliminiert worden war.[122]

Sasonow sah in erster Linie territoriale Abtretungen Deutschlands, angeblich auf der Basis des NationalitĂ€tenprinzips, vor. Russland wĂŒrde den Unterlauf des Njemen (Memelland) und den östlichen Teil Galiziens annektieren sowie dem Königreich Polen den Osten der Provinz Posen, (Ober-) Schlesien und Westgalizien angliedern. Weitere Bestimmungen waren die oft genannten Fixpunkte alliierter Kriegszielprogramme: Elsass-Lothringen, vielleicht das Rheinland und die Pfalz an Frankreich, ein Gebietszuwachs fĂŒr Belgien bei Aachen, Schleswig-Holstein zurĂŒck an DĂ€nemark und die Wiederherstellung des Königreiches Hannover.[123]

Österreich wĂŒrde eine „Dreifache Monarchie“ bilden, bestehend aus den Königreichen Böhmen (Böhmen und MĂ€hren – MĂ€hren wurde dabei fĂŒr das Gebiet der Slowaken gehalten, was die Unklarheit russischer Vorstellungen von Mitteleuropa zeigt), Ungarn und Österreich (AlpenlĂ€nder), wobei sich Ungarn mit RumĂ€nien ĂŒber SiebenbĂŒrgen einigen mĂŒsste. Serbien erhielte Bosnien-Herzegowina, Dalmatien und Nordalbanien, Griechenland hingegen SĂŒdalbanien, Bulgarien einen Teil des serbischen Mazedoniens, Großbritannien, Frankreich und Japan die deutschen Kolonien. Die Meerengen blieben, noch vor dem tĂŒrkischen Kriegseintritt, zumindest offiziell unerwĂ€hnt. Sazonows Programm war die erste umfassende KriegszielerklĂ€rung der russischen Regierung und Russland war damit die erste Ententemacht, die ihren Alliierten eine Liste mit Kriegszielen vorlegte.[124]

Kriegsziel der Auflösung Österreich-Ungarns

Obwohl viele MeinungsĂ€ußerungen dagegen sprechen (Sasonow selbst sprach schon im Oktober 1914 von Österreich-Ungarn als einem „vollkommenen Anachronismus“,[125] und verlangte Ende 1914 nachdrĂŒcklich dessen Auflösung, [126] russische MilitĂ€rs erwarteten bei Kriegsausbruch den Zerfall des Gegners durch dessen aufstĂ€ndische Slawenvölker) schien die russische Regierung gesamt gesehen eine Auflösung der Habsburgermonarchie von sich aus weder zu fordern noch zu betreiben, nicht zuletzt aus Angst, wenn sich das Russische Reich zum Selbstbestimmungsrecht der NationalitĂ€ten bekenne, wĂŒrden auch die eigenen Fremdvölker ihre zentrifugalen KrĂ€fte verstĂ€rken.[127] Nicht zuletzt war die Monarchie aus russischer Sicht auch eine konservative Bastion, wĂ€hrend die kleinen Nachfolgestaaten unzweifelhaft eine Vielzahl von politischen Schwierigkeiten und Störungen fĂŒr Russland herbeifĂŒhren wĂŒrden.[128]

Meerengen

Zar Nikolaus II.

Mit dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches erhielt die russische Öffentlichkeit erst ihr wahres Ziel fĂŒr die Kriegsteilnahme: Die russische Gesellschaft richtet ihre Blicke auf Konstantinopel als höchsten Siegespreis.[129] Die Erringung der Meerengen war der „alte slawophile Traum“ der nationalistisch gesinnten Kreise Russlands. [130] Demzufolge warnte Sazonow am 4. MĂ€rz 1915 Großbritannien und Frankreich, die ohne russische Beteiligung an den Dardanellen kĂ€mpften, dass jede Lösung, die Konstantinopel und den Bosporus nicht Russland einbrĂ€chte, unbefriedigend und unsicher wĂ€re.[131] Er forderte im einzelnen Konstantinopel, die europĂ€ische KĂŒste des Schwarzen Meeres bis zu den Dardanellen, die asiatische KĂŒste des Bosporus, die Inseln des Marmarameeres und die Inseln Imbros und Tenedos.[132] Anfang MĂ€rz 1915 lenkten die Westalliierten, die einen Sonderfrieden Russlands fĂŒrchteten, im Abkommen ĂŒber Konstantinopel und die Meerengen ein.[133] Zar Nikolaus II. reagierte begeistert und großzĂŒgig: Nehmen sie das rechte Rheinufer, nehmen sie Mainz, nehmen sie Koblenz, gehen sie noch weiter wenn es ihnen paßt. Er stimmte auch Frankreichs Forderungen auch in Syrien, Kilikien und PalĂ€stina, außer an den heiligen PlĂ€tzen, zu.[134] Die Freiheit in der Festsetzung der Westgrenze wurde Frankreich dann im Februar 1917 auch offiziell zugestanden (siehe oben).

RevolutionÀres Russland

Pawel Nikolajewitsch Miljukow

Ein letztes Aufflackern annexionistischer Ideen gab es durch Pawel Nikolajewitsch Miljukow, des FĂŒhrers der Konstitutionellen Demokraten („Kadetten“), der Mitte MĂ€rz bis Mitte Mai 1917 Außenminister der Provisorischen Regierung Kerenski war. Zuvor war in der Februarrevolution 1917 ein „Frieden ohne Annexionen oder Kontributionen“ verkĂŒndet worden. Doch Miljukow vertrat noch einmal die traditionellen Ziele des russischen Imperialismus mit Konstantinopel, „ZertrĂŒmmerung Österreich-Ungarns“, einem weit ĂŒber die Drau reichenden sĂŒdslawischen Staat, einem Polen in seinen ethnographischen Grenzen und einem neuen Ostseegouvernement auf dem Boden Ostpreußens. Als seine PlĂ€ne bekannt wurden, kam es zu heftigen Ausschreitungen, bis eine neue Koalition unter Ausschluss Miljukows gebildet wurde.[135]

Die Veröffentlichung der geheimen Kriegszielabkommen der Alliierten im November 1917 durch die Bolschewisten entlarvten in den Augen der MittelmĂ€chte die angeblich so „hehren“ Absichten der Entente. Die Kriegsziele der Feinde wurden als Friedenshindernisse wahrgenommen.[136]

Einordnung der Kriegsziele in der Forschung

Russland war oft Gefangener seines eigenen Prestiges und seiner „historischen Mission“, sowohl am Balkan, als auch bei den Meerengen. Seine vitalen Interessen wurden durch Emotionen aus der Vergangenheit, nationale und religiöse GefĂŒhle ĂŒberlagert. Russland fehlte es aber im Wettbewerb mit den europĂ€ischen GroßmĂ€chten um Einfluss und Prestige an mĂ€chtigen Mitteln wie Kapital, Konzessionen oder umfangreicherem Handelsverkehr.[137]

Vereinigtes Königreich

Kriegsziele zu Beginn des Krieges

Premier Herbert Henry Asquith

Das Vereinigte Königreich wollte sich der wachsenden Wirtschaftskraft Deutschlands entledigen und die starke deutsche Flotte ausschalten, da es seine Machtstellung durch das seit der Reichseinigung aufstrebende Deutschland bedroht sah. Die deutsche Invasion Belgiens war der offizielle Grund fĂŒr Großbritanniens Kriegseintritt – die Wiederherstellung Belgiens blieb in den ersten Kriegsjahren daher auch das einzige erklĂ€rte wichtige Kriegsziel.[138] Zum Ziel der Befreiung Belgiens trat aber schon frĂŒh die Formel der Zerschlagung des preußischen Militarismus, zur Wahrung des europĂ€ischen Gleichgewichts, welches durch die deutsche Besetzung Belgiens und der KanalkĂŒste bedroht schien.[139] Die ĂŒbertriebene Furcht, Deutschlands Ambitionen im Weltkrieg wĂŒrden aus Großbritannien einen deutschen Klientelstaat machen, erschien weiten Kreisen der Verantwortlichen die Notwendigkeit des Widerstandes zu erfordern.[140]

An einer Demokratisierung Deutschlands, wie sie die US-Regierung Wilson spĂ€ter propagierte, zeigte Großbritannien offiziell wenig Interesse. Wohl aber sollte innerhalb des Kaiserreichs das Königreich Hannover wiederhergestellt werden, eine Übergabe von z. B. vier preußischen Sitzen im Bundesrat (ebenso viele wie die Königreiche Sachsen oder WĂŒrttemberg) an das wiederhergestellte Hannover hĂ€tte dann lediglich Preußens Vetomacht in dieser Kammer beendet (zusammen mit nur einem einen weiteren Teilstaat aber hĂ€tte Preußen diese weiterhin gehabt).

Direkte territoriale Ziele auf dem europĂ€ischen Kontinent hatte Großbritannien jedenfalls zu keiner Zeit, auch außerhalb Europas habe Großbritannien, laut Premier Asquith, schon jetzt gerade so viel Land wie we are able to hold.[141] Dennoch mussten etwaige Interessen gegenĂŒber Frankreich, Russland und den anderen VerbĂŒndeten gewahrt bleiben, was im Klartext Erwerbungen von deutschen und tĂŒrkischen Besitzungen in Afrika und Vorderasien bedeutete.

Entwicklung im Kriegsverlauf

Premier David Lloyd George

Territoriale Belange wurden offiziell immer, wohl um peinliche Implikationen zu vermeiden, als sekundĂ€r angesehen. Nach dem Ausscheiden des zaristischen VerbĂŒndeten konnte der Krieg propagandistisch hervorragend als Kreuzzug der Demokratie gegen Tyrannei und Despotismus gefĂŒhrt werden. Aber Ende 1916 wollte die britische Öffentlichkeit schließlich konkret wissen, wofĂŒr ihre Soldaten kĂ€mpfen und sterben sollten, was die Formulierung der Kriegsziele dringend machte.[142]

Am 20. MĂ€rz 1917 bezeichnete Lloyd George die Beseitigung der reaktionĂ€ren MilitĂ€rregierungen und die Etablierung von „populĂ€ren“ Regierungen, als Basis des internationalen Friedens, als wahre Kriegsziele. Gegen Ende des Jahres einigte sich das Kabinett auf erste provisorische Kriegsziele. Es unterstĂŒtzte französische Bestrebungen auf Elsass-Lothringen, italienische Forderungen, entgegen dem Vertrag von London, nur auf Basis des NationalitĂ€tenprinzips, sowie die Restauration Belgiens, Serbiens und RumĂ€niens.[143] SpĂ€ter kamen, neben der Forderung nach UnabhĂ€ngigkeit Polens und der Völker der Donaumonarchie, auch eigene ExpansionswĂŒnsche in Form von Forderungen nach Selbstbestimmung fĂŒr die deutschen Kolonien, um den Deutschen die Grundlage fĂŒr ihr Mittelafrika zu entziehen und den schon okkupierten arabischen Teilen der TĂŒrkei unter „British rule“ zu Tage.[144]

Koloniale Kriegsziele

Britisches Weltreich 1921

Das Sykes-Picot-Abkommen vom 3. Januar 1916 regelte die Interessenszonen Großbritanniens und Frankreichs im Nahen Osten. Großbritannien erhielt das sĂŒdliche Mesopotamien, wĂ€hrend PalĂ€stina internationalisiert werden sollte. Die deutschen Kolonien in Afrika und Übersee sollten keinesfalls zurĂŒckgegeben werden, was auch die an der Eroberung beteiligten Japaner und britischen Dominions kaum zugelassen hĂ€tten. Es stellte sich heraus, dass die war aims of the British Empire nicht ausschließlich auf den Interessen des Vereinigten Königreiches basierten, da Australien, Neuseeland und SĂŒdafrika ihre Eroberungen deutscher Kolonien behalten wollten.[145]

Eine im Januar 1917 vorgelegte Denkschrift des Foreign Office betrachtete die deutschen Kolonien als die fĂŒr die Deutschen handgreiflichsten Resultate der „Weltpolitik“ des Kaisers. Der Hauptzweck dieser Kolonien war, aus britischer Sicht, die Vorbereitung von Angriffen auf fremde Kolonien. Die Wegnahme der deutschen Kolonien sei die Vorbedingung fĂŒr das wichtige britische Kriegsziel: das Ende der deutschen Seemacht und Seepolitik. Oberstes Kriegsziel mĂŒsse es sein zu verhindern, dass Deutschland Weltmacht werde. Es solle seine Energien auf den Kontinent, auf das 1870 erreichte, beschrĂ€nken, wĂ€hrend Großbritannien zwar die Vorherrschaft zur See und einem ĂŒberseeisches Reich, aber keine kontinentalen Bestrebungen haben solle.[146]

SekundÀre Kriegsziele der britischen Dominions

Premier Louis Botha

Neben dem Mutterland verfolgten vor allem die Dominions SĂŒdafrika und Australien eigene Kriegsziele, die ĂŒber jene Großbritanniens hinausgingen und dessen beabsichtigten Verhandlungsspielraum fĂŒr eine Nachkriegslösung behinderten. Da Großbritannien auf die UnterstĂŒtzung der Kolonien angewiesen war, konnte es deren sekundĂ€ren KolonialansprĂŒchen wenig entgegensetzen.

Die SĂŒdafrikanische Union unter Premier Louis Botha und General Smuts beispielsweise hatte bereits 1911 als Nahziel die Annexion Deutsch-SĂŒdwestafrikas gefordert sowie Portugiesisch-Ostafrika (Moçambique). Der bereits 1898 und 1913/14 im Angola-Vertrag vereinbarten Aufteilung der portugiesischen Kolonien (dem Empire bzw. SĂŒdafrika wĂ€re SĂŒd-Moçambique zugefallen) stand jedoch entgegen, dass Portugal als Alliierter Großbritanniens im Weltkrieg kĂ€mpfte, worauf London mehr RĂŒcksicht nehmen musste als Pretoria.

1916 bis 1919 vertrat Smuts als unmittelbares Kriegsziel ein „Greater South Africa“ mit einer Angliederung von Deutsch-SĂŒdwestafrika, der britisch verwaltenen Protektorate Betschuanaland (Botswana) und SĂŒdrhodesien, sowie Moçambique bis zum Sambesi.[147]

Pretorias Fernziel aber war eine sĂŒdafrikanische Vorherrschaft ĂŒber das gesamte sĂŒdlich des Äquator gelegene Afrika von Kapstadt bis zum Kilimandscharo. Dazu wollte SĂŒdafrika noch zusĂ€tzlich die Herrschaft ĂŒber die britisch verwaltenen Protektorate Nordrhodesien (Sambia) und Njassaland (Malawi) ĂŒbernehmen sowie Deutsch-Ostafrika erobern. Selbst das belgische Katanga zĂ€hlte zur sĂŒdafrikanischen InteressensspĂ€hre.

TatsĂ€chlich war Großbritannien auf den militĂ€rischen Beitrag SĂŒdafrikas angewiesen, SĂŒdafrika fĂŒhrte zwar die HauptkĂ€mpfe gegen die deutsche Schutztruppe in Ostafrika und stellte obendrein Einheiten an die Flandernfront ab. Doch damit ĂŒberforderte SĂŒdafrika auch seine KrĂ€fte und Möglichkeiten, zum endgĂŒltigen Sieg im fernen Ostafrika war General Smuts' von starken Verlusten geschwĂ€chte Truppe nicht mehr in der Lage.[148]

Australien und das Deutsche Reich waren bereits 1883 wegen Neuguinea aneinandergeraten, Australiens Ziel war es daher, neben dem im Wettlauf mit den Deutschen schon damals besetzten SĂŒdostteil der Insel, auch die deutsche Kolonie im Nordostteil zu erobern.[149] Auch mit Japan bestanden allerdings GegensĂ€tze, da sowohl Australien als auch Japan Interesse an einer Annexion der deutschen Pazifik-Inseln hatten. Anders als Australien und Neuseeland hatten Großbritannien und sein VerbĂŒndeter Russland jedoch kein Interesse, es wĂ€hrend des Kampfes gegen Deutschland auf einen Bruch mit Japan ankommen zu lassen.

Kriegsziele und das MĂ€chtegleichgewicht

Außenminister Arthur James Balfour

Neben der Tendenz zur SchwĂ€chung Deutschlands gab es in der britischen Politik also auch eine Gegenbewegung, die alte Wurzeln besaß. Das MĂ€chtegleichgewicht, die „balance of power“ des Nachkriegseuropa erfordere ein starkes Deutschland als Gegengewicht zu Frankreich und Russland. Diese Komponente der britischen Kriegszielpolitik sollte bei der Friedenskonferenz in Versailles noch eine wichtige Rolle spielen.

Die alten RivalitĂ€ten mit Frankreich und Russland waren zwar durch den Konflikt mit Deutschland ĂŒberdeckt, aber dennoch latent vorhanden. Es war klar, dass diese Konflikte nach dem Krieg wieder ausbrechen wĂŒrden, weshalb sich jede Großmacht ihre neue Ausgangsposition frĂŒh sichern musste. FĂŒr Großbritannien, das keine direkten realisierbaren Erwerbungen auf dem Kontinent in Aussicht hatte, war die Beibehaltung eines auf dem Land militĂ€risch starken Deutschland geopolitisch lebensnotwendig.

Die im Weltkrieg existierende Koalition wurde von Großbritannien nicht fĂŒr sehr dauerhaft gehalten, Deutschland hielten die Briten sogar fĂŒr einen möglichen Alliierten der Zukunft, wofĂŒr es stark und wohlgesinnt zu halten sei – eine Denkart, welche Russland oder Frankreich nicht nur wĂ€hrend des Krieges, fremd war.

Ende August 1918 wurde Lloyd Georges Deutschlandpolitik zunehmend hĂ€rter, Balfour wollte die Kohlenreviere im Ruhrgebiet und Schlesien vom Reich abspalten, sogar die lang vergessene Abtretung Schleswig-Holsteins an DĂ€nemark tauchte wieder auf. Im November, als das britische Hauptkriegsziel, die deutsche Vorherrschaft auf dem Kontinent zu brechen, bereits erreicht war, wurde aus den schon beschriebenen GleichgewichtsgrĂŒnden kein second Alsace-Lorraine angestrebt.[150]

Der Wegfall Russlands aus der Kriegskoalition machte das britische Konzept des MĂ€chtegleichgewichts zwar einfacher, aber zugleich auch schwieriger. Der russische Druck auf den deutschen Osten fiel nun weg und ein System von neuen Staaten musste die Bindung deutscher KrĂ€fte im Osten ĂŒbernehmen. Da diese neuen Staaten nie die Macht des alten russischen Reiches entwickeln konnten, wurde der zuvor erwogene Anschluss Österreichs an Deutschland von den Briten, als nicht mehr zweckdienlich, verworfen. Im Westen war die Situation anders, da umfangreiche AnnexionswĂŒnsche Frankreichs im Rheinland, wenn auch in verdeckter Form, eine Hegemonie der Franzosen einzuleiten drohten, die Großbritannien durch Milderung der Friedensbedingungen fĂŒr Deutschland zu verhindern suchte.

Italien

Auch Italien betrieb seit der nationalen Einigung, die 1870 abgeschlossen worden war, eine expansionistische Politik, welche unter anderem auf die italienisch besiedelten Gebiete unter österreichisch-ungarischer Herrschaft zielte. Auch die Unterzeichnung des Dreibund-Vertrags mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich im Jahre 1882 konnte die daraus resultierenden Spannungen nicht beseitigen. Zudem war es 1911/12 zu einem Krieg mit dem Osmanischen Reich gekommen, welcher mit der faktischen Annexion Libyens und des Dodekanes durch Italien endete.

ZunĂ€chst hatten die MittelmĂ€chte Italien neutral zu halten versucht, und Italien hatte dafĂŒr mindestens das Trentino von Österreich-Ungarn gefordert. Deutschland und der Papst versuchten vergeblich, Österreich-Ungarn zum Nachgeben zu bewegen. Ebenso vergeblich war der Versuch der deutschen Diplomatie, Italiens GebietsansprĂŒche statt dessen auf Tunis und Korsika abzulenken. Als Österreich-Ungarn am 8. MĂ€rz 1915 schließlich nachzugeben bereit war, hatte die Entente Italien inzwischen viel mehr versprochen.

Durch Nachgeben Russlands auf italienisches DrĂ€ngen nach Erwerbung slawischer Gebiete an der Adria kam schließlich der Geheimvertrag von London am 26. April 1915 zustande, dem am 23. Mai 1915 die KriegserklĂ€rung an Österreich-Ungarn und der Angriff unter anderem am Isonzo folgte. Der Vertrag von London spiegelt die Kriegsziele Italiens genau und verlĂ€sslich wider, das durch seine gĂŒnstige Verhandlungsposition praktisch alle Anliegen durchsetzen konnte. Italien erhĂ€lt das Trentino, SĂŒdtirol bis zum Brenner, die Stadt und das Gebiet von Triest, die Grafschaft Görz und Gradisca, ganz Istrien, die istrischen und einige kleinere Inseln, aber nicht Fiume. Ferner erhĂ€lt Italien die Provinz Dalmatien ab Lissarik und Trebinje im Norden, bis Kap Planka im SĂŒden, also etwa von Zadar bis vor Split, mitsamt den vorgelagerten Inseln, sowie Lissa und Lagosta. Zuletzt erwirbt Italien noch den strategisch bedeutsamen albanischen Hafen Valona mit umfangreichem Hinterland. Auch wĂŒrde bei einer etwaigen Teilung der TĂŒrkei eine noch festzusetzende Region an der SĂŒdkĂŒste Kleinasiens an Italien gehen.[151]

Dass die Vereinbarung insbesondere in Bezug auf Dalmatien im Vertrag von Versailles nicht zur GĂ€nze verwirklicht wurde, lag am Widerstand der Serben beziehungsweise SĂŒdslawen und der – durch den Vertrag nicht gebundenen – US-Amerikaner.

Serbien

Premierminister Nikola Paơić
Von der Entente Serbien zugesicherte Gebietsgewinne

In Serbien war Grundlage aller Kriegszielprogramme die Idee von der Vereinigung aller SĂŒdslawen. Meistens reichten die serbischen AnsprĂŒche ĂŒber eine Vereinigung mit Kroaten und Slowenen, bei UnabhĂ€ngigkeit von Bulgarien und Montenegro, oder sogar nur einem Großserbien, mit Abrundung des serbischen Gebietes und Zugang zur Adria, nicht hinaus.

Aber schon die serbische Kriegsproklamation vom 4. August 1914 sprach vom

„Jammer von Millionen unserer BrĂŒder [
], welcher aus Bosnien und Herzegowina, aus dem Banat, der Batschka, Kroatien, Slawonien, Srem und von unserem Meer, aus dem felsigen Dalmatien, zu uns drang.“

Diese Proklamation nannte also das nationale Befreiungsziel der Serben, die Vereinigung aller Serben, Kroaten und Slowenen.[152]

MinisterprĂ€sident Nikola PaĆĄić legte am 21. September dem russischen Außenminister Sazonow umfangreiche Kriegsziele vor: Bosnien, die Herzegowina, Dalmatien, die Batschka, das Banat, Görz mit Umgebung und Istrien. Letzteres war er bereit, mit Italien, bei dessen etwaigem Kriegseintritt, zu teilen. Eine Woche spĂ€ter, als PaĆĄić von den italienischen Forderungen erfuhr, wollte er auf ganz Istrien verzichten, warnte aber davor, Italien Dalmatien zu ĂŒberlassen, weil dann die Serbokroaten der Monarchie auf der Seite Österreich-Ungarns stehen wĂŒrden.[153]

Eine russisch-sĂŒdslawische Denkschrift aus dem Dezember 1914, vom exilierten kroatischen Abgeordneten Frano Supilo verfasst, Ă€ußerte schon detailliertere Vorstellungen ĂŒber den kommenden sĂŒdslawischen Staat. Dieser Staat hĂ€tte 260.000 kmÂČ umfasst, bestehend aus den sĂŒdlichen Teilen KĂ€rntens und der Steiermark, dem Krain, dem gesamten Kronland KĂŒstenland (mit Triest), Dalmatien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Slawonien mit Fiume, das sĂŒdliche Ungarn (ein wenig nördlich der Mur, sĂŒdlich von PĂ©cs und Szeged), sowie Montenegro und das damalige Serbien. Von den 14 Millionen Einwohnern wĂ€ren 12,7 Millionen SĂŒdslawen.[154]

In der Deklaration von NiĆĄ vom 7. Dezember 1914 stellte Serbien offen seine Kriegsziele vor: Als maximale Lösung war Jugoslawien in den Grenzen gedacht, wie sie auch Frano Supilo vorgestellt hatte; daneben gab es eine minimale Lösung, die im Westen lediglich Bosnien, Herzegowina, Slawonien und Dalmatien umfassen wĂŒrde, ein Jugoslawien, dass „zumindest die Mehrheit der orthodoxen Jugoslawen umfassen“ sollte.

Im Februar 1915 versprach der britische Außenminister Edward Grey Serbien Bosnien, die Herzegowina und einen Zugang zur Adria, im Mai zog man sogar eine Föderation mit Kroatien in Betracht. Das britische Foreign Office und Grey sagten Supilo persönlich sogar zu, dass bei serbischer Zustimmung Bosnien, der Herzegowina, SĂŒddalmatien, Slawonien und Kroatien erlaubt werde, ihr eigenes Schicksal selbst zu bestimmen (1. September 1915). Der Einfluss der sĂŒdslawischen Exilpolitiker innerhalb der Bevölkerung daheim, war allerdings bis ins letzte Kriegsjahr hinein verschwindend gering.[155]

Nikola I. von Montenegro

Montenegro, das schon vor 1914 um enge militĂ€rische, diplomatische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem serbischen Bruderstaat bemĂŒht war, sollte spĂ€testens, als König Nikola I. den MittelmĂ€chten einen Sonderfrieden anbot, mit Serbien vereinigt werden.

Dennoch waren die frĂŒhen Kriegsziele der serbischen Verantwortlichen viel eher großserbisch als sĂŒdslawisch motiviert. Diese großserbischen Ambitionen wurden bei den westlichen VerbĂŒndeten, da viele der angestrebten Gebiete nur eine serbische Minderheit besaßen, mit einem jugoslawischen MĂ€ntelchen umgeben. Erst nach dem militĂ€rischen Sieg ĂŒber Serbien, Ende 1915, gewann die Idee der sĂŒdslawischen Einheit mehr an AttraktivitĂ€t.[156]

Um dem Druck Italiens beim Vertrag von London nachzugeben, wurde die russische UnterstĂŒtzung serbischer WĂŒnsche in Istrien, Triest und Dalmatien aber zeitweilig aufgegeben. Der § 5 im Vertrag von London billigte Serbien lediglich zu: Bosnien, Dalmatien sĂŒdlich des Kap Planka bis zur Neretva in der Herzegowina (mit Trogir und Split), Srem, Batschka und Banat, wobei bei Banat sich Serbien mit RumĂ€nien verstĂ€ndigen sollte. Parallel sollte Montenegro SĂŒddalmatien mit Dubrovnik und die östliche Herzegowina bekommen. Im Falle einer Besetzung Albaniens durch Italien sollte auch Nordalbanien zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt werden.[157]

Dass die Serben diese Abmachung von Anfang an bekĂ€mpften und im wichtigsten Teil, bei Dalmatien, auch Erfolg hatten, ist nicht verwunderlich. Unter den Serben, die den Weltkrieg als Ringen im Augenblick, da es begann, zu einem Kampf fĂŒr die Befreiung und Einigung aller unserer unfreien BrĂŒder, der Serben, Kroaten und Slowenen propagierten, gab es aber auch offen großserbische Tendenzen. Vor allem nach Ausscheiden des großen Bruders, des zaristischen Russlands, aus dem Kampf und der VernachlĂ€ssigung des kleinen serbischen VerbĂŒndeten und der eher nebensĂ€chlichen Salonikifront durch die Westalliierten gaben sich viele mit Montenegro, der Vojvodina, Bosnien-Herzegowina und SĂŒddalmatien als Teile eines Großserbiens zufrieden.[158] Gleichzeitig machte die provisorische Regierung Russlands deutlich, dass nicht ein Großserbien, sondern nur eine jugoslawische Lösung unter demokratischem Vorzeichen ihre UnterstĂŒtzung finden wĂŒrde.[159]

Der serbische MinisterprĂ€sident PaĆĄić musste sich der Entwicklung anpassen und so wurde, mit der Deklaration von Korfu, am 20. Juli 1917 die Verwirklichung des sĂŒdslawischen Staates durch einen Kompromiss, der das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Völker vorsah, eingeleitet. Am 1. Dezember 1918 wurde schlussendlich der „einheitliche Staat der Serben, Kroaten und Slowenen“ aus den Gebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie, Serbiens und Montenegros gebildet.[160]

RumÀnien

MinisterprÀsident Ion I.C. Brătianu

Zu den Kriegszielen RumĂ€niens zĂ€hlte die Annexion SiebenbĂŒrgens, der Bukowina und des Banats, bei denen es sich um mehrheitlich rumĂ€nisch besiedelte Gebiete unter österreichisch-ungarischer Herrschaft handelte. In einem Vertrag mit den Alliierten ließ sich RumĂ€nien diese Gebiete zusichern und erklĂ€rte Österreich-Ungarn am 27. August 1916 den Krieg.

Schon vor dem Krieg war klar, dass sich RumĂ€nien in einem Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Russland erst abwartend verhalten wĂŒrde, um sich dann auf die Seite des Siegers zu schlagen und dadurch entweder Bessarabien von Russland oder SiebenbĂŒrgen von Ungarn zu erhalten.[161] In den letzten Vorkriegsjahren war die traditionelle Russophobie in RumĂ€nien allerdings durch die Balkankriege und die UnterdrĂŒckung der rumĂ€nischen Bevölkerung Ungarns von der Abneigung gegen Bulgarien und Österreich-Ungarn ĂŒberflĂŒgelt worden.[162] Die MittelmĂ€chte versuchten vergebens mit dem Versprechen RumĂ€nien Bessarabien zu ĂŒberlassen, das Land auf ihre Seite zu ziehen. Der rumĂ€nische MinisterprĂ€sident Brătianu wollte eine Annexion Bessarbiens nur in Betracht ziehen, falls Russland komplett besiegt werde. Da sich Russland nicht mit dem Verlust abfinden wĂŒrde, sei man in Zukunft auf den Schutz Deutschlands angewiesen. Auch als Kaufpreis fĂŒr eine NeutralitĂ€t RumĂ€niens lehnte Russland eine Abtretung naturgemĂ€ĂŸ ab.[163] Durch den Tod des rumĂ€nischen Hohenzollernkönigs Carol, der durch innenpolitischen Widerstand am Kriegseintritt auf Seiten der MittelmĂ€chte gehindert worden war, am 10. Oktober 1914, neigte sich die Lage zu Gunsten der Entente.[164]

Verhandlungen RumĂ€niens mit der Donaumonarchie um die Abtretung SiebenbĂŒrgens scheiterten an der strikten Ablehnung Ungarns, was in erster Linie an der ungarischen Minderheit der Szekler lag, die in diesem Gebiet neben den SiebenbĂŒrger Sachsen siedelten. Die angebotene Abtretung der Bukowina durch Cisleithanien genĂŒgte den RumĂ€nen nicht. Den rumĂ€nischen Forderungen nach der Bukowina bis zum Pruth und dem Banat setzte Russland vorerst Widerstand entgegen. Nach der schweren Niederlage bei Gorlice gab Sasonow dann im Laufe des Juli 1915 seinen Widerstand gegen die rumĂ€nischen Forderungen auf, aber Brătianu wollte nach der Eroberung Polens durch die MittelmĂ€chte wieder einmal abwarten.[165]

Nach den ersten großen Erfolgen der russischen Brussilow-Offensive, die vor allem RumĂ€niens potentiellen Hauptgegner, die österreichisch-ungarische Monarchie, betrafen, unterzeichnete der Balkanstaat am 17. August 1916 einen BĂŒndnisvertrag mit der Entente. Darin wurde RumĂ€nien fast die ganze Bukowina (sĂŒdlich des Pruth), SiebenbĂŒrgen und das TemesvĂĄrer Banat zugesichert, was einer Verdoppelung seiner FlĂ€che und Bevölkerung entsprochen hĂ€tte.[166]

RumĂ€nien betrieb eine Politik des stĂ€ndigen Wartens auf den Augenblick, bis der Zusammenbruch Österreich-Ungarns sich abzeichnete, in dem es mit geringer Anstrengung und kleinem Risiko seine machtpolitischen und nationalen Aspirationen erfĂŒllen konnte.[167] Nicht Konzessionen, sondern die Furcht vor den MittelmĂ€chten, das hohe Risiko eines Angriffs, sicherte die NeutralitĂ€t RumĂ€niens. Diese Angst war nach der schweren Niederlage der Habsburgermonarchie in der Brussilow-Offensive nicht mehr vorhanden.[168] Die rumĂ€nische KriegserklĂ€rung erfolgte aber weniger deshalb, weil der Erfolg der Brussilowoffensive ĂŒberschĂ€tzt worden war, sondern weil man glaubte, dies sei die letzte Chance, um alle Kriegsziele zu erreichen.[169] Bukarest hatte Angst, die geschwĂ€chte Monarchie wĂŒrde einen Frieden anstreben. Dabei wĂ€ren Konzessionen wohl nur fĂŒr kriegsfĂŒhrende Staaten abgefallen, RumĂ€nien aber leer ausgegangen. FĂŒr Bratianu und seine Regierung war der Kriegseintritt auch eine Betonung der territorialen Forderungen. Er hob sogar hervor, dass Ă€hnlich wie bei Italien auch ohne durchschlagenden militĂ€rischen Erfolg durch die Intervention die nationalen Ziele des Landes gefördert wĂ€ren.[169]

Nach der Niederlage gegen die MittelmĂ€chte musste der neue MinisterprĂ€sident Alexandru Marghiloman, im Frieden von Bukarest die Abtretung der Norddobrudscha an die MittelmĂ€chte und Grenzverschiebungen zu Gunsten Österreich-Ungarns hinnehmen.[170]

Der Umstand, dass außer Serbien letztlich keiner seiner direkten Nachbarn zu den endgĂŒltigen Siegern zĂ€hlte, sicherte dem Balkanstaat schließlich eine Ausdehnung nach allen Seiten. Nicht nur die versprochenen Gebiete in Ungarn, sondern auch die gesamte Bukowina mit ihrem nördlichen, ukrainisch besiedelten Teil, sowie das gesamte Bessarabien und die zurĂŒckerhaltene Dobrudscha verwandelten den Nationalstaat RumĂ€nien in einen NationalitĂ€tenstaat. Der Vertrag von Trianon verdoppelte das Territorium RumĂ€niens und vergrĂ¶ĂŸerte seine Bevölkerung von 7,2 auf 18 Millionen, den Anteil der Minderheiten von 8 auf 30 Prozent.[171]

Tschechoslowakei

Kriegsziel der Auflösung Österreich-Ungarns

Edvard BeneĆĄ

Trotz aller Verluste an Land, die ihre Nachbarn der österreichisch-ungarischen Monarchie zuzufĂŒgen gedachten, hĂ€tten die restlichen Völker, Deutsche, Ungarn, Tschechen und Slowaken einen durchaus lebensfĂ€higen Staat, mit zu verteidigenden Grenzen und einem wirtschaftlichen Gleichgewicht, von ungarischer Landwirtschaft und böhmischer Industrie bilden können.[172] Ein stabiler Donaustaat, ohne die LĂ€nder der spĂ€teren Tschechoslowakei, war aber ökonomisch und strategisch undenkbar, der Weiterbestand des Staates war daher im Wesentlichen abhĂ€ngig von der Haltung des tschechischen Volkes und seiner Politiker.

Das Kriegsziel der tschechoslowakischen Exilpolitiker um BeneĆĄ und Masaryk war jedoch von Beginn an die Schaffung eines selbstĂ€ndigen tschechoslowakischen Staates und die damit verbundene Zerschlagung Österreich-Ungarns, mit Sturz der Habsburgerdynastie.[173] Die Tschechen waren mit diesem Kriegsziel lange Zeit isoliert, hatten sich die westlichen Alliierten doch erst sehr spĂ€t, durch in Österreich selbst vollzogene Tatsachen, bereit gefunden, einer Zerschlagung der Monarchie zuzustimmen. Der Einfluss der tschechischen Exilpolitiker war auch daheim bis 1918 vernachlĂ€ssigbar.[174]

Kriegsziele und Russland

TomĂĄĆĄ Garrigue Masaryk

Das VerhĂ€ltnis Russlands zu den Tschechen und ihrer Idee der nationalen Befreiung war schwierig und zwiespĂ€ltig. Schon vor dem Krieg meldete Sasonow zwar sein Interesse an der tschechischen Sache an, warnte deren Vertreter aber davor, auf russische UnterstĂŒtzung zu zĂ€hlen. Dabei war Sasonow der einzige wichtige Politiker des zaristischen Russlands, der die UnabhĂ€ngigkeit der Tschechen ernsthaft unterstĂŒtzte.[175]

Auch wĂ€hrend des Krieges vermieden es die russischen Offiziellen verbindliche Zusagen abzugeben, aus Angst Annexionsabsichten ihrerseits wĂŒrden die WestmĂ€chte, wegen des gestörten europĂ€ischen Gleichgewichts, auf den Plan rufen. Ein anderer Grund fĂŒr die ZurĂŒckhaltung des großen slawischen Brudervolkes in dieser Frage waren laut Masaryk die russische Furcht vor dem tschechischen Liberalismus und Katholizismus, russische Offizielle wĂŒrden ihre (pan-)slawische SolidaritĂ€t lieber auf orthodoxe Slawen konzentrieren.[176]

In einer der Phasen, als in der russischen Politik wieder die Auffassung von der Auflösung der Donaumonarchie die Oberhand gewann, wurde schließlich der Plan gefasst, die Tschechen und Slowaken nicht zu annektieren, sondern ihnen einen König aus dem Zarenhaus der Romanows an die Spitze zu stellen, mit einem ungewissen Ausmaß an AbhĂ€ngigkeit vom Russischen Reich. Die spĂ€tere Errichtung der Tschechoslowakei hatte mit der Kriegspolitik des vorrevolutionĂ€ren Russlands letztlich nichts zu tun.[177]

Kriegsziele und die WestmÀchte

Milan Rastislav Ć tefĂĄnik

Die tschechoslowakische Frage war im Rahmen der Kriegsziele der Entente bis 1918 eine nur nebensĂ€chliche. Daran Ă€nderte auch die erfolgreiche Aufstellung eines bewaffneten Arms der tschecho-slowakischen Exilpolitik in Form der Tschechoslowakischen Legion wenig. FĂŒr einen möglichen Separatfrieden mit Österreich-Ungarn ließen die westlichen Alliierten ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr ein unabhĂ€ngiges Böhmen und MĂ€hren sofort wieder fallen. Eine grundsĂ€tzliche Änderung gegenĂŒber dem Streben des tschechoslowakischen Nationalrates in Paris ergab sich erst im April 1918, als die Verhandlungen mit der Doppelmonarchie scheiterten und sich aufgrund der kritischen Lage an der Westfront nur mehr die Möglichkeit bot, die Habsburgermonarchie von innen her, durch UnterstĂŒtzung separatistischer Bewegungen, neben der verbliebenen Front in Italien, zu bekĂ€mpfen.[178]

Weder Frankreich noch Großbritannien verfochten eine Politik zur Auflösung der Monarchie, hielten sie doch eine weitere Großmacht im SpannungsverhĂ€ltnis zwischen Russland und Deutschland fĂŒr notwendig. Masaryk hielt dem entgegen, dass Österreich-Ungarn nicht mehr imstande sei, die Rolle eines Pufferstaates zu erfĂŒllen und demzufolge diese Funktion besser von den Nachfolgestaaten ĂŒbernommen werden könnte. Als dann die Entwicklung so weit war, dass an einen Weiterbestand der Monarchie kaum mehr zu denken war, zogen die WestmĂ€chte, aus den bereits frĂŒher mit tschechischen Emigranten eingegangenen Abmachungen, ihren Nutzen.

Zwischen Juni und September 1918 wurden nacheinander von Frankreich, Großbritannien, den USA und Italien das Recht der tschechischen und slowakischen Nation auf SelbststĂ€ndigkeit und der Status der Tschechoslowakei, mit seinen drei Armeen in Frankreich, Italien und im revolutionĂ€ren Russland, als KriegsfĂŒhrende Nation anerkannt.[179]

Die tschechische Nation erhielt mehr UnterstĂŒtzung von der Entente als alle anderen Völker der Habsburgermonarchie, was das Verdienst Masaryks, BeneĆĄ', Ć tefĂĄniks und der slawophilen Briten Steed, Seton-Watson und Namier war. Die Auswirkungen dieser gelungenen Exilpolitik waren bessere Startbedingungen fĂŒr die Tschechoslowakei, die erfolgreiche Abtrennung der Slowakei von Ungarn und die gute Position der ČSR in Versailles als Siegermacht, was ihr letztlich vorteilhafte Grenzen sicherte.[180]

Bestimmung der neuen Grenzen

Stéphen Pichon

Als am 28. Oktober 1918 in Prag der tschechoslowakische Staat ausgerufen wurde, war er in seinen Grenzen noch ungewiss, die Franzosen hatten allerdings zugesagt, die „Wiederherstellung“ des unabhĂ€ngigen tschechoslowakischen Staates in den Grenzen seiner ehemaligen historischen LĂ€nder zu fördern.[181] Aus dieser Forderung nach Böhmen, MĂ€hren, Österreichisch-Schlesien und der Donau als SĂŒdgrenze der Slowakei, ergaben sich jedoch krasse Verletzungen des propagierten NationalitĂ€tenprinzips. Höhere Notwendigkeiten, wie strategische und ökonomische Gesichtspunkte, also das Verlangen der Politiker nach gut zu verteidigenden Grenzen und einem gewachsenen einheitlichen Wirtschaftsraum, stĂŒnden eben ĂŒber dem NationalitĂ€tenprinzip.

Die Furcht der WestmĂ€chte vor einer kommenden Irredenta der Deutschen und Ungarn innerhalb des neuen Staates, die ihn destabilisieren wĂŒrde, versuchten die Tschechen mit einer Vielzahl von Argumenten zu zerstreuen: Einerseits sei, auf Grund manipulierter VolkszĂ€hlungen, die Zahl der Sudetendeutschen um mindestens eine Million zu hoch angesetzt, andererseits sei aus geographischen GrĂŒnden eine zusammenhĂ€ngende deutschsprachige Provinz, ohne Vereinigung mit Deutschland und Österreich, nicht möglich. Die Tschechen leugneten jegliche bedeutende und einheitliche Tendenzen unter den deutschsprachigen Bewohnern der SudetenlĂ€nder in Richtung Großdeutschland und garantierten ein Ausmaß an Gleichberechtigung und Toleranz fĂŒr die Minderheiten wie in der Schweiz. Eine Separation dieser Gebiete wĂŒrde die Tschechen der wirtschaftlichen und militĂ€rischen Vorherrschaft, sowie der Aggression Deutschlands und Österreichs schutzlos ausliefern, denn dies wĂŒrde den Wegfall der Gebirgsumrandung Böhmens und der wichtigsten Industriegebiete bedeuten. Außerdem seien die Sudetendeutschen ohnehin nur von außen eingedrungene Kolonisten.[182]

Clemenceau und sein Außenminister Pichon, die keine StĂ€rkung Deutschlands durch die Sudetendeutschen wĂŒnschten, plĂ€dierten fĂŒr die einfachste Lösung, die alte Grenze, worauf auch David Lloyd George und der US-Gesandte Edward Mandell House zustimmten.[183] So kam es, dass die neuen Grenzen einen Vielvölkerstaat von nur 46 Prozent Tschechen, gegenĂŒber Deutschen, Slowaken, Ungarn, Ukrainern und Juden entstehen lassen, verfeindet mit seinen Nachbarn, mit einer BĂŒrde, die ihm die weitere friedliche Entwicklung sehr erschweren sollte.

Vereinigte Staaten von Amerika

Kriegsziele bei Kriegseintritt

PrÀsident Woodrow Wilson

Ihren Ursprung hat die amerikanische Kriegszielpolitik bereits in der NeutralitĂ€tszeit, nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten fĂŒhrte PrĂ€sident Woodrow Wilson seine Politik ohne Bruch fort. Genaue Vorstellungen ĂŒber einen gerechten Frieden hatte er in der ersten Kriegszeit nicht, jedenfalls kam fĂŒr ihn ein Friede nur bei Wiedergutmachung an Belgien und RĂ€umung Frankreichs in Frage. Ansonsten scheute Wilson, mehr noch als andere Politiker, vor Festlegungen in territorialen Fragen zurĂŒck. Vage GrundsĂ€tze zu propagieren zogen alle damaligen Politiker dem umstrittenen Thema der Ziehung kĂŒnftiger Grenzen vor. Bis auf das „Grey-House-Memorandum“ vom 17. Februar 1916 bemĂŒhte sich die amerikanische Außenpolitik nach außen hin einer bemerkenswerten NeutralitĂ€t, obwohl die Sympathien zweifellos bei Großbritannien und nicht bei den Invasoren Belgiens lagen. Im „Grey-House-Memorandum“ verpflichteten sich die USA gegenĂŒber Großbritannien wahrscheinlich auf alliierter Seite zu intervenieren, falls Deutschland eine Friedenskonferenz, die Evakuierung der besetzten Gebiete und den Tausch Elsass-Lothringens gegen koloniale Kompensationen ablehnt.[184]

Die USA waren als „assoziierte“ statt „alliierte“ Macht nicht verpflichtet, frĂŒheren Kriegszielvereinbarungen beizutreten. Da sie nicht direkt berĂŒhrt waren, hatten sie einen anderen Zugang zu den Kriegszielen. Kriegsziele waren in Amerika „aus der Mode“, daher erweckte die Forderung Elsass-Lothringens auch keine Begeisterung.

Das Hauptziel Wilsons nach Kriegseintritt war die Beseitigung des deutschen Militarismus und die Demokratisierung des Landes. Die USA wĂŒrden nicht fĂŒr die „selbstsĂŒchtigen“ Kriegsziele der Alliierten kĂ€mpfen. GeheimvertrĂ€ge wie den Sykes-Picot-Vertrag wĂŒrden sie ablehnen. Nur bei Elsaß-Lothringen schien Wilson von seiner Politik abzuweichen.[185]

Wilsons Gesamtstrategie war anfangs Ă€hnlich der britischen Politik zu Kriegsbeginn. Er wollte den VerbĂŒndeten gerade so viel UnterstĂŒtzung zukommen lassen wie nötig. Am Ende des Krieges wollte er ĂŒber die, dann politisch und wirtschaftlich bankrotten EntentelĂ€nder hinweg, seinen eigenen Friedensplan durchsetzen.[186]

Wilsons 14 Punkte

Höhepunkt und Brennpunkt der amerikanischen Kriegszielpolitik waren zweifellos Wilsons „14 Punkte“. Der PrĂ€sident hatte sie als Antwort auf die bolschewistische Herausforderung, nach der Weigerung der Alliierten, ein gemeinsames, gemĂ€ĂŸigtes Kriegszielprogramm zu entwerfen, am 8. Januar 1918 propagiert.

Die Punkte I bis IV und XIV behandeln allgemeine Fragen, die als Kern des Kriegszielprogramms eine propagandistische Wirkung, vor allem bei liberalen und friedensbereiten KrĂ€ften der MittelmĂ€chte, entfalten sollten. Die Punkte V bis XIII behandeln territoriale Ziele, die seit der NeutralitĂ€tszeit natĂŒrlich gewachsen waren. Im Punkt VII wird die völlige Wiederherstellung der belgischen UnabhĂ€ngigkeit durch das vorangestellte „must“ als unabdingbar gefordert (bei allen anderen Punkten wird „should“ verwendet). Die folgenden Punkte behandeln die RĂŒckgabe Elsaß-Lothringens, die Festsetzung italienischer Grenzen entlang den klar erkennbaren NationalitĂ€tengrenzen und die Beibehaltung Österreich-Ungarns, dessen Nationen eine freie Entwicklung haben sollten.[187]

Die Haltung der Vereinigten Staaten gegenĂŒber der Donaumonarchie war wankelmĂŒtig. Ihr war der Krieg erst neun Monate spĂ€ter als Deutschland erklĂ€rt worden (7. Dezember 1917). Außenminister Lansing war dagegen nicht der Ansicht, dass dieser Versuch, Österreich-Ungarn zu erhalten, praktikabel sei, und sagte die Aufgabe dieser Idee voraus.[188] Aber auch Wilson versicherte schon anlĂ€sslich der KriegserklĂ€rung vor dem US-Kongress den Völkern Österreich-Ungarns, man werde sie vom „preußischen Militarismus“ befreien.

Punkt XI forderte die RĂ€umung der Balkanstaaten und einen freien Zugang Serbiens zum Meer. Der TĂŒrkei wird in Punkt XII SelbstĂ€ndigkeit zugestanden, allerdings ohne FremdnationalitĂ€ten. Die Meerengen sollten durch internationale Garantien offen gehalten werden. Der vorletzte Punkt betraf die Errichtung eines unabhĂ€ngigen polnischen Staates, der unbestreitbar polnisch besiedelte Territorien mit freiem Zugang zum Meer umfassen sollte.

Die meisten dieser territorialen Vorstellungen, wie klar erkennbare NationalitĂ€tengrenzen, zeugen von der Unkenntnis amerikanischer Politik von den komplexen VerhĂ€ltnissen und Problemen, vor allem Osteuropas. Das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Nationen und strategisch-wirtschaftliche Forderungen, wie Zugang zum Meer, mĂŒssen sich einfach widersprechen. Die 14 Punkte und ihre spĂ€teren ErgĂ€nzungen waren nicht nur gegen die MittelmĂ€chte, sondern ebenso gegen den alliierten Imperialismus gerichtet.[189]

ErgÀnzung der 14 Punkte

Im Laufe des letzten Kriegsjahres wurde die Haltung Wilsons, vor allem durch den „Diktat-Frieden“ von Brest-Litowsk, gegenĂŒber den MittelmĂ€chten hĂ€rter und kriegerischer. Im Oktober 1918 ergĂ€nzen und erweitern die USA Wilsons 14 Punkte. Die Punkte Belgien und Elsass-Lothringen wurden bestĂ€tigt, die Forderung Frankreichs nach den Grenzen von 1814 (Saarkohlegruben) aber abgelehnt. Italien wird aus strategischen GrĂŒnden SĂŒdtirol zugebilligt, dessen kulturelles Leben aber autonom bleiben soll, sowie das Protektorat ĂŒber Albanien. Hingegen seien Triest und Fiume, fĂŒr das Gedeihen Tschechiens, Deutschösterreichs und Ungarns, in FreihĂ€fen umzuwandeln.[190]

Die Bestimmungen in Punkt IX ĂŒber Österreich-Ungarn konnten nicht mehr aufrechterhalten werden. Daher erklĂ€rt die Regierung, fĂŒr die Befreiung aller slawischen Völker unter der deutschen und österreichisch-ungarischen Herrschaft eintreten zu wollen. Am 18. Oktober teilt Wilson dem Habsburgerstaat mit, die NationalitĂ€ten mĂŒssten ihre Zukunft selbst bestimmen. Ostgalizien gehöre, da ukrainisch, nicht wie Westgalizien zu Polen, Deutschösterreich sollte es von Rechts wegen erlaubt sein, sich an Deutschland anzuschließen.

Auch Punkt XI sei durch die Ereignisse ĂŒberholt: Serbien wird als Jugoslawien mit einem Zugang zur Adria in Erscheinung treten. RumĂ€nien erwirbt die Dobrudscha, Bessarabien und wahrscheinlich SiebenbĂŒrgen, Bulgarien sollte seine Grenze richtigerweise in der SĂŒddobrudscha, wie vor dem Zweiten Balkankrieg, haben. Es sollte auch Thrakien bis zu der Linie zwischen Midia am Schwarzen Meer und Enos an der ÄgĂ€iskĂŒste und vielleicht sogar bis zur Linie Midia-Rodosto besitzen. Mazedonien sollte aufgeteilt werden.

Der neue polnische Staat, dessen Zugang zum Meer, westlich der Weichsel, noch nicht festgelegt wird, sollte keine Gebiete im Osten bekommen, die von Litauern und Ukrainern besiedelt sind. Den deutschen Bewohnern Posens und Oberschlesiens sei ein Schutz zu gewĂ€hren. Armenien ist nach diesem Plan ein Hafen am Mittelmeer zuzuteilen und sollte unter britischen Schutz kommen. Schließlich wird auch noch die Teilung des Nahen Ostens zwischen Großbritannien und Frankreich anerkannt.[191]

Im Vergleich zu Großbritannien machten die USA den Franzosen bei der Friedenskonferenz im Endeffekt weit weniger Schwierigkeiten bei der Verwirklichung ihrer Kriegsziele als erwartet.

Japan

Hugo Stinnes

Das wichtigste Kriegsziel des Japanischen Kaiserreiches war, wĂ€hrend die europĂ€ischen GroßmĂ€chte in Europa gebunden waren, eine wirtschaftlich-politische Vorherrschaft ĂŒber das nachrevolutionĂ€re China zu erlangen[192] bzw. sein schon bestehendes Einflussgebiet in Nordchina bis zum Jangtsekiang auszudehnen.[193] Die Eroberung von Tsingtau war dann ein erster Schritt und auch die bedeutendste militĂ€rische Unternehmung Japans im Weltkrieg. Die Einundzwanzig Forderungen Japans vom Januar 1915 an China beinhalteten neben wirtschaftlichen Privilegien die Kontrolle der Provinz Shandong, der Mandschurei, der Inneren Mongolei, der SĂŒdkĂŒste Chinas und der Yangtse-MĂŒndung. Die Annahme dieser Forderungen unter massiven Drohungen Japans durch den chinesischen PrĂ€sidenten Yuan Shikai fĂŒhrte zu heftigen Protesten in der chinesischen Bevölkerung.[194] Die Annahme der Forderung nach Akzeptierung japanischer Berater, was China praktisch zu einem Protektorat gemacht hĂ€tte, konnte durch britischen Druck letztlich verhindert werden.[195]

Bei Verhandlungen zu Friedenssondierungen im Mai 1916, in Stockholm, welche der Industrielle Hugo Stinnes durch Verbindung zur japanischen Gesellschaft betrieb, versuchte man einer Idee von Alfred von Tirpitz folgend, ein anti-angelsĂ€chsisches BĂŒndnis mit Japan und Russland zu schaffen.[196]

Gottlieb von Jagow

Am 17. Mai 1916 entwarf Gottlieb von Jagow, im Zuge der deutsch-japanischen Friedensverhandlungen eine Liste der Friedensbedingungen fĂŒr den Fall eines Sonderfriedens mit Russland und Japan. Deutschland wĂŒrde dabei an Japan die schon eroberten Gebiete in der SĂŒdsee, die Karolinen, Marianen und Marshallinseln sowie seine Rechte in Kiautschou abtreten und die russische und japanische InteressensphĂ€re in China anerkennen.[197]

Jagow vermutete spĂ€ter, Japan habe die GesprĂ€che mit Deutschland nur benutzt, um Russland bei den Verhandlungen ĂŒber China unter Druck setzen zu können.[198] Am 3. Juli 1916 schlossen dann Japan und Russland einen Geheimvertrag, welcher auf ZurĂŒckdrĂ€ngung des angelsĂ€chsischen Einflusses in Ostasien und die Abstimmung ihrer Aspirationen in China, abzielte.[199]

Bei der Pariser Friedenskonferenz konnte Japan gegen den Widerstand Australiens und der USA die Einverleibung der deutschen SĂŒdseeinseln nördlich des Äquators durchsetzten. Neben der Übernahme der deutschen Position in China und im Pazifik konnte bis Kriegsende der allgemeine Einfluss auf China ausgedehnt und Russland als Machfaktor am Pazifik ausgeschaltet werden. Auch wirtschaftlich war der Krieg fĂŒr Japan ein großer Erfolg: durch umfangreiche Lieferungen an die VerbĂŒndeten konnten erstmals ein positive Handelsbilanz und ein bedeutender Einbruch der Industrie auf dem internationalen Markt erzielt werden.[200]

China

Vor allem Chinas Premier Duan Qirui drÀngte seit 1916 auf einen Kriegsteintritt

China war seit dem Sturz des Kaiserreichs und der Ausrufung der Republik politisch instabil und wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs in bĂŒrgerkriegsĂ€hnlichen GegensĂ€tzen zwischen den Kuomintang und MilitĂ€rmachthaber Yuan Shikai bzw. rivalisierenden MilitĂ€rfraktionen gefangen. PrĂ€sident Shikai hielt China bei Kriegsbeginn zunĂ€chst neutral und versuchte stattdessen seine Macht im Innern durch seine Selbstkrönung zum Kaiser und die Restauration des Kaiserreichs zu festigen. Außenpolitische RĂŒckendeckung suchte er durch die Annahme der Einundzwanzig Forderungen Japans zu erreichen. Beides fachte jedoch den Widerstand gegen sein Regime an, was zum Sturz seiner Monarchie fĂŒhrte. In die NachfolgekĂ€mpfe seiner untereinander zerstrittenen MilitĂ€rs mischte sich auch Deutschland ein, in dem es im Juli 1917 einen weiteren vergeblichen Restaurationsversuch in Peking unterstĂŒtzte. In Kanton bildete Sun Yat-sen eine zunĂ€chst projapanische Gegenregierung. Am 14. August 1917 trat Peking daraufhin auf der Seite der Entente in den Krieg gegen Deutschland ein (im September 1917 auch Kanton) und besetzte das deutsche sowie das österreichisch-ungarische Konzessionsgebiet in Tienstin.

Die stĂ€ndig wechselnden und schwachen Zentralregierungen bemĂŒhten sich mit der Kriegsteilnahme vor allem um eine Emanzipation gegenĂŒber den GroßmĂ€chten und eine Revision der mit ihnen geschlossenen „Ungleichen VertrĂ€ge“.[193] Zu diesem Zweck bot China der Entente die Entsendung chinesischer Truppen an die europĂ€ischen Frontabschnitte an, was die Alliierten aber ablehnten, um China nicht zu einem gleichwertigen VerbĂŒndeten aufzuwerten. Offizielles Kriegsziel Chinas war die RĂŒckgabe des deutschen Pachtgebiets Kiautschou, welches allerdings schon seit Kriegsbeginn 1914 von Japan besetzt worden war. DarĂŒber hinaus versuchten die nördlichen MilitĂ€rfĂŒhrer, sich die SchwĂ€che des im BĂŒrgerkrieg versinkenden Russland zunutze zu machen und besetzten 1918 die bisher zur russischen EinflusssphĂ€re gehörende Äußere Mongolei sowie das russische Protektorat Tuwa. Unter japanischem Oberkommando nahmen chinesische Truppen sogar an der alliierten Intervention in Sibirien teil. China bestand auf einer Teilnahme an Friedensverhandlungen nach einem Sieg ĂŒber Deutschland. Da der Versailler Vertrag aber nicht die RĂŒckgabe Kiautschous und der Konzessionsrechte berĂŒcksichtigte, verweigerte China seine Unterschrift und schloss 1921 einen separaten Friedensvertrag. Nach Vermittlung der USA erhielt China von Japan 1922 Kiautschou tatsĂ€chlich zurĂŒck, die Aufhebung der ĂŒbrigen auslĂ€ndischen PachtvertrĂ€ge, Konzessionsgebiete und Sonderrechte konnte China dennoch zunĂ€chst nicht erreichen.[201]

Kriegsziele Polens

Die Kriegsziele Polens waren zu Beginn und wĂ€hrend des Krieges zunĂ€chst geprĂ€gt sowohl von unterschiedlichen PlĂ€nen, die die kriegsfĂŒhrenden MĂ€chte mit Polen hatten, als auch von unterschiedlichen Kriegszielen der untereinander rivalisierenden Polen selbst.

Russisch-Polnische Lösung

Ende 1914 hatte ein Manifest von Zar Nikolaus II., das die Schaffung eines einheitlichen Polens aus allen polnischen LĂ€ndern angekĂŒndigt hatte, eine vage Aussicht auf Autonomie geboten und eine VergrĂ¶ĂŸerung Russisch-Polens um deutsche und österreichische polnischsprachige Territorien versprochen.[202] Diese Neuaufstellung Polens als „antideutsche Speerspitze“ Russlands wurde etwa vom Duma-Abgeordneten Roman Dmowski befĂŒrwortet. Es geschah jedoch nichts in Richtung Autonomie. Als die russischen Armeen aus bereits „befreiten“ polnischen Gebieten wieder vertrieben wurden und sich Russland jegliche Einmischung in seine inneren, polnischen Angelegenheiten strikt verbat, entwickelte die Polenproklamation der MittelmĂ€chte vom 5. November 1916 eine Anziehungskraft fĂŒr die Polen Russlands. Die Regierenden in Petrograd hatten jedoch Bedenken, man wĂŒrde die Polen durch Nachgiebigkeit nur zu immer grĂ¶ĂŸeren Forderungen, bis hin zur UnabhĂ€ngigkeit, animieren.[203] Die britische und die französische Regierung drĂ€ngten nach der Polenproklamation der MittelmĂ€chte öffentlich auf eine großzĂŒgige polnische Autonomie, was den Polen freilich nicht mehr genĂŒgte, da sie die staatliche UnabhĂ€ngigkeit forderten.[204] Deshalb gab es ab Ende 1916 unter den Polen keine UnterstĂŒtzung mehr fĂŒr eine russische Lösung der polnischen Frage.

Germano-Polnische Lösung

Bogdan von Hutten-Czapski

Von preußisch-polnischer Seite setzte sich Bogdan von Hutten-Czapski bei Hans von Beseler, dem Generalgoverneur in Warschau, energisch fĂŒr die geplante Wiedererrichtung des Königreiches Polen unter deutschem Protektorat ein. Er vertrat ein großpolnisches Programm der historischen Einheit Polens, ungeachtet ethnographischer Gegebenheiten und forderte mit RĂŒcksicht auf die MittelmĂ€chte vorerst nur russische Gebiete: Litauen, Weißrussland und bedeutende Teile der Ukraine. Im GesprĂ€ch mit Bethmann Hollweg im Juni 1916 trat er gegen die „austropolnische Lösung“ auf.[205]

Austro-Polnische Lösung

Auf österreichisch-polnischer Seite drĂ€ngten viele einflussreiche galizische Politiker auf die „austropolnische Lösung“. Der ehemalige Außenminister GoƂuchowski ließ sich von Bethmann Hollweg bestĂ€tigten, dass Russisch-Polen der Doppelmonarchie unter Bevorzugung der trialistischen Lösung ĂŒberlassen werde. GoƂuchowski, der gegen die subdualistischen PlĂ€ne von Außenminister BuriĂĄn und eine Teilung Galiziens auftrat, versuchte im September 1915 in Warschau die Polen fĂŒr einen Staatenbund unter deutsch-ungarisch-polnischer Vorherrschaft zu gewinnen. Er plante sogar Anfang 1916 zur Durchsetzung des Trialismus den ungarischen MinisterprĂ€sidenten Tisza zu stĂŒrzen und durch AndrĂĄssy, einen BefĂŒrworter des Trialismus, zu ersetzen.[206]

Agenor GoƂuchowski der JĂŒngere

Auch Finanzminister Leon BiliƄski war ein leidenschaftlicher Vertreter der „austropolnischen Lösung“. Er wollte Anfang August 1914 eine von Kaiser Franz Joseph und Außenminister Leopold Berchtold gebilligte Kundgebung in austropolnischem Sinne, die ein habsburgisches Königreich Polen bestehend aus Galizien und Russisch-Polen, mit eigener Regierung und eigenem Landtag vorsah, veröffentlichen. Diese musste aber wegen des Vetos Tiszas gegen einen Trialismus unveröffentlicht bleiben.[207] Neben Tiszas Ablehnung verhinderte vor allem der Widerstand des deutschen VerbĂŒndeten die Veröffentlichung der Proklamation. Durch Tiszas Protest beim gemeinsamen Ministerrat am 22. August 1914 fiel BiliƄskis Trialismus-Projekt durch und wurde in der Folge nicht mehr zur Debatte gestellt. Obwohl die trialistische Konzeption nicht mehr zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen im Ministerrat wurde, sprach man jedoch bis in die letzten Kriegswochen davon.[208]

FĂŒr die Polen in der Doppelmonarchie war die Entwicklung enttĂ€uschend, wie sich bei einer Rede BiliƄskis Anfang Oktober 1915 zeigte: Die darin enthaltenden schweren Anklagen gegen die österreichisch-ungarische Regierung, der Tadel ihres unentschlossenen Vorgehens in der Polenfrage und ihrer Nachgiebigkeit gegenĂŒber Deutschland sind trotz der maßvollen Art, in der sie vorgebracht wurden, fĂŒr die Stimmung, die selbst unter den konservativsten galizischen Politikern herrschte, symptomatisch.[209]

Die aktivistische Linke Polens unter JĂłzef PiƂsudski wollte allerdings schon Anfang 1917 vom Zusammengehen mit der „Leiche“ Habsburgermonarchie nichts mehr wissen.[210] Einige LegionĂ€re Pilsudskis, wie JĂłzef Haller, wechselten nach dem fĂŒr Polen unbefriedigenden Brotfrieden von Brest-Litowsk 1918 (in dem das Gebiet von Cholm der Ukrainie zugesprochen worden war) die Seiten und liefen zur Entente bzw. zu Dmowski ĂŒber.

UnabhÀngigkeit und Grenzen von 1772

Die drei polnischen Teilungen 1772, 1793 und 1795

Als sich der deutsche Zusammenbruch im Westen abzuzeichnen begann, waren sich alle polnischen Lager schnell darin einig, mit UnterstĂŒtzung von PrĂ€sident Wilson so schnell wie möglich die UnabhĂ€ngigkeit zu erreichen. Die Nationaldemokraten unter Pilsudskis Gegenspieler Dmowski, die sich auf die „Piasten“ beriefen, hatten (zunĂ€chst noch unter russischer Ägide) vor allem Gebietserwerbungen im Westen auf Kosten Deutschlands angestrebt. PiƂsudski und seine „Jagiellonen“ hingegen forderten vor allem im Osten gegenĂŒber Russland im Wesentlichen die Grenzen von 1772, vor den polnischen Teilungen. DarĂŒber hinaus sollten Litauer, Weißrussen, Ukrainer, Letten und Esten mit Polen einer Föderation angehören, aber im Gegensatz zum Programm Dmowskis nicht assimiliert werden. Diese Föderation im Sinne der polnisch-litauischen Union von 1569 sollte den Einfluss Polens weit nach Osten vorschieben und einen „Schutzwall“ zwischen Deutschland und Russland bilden.[211]

In einer Vielzahl von bewaffneten Konflikten, dem in Posen, gegen die Ukraine, Litauen und vor allem Sowjetrussland konnte Polen schließlich nur einen Teil der im Weltkrieg entstandenen Kriegsziele verwirklichen.

Literatur

  • Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!. In: Der Spiegel. Nr. 11, 1964 (ĂŒber die Bedeutung der Kriegsziele Deutschlands, online).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ Kriegsziele. In: Helmut M. MĂŒller: Schlaglichter der deutschen Geschichte. 3. Auflage, Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, Bonn 1996, ISBN 3-89331-264-1, S. 214f.
  2. ↑ Keith Robbins: The First World War. Oxford University Press, Oxford/New York 1984, ISBN 0-19-289149-9, S. 103f.
  3. ↑ Gerhard Ritter: Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des „Militarismus“ in Deutschland. Band 3: Die Tragödie der Staatskunst. Bethmann Hollweg als Kriegskanzler (1914–1917). MĂŒnchen 1964, ISBN 3-486-47041-8, S. 35; und Karl-Heinz Janßen: Gerhard Ritter: A Patriotic Historian’s Justification. In: Hannsjoachim W. Koch (Hrsg.): The Origins of the First World War. Great Power Rivalry and German War Aims. London 1985, S. 292–318, hier S. 302f.
  4. ↑ Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band 5: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914–1919. Stuttgart 1978, ISBN 3-17-001055-7, S. 218. Sogar als „Kriegswaffen“ wurden die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg schon bezeichnet; vgl. Erwin Hölzle: Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg. Göttingen/Frankfurt am Main/ZĂŒrich 1975, ISBN 3-7881-1681-1, S. 484.
  5. ↑ David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Artemis & Winkler, DĂŒsseldorf 2006, ISBN 3-538-07214-0, S. 187.
  6. ↑ David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Artemis & Winkler, DĂŒsseldorf 2006, ISBN 3-538-07214-0, S. 161.
  7. ↑ Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band 5: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914–1919. Stuttgart 1978, ISBN 3-17-001055-7, S. 218.
  8. ↑ Gifford D. Malone: War Aims toward Germany. In: Alexander Dallin u. a.: Russian Diplomacy and Eastern Europe 1914–1917. New York 1963, S. 124–161, hier S. 124.
  9. ↑ David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Artemis & Winkler, DĂŒsseldorf 2006, ISBN 3-538-07214-0, S. 162.
  10. ↑ Peter Graf Kielmansegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg. Frankfurt am Main 1968, S. 213.
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  12. ↑ Ulrich Cartarius (Hrsg.): Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914–1918. MĂŒnchen 1982, ISBN 3-423-02931-5, S. 181f. (Dok. Nr. 126); und Gunther Mai: Das Ende des Kaiserreichs. Politik und KriegsfĂŒhrung im Ersten Weltkrieg. MĂŒnchen 1997, ISBN 3-423-04510-8, S. 199-203.
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  14. ↑ Peter Graf Kielmansegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg. Frankfurt am Main 1968, S. 224.
  15. ↑ Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Droste, DĂŒsseldorf 1964, S. 112.
  16. ↑ Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. DĂŒsseldorf 1964, S. 125ff.; und Hans W. Gatzke: Germany's Drive to the West (Drang nach Westen). A study of Germany's western war aims during the first world war. Baltimore 1950, S. 11ff.
  17. ↑ Imanuel Geiss: Der polnische Grenzstreifen 1914–1918. Ein Beitrag zur deutschen Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg. Moll-Winter, Hamburg/LĂŒbeck 1960 (zugleich Dissertation, Hamburg 1959).
  18. ↑ Ottokar Czernin: Im Weltkriege. Berlin/Wien 1919, S. 96; und Werner Conze: Polnische Nation und Deutsche Politik im Ersten Weltkrieg. Graz/Köln 1958, S. 319.
  19. ↑ Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. DĂŒsseldorf 1964, S. 351-356.
  20. ↑ Wolfdieter Bihl (Hrsg.): Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges. Darmstadt 1991, ISBN 3-534-08570-1, S. 58f. (Dok. Nr. 16).
  21. ↑ Erich Volkmann: Die Annexionsfragen des Weltkrieges. Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919–1928. Vierte Reihe. Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918. Zweite Abteilung. Der innere Zusammenbruch. 12. Band., 1. Halbbd. Gutachten des SachverstĂ€ndigen Volkmann. Berlin 1929, S. 35 und 166.
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  25. ↑ AndrĂ© Scherer, Jacques Grunewald: L’Allemagne et les problĂšmes de la paix pendant la premiĂšre guerre mondiale. Documents extraits des archives de l'Office allemand des Affaires Ă©trangĂšres. 4 BĂ€nde (deutsche Originaldokumente), Paris 1962/1978, ISBN 2-85944-010-0, Band 1, S. 685ff. (Nr. 476)
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  35. ↑ Marshall M. Lee, Wolfgang Michalka: German Foreign Policy 1917-1933. Continuity or Break? Leamington Spa/Hamburg/New York 1987, ISBN 0-907582-52-4, S. 12; und Andreas Hillgruber: Deutschlands Rolle in der Vorgeschichte der beiden Weltkriege. Göttingen 1979, ISBN 3-525-33440-0, S. 62ff.
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  38. ↑ Wilhelm Graf Lynar (Hrsg.): Deutsche Kriegsziele 1914-1918. Eine Diskussion. Frankfurt am Main/Berlin 1964, S. 13.
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  40. ↑ Andreas Hillgruber: Großmachtpolitik und Weltmachtstreben Deutschlands. In: Andreas Hillgruber, Jost DĂŒlffer (Hrsg.): Ploetz: Geschichte der Weltkriege. MĂ€chte, Ereignisse, Entwicklungen 1900-1945. Freiburg/WĂŒrzburg 1981, ISBN 3-87640-070-8, S. 153-162, hier S. 155.
  41. ↑ George W.F. Hallgarten: Das Schicksal des Imperialismus im 20. Jahrhundert. Drei Abhandlungen ĂŒber Kriegsursachen in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt am Main 1969, S. 57ff.
  42. ↑ George W.F. Hallgarten: Das Schicksal des Imperialismus im 20. Jahrhundert. Drei Abhandlungen ĂŒber Kriegsursachen in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt am Main 1969, S. 57ff.
  43. ↑ Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918 Göttingen 1977 (=Joachim Leuschner (Hrsg.): Deutsche Geschichte“ Band 9.), S. 207; und Marshall M. Lee, Wolfgang Michalka: German Foreign Policy 1917-1933. Continuity or Break? Leamington Spa/Hamburg/New York 1987, ISBN 0-907582-52-4, S. 15.
  44. ↑ Gregor Schöllgen: „Fischer-Kontroverse“ und KontinuitĂ€tsproblem. Deutsche Kriegsziele im Zeitalter der Weltkriege. In: Andreas Hillgruber, Jost DĂŒlffer (Hrsg.): Ploetz: Geschichte der Weltkriege. MĂ€chte, Ereignisse, Entwicklungen 1900-1945. Freiburg/WĂŒrzburg 1981, ISBN 3-87640-070-8, S. 163-177, hier S. 174f.
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