Krimkrieg

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Krimkrieg
Krimkrieg
The Thin Red Line, Gemälde von Robert Gibb, von 1881, zeigt die 93rd Sutherland Highlanders im Kampf gegen russische Kavallerie bei Balaklawa
The Thin Red Line, Gemälde von Robert Gibb, von 1881, zeigt die 93rd Sutherland Highlanders im Kampf gegen russische Kavallerie bei Balaklawa
Datum 1853‚Äď1856
Ort Krim, Balkan, Schwarzes Meer, Ostsee, Pazifik
Ausgang Sieg der Alliierten
Friedensschluss Pariser Frieden
Konfliktparteien
Alliierte:
FrankreichFrankreich Frankreich
Osmanisches Reich 1844Osmanisches Reich Osmanisches Reich
Vereinigtes KonigreichVereinigtes K√∂nigreich Vereinigtes K√∂nigreich
Flag of Kingdom of Sardinia (1848).svg Königreich Sardinien

Russisches Kaiserreich 1721Russisches Kaiserreich Russland

Der Krimkrieg (auch Orientkrieg; russisch –í–ĺ—Ā—ā–ĺ—á–Ĺ–į—Ź –≤–ĺ–Ļ–Ĺ–į, Transkription Wostotschnaja woina) war ein milit√§risch ausgetragener Konflikt von eurasischem Ausma√ü. In ihm standen sich von 1853 bis 1856 Russland auf der einen und das Osmanische Reich, Frankreich, Gro√übritannien und ab 1855 auch Sardinien (der politisch pr√§gende Vorl√§uferstaat des sp√§teren Italien) auf der anderen Seite gegen√ľber. Er begann als zehnter russisch-t√ľrkischer Krieg. Der Versuch Russlands, sein Gebiet zu Lasten des zerfallenden Osmanischen Reiches zu vergr√∂√üern, wurde durch den Einsatz Gro√übritanniens und Frankreichs verhindert.

Der Krimkrieg war als erster der modernen Stellungskriege besonders verlustreich, wobei die meisten Opfer vor allem an Seuchen und Krankheiten infolge unsachgem√§√üer Wundbehandlung zugrunde gingen. Bedingt durch die damals offensichtlich gewordene schlechte Versorgung ist der Krimkrieg auch eng verkn√ľpft mit der einsetzenden Reform des britischen Lazarettwesens und in diesem Zusammenhang mit der weltber√ľhmt gewordenen Krankenschwester Florence Nightingale.

Inhaltsverzeichnis

Kriegsanlass und -ursache

Historisches Foto des Eingangs der Grabeskirche, Jerusalem

Protektorat des Zaren √ľber das Heilige Land

√Ąu√üerer Anlass des Krieges waren religi√∂se Konflikte um die Nutzung der Kirche zum Heiligen Grab in Jerusalem. Den Besitzanspruch auf diese f√ľr das Christentum als heilig geltende St√§tte teilten sich bis dahin die Anh√§nger der verschiedenen christlichen Konfessionen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatten die griechisch-orthodoxen Christen aber ihre Stellung bei der Nutzung der Kirche ausgeweitet. Die Katholiken versuchten nun, mit Unterst√ľtzung des im Dezember 1852 zum Kaiser Frankreichs ausgerufenen Napol√©on III., diese Situation zu ver√§ndern.

Ausschlaggebender Vorfall war 1847 die Entfernung des silbernen Sterns in der Geburtskirche in Bethlehem. Die Hohe Pforte unter Sultan Abd√ľlmecid I. ersetzte zwar 1852 den Stern, konnte aber nicht verhindern, dass der russische Zar Nikolaus I. zum Schutz der orthodoxen Christen im osmanischen Reich aus diesem Anlass das Protektorat verlangte, die alleinige Schirmherrschaft √ľber alle Christen im Heiligen Land (der Region Pal√§stina). Der osmanische Sultan als politischer Interessenvertreter des Islam und ‚Äď stellvertretend f√ľr die Interessen des Katholizismus ‚Äď der franz√∂sische Kaiser wollten sich mit einer russischen Vorherrschaft √ľber die Christen in Pal√§stina aber nicht einverstanden erkl√§ren.

Der ‚Äěkranke Mann am Bosporus‚Äú

Die eigentliche und tiefer liegende Ursache des Krieges war jedoch der innere Zerfall des Osmanischen Reiches, das von vielen Medien der Zeit als Kranker Mann am Bosporus persifliert wurde. Russland sah darin eine Chance, seine Macht in Europa auszubauen und insbesondere einen Zugang zum Mittelmeer und zum Balkan zu bekommen. Die osmanische Herrschaft auf dem Balkan schien gef√§hrdet, und Russland dr√§ngte darauf, die Kontrolle √ľber die wichtigen Meerengen des Bosporus und der Dardanellen zu erhalten. Schon fr√ľher hatte der russische Zar vergeblich versucht, die Regierungen √Ėsterreichs und Gro√übritanniens f√ľr eine Aufteilung des Osmanischen Reiches zu gewinnen. Gro√übritannien und Frankreich sperrten sich aber gegen diese russische Expansion. Sie wollten nicht, dass die Schl√ľsselpositionen in russische H√§nde fielen, und unterst√ľtzten die Osmanen, um den Status quo zu erhalten und damit ihre eigene Macht in S√ľdosteuropa an den osmanischen Grenzen zu sichern. In der sogenannten Orientalischen Frage √ľber Sein oder Nichtsein des Reiches waren sie der Meinung, dass das Osmanische Reich, das in jener Zeit noch immer eine gewaltige Ausdehnung besa√ü, erhalten werden m√ľsse. Sein Zusammenbruch h√§tte ein Machtvakuum verursacht. F√ľr Gro√übritannien, den zur damaligen Zeit wichtigsten Handelspartner des Osmanischen Reiches, ging es au√üerdem darum, die Verbindungswege nach Indien zu kontrollieren und die Vormachtsbestrebungen Russlands in Asien zu unterbinden (The Great Game).

Panslawismus

Zar Nikolaus I.

Russlands Motiv, das Osmanische Reich zu zerschlagen, lag jedoch nicht allein in geopolitischen Interessen begr√ľndet. Es basierte auch auf dem in gro√üen Teilen der russischen Gesellschaft seit Beginn des 19. Jahrhunderts verbreiteten Panslawismus und dem Wunsch, die orthodoxen slawischen V√∂lker des Balkans von der osmanischen Herrschaft zu befreien. Meldungen √ľber blutige Niederschlagungen regelm√§√üig aufflackernder Freiheitsk√§mpfe der Balkanslawen emp√∂rten die russische √Ėffentlichkeit und lie√üen dort Rufe nach einem Eingreifen laut werden. Auch in der zeitgen√∂ssischen russischen Literatur finden sich Zeugnisse der vorherrschenden Stimmungen, so beispielsweise in Turgenews Roman Am Vorabend. Im Zeitalter der europaweit verbreiteten Nationalismen wurde Russland von vielen slawischen Bev√∂lkerungsgruppen als nat√ľrliche Schutzmacht der Balkanslawen betrachtet.

Kriegsverlauf

Menschikows Mission

F√ľrst Menschikow

Ende Februar 1853 wurde F√ľrst Menschikow vom Zaren nach Konstantinopel entsandt. Menschikow √ľberbrachte eine Reihe von Forderungen an das Osmanische Reich, wobei offensichtlich banale Forderungen mit solchen, die f√ľr den Sultan unerf√ľllbar waren, verbunden wurden. So wurde das Vorrecht orthodoxer Christen an den heiligen St√§tten des Christentums und die Ausbesserung der Kuppel √ľber dem Christusgrab verlangt, allerdings ohne Mitwirkung der Katholiken. Der Sultan war zun√§chst bereit, einen Teil dieser Forderungen zu erf√ľllen. Doch Russland stellte weitere Bedingungen, und Menschikow provozierte durch sein Auftreten den Abbruch der Verhandlungen. Der Sultan lehnte schlie√ülich, unterst√ľtzt durch den britischen Botschafter, die russischen Forderungen ab. Dadurch hatte Russland den Vorwand f√ľr die milit√§rische Eskalation des Konflikts. Menschikow reiste am 21. Mai 1853 zur√ľck, Russland brach die diplomatischen Beziehungen zum Osmanischen Reich ab und begann mit der Besetzung der Donauf√ľrstent√ľmer Moldau und Walachei.

Kampfhandlungen an der Donau

Die russische Flotte zerstört die osmanische in der Seeschlacht bei Sinope. Bild von Iwan Aiwasowski

Am 3. Juli 1853 besetzten 80.000 russische Soldaten unter F√ľrst Michael Gortschakow die Donauf√ľrstent√ľmer Walachei und Moldau. Das Osmanische Reich erkl√§rte am 16. Oktober 1853 Russland den Krieg, nachdem mehrere diplomatische Versuche zur Beilegung des Konflikts gescheitert waren. Der osmanische General Omar Pascha r√ľckte daraufhin gegen die russische Armee an der Donau vor und errang am 4. November einen ersten Sieg bei Oltenitza.

Am 30. November desselben Jahres griff die russische Schwarzmeerflotte mit sechs Linienschiffen, zwei Fregatten und drei Dampfern unter Vizeadmiral Nachimow den osmanischen Hafen Sinope an. Mit von Bombenkanonen abgefeuerten Sprenggranaten schossen die Russen in der Seeschlacht bei Sinope s√§mtliche dort liegenden Schiffe des osmanischen Vizeadmirals Osman Pascha mit 4.000 Marinesoldaten an Bord in Brand.[1] Von den osmanischen sieben Fregatten und f√ľnf Korvetten √ľberstand nur ein nach Konstantinopel fliehendes Schiff die Schlacht.

Napoleon III. unternahm am 29. Januar 1854 mit einem eigenh√§ndigen Schreiben an den Zaren einen letzten Vermittlungsversuch. Diesen lehnte Nikolaus I. aber mit einem f√ľr Frankreich provozierenden Hinweis auf die Niederlage Napol√©on Bonapartes im Russlandfeldzug ab. Die Stimmung der Bev√∂lkerung in Frankreich richtete sich daraufhin gegen Russland. Am 12. M√§rz 1854 schlossen Frankreich und Gro√übritannien einen Kriegshilfevertrag mit dem Osmanischen Reich. Am 27. und 28. M√§rz 1854 erkl√§rten sie Russland den Krieg, um eine russische Machtausweitung zu verhindern. Beide L√§nder hatten ihre Mittelmeerflotten bereits im Juni 1853 in die Einfahrt zu den Dardanellen und am 3. Januar 1854 ins Schwarze Meer entsandt.[2] Im April 1854 landeten die Alliierten bei Gallipoli ihre Expeditionstruppen an, um einen m√∂glichen russischen Vorsto√ü nach Konstantinopel zu verhindern. Am 22. April beschossen alliierte Schiffe zehn Stunden lang Odessa.

Omar Pascha

Auf ausdr√ľcklichen Wunsch von Nikolaus I. √ľbernahm Iwan Fjodorowitsch Paskewitsch im April 1854 den Oberbefehl an der Donau. Er begann am 14. April mit der Belagerung der strategisch wichtigen Festung Silistra. Omar Pascha f√ľhrte am 10. Juni eine Entsatzarmee heran und war in den K√§mpfen vor Silistria erneut siegreich. Paskewitsch verletzte sich zwischenzeitlich und wurde erneut durch Gortschakow ersetzt. Die osmanische Armee k√§mpfte, nicht zuletzt aufgrund der Reformen durch preu√üische Offiziere wie Helmuth Karl Bernhard von Moltke, deutlich erfolgreicher als im Russisch-T√ľrkischen Krieg von 1828 bis 1829. Die Belagerung von Silistria musste deshalb am 23. Juni, nach 55 Tagen, von den Russen aufgegeben werden, und Omar Pascha r√ľckte am 22. August in Bukarest ein.[3]

√Ėsterreich, das erst in der Revolution von 1848/49 mit Russlands Hilfe vor dem Zerfall gerettet worden war, ‚Äěeilte die Welt mit seiner Undankbarkeit zu verbl√ľffen‚Äú, wie ein Zeitzeuge schrieb. Am 3. Juni 1854 forderte √Ėsterreich Russland auf, sich aus den Donauf√ľrstent√ľmern zur√ľckzuziehen, und besetzte diese nach dem russischen Abzug selbst. In die Kampfhandlungen griff √Ėsterreich aber nicht ein. Im Oktober 1854 wurden jedoch 300.000 Mann an der russischen Grenze zusammengezogen, wodurch erhebliche russische Streitkr√§fte gebunden wurden. Auf diese Weise spielte √Ėsterreich eine wichtige Rolle im Krimkrieg, obwohl es sich nicht aktiv am Kriegsgeschehen beteiligte ‚Äď und ver√§rgerte letztlich beide Parteien.[4]

Aufmarsch der Alliierten

Saint-Arnaud

Am 31. Mai 1854 landeten die ersten alliierten franz√∂sisch-britischen Truppen bei Warna. Das franz√∂sische Kontingent bestand aus vier Infanteriedivisionen, 8,5 Feldbatterien und Chasseurs d‚ÄôAfrique (J√§ger zu Pferde). Insgesamt umfasste die franz√∂sische Armee ca. 30.000 Mann und 68 Gesch√ľtze.

Das britische Kontingent bestand aus f√ľnf Infanterie- und einer Kavalleriedivision mit ca. 26.000 Mann und 60 Gesch√ľtzen.

Schon kurz nach der Ankunft der Truppen in Warna traten die ersten Verluste bei den Verb√ľndeten durch Krankheiten auf. Unter den schlechten medizinischen Bedingungen litten die Alliierten w√§hrend des gesamten Krieges.

Am 25. Juni beauftragte Lord Raglan den Chef der leichten Kavallerie, Lord Cardigan, landeinw√§rts zu marschieren, um die russischen Stellungen zu erkunden. Am 29. Juni erreichten diese Truppen Karasu, um festzustellen, dass die Russen ihren R√ľckzug hinter die Donau, sp√§ter hinter den Pruth, begonnen hatten. Cardigan kehrte daraufhin nach Warna zur√ľck, das er am 11. Juli erreichte.

Die westlichen Alliierten waren entt√§uscht vom freiwilligen R√ľckzug der Russen. Dieser R√ľckzug hatte ihren Kriegsgrund √ľberfl√ľssig gemacht. Aber Napol√©on III. suchte einen milit√§rischen Erfolg, um seinen Gro√ümachtambitionen gerecht zu werden, und Premierminister Lord Aberdeen erwartete vom Krieg einen Sympathiegewinn bei der antirussisch eingestellten britischen √Ėffentlichkeit. Frankreich und das Vereinigte K√∂nigreich weigerten sich daher, einen Waffenstillstand ohne einen deutlichen Sieg √ľber Russland abzuschlie√üen. Da ein Marsch ins Innere des russischen Reiches aussichtslos erschien, beschlossen die Alliierten, die russische Festung Sewastopol auf der Halbinsel Krim anzugreifen.

Obwohl der Angriff auf die Krim schon beschlossen war, marschierten drei franz√∂sische Divisionen Ende Juli in die Dobrudscha, um ein vermeintlich dort stehendes russisches Korps zu bek√§mpfen. Diese Expedition wurde zu einem Desaster. Nachdem die Franzosen 7.000 Mann durch die Cholera verloren hatten, kehrten sie nach Warna zur√ľck.[6] Am 7. September schifften sich die Alliierten schlie√ülich ein, um die Krim anzugreifen.

Kämpfe im Ostseeraum

Beschuss von Bomarsund

Bereits am 11. März 1854 liefen die ersten britischen Kriegsschiffe unter Admiral Charles John Napier in die Ostsee aus, um russische Häfen zu blockieren (und um einer möglichen nordischen Allianz zuvorzukommen, die im Rahmen bewaffneter Neutralität zum Schutz ihres Russland-Handels eventuell die Ostseezugänge gesperrt hätte). Da die russische Flotte sich nicht zum Kampf stellte, wurden in den folgenden Wochen russische Werften und Häfen in Finnland angegriffen oder beschossen.

Im August 1854 griffen die Alliierten mit ca. 12.000 Mann Landungstruppen unter General Baraguay d'Hilliers die Festung Bomarsund an. Die Besatzung der Festung verf√ľgte zwar √ľber Hunderte von Gesch√ľtzen, die Verteidigung zur Landseite war aber schwach. Zudem war die Festung noch nicht g√§nzlich fertiggestellt. Die Russen unter General Bodisco kapitulierten am 16. August; √ľber 2.200 Russen gingen in Gefangenschaft. Nach Besetzung der Inseln wurden die Forts der Festung gesprengt[7].

1855 bombardierten die Alliierten zwei Tage lang die Docks in Suomenlinna/Sveaborg vor Helsinki. Mehr als 1.000 Gesch√ľtze feuerten √ľber 20.000 Schuss ab.

Kämpfe im Fernen Osten

Am 18. August 1854 unternahm ein aus drei Fregatten, zwei Korvetten und einem Dampfschiff bestehender britisch-franz√∂sischer Schiffsverband einen Angriff auf die russische Stadt Petropawlowsk auf Kamtschatka. Die Stadt war jedoch in den Jahren zuvor dank der Voraussicht des Fernost-Gouverneurs Nikolai Murawjow-Amurski befestigt worden. Die Russen hatten nur eine kleine Garnison aus mehreren hundert Mann und 67 Kanonen. Ihnen standen zahlenm√§√üig √ľberlegene alliierte Landungstruppen und 218 Schiffskanonen gegen√ľber. Nach langem Beschuss landeten ca. 600 Soldaten s√ľdlich der Stadt, wurden jedoch nach schweren Gefechten von 230 Verteidigern abgewehrt und zum R√ľckzug gezwungen. Am 24. August landeten weitere 970 Alliierte √∂stlich der Stadt, konnten sich aber ebenfalls nicht gegen 360 Russen durchsetzen. Danach verlie√üen die Schiffe russische Gew√§sser. Die Verluste der Russen betrugen ca. 100 Mann, die der Briten und Franzosen waren ungef√§hr f√ľnfmal h√∂her.

Der Krieg auf der Krim

Schlacht an der Alma

Historische Karte der Halbinsel Krim, um 1888

Am 12. September 1854 erreichten die verb√ľndeten Briten und Franzosen die Bucht von Jewpatorija n√∂rdlich von Sewastopol auf der Krim. Vom 14. bis zum 19. September landeten sie ihre Truppen. Am 19. September marschierten die Alliierten landeinw√§rts, wo sie am Fluss Alma von den Russen unter F√ľrst Menschikow, der inzwischen Oberbefehlshaber der russischen Truppen geworden war, erwartet wurden. Menschikow hatte eine gut ausgebaute Stellung bezogen. Nach Schwierigkeiten bei der Koordination des Angriffs der Alliierten zwischen den Oberbefehlshabern Marschall Arnaud und Lord Raglan konnten die Alliierten in der Schlacht an der Alma am 20. September den ersten Sieg erringen.

Am 9. Oktober begannen die alliierten Truppen mit der Einschlie√üung Sewastopols. Die russische Schwarzmeerflotte hatte sich im Hafen der Stadt versenkt und verhinderte damit einen von See unterst√ľtzten Angriff der Alliierten. Die Befestigungsanlagen waren haupts√§chlich nach Norden zur Seeseite ausgerichtet.

Aus diesem Grund entschieden sich die Alliierten, Sewastopol von S√ľden zu belagern, wobei eine vollst√§ndige Einschlie√üung der Stadt nie gelang. Der deutschbaltische Ingenieuroffizier und sp√§tere General Eduard Iwanowitsch Totleben lie√ü kurzfristig ein System von Feldschanzen, Batteriestellungen und Sch√ľtzengr√§ben anlegen, das die fast einj√§hrige Verteidigung der Festung erm√∂glichte.

Die Belagerung war gekennzeichnet durch katastrophale medizinische Zust√§nde bei den Alliierten. So starben der franz√∂sische und der britische Oberbefehlshaber Saint-Arnaud und Raglan und der Befehlshaber der franz√∂sischen Flotte Armand Joseph Bruat an der Cholera. Schon kurz nach Beginn der Belagerung musste Saint-Arnaud wegen Krankheit den Oberbefehl an General Canrobert abgeben. Er starb drei Tage danach am 29. September 1854 an Bord der Bertholet, die ihn nach Frankreich zur√ľckbringen sollte.

Balaklawa ‚Äď Der Todesritt der Leichten Brigade

Charge of the Light Brigade (‚ÄěAttacke der Leichten Brigade‚Äú), Gem√§lde von Richard Caton Woodville junior
Der Nachschubhafen der Briten bei Balaklawa

Ein Versuch der Russen, die Belagerung zu beenden, f√ľhrte am 25. Oktober 1854 zur Schlacht von Balaklawa. W√§hrend der Belagerung von Sewastopol hatten die Briten ihre Basis in der Hafenstadt Balaklawa errichtet. Die Russen hatten eine Entsatzarmee aus Bessarabien herangef√ľhrt und sich etwa 8 Kilometer entfernt mit 25.000 Mann und 78 Kanonen unter ihrem Befehlshaber Graf Liprandi versammelt. Liprandi besetzte die H√∂hen, und der Weg zum Hafen schien frei zu sein. Allerdings z√∂gerten die Russen, so dass Lord Raglan Zeit hatte, seine Truppen heranzuf√ľhren. Nach dem erfolgreichen Einsatz der schweren Kavalleriebrigade kam es zum Todesritt der Leichten Brigade (engl. Charge of the Light Brigade). Diese Attacke in ein Tal, das von drei Seiten von russischer Artillerie eingeschlossen wurde, erlangte auf Grund ihrer gro√üen Verluste und der Verwirrungen bei der Befehls√ľbermittlung, die zum Angriff gef√ľhrt hatten, eine tragische Ber√ľhmtheit. Die Schlacht endete unentschieden und f√ľhrte nicht zur Aufhebung der Belagerung.

Die Schlacht von Inkerman

Am Tag nach der Schlacht von Balaklawa griffen die Russen die Stellung der britischen 2. Division bei Inkerman an, wurden aber durch heftiges Artilleriefeuer zur√ľckgetrieben. Die Russen verloren 270 Mann, die Briten 100. Die K√§mpfe gingen als Little Inkerman in die Geschichte ein, da wenige Tage sp√§ter eine gr√∂√üere Schlacht an derselben Stelle gef√ľhrt werden sollte.

Am 5. November 1854 versuchten die eingeschlossenen Russen einen Ausfall gegen die britischen Truppen, der zur Schlacht von Inkerman f√ľhrte. Die Russen gingen in drei Abteilungen vor. W√§hrend General Gortschakow die Franzosen mit 22.000 Mann binden sollte, griffen General Soimonov und General Paulov die Briten mit insgesamt 35.000 Mann an. Die Russen versuchten, den Briten in die Flanke zu fallen, indem sie die H√ľgel am n√∂rdlichen Ende der britischen Stellung besetzten. Ca. drei Stunden lang verteidigten ungef√§hr 8.000 Briten ihre Stellung gegen rund 30.000 Russen in erbitterten K√§mpfen. Dann griffen franz√∂sische Zuaven und Fremdenlegion√§re die Russen wiederum in der Flanke an und zwangen sie zum R√ľckzug.

Belagerung Sewastopols

Zeitgenössische Karte der Belagerung von Sewastopol

Ab Oktober 1854 bombardierten die Kriegsparteien die feindlichen Stellungen mit bis dahin nicht gekanntem Munitionseinsatz. Am 9. April 1855 begann ein besonders intensiver Beschuss der Stadt. Der britische Chefingenieur John Fox Burgoyne sah das Zentrum der russischen Stellung im Fort Malakow und konzentrierte das Feuer der Alliierten dorthin.

Im Mai 1855 standen 35.000 Briten und 100.000 Franzosen auf der Krim. Ende Mai trafen dazu noch 14.000 Italiener aus dem Königreich Sardinien ein.[8] Sardinien war zuvor nach einer am 26. Januar 1855 in Turin unterzeichneten Vereinbarung auf Seiten der Alliierten in den Krieg gegen Russland eingetreten.[9] Kommandiert wurden diese Truppen von Alfonso La Marmora.

Der russische Oberbefehlshaber Menschikow wurde durch F√ľrst Michael Gortschakow ersetzt, der schon 1853 den Angriff auf die Donauf√ľrstent√ľmer und Silistria gef√ľhrt hatte.

Anfang Mai unternahmen die Alliierten eine Expedition nach Kertsch im S√ľdosten der Krim. Die britische Highland Brigade, die Rifle Brigade, die Royal Marines und 8.500 franz√∂sische Soldaten wurden unter dem Kommando von Sir George Brown eingeschifft, kehrten aber zur√ľck, ohne die Stadt anzugreifen. Der Grund daf√ľr war ein telegraphischer Befehl des franz√∂sischen Kaisers. Das Verh√§ltnis zwischen den Alliierten hatte durch den Abbruch der Expedition gelitten. Canrobert legte, da er trotz aller Anstrengungen keine entscheidenden Erfolge erringen und sich mit den Briten nicht verst√§ndigen konnte, am 16. Mai 1855 das Kommando nieder, um General Aimable P√©lissier Platz zu machen, und √ľbernahm erneut das Kommando des I. Korps. Bei einer zweiten Expedition nach Kertsch einige Wochen sp√§ter wurde die Stadt zerst√∂rt.

Am 28. Juni 1855 starb Lord Raglan an der Cholera, sein Nachfolger wurde Sir James Simpson und nach dessen R√ľcktritt am 11. November, William John Codrington. Am 11. Juli starb auch der von einem Scharfsch√ľtzen t√∂dlich verwundete Admiral Nachimow, der bis dahin die Verteidigung der Stadt und ihres Hafens geleitet hatte.

Die alliierten Flotten beherrschten das Schwarze Meer, versenkten Transportschiffe und beschossen sowohl milit√§rische als auch zivile Objekte an der K√ľste. Am 16. August versuchten die Russen in der Schlacht bei Tschernaja noch einmal vergeblich die Belagerung aufzuheben.

Der Kampf um die Festung Sewastopol erreichte nach fast einj√§hriger Belagerung seinen H√∂hepunkt und den gleichzeitigen Abschluss mit der Erst√ľrmung des Forts Malakow. Nach dreit√§giger Bombardierung der Stadt durch 775 britische und franz√∂sische Gesch√ľtze griffen drei franz√∂sische und zwei britische Divisionen an mehreren Stellen die Festung an. Nach der Eroberung Malakows durch Franzosen unter dem Kommando der Generale Patrice de Mac-Mahon und Pierre Bosquet am 8. September 1855 mussten die russischen Verteidiger die gesamte Stadt Sewastopol r√§umen. Da die Festung die Kontrolle des Schwarzmeerhafens von Sewastopol erm√∂glichte, sprengten die russischen Truppen die Anlagen und zogen sich zur√ľck.

Der Krieg in Transkaukasien

Nikolai Murawjow

Auf dem asiatischen Kriegsschauplatz, auf den die westlichen Alliierten des Osmanischen Reiches nur einige wenige Milit√§rberater entsandt hatten, k√§mpften die Russen erfolgreicher. F√ľr die Verteidigung des armenischen Hochlandes hatten die Osmanen die Armeekorps von Kleinasien, Mesopotamien und ein Teil des Korps von Syrien im Grenzgebiet konzentriert. Am 26. November 1853 schlug General Iwane Andronikaschwili mit 10.000 Mann das t√ľrkische Hauptkorps bei Suplis in die Flucht. General Bebutow siegte an der Spitze eines Korps der kaukasischen Armee am 1. Dezember 1853 bei Kadiklar √ľber Abdi Pascha, wodurch die beabsichtigte Invasion der T√ľrken in das russische Armenien vereitelt wurde. Der t√ľrkische Befehlshaber in Ostanatolien, Abdi Pascha, wurde daraufhin abgesetzt und vor ein Milit√§rgericht gestellt. Sein Nachfolger wurde Achmet Pascha. Am 16. Juni 1854 war Andronikaschwili gegen 30.000 T√ľrken bei Osurgeti erneut erfolgreich und konnte Mingrelien f√ľr Russland sichern.

Im Juli 1854 drang der russische General Wrangel ins t√ľrkische Armenien ein. Am 29. Juli schlug er eine t√ľrkische Division bei Bajesid. Der t√ľrkische Befehlshaber Zarif Mustapha Pascha griff im August mit mehr als 40.000 Mann die Russen an. Bei Kurukdere stie√ü er am 5. August 1854 auf F√ľrst Bebutow. In einer f√ľnfst√ľndigen Schlacht konnten die Russen die t√ľrkische Armee zwar schlagen, waren aber aufgrund ihrer eigenen hohen Verluste nicht in der Lage, den Sieg auszunutzen und die wichtige Festung Kars einzunehmen.

1855 wurde General Murawjow zum Oberbefehlshaber der kaukasischen Armee ernannt. Er marschierte im Juni 1855 im osmanischen Teil Armeniens ein und wurde dort von der Bev√∂lkerung freudig begr√ľ√üt. Mit 40.000 Mann erreichte er Kars im Nordosten Anatoliens. Die 30.000 Verteidiger unter dem britischen Offizier William Fenwick Williams konnten den Angriff der Russen zun√§chst abwehren. Daraufhin f√ľhrte Murawjow die Belagerung der Festung von Anfang Juni bis Ende November 1855. Omar Pascha, der in den Donau-F√ľrstent√ľmern so erfolgreich war, informierte daraufhin am 11. Juli die Alliierten, dass er seine Truppen von der Krim nach Kleinasien verlegen w√ľrde. Die Alliierten waren gegen diese Entscheidung und stimmten dem Plan erst im September zu. Omar Paschas Ablenkungsangriff auf Kutaissi wurde schlie√ülich von General Bebutow vereitelt. Am 29. November musste die osmanische Besatzung schlie√ülich wegen der schlechten Versorgungslage kapitulieren und Murawjow konnte die Stadt einnehmen. Dieser Erfolg gestattete Russland, trotz des Verlustes von Sewastopol, moderate Friedensverhandlungen zu f√ľhren.[10]

Kriegsende

Zar Alexander II.

Nach der Eroberung Sewastopols plante Napol√©on III., ins Landesinnere vorzur√ľcken, um durch den zu erwartenden Erfolg aus dem Schatten seines Onkels zu treten. Seine Gener√§le rieten aber von einem solchen Abenteuer ab. Auch die Stimmung in Frankreich war wegen der Dauer des Feldzuges und der hohen Verluste umgeschlagen. Prinz Plon-Plon, der Cousin des Kaisers, hatte √ľberdies die Truppe verlassen, was zu Diskussionen in der franz√∂sischen √Ėffentlichkeit f√ľhrte. Napol√©on III. fand sich angesichts all dessen zu Friedensverhandlungen bereit.[11]

Im November 1855 besuchte der neue russische Zar Alexander II. die Krim. Dort √ľberzeugte auch er sich von der Notwendigkeit, Frieden zu schlie√üen.

Am 30. M√§rz 1856 schloss Russland mit seinen Kriegsgegnern ‚Äď dem Osmanischen Reich, Gro√übritannien, Frankreich und Sardinien sowie den nicht kriegf√ľhrenden Staaten Preu√üen und √Ėsterreich ‚Äď den Frieden von Paris oder Dritten Pariser Frieden. Darin wurde die Integrit√§t der T√ľrkei erkl√§rt. Die Donaum√ľndungen und ein Teil Bessarabiens gingen an das F√ľrstentum Moldau. Die Schifffahrt auf der Donau wurde freigegeben, die Kommission der Donau-Uferstaaten gegr√ľndet und das Schwarze Meer zu einem neutralen Gebiet erkl√§rt.

Politische, militärische und publizistische Bedeutung

Politische Bedeutung

M√§rz 1856: Gesandte beim Pariser Kongress, der zum Pariser Frieden f√ľhrte

Der Krimkrieg hatte milit√§rhistorisch und politisch eine hohe Bedeutung f√ľr die Machtentwicklung und -verteilung unter den europ√§ischen Staaten. Diesbez√ľglich bildete der Krieg bzw. das Friedensabkommen von Paris die zweite machtpolitische Z√§sur des 19. Jahrhunderts in Europa nach dem Wiener Kongress von 1815.

Bedeutung f√ľr den Deutschen Bund

Ein Resultat des Krimkriegs war das Ende der ‚ÄěHeiligen Allianz‚Äú zwischen √Ėsterreich, Russland und dem im Krieg neutral gebliebenen Preu√üen. Die Beziehungen zwischen Preu√üen und Russland verbesserten sich. √Ėsterreichs Beziehungen zu Preu√üen wurden angespannter, zu Russland waren sie zerr√ľttet.

√Ėsterreich lief Gefahr, von Gro√übritannien und Frankreich unter Napol√©on III., der diplomatisch ebenfalls n√§her an Russland heranr√ľckte, isoliert zu werden. Damit ver√§nderte sich die europ√§ische M√§chtekonstellation zu Ungunsten √Ėsterreichs nachhaltig; eine Konstellation, die seit dem Wiener Kongress zwischenstaatlich ‚Äď trotz vieler innerer Unruhen in den jeweiligen Staaten ‚Äď relativ stabil schien.

Der Aufwand f√ľr die Mobilisierung der Truppen, die zur Machtdemonstration gegen√ľber Russland entsandt wurden, brachte √Ėsterreich an den Rand des finanziellen Ruins. Dies f√ľhrte zu nachhaltigen Einsparungen in der Armee.[12] Die bis dahin pr√§gende Vormachtstellung √Ėsterreichs im Deutschen Bund wurde bedr√§ngt durch die zunehmende wirtschaftliche und politische Entfaltung der preu√üischen Monarchie, besonders ab 1862 unter der von K√∂nig Wilhelm I. eingesetzten Regierung des Ministerpr√§sidenten Otto von Bismarck. Schlie√ülich kam es 1866 zum ‚ÄěDeutschen Krieg‚Äú, der mit dem Sieg Preu√üens (und Italiens) und der Aufl√∂sung des Deutschen Bundes endete. Diesen Krieg verlor √Ėsterreich nicht zuletzt wegen der zuvor gemachten Einsparungen.

Bedeutung f√ľr Italien

Die Schw√§chung √Ėsterreichs f√ľhrte zu einer St√§rkung der Position des K√∂nigreichs Sardinien, das seit den niedergeschlagenen bzw. im Ergebnis zumindest abgeschw√§chten b√ľrgerlichen 1848/49er-Revolutionen eine Vorreiterrolle in der italienischen Einigungsbewegung, dem Risorgimento, innehatte. Durch die Beteiligung am Krimkrieg gelang es K√∂nig Viktor Emanuel II. und seinem Premierminister Cavour, die italienische Frage auf die politische Agenda Frankreichs zu bringen, das er als Verb√ľndeten im Kampf gegen die Gro√ümacht √Ėsterreich als unverzichtbar erachtete. Im Juli 1858 schloss er mit Napol√©on III. in Plombi√®res-les-Bains einen Geheimvertrag. Im B√ľndnis mit Frankreich konnte schlie√ülich die Einigung Italiens unter F√ľhrung Sardiniens gegen √Ėsterreich nach dem Sardinischen Krieg bis 1861 durchgesetzt und der italienische Nationalstaat als konstitutionelle Monarchie gegr√ľndet werden (vgl. K√∂nigreich Italien).

Bedeutung f√ľr Russland

Der Krimkrieg beendete die dominierende Rolle, die Russland nach dem Ende der napoleonischen Kriege in Europa gespielt hatte. Als Reaktion auf die bei der Niederlage im Krimkrieg zutage getretene strukturelle und technologische R√ľckst√§ndigkeit Russlands, das unter anderem durch die fortdauernde Leibeigenschaft der Kleinbauern und dem daraus resultierenden Mangel an Arbeitskr√§ften einen erheblichen Aufholbedarf in der Industrialisierung aufwies, nahm Zar Alexander II. weitreichende Reformen in Verwaltung, Bildung und in der zarischen Armee in Angriff. Wesentlichste Bestandteile waren seit 1861 die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Erneuerung der Milit√§rorganisation. Alexander setzte diese Reformen gegen gro√üe Widerst√§nde der russischen Aristokratie durch. Die vom Zaren eingeleiteten Reformen betrafen auch das durch Personalunion mit Russland verbundene K√∂nigreich Polen (sog. Kongresspolen, da es keinen unabh√§ngigen Staat bildete und ein Konstrukt des Wiener Kongresses war). Eine Zeit der Liberalisierung setzte ein, und der polnischen Bev√∂lkerung wurden weitergehende Rechte auf konservativer Grundlage (Adelsprivilegien) einger√§umt.

Die durch den Krimkrieg und die darauf folgenden Reformen verursachten Kosten sowie ein neues Gef√ľhl der Verwundbarkeit waren die Gr√ľnde f√ľr den Verkauf Alaskas an die USA im Jahre 1867.

Bedeutung f√ľr das Osmanische Reich

Im Frieden von Paris wurde die territoriale Unabh√§ngigkeit und Unverletzlichkeit des Osmanischen Reichs garantiert. Im Friedensvertrag wurde formuliert, jeden Akt und jedes Ereignis, das die Integrit√§t des Osmanischen Reiches in Frage stellt, als Frage europ√§ischen Interesses zu sehen.[13] Die gemachten Eroberungen wurden gegenseitig herausgegeben, doch musste Russland unter der Bezeichnung ‚ÄěGrenzberichtigung‚Äú zugestehen, dass ein Teil Bessarabiens mit der Festung Ismail mit dem F√ľrstentum Moldau wiedervereinigt wurde. Den Donauf√ľrstent√ľmern Moldau und Walachei wurde die Aufrechterhaltung ihrer alten Privilegien und Immunit√§ten zugesichert und diese unter der Garantie der Vertragsm√§chte gestellt.

Bedeutung f√ľr Frankreich

Die unter Leitung des franz√∂sischen Kaisers Napol√©on III. stattfindenden Friedensverhandlungen in Paris verhalfen Frankreich zu einer neuen F√ľhrungsrolle unter den europ√§ischen M√§chten, die Russland infolge seiner Niederlage verloren hatte.

Frankreich war seit dem Wiener Kongress von 1815 bis zum Krimkrieg ein im diplomatischen Sinn von den Herrschern seiner einflussreicheren √∂stlichen Nachbarl√§nder misstrauisch be√§ugtes und dadurch in gewissem Sinn ‚Äěkontrolliertes‚Äú Staatswesen, das in Folge der Julirevolution von 1830 und der Februarrevolution 1848 f√ľr alle europ√§ischen Staaten als revolution√§rer Unruheherd gegolten hatte. Durch den Krimkrieg trat das Land aus seiner diplomatischen Isolation heraus. Der Abschluss des Friedensvertrages in Paris war dabei von hoher symbolischer Bedeutung f√ľr das au√üenpolitische Gewicht Napol√©ons III.

Bedeutung f√ľr das Vereinigte K√∂nigreich

Die Misswirtschaft des Krimkrieges f√ľhrte zu einem rapiden Verlust an Popularit√§t der Regierung Aberdeen. Im Februar 1855 wurde sie zum R√ľcktritt gezwungen, und Palmerston √ľbernahm die Bildung eines neuen Kabinetts. Der sp√§tere britische Premierminister Disraeli erkl√§rte den Krieg aus einer von S√ľdasien eingenommenen Perspektive zu einem ‚Äěindischen Krieg‚Äú.

Militärisch

Nach 25 Jahren des Oberbefehls von Wellington war eine Stagnation in der Ausbildung der britischen Armee zu beobachten; dies wurde im Krimkrieg deutlich. Die schlechte Organisation des britischen Heeres f√ľhrte unter anderem im Februar 1855 zum Sturz der Regierung Aberdeen. Der neue Oberbefehlshaber der britischen Armee ‚Äď Henry Hardinge, 1. Viscount Hardinge ‚Äď wurde von Prinz Albert aufgefordert, die Ausbildung der britischen Armee zu verbessern. So wurde das Lager Aldershot (The Home of the British Army) errichtet. Aldershot galt im viktorianischen Gro√übritannien als Synonym f√ľr die Ausbildung der britischen Armee.

Im rein technischen Sinn war der Krimkrieg allerdings der erste moderne Krieg der Weltgeschichte. Zum ersten Mal wurden auf britischer Seite Infanterieeinheiten eingesetzt, die durchgehend Gewehre mit gezogenen L√§ufen einsetzten. Es handelte sich dabei um die Enfield-Rifled Musket, einen Vorderlader vom Typ Mini√©gewehr mit 99 cm Laufl√§nge im Kaliber .577 Zoll bzw. 14,66 mm, der 1852 eingef√ľhrt worden war und eine wirksame Reichweite von 800 Metern aufwies, im Massenfeuer bis 1.000 Metern. Auf russischer Seite hingegen wurden noch glattl√§ufige Musketen eingesetzt mit einer wirksamen Reichweite von etwa 200 Metern. Der Erfolg des britischen Enfield-Gewehrs f√ľhrte dazu, dass Preu√üen und alle anderen Gro√ü- und Mittelm√§chte ihre gesamte Infanterie nunmehr durchgehend mit gezogenen Gewehren ausr√ľsteten, was vorher den sogenannten J√§gertruppen vorbehalten gewesen war. Die Wirkung dieses Gewehrs war f√ľr die Milit√§rs derma√üen beeindruckend, dass schon kurz nach dem Krieg - bald wieder hinf√§llige - √úberlegungen angestellt wurden, k√ľnftig auf Artillerie ganz zu verzichten.

Erstmals kamen mit Stahlplatten gepanzerte Dampfkriegsschiffe zum Einsatz, die die franz√∂sische und britische Marine nach dem Krieg zu sogenannten Ironclads weiterentwickelten. Der Dampfantrieb erm√∂glichte eine h√∂here Geschwindigkeit und Unabh√§ngigkeit vom Wind. Ebenfalls neu war die moderne Artillerie mit Explosivgranaten. W√§hrend der Belagerung von Sewastopol hatten die Briten ihre Basis in der Hafenstadt Balaklawa. Sie bauten deshalb 1855 hier die erste strategische Bahnstrecke in der Geschichte der Eisenbahn, um ihren Nachschub von Balaklawa zum Lager der britisch-franz√∂sischen Belagerungsarmee vor Sewastopol zu transportieren. Der Krimkrieg war zugleich der historisch erste Graben- und Stellungskrieg. Weiterhin stellte der Krimkrieg mit dem Todesritt von Balaklawa den Einsatz der klassischen Kavallerie-Attacke in Frage, da diese sich den modernen Schnellfeuerwaffen gegen√ľber kaum noch durchsetzen konnte.

Zu einem gro√üangelegten strategischen und taktischen Einsatz kam erstmals auch der elektromagnetische Telegraf. Auf russischer Seite bestanden schon vor dem Krieg mehrere optisch-mechanische Telegrafenlinien (Chappe-System), etwa von Moskau nach St. Petersburg und weiter nach Warschau, aber auch eine Linie von Moskau nach Sewastopol auf die Krim, wodurch eine einfache Nachricht in etwa zwei Tagen √ľbermittelt werden konnte. Im Jahr 1854 begann Russland mit dem Bau von erheblich schnelleren elektromagnetischen Telegrafenlinien von Moskau aus wiederum nach St. Petersburg und Warschau und Richtung S√ľden nach Odessa und Sewastopol, die 1855 fertiggestellt wurden. Diese Linien erlaubten Russland, die Truppen- und Materialbewegungen zu koordinieren sowie schnellen Kontakt nach Berlin f√ľr die Bestellung von Kriegsg√ľtern herzustellen. Auf alliierter Seite wurde das schon von London √ľber Paris nach Bukarest bestehende elektromagnetische Telegrafennetz nach Warna am Schwarzen Meer verl√§ngert. Im April 1855 wurde das mit 550 Kilometern L√§nge bis dahin l√§ngste Unterseekabel aus mit Guttapercha isoliertem Eisendraht von Warna nach Balaklawa auf der Krim in nur 18 Tagen verlegt. Damit wurde die Zeit f√ľr eine Nachricht von Paris auf die Krim von vormals zw√∂lf Tagen bis drei Wochen auf nur 24 Stunden verk√ľrzt. Auch wurden auf der Krim von den Franzosen und Briten erstmals Feldtelegrafen eingesetzt, wobei die Kabel mittels eines Wagens mit Pflug oder durch die Anlegung von Gr√§ben in die Erde verlegt wurden. Unterseekabel wie Feldtelegraf erwiesen sich jedoch als kurzlebig; die Linien der Feldtelegrafen zerbrachen oft, und auch das Unterseekabel brach im Dezember 1855, kurz nach dem Fall Sewastopols, ohne dass es h√§tte repariert werden k√∂nnen. Die Bedeutung der damals neuen Kommunikationsmittel f√ľr den Kriegsverlauf ist nur wenig erforscht, zwei Aspekte auf Seiten der Alliierten werden jedoch herausgehoben: Erstens erreichten die Nachrichten von der Front die √Ėffentlichkeit in Frankreich und Gro√übritannien innerhalb k√ľrzester Zeit, was die Kriegsf√ľhrung in die Arena der Politik hineinzog. Und zweitens verl√§ngerte sich die Kommandokette bis in die Hauptquartiere nach Paris und London. Dies wurde von den Befehlshabern im Feld als ambivalenter Fortschritt betrachtet. Sie glaubten, die Effizienz der Kriegsf√ľhrung habe darunter gelitten, weil bei taktischen Entscheidungen, die bis dahin vor Ort getroffen worden waren, sich die weit vom Kriegsschauplatz entfernten Staatsoberh√§upter einmischten. Der britische General Simpson soll gesagt haben: ‚ÄěDie Telegrafie hat alles durcheinander gebracht!‚Äú Der franz√∂sische General Canrobert legte unter anderem wegen der telegrafischen Einmischung Napol√©ons III. in die F√ľhrung des Krim-Feldzugs sein Kommando nieder.[14]

Insgesamt f√ľhrte der Krimkrieg zu erh√∂hten Milit√§rausgaben bei allen Staaten. Russland beschaffte erstmals Kanonen mit gezogenen L√§ufen sowie gezogene Hinterlader-Gewehre, auch aus den USA (Remington-Gewehr von 1867). √Ėsterreich-Ungarn verschuldete sich durch die R√ľstungen infolge des Krimkrieges derart, dass Sparprogramme zur Aufl√∂sung ganzer Einheiten f√ľhrten, was letztlich deutlich zur Niederlage in der Schlacht von K√∂niggr√§tz beitragen sollte.

Publizistisch

Zeitgenössische Zeitungsillustration der Schlacht von Inkerman, 1855
Verwundete warten auf ihren Abtransport in Balaklava, Lithografie von William Simpson

Erstmals konnten Kriegsberichterstatter, unter ihnen der Brite William Howard Russell, der f√ľr seine Reportagen von der Krim ber√ľhmt wurde, mittels der Telegrafie ohne Zeitverlust Berichte an Zeitungen senden, etwa √ľber die ber√ľhmt-verkl√§rte Attacke der Leichten Brigade. Die Zeitung The Times berichtete bereits am selben Abend √ľber die milit√§risch sinnlose Attacke. Die Berichterstattung Russells war teilweise so genau, dass der Zar meinte, er brauche keine Spione, er habe die Times.[15] Eine sp√§tere Konsequenz seiner Artikel war die Einf√ľhrung der Milit√§rzensur durch den Oberbefehlshaber Codrington am 25. Februar 1856.

Noch 1854 ver√∂ffentlichte Alfred Tennyson sein Gedicht The Charge of the Light Brigade. Die Attacke der Leichten Brigade wurde sp√§ter in mehreren Filmen, Musikst√ľcken und B√ľchern behandelt.

Auch gab es zum ersten Mal Fotoreportagen aus einem Krieg. Das Elend und nicht mehr nur die heroische Seite konnte dargestellt werden. Die Aufnahmen von Roger Fenton sind jedoch meist arrangierte Fotos, was vor allem durch die damals langen Belichtungszeiten erkl√§rbar ist. Anders als sp√§tere Kriegsfotografen war er deshalb nicht in der Lage, Kampfhandlungen zu fotografieren. Die Fotos gaben trotzdem erstmals der britischen Bev√∂lkerung ein Gef√ľhl f√ľr die Lebensbedingungen der Soldaten vor Ort. Vor Ort arbeiteten daher auch Kriegsmaler wie der Schotte William Simpson, der seinen Eindruck in Aquarellen festhielt, die in Gro√übritannien als Lithografie ver√∂ffentlicht wurden.

Der Fotograf Fenton verlie√ü die Krim noch vor Abschluss der Kampfhandlungen. Seine Arbeit wurde von James Robertson und Felice Beato fortgesetzt, deren 60 Platten unter anderem die franz√∂sischen Sch√ľtzengr√§ben vor Sewastopol, die einschlagsicheren Unterst√§nde der russischen Gener√§le und das unbeschreibliche Chaos nach Abzug der Russen zeigten.

Unter den Verteidigern von Sewastopol war der junge Leo Tolstoj. Er brachte in den Jahren 1855/56 drei Erz√§hlungen √ľber den Krimkrieg heraus, die ‚Äď in der Folge unter dem Titel Sewastopoler Erz√§hlungen (russisch: –°–Ķ–≤–į—Ā—ā–ĺ–Ņ–ĺ–Ľ—Ć—Ā–ļ–ł–Ķ —Ä–į—Ā—Ā–ļ–į–∑—č) zusammengefasst ‚Äď sehr schnell seine Popularit√§t in Russland begr√ľndeten: Sewastopol im Dezember (–°–Ķ–≤–į—Ā—ā–ĺ–Ņ–ĺ–Ľ—Ć –≤ –ī–Ķ–ļ–į–Ī—Ä–Ķ –ľ–Ķ—Ā—Ź—Ü–Ķ), Sewastopol im Mai (–°–Ķ–≤–į—Ā—ā–ĺ–Ņ–ĺ–Ľ—Ć –≤ –ľ–į–Ķ) und Sewastopol im August (–°–Ķ–≤–į—Ā—ā–ĺ–Ņ–ĺ–Ľ—Ć –≤ –į–≤–≥—É—Ā—ā–Ķ). Ihre Bedeutung f√ľr die russische Literatur liegt darin, dass sie die bislang √ľblichen heroisierenden Beschreibungen des Krieges durch eine realistische und detaillierte Schilderung des Kriegsalltags ersetzen. In der ersten Erz√§hlung, Sewastopol im Dezember, beschrieb er das Grauen des Krieges:

‚ÄěSie sehen hier entsetzliche, die Seele ersch√ľtternde Bilder, sehen den Krieg [‚Ķ] in seiner wirklichen Gestalt mit Blut, Qualen und Tod.‚Äú

Kriegsopfer und Reform des Lazarettwesens

Zu den Verlusten im Krimkrieg gibt es unterschiedliche Aussagen. Der Historiker German Werth sagte dazu: ‚ÄěNach dem Krieg hatten die Historiker und die Statistiker das Wort. Wie immer wurden die Zahlen der Opfer ma√ülos √ľbertrieben. Von 100.000, 500.000, ja sogar 600.000 Toten war die Rede. Es blieb bei 165.000 Opfern, davon waren 104.000 nicht an der Front, sondern an Seuchen und Krankheiten gestorben: 50.000 Franzosen (von 70.000 Toten), 17.000 Briten (von 22.000 Toten), 37.500 Russen (von 73.000 Toten).‚Äú[16] Viele Soldaten kamen nicht in den Kampfhandlungen ums Leben, sondern durch Hunger und Mangelerkrankungen sowie aufgrund fehlender Hygiene in den unzureichend ausgestatteten Lazaretten.

Armeelager bei Balaklawa, Fotografie von James Robertson und Felice Beato

Russische Historiker haben im Laufe der Zeit die Verluste deutlich nach unten korrigiert. Der russische Brockhaus-Efron aus dem Jahr 1906 gab noch eigene Verluste von einer halben Million Menschenleben an. Der Schweizer Historiker Gitermann ‚Äď der √ľberwiegend mit russischen Quellen arbeitet ‚Äď nannte in seiner von 1944 bis 1949 erschienenen Geschichte Russlands 300.000 Tote allein f√ľr Russland. Eine dem Krimkrieg gewidmete russische Webseite, die die russischen Forschungsergebnisse zugrunde legt ‚Äď nennt folgende Zahlen: Russland verlor demnach ungef√§hr 256.000 Menschen, Frankreich 100.000, Gro√übritannien 22.700, die T√ľrkei 30.000. Davon seien auf russischer Seite 128.700 bei Kampfhandlungen gefallen, auf Seiten der Gegner 70.000. Die √ľbrigen seien im Wesentlichen durch Cholera gestorben oder erfroren.[17]

In mehreren modernen Quellen werden die Gesamtverluste des Krieges mit rund 500.000 Mann angegeben.

Einig sind sich die Historiker bei aller Unterschiedlichkeit der Zahlen in zwei Punkten: Die Russen erlitten von allen Kriegsteilnehmern die schwersten Verluste. Die Mehrzahl der Opfer starb nicht bei Kampfhandlungen, sondern durch mangelnde Versorgung im Allgemeinen (Hunger, Erfrieren) und Mängel bei der medizinischen Versorgung im Besonderen (Epidemien, Verwundungen).

Florence Nightingale

In diesem Zusammenhang von Bedeutung ist die Betreuung der Verwundeten durch Florence Nightingale, die im Krimkrieg den Beinamen Engel der Verwundeten erhielt. Die in einer Diakonissenanstalt im preu√üischen Kaiserswerth ausgebildete Krankenschwester war im Vereinigten K√∂nigreich auf die erb√§rmliche Lage im Kriegsgebiet aufmerksam geworden. Mit 38 Krankenschwestern, medizinischen Ger√§tschaften und Medikamenten reiste sie ins Lazarett von Scutari (heute Selimiye Kaserne (Cesme-i Kebir Cad.), √úsk√ľdar in Istanbul, T√ľrkei, wo im Nordostturm, den Florence Nightingale bewohnte, inzwischen ein Museum untergebracht ist). Die Zust√§nde, die Florence Nightingale dort vorfand, waren katastrophal. Die Verwundeten und Kranken lagen in schlecht bel√ľfteten, rattenverseuchten R√§umen nahezu ohne hygienische Einrichtungen.[18] Bedingt durch diese Zust√§nde engagierte sie sich f√ľr die Reform des Versorgungs- und Lazarettwesens, f√ľr die sie schlie√ülich auch von der britischen Regierung beauftragt wurde. Schon mit der Einf√ľhrung einfacher Hygienema√ünahmen konnte sie die Sterblichkeitsrate in den britischen Lazaretten deutlich senken. Wenige Jahre nach dem Krieg gr√ľndete Florence Nightingale eine eigene Schwesternschule in London, wo sie die Krankenpflege zum Lehrberuf machte.

Die durch eine Reihe von Missverst√§ndnissen ausgel√∂ste britische Attacke der Leichten Brigade auf russische Gesch√ľtzstellungen gilt vor allem in der britischen Literatur bis heute als zentrales Ereignis. Bei diesem fatalen Angriff starben von der 673 Mann starken Kavalleriebrigade innerhalb von 20 Minuten durch das russische Gesch√ľtzfeuer 156 Mann, 122 wurden verwundet. Das Debakel sollte als heldenhafter Todesritt von Balaklawa zum Mythos der britischen Geschichte verkl√§rt werden.

Nach dem Krimkrieg emigrierten immer mehr Krimtataren in das Osmanische Reich, ab 1860 str√∂mten daf√ľr immer mehr russische und ukrainische Siedler ins Land. Dadurch sank der muslimische Bev√∂lkerungsanteil auf der Krim. 1885 waren dort von etwa einer Million Einwohnern nur noch gut 100.000 Tataren.

B√ľste von Nikolai Pirogow im Museum der Schwarzmeerflotte in Sewastopol

Im Dezember 1854 begann der bekannte russische Arzt Nikolai Pirogow im Rahmen des Krimkrieges als Milit√§rarzt zu arbeiten. Aufgrund seiner T√§tigkeit w√§hrend dieses Krieges gilt er als Begr√ľnder der Feldchirurgie. Er f√ľhrte unter anderem Gipsverb√§nde zur Stabilisierung von Knochenbr√ľchen in die Chirurgie ein und entwickelte eine nach ihm benannte als Pirogoff-Operation bezeichnete Technik zur Amputation eines Fu√ües. Auch die Narkose wurde von ihm erstmals als Standardbehandlung bei Operationen im Feld eingesetzt. Die heute als Triage bezeichnete abgestufte Behandlung einer gro√üen Zahl an Verwundeten mit einer Einteilung in f√ľnf Schweregrade geht ebenfalls auf ihn zur√ľck. Er ma√ü dar√ľber hinaus der Ausbildung von Pflegekr√§ften gro√üe Bedeutung bei und setzte sich, √§hnlich dem Wirken von Florence Nightingale, f√ľr die Bildung von organisierten Freiwilligenkorps aus Krankenschwestern ein.

Randnotizen

Gesch√ľtzbatterie der brit. Marinebrigade vor Sewastopol, zeitgen√∂ssische Zeichnung von W. Simpson R.I.

Die in den folgenden Jahren im Ruhrgebiet zur Kohlef√∂rderung errichteten T√ľrme erhielten die Bezeichnung Malakow-Turm nach den T√ľrmen des Fort Malakow bei Sewastopol, um das sich die entscheidende Schlacht des Krimkriegs drehte. Wegen ihrer massiven Bauweise in Ziegelstein und ihrer aus dem Festungsbau entlehnten architektonischen Elemente wurde f√ľr die T√ľrme dieser Name gew√§hlt. Ebenso verh√§lt es sich mit einem Turm, der die Schleifung der Festung Luxemburg, auch Gibraltar des Nordens genannt, heil √ľberstanden hat. Er befindet sich in Clausen, einem Vorort der Stadt Luxemburg, unweit des Flusses Alzette in der N√§he des Areals, das das heute nur noch in seinen Fundamenten erhaltene Mansfeld-Schloss beherbergt. Ebenfalls in der N√§he befindet sich ein leicht zu √ľbersehender deutscher Soldatenfriedhof mit Gr√§bern aus dem Ersten Weltkrieg.

Ein Sturm traf die Expeditionsflotte der Franzosen und Briten schwer. Aufgrund dieses Ereignisses wurden die ersten staatlichen Wetterdienste gegr√ľndet.

Der Legende entsprechend wurde beim Friedensschluss zwischen Gro√übritannien und Russland, anders als bei der Kriegserkl√§rung, vergessen, die Stadt Berwick-upon-Tweed, die in Gro√übritannien eine Sonderstellung hatte, mit in den Friedensvertrag aufzunehmen. Daher befand sich Berwick-upon-Tweed 113 Jahre mit Russland formell im Kriegszustand. 1966 besuchte ein sowjetischer Gesandter den B√ľrgermeister Robert Knox und unterzeichnete mit ihm einen formellen Friedensvertrag. Der B√ľrgermeister ist jedoch im Hinblick auf internationale Beziehungen nicht der Rechtsnachfolger von K√∂nigin Victoria, wodurch der Friedensvertrag genau genommen unwirksam ist. Allerdings konnte ein britischer Fernsehsender bereits in den 1970er Jahren nachweisen, dass Berwick gar nicht auf der Kriegserkl√§rung an Russland stand und entlarvte den ‚ÄěKriegszustand‚Äú als modernen Mythos.

In den Romanen des walisischen Autors Jasper Fforde um die Protagonistin Thursday Next f√ľhrt Gro√übritannien seit mehr als 100 Jahren den Krimkrieg gegen das noch immer zaristische Russland.

An Bord der HMS Queen nahm das britische Marinemaskottchen Timothy the Tortoise an der Bombardierung von Sewastopol teil. Damit d√ľrfte die am 4. April 2004 verstorbene Maurische Landschildkr√∂te die letzte √úberlebende des Krimkriegs gewesen sein.

Am Krimkrieg nahm eine Gruppe deutscher Freiwilliger auf britischer Seite als Deutsche Legion (Britisch-German Legion) teil. Die Angehörigen dieser Legion wurden nach dem Krieg als Siedler in die Kapkolonie gesandt.

Die klimatischen Bedingungen des russischen Winters hinterlie√üen im Englischen etymologische Spuren f√ľr verschiedene Typen von Strickwaren: Der Name f√ľr Sturmhauben (balaclava bzw. balaclava helmet) stammt vom auf dem Kriegsschauplatz gelegenen Ort Balaklawa. Nach dem Earl of Cardigan wurde die Cardigan-Strickjacke benannt, nach Lord Raglan der Raglan√§rmel. Sp√§ter verbreiteten sich diese Begriffe auch in andere Sprachen.

Im Krimkrieg wurde durch K√∂nigin Victoria 1854 das Victoria-Kreuz als h√∂chste britische Auszeichnung f√ľr √ľberragende Tapferkeit im Angesicht des Feindes gestiftet.

Chronologischer √úberblick

Franz√∂sische Zouaven und russische Soldaten im Kampf bei der Erst√ľrmung der Malakow-Befestigung
  • 3. Juli 1853: Besetzung der Donauf√ľrstent√ľmer durch russische Truppen.
  • 16. Oktober 1853: Kriegserkl√§rung des Osmanischen Reiches an Russland.
  • 27. und 28. M√§rz 1854: Kriegserkl√§rungen von Gro√übritannien und Frankreich gegen Russland.
  • 20. April 1854: Defensivallianz zwischen Preu√üen und √Ėsterreich f√ľr die Dauer des Krimkriegs.
  • Von Ende Juli bis September 1854: R√§umung der Donauf√ľrstent√ľmer durch Russland auf √∂sterreichischen Druck.
  • 16. August 1854: Vor√ľbergehende Besetzung der russischen Festung Bomarsund auf √Öland in der Ostsee durch britisch-franz√∂sische Marinekr√§fte.
  • 14. September 1854: Landung der Alliierten auf der Halbinsel Krim.
  • 20. September 1854: Schlacht an der Alma.
  • 25. Oktober 1854: In der Schlacht von Balaklawa kommt es zum Todesritt der leichten Brigade.
  • 5. November 1854: Ausfall der Russen wird in der Schlacht von Inkerman zur√ľckgeschlagen.
  • 2. Dezember 1854: Dezemberb√ľndnis von Wien zwischen Gro√übritannien, Frankreich und √Ėsterreich gegen Russland.
  • 16. Januar 1855: Kriegseintritt Sardiniens auf der Seite der Alliierten.
  • 22. Mai 1855: Erfolglose Kriegsexpedition von Einheiten der britischen und franz√∂sischen Marineflotte ins Asowsche Meer.
  • 8. September 1855: Milit√§rische Kriegsentscheidung durch die alliierte Eroberung Sewastopols nach 349 Tagen Belagerung (Schlacht um Malakow).
  • 29. November 1855: Einnahme der Festung Kars durch die Russen.
  • 30. M√§rz 1856: Offizielles Ende des Krimkriegs im Dritten Pariser Frieden, den die Teilnehmer des Osmanischen Reichs, Russlands, Sardiniens, Frankreichs, Gro√übritanniens, √Ėsterreichs und Preu√üens unterzeichnen. R√ľckgabe der besetzten Gebiete durch Russland. Bis auf die Preisgabe Bessarabiens bleibt das Territorium Russlands jedoch unangetastet. Die Integrit√§t des Osmanischen Reiches wird garantiert. Das Schwarze Meer wird entmilitarisiert.

Literatur

In der Datenbank RussGUS werden √ľber 70 Publikationen nachgewiesen (dort Suche ‚Äď Einfache Suche: krimkrieg*)

  • Johann C. Allmayer-Beck, Erich Lessing: Die k.(u.)k. Armee 1848‚Äď1914. Prisma-Verlag, G√ľtersloh 1980, ISBN 3-570-07287-8.
  • Winfried Baumgart (Bearb.): Akten zur Geschichte des Krimkriegs. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, M√ľnchen 2000 ff (12 Bde.).
  • Winfried Baumgart: The Crimean War, 1853‚Äď1856. Arnold, London 1999, ISBN 0-340-61465-X
  • Kurt Borries: Preu√üen im Krimkrieg. Kohlhammer, Stuttgart 1930.
  • Ute Daniel: Der Krimkrieg 1853‚Äď1856 und die Entstehungskontexte medialer Kriegsberichterstattung. In: Dies. (Hrsg.): Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, G√∂ttingen 2006, ISBN 3-525-36737-6, S. 40‚Äď67.
  • Heinrich Friedjung: Der Krimkrieg und die √∂sterreichische Politik. Cotta, Stuttgart 1927.
  • Peter Gugolz: Die Schweiz und der Krimkrieg. 1853‚Äď1856. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1965.
  • Wolfgang Gust: Das Imperium der Sultane. Geschichte des Osmanischen Reiches. Nikol, Hamburg 2007, ISBN 978-3-937872-56-8 (Nachdruck der Ausgabe M√ľnchen 1995).
  • Nicolae Jorga: Geschichte des osmanischen Reiches. Eichborn, Frankfurt/M. 2000, ISBN 3-8218-5026-4 (5 Bde., Nachdruck der Ausgabe Gotha 1913).
  • Denis Judd: The crimean war. Hart-Davis, London 1975, ISBN 0-246-10804-5.
  • Alexander W. Kinglake: The invasion of the crimea.Tauchnitz, Leipzig 1863‚Äď89, (9 Bde.).
  • G√∂tz Krusemarck: W√ľrttemberg und der Krimkrieg. Niemayer, Halle/Saale 1932.
  • Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Dietz-Verlag, Berlin 1995 ff.
  • John Mollo, Boris Mollo: Into the valley of death. The British cavalry division at Balaclava 1854. Windroew & Green, London 1991, ISBN 1-872004-75-X.
  • Heinz Rieder: Napoleon III. Abenteurer und Imperator ("Edition Katz"). Casimir Katz Verlag, Gernsbach 2006, ISBN 3-938047-16-X.
  • Trevor Royle: Crimea, The great crimean war 1854‚Äď1856. Abacus Books, London 2003, ISBN 0-349-11284-3
  • John Sweetman: The crimean war ("Osprey essential histories; Bd. 2). Osprey, Oxford 2001, ISBN 1-84176-186-9.
  • Wilhelm Treue: Der Krimkrieg. Duehrkohp & Radicke, G√∂ttingen 2001, ISBN 3-89744-066-0 (1 CD-ROM; Nachdruck der Ausgabe Herford 1980)
  • Hermann Wentker: Zerst√∂rung der Gro√ümacht Ru√üland? ("Ver√∂ffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London; Bd. 30). Vandenbeeck & Ruprecht, G√∂ttingen 1993, ISBN 3-525-36315-X (zugl. Dissertation, Universit√§t Bonn 1990/91).
  • German Werth: Der Krimkrieg. Die Geburtsstunde der Weltmacht Ru√üland. Ullstein, Frankfurt/M. 1992, ISBN 3-548-34949-8.
  • Duncan, John: Heroes for Victoria, 1837-1901: Queen Victoria's Fighting Forces. ISBN 978-0-946771-38-7
  • Orlando Figes: The Crimean War. A History, New York 2011. ISBN 0-8050-7460-0 (deutsch: Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug, Berlin 2011. ISBN 978-3-8270-1028-5)

Weblinks

 Commons: Krimkrieg ‚Äď Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Nicolae Jorga: Geschichte des osmanischen Reiches, Band V, S. 437 ff.
  2. ‚ÜĎ John Sweetman: The Crimean War (Osprey Essential Histories), Oxford 2001 S. 20 ff.
  3. ‚ÜĎ Heinz Rieder: Napoleon III. Abenteuer und Imperator S. 209 ff.
  4. ‚ÜĎ DIE ZEIT online
  5. ‚ÜĎ John Sweetman: The Crimean War (Osprey Essential Histories), Oxford 2001 S. 24
  6. ‚ÜĎ Trevor Royle: Crimea, London 1999, S. 173
  7. ‚ÜĎ Friedrich Engels: Die Einnahme Bomarsunds; ‚ÄěNew-York Daily Tribune‚Äú Nr. 4174 vom 4. September 1854, Leitartikel
  8. ‚ÜĎ German Werth: Der Krimkrieg S. 262
  9. ‚ÜĎ Marx/Engels Gesamtausgabe
  10. ‚ÜĎ Friedrich Engels: Der Krieg in Asien; ‚ÄěNew-York Daily Tribune‚Äú Nr. 4608 vom 25. Januar 1856, Leitartikel
  11. ‚ÜĎ Heinz Rieder: Napoleon III. Abenteurer und Imperator, S. 215
  12. ‚ÜĎ Allmayer-Beck/Lessing ‚Äď Die K.(u.)K. Armee 1848‚Äď1914
  13. ‚ÜĎ W. Gust: Geschichte des Osmanischen Reiches, S. 304
  14. ‚ÜĎ Beauchamp, Ken: History of Telegraphy, Stevenage 2001 S. 103-108.
  15. ‚ÜĎ Judd, Denis: The Crimean War, S. 95
  16. ‚ÜĎ German Werth: Der Krimkrieg S. 309
  17. ‚ÜĎ –ö—Ä—č–ľ—Ā–ļ–į—Ź (–í–ĺ—Ā—ā–ĺ—á–Ĺ–į—Ź) –≤–ĺ–Ļ–Ĺ–į
  18. ‚ÜĎ Nancy Duin und Jenny Sutcliffe; Geschichte der Medizin, Verlag vgs, K√∂ln 1993, ISBN 3-8025-1267-7, s. 79
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