Kurfürstentum Hannover


Kurfürstentum Hannover
Territorium im
Heiligen Römischen Reich
Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg
Wappen
Karte
Karte des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg/Hannover 1789
Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover) 1789
Alternativnamen Churfürstentum Braunschweig-Lüneburg, Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, Hannover, Churhannover, Kurhannover
Entstanden aus bis 1692 Fürstentum Calenberg
Regierungsform Kurfürstentum
Staatsoberhaupt Kurfürst
Heutige Region/en DE-NI, DE-SH, DE-ST
Reichstag Kurfürstenrat & Reichsfürstenrat, Weltliche Bank: bis zu 4 Virilstimmen Fürstentum Calenberg, Fürstentum Grubenhagen (1707-1735 verliehen), Fürstentum Lüneburg (ab 1705), Herzogtum Verden (ab 1715); Teil einer 1 Kuriatstimme für Grafschaft Hoya
Reichsmatrikel verschiedene Fürstentümer siehe oben
Reichskreis Niedersächsisch; Niederrheinisch-Westfälisch für Hoya
Hauptstädte/Residenzen Hannover, Herrenhausen
Dynastien Welfen
Konfession/Religionen lutherisch
Sprache/n Niederdeutsch, Deutsch, Englisch, Französisch
Aufgegangen in 1806 (de facto) untergegangen/1814 (in Rechtsnachfolge) Königreich Hannover

Mit Braunschweig-Lüneburg wurde ab 1692 das 9. Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet (offizieller Name: Chur-Braunschweig-Lüneburg, inoffiziell Chur-Hannover oder Kurhannover oder Hannover). Wahlspruch NEC ASPERA TERRENT (Widrigkeiten schrecken nicht)[1].

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Das Kurfürstentum bestand vor allem im 18. Jahrhundert und lag im heutigen deutschen Land Niedersachsen. Es umfasste folgende Territorien des Heiligen Römischen Reiches: Fürstentum Calenberg, Fürstentum Grubenhagen, Grafschaft Hoya, Herzogtum Sachsen-Lauenburg, Fürstentum Lüneburg (ab 1705), Herzogtum Bremen mit Herzogtum Verden (ab 1715). Calenberg, Grubenhagen und Lüneburg waren nominell Teilfürstentümer des mittelalterlichen Herzogtums Braunschweig und Lüneburg.[2] Ursprünglich war das Kurfürstentum ein reines Binnenland (Raum Hannover). Erst mit dem Erwerb des Herzogtums Bremen konnte sich Kurhannover zur Nordsee ausweiten. Der Großteil des Kurfürstentums befand sich im Niedersächsischen Reichskreis. Die Grafschaft Hoya war Teil des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises.

Geschichte

Territoriale Gliederung des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg und dynastische Zusammenhänge innerhalb des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und zum Königreich Großbritannien.

1692 wurde an die im Fürstentum Calenberg regierende Linie der Welfen unter Ernst August die neunte Kurwürde des Heiligen Römischen Reiches verliehen. Umgangssprachlich wurde das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg auch Kurfürstentum Hannover oder kurz Kurhannover genannt. Das welfische Teilfürstentum Calenberg-Göttingen, wurde von Kaiser Leopold I. als Lohn für die Unterstützung im Pfälzischen Erbfolgekrieges mit der Kurwürde belohnt. Der Reichstag stimmte der Erhebung erst 1708 zu.

Das neu geschaffene Kurfürstentum konnte sich 1705 mit dem Fürstentum Lüneburg vereinigen. Weiterhin eigenständig blieb das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, das spätere Herzogtum Braunschweig. Nach dem Tode der Königin Anna Stuart von Großbritannien erbte Kurfürst Georg Ludwig 1714 die britische Königskrone, da sie keine überlebenden Nachkommen hatte. Gemäß dem Settlement Act von 1701 fiel die Krone an die nächsten protestantischen Verwandten, also an das Haus Hannover. Die Personalunion endete mit der Thronbesteigung von Königin Victoria 1837, da im Königreich Hannover nur männliche Nachkommen den Thron erben konnten. Daher ging die Herrschaft auf Victorias Onkel, Ernst August, Herzog von Cumberland, über. [3] 1715 konnte Kurhannover die Herzogtümer Bremen (nicht die Freie Reichsstadt Bremen) und Verden von Dänemark erwerben, welches diese früheren geistlichen Territorien kurz vorher von Schweden erobert hatte.

Im Rahmen der Napoleonischen Kriege kapitulierte Hannover 1803 in der Konvention von Artlenburg und wurde zunächst von den Franzosen besetzt. Jean-Baptiste Bernadotte, der spätere König von Schweden und Norwegen, war hier vom 14. Mai 1804 für mehrere Monate Gouverneur. Als Folge des von Christian von Haugwitz mit Napoléon Bonaparte geschlossenen Vertrags von Paris vom 15. Februar 1806 wurde das Gebiet dann von Preußen besetzt[4] und ging 1807 bzw. 1810 im Königreich Westphalen auf. Der Nordwesten des Kurfürstentums wurde 1811 als Teil der Hanseatischen Departements Bestandteil des ersten französischen Kaiserreiches.

Auf dem Wiener Kongress 1814 entstand als Nachfolgestaat des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg das Königreich Hannover.

Staat und Verwaltung

Mit Erlangung der Kurfürstenwürde entwickelte sich auch die staatliche Struktur des Territoriums. Dabei wirkten neben neuzeitlichen Verwaltungsstrukturen auch alte ständische Besitzstände fort. Der Kurfürst (insbesondere als König von Großbritannien) war zunehmend auf eine zentrale Verwaltung angewiesen, ohne die Landstände in den bis zu sieben verschiedenen Landschaften in Frage zu stellen. Auch im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg bestand ein starker Dualismus zwischen Landesherrn und Landständen. Grundlage für die kurfürstliche Regierung war das Regierungsreglement von 1714, das auf dem von Ernst August von Calenberg niedergelegten Reglement von 1680 aufbaute.[5]

Kurfürsten

Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg
Haus Hannover
Name Herrschaft Bemerkungen
Ernst August 1692–1698 Sohn von Georg von Braunschweig und Lüneburg-Calenberg
Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, König von Großbritannien und Irland
Mit dem Act of Settlement von 1701 wurde die Thronfolge auf Protestanten eingeschränkt. Sophie von der Pfalz, die nächste protestantische Verwandte, wurde deshalb Thronfolgerin. Sie starb kurz vor Königin Anne. Aus diesem Grund folgte ihr Sohn auf den Thron, der das Haus Hannover begründete.
Georg I. (George I) 1698/1714–1727 Sohn von Ernst August und Urenkel von Jakob I..
Georg II. (George II) 1727–1760 Sohn von Georg I.
Georg III. (George III) 1760–1820 Enkel von Georg II.

Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg:

Landstände

Ausgehend von der territorialen Zersplitterung des nominell noch bestehenden Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und anliegender Fürstentümer konnte das Kurfürstentum nach und nach eine Vielzahl von Landschaften, mit jeweiligen Landständen vereinigen. Während der größten territorialen Ausdehnung des Kurfürstentums waren es 7 Landschaften. Durch die Regierungsferne des zunehmend in London regierenden Kurfürsten konnten die Landstände ein relatives Eigenleben entwickeln. Die Verflechtung des höheren Adels mit dem Hofe und hohen Verwaltungs- und Militärstellen minderte aber Konflikte.

Verwaltung

1714 gliederte ein Reglement die Landesregierung in fünf Zentralbehörden: Geheimes Ratskollegium, Kammer, Justizkanzlei, Konsistorium und Kriegskanzlei. Die sog. "Deutsche Kanzlei" bildete das Verbindungsbüro mit zwischen Chur-Braunschweig-Lüneburg und der britischen Regierung in London.[6]

Militär

Die Ursprünge der kurhannoverschen Armee werden allgemein auf das Jahr 1617 für die Fürstentümer Grubenhagen und Calenberg festgelegt.[7] Aber erst nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelte sich ein Stehendes Heer. 1705 wurden die kurfürstlichen Truppen mit Regimentern des Fürstentums Lüneburg/Celle erweitert. Vor allem als Teil der Reichsarmee auf kaiserlicher Seite kämpften kurfürstlich hannoversche Truppen in unterschiedlichen Kriegen, so im Großen Türkenkrieg 1685-1699 und in den Spanischen, Polnischen und Österreichischen Erbfolgekriegen. Bedingt durch die engen Beziehungen mit der britischen Armee des britischen Königs und hannoverschen Kurfürsten kämpften hannoversche Truppen häufig an der Seite britischer Truppen. Im Siebenjähriger Krieg (1756-1763) bestand eine Allianz neben hannoverschen und britischen Truppen aus braunschweig-wolfenbütteler, hessen-kasseler und preußischen Truppen. Im Vorfeld des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ersetzten 1775 kurhannoversche Truppen die nach Übersee abgerückten britischen Truppen auf Menorca und in Gibraltar. Die hannoverschen Truppen in Gibraltar verteidigten die Stellungen erfolgreich gegen spanische Angriffe.[8]. Hannoversche Truppen nahmen auch am britischen Krieg gegen Frankreich in Ostindien teil (1782-1792). Ebenfalls unter britischen Sold nahmen kurfürstliche Truppen im Ersten Koalitionskrieg (1792–1797) gegen das revolutionäre Frankreich teil (1793-1795). Die Armee des Kurfürstentums wurde 1803 aufgelöst, aber ein großer Teil der Offiziere und Soldaten ging nach England und wurde dort als King’s German Legion wieder aufgestellt. Sie war die einzige deutsche Truppe, die sich kontinuierlich im Kampf gegen die französische Armee befand und nahm an den Gefechten auf der iberischen Halbinsel, in Norddeutschland (Göhrde) und Kopenhagen teil. In der Schlacht von Waterloo 1815 verteidigten sie den wichtigen Vorposten La Haye Sainte.

Offiziere des Hannoverschen Ingenieurkorps erstellten zwischen 1764 und 1784 die Kurhannoversche Landesaufnahme, die erste umfangreiche kartografische Landesaufnahme des Kurfürstentums.

Siehe auch

Literatur

  • Barmeyer, Heide (Hg.), Hannover und die englische Thronfolge (=Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalgeschichte Band 19), Bielefeld 2005.
  • Drögereit, Richard, Quellen zur Geschichte Kurhannovers im Zeitalter der Personalunion mit England 1714-1803, Quellenhefte zur Niedersächsischen Geschichte, Hildesheim 1949.
  • Havemann, Wilhelm, Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg; Band 3; Göttingen 1857; insb. Bemühungen von Ernst August um die Kurwürde: S. 322ff online bei Google-Books
  • Niemeyer,Joachim /Ortenburg,Georg(Hg.), Die Chur-braunschweig-lüneburgische Armee im Siebenjährigen Kriege in: Das "Gmundener Prachtwerk"; Beckum 1976.
  • Schnath,Georg, Geschichte Hannovers im Zeitalter der neunten Kur und der englischen Sukzession 1674-1714 (= Veröffentlichungen der Historischen Kiommission zu Hannover XVIII); Hildesheim 1938.
  • Schütz von Brandis: Übersicht der Geschichte der Hannoverschen Armee von 1617 bis 1866. Von einem hannoverschen Jäger. (Bearbeitet von [Johann] Freiherr von Reitzenstein) Hannover und Leipzig 1903 (Reprint Buchholz-Sprötze 1998)
  • Wersebe, Wilhelm von, Geschichte der hannoverschen Armee , Hannover 1928, online
  • Zedler, Johann Heinrich, Hannoverische Chur-Würde in: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste; Leipzig: 1731-1754; Band 12; S. 256 online-Version
  • Christoph Barthold Scharf: Der politische Staat des Churfürstenthum Braunschweig-Lüneburg samt dazu gehörigen Herzogthümern, und Grafschaften in welchem dessen Staedte, Flecken, Dörfer, Adeliche Güther, und einzelne Höfe nach ihren Gerichts-Obrigkeiten und Einpfarrungen aus Privat Nachrichten zusammengetragen und in Alphabetischer Ordnung entworfen, Lauenburg 1777. (Digitalisat)

Weblinks

Anmerkungen

  1. Wahlspruch auf den Fahnen der chur-braunschweig-lüneburgischen Armee
  2. Die Fürsten des eigenständigen Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel nannten sich ebenfalls Herzöge von Braunschweig und Lüneburg.
  3. vgl. Drögereit 1949, Barmeyer 2005
  4. Karl Otmar Aretin: Vom deutschen Reich zum Deutschen Bund,
    Seite 103 ISBN 978-3-525-33583-3
    , abgefragt am 14. Februar 2009
  5. vgl. zum Reglement 1714: Drögereit 1949: 5-15; zum Reglement von 1680: Schnath 1938: 686-694.
  6. vgl. Drögereit 1949: 5
  7. Schütz von Brandis
  8. vgl. Wersebe: 1928: 208ff
  9. Niemeyer/Ortenburg 1976: 47
  10. http://books.google.de/books?id=zOjedBkXO-IC&pg=PA11&lpg=PA11&dq=Hanoverian+Dragoons+1792&source=bl&ots=RE2n9cFrcJ&sig=LCxhMA0TkQv-H0GqFdrDiiR3yVY&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=1&ct=result#PPA16,M1



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