Anschluss (Österreich)

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Anschluss (Österreich)
Der Deutsche Reichstag bei der VerkĂŒndung der Eingliederung Österreichs 1938

Mit Anschluss wird der Einmarsch deutscher Wehrmacht-, SS- und Polizeieinheiten in Österreich am 12. MĂ€rz 1938 und dessen darauf folgende De-facto-Annexion durch das nationalsozialistische Deutsche Reich bezeichnet. Der „Anschluss“, offiziell durch das am 13. MĂ€rz 1938 verabschiedete Gesetz ĂŒber die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vollzogen, markierte das Ende der Ära des Austrofaschismus, der eine Zeit des Nationalsozialismus in Österreich folgte.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Friedrich Heer fĂŒhrt AnschlusswĂŒnsche der deutschsprachigen Bevölkerung der ehemaligen Habsburgischen Erblande bereits auf die Zeit der Gegenreformation zurĂŒck und sieht sie eng verknĂŒpft mit der jahrhundertelangen politischen und kulturellen Konfrontation zwischen protestantischem Norddeutschland und katholisch-barock geprĂ€gtem, vielsprachigem Österreich, die in Folge durch die europĂ€ischen GroßmĂ€chte Preußen und die Habsburgermonarchie getragen wurde. Die Protestanten sahen im evangelischen Norden des „deutschen Reiches“ die Erlösung von der so empfundenen „Einkerkerung“ durch Papst und Kaiser. Erstes Zentrum eines eigenstĂ€ndigen Österreichbewusstseins war laut Heer Wien, das von aufstĂ€ndischen LĂ€ndern, von Oberösterreich, KĂ€rnten, der Steiermark, als die multikulturelle Residenz der ĂŒbernationalen Habsburger bekĂ€mpft wurde.[1] Diese These wird empirisch gestĂŒtzt, indem nachgewiesen werden konnte, dass in Oberösterreich in den Hauptwiderstandsgebieten zur Zeit der Bauernkriege Jahrhunderte spĂ€ter zur Zeit des Juliputsches, dem ersten Versuch Hitlers, Österreich an das Deutsche Reich anzuschließen, besonders viele illegale Nationalsozialisten aktiv waren.[2]

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahr 1806, das die deutschsprachigen ErblĂ€nder Österreichs mit den anderen deutschen Staaten verbunden hatte, entstand 1815 auf dem Wiener Kongress als neue Verbindung der Deutsche Bund. Dieser lose Zusammenschluss von 41 deutschen Einzelstaaten wurde jedoch den Bestrebungen nach einem einheitlichen Staat nur unzureichend gerecht, sodass zur Erreichung dieses Zieles unterschiedliche LösungsansĂ€tze entstanden: einerseits die Großdeutsche Lösung, ein neuer deutscher Gesamtstaat, einschließlich der deutschsprachigen LĂ€nder des Kaisertums Österreich (was allerdings keine Aussicht auf Erfolg hatte, da das österreichische Kaiserhaus nicht auf seine nicht-deutschsprachigen Gebiete verzichtet hĂ€tte) und andererseits die Kleindeutsche Lösung, ohne Österreich.

Von einem Beitritt des deutschsprachigen Teils von Österreich in einen deutschen Nationalstaat war bereits in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 die Rede. Georg Waitz richtete sich in seiner Rede vom 13. MĂ€rz 1849 gegen die Verbindung der deutschsprachigen mit den nicht-deutschsprachigen „Nationen“ in der Habsburgischen „Gesamtmonarchie“ und meinte, dass österreichische Deputierte es als ihre Aufgabe betrachten sollten, das Erbkaisertum zu hindern, damit wenigstens fĂŒr die Zukunft ein Eintritt Österreichs möglich sei.

Die Kleindeutsche Lösung wurde nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg verwirklicht, so dass es zur GrĂŒndung des Deutschen Kaiserreiches kam, dem Zusammenschluss von deutschen FĂŒrstentĂŒmern und Königreichen unter FĂŒhrung Preußens, aber ohne Österreich (auch ohne Liechtenstein, Luxemburg und anderer Gebiete mit deutschsprachiger Bevölkerung).

Anschlussbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Auseinanderbrechen des k. u. k. Vielvölkerstaates war der Zusammenschluss der neuen Republik Österreich (1918/1919 Deutschösterreich) mit dem nun ebenfalls republikanischen Deutschen Reich, der Weimarer Republik, das erklĂ€rte Ziel einer Mehrheit der österreichischen Politiker. Er schien die logische Folge des Nationalismus zu sein, der bereits den Vielvölkerstaat in nach Nationen abgegrenzte Staaten zerbrechen hatte lassen. Auch erschien das verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleine „Restösterreich“ vielen angesichts des Umstandes, dass wirtschaftlich bedeutende Regionen fortan nicht mehr zum Staatsgebiet gehörten, als nicht lebensfĂ€hig. Die Hungerwinter 1918/19 und 1919/20 verstĂ€rkten diesen Eindruck.

Es spielten aber durchaus nicht nur deutschnational-ideologische Gesichtspunkte eine Rolle. So fĂŒrchteten die Sozialdemokraten – wie sich spĂ€ter zeigte zurecht –, im vorwiegend lĂ€ndlich-konservativ geprĂ€gten Restösterreich politisch in die Defensive gedrĂ€ngt zu werden, und erhofften eine Umsetzung des Sozialismus im Rahmen der deutschen Republik. Bei den Christlichsozialen spielte hingegen die Abneigung gegen den so empfundenen Wiener Zentralismus eine nicht unmaßgebliche Rolle. BefĂŒrwortet wurde vielfach kein einseitiger Anschluss wie er schließlich 1938 vollzogen wurde, sondern ein Zusammenschluss gleichberechtigter Bundesstaaten.[3]

Die Österreicher waren es jahrhundertelang gewohnt, in einem imperialen Reich zu leben und konnten sich mit dem neuen Kleinstaat nicht identifizieren. In dieser Situation wurde psychologisch geschickt die Legende lanciert und stĂ€ndig genĂ€hrt, dass das verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleine Restösterreich wirtschaftlich nicht lebensfĂ€hig sei. TatsĂ€chlich jedoch verblieben bedeutende Wirtschaftsbetriebe und -zweige im Land. Die EindĂ€mmung der Nachkriegsinflation und die Stabilisierung der Wirtschaft wurden aber gerade deshalb nicht in Angriff genommen, weil man die Lösung der wirtschaftlichen Probleme im Anschluss sah und auf diesen verschob.[4]

Mit Unterzeichnung der VertrĂ€ge von Saint-Germain fĂŒr Österreich und Versailles fĂŒr das Deutsche Reich (mit dem darin statuierten Anschlussverbot) wurde das Ziel der Vereinigung von beiden Seiten politisch vorerst nicht mehr aktiv weiter verfolgt. Sie blieb aber, aus verschiedenen GrĂŒnden, weiterhin erklĂ€rtes Fernziel, vor allem fĂŒr die Großdeutsche Volkspartei, die Deutschnationale Bewegung wie auch fĂŒr die Sozialdemokraten („Anschluß an Deutschland ist Anschluß an den Sozialismus“, Parole der Arbeiterzeitung). Auch die Christlichsoziale Partei trat politisch dafĂŒr ein.

Auf Landesebene stimmten im Mai 1919 die Vorarlberger mehrheitlich fĂŒr den Anschluss ihres Bundeslandes an die Schweiz, was sowohl von der Schweizer Regierung als auch von der Bundesregierung in Wien abgelehnt wurde. Nach dem gescheiterten Restaurationsversuch des frĂŒheren Kaisers Karl I., der am 26. MĂ€rz 1921 nach Ungarn gereist war und versucht hatte, die ungarische Königskrone zu erringen, erstarkte vor allem in den noch monarchistisch-konservativ geprĂ€gten BundeslĂ€ndern Widerstand gegen die republikanische Regierung in Wien. Mit UnterstĂŒtzung aus dem benachbarten Bayern, wo die sozialistische MĂŒnchner RĂ€terepublik zwei Jahre zuvor niedergekĂ€mpft worden war, bildeten sich in Salzburg und Tirol die ersten österreichischen Heimwehren. Diese setzten sich vehement fĂŒr einen Zusammenschluss mit dem nun betont konservativ regierten Deutschland der Weimarer Zeit ein. Selbst Monarchisten, die den Zusammenschluss frĂŒher als „jĂŒdische Erfindung“ abgelehnt hatten, strebten diesen gemeinsam mit den Deutschnationalen offen an.

Der Tiroler Landtag ließ im April 1921 eine Abstimmung durchfĂŒhren, bei der sich eine Mehrheit von 98,8 % fĂŒr den Zusammenschluss aussprach. Eine am 29. Mai 1921 in Salzburg durchgefĂŒhrte Abstimmung ergab eine Zustimmung von 99,3 % der abgegebenen Stimmen. Weitere Abstimmungen wurden durch Proteste der alliierten GarantiemĂ€chte des Friedensvertrages, insbesondere der französischen Regierung, unterbunden. FĂŒr den Fall, dass weitere BundeslĂ€nder folgen sollten, wurde mit der Verhinderung von Auslandskrediten an das wirtschaftlich geschwĂ€chte Österreich gedroht. Bundeskanzler Michael Mayr (CS), der die Einstellung aller noch geplanten diesbezĂŒglichen Abstimmungen gefordert hatte, trat am 1. Juni zurĂŒck, als der steirische Landtag ankĂŒndigte, dennoch abstimmen zu lassen. Sein Nachfolger wurde der deutschnational eingestellte parteilose Johann Schober (zugleich PolizeiprĂ€sident von Wien), der weitere Abstimmungen verhinderte und jene, die den Zusammenschluss anstrebten, auf einen spĂ€teren, dafĂŒr gĂŒnstigeren Zeitpunkt verwies.

Mit der Machtergreifung des gebĂŒrtigen Oberösterreichers Adolf Hitler in Deutschland 1933, der 1925 seine österreichische StaatsbĂŒrgerschaft zurĂŒckgelegt hatte und 1932 im Alter von 43 Jahren deutscher ReichsbĂŒrger geworden war, Ă€nderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend.

Positionen der Parteien

Alle österreichischen Parteien mit Ausnahme der KPÖ waren vor 1933 grundsĂ€tzlich fĂŒr eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPÖ) zum Beispiel proklamierte noch 1926 im grundsĂ€tzlich marxistisch ausgerichteten Linzer Programm einen Anschluss „mit friedlichen Mitteln“ an die Deutsche Republik[5]. Sie strich den entsprechende Passus jedoch „angesichts der durch den Nationalsozialismus im Deutschen Reich verĂ€nderten Lage“ auf ihrem Parteitag 1933. Die Christlichsoziale Partei (CS) wie auch die nach dem Verbot aller anderen Parteien aus jener hervorgegangene VaterlĂ€ndische Front traten ebenfalls gegen einen Anschluss auf.

Machtbeteiligung der Nationalsozialisten

Nach seiner Machtergreifung 1933 hielt sich Hitler, der die Forderung „Deutschösterreich muß wieder zurĂŒck zum großen deutschen Mutterlande“ schon in seinem Buch Mein Kampf (1924/25) niedergeschrieben hatte, zunĂ€chst in Sachen Österreichs zurĂŒck. Er wollte Benito Mussolini nicht verĂ€rgern, da er ein BĂŒndnis mit ihm anstrebte.

Am 25. Juli 1934 versuchten österreichische Nationalsozialisten unter FĂŒhrung der SS-Standarte 89 einen Putsch (Juliputsch), der jedoch scheiterte. Einigen Putschisten gelang es, bis in das Bundeskanzleramt in Wien vorzudringen, wo Engelbert Dollfuß durch SchĂŒsse so schwer verletzt wurde, dass er den Verletzungen wenig spĂ€ter erlag. Hitler bestritt eine Beteiligung an dem Putschversuch von deutscher Seite. Die seit 1933 verbotene österreichische NSDAP wurde zwar weiterhin aus dem Deutschen Reich unterstĂŒtzt, aber das deutsche Regime ging nun verstĂ€rkt dazu ĂŒber, das politische System in Österreich mit Vertrauensleuten zu unterwandern. Dazu zĂ€hlten, neben anderen, Edmund Glaise-Horstenau, Taras Borodajkewycz und Arthur Seyß-Inquart.

Italien begann am 3. Oktober 1935 die Eroberung des damaligen Abessinien (Italienisch-Äthiopischer Krieg), woraufhin Großbritannien vor dem Völkerbund Sanktionen gegen Italien forderte und in der Folge die Auflösung der Stresa-Front und der VertrĂ€ge von Locarno betrieb. Mussolini wurde damit international isoliert und an die Seite Hitlers gedrĂ€ngt. FĂŒr die in Österreich regierende VaterlĂ€ndische Front bedeutete das den Verlust eines wichtigen VerbĂŒndeten. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, Nachfolger des ermordeten Dollfuß, musste nach Wegen suchen, das VerhĂ€ltnis zum Deutschen Reich zu verbessern. Am 11. Juli 1936 schloss er mit Hitler das Juliabkommen. Das Deutsche Reich hob die in Folge des Verbots der NSDAP in Österreich 1933 verhĂ€ngte Tausend-Mark-Sperre auf, in Österreich wurden inhaftierte Nationalsozialisten amnestiert und NS-Zeitungen wieder zugelassen. DarĂŒber hinaus nahm Schuschnigg Vertrauensleute der Nationalsozialisten in die Regierung auf. Edmund Glaise-Horstenau wurde Bundesminister fĂŒr nationale Angelegenheiten, Guido Schmidt StaatssekretĂ€r im Außenministerium und Arthur Seyß-Inquart in den Staatsrat aufgenommen. 1937 folgte die Öffnung der VaterlĂ€ndischen Front fĂŒr Nationalsozialisten. In neu eingerichteten „Volkspolitischen Referaten“, die meist unter der Leitung von Nationalsozialisten standen, konnte die NSDAP sich neu organisieren.

Nach Festigung seines BĂŒndnisses mit Mussolini, der Achse Berlin-Rom, gelangte Hitler zu der Ansicht, dass Mussolini es mĂŒde wurde, den WĂ€chter der österreichischen UnabhĂ€ngigkeit zu spielen. Als er am 5. November 1937 der WehrmachtsfĂŒhrung seine militĂ€rischen PlĂ€ne erlĂ€uterte (Hoßbach-Niederschrift), nannte er als spĂ€testen Zeitpunkt fĂŒr die Annexion der Tschechoslowakei und Österreichs das Jahr 1943, unter gĂŒnstigen UmstĂ€nden könne dies schon 1938 erfolgen.

Am 12. Februar 1938 zitierte Hitler Bundeskanzler Schuschnigg zu einem Treffen auf den Obersalzberg in Bayern. Hitler drohte mit dem Einmarsch der Wehrmacht, sollte das Parteiverbot fĂŒr die österreichischen Nationalsozialisten nicht wieder aufgehoben und ihnen die volle Agitationsfreiheit gewĂ€hrt werden. Auch forderte er ihre verstĂ€rkte Einbindung in die Regierung. Schuschnigg beugte sich den Drohungen und glaubte, mit dem Berchtesgadener Abkommen die SelbstĂ€ndigkeit Österreichs sichern zu können. Wie von Hitler gefordert, wurde Seyß-Inquart am 16. Februar zum Innenminister ernannt und erlangte damit die Kontrolle ĂŒber die Polizei.

Als Schuschnigg erkannte, dass seine neuen Regierungspartner ihm innerhalb weniger Wochen den Boden unter den FĂŒĂŸen wegzogen und dabei waren, die Macht zu ĂŒbernehmen, gab er am 9. MĂ€rz bekannt, am folgenden Sonntag, dem 13. MĂ€rz, eine Volksabstimmung zur UnabhĂ€ngigkeit Österreichs abhalten zu wollen. Die Frage hierin sollte lauten, ob das Volk ein „freies und deutsches, unabhĂ€ngiges und soziales, ein christliches und einiges Österreich“ wolle oder nicht. Hitler, der offenbar eine Ablehnung des Anschlusses an das Deutsche Reich befĂŒrchtete, quittierte das mit der Mobilmachung der fĂŒr den Einmarsch vorgesehenen 8. Armee. Glaise-Horstenau, der zu diesem Zeitpunkt in Berlin gewesen war, ĂŒberbrachte von dort das Ultimatum Hitlers, das von Hermann Göring zusĂ€tzlich in Telefonaten mit Schuschnigg bekrĂ€ftigt wurde. Die Reichsregierung forderte die Verschiebung beziehungsweise die Absage der Volksbefragung. Am Nachmittag des 11. MĂ€rz willigte Schuschnigg ein. Noch am selben Abend erzwang Hitler den RĂŒcktritt Schuschniggs zugunsten Arthur Seyß-Inquarts. Göring ließ daraufhin auf Befehl Hitlers ein Telegramm mit der Bitte um die Entsendung reichsdeutscher Truppen aufsetzen, das sich die Reichsregierung daraufhin im Namen des neuen Bundeskanzlers Seyß-Inquart selbst zusandte.

Carl Zuckmayer schrieb in Als wĂ€r’s ein StĂŒck von mir ĂŒber den 11. MĂ€rz 1938:

„An diesem Abend brach die Hölle los. Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein AlptraumgemĂ€lde des Hieronymus Bosch: Lemuren und HalbdĂ€monen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablĂ€ssig gellenden, wĂŒsten, hysterischen Gekreische erfĂŒllt, aus MĂ€nner- und Weiberkehlen, das tage- und nĂ€chtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in LĂŒge, die anderen in wildem, hasserfĂŒlltem Triumph. Ich hatte in meinem Leben einiges an menschlicher Entfesselung, Entsetzen oder Panik gesehen. Ich habe im Ersten Weltkrieg ein Dutzend Schlachten mitgemacht, [
] Ich hatte die Unruhen der Nachkriegszeit miterlebt, [
] Ich war beim MĂŒnchner »Hitler-Putsch« von 1923 mitten unter den Leuten auf der Straße. Ich erlebte die erste Zeit der Naziherrschaft in Berlin. Nichts davon war mit den Tagen in Wien zu vergleichen. Was hier entfesselt wurde, hatte mit der »Machtergreifung« in Deutschland, die nach außen hin scheinbar legal vor sich ging und von einem Teil der Bevölkerung mit Befremden, mit Skepsis oder mit einem ahnungslosen, nationalen Idealismus aufgenommen wurde, nichts mehr zu tun. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt. [
] Hier war nichts losgelassen als die dumpfe Masse, die blinde Zerstörungswut, und ihr Haß richtete sich gegen alles durch die Natur oder Geist Veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein BegrĂ€bnis aller menschlicher WĂŒrde.“

– Carl Zuckmayer

Vollzug des Anschlusses

Demontage von SchlagbÀumen durch österreichische und deutsche Grenzbeamte, MÀrz 1938
Deutsche Polizeieinheiten beim Einmarsch in Imst
Wagenkolonne Hitlers in Wien (Praterstern)

Nachdem Hitler am 11. MĂ€rz 1938 die „MilitĂ€rische Weisung fĂŒr den Einmarsch in Österreich“ unter dem Decknamen „Unternehmen Otto“ ausgestellt hatte, ließ er am 12. MĂ€rz 1938 Soldaten der Wehrmacht und Polizisten – insgesamt rund 65.000 Mann mit teils schwerer Bewaffnung – in Österreich einmarschieren, die von der Bevölkerung vielfach mit Jubel empfangen wurden. In Wien traf am Flughafen Aspern der ReichsfĂŒhrer-SS Heinrich Himmler in Begleitung von SS- und Polizeibeamten ein, um die Übernahme der österreichischen Polizei durchzufĂŒhren. Noch am selben Abend trafen in Linz Hitler und Seyß-Inquart zusammen und vereinbarten die sofortige DurchfĂŒhrung der „Wiedervereinigung“ ohne die frĂŒher geplanten Übergangsfristen. Das Gesetz ĂŒber die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich wurde am folgenden Tag in der zweiten Kabinettssitzung der Regierung Seyß-Inquart in Wien beschlossen; daher gilt allgemein der 13. MĂ€rz 1938 als eigentlicher Tag des Anschlusses.

Rede Hitlers in Wien am 15. MĂ€rz 1938

Am 15. MĂ€rz verkĂŒndete Hitler auf dem Heldenplatz in Wien unter dem Jubel zehntausender Menschen „den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich”. Er bezeichnete Österreich als „Àlteste Ostmark des Deutschen Volkes“ und „jĂŒngstes Bollwerk der Deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches“.

Seyß-Inquart bildete eine nationalsozialistische Regierung und vollzog den Anschluss. Bereits in den ersten Tagen nach der MachtĂŒbernahme inhaftierten die neuen Machthaber, auch unter Mithilfe österreichischer AnhĂ€nger, rund 72.000 Menschen, insbesondere in Wien. Darunter waren viele Politiker und Intellektuelle der Ersten Republik und des StĂ€ndestaates sowie vor allem Juden. Auch der frĂŒhere Bundeskanzler Schuschnigg wurde zunĂ€chst unter Hausarrest gestellt und spĂ€ter wie die meisten anderen HĂ€ftlinge in das KZ Dachau deportiert. Die Polizei, die jetzt Himmler unterstellt war, unterband jeden nachhaltigen Widerstand. Am Brenner trafen sich schließlich deutsche und italienische Truppeneinheiten zu freundschaftlichen Zeremonien.

Volksabstimmung

Hitler ließ sich die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich nachtrĂ€glich durch eine Volksabstimmung am 10. April 1938 absegnen. Im Vorfeld waren prominente Persönlichkeiten wie der Wiener Kardinal Theodor Innitzer, der eine ErklĂ€rung der Bischöfe dazu mit „Heil Hitler“ unterzeichnete, und der PrĂ€sident des evangelischen Oberkirchenrates Robert Kauer sowie Politiker, darunter der Sozialdemokrat und ehemalige österreichische Staatskanzler Karl Renner sowie der frĂŒhere BundesprĂ€sident Michael Hainisch, und KĂŒnstler wie Paula Wessely und Josef Weinheber öffentlich fĂŒr ein Ja eingetreten. In mehreren StĂ€dten Österreichs fanden vor der Abstimmung penibel inszenierte Auftritte hoher FunktionĂ€re der NSDAP statt, so von Goebbels, Göring, Hess und anderen. Hitler selbst hielt am 9. April in der Nordwestbahnhalle eine Ansprache.

Stimmzettel zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich

Die Propaganda durchdrang alle Lebensbereiche: Fahnen, Banner und Plakate mit Parolen und dem Hakenkreuz-Symbol wurden in allen StĂ€dten, an Straßenbahnen, an WĂ€nden und eigens errichteten PlakatstĂ€ndern und SĂ€ulen, angebracht; alleine in Wien fanden sich rund 200.000 Hitler-Portraits an öffentlichen Orten. Selbst in Poststempeln war zu lesen: „Am 10. April dem FĂŒhrer Dein Ja“. Presse und Rundfunk waren fest in der Hand der neuen Machthaber, hatten kein anderes Thema als das Ja, so dass es keine öffentlichen Gegenstimmen gab. Rund acht Prozent der eigentlich Wahl- und Stimmberechtigten waren von der Abstimmung ausgeschlossen worden: etwa 200.000 Juden, rund 177.000 „Mischlinge“ und die bereits zuvor aus politischen oder rassistischen GrĂŒnden Verhafteten. Bei der Abstimmung selbst zogen viele es vor, nicht anonym in der Wahlzelle ihre Wahl zu treffen, sondern öffentlich vor den Wahlhelfern ihr Kreuz bei Ja zu machen, um nicht in den Verdacht zu geraten, gegen den Anschluss gestimmt zu haben und folglich als „Systemgegner“ möglichen Repressalien ausgesetzt zu sein.[6]

Auswirkungen

Uniformierte und Zivilisten sehen zu, als jĂŒdische MitbĂŒrger dazu gezwungen werden, Gehsteige zu reinigen; Wien, MĂ€rz od. April 1938

Am Abend des 10. April berichtete Gauleiter BĂŒrckel aus dem Wiener Konzerthaus das Ergebnis der Abstimmung nach Berlin. Nach amtlichen Angaben hatte es eine Zustimmung von 99,73 % gegeben. Im Deutschen Reich, dem so genannten Altreich, stimmten 99,08 % fĂŒr den Anschluss. Die Wahlbeteiligung in Österreich lag bei 99,71 %, im Altreich bei 99,60 %.

Zugleich bediente sich Deutschland bei den Gold- und Devisenreserven Österreichs, wo aufgrund der deflationistischen Wirtschaftspolitik der Regierungen in den 1930er Jahren beachtliche Mengen zusammengekommen waren, die nun in das devisenarme Deutsche Reich transferiert wurden. So gerieten mehr als 2,7 Milliarden Schilling an Gold und Devisen unter deutsche Kontrolle.[7]

Im bald in Ostmark umbenannten Österreich hatte die NSDAP großen Zulauf. Auswertungen von Mitgliedskarteien zufolge war der prozentuale Anteil der NSDAP-Mitglieder an der Gesamtbevölkerung im vormaligen Österreich höher als in den meisten Teilen des ĂŒbrigen Deutschen Reichs.

Die WestmĂ€chte Großbritannien und Frankreich, die 1919 den Beitritt Deutschösterreichs zu einem föderalen Deutschen Reich und 1931 auch eine Zollunion verboten hatten, ĂŒbersandten jetzt lediglich diplomatische Protestnoten. Die London Times schrieb dazu, schließlich habe sich Schottland vor 200 Jahren auch England angeschlossen. Lediglich Mexiko und die Sowjetunion legten Protest ein; erstere durch Übermittlung einer Protestnote „gegen die auslĂ€ndische Aggression gegen Österreich“ beim Völkerbund sowie die – erfolglose – Forderung der Einberufung einer Ratstagung durch den damaligen Außenminister Eduardo Hay,[8] letztere durch Protestschreiben an die WestmĂ€chte.

Als WĂŒrdigung der mexikanischen Protestnote wurde am 27. Juni 1956 der Erzherzog-Karl-Platz in Wien in Mexikoplatz umbenannt. Seit 1985 steht dort ein Gedenkstein mit folgender Inschrift: „Mexiko war im MĂ€rz 1938 das einzige Land, das vor dem Völkerbund offiziellen Protest gegen den gewaltsamen Anschluß Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich einlegte. Zum Gedenken an diesen Akt hat die Stadt Wien diesem Platz den Namen Mexikoplatz verliehen.“ Ein 1988 gestiftetes weiteres Denkmal steht in Mexiko-Stadt.

Eingliederung in das „Großdeutsche Reich“

→ Hauptartikel: Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus

Die Österreicher wurden mit Verordnung vom 3. Juli 1938 zu BĂŒrgern des Deutschen Reiches und teilten nun die nationalsozialistische Geschichte des nunmehr Großdeutschen Reiches bis zu dessen historischem Untergang 1945.

Am 1. Mai 1939 wurde das so genannte Ostmarkgesetz verabschiedet, mit dem die Befugnisse vom Reichsstatthalter an den Reichskommissar ĂŒbergeben werden sollten. Die Umsetzung dieses Gesetzes war am 31. MĂ€rz 1940 beendet. Josef BĂŒrckel wurde im April als „Reichskommissar fĂŒr die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ eingesetzt. Ihm folgte ab 1940 Baldur von Schirach. Das Staatsgebiet der ehemals souverĂ€nen Republik Österreich wurde in Reichsgaue (KĂ€rnten, Niederdonau, Oberdonau, Salzburg, Steiermark, Tirol und Wien) aufgeteilt. Hitler ließ den von ihm ungeliebten Namen Österreich (nach seinen Worten eine „Mißgeburt der Geschichte“) anfangs durch Ostmark ersetzen, eine ab dem 19. Jahrhundert verbreitete Übersetzung fĂŒr marcha orientalis, die damals auch fĂŒr Gebiete im Osten Preußens verwendet wurde (siehe Deutscher Ostmarkenverein). In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gab es daneben einen Gau Bayerische Ostmark.[9]

Ab 1942 wurde die Benennung Ostmark durch Donau- und Alpenreichsgaue abgelöst. Der Historiker Karl Vocelka, Professor fĂŒr österreichische Geschichte an der UniversitĂ€t Wien, sieht darin einen weiteren Schritt im Bestreben der nationalsozialistischen Machthaber, jeden Hinweis auf eine (historische) EigenstĂ€ndigkeit Österreichs auszulöschen.[10] Möglicher Grund fĂŒr die Umbenennung ist auch, dass im Zuge der Eroberungen des Deutschen Reiches in Osteuropa das frĂŒhere Österreich keine „östliche Grenzmark“ mehr darstellte.[11]

Einzelnachweise

  1. ↑ Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische IdentitĂ€t, Wien 2001, ISBN 3-205-99333-0, u.a. S. 21, 29, Kap. 3.
  2. ↑ Margarethe Haydter, Johann Mayr: Regionale ZusammenhĂ€nge zwischen Hauptwiderstandsgebieten zur Zeit der Gegenreformation und den JulikĂ€mpfen 1934 in Oberösterreich. In: Zeitgeschichte, 9. Jg., Heft 11/12, 1982, S. 392–407.
  3. ↑ Hellwig Valentin: Vom LĂ€nderpartikularismus zum föderalen Bundesstaat. In: Stefan Karner, Lorenz Mikoletzky (Hrsg.): Österreich. 90 Jahre Republik, Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7065-4664-5, S. 35 ff.
  4. ↑ Stefan Karner: Problemfelder des wirtschaftlichen Aufbaus in Österreich 1918/19, in Stefan Karner, Lorenz Mikoletzky (Hrsg.): Österreich. 90 Jahre Republik. Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7065-4664-5, S. 205ff.
  5. ↑ Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs: Das Linzer Programm, 3. November 1926.
  6. ↑ Wilhelm J. Wagner: Der große Bildatlas zur Geschichte Österreichs. Kremayr & Scheriau 1995, ISBN 3-218-00590-6 (Kapitel „Heim ins Reich“).
  7. ↑ Manfred Jochum: Die Erste Republik in Dokumenten und Bildern. Wilhelm BraumĂŒller UniversitĂ€ts-Verlagsbuchhandlung, Wien 1983, S. 247.
  8. ↑ Die Protestnote Mexikos an den Völkerbund im Wortlaut.
  9. ↑ Helmut W. Schaller/Historisches Lexikon Bayerns: „Bayerische Ostmark, 1933–1945“; 1942 wurde der Gau Bayerische Ostmark, der infolge der NS-Eroberungspolitik nicht mehr im Grenzgebiet lag, in Gau Bayreuth umbenannt.
  10. ↑ Karl Vocelka: Geschichte Österreichs (S. 300), Heyne 2002, ISBN 3-453-21622-9.
  11. ↑ Andreas Hillgruber: „Die versuchte Auslöschung des Namens „Österreich“ und seine Ersetzung zunĂ€chst durch „Ostmark“, dann (als die Ostgrenze des Großdeutschen Reiches durch die vorrĂŒckende Front immer weiter nach Osten verschoben wurde) durch die Verlegenheitsbezeichnung „Donau- und Alpengaue“, kennzeichnete oberflĂ€chlich den Weg vermeintlich vollstĂ€ndiger Eingliederung.“ Aus: Das Anschlussproblem (1918–1945) – Aus deutscher Sicht. In: Robert A. Kann, Friedrich E. Prinz: Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch. Wien-MĂŒnchen 1980, S. 175.

Literatur

  • Gerhard Botz: Wien vom Anschluss zum Krieg. Wien / MĂŒnchen 1978.
  • Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, S. 32–34, de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-013379-2.
  • Ulrich Weinzierl (Hrsg.): Österreichs Fall – Schriftsteller berichten vom „Anschluss“. 2. Aufl., Wien und MĂŒnchen 1988, ISBN 3-224-11429-0.
  • Ernst Jandl: wien: heldenplatz, in: Laut und Luise. Olten, Freiburg i. Breisgau 1966.
  • Jobst Knigge: Prinz Philipp von Hessen. Hitlers Sonderbotschafter fĂŒr Italien, Humboldt UniversitĂ€t Berlin 2009.

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