Anschluss Österreichs

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Anschluss Österreichs
Uniformierte und Zivilisten sahen zu, als jĂŒdische Wiener von Nationalsozialisten im MĂ€rz 1938 dazu gezwungen wurden, proösterreichische Parolen fĂŒr die abgesagte Volksabstimmung Schuschniggs von den Gehsteigen zu waschen (so genannte Reibpartien).

Als Anschluss Österreichs oder kurz „Anschluss“ wird der Einmarsch deutscher Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten in Österreich am 12. MĂ€rz 1938 und die darauffolgende De-facto-Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich bezeichnet. Mit dem „Anschluss“, offiziell durch das am 13. MĂ€rz 1938 (ohne Parlament) verabschiedete Gesetz ĂŒber die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vollzogen, wurde die Diktatur des StĂ€ndestaates bzw. des Austrofaschismus (seit 1934) vom nationalsozialistischen Regime unter Adolf Hitler abgelöst.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahr 1806, das die deutschen (heute oft: deutschsprachigen) ErblĂ€nder Österreichs (sowie die LĂ€nder der Böhmischen Krone) mit den anderen deutschen Staaten verbunden hatte, entstand 1815 auf dem Wiener Kongress als neue politische Verbindung der Deutsche Bund. Dieser lose Zusammenschluss von 41 deutschen Einzelstaaten wurde jedoch den Bestrebungen bĂŒrgerlicher Nationalisten nach einem einheitlichen Staat, der von den meisten deutschen FĂŒrsten (die ihren Bedeutungsschwund vermeiden wollten) verzögert wurde, nur unzureichend gerecht.

In Folge dessen entstanden zur Erreichung dieses Zieles unterschiedliche LösungsansĂ€tze: einerseits die Großdeutsche Lösung, ein neuer, stark föderalistischer deutscher Gesamtstaat unter FĂŒhrung des Hauses Habsburg, des historischen römisch-deutschen Kaiserhauses, einschließlich der deutschen LĂ€nder des Kaisertums Österreich (was bedeutet hĂ€tte, dass die Donaumonarchie der Habsburger durch die deutsche Außengrenze geteilt worden wĂ€re) – und andererseits die Kleindeutsche Lösung unter der Hegemonie des Königreichs Preußen.

Von einem Einbezug des deutschen Teils von Österreich in einen deutschen Nationalstaat war bereits in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 die Rede. Erzherzog Johann von Österreich wurde von ihr im Sinn der großdeutschen Lösung zum Reichsverweser gewĂ€hlt. Der Verfassungshistoriker Georg Waitz aus Kiel wandte sich in seiner Rede vom 13. MĂ€rz 1849 gegen die Verbindung der deutschen mit den nichtdeutschen „Nationen“ in der Habsburgischen „Gesamtmonarchie“ und meinte, dass deutschösterreichische Deputierte es als ihre Aufgabe betrachten sollten, das Erbkaisertum zu hindern, damit wenigstens fĂŒr die Zukunft ein Eintritt Österreichs möglich sei.

Die Kleindeutsche Lösung wurde nach den Siegen Preußens und seiner VerbĂŒndeten ĂŒber Österreich (Deutscher Krieg 1866) und ĂŒber das das Kaiserreich Frankreich verwirklicht. 1871 wurde das Deutsche Reich als Kaiserreich im Schloss von Versailles (nahe Paris) ausgerufen, der Zusammenschluss von deutschen FĂŒrstentĂŒmern und Königreichen unter FĂŒhrung Preußens, aber ohne Österreich (auch ohne Liechtenstein, Luxemburg und anderer Gebiete mit deutscher Bevölkerung).

Deutung

Friedrich Heer fĂŒhrt AnschlusswĂŒnsche der deutschsprachigen Bevölkerung der ehemaligen Habsburgischen Erblande bereits auf die Zeit der Gegenreformation zurĂŒck und sieht sie eng verknĂŒpft mit der jahrhundertelangen politischen und kulturellen Konfrontation zwischen protestantischem Norddeutschland und katholisch geprĂ€gtem, vielsprachigem Österreich, die in Folge durch die europĂ€ischen GroßmĂ€chte Preußen und die Habsburgermonarchie getragen wurde. Die Protestanten sahen im evangelischen Norden des „deutschen Reiches“ die Erlösung von der so empfundenen „Einkerkerung“ durch Papst und Kaiser. Erstes Zentrum eines eigenstĂ€ndigen österreichischen Nationalbewusstseins war laut Heer Wien, das von aufstĂ€ndischen LĂ€ndern, von Oberösterreich, KĂ€rnten, der Steiermark, als die multikulturelle Residenz der ĂŒbernationalen Habsburger bekĂ€mpft wurde.[1] Diese These wird empirisch gestĂŒtzt, indem nachgewiesen werden konnte, dass in Oberösterreich in den Hauptwiderstandsgebieten zur Zeit der Bauernkriege Jahrhunderte spĂ€ter zur Zeit des Juliputsches, dem ersten Versuch Hitlers, Österreich an das Deutsche Reich anzuschließen, besonders viele illegale Nationalsozialisten aktiv waren.[2]

Anschlussbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg

Politik im Staat Deutschösterreich

Das Ende des Ersten Weltkrieges brachte den Untergang der k.u.k. Monarchie und zugleich das Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn. In dieser Situation war der Zusammenschluss des am 30. Oktober 1918 gegrĂŒndeten neuen Staates Deutschösterreich mit dem nun ebenfalls republikanischen Deutschen Reich fĂŒr die meisten österreichischen Politiker eine SelbstverstĂ€ndlichkeit; insbesondere, als sich herausstellte, dass die anderen Nachfolgestaaten der Monarchie auch an einer losen Konföderation nicht interessiert waren.

Am 12. November 1918 beschloss die Provisorische Nationalversammlung fĂŒr Deutschösterreich die Republik als Staatsform – und dass Deutschösterreich Teil der deutschen Republik sei.[3] Die meisten damals aktiven Politiker hatten bis dahin in grĂ¶ĂŸeren Dimensionen (Cisleithanien) als denen eines Kleinstaates gedacht. Ihnen erschien „Restösterreich“ angesichts des Umstandes, dass wirtschaftlich bedeutende Regionen fortan nicht mehr zum Staatsgebiet gehörten, als nicht lebensfĂ€hig. Die Hungerwinter 1918/19 und 1919/20 dramatisierten diese LebensfĂ€higkeitsdebatte.

Es spielten dabei durchaus nicht nur deutschnationale Gesinnungen eine Rolle. So fĂŒrchteten die Sozialdemokraten – wie sich spĂ€ter zeigte zu Recht –, im vorwiegend lĂ€ndlich-konservativ geprĂ€gten Deutschösterreich politisch in die Defensive gedrĂ€ngt zu werden, und erhofften eine Umsetzung des Sozialismus im Rahmen der deutschen Republik. Bei den Christlichsozialen spielte hingegen die Abneigung gegen den so empfundenen Wiener Zentralismus eine nicht unmaßgebliche Rolle. BefĂŒrwortet wurde vielfach kein einseitiger Anschluss, wie er schließlich 1938 vollzogen wurde, sondern ein Zusammenschluss gleichberechtigter Bundesstaaten.[4]

Die Österreicher waren es jahrhundertelang gewohnt, in einem imperialen Reich zu leben und konnten sich mit dem neuen Kleinstaat nicht identifizieren. In dieser Situation wurde psychologisch geschickt die Behauptung lanciert und stĂ€ndig genĂ€hrt, dass das verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleine Restösterreich wirtschaftlich nicht lebensfĂ€hig sei. TatsĂ€chlich jedoch verblieben bedeutende Wirtschaftsbetriebe und -zweige im Land. Die EindĂ€mmung der Nachkriegsinflation und die Stabilisierung der Wirtschaft wurden aber gerade deshalb nicht in Angriff genommen, weil man die Lösung der wirtschaftlichen Probleme im Anschluss sah und auf diesen verschob.[5]

Mit der auf Grund der UmstĂ€nde alternativlosen Unterzeichnung der VertrĂ€ge von Saint-Germain fĂŒr Österreich und Versailles fĂŒr das Deutsche Reich (mit dem darin statuierten Anschlussverbot) wurde das Ziel der Vereinigung von beiden Seiten politisch vorerst nicht mehr aktiv weiter verfolgt. Mit der Ratifizierung des Vertrags im Oktober 1919 Ă€nderte der Staat Deutschösterreich seinen Namen auf Republik Österreich.

Der Anschluss blieb aber, aus verschiedenen GrĂŒnden, weiterhin erklĂ€rtes Fernziel, vor allem fĂŒr die Großdeutsche Volkspartei, die Deutschnationale Bewegung wie auch fĂŒr die Sozialdemokraten (Anschluß an Deutschland ist Anschluß an den Sozialismus, Parole der „Arbeiterzeitung“, Zentralorgan der Partei). Auch die Christlichsoziale Partei trat politisch dafĂŒr ein.

Politik in den österreichischen LÀndern

Auf Landesebene stimmten im Mai 1919 die alemannischen Vorarlberger mehrheitlich fĂŒr Verhandlungen ĂŒber den Anschluss ihres Bundeslandes an die alemannische Schweiz, was sowohl von der Schweizer Regierung als auch von der Bundesregierung in Wien abgelehnt wurde.

Nach dem gescheiterten Restaurationsversuch des frĂŒheren Kaisers Karl I., der am 26. MĂ€rz 1921 als König von Ungarn vom Exil in der Schweiz nach Ungarn gereist war und versucht hatte, die Regierung wieder zu ĂŒbernehmen, erstarkte vor allem in den noch monarchistisch-konservativ geprĂ€gten BundeslĂ€ndern Widerstand gegen die republikanische Regierung in Wien. Mit UnterstĂŒtzung aus dem benachbarten Bayern, wo die sozialistische MĂŒnchner RĂ€terepublik zwei Jahre zuvor niedergekĂ€mpft worden war, bildeten sich in Salzburg und Tirol die ersten österreichischen Heimwehren. Diese setzten sich vehement fĂŒr einen Zusammenschluss mit dem nun betont konservativ regierten Deutschland der Weimarer Zeit ein. Selbst Monarchisten, die den Zusammenschluss frĂŒher als „jĂŒdische Erfindung“ abgelehnt hatten, strebten diesen gemeinsam mit den Deutschnationalen offen an.

Der Tiroler Landtag ließ im April 1921 eine Abstimmung durchfĂŒhren, bei der sich eine Mehrheit von 98,8 % fĂŒr den Zusammenschluss aussprach. Eine am 29. Mai 1921 in Salzburg durchgefĂŒhrte Abstimmung ergab eine Zustimmung von 99,3 % der abgegebenen Stimmen.

Weitere Abstimmungen wurden durch Proteste der alliierten GarantiemĂ€chte des Friedensvertrages, insbesondere der französischen Regierung, unterbunden. FĂŒr den Fall, dass weitere BundeslĂ€nder folgen sollten, wurde mit der Verhinderung von Auslandskrediten an das wirtschaftlich geschwĂ€chte Österreich gedroht. Bundeskanzler Michael Mayr (CS), der die Einstellung aller noch geplanten diesbezĂŒglichen Abstimmungen gefordert hatte, trat am 1. Juni zurĂŒck, als der steirische Landtag ankĂŒndigte, dennoch abstimmen zu lassen. Sein Nachfolger wurde der deutschnational eingestellte parteilose Johann Schober (zugleich PolizeiprĂ€sident von Wien), der weitere Abstimmungen verhinderte und jene, die den Zusammenschluss anstrebten, auf einen spĂ€teren, dafĂŒr gĂŒnstigeren Zeitpunkt verwies.

Genfer Protokolle

Erneut bekrĂ€ftigt wurde das Anschlussverbot in den Genfer Protokollen vom 4. Oktober 1922 zwischen den Regierungen von Frankreich, Großbritannien, Italien, der Tschechoslowakei und Österreich, – Voraussetzung fĂŒr die GewĂ€hrung von Anleihen des Völkerbundes an Österreich in Höhe von 650 Millionen Goldkronen. Gegen den Widerstand der Sozialdemokraten nahm der Nationalrat die Genfer Protokolle an.

Positionen der Parteien

Alle österreichischen Parteien – einschließlich der KPÖ, welche nach einer erfolgreichen Revolution einen Anschluss „Sowjetösterreichs“ an „Sowjetdeutschland“ forderte[6] – waren vor 1933 grundsĂ€tzlich fĂŒr eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPÖ) zum Beispiel proklamierte noch 1926 im ĂŒberwiegend marxistisch ausgerichteten Linzer Programm einen Anschluss „mit friedlichen Mitteln“ an die Deutsche Republik.[7] Sie strich den entsprechende Passus jedoch „angesichts der durch den Nationalsozialismus im Deutschen Reich verĂ€nderten Lage“ auf ihrem Parteitag 1933. Die Christlichsoziale Partei (CS) wie auch die nach dem Verbot aller anderen Parteien aus jener hervorgegangene VaterlĂ€ndische Front traten ebenfalls gegen einen Anschluss an das „Dritte Reich“ auf.

Zur Frage des aktiven Eintretens der verbotenen österreichischen Sozialdemokratie gegen die Bedrohung Österreichs durch den Nationalsozialismus gab es im so genannten Sozialistenprozess 1936 klare Äußerungen: Der Angeklagte Roman Felleis erklĂ€rte, die Arbeiter wĂŒrden in Zukunft nur dann fĂŒr diesen Staat einstehen, wenn er wieder zur HeimstĂ€tte fĂŒr ihre Rechte, fĂŒr ihre Freiheit geworden ist. [
] Gebt uns Freiheit, dann könnt ihr unsere FĂ€uste haben![8] Der Angeklagte Bruno Kreisky sagte im Prozess: Nur freie BĂŒrger werden gegen Knechtung kĂ€mpfen.[9]

Österreichische Nationalsozialisten

Mit der MachtĂŒbernahme der NSDAP in Deutschland 1933 Ă€nderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Adolf Hitler, der als gebĂŒrtiger Oberösterreicher 1925 seine österreichische StaatsbĂŒrgerschaft abgelegt hatte und 1932 im Alter von 43 Jahren deutscher ReichsbĂŒrger wurde, hielt sich trotz der schon 1924/25 in seinem Buch Mein Kampf niedergeschriebenen Forderung „Deutschösterreich muß wieder zurĂŒck zum großen deutschen Mutterlande“ dahingehend außenpolitisch zunĂ€chst zurĂŒck. Er wollte Benito Mussolini nicht verĂ€rgern, da er ein BĂŒndnis mit ihm anstrebte.

Am 25. Juli 1934 versuchten österreichische Nationalsozialisten unter FĂŒhrung der SS-Standarte 89 einen Putsch gegen den diktatorischen StĂ€ndestaat, der jedoch scheiterte. Einigen Putschisten gelang es, bis in das Bundeskanzleramt in Wien vorzudringen, wo Engelbert Dollfuß durch SchĂŒsse so schwer verletzt wurde, dass er den Verletzungen wenig spĂ€ter erlag. Hitler bestritt eine Beteiligung an dem Putschversuch von deutscher Seite. Die seit 1933 verbotene österreichische Landesorganisation der NSDAP wurde zwar weiterhin aus dem Deutschen Reich unterstĂŒtzt, aber das deutsche Regime ging nun verstĂ€rkt dazu ĂŒber, das politische System in Österreich mit Vertrauensleuten zu unterwandern. Dazu zĂ€hlten, neben anderen, Edmund Glaise-Horstenau, Taras Borodajkewycz und Arthur Seyß-Inquart.

Italien begann am 3. Oktober 1935 die Eroberung des damaligen Abessinien (Italienisch-Äthiopischer Krieg (1935–1936)), woraufhin Großbritannien vor dem Völkerbund Sanktionen gegen Italien forderte und in der Folge die Auflösung der Stresa-Front und der VertrĂ€ge von Locarno betrieb. Mussolini wurde damit international isoliert und an die Seite Hitlers gedrĂ€ngt. FĂŒr die in Österreich regierende VaterlĂ€ndische Front bedeutete das den Verlust eines wichtigen Schutzherrn, da Italien der Garant fĂŒr Österreichs damalige UnabhĂ€ngigkeit war.

Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, Nachfolger des ermordeten Dollfuß, musste nun nach Wegen suchen, das VerhĂ€ltnis zum Deutschen Reich zu verbessern. Am 11. Juli 1936 schloss er mit Hitler das Juliabkommen. Das Deutsche Reich hob die in Folge des Verbots der NSDAP in Österreich 1933 verhĂ€ngte Tausend-Mark-Sperre auf, in Österreich wurden inhaftierte Nationalsozialisten amnestiert und NS-Zeitungen wieder zugelassen.

DarĂŒber hinaus nahm Schuschnigg Vertrauensleute der Nationalsozialisten in die Regierung auf. Edmund Glaise-Horstenau wurde Bundesminister fĂŒr nationale Angelegenheiten, Guido Schmidt StaatssekretĂ€r im Außenministerium und Seyß-Inquart in den Staatsrat aufgenommen. 1937 folgte die Öffnung der VaterlĂ€ndischen Front fĂŒr Nationalsozialisten. In neu eingerichteten „Volkspolitischen Referaten“, die meist unter der Leitung von Nationalsozialisten standen, konnte die NSDAP sich neu organisieren.

Das Treffen auf dem Berghof

Nach Festigung seines BĂŒndnisses mit Mussolini, der Achse Berlin-Rom, gelangte Hitler zu der Ansicht, dass Mussolini es mĂŒde werde, den WĂ€chter der österreichischen UnabhĂ€ngigkeit zu spielen. Als er am 5. November 1937 der WehrmachtfĂŒhrung seine militĂ€rischen PlĂ€ne erlĂ€uterte (Hoßbach-Niederschrift), nannte er als spĂ€testen Zeitpunkt fĂŒr die Annexion der Tschechoslowakei (→ Zerschlagung der Rest-Tschechei) und Österreichs das Jahr 1943, unter gĂŒnstigen UmstĂ€nden könne dies schon 1938 erfolgen.

Seit dem Juliabkommen wuchs in Österreich der Einfluss der vom Deutschen Reich ermutigten nationalsozialistischen Untergrundbewegung. Die BemĂŒhungen von Bundeskanzler Schuschnigg um eine britische GarantieerklĂ€rung scheiterten im FrĂŒhsommer 1937. Der deutsche Botschafter in Wien, Franz von Papen, riet ihm Anfang Februar 1938 zu einem Treffen mit Hitler, dem Schuschnigg nach einigem Zögern zustimmte. Mit Seyß-Inquart arbeitete er eine Reihe von ZugestĂ€ndnissen aus, die er Hitler vorlegen wollte. Ohne Schuschniggs Wissen spielte Seyß-Inquart die geplanten ZugestĂ€ndnisse Hitler zu.

Der Berghof 1936

Am Morgen des 12. Februar 1938 traf Schuschnigg auf dem Berghof in Bayern ein. Hitler empfing ihn auf den Treppenstufen des Berghofs und fĂŒhrte ihn in sein Arbeitszimmer. Nachdem er kurz auf Schuschniggs Hinweis auf die schöne Aussicht eingegangen war, kam er unvermittelt auf die österreichische Politik zu sprechen.

Österreichs Geschichte sei ein ununterbrochener Volksverrat. Dieser geschichtliche Widersinn mĂŒsse endlich sein Ende finden. Er, Hitler, sei fest entschlossen, mit dem allen ein Ende zu machen, seine Geduld sei erschöpft. Österreich stehe allein, weder Frankreich noch Großbritannien noch Italien wĂŒrden zu seiner Rettung auch nur einen Finger rĂŒhren. Schuschnigg habe nur noch bis zum Nachmittag Zeit.

Beim Mittagessen zeigte sich Hitler als aufmerksamer Gastgeber, doch auch die drei GenerĂ€le, die eine mögliche Operation gegen Österreich kommandieren sollten, saßen an der Tafel. Ribbentrop und Papen legten Schuschnigg am Nachmittag ein Dokument mit Forderungen vor, die deutlich ĂŒber die von Schuschnigg mit Seyß-Inquart ausgearbeiteten ZugestĂ€ndnisse hinausgingen.

Hitler drohte mit dem Einmarsch der Wehrmacht, sollte das Parteiverbot fĂŒr die österreichischen Nationalsozialisten nicht wieder aufgehoben und ihnen die volle Agitationsfreiheit gewĂ€hrt werden. Auch forderte er ihre verstĂ€rkte Einbindung in die Regierung. Seyß-Inquart sollte Innenminister werden, Glaise-Horstenau Kriegsminister und ein dritter von deutscher Seite gewĂŒnschter Kandidat Finanzminister.

Hitler lehnte es ab, ĂŒber eine Änderung des Textes zu verhandeln. Als Schuschnigg erklĂ€rte, er sei zwar zur Unterzeichnung bereit, könne aber die Ratifizierung nicht garantieren, rief Hitler General Keitel herbei. Hitler erklĂ€rte sich jetzt bereit, den Österreichern drei Tage Frist bis zur Unterzeichnung des Dokumentes zu geben. Schuschnigg unterschrieb und lehnte eine Einladung Hitlers zum Souper ab. In Begleitung Papens fuhr er zur Grenze und erreichte in Salzburg wieder Österreich.

Schuschnigg beugte sich den Drohungen und glaubte, mit dem Berchtesgadener Abkommen die SelbstĂ€ndigkeit Österreichs sichern zu können. Wie von Hitler gefordert, wurde Seyß-Inquart am 16. Februar zum Innenminister ernannt und erlangte damit die Kontrolle ĂŒber die österreichische Polizei.

Das Berchtesgadener Abkommen fĂŒhrte am 14. Februar 1938 zu Proteststreiks in Wiener Betrieben. Am 16. Februar ersuchten VertrauensmĂ€nner dieser Betriebe um ein persönliches GesprĂ€ch mit Schuschnigg, um die Bereitschaft der Arbeiter zum Kampf um ein freies Österreich zu erklĂ€ren. Schuschnigg ging erst am 4. MĂ€rz darauf ein. Am 7. MĂ€rz kam es in der Folge zu einer Vertrauensleutekonferenz im Floridsdorfer Arbeiterheim; das einzige solche Treffen, das nicht konspirativ abgehalten werden musste. Die Regierung ging aber auf die Forderung nach Wahlen im von der Diktatur errichteten Gewerkschaftsbund nicht ein. FĂŒr die von Schuschnigg angekĂŒndigte Volksabstimmung wurden von den RevolutionĂ€ren Sozialisten 200.000 FlugblĂ€tter gedruckt, die nach der Absage der Abstimmung verbrannt wurden.[10]

Hitlers Ultimatum

Durch militĂ€rische Vorbereitungen gegen Österreich wurde der Druck beibehalten. Der britische Botschafter Nevile Henderson erklĂ€rte auf Bitten Görings um eine Stellungnahme am 3. MĂ€rz 1938 gegenĂŒber Hitler im Sinn der damaligen Appeasement-Politik, dass Großbritannien die AnsprĂŒche Deutschlands gegenĂŒber Österreich prinzipiell fĂŒr berechtigt halte. Die österreichischen Nationalsozialisten erhielten durch die Berchtesgadener Geschehnisse großen Auftrieb. Als Schuschnigg erkannte, dass seine neuen Regierungspartner ihm innerhalb weniger Wochen den Boden unter den FĂŒĂŸen wegzogen und dabei waren, die Macht zu ĂŒbernehmen, gab er am 9. MĂ€rz bekannt, bereits am folgenden Sonntag, dem 13. MĂ€rz, eine Volksabstimmung zur UnabhĂ€ngigkeit Österreichs abhalten zu wollen.

Die Frage sollte lauten, ob das Volk ein „freies und deutsches, unabhĂ€ngiges und soziales, ein christliches und einiges Österreich“ wolle oder nicht. Schuschnigg unterließ es, dazu das Kabinett zu befragen, wie es in der Verfassung anlĂ€sslich einer Volksabstimmung vorgeschrieben war. Die StimmauszĂ€hlung sollte allein von der VaterlĂ€ndischen Front vorgenommen werden. Die Angehörigen des Öffentlichen Dienstes sollten am Tage vor der Wahl in ihren Abteilungen geschlossen unter Aufsicht zur Wahl gehen und ihre ausgefĂŒllten Wahlzettel ihren Vorgesetzten offen ĂŒbergeben. Außerdem sollten in den Wahllokalen nur Stimmzettel mit dem Aufdruck „JA“ ausgegeben werden, was ein Ja zur UnabhĂ€ngigkeit bedeutet hĂ€tte. Innenminister Seyß-Inquart und Minister Glaise-Horstenau erklĂ€rten ihrem Kanzler unverzĂŒglich, dass die Abstimmung in dieser Form verfassungswidrig sei.

Hitler, der offenbar die Ablehnung des Anschlusses an das Deutsche Reich befĂŒrchtete, quittierte Schuschniggs AnkĂŒndigung mit der Mobilmachung der fĂŒr den Einmarsch vorgesehenen 8. Armee. Er wies Seyß-Inquart am 10. MĂ€rz an, ein Ultimatum zu stellen und die österreichischen ParteianhĂ€nger zu mobilisieren. Die Reichsregierung forderte die Verschiebung beziehungsweise die Absage der Volksbefragung.

Am folgenden Tag, dem 11. MĂ€rz 1938, verlangte Hermann Göring ultimativ den RĂŒcktritt Schuschniggs und die Ernennung Seyß-Inquarts zum Bundeskanzler. Glaise-Horstenau, der in Berlin gewesen war, ĂŒberbrachte von dort das Ultimatum Hitlers, das von Göring zusĂ€tzlich in Telefonaten mit Schuschnigg bekrĂ€ftigt wurde. Einer Weisung aus Berlin folgend, strömten die österreichischen Nationalsozialisten in das Bundeskanzleramt und besetzten die Stiegen, GĂ€nge und Ämter. Am Nachmittag des 11. MĂ€rz willigte Schuschnigg in die Absage der Volksabstimmung ein. Am Abend des 11. MĂ€rz erzwang Hitler den RĂŒcktritt Schuschniggs zugunsten Arthur Seyß-Inquarts. (BundesprĂ€sident Miklas hatte zuvor mehrere Nicht-Nationalsozialisten vergeblich dazu zu bewegen versucht, die Kanzlerschaft zu ĂŒbernehmen.) Schuschnigg erklĂ€rte seinen RĂŒcktritt im Rundfunk („Gott schĂŒtze Österreich!“) und wies das österreichische Bundesheer an, sich beim Einmarsch deutscher Truppen ohne Gegenwehr zurĂŒckzuziehen.

Gleichzeitig begann in Wien und allen LandeshauptstÀdten die Machtergreifung durch österreichische Nationalsozialisten, die noch am Abend des 11. MÀrz an zahlreichen öffentlichen GebÀuden Hakenkreuzfahnen hissten, lang bevor der Einmarsch der deutschen Wehrmacht begann.[10] Das Bundeskanzleramt in Wien, wo BundesprÀsident Wilhelm Miklas amtierte, wurde, angeblich zu seinem Schutz, von Bewaffneten umstellt. Am 12. MÀrz 1938 amtierten vielerorts in der Nacht vom 11. auf den 12. MÀrz bestellte NS-AmtstrÀger.

Göring ließ nun mit EinverstĂ€ndnis Hitlers ein Telegramm mit der Bitte um die Entsendung von Truppen des Reiches aufsetzen, das sich die Reichsregierung daraufhin im Namen des neuen Bundeskanzlers Seyß-Inquart selbst zusandte. Seyß-Inquart wurde ĂŒber die „dringende Bitte“ der „provisorischen österreichischen Regierung“ erst nachtrĂ€glich informiert.

Vollzug des Anschlusses

Demontage von SchlagbÀumen durch österreichische und deutsche Grenzbeamte, MÀrz 1938
Wagenkolonne Hitlers in Wien (Praterstern)

Nachdem Hitler am 11. MĂ€rz 1938 die MilitĂ€rische Weisung fĂŒr den Einmarsch in Österreich unter dem Decknamen „Unternehmen Otto“ ausgestellt hatte, ließ er am 12. MĂ€rz 1938 Soldaten der Wehrmacht und Polizisten – insgesamt rund 65.000 Mann mit teils schwerer Bewaffnung – in Österreich einmarschieren, die von Teilen der Bevölkerung vielfach mit Jubel empfangen wurden. (Juden, bekannte Sozialdemokraten und prononcierte StĂ€ndestaatsanhĂ€nger hatten selbstverstĂ€ndlich keinen Anlass zum Jubeln.) In einer deutschen Proklamation wurde verkĂŒndet, Hitler habe sich entschlossen, sein Heimatland zu befreien und den notleidenden BrĂŒdern zu Hilfe zu kommen.

In Wien traf am 12. MĂ€rz um 4:30 Uhr auf dem Flughafen Aspern der ReichsfĂŒhrer-SS Heinrich Himmler in Begleitung von SS- und Polizeibeamten ein, um die Übernahme der österreichischen Polizei durchzufĂŒhren; er wurde von Ernst Kaltenbrunner und Michael Skubl erwartet. Unter GlockengelĂ€ut ĂŒberschritt Hitler am Nachmittag des 12. MĂ€rz bei Braunau die Grenze und erreichte vier Stunden spĂ€ter Linz, wo er vom Balkon des Rathauses aus eine kurze Ansprache hielt und erklĂ€rte, er habe den Auftrag, seine teure Heimat dem Reich wiederzugeben. Seyß-Inquart bildete fĂŒr zwei Tage eine von Miklas angelobte nationalsozialistische Bundesregierung. Noch am selben Abend trafen in Linz Hitler und Seyß-Inquart zusammen und vereinbarten die sofortige DurchfĂŒhrung der „Wiedervereinigung“ ohne die frĂŒher geplanten Übergangsfristen.

Das Gesetz ĂŒber die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich wurde am folgenden Tag, dem 13. MĂ€rz, im Hotel Weinzinger in Linz von Hitler fĂŒr das Reich und von Seyß-Inquart fĂŒr Österreich vereinbart und noch am gleichen Tag in der zweiten Kabinettssitzung der Regierung Seyß-Inquart in Wien beschlossen. BundesprĂ€sident Miklas trat zurĂŒck, da er das Gesetz nicht beurkunden wollte; als Staatsoberhaupt fĂŒr wenige Minuten nahm Seyß-Inquart die Beurkundung vor. Im Reich kam das Gesetz am gleichen Tag durch Beschluss der Reichsregierung zu Stande. Der 13. MĂ€rz 1938 gilt daher juristisch als Datum des Anschlusses. Österreich war nun diktaturrechtlich Teil des Deutschen Reiches, die Bundesregierung Seyß-Inquart amtierte als Österreichische Landesregierung unter der Aufsicht der Reichsregierung weiter.

Rede Hitlers in Wien am 15. MĂ€rz 1938 an die jubelnden Massen auf dem Heldenplatz vom Balkon der Hofburg aus

Am 15. MĂ€rz verkĂŒndete Hitler auf dem Heldenplatz in Wien unter dem Jubel zehntausender Menschen „den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich”. Er bezeichnete Österreich als „Àlteste Ostmark des Deutschen Volkes“ und „jĂŒngstes Bollwerk der Deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches“, vermied aber, den Namen Österreich zu nennen. In zahlreichen Wiener Betrieben war die Belegschaft dazu verpflichtet worden, an dieser Kundgebung geschlossen teilzunehmen.

Bereits in den ersten Tagen nach der MachtĂŒbernahme inhaftierten die neuen Machthaber unter Mithilfe österreichischer AnhĂ€nger rund 72.000 Menschen, insbesondere in Wien. Darunter waren viele Politiker und Intellektuelle der Ersten Republik und des StĂ€ndestaates sowie vor allem Juden.

Der am 11. MĂ€rz zurĂŒckgetretene Bundeskanzler Schuschnigg wurde zunĂ€chst in seiner Dienstwohnung im Belvedere unter Hausarrest gestellt, dann Monate lang im Wiener Gestapo-Hauptquartier, dem ehemaligen Hotel Metropol, inhaftiert und spĂ€ter wie die meisten anderen HĂ€ftlinge in das KZ Dachau deportiert, wo er allerdings wesentlich besser behandelt wurde als die anderen HĂ€ftlinge (Hitler ĂŒberlegte, ihn fĂŒr einen spĂ€ter geplanten Schauprozess bereitzuhalten).

Die Polizei, die jetzt Himmler unterstellt war, unterband jeden nachhaltigen Widerstand. Die Grenzen wurden abgeriegelt, um Regimegegnern die Flucht unmöglich zu machen. Am Brenner trafen schließlich deutsche und italienische Truppeneinheiten zu freundschaftlichen Zeremonien zusammen.

Carl Zuckmayer beschrieb den Vorgang 1966 in seiner Autobiografie Als wĂ€r’s ein StĂŒck von mir.

Volksabstimmung

„Ein Volk, ein Reich, ein FĂŒhrer“: Briefmarke des Deutschen Reichs zur Volksabstimmung

Hitler ließ sich die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich nachtrĂ€glich durch eine Volksabstimmung am 10. April 1938 absegnen. Im Vorfeld waren prominente Persönlichkeiten wie der Wiener Kardinal Theodor Innitzer, der bereits am 18. MĂ€rz eine affirmative „Feierliche ErklĂ€rung“ der Bischöfe freiwillig mit „und Heil Hitler“ unterzeichnete,[11] der PrĂ€sident des evangelischen Oberkirchenrates Robert Kauer, Politiker wie der Sozialdemokrat und ehemalige österreichische Staatskanzler Karl Renner und der frĂŒhere BundesprĂ€sident Michael Hainisch sowie KĂŒnstler wie Paula Wessely, Paul Hörbiger, Hilde Wagener, Friedl Czepa, Ferdinand Exl, Erwin Kerber, Rolf Jahn, Josef Weinheber und Karl Böhm („Wer dieser Tat unseres FĂŒhrers nicht mit einem hundertprozentigen Ja zustimmt, verdient nicht, den Ehrennamen Deutscher zu tragen“)[12] öffentlich fĂŒr ein Ja eingetreten.

In mehreren StĂ€dten Österreichs fanden vor der Abstimmung penibel inszenierte Auftritte hoher FunktionĂ€re der NSDAP statt, so von Goebbels, Göring, Heß und anderen. Hitler selbst hielt am 9. April in der Nordwestbahnhalle eine Ansprache.

Stimmzettel zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich

Die Propaganda durchdrang alle Lebensbereiche: Fahnen, Banner und Plakate mit Parolen und dem Hakenkreuzsymbol wurden in allen StĂ€dten, an Straßenbahnen, an WĂ€nden und eigens errichteten PlakatstĂ€ndern und SĂ€ulen angebracht; allein in Wien fanden sich rund 200.000 Hitler-Portraits an öffentlichen Orten. Selbst in Poststempeln war zu lesen: „Am 10. April dem FĂŒhrer Dein Ja“.

Presse und Rundfunk waren fest in der Hand der neuen Machthaber, hatten kein anderes Thema als das Ja, so dass es keine öffentlichen Gegenstimmen gab. Rund acht Prozent der eigentlich Wahl- und Stimmberechtigten waren von der Abstimmung ausgeschlossen worden: etwa 200.000 Juden, rund 177.000 „Mischlinge“ und die bereits zuvor aus politischen oder rassischen GrĂŒnden Verhafteten.

Bei der Abstimmung selbst zogen viele es vor, nicht anonym in der Wahlzelle ihre Wahl zu treffen, sondern öffentlich vor den Wahlhelfern ihr Kreuz bei Ja zu machen, um nicht in den Verdacht zu geraten, gegen den Anschluss gestimmt zu haben und folglich als „Systemgegner“ möglichen Repressalien ausgesetzt zu sein.[13]

Schon am 2. April wurde die „Wilhelm Gustloff“ genutzt, um 2000 in England lebenden Deutschen und Österreichern drei Meilen vor der englischen KĂŒste die Möglichkeit zur Abstimmung im „schwimmenden Wahllokal“ zu geben.[14]

Auswirkungen

Am Abend des 10. April berichtete Gauleiter Josef BĂŒrckel aus dem Wiener Konzerthaus das Ergebnis der Abstimmung nach Berlin. Nach amtlichen Angaben hatte es eine Zustimmung von 99,73 % gegeben. Im Deutschen Reich, dem so genannten Altreich, stimmten 99,08 % fĂŒr den Anschluss. Die Wahlbeteiligung in Österreich lag bei 99,71 %, im Altreich bei 99,60 %.

Zugleich bediente sich Deutschland bei den Gold- und Devisenreserven Österreichs, die auf Grund der deflationistischen Wirtschaftspolitik der Regierungen in den 1930er Jahren beachtliche BestĂ€nde erreicht hatten, die nun in das devisenarme Altreich transferiert wurden. So gerieten mehr als 2,7 Milliarden Schilling an Gold und Devisen unter NS-Kontrolle.[15]

Im bald in Ostmark umbenannten Österreich hatte die NSDAP großen Zulauf. 1943 erreichte die Mitgliederzahl ihren Höhepunkt, fast 700.000 Österreicher und somit rund acht Prozent der Bevölkerung gehörten ihr an. Die Verteilung war regional höchst unterschiedlich: im katholischen Tirol wurde ein Spitzenwert von 15 Prozent erreicht, im wirtschaftlich armen Burgenland waren es nur 6 Prozent.[16]

Nach dem Krieg wurden 536.000 Personen von der Registrierungspflicht der Entnazifizierung erfasst. Zum Vergleich: in Westdeutschland wurden rund 13 Millionen Nationalsozialisten von einer Gesamtbevölkerung von 58 Millionen Menschen zur Entnazifizierung registriert. Die Gestapo schĂ€tzte im Juni 1938, dass 30 Prozent der Österreicher AnhĂ€nger des Nationalsozialismus waren, wenn auch nicht nur aus ideellen Motiven. 30 bis 40 Prozent der Österreicher waren nach EinschĂ€tzung der Gestapo hingegen offene oder versteckte Gegner.[17]

Die WestmĂ€chte Großbritannien und Frankreich, die 1919 den Beitritt Deutschösterreichs zu einem demokratischen, föderalen Deutschen Reich und 1931 auch eine Zollunion Deutschland-Österreich verboten hatten, ĂŒbersandten jetzt lediglich diplomatische Protestnoten. Die London Times schrieb dazu, schließlich habe sich auch Schottland vor 200 Jahren an England angeschlossen. Lediglich Mexiko und die Sowjetunion legten Protest ein; erstere durch Übermittlung einer Protestnote „gegen die auslĂ€ndische Aggression gegen Österreich“ beim Völkerbund sowie die – erfolglose – Forderung der Einberufung einer Ratstagung durch den damaligen Außenminister Eduardo Hay,[18] letztere durch Protestschreiben an die WestmĂ€chte.

In WĂŒrdigung der mexikanischen Protestnote wurde am 27. Juni 1956 der Erzherzog-Karl-Platz in Wien in Mexikoplatz umbenannt. Seit 1985 steht dort ein Gedenkstein mit folgender Inschrift: Mexiko war im MĂ€rz 1938 das einzige Land, das vor dem Völkerbund offiziellen Protest gegen den gewaltsamen Anschluß Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich einlegte. Zum Gedenken an diesen Akt hat die Stadt Wien diesem Platz den Namen Mexikoplatz verliehen. Ein 1988 gestiftetes weiteres Denkmal steht in Mexiko-Stadt.

Eingliederung in das Deutsche Reich

Josef BĂŒrckel wurde im April 1938 als „Reichskommissar fĂŒr die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ eingesetzt. Ihm folgte ab 1940 Baldur von Schirach.

Die Österreicher wurden mit Verordnung vom 3. Juli 1938 zu StaatsbĂŒrgern des Deutschen Reiches und teilten nun, soweit sie dies erlebten, die nationalsozialistische Geschichte des Reiches bis zu dessen historischem Untergang 1945, wobei sich nicht wenige Österreicher an der nationalsozialistischen Aggressions- und Vernichtungspolitik aktiv beteiligten. In der NS-Propaganda wurde der Staat nun als Großdeutsches Reich bezeichnet; offiziell fand sich diese Bezeichnung 1943 zum ersten Mal auf Briefmarken.

Am 1. Mai 1939 wurde das so genannte Ostmarkgesetz verabschiedet, mit dem die Befugnisse vom Reichsstatthalter an den Reichskommissar ĂŒbergeben werden sollten. Die Umsetzung dieses Gesetzes war am 31. MĂ€rz 1940 beendet. Gleichzeitig mit der MachtĂŒbernahme wurde Wien als Hauptstadt entmachtet: Es verlor seine metropolitane Stellung und die Beziehungen der LĂ€nder beziehungsweise Gaue zu Wien wurden abgeschnitten; Hauptstadt war ausschließlich Berlin. Die LĂ€nderstrukturen blieben (abgesehen von der Aufteilung des Burgenlandes und der Vereinigung von Vorarlberg mit Tirol) im Wesentlichen erhalten.[19]

Das Gebiet des ehemaligen Bundesstaates Österreich wurde in Reichsgaue (KĂ€rnten, Niederdonau, Oberdonau, Salzburg, Steiermark, Tirol und Wien) gegliedert. Hitler ließ den von ihm ungeliebten Namen Österreich (nach seinen Worten eine „Mißgeburt der Geschichte“) anfangs durch Ostmark ersetzen, eine ab dem 19. Jahrhundert verbreitete Übersetzung fĂŒr marcha orientalis, die damals auch fĂŒr Gebiete im Osten Preußens verwendet wurde (siehe Deutscher Ostmarkenverein). In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gab es daneben einen Gau Bayerische Ostmark.[20]

Ab 1942 wurde die Benennung Ostmark durch Donau- und Alpenreichsgaue abgelöst. Der Historiker Karl Vocelka, Professor fĂŒr österreichische Geschichte an der UniversitĂ€t Wien, sieht darin einen weiteren Schritt im Bestreben der nationalsozialistischen Machthaber, jeden Hinweis auf eine (historische) EigenstĂ€ndigkeit Österreichs auszulöschen.[21] Möglicher Grund fĂŒr die Umbenennung ist auch, dass im Zuge der Eroberungen des Deutschen Reiches in Osteuropa das frĂŒhere Österreich keine „östliche Grenzmark“ mehr darstellte.[22]

Opferthese

→ Hauptartikel: Opferthese

Der „Anschluss“ war ein „Grenzfall zwischen Annexion, Fusion und Okkupation“.[23] Die anfĂ€nglich euphorische Stimmung in der Bevölkerung wich im Laufe des Krieges einer weiten ErnĂŒchterung. Nach Ende des Krieges wurde ein unabhĂ€ngiges Österreich wiederhergestellt. Dennoch waren die Geschehnisse im Jahre 1938 fĂŒr weite Teile der Bevölkerung ein GesprĂ€chstabu. Der Mythos von Österreich als „erstes Opfer“ des nationalsozialistischen Deutschlands war weit akzeptierte Meinung und offizielle Position der Republik Österreich und basierte unter anderem auf der von den Alliierten beschlossenen Moskauer Deklaration von 1943. Mit diesem Mythos verweigerte die Republik Österreich jahrzehntelang, sich um eine ernsthafte EntschĂ€digung aller Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere der jĂŒdischen MitbĂŒrger, zu bemĂŒhen sowie eine offizielle Entschuldigung abzugeben, da Österreich nicht nur laut Eigenauffassung als Völkerrechtssubjekt mit Vollzug des Anschlusses nicht mehr existierte[24] und deshalb auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte.

Erst mit der kontroversen Waldheim-AffĂ€re 1986 fing die kritische Vergangenheitsbeleuchtung der Rolle der Österreicher wĂ€hrend des Anschlusses und des Zweiten Weltkriegs ernsthaft an. Die Wahl Waldheims trat eine große Debatte in Österreich los, 1993 entschuldigte sich Bundeskanzler Franz Vranitzky fĂŒr die Rolle der Österreicher bei einer Rede vor der Knesset und bat um Vergebung. Auch auf massivem Druck der US-amerikanischen Regierung wurden unter anderem der Nationalfonds eingerichtet, um die Verfolgten symbolisch zu entschĂ€digen und die Restitution anzugehen. SchulbĂŒcher und Unterricht wurden so geĂ€ndert, um den Anschluss in einem objektiveren Licht darzustellen und den Opfermythos zu beseitigen. Der 1992 eingerichtete Gedenkdienst fĂŒr junge BĂŒrger ist ein weltweit einzigartiges Netzwerk fĂŒr HolocaustgedenkstĂ€tten und Museen, die Mithilfe in ihren Archiven und Bibliotheken in Anspruch nehmen wollen.

Rezeption

Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ist im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum (Saal VII – „Republik und Diktatur“) dokumentiert. Ausgestellt sind u. a. NS-WerbeflugblĂ€tter, Stimmzettel sowie Objekte, welche die Übernahme des Bundesheeres in die Wehrmacht veranschaulichen.[25]

Der Schriftsteller Erich KĂ€stner thematisierte den Anschluss und den folgenden österreichischen Opfermythos in einem Spottlied, in dem er die Nationalallegorie Austria folgendes singen ließ:

„Ich habe mich zwar hingegeben, doch nur weil ich gemußt.
Geschrien habe ich nur aus Angst und nicht aus Liebe und Lust.
Und daß der Hitler ein Nazi war – das habe ich nicht gewußt!“[26]

Siehe auch

Literatur

  • Heinz Arnberger (Hrsg): „Anschluss“ 1938: Eine Dokumentation. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1988, ISBN 3-215-06824-9.
  • Gerhard Botz: Wien vom Anschluss zum Krieg. Wien/MĂŒnchen 1978.
  • Georg Christoph Berger Waldenegg: Hitler, Göring, Mussolini und der „Anschluß“ Österreichs an das Deutsche Reich, VfZ 51 (2003), S. 147–182.
  • George Eric Rowe Gedye: Als die Bastionen fielen. Die Errichtung der Dollfuss-Diktatur und Hitlers Einmarsch in Wien und den Sudeten. Eine Reportage ĂŒber die Jahre 1927–1938. Nachdruck der deutschen Ausgabe von 1947. Junius, Wien 1981, ISBN 3-900370-01-X.
  • Jobst Knigge: Prinz Philipp von Hessen. Hitlers Sonderbotschafter fĂŒr Italien. Humboldt UniversitĂ€t Berlin 2009.
  • Alkuin Volker Schachenmayr: Der Anschluss im MĂ€rz 1938 und die Folgen fĂŒr Kirche und Klöster in Österreich. Forschungsbericht der Arbeitstagung des EUCist in Heiligenkreuz vom 7./8. MĂ€rz 2008. Heiligenkreuz 2009, ISBN 978-3-9519898-5-3.
  • Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-013379-2, S. 32–34.
  • Ulrich Weinzierl (Hrsg.): Österreichs Fall – Schriftsteller berichten vom „Anschluss“. 2. Aufl., Wien und MĂŒnchen 1988, ISBN 3-224-11429-0.
  • Joachim C. Fest: Hitler. Zweiter Band: Der FĂŒhrer, Ullstein Buch, 1976, ISBN 3-548-03274-5.

Literarische Verarbeitungen

Weblinks

 Commons: Anschluss Österreichs â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische IdentitĂ€t, Wien 2001, ISBN 3-205-99333-0, u. a. S. 21, 29, Kap. 3.
  2. ↑ Margarethe Haydter, Johann Mayr: Regionale ZusammenhĂ€nge zwischen Hauptwiderstandsgebieten zur Zeit der Gegenreformation und den JulikĂ€mpfen 1934 in Oberösterreich. In: Zeitgeschichte, 9. Jg., Heft 11/12, 1982, S. 392–407.
  3. ↑ Staatsgesetzblatt Nr. 5 / 1918 (S. 4)
  4. ↑ Hellwig Valentin: Vom LĂ€nderpartikularismus zum föderalen Bundesstaat. In: Stefan Karner, Lorenz Mikoletzky (Hrsg.): Österreich. 90 Jahre Republik, Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7065-4664-5, S. 35 ff.
  5. ↑ Stefan Karner: Problemfelder des wirtschaftlichen Aufbaus in Österreich 1918/19, in Stefan Karner, Lorenz Mikoletzky (Hrsg.): Österreich. 90 Jahre Republik. Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7065-4664-5, S. 205 ff.
  6. ↑ http://www.oeaw.ac.at/cmc/kds/b_images/580_008.jpg
  7. ↑ Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs: Das Linzer Programm, 3. November 1926.
  8. ↑ Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Wien 1934–1945. Eine Dokumentation, Wien 1984, Bd. 1, S. 105, zitiert nach: Rudolf G. Ardelt: Die Sozialdemokratie und der „Anschluß“, in: Dokumentationsarchiv [
]: „Anschluß“ 1938. Eine Dokumentation, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1988, ISBN 3-215-06824-9, S. 65
  9. ↑ Widerstand, S. 186, zitiert nach: ebenda.
  10. ↑ a b Ardelt in: „Anschluß“ 1938, S. 67.
  11. ↑ Auch die Kirche bekennt sich zu Großdeutschland! In: Wiener Bilder vom 3. April 1938, S. 17
  12. ↑ Wiener KĂŒnstler zum 10. April. In: Neues Wiener Journal, 7. April 1938, S. 13 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nwj
  13. ↑ Wilhelm J. Wagner: Der große Bildatlas zur Geschichte Österreichs. Kremayr & Scheriau, 1995, ISBN 3-218-00590-6 (Kapitel „Heim ins Reich“).
  14. ↑ Angela Tesch: 24.03.1938: Jungfernfahrt der „Wilhelm Gustloff“, mdr.de vom 24. MĂ€rz 2008.
  15. ↑ Manfred Jochum: Die Erste Republik in Dokumenten und Bildern. Wilhelm BraumĂŒller UniversitĂ€ts-Verlagsbuchhandlung, Wien 1983, S. 247.
  16. ↑ Ernst Hanisch: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994, S. 370.
  17. ↑ Gabriele Holzer: Verfreundete Nachbarn. Österreich – Deutschland. Ein VerhĂ€ltnis. Wien 1995, ISBN 3-218-00606-6, S. 86.
  18. ↑ Die Protestnote Mexikos an den Völkerbund im Wortlaut.
  19. ↑ Ernst Hanisch: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994, S. 363.
  20. ↑ Helmut W. Schaller/Historisches Lexikon Bayerns: „Bayerische Ostmark, 1933–1945“; 1942 wurde der Gau Bayerische Ostmark, der infolge der NS-Eroberungspolitik nicht mehr im Grenzgebiet lag, in Gau Bayreuth umbenannt.
  21. ↑ Karl Vocelka: Geschichte Österreichs (S. 300), Heyne 2002, ISBN 3-453-21622-9.
  22. ↑ Andreas Hillgruber: „Die versuchte Auslöschung des Namens „Österreich“ und seine Ersetzung zunĂ€chst durch „Ostmark“, dann (als die Ostgrenze des Großdeutschen Reiches durch die vorrĂŒckende Front immer weiter nach Osten verschoben wurde) durch die Verlegenheitsbezeichnung „Donau- und Alpengaue“, kennzeichnete oberflĂ€chlich den Weg vermeintlich vollstĂ€ndiger Eingliederung.“ Aus: Das Anschlussproblem (1918–1945) – Aus deutscher Sicht. In: Robert A. Kann, Friedrich E. Prinz: Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch. Wien/MĂŒnchen 1980, S. 175.
  23. ↑ Clemens Jabloner (Hrsg.): Schlussbericht der Historikerkommission der Republik Österreich. Vermögensentzug wĂ€hrend der NS-Zeit sowie RĂŒckstellungen und EntschĂ€digungen seit 1945 in Österreich. Zusammenfassungen und EinschĂ€tzungen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Wien/MĂŒnchen 2003, ISBN 3-7029-0474-3, S. 245.
  24. ↑ Vgl. Andreas Zimmermann, Staatennachfolge in völkerrechtliche VertrĂ€ge, Springer, 2000, S. 48.
  25. ↑ Manfried Rauchensteiner, Manfred Litscher (Hg.): Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Graz/Wien 2000, S. 79.
  26. ↑ Vgl. Walter Simon: Mehr Hitze als Licht. S. 32. In: Academia, S. 32–34.

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