Louis Lingg

Louis Lingg 1886

Louis Lingg (* 9. September 1864 in Schwetzingen; † 10. November 1887 in Chicago) war ein deutscher Anarchist und Gewerkschafter, der im Gefängnis unter ungeklärten Umständen und nach offizieller Darstellung durch Selbstmord ums Leben kam, nachdem er nach dem Haymarket Riot verhaftet worden war.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Louis Lingg wurde als Ludwig Höfler, Sohn von Regina Höfler, im badischen Schwetzingen geboren. 1868 erkannte der Tagelöhner Friedrich Link (1813–1877) aus Leimen das Kind als seinen Sohn an. Die Eltern heiraten und siedelten in das nahe Mannheim nach F5,14 um. Dort nannte sich die Familie Lingg. Am 26. August 1870 wurde die Schwester Rosina geboren. Die kleine Familie lebte sehr bescheiden von den Einkünften des Vaters als Arbeiter in einer Holzfabrik am Neckar und der Wäscherei der Mutter. Friedrich Lingg ereilte ein Betriebsunfall. Er brach beim Einholen von Baumstämmen im vereisten Neckar ein. Er überlebte nur knapp und trug schwere gesundheitliche Folgeschäden davon. Daraufhin wurde er vom Unternehmer mit der Begründung, er habe keine Arbeit mehr für ihn, entlassen. Drei Jahre später starb Friedrich Lingg. Louis Lingg schrieb in seiner Autobiografie: „Zu dieser Zeit war ich 13 Jahre alt, meine Schwester sieben, und in diesem Alter bekam ich erstmals einen Eindruck der vorherrschenden sozialen Ungerechtigkeit und insbesondere der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“[1]

Lingg machte nach dem Besuch der Volksschule eine Tischlerlehre bei Schreinermeister Würmell in Mannheim, die er 1882 abschloss. Anschließend ging er, wie damals üblich, auf Wanderschaft nach Straßburg, später nach Freiburg, wo er der sozialistischen Organisation Arbeiterbildungsverein beitrat. Um dem militärischen Zwangsdienst zu entgehen, ging er in die Schweiz, von wo er auf Drängen der badischen Regierung 1885 abgeschoben werden sollte. Von seinem Stiefvater Johann Gaddum, den seine Mutter 1884 geheiratet hatte, erhielt er das Geld für die Überfahrt und wanderte in die Vereinigten Staaten aus. Im Juli 1885 erreichte er New York City, ging nach Chicago, arbeitete auf dem Bau als Zimmermann und trat der Internationalen Bauschreinergewerkschaft bei. Bald war er Gewerkschaftsfunktionär und Verbindungsmann zur Zentralgewerkschaft Central Labor Union.

Haymarket

Dieser Schnitt der Anarchisten von Chicago von Walter Crane zirkulierte breit unter Anarchisten, Sozialisten und Gewerkschaftern.

1886 war Lingg einer der Redakteure der anarchistischen Zeitschrift Der Anarchist. Am 4. Mai 1886 war Louis Lingg nachweislich nicht am Ort des Haymarket-Massakers zugegen, wurde aber in Folge von der Polizei wegen der Bombe, die dort von einer nicht identifizierten Person geworfen worden war, gesucht. Bei der Kundgebung waren zwei Hundertschaften Polizei erschienen. Sie stürmten im Laufschritt aus den Seitenstraßen auf die verbliebenen 200 bis 300 Demonstranten zu. Samuel Fielden rief noch: „We are peaceable“, da detonierte gegen 22.00 Uhr die Bombe. Anschließend schossen die Polizisten ungezielt um sich. Sie richteten dabei ein unüberschaubares Blutbad an. Die Zahl der toten und verletzten Demonstranten wurde nie festgestellt. Ein Polizist war tödlich verletzt.

Prozess und Tod

Gedenktafel für Lingg und die anderen

Zusammen mit sechs anderen Anarchisten wurde Louis Lingg am 21. Juni 1887 ohne Beweise im Zusammenhang mit der Bombe am Haymarket,wegen krimineller Verschwörung, zum Tode verurteilt, Oscar Neebe erhielt 15 Jahre Zuchthaus. Das Gericht war der Ansicht, die anarchistischen Schriften hätten den Bombenwerfer angestiftet. Lingg kommentierte das Urteil mit den Worten

Ich sterbe glücklich am Galgen, denn ich bin überzeugt, dass die Hunderte und die Tausende, mit denen ich gesprochen habe, sich meiner Worte erinnern werden. Wenn sie uns erhängt haben, erst dann werden sie das Bombenwerfen erledigen. In dieser Hoffnung sage ich ihnen: Ich verachte Sie, ich verachte Ihren Auftrag, Ihre Gesetze, Ihre Gewaltherrschaft. Hängen Sie mich dafür.[2]

Während seiner Haftzeit wurden in seiner Zelle angeblich vier Bomben entdeckt.[3] Am 10. November, einen Tag vor seiner geplanten Hinrichtung, explodierte eine mit Dynamit präparierte Zigarre beim Anzünden in seinem Mund. Nach der offiziellen Version nahm er sich mit Dynamitstangen, die man in das gesicherte und bewachte Gefängnis eingeschmuggelt haben soll, das Leben. Louis Lingg starb erst am Nachmittag gegen 15 Uhr, nach langen qualvollen Stunden mit zerfetztem Gesicht. Alles was Louis Lingg hinterließ, waren goldene Manschettenknöpfe und eine ebensolche Krawattennadel. Es war sein Wunsch gewesen, diese Habseligkeiten nach seinem Tod seiner Freundin zu übergeben, doch einer der korrupten Polizisten eignete sich die Hinterlassenschaft an.

Lingg wurde 1893 am Haymarket-Märtyrer-Monument im Waldheim Cemetery (heute Forest Home Cemetery)[4] in Forest Park, Chicago beerdigt. Einen Tag nach der Enthüllung des Denkmals für die Märtyrer der ersten Maitage im Jahr 1886 rehabilitiert der neue Gouverneur John Peter Altgeld die acht Anarchisten. Er sagte: „In all den Jahrhunderten während derer Regierungen von Menschen bestimmt und Verbrechen bestraft werden, hat kein Richter eines zivilisierten Landes jemals ein solches Urteil gefällt.“ Altgeld wurde nicht wieder gewählt. Die angeblichen Täter Oskar Neebe, Samuel Fielden und Michael Schwab aber auf freien Fuß gesetzt.

Literatur

  • Horst Karasek (Hg.): 1886, Haymarket, Reden und Lebensläufe Wagenbach-Verlag Berlin 1975, ISBN 3-8031-2011-x
  • Friederike Hausmann: Die deutschen Anarchisten von Chicago, oder warum Amerika den 1. Mai nicht kennt Wagenbach-Verlag Berlin 1998, ISBN 3-8031-2320-8
  • Inge Marßolek (Hg.): 100 Jahre Zukunft, zur Geschichte des 1. Mai Frankfurt am Main und Wien 1990
  • Andreas Essl: Nelken für den Anarchismus Der Standard, Wien 1. Mai 2000
  • Harry M. Siegert: Auch ein Sohn Mannheims: Louis Lingg und der 1. Mai in Geschichte der Stadt Mannheim Band 2. ISBN 978-3-89735-471-5, Michael Caroli, Ulrich Nieß, Stadtarchiv Mannheim 2007 (Hg.), Verlag Regionalkultur Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Basel.
  • Harry M. Siegert: Wie der Tag der Arbeit in die Welt kam, Schwetzinger Zeitung vom 30. April 2008 und Viernheimer Tageblatt 30. April 2011 (erweiterte Fassung).
  • Harry M. Siegert: Auch ein Sohn Mannheims: Louis Lingg, Vortrag mit neuen Forschungsergebnissen, Weinheim a.d.Bergstraße und Mannheim 2008, Karlsruhe 2010 (unveröffentlicht).

Weblinks

 Commons: Louis Lingg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Foner P.S.: The Autobiographies of the Haymarket Martyrs. Humanities Press. New York. 1969. p.169-78. zit. n. Biography of Louis Lingg in den Anarchy Archives, abgerufen 25. Juni 2008
  2. Autobiografie auf Wikisource
  3. Bombs In Lingg's Cell; A Startling Discovery By The Chicago Sheriff. Four Dynamite Bomb Found Concealed With One Of The Condemned Anarchists., New York Times. November 7, 1887. Abgerufen am 31. Oktober 2007.  „Chicago, November 6, 1887. Four bombs were taken this morning from the cell of Louis Lingg, the condemned Anarchist, in Cook County Jail. They were found under his cot, hidden beneath a mass of papers and odd and ends of various kinds, and were enclosed in a harmless-looking …“ 
  4. Haymarket Martyrs Monument. Findagrave.com. Abgerufen am 5. Mai 2008.

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