Mandat (Völkerrecht)

ÔĽŅ
Mandat (Völkerrecht)
Historische Mandatsgebiete in Afrika und Vorderasien: - 1. Syrien (franz.) - 2. Libanon (franz.) - 3. Pal√§stina (brit.) - 4. Transjordanien (brit.) - 5. Irak (brit.) - 6. Togoland (brit.) - 7. Togoland (franz.) - 8. Kamerun (brit.) - 9. Kamerun (franz.) - 10. Ruanda-Urundi (belg.) - 11. Tanganyika (brit.) - 12. S√ľdwest-Afrika (brit.)

Der Begriff Mandat (von lateinisch in manum datum ‚Äěin die Hand gegeben‚Äú) bezeichnet im V√∂lkerrecht im weiteren Sinn den einem Staat oder Staatenbund erteilten Auftrag, die staats- und v√∂lkerrechtlichen Interessen eines bestimmten fremden Gebiets zu vertreten. Im engeren Sinn bezeichnet der Begriff die Verantwortung f√ľr die Verwaltung bestimmter fr√ľherer Teile des Osmanischen Reichs sowie der fr√ľheren deutschen Kolonien.


Inhaltsverzeichnis

Mandatsgebiete

Die Gebiete des Osmanischen und Deutschen Reiches in Afrika wurden nach Ende des Ersten Weltkriegs an den V√∂lkerbund √ľbertragen und gingen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs teilweise an die Vereinten Nationen √ľber. Beide Staaten verloren alle Rechte und alle staatliche Souver√§nit√§t an diesen Territorien. Diese kamen unter die Oberhoheit des V√∂lkerbundes, wurden jedoch der Verwaltung der Hauptalliierten des Krieges, Frankreich und Gro√übritannien, die auch die gr√∂√üten Kriegslasten unter den Alliierten getragen hatten, und weiterer M√§chte der Alliierten √ľbertragen.

Neben Frankreich und Gro√übritannien waren weitere Mandatsm√§chte: Australien (Bismarck-Archipel, Kaiser-Wilhelms-Land); Belgien (Ruanda-Urundi); Japan (Kiau-Tschou, Karolinen, Marianen, siehe japanisches S√ľdseemandat); Neuseeland (Samoa); S√ľdafrikanische Union (Deutsch-S√ľdwestafrika, siehe auch: Caprivi).

Frankreich erhielt von den vormals deutschen Kolonien Teile von Kamerun und Togo (Franz√∂sisch-Kamerun und Franz√∂sisch-Togo) und von den vormals osmanischen Gebieten den Libanon und Syrien (V√∂lkerbundmandat f√ľr Syrien und Libanon) als Mandatsgebiete. Unter britische Mandatsverwaltung kam der √ľberwiegende Teil von Deutsch-Ostafrika als Tanganjika, die Gebiete von Kamerun und Togo, die nicht unter franz√∂sischer Mandatsverwaltung standen, als Britisch-Kamerun und Britisch-Togoland; der Irak (siehe auch: Britisches Mandat Mesopotamien), Jordanien und Pal√§stina (siehe auch: V√∂lkerbundsmandat f√ľr Pal√§stina) kamen als ehemalige Teile des Osmanischen Reichs unter britische Mandatsverwaltung. Grundlage f√ľr die V√∂lkerbundmandate war f√ľr das Deutsche Reich der Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919, der u. a. auch die deutschen Gebietsverluste festschrieb. Deutschland musste seinen gesamten Kolonialbesitz abgeben, dieser wurde unter das Mandat des V√∂lkerbundes gestellt (siehe oben); au√üerdem musste es auch Teile des Reichsgebiets abtreten, die teilweise ebenfalls unter das Mandat des V√∂lkerbundes gestellt wurden:

Das Saargebiet wurde von Frankreich als Mandatsmacht verwaltet; Danzig wurde zur Freien Stadt unter V√∂lkerbundsmandat, Teile der Souver√§nit√§t gingen an Polen; das Memelgebiet wurde von franz√∂sischen Truppen besetzt. Frankreich √ľbernahm die Verwaltung. 1923 marschierten Truppen aus Litauen ein. Das Gebiet wurde von Litauen annektiert.

F√ľr das Osmanische Reich regelte die Mandatsverwaltung der Vertrag von S√®vres vom 10. August 1920 und der Vertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923 (siehe dort). Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Japan seine Mandatsgebiete; diese gingen als Treuhandgebiete an die UN, die den USA die Verwaltung √ľbertrug. Kiau-Tschou war bereits 1922 unter dem Druck der USA an China zur√ľckgegeben worden. Die V√∂lkerbundmandate, die noch nicht in die Unabh√§ngigkeit entlassen worden waren, gingen mit der Aufl√∂sung des V√∂lkerbundes am 18. April 1946 in die Verantwortung der neu geschaffenen UN √ľber und wurden zu deren Treuhandgebieten. Die Verwaltung blieb bei den bisherigen Mandatsm√§chten (alle, au√üer Japan).

Mandatsverwaltung des Völkerbunds

Karte der Mandatsgebiete
  • ÔĽŅBritisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅFranz√∂sisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅBelgisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅAustralisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅJapanisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅNeuseel√§ndisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅS√ľdafrikanisches Mandatsgebiet
  • ÔĽŅGemeinschaftliches Mandatsgebiet

Als eine der Folgen seiner Niederlage im Ersten Weltkriegs musste das Deutsche Reich im Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 nicht nur bestimmte Teile seines festlandseurop√§ischen Staatsgebiets, sondern auch seinen gesamten Kolonialbesitz abtreten. Das erst 1911 im Rahmen des so genannte Marokko-Kongo-Vertrags von Frankreich an Deutschland abgetretene Neukamerun ging wieder in franz√∂sischen Besitz √ľber, die restlichen Kolonien wurden dem V√∂lkerbund unterstellt. Der V√∂lkerbund √ľbte seine Hoheitsgewalt nach Artikel 2 seiner Satzung nicht direkt aus, sondern trug lediglich theoretische Letztverantwortung; die praktische Ordnungs- und Verwaltungsarbeit lag in den H√§nden verschiedener Siegerstaaten, der so genannten ‚ÄěMandatsm√§chte‚Äú. Neben den ehemaligen deutschen Kolonien ebenfalls dem V√∂lkerbund unterstellt wurde der ehemals deutsche Gro√üraum Danzig sowie die ehemals cisleithanische Stadt Rijeka und ihr Umland.

Auch ein Gro√üteil des Osmanischen Reichs, das mit Deutschland und √Ėsterreich-Ungarn verb√ľndet gewesen war und somit ebenfalls auf der Seite der Verlierer stand, wurde unter Aufsicht des V√∂lkerbunds beziehungsweise unter Schutzherrschaft bestimmter Siegerstaaten gestellt. Die Partitionierung des Vielv√∂lkerstaats, die bereits am 16. Mai 1916 im Sykes-Picot-Abkommen skizziert worden war, wurde am 10. August 1920 im Vertrag von S√®vres formalisiert und am 24. Juli 1923 im Vertrag von Lausanne endg√ľltig festgeschrieben.

Der V√∂lkerbund sah es als seine Aufgabe an, seine so genannten ‚ÄěMandatsgebiete‚Äú oder kurz ‚ÄěMandate‚Äú auf die Unabh√§ngigkeit vorzubereiten. Der Gro√üraum Danzig und der Raum Rijeka wurden noch 1920 zu unabh√§ngigen Staaten erkl√§rt. Danzig wurde dabei allerdings weiterhin vom V√∂lkerbund beaufsichtigt; die au√üenpolitischen Interessen der Metropole und ihres Umlands sollten von Polen vertreten, ihre Verteidigung sollte von Polen und Gro√übritannien sichergestellt werden. Ein vergleichbarer v√∂lkerrechtlicher Sonderstatus war f√ľr keines der anderen Mandatsgebiete vorgesehen. Die √ľber 1920 hinaus verbleibenden Mandate wurden anhand ihrer jeweiligen geographischen Lage sowie aus der √úberlegung heraus, dass sich nicht alle dieser Territorien gleich schnell zu lebensf√§higen selbst√§ndigen Staaten aufbauen lassen w√ľrden, in drei Klassen eingeteilt:

Treuhandsystem der Vereinten Nationen

Mit dem Tag der Aufl√∂sung des V√∂lkerbunds am 18. April 1946 ging die formale Oberhoheit √ľber seine verbliebenen Mandatsgebiete auf die Vereinten Nationen √ľber. Laut Artikel 75 bis 91 der am 24. Oktober 1945 in Kraft getretenen Satzung der Vereinten Nationen lag wie schon bisher nur die Letztverantwortung beim Staatenbund, praktisch wurde die Regierungsgewalt nach wie vor von spezifischen Einzelstaaten ausge√ľbt. Zur symbolischen Bekr√§ftigung des Ziels, sie zu unabh√§ngigen Staaten aufzubauen, wurden die Mandate nun als Treuhandgebiete bezeichnet. Dar√ľber hinaus wurde die Einteilung in B- und C-Gebiete aufgegeben, an ihre Stelle trat nun die Unterscheidung zwischen so genannten ‚Äěallgemeinen Treuhandgebieten‚Äú und ‚Äěstrategischen Gebieten‚Äú. W√§hrend allgemeine Treuhandgebiete unmittelbar dem eigens f√ľr diese Aufgabe geschaffenen Treuhandrat, mittelbar der Generalversammlung unterstellt waren, wurde die Oberaufsicht √ľber strategische Gebiete vom Sicherheitsrat gef√ľhrt. Proponent dieser Einteilung waren die Vereinigten Staaten, die Wert darauf legten, die ihnen √ľberantworteten pazifischen Inselgruppen durch ein Gremium kontrollieren zu lassen, in dem sie √ľber ein Vetorecht verf√ľgen. Die Treuhandgebiete und ihre Entwicklung im Einzelnen:

  • Die ehemaligen B-Mandate Kamerun und Togo blieben auf Gro√übritannien und Frankreich aufgeteilt. Frankreich entlie√ü die von ihm verwalteten Teile Kameruns und Togos 1961 in die Unabh√§ngigkeit, wodurch das heutige souver√§ne Togo und das heutige souver√§ne Kamerun entstanden. Gro√übritannien hatte den von ihm verwalteten Teil Togos bereits 1957 in die Unabh√§ngigkeit entlassen, indem es ihm erm√∂glichte, sich mit der Goldk√ľste zum souver√§nen Ghana zu vereinigen. 1961 gab Gro√übritannien auch den von ihm verwalteten Teil Kameruns auf; sein S√ľden schlo√ü sich dem mittlerweile selbst√§ndigen Teil Kameruns, sein Norden dem seit dem Jahr zuvor souver√§nen Nigeria an. Ebenfalls 1961 entlie√ü Gro√übritannien Tanganjika. Im Jahr darauf entlie√ü Belgien Ruanda-Urundi, aus dem damit die heutigen Staaten Ruanda und Burundi hervorgingen.
  • Das ehemalige B-Mandat Deutsch-S√ľdwestafrika verblieb unter der Verwaltung der S√ľdafrikanischen Union. Die rigoros betriebene Vorhaben der Union beziehungsweise der 1962 aus ihr hervorgegangenen Republik S√ľdafrika, das Land zu ‚Äěs√ľdafrikanisieren‚Äú und insbesondere die Apartheidspolitik auf das Treuhandgebiet auszudehnen, veranlassten die Vereinten Nationen dazu, der Republik 1966 die Treuhandschaft zu entziehen. Die Republik, die das Gebiet allerdings inzwischen als integralen Teil ihres Staatsgebiets betrachtete, ignorierte diesen Beschluss jedoch erfolgreich und lange Zeit auch ungestraft. Erst nach einer Verurteilung durch den Internationalen Gerichtshof 1971 war S√ľdafrika bereit, ernsthaft auf die Unabh√§ngigkeit des heutigen Namibia hinzuarbeiten, die dieses trotzdem erst 1990 tats√§chlich erhielt.
  • Das ehemalige C-Mandat Westsamoa verblieb unter der Aufsicht Neuseelands, von dem es 1962 in die Unabh√§ngigkeit entlassen wurde. Nauru und Papua-Neuguinea blieben australischer Verwaltung unterstellt und erhielten ihre Souver√§nit√§t 1968 beziehungsweise 1975. Die restlichen ehemaligen C-Mandate, die urspr√ľnglich Japanischer Administration unterstanden hatten, wurden den Vereinigten Staaten anvertraut: die Karolinen und Marshallinseln wurden 1990 unabh√§ngig, wodurch das heutige Mikronesien entstand, Palau 1994. Die N√∂rdlichen Marianen entschieden sich f√ľr den dauerhaften Anschluss an ihre Schutzmacht.

Seit der Entlassung Palaus am 1. Oktober 1994 steht kein Gebiet mehr unter treuhänderischer Verwaltung.

Literatur

  • Wolfgang Schneider: Das V√∂lkerrechtliche Mandat in historisch-dogmatischer Darstellung, 103 S., Stuttgart 1926 (=Schriften des Deutschen Auslands-Instituts Stuttgart, Rechts- und staatswissenschaftliche Reihe/Band 2)
  • Manka Spiegel: Das v√∂lkerrechtliche Mandat und seine Anwendung auf Pal√§stina, 182 S., Graz/Wien/Leipzig 1928
  • Ernst Marcus: Pal√§stina - ein werdender Staat. V√∂lker- und staatsrechtliche Untersuchung √ľber die rechtliche Gestaltung des Mandatslandes Pal√§stina unter besonderer Ber√ľcksichtigung des Rechtes der nationalen Heimst√§tte f√ľr das j√ľdische Volk, 328 S., 2 Karten, Leipzig 1929 (=Frankfurter Abhandlungen zum modernen V√∂lkerrecht, Heft 16)
  • Wolfgang Abendroth: Die v√∂lkerrechtliche Stellung der B- und C-Mandate, 360 S., Breslau 1936 (wiederver√∂ffentlicht in: Abendroth, Wolfgang: Gesammelte Schriften 01. 1926 - 1948, Hannover 2006 ISBN 3-93034-549-8)

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Mandat ‚ÄĒ Als Mandat (von lateinisch mandare ‚Äöaus der Hand geben‚Äė, ‚Äöbeauftragen‚Äė, ‚Äöbefehlen‚Äė) bezeichnet man grunds√§tzlich einen Auftrag oder eine Erm√§chtigung, die jedoch keine genaue Handlungsanweisung beinhaltet. Der Begriff wird in einer Reihe von ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Mandat ‚ÄĒ Befugnis; Erm√§chtigung; Prokura; Bevollm√§chtigung; Freibrief; Handlungsvollmacht; Vollziehungsbefehl; Vollmacht; Order; Weisung; Befehl; ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Britisches Mandat √ľber Pal√§stina ‚ÄĒ Das Mandatsgebiet Pal√§stina Flagge des Mandatgebiets Pal√§stina Das V√∂lkerbundsmandat f√ľr Pal√§stina (arabisch ‚ÄŹ ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Internationale Organisation (V√∂lkerrecht) ‚ÄĒ Eine Internationale Organisation[1] im v√∂lkerrechtlichen Sinne ist ein Zusammenschluss von mindestens zwei Staaten oder anderen V√∂lkerrechtssubjekten, der auf Dauer angelegt ist, sich in der Regel √ľber nationale Grenzen hinweg bet√§tigt und… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Britische Mandatsbeh√∂rden ‚ÄĒ Das Mandatsgebiet Pal√§stina Flagge des Mandatgebiets Pal√§stina Das V√∂lkerbundsmandat f√ľr Pal√§stina (arabisch ‚ÄŹ ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Mandatsgebiet Pal√§stina ‚ÄĒ Das Mandatsgebiet Pal√§stina Flagge des Mandatgebiets Pal√§stina Das V√∂lkerbundsmandat f√ľr Pal√§stina (arabisch ‚ÄŹ ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • UN-Treuhandgebiet ‚ÄĒ Treuhandgebiete waren fr√ľhere Mandatsgebiete des V√∂lkerbundes, die nach Aufl√∂sung des V√∂lkerbundes im Jahr 1946 von den Vereinten Nationen (UN) Treuhandm√§chten zur treuh√§nderischen Verwaltung √ľbergeben wurden. Siehe dazu Mandat (V√∂lkerrecht).… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Liste der Unabh√§ngigkeitsdaten ‚ÄĒ Die folgende Liste enth√§lt die Unabh√§ngigkeitsdaten souver√§ner Staaten der Erde. Die Daten beziehen sich auf die zeitlich letzte Unabh√§ngigkeits oder Souver√§nit√§tserkl√§rung. Bei mehreren aufeinanderfolgenden Daten sind h√§ufig Proklamation und… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • S√ľdwest-Afrika ‚ÄĒ South West Africa Suidwes Afrika S√ľdwestafrika Amtssprachen Englisch, Afrikaans, Deutsch[1] (1984‚Äď1990) ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Beitrittskandidaten der NATO ‚ÄĒ Flagge der NATO Generalsekret√§r ‚Ķ   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.