Mandschuren


Mandschuren

Die Mandschu (auch: Mandschuren; Mandschurisch: Manju; chin. 滿洲族 / 满洲族, Mǎnzhōu zú, meistens aber abgekürzt nur chin. 滿族 / 满族, Mǎnzú) sind ein Volk in der Mandschurei im Nordosten Chinas und eine der 55 anerkannten ethnischen Minderheiten Chinas. Von den knapp 11 Millionen Angehörigen der Gruppe sprechen die meisten Chinesisch in dem jeweiligen Dialekt ihrer Wohnorte, also vor allem den Nordostdialekt. Nur noch einige Dutzend alte Menschen beherrschen die mandschurische Sprache, die damit so gut wie ausgestorben ist. Das verwandte Xibe, das im autonomen Kreis Qapqal der Xibe in Xinjiang noch gesprochen wird, ist jedoch in Wirklichkeit ein Dialekt des Mandschurischen.

Inhaltsverzeichnis

Demographie und Autonomie

Bei der Volkszählung im Jahre 2000 wurden 10.682.262 Mandschu gezählt. Ihre Bevölkerung verteilte sich (nach den 1990er Daten) folgendermaßen: 50,43 % der Mandschu leben in Liaoning, 17,6 % in Hebei, 12,06 % in Heilongjiang, 10,67 % in Jilin, 4,65 % im autonomen Gebiet Innere Mongolei und 1,68 % in Beijing.

Obwohl Mandschu nur 13% der Bevölkerung der Provinz Lianoning ausmachen, so umfassen die für sie eingerichteten sechs autonomen Kreise (Benxi, Huanren, Kuandian, Qingyuan, Xinbin und Xiuyan) jedoch über 17% der Fläche dieser Provinz. In der Provinz Hebei beträgt der Anteil der Mandschu 3,2% der Bevölkerung, ihre vier autonomen Kreise (Fengning, Kuancheng, Qinglong und Weichang) machen 12,3% der Provinzfläche aus.

In der Provinz Jilin beträgt der Anteil der Mandschu 4%, ihr autonomer Kreis Yitong macht jedoch nur 1,3% der Fläche aus. In der Provinz Heilongjiang machen die Mandschu knapp 3% der Bevölkerung aus, einen autonomen Kreis gibt es dort jedoch nur für die Mongolen.

Herkunft

Die Mandschu stammen von den Jurchen ab, die im 12. Jahrhundert Nordostchina eroberten. Der Name „Mandschu“ wurde 1635 offiziell von Huang Taiji (皇太极) der den Jianzhou-Jurchen angehörte, eingeführt. Er dürfte allerdings schon ab 1605 benutzt worden sein. Nurhacis Sohn Huang Taiji entschied sich, den Namen „Mandschu“ zu verwenden und verbot die Benutzung des Namen „Jurchen“. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes steht zwar nicht fest, es wird jedoch vermutet, dass es ein altes Wort für die Jianzhou-Jurchen war. Nach einer anderen Theorie stammt der Begriff von dem Bodhisattva Manjusri (das „Bodhisattva der Weisheit“), dessen Menschwerdung Nurhaci zu sein behauptete. Vor dem 17. Jahrhundert waren die Vorfahren der Mandschu ein ländliches Volk, das sich durch Jagen, Fischerei und teilweise Landwirtschaft ernährte.

Geschichte

Ein Mandschu in traditioneller Kriegerpose

Späte Jin-Dynastie

Im Jahre 1616 errichtete der Mandschu-Anführer Nurhaci die Späte Jin-Dynastie und den Staat Amaga Aisin Gurun, oder kurz Manju Gurun („Staat der Mandschu“) und vereinigte die Mandschu-Stämme. Auf diese Zeit geht auch die Schaffung des Militärsystems der Acht Banner zurück. Nach dem Tod Nurhacis änderte sein Sohn Hong Taiji den Namen der Dynastie in Qing.

Qing-Dynastie

Als Li Zicheng 1644 Peking eroberte, griff das Qing-Reich das Siedlungsgebiet der Han-Nationalität an und machte Beijing nach Mukden (seit der Zeit der Streitenden Reiche eine chinesische Stadt) zur neuen Hauptstadt. Aus machtpolitischen Gründen heirateten die ersten mandschurischen Kaiser Nachfahrinnen der mongolischen Großkhane, um ihre Nachfahren als rechtmäßige Erben der mongolischen Yuan-Dynastie darstellen zu können.

In der Qing-Dynastie wurden alle wichtigen Ämter des Reiches mit jeweils einem han-chinesischen und mandschurischen Mitglied besetzt, wodurch ein recht großer Anteil der Mandschu, deren Anzahl insgesamt vergleichsweise gering war, Regierungsbeamte waren.

Assimilierung

Während der Qing-Dynastie versuchte die Regierung die mandschurische Kultur und Sprache zu erhalten. Diese Versuche waren langfristig nicht sehr erfolgreich, weil sich die Mandschu immer mehr den Bräuchen der Han-Chinesen anpassten und auch deren Sprache nach und nach übernahmen. Bereits im 18. Jahrhundert wurde selbst am Kaiserhof nur noch selten Mandschurisch gesprochen. In den 1880er Jahren berichtete der Sprachforscher Paul Georg von Möllendorff, die Sprache sei am Hof mündlich nur noch als feststehende Kommandos bei Zeremonien in Gebrauch. Die Mandschurische Schrift wurde aber bis zum Zerfall der Dynastie neben dem Chinesischen weiterhin als Schriftsprache für offizielle Dokumente und die Kommunikation zwischen dem Kaiser und den Banneroffizieren verwendet.

Auf der anderen Seite hat auch die mandschurische die han-chinesische Kultur in großem Ausmaß beeinflusst. Große Gruppen von Han-Chinesen, die so genannten Han-Bannerleute, wurden in einem gegenläufigen Prozess seit dem 17. Jahrhundert mandschurisiert. Viele Dinge, die heute als typisch für die nordchinesische Kultur angesehen werden, sind in Wirklichkeit mandschurischen Ursprungs und Ergebnis einer umgekehrten Assimilierung.

Obwohl sich – in der Hauptsache – die Mandschu an die Han-Kultur assimilierten und sich selbst immer als „Chinesen“ (im Sinne von Angehörigen des Reiches der Mitte) begriffen, wurden sie gegen Ende der Qing-Dynastie von chinesischen Nationalisten als „ausländische“ Kolonialmacht dargestellt. Diese Darstellung verschwand aber schnell, weil das neue republikanische China nach der Revolution von 1911 die Mandschu in eine neue, republikanische „nationale Identität“ hineinkonstruierte.

Mandschukuo

1931 errichteten die Japaner im Nordosten Chinas einen als Mandschukuo (jap. Manshū koku 満州国; chin. Mǎnzhōuguó 满洲国) bezeichneten Marionettenstaat. Zu dieser Zeit war das Gebiet bereits überwiegend von Han-Chinesen bewohnt und selbst unter den Mandschu konnte dieses Projekt nicht viel Interesse erwecken.

Vermutlich wurde ein „mandschurischer“ Staat nur deswegen errichtet, um eine Sezession zu rechtfertigen und damit nicht nur China, sondern auch den seit 1890 starken Einfluss Russlands in der Region weiter zu schwächen und eine Invasion Chinas vorzubereiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Territorium wieder ein Teil Chinas.

Literatur

  • Körner, Brunhild geb. Lessing: Der Ahnenkult der Mandschu in Peking. In: Baessler-Archiv. Berlin 1955, Neue Folge, Band III, S. 175-193.
  • Lovadina, Michela: Manchu Shamanic material rediscovered: a photographic documentation from the 1932 Sven Hedin expedition. Schriftenreihe: Shamanica Manchurica collecta Nr. 6. Mit Fotografien und deutschen Texten von Gösta Montell. Harrassowitz, Wiesbaden 1998. ISBN: 3-447-04022-X
  • Jiāng, Fān 江帆: 满族生态与民俗文化 Mǎnzú shēngtài yǔ mínsú wénhuà (= Ökologie und Folklore in der Kultur der Mandschu). Beijing 北京 2006. Verlag der Sozialwissenschaften Chinas 中国社会科学出版社. ISBN 7-5004-5725-1. 11+323 S.
  • Jin, Qizong und Stary, Giovanni [Einl. u. Übers.] u. Walravens, Hartmut [Hg.]: Geschichte und Leben der Mandschu. Hamburg 1984.

Weblinks


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