Martinus-Bibliothek

Eingang des Arnsburger Hofes

Die Martinus-Bibliothek im Arnsburger Hof in der Mainzer Altstadt ist die Wissenschaftliche Diözesanbibliothek im Priesterseminar des Bistums Mainz. Sie ist mit etwa 300.000 Bänden und 200 dauernd gehaltenen Zeitschriften ausgestattet. Dazu kommen 900 Inkunabeln und 120 Handschriften, die bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen. Sie ist eine der größten öffentlichen Spezialbibliotheken für Philosophie und Theologie, wie auch Fundort in Bezug auf die Geschichte der Diözese Mainz, Quelleneditionen und Kirchengeschichte, besonders der des Mainzer Raumes. Sie ist die älteste Bibliothek in Mainz.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Geschichte der Bibliothek und somit auch der Sammlung geht bereits auf das Jahr 1662 zurück, als Kurfürst Johann Philipp von Schönborn eine eigene Bibliothek für das von ihm errichtete Mainzer Priesterseminar einrichtete. Dies ist somit die älteste Bibliothek der Stadt Mainz. Im Jahr 1804 wurde die Sammlung von den Franzosen aufgelöst. Die heutige Bibliothek existiert seit 1805 wieder.

Im Jahre 1968 erfolgte eine Ausgliederung aus dem Priesterseminar als eigenständige Diözesanbibliothek und gleichzeitig der Umzug in ein eigenes Gebäude in unmittelbarer Nähe: Dem Arnsburger Hof in der Grebenstraße. Seit 1. Januar 2000 trägt die bisherige "Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars" den Namen des Bistumspatrons St. Martin.

Sondersammlungen

Der Bestand an Büchern konnte über alle Kriege hinweggerettet werden. Er kam auch durch eine Reihe besonders wertvoller Nachlässe zustande. Eine deutliche Erweiterung der Sammlung erfuhr die Bibliothek 1862, als die Witwe des Frankfurter Patriziers Johann Friedrich Schlosser (1780–1851), eines Verwandten von Johann Georg Schlosser, dem Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler die etwa 35.000 Bände umfassende Bibliothek Schlossers vermachte. Diese stammte ursprünglich zum einen Teil aus der Abtei Neuburg bei Heidelberg, ein anderer Teil besteht aus einer Sammlung der gesamten Literatur der Goethezeit. Schlosser war ein ferner Verwandter Goethes und wurde durch Klemens Maria Hofbauer (1751–1820) für den katholischen Glauben gewonnen. Weitere Originalausgaben vor allem der deutschen Literatur des 16. bis 19. Jahrhunderts runden die Sammlung ab.

In ihren Anfangsjahren kam die Bibliothek durch die Seminaristen an einen beachtlichen Teil ihres Bestandes. Das Studium der Theologie war kostenlos – zum Ausgleich mussten sich die aus begüterten Familien stammenden Studenten sich verpflichten, ihre Bücher in der Bibliothek des Priesterseminars zurückzulassen.

Rara

Seite aus dem Reisebuch des Bernhard von Breidenbach:Sanctae peregrinationes, illustriert und gedruckt in Mainz von Erhard Reuwich, 11. Februar 1486

Ein aus dem ausgehenden 9.Jahrhundert stammendes Sakramentar aus der so genannten Mainzer Schreibstube des Stift St. Alban vor Mainz (Mainz, Priesterseminar, Ms. I (saec. IXex)[1], gehört zu den Rara der Martinus-Bibliothek. Es ist damit 100 Jahre älter als der Mainzer Dom. Das Buch lag etwa 500 Jahre auf dem Dachboden der Gotthard-Kapelle. Etwa 120 Kälber mussten für das Pergament des Buches ihre Haut lassen. Die Farben für die Ausmalung der Bildinitialen und Zeilen farbiger Großbuchstaben wurden aus gemahlenen Edelsteinen gemischt. Allein eine Seite, das "Purpurblatt", hatte schon bei der Herstellung einen relativen Wert "von drei Bauernhöfen".

Daneben gibt es eine umfangreiche Judaica-Sammlung, Peter Schöffers "Cronecken der Sassen", diverse Erstausgaben von Johann Wolfgang von Goethe, die erste Koranübersetzung von 1746, einen Reiseführer von 1519 und eine vor Luther entstandene Bibelübersetzung von 1483.

Auch eines der wenigen Exemplare der illustrierten Reisebeschreibung, die Bernhard von Breidenbach über seine Pilgerfahrt ins Heilige Land herausgegeben hat und die 1486 bei Erhard Reuwich in Mainz erschien, ist im Bestand der Bibliothek. In dieser Inkunabel wurde zum ersten Mal in der Druckgeschichte die Form des Leporellos angewandt. Sie gehört neben der Gutenberg-Bibel zu den schönsten Mainzer Inkunabeln

Zurzeit wird im Gutenberg-Museum eine Karolingische Handschrift, die als Makulatur zur Verstärkung eines Buchdeckels benutzt worden ist, von dem Deckel abgelöst. Vier Seiten einer Augustinus-Schrift werden erwartet. Damit wäre der Bestand der Handschriften in der Martinus-Bibliothek um eine Rarität reicher. Denn geschrieben wurden sie im 8. oder sogar 7. Jahrhundert. Ob es sich hierbei um Karolingische Minuskeln handelt ist noch nicht geklärt.

2007 wurde im Archiv eine gut erhaltene Handschrift eines jüdischen Purim-Spiels aus dem Jahr 1751 wiederentdeckt. Purim-Spiele wurde üblicherweise nur mündlich tradiert und sehr selten aufgeschrieben, daher gilt die Handschrift als ein Beispiel für das lebendige ashkenasische Leben im 18. Jahrhundert und für die Vielfalt der Theaterformen, in dieser Zeit. Außerdem für die beginnende jüdische Aufklärung in der Zeit von 1770 bis 1880. [2]

Arnsburger Hof

Gebäudefront in der Altstadtgasse

Der Arnsburger Hof in der Grebenstraße diente in erster Linie als Stadthof des Klosters Arnsburg in der Stadt zu wirtschaftlichen und kirchenpolitischen Zwecken. Seit der Auflösung des Klosters 1803 wurde das Gebäude wechselnd verwendet.

Das Magazin der Martinus-Bibliothek erstreckt sich über fünf Stockwerke. Es findet sich auch eine Schatzkammer darunter, welche die Rara bei konstant 18 Grad Raumtemperatur und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit bewahrt. Der Lesesaal der Martinus-Bibliothek bietet 20 Arbeitsplätze. Ein markantes Eichentor bildet den Eingang zum Hof bzw. der Bücherei.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eric Palazzo: Les sacramentaires de Fulda. Étude sur l’iconographie et la liturgie à l’époche ottonienne (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen. Veröffentlichungen des Abt Herwegen-Instituts der Abtei Maria Laach 77). Aschendorff, Münster 1994, S. 226f.
  2. Handschrift mit jüdischem Purim-Spiel in der Mainzer Martinus-Bibliothek wiederentdeckt

Literatur

  • Helmut Hinkel: Goethekult und katholische Romantik. Fritz Schlosser (1780-1851). Sonderband 2001/2002 der Reihe „Neues Jahrbuch für das Bistum Mainz". Herausgegeben von Barbara Nichtweiß. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2002


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