Matthias Platzeck


Matthias Platzeck
Platzeck beim Bundesparteitag in Karlsruhe 2005
Matthias Platzeck (2007)

Matthias Platzeck (* 29. Dezember 1953 in Potsdam) ist ein deutscher Politiker (SPD).

Er ist seit dem 26. Juni 2002 Ministerpräsident des Landes Brandenburg und war vom 15. November 2005 bis zum 10. April 2006 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

Inhaltsverzeichnis

Leben

Familie

Matthias Platzeck ist der Sohn eines Arztes und einer medizinisch-technischen Assistentin.

Von 1978 bis 1984 war er mit der ehemaligen Bürgerrechtlerin Ute Platzeck verheiratet, die 2005 wieder ihren Geburtsnamen Bankwitz annahm[1]; aus dieser Ehe hat er drei Töchter, darunter ein Zwillingspaar. Die Kinder wuchsen seit ihrem vierten bzw. sechsten Lebensjahr bei der alleinerziehenden Mutter auf.

Platzeck ist seit 2007 mit der zehn Jahre jüngeren Verwaltungsfachwirtin Jeanette Jesorka verheiratet, mit der er seit 2005 zusammenlebt.

Ausbildung und Beruf

Nach der allgemeinbildenden Schule in Potsdam von 1960 bis 1966 besuchte er ab der 7. Klasse die Erweiterte Spezial-Oberschule (heute: Weinberg-Gymnasium) in Kleinmachnow.

Nach dem Abitur 1972 leistete er zunächst seinen Grundwehrdienst in der NVA ab. 1974 begann er dann ein Studium an der Sektion Technische und Biomedizinische Kybernetik der Technischen Hochschule Ilmenau, welches er 1979 als Diplomingenieur für biomedizinische Kybernetik beendete.

Matthias Platzeck war zunächst 1979/1980 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bezirkshygieneinstitut Karl-Marx-Stadt, Abteilung Lufthygiene, und wurde 1980 Direktor für Ökonomie und Technik (materialtechnische Versorgung) im Kreiskrankenhaus Bad Freienwalde (Oder). Von 1982 bis 1990 war er Abteilungsleiter Umwelthygiene bei der Hygieneinspektion Potsdam. Von 1982 bis 1987 absolvierte er gleichzeitig Weiterbildungslehrgänge im Bereich der Umwelthygiene an der Akademie für Ärztliche Fortbildung in Berlin.

Politische Karriere

Partei

Matthias Platzeck 1990
Matthias Platzeck bei einer Rede (März 2007)
Matthias Platzeck, Jens Bullerjahn und Holger Hövelmann 2006 in Halle
Bei der Grundsteinlegung zum Schiffshebewerk Niederfinow Nord am 23. März 2009

Platzeck war lange Zeit nicht politisch engagiert. Im April 1988 war er dann Gründungsmitglied der Potsdamer Bürgerinitiative „Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (ARGUS)“. Im Mai 1989 trat er der LDPD bei, verließ sie aber nach kurzer Zeit wieder.[2] Die ARGUS gehörte im November 1989 zu den Gründungsmitgliedern der GRÜNEN LIGA, einem Dachverband von Umweltgruppen, in deren Bundessprecherrat Platzeck entsandt wurde. Vom Dezember 1989 bis Februar 1990 gehörte er zu den Vertretern der GRÜNEN LIGA am Zentralen Runden Tisch der DDR in Berlin. Von Februar bis April 1990 war er für die Grüne Partei in der DDR Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett von Ministerpräsident Hans Modrow (SED). Die GRÜNE LIGA hatte Klaus Schlüter in die Modrow-Regierung entsandt.

Am 6. Juni 1995 trat Platzeck der SPD bei und wurde im Juni 1998 in den Landesvorstand von Brandenburg gewählt sowie am 8. Dezember 1999 in den Bundesvorstand der SPD. Am 8. Juli 2000 wurde er zum Landesvorsitzenden der SPD in Brandenburg gewählt.

Weil der SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering am 31. Oktober 2005 auf eine erneute Kandidatur auf dem bevorstehenden Bundesparteitag verzichtete, erklärte Matthias Platzeck sich nach einer Krisensitzung des Parteivorstandes am 1. November 2005 zu einer Kandidatur bereit. Am 15. November 2005 wurde er bei 515 abgegebenen gültigen Stimmen mit 512 Ja-Stimmen gegen zwei Nein-Stimmen und bei einer Enthaltung, also 99,4 % der Stimmen, vom Bundesparteitag in Karlsruhe zum Bundesvorsitzenden gewählt. Lediglich Kurt Schumacher erreichte vor ihm ein besseres Ergebnis (244 von 245 Stimmen).

Vom 20. Juni 2005 bis zum 8. Dezember 2005 war Matthias Platzeck auch Vorsitzender des Forum Ostdeutschland der Sozialdemokratie e. V.

Zum Jahreswechsel 2005/2006 erlitt Platzeck einen ersten Hörsturz, am 11. Februar 2006 folgte ein Nerven- und Kreislaufzusammenbruch. Am 29. März 2006 erlitt Platzeck einen zweiten Hörsturz, bei dem er einen „erheblichen Verlust des Hörvermögens“ erlitt. Er musste sich in längere ärztliche Behandlung begeben. Am 10. April 2006 trat Platzeck daher vom Amt des Bundesparteivorsitzenden aus gesundheitlichen Gründen zurück. Das Amt des Parteivorsitzenden der SPD übernahm zunächst kommissarisch sein Stellvertreter Kurt Beck, der dann beim Parteitag am 14. Mai zum SPD-Vorsitzenden gewählt wurde.

Abgeordneter

Im März 1990 wurde er als Parteiloser auf der Liste der Grünen Partei in der DDR Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Dort war er Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktionsgemeinschaft Bündnis 90/Grüne. Von der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 bis zum Zusammentreten des ersten gesamtdeutschen Bundestages im Dezember 1990 war er einer der 144 von der Volkskammer als Mitglied des Bundestages delegierten Abgeordneten.

Im Oktober 1990 wurde Platzeck über die Landesliste des Bündnis 90 in den Landtag Brandenburg gewählt. Stimmrecht in der Fraktion Bündnis 90 behielt er als Umweltminister auch nach Niederlegung seines Landtagsmandats zugunsten eines Nachrückers im September 1992 noch bis zum Bruch der Koalition mit SPD und FDP am 22. März 1994. Die Listenverbindung Bündnis 90 wurde 1991 in eine Partei umgewandelt, deren Bundessprecherrat Platzeck bis 1993 angehörte. Da er den Zusammenschluss von Bündnis 90 mit der Partei Die Grünen 1993 ablehnte, trat er der neuen Partei Bündnis 90/Die Grünen nicht bei.

Landesminister

Am 22. November 1990 berief Manfred Stolpe als Ministerpräsident einer Koalition aus SPD, FDP und Bündnis 90 Platzeck zum Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung. Nur durch Austritt aus der Fraktion Bündnis 90 in Folge des Konflikts mit dem Fraktionsvorsitzenden Günter Nooke um die Stasi-Kontakte von Ministerpräsident Stolpe behielt er 1994 sein Ministeramt. Nach der Landtagswahl 1994 berief Ministerpräsident Stolpe den Parteilosen erneut zum Umweltminister in die SPD-Alleinregierung. Platzeck hatte wesentlichen Anteil an der Umwandlung von 40 % des Landes Brandenburg in Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie der Schaffung des im September 1995 eingeweihten deutsch-polnischen Nationalparks Unteres Odertal. Durch zahlreiche Fernsehauftritte beim Oderhochwasser im Sommer 1997 wurde er bundesweit bekannt. Journalisten und damalige Hochwasserhelfer nennen ihn seither oft Deichgraf (in Anlehnung an den Deichgrafen in der Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm).

Als Vertreter Brandenburgs war er vom 27. November 1991 bis 12. Oktober 1994 Mitglied und anschließend bis zum 4. November 1998 stellvertretendes Mitglied des Bundesrates.

Oberbürgermeister von Potsdam

Nachdem im Mai 1998 der Oberbürgermeister von Potsdam, Horst Gramlich (SPD), im Zuge einer Korruptionsaffäre um den Baustadtrat Detlef Kaminski nach einem Bürgerbegehren durch einen Bürgerentscheid abgewählt worden war, kandidierte Platzeck für dessen Nachfolge. Seiner Kandidatur ging innerhalb der SPD die Sorge voraus, bei der Aufstellung eines anderen Kandidaten könne sich ein Kandidat der PDS durchsetzen. In der Wahl am 27. September 1998 setzte sich Platzeck jedoch bereits im ersten Wahlgang mit 63,5 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen seine Mitbewerber durch. Er legte sein Ministeramt am 3. November nieder und war vom 4. November 1998 bis 26. Juni 2002 Oberbürgermeister von Potsdam. Im Vorfeld der Kommunalwahl, die parallel zur Bundestagswahl 1998 stattfand, versuchte SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder Matthias Platzeck in sein Schattenkabinett zu berufen, Platzeck lehnte dies aber ab.[3]

Ministerpräsident

Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Stolpe wurde Platzeck am 26. Juni 2002 zum Ministerpräsidenten von Brandenburg gewählt. Auch beim Elbehochwasser im Sommer 2002 agierte er als Krisenmanager, was seine Popularität weiter erhöhte. Die von Platzeck und Jörg Schönbohm (CDU) geführte SPD-CDU-Koalitionsregierung hatte mit der starken Verschuldung des Landes Brandenburg und einer stagnierenden bzw. rückläufigen wirtschaftlichen Entwicklung zu kämpfen.

Seit dem 9. Juli 2002 ist Matthias Platzeck wieder Mitglied des Bundesrates. Am 1. November 2003 wurde er zunächst 2. Vizepräsident, vom 1. November 2004 bis zum 31. Oktober 2005 dann turnusgemäß für ein Jahr Bundesratspräsident.

Bei der Landtagswahl am 19. September 2004 gewann er in seinem Wahlkreis das Direktmandat und wurde erneut Abgeordneter im Landtag Brandenburgs. Trotz Verlusten in Höhe von 7,4 Prozentpunkten blieb die SPD stärkste Kraft im Landtag, so dass Platzeck als Ministerpräsident einer SPD-CDU-Koalition wiedergewählt wurde.

Seit dem 4. Juli 2007 ist er als Vertreter der Länder Mitglied im ZDF-Verwaltungsrat.

Nach der Landtagswahl am 27. September 2009 bildete Platzeck eine Koalition mit der Linkspartei. Am 6. November 2009 wurde er vom brandenburgischen Landtag im Amt des Ministerpräsidenten bestätigt.

Kritik

Die Bildung der Koalition mit der Linkspartei in Brandenburg löste heftige öffentliche und innerparteiliche Diskussionen aus.[4] Kritikpunkt war vor allem, dass führende Politiker des Koalitionspartners "Die Linke" ehemalige Stasi-Mitarbeiter seien.[5] In einem Essay für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel[6]) verglich Platzeck die – aus seiner Sicht notwendige – Versöhnung mit den in der DDR Verantwortlichen mit der Versöhnung Kurt Schumachers mit ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS nach dem 2. Weltkrieg.[7] Ebenso für Kritik sorgte eine Interview-Äußerung Platzecks, in der er den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik in Analogie zu Österreich 1938 als „Anschluss“ bezeichnete.[8][9]

Ehrungen

  • 1997: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland
  • 2011: Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland

Siehe auch

Literatur

  • Felix Butzlaff: Katastrophen brauchen Fachleute? Ökologie und Umweltpolitik mit Klaus Töpfer und Matthias Platzeck als politischen Seiteneinsteigern, Marburg 2009, ISBN 9783828899049
  • Matthias Platzeck: Zukunft braucht Herkunft. Deutsche Fragen, ostdeutsche Antworten. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, ISBN 978-3-455-50114-8

Einzelnachweise

  1. Markus C. Hurek: Der Deichgraf und die Frauen. Cicero, Dezember 2005
  2. http://www.lr-online.de/nachrichten/brandenburg/Platzeck-war-zu-DDR-Zeiten-wenige-Wochen-Mitglied-der-LDPD;art25,2518642 Platzeck kurze Zeit in der LDPD
  3. Thorsten Metzner: In zwei Wochen soll klar sein, ob Dreher geht. In: Der Tagesspiegel, 25. November 1998
  4. Weiter Kritik an Rot-Rot, Focus Online, 1. November 2009
  5. Rot-Rot in Brandenburg, Spiegel online, 6. November 2009
  6. Versöhnung ernst nehmen. In: Der Spiegel. Nr. 45, 2009 (online).
  7. Matthias Platzeck löst mit seiner historischen These zur Integration der Linken Irritationen aus, Märkische Allgemeine, 1. November 2009
  8. Der Spiegel 35/2010: Ich verlange Respekt, eingesehen am 13. September 2010.
  9. Stern.de vom 31. August 2010: Ärger um Matthias Platzeck: „Anschluss“-Äußerung löst Empörung aus, eingesehen am 13. September 2010.

Weblinks

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Wiktionary Wiktionary: Platzeck – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Matthias Platzeck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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