Max Horkheimer


Max Horkheimer
Horkheimer (links) mit Theodor W. Adorno (vorne rechts) und Jürgen Habermas (hinten rechts) in Heidelberg, 1964

Max Horkheimer (* 14. Februar 1895 in Zuffenhausen bei Stuttgart; † 7. Juli 1973 in Nürnberg) war ein deutscher Sozialphilosoph und führender Kopf der Frankfurter Schule.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Horkheimer wurde in der Schwieberdinger Straße 58 in Zuffenhausen[1] als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie geboren. Sein Vater war der Kunstwollfabrikant Moritz Horkheimer, seine Mutter dessen Ehefrau Babette, geb. Lauchheimer, aus Esslingen am Neckar.[2] Als Untersekundaner verließ er 1911 mit 15 Jahren das Dillmann-Gymnasium[3] in Stuttgart und trat als Lehrling in die väterliche Fabrik ein. Seit dieser Zeit verband ihn eine lebenslange Freundschaft mit Friedrich Pollock, auch er ein Sohn eines Stuttgarter Fabrikanten. Nach Lehrzeit und einem Volontariat in Brüssel wurde er 1914 Juniorchef im väterlichen Unternehmen. Als Betriebsleiter und Prokurist blieb er zunächst vom Militärdienst verschont, erst 1917 wurde er einberufen. 1919 holte er das Abitur in München nach. Von 1919 bis 1922 studierte er in München, Frankfurt am Main und Freiburg. 1922 promovierte ihn mit summa cum laude in Frankfurt Hans Cornelius, dessen Assistent er danach für drei Jahre war. 1925 habilitierte er sich ebendort. 1926 heiratete er Rose („Maidon“) Christine Riekher, die frühere Privatsekretärin seines Vaters.

1930 ernannte ihn die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt zum Ordinarius für Sozialphilosophie an der Philosophischen Fakultät. Im gleichen Jahr wurde er Direktor des 1924 unter Carl Grünberg gegründeten Instituts für Sozialforschung bis zu dessen Schließung durch die Nationalsozialisten. Die Emigration führte ihn über Genf nach New York, wo er an der Columbia University mit Hilfe amerikanischer Kollegen das Institut für Sozialforschung weiter führen konnte. 1941 übersiedelte er an die Westküste nach Pacific Palisades (Los Angeles) und wurde direkter Nachbar von Thomas Mann. Sein engster Mitarbeiter und Freund Theodor W. Adorno folgte ihm wenig später. 1947 veröffentlichte er in den USA Eclipse of Reason (dt. Ausgabe: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967) und gemeinsam mit Adorno die Dialektik der Aufklärung, zwei seiner Hauptwerke. 1949 kehrte Horkheimer an die Universität Frankfurt zurück, ihrem Ruf auf den Doppellehrstuhl für Philosophie und Soziologie folgend. 1950 konnte das Institut für Sozialforschung unter seiner Leitung (mit Adorno als stellvertretendem Direktor) wieder eröffnet werden. 1951 wurde er zum Rektor der Universität gewählt.

Horkheimer war Begründer und Herausgeber der Zeitschrift für Sozialforschung (1932-39), fortgesetzt als Studies in Philosophy and Social Science (1940-42) und Initiator der Studien über Autorität und Familie (erschienen 1936 in Paris). Als spiritus rector beider Projekte arbeitete er eng mit einer Gruppe von sozialkritischen, marxistisch und freudianisch gesinnten Wissenschaftlern zusammen, die man in der Sekundärliteratur als „Horkheimer-Kreis“ und später auch als Frankfurter Schule etikettierte.

Sein Schüler und späterer Nachfolger[4] auf dem Frankfurter Lehrstuhl, Alfred Schmidt, hat zusammen mit Gunzelin Schmid Noerr Horkheimers Gesammelte Schriften in 19 Bänden herausgegeben.

Die Stadt Frankfurt am Main ehrte Max Horkheimer mit der Goethe-Plakette (1953) und ernannte ihn zum Ehrenbürger (1960). Bereits 1957 hatte er sich zusammen mit Friedrich Pollock in Montagnola (Schweiz) niedergelassen. Er liegt begraben auf dem Jüdischen Friedhof Bern.

Horkheimer-Gedenktafel an dessen ehemaligem Wohnhaus im Frankfurter Westend

Wirken und Bedeutung

Horkheimer gilt als Begründer und, gemeinsam mit Adorno, als Protagonist der Frankfurter Schule und Hauptvertreter der Kritischen Theorie, einer von Hegel, Marx und Freud inspirierten Gesellschaftstheorie.[5] Zum engerem Zirkel gehörten in den Jahren vor der Emigration Erich Fromm, Leo Löwenthal und Herbert Marcuse; mit Walter Benjamin, obwohl kein direkter Mitarbeiter des Instituts, bestand ein über Adorno vermittelter intellektueller Austausch.

Horkheimers Arbeiten elaborieren eine fundamentale Kritik der Bürgerlichen Gesellschaft, die er als eine von politischen und ökonomischen Gegensätzen, ideologischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten zerrissene Gesellschaftsformation kennzeichnet. Mit einer aus zeitgeschichtlichen Umständen und persönlichen Erfahrungen verständlichen Konsequenz konstatiert Horkheimer einen Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus (der wirtschaftlichen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft) und der Entstehung des Faschismus: Als eine Reaktion auf die Krise des Kapitalismus versuche der Faschismus, den Kapitalismus mit despotischen Mitteln aufrechtzuerhalten. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, formulierte er pointiert am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.[6]

Jürgen Habermas zufolge investierte Horkheimer zwischen 1932 und 1941 seine theoretischen Impulse und intellektuellen Energien in einen „interdisziplinären Materialismus“, in eine „Aufhebung der Philosophie in Gesellschaftstheorie“. Zustimmend zitiert er Hauke Brunkhorst, der Horkheimer in seiner produktivsten Phase als "Anti-Philosoph" sah.[7] In einer wissenssoziologischen Studie der frühen Frankfurter Schule hat Helmut Dubiel die „kognitive Führungsrolle“ Horkheimers in dem interdisziplinären Forschungsprogramm des Instituts für Sozialforschung herausgearbeitet. Demnach habe Horkheimer Sozialforschung als eine „sozialwissenschaftliche Großdisziplin“ verstanden, die auf eine Integration von Philosophie und Fachwissenschaft abzielte und alle Disziplinen umfasste, die „im Frankfurter Kreis personell repräsentiert gewesen sind: Soziologie, Sozialphilosophie, Psychologie, Ökonomik, Jurisprudenz, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Politologie“.[8] Ihr erklärtes Ziel war eine „Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft als ganzer“.[9]

Im Horkheimerschen Spätwerk tritt ein von Schopenhauer beeinflusster, metaphysisch begründeter Pessimismus hervor. Für Horkheimer ist die menschliche Existenz - neben dem materiell verursachten Leid - eine durch und durch leidvolle, die in der Natur des Seins selbst begründet ist, auch wenn er mit Karl Marx das materielle Leid für überwindbar bzw. prinzipiell abmildbar begreift. Aber im Gegensatz zu Marx versteht er den Sozialismus nicht als eine auf historischer Gesetzmäßigkeit beruhende Zukunftsgesellschaft, sondern als eine in der historischen Entwicklung mögliche politisch-gesellschaftliche Konstellation, die einen Ausweg aus den sozialen Widersprüchen und Problemen der Gegenwart bieten könnte.

Werke

Gesammelte Schriften

  • Gesammelte Schriften. Bände 1 - 19. Herausgegeben von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1985ff.

Einzelwerke

  • Über Kants Kritik der Urteilskraft als Bindeglied zwischen theoretischer und praktischer Philosophie. Habilitation. Frankfurt am Main 1925.
  • Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Stuttgart: Kohlhammer, 1930.
  • Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung. Öffentliche Antrittsvorlesung bei Übernahme des Lehrstuhls für Sozialphilosophie und der Leitung des Instituts für Sozialforschung am 24. Januar 1931 / gehalten von Max Horkheimer. - Frankfurt am Main: Englert & Schlosser, 1931.
  • Dämmerung. Notizen in Deutschland. [unter d. Pseud.: Heinrich Regius]. - Zürich: Oprecht und Helbling, 1934.
  • (mit Theodor W. Adorno) Philosophische Fragmente. [hektographiertes Typoskript]. New York, Los Angeles: Institute of Social Research, 1944.
  • (mit Theodor W. Adorno) Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Querido Verlag, Amsterdam 1947. ND Fischer 1988, ISBN 978-3596274048.
  • Zum Begriff der Vernunft. Festrede bei der Rektoratsübergabe ... am 20. November 1951. Frankfurt, Main: Klostermann, 1952
  • Survey of the social sciences in Western Germany: a report on recent developments / by Max Horkheimer. - Washington: Libr. of Congress, Reference Dep., European Affairs Div., 1952.
  • Gegenwärtige Probleme der Universität. [enthält:] Akademisches Studium; Begriff der Bildung; Fragen des Hochschulunterrichts Frankfurt am Main: Klostermann, 1953.
  • Über die deutschen Juden. Vortrag. Köln: DuMont, 1961.
  • Um die Freiheit. Stuttgart: Europ. Verl.-Anst., 1962.
  • Über das Vorurteil. Köln [u.a.] : Westdt. Verl., 1963.
  • Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt am Main 1967, ISBN 978-3596178209.
  • Autoritärer Staat. Die Juden und Europa [u.a.]. Aufsätze 1939 -1941. Amsterdam: de Munter, 1967.
  • Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen - Ein Interview mit Kommentar von Helmut Gumnior (Stundenbücher). Furche, Hamburg 1970, ISBN 978-3773000231.
  • Traditionelle und kritische Theorie: Fünf Aufsätze. Frankfurt am Main 1970, 7. Auflage 1992, ISBN 978-3596113286.
  • Vernunft und Selbsterhaltung. Fischer, Frankfurt a.M. 1970.
  • Sozialphilosophische Studien: Aufsätze, Reden und Vorträge 1930 - 1972; mit einem Anhang über Universität und Studium / Max Horkheimer. - Frankfurt am Main: Athenäum Fischer Taschenbuch Verl., 1972.
  • Gesellschaft im Übergang: Aufsätze, Reden und Vorträge 1942 - 1970 hrsg. von Werner Brede. Frankfurt am Main: Athenäum-Fischer-Taschenbuch-Verl., 1972. ISBN 978-3596265459.
  • Aus der Pubertät: Novellen und Tagebuchblätter / Max Horkheimer. - München: Kösel, 1974.
  • Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie. Ausgewählte Essays. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 978-3518013915.
  • Studien über Autorität und Familie: Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung / Max Horkheimer; Erich Fromm; Herbert Marcuse. Reprint der Ausg. Paris 1936, Lüneburg: zu Klampen, 2005. ISBN 978-3934920491.

Literatur

  • Gerhard Bolte: Von Marx bis Horkheimer. Aspekte kritischer Theorie im 19. und 20. Jahrhundert, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1995, ISBN 3-534-12798-6
  • Helmut Dubiel (Hrsg.): Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus: Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939 - 1942. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1992. ISBN 978-3434004691.
  • Helmut Gumnior u. Rudolf Ringguth: Max Horkheimer, Reinbek bei Hamburg: rowohlts monographien, 1973, ISBN 3-499-50208-9
  • Gerd van de Moetter (Hrsg.): Horkheimer und Italien: Dokumente, Texte, Interviews. Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 1990.
  • Zvi Rosen: Max Horkheimer, München: Beck'sche Reihe, 1995, ISBN 3-406-34640-5
  • Alfred Schmidt u. Norbert Altwicker (Hrsg.): Max Horkheimer heute: Werk und Wirkung, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1986, ISBN 3-596-26559-2
  • Hugo Staudinger Humanität und Religion: Briefwechsel und Gespräch / Hugo Staudinger; Max Horkheimer. Würzburg: Naumann, 1974.
  • Rolf Wiggershaus: Max Horkheimer zur Einführung. Hamburg: Junius, 1998, ISBN 3-88506-977-6

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Porsche und Zuffenhausen: Zwei Welten, die zueinander nicht kommen
  2. Eberhard Kögel, Habt ihr scho gedeild? Erinnerungen an den jüdischen Viehhandel in Esslingen, Esslingen 2006, ISBN 3-933231-37-X, S. 8
  3. stuttgart.de zu Max Horkheimer
  4. Unmittelbarer Nachfolger auf Horkheimers Lehrstuhl war Jürgen Habermas von 1964 bis 1971.
  5. Siehe Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, in: Gesammelte Schriften, Band 4, Frankfurt am Main 1988, S. 208.
  6. Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in: Gesammelte Werke, Band 4, Frankfurt am Main 1988, S. 308 f. Erstveröffentliochung in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. VIII/1939.
  7. Jürgen Habermas: Bemerkungen zur Entwicklungsgeschichte des Horkheimerschen Werkes. In: Alfred Schmid / Norbert Altwickler (Hrsg.): Max Horkheimer heute: Werk und Wirkung. Fischer, Frankfurt am Main 1986, S. 163f.
  8. Helmut Dubiel: Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung. Studien zur frühen Kritischen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 150.
  9. Vorwort des ersten Heftes der Zeitschrift für Sozialforschung. 1, Jg., DH. 1/2, 1932, S. I.

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