Mercedes-Simplex

Der Mercedes-Simplex war der Nachfolger des Mercedes 35 PS. Von 1902 bis 1906 entstanden verschiedene Modelle bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Cannstatt und ab 1904 in Untertürkheim:

Inhaltsverzeichnis

Mercedes-Simplex 40/45 PS (1902–1905)

Mercedes-Simplex 40 PS von 1902
Motor-Ansaugseite mit Kolbenvergaser, verkapselter Einlassnockenwelle und offen stehenden Ventilschäften und -federn
Handbremshebel für die hinteren Trommelbremsen, Lenksäule, Abgas-Klappenregler und „Schmiertrompete“.
Bienenwabenkühler mit integriertem Wasser-Ausgleichsbehälter und Azetylen-Scheinwerfer
Der dritte Sitz

Bereits im Herbst 1901 machte sich Maybach an die Weiterentwicklung der ersten Mercedes-Typenreihe. Als neues Topmodell und direkter Nachfolger des Mercedes 35 PS entstand zunächst der Mercedes-Simplex 40/45 PS. Der Radstand wuchs auf 2450 Millimeter, seine Bedienung wurde weiter vereinfacht durch „automatisches“ Auskuppeln und Abbremsen der Antriebswelle beim Betätigen des Schalthebels. Diese frühe Verbesserung des Bedienkomforts schlug sich im Namenszusatz „Simplex“ nieder.

Die Außenabmessungen des Motors blieben unangetastet, Bohrung und Hub werden jedoch geändert. Der Hubraum wuchs auf 6786 cm³, die Leistung stieg auf 45 PS (33 kW). Die Nockenwellen wurden gekapselt, und es gab nur noch einen Vergaser, dessen neue Vorwärmeinrichtung der besseren Zerstäuberwirkung der Maybach-Luftdüse diente.

Auch die Kühlung erfuhr Verbesserungen. Das mit 60 Zentimeter Durchmesser ziemlich große Schwungrad erhielt Leitschaufeln, die den Luftdurchsatz von Kühler und Motorraum sicherten. Dafür fiel der Kühlerventilator weg, der Motorraum bekam Abdeck- und Leitbleche, die Wagenunterseite wurde mit Blechen verschlossen. Eine Idee, die inspirierend auf nachfolgende Motorkonstruktionen in aller Welt wirkte. Der Kühlwasserbedarf sank um weitere zwei Liter auf sieben ab.

Kupplung (links) und die Pedale für die zwei unabhängig voneinander arbeitenden Außenband-Bremsen am Getriebe

Um der nochmals gestiegenen Motorleistung gerecht zu werden, erhielt der Wagen eine zweite Fußbremse, die als Bandbremse auf die Zwischenwelle des Kettenantriebs wirkte. Alle vier Bremsen – also auch die Trommelbremsen der Hinterräder und die Kardanbremse – wurden mit Spritzwasser gekühlt, das beim Betätigen aus einem Vorratsbehälter auf die Reibflächen tropfte.

Weitere konstruktive Maßnahmen machten den Mercedes-Simplex zu einem 942-Kilogramm-Leichtgewicht mit guten Gewinnchancen gegen die durchweg deutlich schwerere Konkurrenz. Das erste Exemplar dieses Wagens wurde am 1. März 1902 an Emil Jellinek nach Nizza auf den Weg gebracht. Bei der dortigen Rennwoche war das neue Modell auf Anhieb erfolgreich: Wie der Mercedes 35 PS ein Jahr zuvor, gewann diesmal der 45-PS-Wagen das Bergrennen Nizza – La Turbie in einer neuen Rekordzeit. Er wurde zum Urvater aller Mercedes Renn- und Sportwagen der nächsten Generationen. „Mercedes-Simplex“ war in aller Munde und regte niemand geringeren als Kaiser Wilhelm II. zu einem Bonmot an. Auf der Automobil-Ausstellung in Berlin im März 1903 lässt er Wilhelm Maybach wissen: „Ja, wunderschön Ihr Motor! Aber, na ganz so simplex ist er ja auch wieder nicht.“

Der fünfte Mercedes-Simplex 40/45 PS wurde William K. Vanderbilt Jr., dem amerikanischen Milliardär und Autofan, der auch schon einen Mercedes 35 PS besaß, am 14. März 1902 in Cannstatt von der DMG übergeben. Er startete sofort zu einer 600-Kilometer-Tour nach Paris, wo er am Abend des zweiten Reisetages eintraf. Am 3. Mai unternahm er auf der Straße von Ablis nach Chartres einen Rekordversuch über einen Kilometer mit fliegendem Start, was ihm auch gelang. Die Höchstgeschwindigkeit seines Mercedes-Simplex wurde mit 111,8 km/h gemessen. Die Teilnahme an damals beliebten Langstreckenrennen und immer neue Rekordfahrten in Europa und Amerika waren für Vanderbilt Jr. sportlicher Zeitvertreib, festigten den Ruf des Mercedes – samt dem seines Fahrers – und bescherten der DMG in stetig zunehmendem Maß prominente Käufer.

Dieser Mercedes-Simplex 40/45 PS von 1902 des William K. Vanderbilt Jr. ist nach heutiger Kenntnis der älteste existierende Mercedes und eines der wenigen überlebenden Exemplare dieser Modellreihe. Seine Geschichte lässt sich lückenlos zurückverfolgen.

Handpumpe zum Druckaufbau in Tank und Schmieröl-Vorratsbehälter vor dem Motorstart, Manometer zur Kontrolle. Darüber der Kraftstoff-Mengenregler

1923 erwarb ihn ein nach Amerika ausgewanderter deutscher Rennmechaniker, der eine Mercedes-Werkstatt betreibt. „Mercedes Joe“ kümmerte sich vor allem um Filmstars und deren Automobile. Der Simplex dient als Ersatzteiltransporter. 1930 kaufte ihn die Scripps-Familie, reiche Zeitungsleute aus San Diego. Er diente bis in die frühen 1940er Jahre den Scripps-Kindern als Fahrschulauto. Später lief er noch auf der Scripps-Farm, bis er ausgedient hatte und in einer Scheune dahindämmerte.

Kettenantrieb

Bill Evans Sr. erwarb ihn 1960 von den Scripps und stellte ihn in sein 1953 erbautes Bahia-Hotel in San Diego. Seine Recherchen förderten zutage, dass es sich tatsächlich um ein Modell 1902 handelte. Sichere Anhaltspunkte waren die aus einem Rohr gefertigte Vorderachse und die nur bei diesem Modell von 1902 am vorderen Rahmenende beweglich aufgehängten Blattfedern.

Die Straßenversion dieses Wagens hatte den enormen Kaufpreis von 60.000 RM.

Mercedes-Simplex 28/32 PS (1902–1905)

Neben dem oben erwähnten Modell wurde auch noch ein kleinerer Wagen (Radstand: 2500 mm) mit einem Vierzylindermotor mit (nur) 5320 cm³ Hubraum angeboten, der 33 PS (14,3 kW) leistete. In den übrigen Details entsprach er dem vorgenannten Modell. Seine Höchstgeschwindigkeit lag bei 60 km/h. Der Preis dieses Wagens betrug mit 20000 RM nur ein Drittel von dem des ersten Modells.

Mercedes-Simplex 60 PS (1902–1905)

Mercedes-Simplex 60 PS (1904)

Es gab auch noch ein größeres Modell mit einem Radstand von 2750 mm und einem Vierzylindermotor mit 9240 cm³ Hubraum und einer Leistung 70 PS (51 kW). Seine Höchstgeschwindigkeit lag bei 120 km/h.

Der Motor war mit sehr großen, hängenden Einlassventilen (Durchmesser: 88 mm) ausgeführt. Die stehenden Auslassventile hatten 60 mm Durchmesser. Der Ladungswechsel dieses wechselgesteuerten Motors konnte über eine verschiebbare Zahnstange geregelt werden, die den Hub der Einlassventile veränderte.

Der Kaufpreis erreichte mit 25000 RM auch bei diesem großen Wagen bei weitem nicht die Regionen des 40/45 PS – Wagens. Der Belgier Camille Jenatzy holte sich mit diesem Fahrzeug den Sieg im Gordon-Bennet-Rennen von 1903.

Mercedes-Simplex 18/22 PS (1903–1904)

Die Rolle des kleinen Sportwagens spielte dieses Modell mit 3050 cm³ Hubraum und 22 – 25 PS (16 – 18,4 kW). Sein Radstand betrug nur 2100 mm. Das Fahrzeug erreichte immerhin 80 km/h.

Die Wagen hatten eine sequentielle Gangschaltung mit Kurvenscheiben und eine Kupplung mit Metallbacken.

Für dieses Automobil rief die DMG einen Kaufpreis von 11000 RM auf.

Mercedes-Simplex 18/28 PS (1904–1906)

Der obengenannte Sportwagen erhielt 1904 einen größeren Motor mit 4084 cm³ Hubraum und 30 PS (22 kW). Die Spur wurde um 90 mm verbreitert und man ging wieder zur üblichen Kulissenschaltung zurück. An den Fahrleistungen änderte dies nichts.

Mit dem Jahr 1905 fiel der Name „Simplex“ für alle Mercedes-Modelle weg.

Weblinks

 Commons: Mercedes Simplex – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

  • Schrader, Halwart: Deutsche Autos, Band 1, 1885–1920, Motorbuch-Verlag, Stuttgart (2002), ISBN 3613022117

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