Milet

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Milet

Milet (ionisch: ÎœÎŻÎ»Î·Ï„ÎżÏ‚ Miletos, dorisch: ÎœÎŻÎ»Î±Ï„ÎżÏ‚ Milatos, Ă€olisch: ÎœÎŻÎ»Î»Î±Ï„ÎżÏ‚ Millatos, lateinisch: Miletus, hethitisch Millawanda), auch Palatia (Mittelalter) und Balat (Neuzeit) genannt, war eine antike Stadt an der WestkĂŒste Kleinasiens, in der heutigen TĂŒrkei.

Kleinasien und Mesopotamien in der Antike. Milet in Planquadrat Bd

Inhaltsverzeichnis

Geographische Situation

Milet liegt etwa 80 km sĂŒdlich der heutigen Stadt Ä°zmir, bei der Ortschaft Balat in der Provinz Aydın.

Die antike Stadt lag auf einer in die Einfahrt des Golf von Milet hineinragenden Landzunge. Der Fluss MĂ€ander (tĂŒrk. BĂŒyĂŒk Menderes), der in diesen Golf mĂŒndet und große Mengen Sedimente mit sich fĂŒhrt, sorgte fĂŒr eine zunehmende Verlandung des Golfes, an dem neben Milet auch noch andere griechische Poleis, wie Magnesia, Herakleia und Priene lagen. Seine besondere wirtschaftliche Bedeutung gewann Milet durch die vier als HĂ€fen rund um die Landzunge nutzbaren Buchten.

Einige Kilometer von Milet entfernt befand sich das von der Stadt verwaltete und ĂŒberregional bedeutende Apollon-Heiligtum von Didyma.

Geschichte

Der Mythos der alten Griechen

Nach der griechischen sagenhaften Überlieferung wurde Milet von Kretern aus Milatos unter Sarpedon gegrĂŒndet. Strabon zitiert Ephoros von Kyme, einen Historiker des 4. Jahrhunderts v. Chr.: Milet wurde zuerst von Kretern ĂŒber dem Meer gegrĂŒndet 
 und von Sarpedon besiedelt, der Einwohner des kretischen Miletos herbrachte und die Stadt nach jenem Miletos benannte. Den Platz hatten zuvor die Leleger besessen. Nach einer anderen Version erfolgte die Besiedlung unter dem Kreter Milatos zwei Generationen vor dem Fall Trojas.

Die ionische Besiedlung soll durch Neileos, Sohn des Kodros, aus Pylos bzw. Athen erfolgt sein. Herodot berichtet, dass die Griechen ohne Frauen kamen. Nachdem sie die Karer erschlagen hatten, heirateten sie deren Töchter.

Vorgeschichtliche Besiedlung

Es ist bislang nur ein einziger gesicherter neolithischer Siedlungsplatz in der NĂ€he Milets bekannt, jedoch finden sich bei Ausgrabungen in Milet immer wieder isolierte steinzeitliche Funde. Im Gebiet des Athenatempels und östlich des Theaters befanden sich im Chalkolithikum Siedlungen, die als Milet I (spĂ€tes 4. Jahrtausend v. Chr.) zusammengefasst werden. In der weiteren Umgebung befinden sich heute etwa 600 FundplĂ€tze, die landschaftsarchĂ€ologisch ausgewertet wurden. Eine Besiedlung in vorminoischer Zeit ist gut nachweisbar, bleibt aber insgesamt gering. Die minoische und mykenische Besiedlung der Gegend beschrĂ€nkt sich jedoch im Wesentlichen auf Milet und Didyma.

Antike

Bronzezeit

Im Gebiet des Athenatempels setzte sich die Besiedlung ĂŒber Milet II (3. Jahrtausend v. Chr.), die noch von sĂŒdwestanatolischem Charakter und Bevölkerung war, zur ersten minoischen Ansiedlung (Milet III, etwa 2000–1800 v. Chr.) fort, die von einer Brandkatastrophe zerstört und als Milet IV (etwa 1800–1450 v. Chr.) wiederaufgebaut wurde. Aus dieser Zeit stammen insbesondere Linear A-Inschriften und Reste einer Tempelanlage. Überall fand sich die damals im Ostmittelmeerraum ĂŒberaus beliebte Kamareskeramik, die von regem Handel mit Kreta zeugt. Die lokal aus stark glimmerhaltigem Ton hergestellte Haushaltskeramik minoischen Typus – zum Beispiel konische NĂ€pfe und dreibeinige Kochtöpfe â€“ spricht dagegen fĂŒr die Anwesenheit minoischer Bevölkerung (Immigranten bringen ihre KĂŒchenware mit ihren Ess- und Trinksitten mit). Zwei minoische Siegel – eines mit der Darstellung einer kretischen Wildziege (Agrimi) â€“ und eine mit Siegelabdruck versehene Tonplombe wurden ebenfalls gefunden. Keramik lokalen, sĂŒdwestanatolischen Charakters scheint darauf hinzuweisen, dass ein nicht geringer Anteil der Bevölkerung von Milet III immer noch aus Einheimischen bestand. Die FĂŒhrungsschicht war aber allem Anschein nach minoisch. Es bestand also zweifellos ein bedeutender kretischer Einfluss auf die Stadt, die damit ein Bindeglied des Metallhandels zwischen Kreta und Inneranatolien darstellte. Den Griechen galt die Gegend um Milet immer als eine in alter Zeit von Karern oder Lelegern besiedeltes Gebiet, das unter minoischem Einfluss stand, bevor sich die Hellenen in grĂ¶ĂŸerem Umfang dort niederließen.

Auch diese Siedlung wurde zerstört und als mykenische Stadt (Milet V, etwa 1450–1315 v. Chr.) wiederaufgebaut. Zu dieser Siedlung gehören einige reich ausgestattete GrĂ€ber auf dem Degirmentepe. Ein Großteil der bemalten mykenischen Keramik wurde vor Ort gefertigt. Da zudem auch massenweise mykenische Gebrauchskeramik zum Vorschein kam, ist sicher, dass es sich nicht nur um Importe handelte, sondern tatsĂ€chlich viele Griechen in Milet lebten. Die herrschende Forschungsmeinung setzt dieses Milet mit der in hethitischen Überlieferungen oft genannten Stadt Millawanda (auch Milawanda) gleich, die unter Vorherrschaft von Ahhijawa (vermutlich das mykenische griechische Festland oder ein mykenischer Staat in der ÄgĂ€is) stand. Millawanda wurde ca. 1320/1315 v. Chr. von den Hethitern im zweiten Regierungsjahr Mursilis II. zerstört. Viele Tontafeln mit Angaben zu Westkleinasien fanden sich schon frĂŒh in den Archiven von Hattuscha. Allerdings fiel es bisher schwer, die Gebiete genau zu lokalisieren. Durch die neuen Ausgrabungsbefunde, auch neue Inschriftenfunde, hat eine ÜberprĂŒfung dieser Keilschrifttafeln zu neuen Erkenntnissen zum Land Arzawa in Westkleinasien gefĂŒhrt. Demnach lag Arzawa im Gebiet um Ephesos und dem MĂ€andertal. Mit Ephesos ist nun seine Hauptstadt, hethitisch Apasa, lokalisiert. Nach der Zerstörung Millawandas eroberte Mursili II. Apasa und besetzte es. UngefĂ€hr in der Zeit der Einnahme Milawandas sank das Schiff von Uluburun vor der karischen KĂŒste bei Bodrum, sĂŒdlich von Milet. Dieses Datum konnte jĂŒngst dendrochronologisch ermittelt werden. Das Schiff hatte genau die gleiche mykenische Keramik geladen, die sich in der Zerstörungsschicht von Milet V fand.

Diese Zerstörung von Milet V hinterließ eine 30–40 cm dicke Brandschicht, auf der die Stadt von Milet VI (etwa 1315–1100) gebaut wurde. Auffallend ist, dass die Stadtmauer von Milet VI stilistisch viel stĂ€rker hethitischen Befestigungsanlagen als denen von Mykene, Tiryns etc. Ă€hnelt. Man beachte etwa das Löwentor, und außerdem das Fundgut aus Milet VI, das hauptsĂ€chlich hethitisch geprĂ€gt ist. Man muss also annehmen, dass Milet nach 1315 v. Chr. dauerhaft unter hethitischer Kontrolle blieb. Im 13. Jahrhundert beklagte sich der Hethiterkönig Hattusili III. im sogenannten Tawaglawa-Brief beim König von Achijawa ĂŒber Pijamaradu von Arzawa, der von Millawanda aus gegen westliche Vasallen der Hethiter Krieg fĂŒhrte. Dieser Brief wird mit einer Erstarken des Gebietes um Milet und einer relativen UnabhĂ€ngigkeit von den Hethitern und möglicherweise StĂ€rkung von Seiten der AchĂ€er her in Zusammenhang gebracht. Dennoch gerieten im 13. Jahrhundert Millawanda und Apasa vermutlich ganz in den Machtbereich der Hethiter. Milet VI bekam deutlich stĂ€rkere hethitische ZĂŒge.

Im Gegensatz zu vielen mykenischen Siedlungen auf dem griechischen Festland wurde Milet in der Zeit um 1200 v. Chr. nicht zerstört. Dies ist umso bemerkenswerter, als es auch in Kleinasien massive UmwĂ€lzungen (z. B. Zusammenbruch des Hethiterreichs, Zerstörung von Troja VIIa) gab. Erst gegen 1100 v. Chr. (nach Angaben des ArchĂ€ologen Wolf-Dietrich Niemeier) wurde die Stadt zerstört.

Geometrische Zeit

Der Überlieferung nach wurde Milet 1053 v. Chr. durch ionische Kolonisten neu gegrĂŒndet. Eine Unterbrechung der Besiedlung Milets zwischen der spĂ€ten Bronzezeit und der protogeometrischen Zeit (Milet VII) konnte nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil: immer mehr deutet darauf hin, dass Milet kontinuierlich besiedelt war. Jedenfalls ist direkt ĂŒber der spĂ€tbronzezeitlichen Zerstörungsschicht von Milet VI protogeometrische Keramik gefunden worden. Auch Scherben, die vermutlich submykenischen Stils sind und dann ins 11. Jahrhundert v. Chr. datierbar wĂ€ren, traten zu Tage. Diese weisen allerdings deutlich nach Athen, was der Überlieferung der attischen Besiedlung durch Neleus neue Nahrung gibt.

Über die Entwicklung Milets in der Zeit des 11. bis frĂŒhen 8. Jahrhunderts v. Chr. ist bisher wenig bekannt. Funde, insbesondere Reste von Architektur, gibt es aus diesem Zeitabschnitt bisher kaum.

Archaische Zeit

Vom 8. Jahrhundert v. Chr. an wurde Milet zum bedeutendsten Umschlaghafen fĂŒr den Handel mit dem Orient und entwickelte eine eigene beachtliche Industrie, unter anderem fĂŒr Rohstoffe und Produkte wie zum Beispiel Öl, Wolle und Textilien (bedeutende PurpurfĂ€rberei). Außerdem ging von Milet und anderen westkleinasiatischen StĂ€dten, vor allem Ephesos und Sardis, die MĂŒnzprĂ€gung aus (frĂŒheste ElektronmĂŒnzen des 6. Jahrhunderts v. Chr.), die den Tauschhandel ersetzte. Milet stieg zu einer der bedeutendsten griechischen Poleis auf, ĂŒbte zeitweise die Seeherrschaft ĂŒber die ÄgĂ€is aus und grĂŒndete ĂŒber 80 Kolonien, besonders an der Propontis und rund um das Schwarze Meer. Eine frĂŒhe und bedeutende Schwarzmeerkolonie war Sinope, die nordöstlichste Tanais. Aber auch in ganz anderen Gegenden entstanden milesische Kolonien, wie das Ă€gyptische Naukratis. Unter anderem aufgrund seiner weitreichenden HandelsaktivitĂ€ten und der Zahl seiner Kolonien und wurde Milet Haupt Ioniens genannt. Nach den Kimmerier-EinfĂ€llen im 7. Jahrhundert v. Chr. kam es zu Konflikten der griechischen StĂ€dte an der WestkĂŒste Kleinasiens mit den benachbarten Reichen der Lyder und spĂ€ter der Perser. Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde die Stadt erst vom Lyderkönig Kroisos, dann von den Persern unter Kyros II. unterworfen. Ein von Milet ausgehender Aufstand der ionischen Griechen (Ionischer Aufstand) gegen das Perserreich scheiterte, Milet wurde 494 v. Chr. erobert und zerstört (Schlacht von Lade). Herodot schreibt, dass die Einwohner verschleppt und umgesiedelt wurden, doch liegen substantielle Spuren der Wiederbesiedlung teilweise direkt auf der persischen Zerstörungsschicht, so dass zwischen diesen beiden Ereignissen nicht viel Zeit vergangen sein kann.

Die Zerstörung Milets durch die Perser 494 v. Chr. leitet die fĂŒr die griechische Geschichte so wichtige Zeit der Perserkriege ein.

Klassische und hellenistisch-römische Zeit

Nach dem streng rasterförmigen Wiederaufbau gemĂ€ĂŸ den Ideen des Hippodamos von Milet wird die Stadt heute auch als das „Manhattan der Antike“ angesehen. Die Stadt gehörte dem Delisch-Attischen Seebund an, teilweise unter athenischer Besatzung. Im Peloponnesischen Krieg fiel sie 412 v. Chr. von Athen ab, wehrte in der Schlacht von Milet den athenischen Gegenangriff ab und wurde Operationsbasis der spartanischen Flotte.

Im 4. Jahrhundert stand die Stadt unter persischer Oberherrschaft. Da Alexander der Große auf Widerstand traf, verlor sie die fĂŒhrende Rolle in Kleinasien an Ephesos. Der Hafen der Stadt war Schauplatz eines offensiven und erfolgreichen Vorgehens der kleineren makedonischen Flotte gegen die persische Armada. Nach der Eroberung der Stadt mit modernster Belagerungstechnik löste Alexander zur Überraschung seines FĂŒhrungsstabes die eigene Flotte auf. Der Wiederaufbau der Stadt wurde begonnen und in hellenistischer Zeit konnte sich Milet bereits wieder zwischen den verschiedenen MĂ€chten behaupten, die in Kleinasien herrschten. 133 v. Chr. wurde die Stadt zusammen mit dem Königreich Pergamon Teil der römischen Provinz Asia.

In der römischen Kaiserzeit blĂŒhte die Stadt noch einmal auf, wurde mit zahlreichen Bauten geschmĂŒckt, blieb jedoch von untergeordneter Bedeutung, da die Römer Ephesos als Provinzhauptstadt wĂ€hlten. Ebenfalls in die römische Zeit fĂ€llt die Bedeutung fĂŒr die AnfĂ€nge der frĂŒhchristlichen Zeit. Der Apostel Paulus verabschiedete sich dort gemĂ€ĂŸ der neutestamentlichen ErzĂ€hlung in Apostelgeschichte 20, 15–38 von den Leitern der Gemeinde in Ephesos auf seiner dritten und letzten Missionsreise vor seiner RĂŒckkehr nach Jerusalem.

Byzantinische Zeit

Lange meinte man, bereits fĂŒr die SpĂ€tantike sei in Milet ein starker BevölkerungsrĂŒckgang zu verzeichnen, da man glaubte, einen eng gezogenen neuen Mauerring aufgrund einer Bauinschrift des oströmischen Kaisers Justinian I. auf das Jahr 538 datieren zu können. Erst jĂŒngste Forschungen[1] haben dieses Bild revidiert, da es zahlreiche Hinweise darauf gibt, dass Milet noch im spĂ€teren 6. Jahrhundert blĂŒhte. Man geht nun davon aus, dass 538 lediglich das alte Markttor renoviert wurde und die zugehörige Inschrift erst spĂ€ter in die byzantinische Mauer integriert wurde, die wohl im spĂ€teren 7. Jahrhundert errichtet wurde. Zu dieser Zeit war Milet in der Tat aufgrund von Seuchen und kriegerischen Ereignissen stark geschrumpft. Die Besiedlung konzentrierte sich nunmehr auf das große Theater, in dessen Zuschauerraum WohnhĂ€user errichtet wurden und das gegen feindliche ÜberfĂ€lle befestigt wurde. Zudem erbaute man nun auf der höchsten Stelle des Theaters ein Kastell, worauf der mittelalterliche Name Milets „Palatia“ zurĂŒckzufĂŒhren ist. Als Bischofssitz kam Milet in dieser Zeit eine ĂŒberregionale Bedeutung zu.

Ilyas Bey-Moschee

Osmanische Zeit

Die FĂŒrsten von Mentesche hatten zeitweise ihren Sitz in Milet. Sie erbauten zahlreiche reprĂ€sentative GebĂ€ude. Die hervorragend erhaltene Ilyas Bey Moschee ist ein Beispiel. In diese Zeit fĂ€llt die endgĂŒltige Verlandung des Hafens von Milet durch Sedimente des MĂ€anders.

Neuzeit

Bis zu einem schweren Erdbeben 1955 bestand im RuinengelĂ€nde ein Dorf namens Balat. Nach dem Erdbeben verlegte man die Siedlung nach SĂŒden, außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes.

Kulturelle Bedeutung

Milet hatte in der Antike eine große Bedeutung fĂŒr Kultur und Wissenschaft. Die Stadt gilt als GeburtsstĂ€tte des rationalen Denkens und der Philosophie im antiken Griechenland. Durch die ionischen Naturphilosophen Thales, Anaximander und Anaximenes wurde Milet im 6. Jahrhundert v. Chr. unter dem Begriff „die Schule von Milet“ als GeburtsstĂ€tte der Wissenschaft bekannt. Thales löste sich als erster griechischer Denker von der mythologisch geprĂ€gten Weltsicht der Dinge und begann, nach der ArchĂ©, also dem Ursprung allen Seins, zu suchen. Anaximander und Anaximenes waren SchĂŒler des Thales und Ă€hnlich bedeutend, zum Beispiel war Anaximander der erste Kartograph.

ArchÀologie

Geschichte der Ausgrabungen

Erste archĂ€ologische Untersuchungen fĂŒhrte Olivier Rayet 1873 durch. Ab 1899 begannen dann großangelegte Ausgrabungen im Stadtgebiet des antiken Milet unter der Leitung Theodor Wiegands. Diese Arbeiten wurden ohne Unterbrechung bis 1913 fortgefĂŒhrt. Die beiden Weltkriege sowie die Kleinasiatische Katastrophe unterbrachen die regelmĂ€ĂŸige ForschungstĂ€tigkeit in Milet. 1938 konnte jedoch Carl Weickert eine kurze Grabungskampagne durchfĂŒhren. RegelmĂ€ĂŸige Forschungen vor Ort wurden erst wieder 1955 begonnen. Die Leitung der Nachkriegsgrabungen hatte zunĂ€chst wieder Carl Weickert, dann Gerhard Kleiner und Wolfgang MĂŒller-Wiener. Seit 1989 leitet Volkmar von Graeve die Ausgrabung. Die Originale der Dokumentationen der alten Grabungen vor 1909 befinden sich im Pergamonmuseum in Berlin und im DAI in Berlin. Kopien davon befinden sich im Milesischen Archiv an der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum, wo auch sĂ€mtliche jĂŒngeren Ausgrabungsdokumente gesammelt sind.[2]

Forschungsschwerpunkte

Bronzezeit

Die Ausgrabungen der Bronzezeit stehen seit 1994 unter der Leitung der UniversitĂ€t Heidelberg, finanziert u. a. durch ein amerikanisches Forschungsprojekt. Die Untersuchungen von Milet I bis V haben neue Funde und Erkenntnisse gebracht. Unter anderem fand man in einem minoischen Ziegelheiligtum in Milet IV einen verkohlten hölzernen Thron. Hölzerne Möbelfunde aus der Bronzezeit sind Ă€ußerst selten. Ein kultischer Thron aber verspricht besonders aufschlussreich zu sein, zumal solche Throne von minoischen Siegeldarstellungen bekannt sind. Auf einem Thron sitzt eine Priesterin und empfĂ€ngt Opfergaben. Möglicherweise haben wir hier einen solchen Fund vor uns. Drei minoische Siegel konnten ebenfalls gefunden werden, unter ihnen ein Lentoid aus Rosenquarz. Auf ihm befindet sich die Gravur eines geflĂŒgelten Greifen, der im typischen fliegenden Galopp mit einem Löwen kĂ€mpft. Eine ebensolche Darstellung einer Löwin fand sich auf der Scherbe eines Rhyton; eine kostbare Pfeilspitze aus Bergkristall, wohl eine Opfergabe, wurde ebenfalls gefunden. Auch Reste typisch minoischer Fresken kamen zum Vorschein. Mehrere in TongefĂ€ĂŸe eingeritzte Linear A-Inschriften belegen eine eindeutige minoische PrĂ€senz, denn bei der einheimischen Bevölkerung wĂ€re die Luwische Hieroglyphen- oder hethitische Keilschrift in der Bronzezeit zu erwarten gewesen. Schließlich ist noch ein scheibenförmiger Gewichtsstein aus Marmor mit einer Markierung aus sechs Kreisen zu nennen, der nach dem minoischen Gewichtssystem geeicht wurde. Milet IV ist somit ein weiterer Beweis fĂŒr eine minoische Seeherrschaft mit StĂŒtzpunkten auf den Kykladen und in der östlichen Mittelmeerregion.

Diese Periode endet um 1500 v. Chr. mit einem Zerstörungshorizont, dessen Ursache noch kontrovers diskutiert wird. Ein weiterer Befund ist die etwas frĂŒher datierte Asche- und Zerstörungsschicht des Ausbruchs des Vulkans der Insel Thera in der Mitte des 17. Jahrhunderts v. Chr. Nach der Zerstörung wurde aber wie in Kreta und den ĂŒbrigen östlichen Inseln die Ascheschicht beiseite gerĂ€umt und die StĂ€dte wieder hergestellt. Möglicherweise kam es aber in der Folge zu ökonomischen Problemen und zu einer Krise im FĂŒhrungsanspruch der religiösen und politischen Elite, die zum Niedergang der Minoer beitrug. Milet V nahm dann in der importierten wie einheimischen Ware ganz mykenischen Charakter an. Es hatte eine bedeutende Keramikproduktion, so fand man auf engstem Raum sieben Keramiköfen aus Lehmziegeln. Der Anteil der autochthonen anatolischen Bevölkerung scheint weiterhin nur noch gering gewesen zu sein. Auch Milet V wurde durch eine 40 cm dicke Brandschicht beendet. Zur letzten bronzezeitlichen Schicht Milet VI konnten keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden, da im aktuellen Grabungsareal die Schicht durch römische Bauten gestört war. Sie endete um 1100 v. Chr.

Archaische Zeit

Die Ausgrabung in Milet war 1899 begonnen worden mit dem Ziel, das Wissen ĂŒber diese Stadt in archaischer Zeit zu vermehren, da Milet gerade in dieser Zeit eine herausragende Bedeutung zukam, etwa als GeburtsstĂ€tte der ionischen Naturphilosophie oder aufgrund des Schicksals der Stadt am Vorabend der PerserfeldzĂŒge.

TatsÀchlich erbrachten die Vorkriegsgrabungen hauptsÀchlich Ergebnisse zu den spÀteren Epochen. Archaische Funde und Befunde wurden nur am Kalabak-Tepe und am Athenatempel sowie an vereinzelten Stellen im Stadtgebiet ergraben. Armin von Gerkan bezweifelte aufgrund dieses eher spÀrlichen Befundes, dass das archaische Milet an derselben Stelle wie die spÀtere Stadt gelegen hat.

Die Forschungen nach dem Krieg zielten daher vielfach darauf ab, die Thesen Gerkans zu entkrÀften. VerstÀrkt grub man daher am Athenatempel.

Die neueren Forschungen widmeten sich wiederum dem Stadtquartier auf dem Kalabak-Tepe, wo ein Teil der Stadtmauer bekannt war. Am sĂŒdlichen Abhang des HĂŒgels wurde ein Wohnviertel mit mehreren Töpferöfen freigelegt. Weiterhin konnte die Situation auf der Ostterrasse des HĂŒgels geklĂ€rt werden, wo ein Heiligtum der Artemis Chitone lag. Auch Probleme der frĂŒhklassischen Wiederbesiedelung nach 494 v. Chr. wurden bei diesen Grabungen erhellt. Auch wurde ein bislang nur aus den Quellen bekanntes Heiligtum der Aphrodite von Oikous entdeckt. Nach den Funden der Votivbeigaben des Tempels lĂ€sst sich die weite Handelsverbindung Milets ermessen: viele bemalte TrinkgefĂ€ĂŸe aus Griechenland, vor allem Korinth, Sparta und Athen; aus Etrurien die schwarze Bucchero-Ware; großformatige Tonfiguren aus Zypern, bearbeitete Tridacna-Muscheln aus Nordsyrien und zahlreiche SchmuckstĂŒcke, Amulette, SkarabĂ€en und VotivfigĂŒrchen aus Ägypten.

Zum Territorium (Chora) Milets gehören auch die Siedlungen Assesos, Pyrrha und Teichioussa in nĂ€herer Umgebung. Teichioussa liegt am Golf von AkbĂŒk. Assesos wurde 1992 auf dem Mengerev Tepe entdeckt. Nach Herodot (Herodot 1,17–19) wurde sein Heiligtum der Athena Assesia bei einem Einfall des Lyderkönigs Alyattes II. um 600 v. Chr. niedergebrannt. Mit Argassa könnte das bisher einzige gefundene Dorf identisch sein. Es besaß einen heiligen Bezirk, der im 4. Jahrhundert v. Chr. als Temenos ausgemarkt war. Ein dazugehöriger Grenzstein konnte gefunden werden.

Nach heutigem Forschungsstand kann es als gesichert gelten, dass das archaische Milet an derselben Stelle lag wie die spÀtere Stadt.

Hellenistische und römische Zeit

Zentrum der hellenistisch-römischen Stadt, Zustand 1997

Theodor Wiegand konnte durch großrĂ€umige FlĂ€chengrabungen wichtige Erkenntnisse zur hellenistischen und römischen Zeit gewinnen:

Die Stadt besaß demnach ein orthogonales Straßensystem, dessen Erfinder Hippodamos von Milet gewesen sein soll. Der Verlauf der hellenistischen und spĂ€terer Stadtmauern wurde wiedergewonnen.

Wichtige GebÀude dieser Zeitstufe:

Theater von SĂŒdwest.
  • NymphĂ€um, eine mehrgeschossige Brunnenanlage mit Skulpturenschmuck.
Faustina-Thermen, Zustand 1997
  • Faustina-Thermen, ein römisches Bad.
  • Westmarkt, Markt am Athenatempel.
  • Stadion
  • Delphinion, Heiligtum des Apollon Delphinios, des Hauptgottes der Milesier.
  • Orakelheiligtum des Apollon von Didyma. Das Heiligtum ist durch eine 15 Kilometer lange sogenannte Heilige Straße mit dem Heiligen Tor der Stadt Milet verbunden. Das Apollonheiligtum war mit 118 m das drittgrĂ¶ĂŸte der Griechen in archaischer Zeit und das grĂ¶ĂŸte Heiligtum in der hellenistischen Epoche.
  • Die Prozessionsstraße selbst mit ihren sieben Stationen. Seit dem 7. Jahrhundert „bis zum Ende der heidnischen Antike um 400 n. Chr. bildete der Prozessionsweg fĂŒr mehr als tausend Jahre die „Achse“ des milesischen Territoriums und verband die beiden wichtigsten HeiligtĂŒmer, das stĂ€dtische Delphinion und das außerstĂ€dtische Heiligtum in Didyma, als antithetische „Pole“ miteinander.“[3]

Persönlichkeiten

Aus Milet stammten unter anderem folgende Personen:

Tyrannen der archaischen Zeit

  • Amphitres (7. Jh.)
  • Thrasyboulos (spĂ€tes 7. Jh.)
  • Thoas (6. Jh.)
  • Damasenor (6. Jh.)
  • Histiaios (ca. 513)
  • Aristagoras (ca. 500 bis ca. 494)

Siehe auch

Literatur

Geschichte

  • Norbert Erhardt: Milet und seine Kolonien, vergleichende Untersuchung der kultischen und politischen Einrichtungen. Frankfurt 1983, ISBN 3-8204-7876-0.
  • Vanessa B. Gorman: Miletos, the ornament of Ionia – a history of the city to 400 B.C.E.. Ann Arbor 2001, ISBN 0-472-11199-X.
  • Alan M. Greaves: Miletos, a history. London 2002, ISBN 0-415-23846-3.

ArchÀologie

  • Milet – Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen seit dem Jahre 1899. BegrĂŒndet von Theodor Wiegand. Reimer/Schötz/de Gruyter, Berlin 1906ff.
    • Band 1,1: Paul Wilski: Karte der Milesischen Halbinsel. 1906.
    • Band 1,2: Hubert Knackfuß, Carl Fredrich: Das Rathaus von Milet. 1908.
    • Band 1,3: Georg Kawerau, Albert Rehm, Friedrich Hiller von Gaertringen: Das Delphinion in Milet. 1914.
    • Band 1,4: Armin von Gerkan: Der Poseidonaltar bei Kap Monodendri. 1915.
    • Band 1,5: Das Nymphaeum von Milet. 1919.
    • Band 1,6: Armin von Gerkan: Der Nordmarkt und der Hafen an der Loewenbucht. 1922.
    • Band 1,7: Hubert Knackfuss: Der SĂŒdmarkt. 1924.
    • Band 1,8: Armin von Gerkan: Kalabaktepe, Athenatempel und Umgebung. 1925.
    • Band 1,9: Armin von Gerkan, Fritz Krischen, Friedrich Drexel: Thermen und Palaestren. 1928.
    • Band 1,10: Berthold F. Weber: Die römischen Heroa von Milet. 2004.
    • Band 2,1: Armin von Gerkan: Das Stadion. 1921.
    • Band 2,2: Theodor Wiegand, Kurt Krause: Die Milesische Landschaft. 1929.
    • Band 2,3: Armin von Gerkan: Die Stadtmauern. 1935.
    • Band 2,4: Walter Bendt: Topographische Karte von Milet. 1968.
    • Band 3,1: Theodor Wiegand: Der Latmos. 1913.
    • Band 3,2: Fritz Krischen: Die Befestigungen von Herakleia am Latmos. 1922.
    • Band 3,4: Karl Wultzinger, Paul Wittek, Friedrich Sarre: Das Islamische Milet. 1935.
    • Band 3,5: Alfred Philippson, Karl Lyncker: Das sĂŒdliche Jonien. 1936.
    • Band 3,6: Anneliese Peschlow-Bindokat: Feldforschungen im Latmos. 2005.
    • Band 6,1: Peter Herrmann: Inschriften von Milet. Teil 1. A. Inschriften n. 187–406 (Nachdruck aus den BĂ€nden I 5–II 3). B. NachtrĂ€ge und Übersetzungen zu den Inschriften n. 1–406. 1997.
    • Band 6,2: ders.: Inschriften von Milet. Teil 2. Inschriften n. 407–1019. 1998.
    • Band 6,3: ders.: Inschriften von Milet. Teil 3. Inschriften n. 1020–1580. 2006.
  • Gerhard Kleiner: Die Ruinen von Milet. Berlin 1968.
  • Wolfgang MĂŒller-Wiener (Hrsg.): Milet 1899–1980. Ergebnisse, Probleme u. Perspektiven einer Ausgrabung. Kolloquium, Frankfurt am Main 1980. Istanbuler Mitteilungen, Beiheft 31. TĂŒbingen 1986, ISBN 3-8030-1730-0.
  • Ortwin Dally u. a. (Hrsg.): ZeitrĂ€ume. Milet in Kaiserzeit und SpĂ€tantike. Schnell + Steiner, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7954-2235-6.

Weblinks

 Commons: Miletus â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Dally 2009.
  2. ↑ Milesisches Archiv
  3. ↑ Alexander Herda: Der Apollon-Delphinios-Kult in Milet und die Neujahrsprozession nach Didyma. In: Milesische Forschungen. Bd 4. Zabern, Mainz 2006.
37.53111111111127.275555555556

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