Mogulreich

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Mogulreich
Tor des Roten Forts in Agra, im 16. und 17. Jahrhundert Hauptstadt des Mogulreiches

Das Mogulreich war ein von 1526 bis 1858 auf dem indischen Subkontinent bestehender Staat. Das Kernland des Reiches lag in der nordindischen Indus-Ganges-Ebene um die StÀdte Delhi, Agra und Lahore. Auf dem Höhepunkt seiner Macht im 17. Jahrhundert umfasste das Mogulreich fast den gesamten Subkontinent und Teile des heutigen Afghanistans. Auf 3,2 Millionen Quadratkilometern lebten zwischen 100 und 150 Millionen Menschen.[1]

Die Herrscher werden als Mogul, Großmogul oder Mogulkaiser tituliert. In der „Staats-“ und Hofsprache Persisch lautet der Herrschertitel â€ÙŸŰ§ŰŻŰŽŰ§Ù‡ ‎ pādƥāh. Er ist dem königlichen Titel Schah ĂŒbergeordnet und dem eines Kaisers vergleichbar.

Der erste Großmogul Babur (reg. 1526–1530), ein aus Zentralasien stammender FĂŒrst der Timuriden-Dynastie,[2] eroberte ausgehend vom Gebiet der heutigen Staaten Usbekistan und Afghanistan das Sultanat von Delhi. Als bedeutendster Mogulherrscher gilt Akbar (reg. 1556–1605), der das Reich militĂ€risch, politisch und wirtschaftlich festigte. Unter Aurangzeb (reg. 1658–1707) erfuhr das Mogulreich seine grĂ¶ĂŸte Ausdehnung, wurde aber derart finanziell und militĂ€risch ĂŒberspannt, dass es im Laufe des 18. Jahrhunderts rasch zu einer untergeordneten Macht im politischen GefĂŒge Indiens herabsank. 1858 wurde der letzte Großmogul von den Briten abgesetzt, sein Territorium ging in Britisch-Indien auf. Der Nachwelt erhalten geblieben sind reiche Zeugnisse einer von persischen und indischen KĂŒnstlern geprĂ€gten Architektur, Malerei und Dichtung.

Inhaltsverzeichnis

Zum Namen

Le Grand Mogol („Der Großmogul“), Fantasiedarstellung des französischen Gelehrten Allain Manesson-Mallet von 1683

Der Name „Mogul“ als Bezeichnung fĂŒr die Herrscher Nordindiens wurde vermutlich im 16. Jahrhundert von den Portugiesen geprĂ€gt (portugiesisch GrĂŁo Mogor oder GrĂŁo Mogol ‚Großmogul‘),[3] die bereits 1580 eine jesuitische Mission am Hofe Akbars einrichteten, und spĂ€ter von anderen europĂ€ischen Reisenden in Indien ĂŒbernommen. Er leitet sich vom persischen ‏مŰșول‎ mughul her und bedeutet „Mongole“. UrsprĂŒnglich bezeichnete „Mog(h)ulistan“ das zentralasiatische Tschagatai-Khanat. Letzteres war die Heimat Timur Langs, BegrĂŒnder der Timuriden-Dynastie und direkter Vorfahre des ersten Mogulherrschers Babur.[4] Damit verweist der Name zwar richtigerweise auf die mongolische Abkunft der indischen Dynastie, lĂ€sst aber die genauere Beziehung zum Mongolenreich außer Acht. Diese kommt in der persischen Eigenbezeichnung â€ÚŻÙˆŰ±ÙƒŰ§Ù†Ù‰â€Ž gurkāni der Moguln zum Ausdruck, die sich vom mongolischen kĂŒrĂ€gĂ€n „Schwiegersohn“ herleitet – eine Anspielung auf die Heirat Timurs in die Familie Dschingis Khans.[5]

Die persische Bezeichnung fĂŒr das Mogulreich lautet â€ŰŽŰ§Ù‡Ű§Ù† مŰșول‎ Ơāhāne Mughul, in Urdu heißt es ‏مŰșل ۚۧۯ ŰŽŰ§Ûâ€Ž Mughal Bādƥāh.

Geschichte

Vorgeschichte

Vor der GrĂŒndung des Mogulreiches bestand in Nordindien seit 1206 das Sultanat von Delhi, das unter Ala ud-Din Khalji (reg. 1297–1316) den Höhepunkt seiner Machtentfaltung erlebte. Ala ud-Din unterwarf große Teile des Dekkan, zugleich wehrte er die Angriffe der Mongolen von Nordwesten ab. Sultan Muhammad bin Tughluq (reg. 1325–1351) strebte die vollstĂ€ndige Eingliederung der zentral- und sĂŒdindischen Reiche an. Sein Vorhaben scheiterte indes, und mit der Verlagerung der Hauptstadt von Delhi nach Daulatabad auf dem Dekkan schwĂ€chte er die Machtposition der Sultane in der nordindischen Ebene. Es begann der Niedergang des Reiches, der in der Eroberung und PlĂŒnderung Delhis durch Timur Lang (Tamerlan) im Jahre 1398 gipfelte. Zwar zog sich Timur schnell wieder zurĂŒck, doch vermochte sich das Sultanat von den verheerenden Folgen der Niederlage nie gĂ€nzlich zu erholen. SĂ€mtliche Provinzen erlangten ihre UnabhĂ€ngigkeit, sodass sich das Sultanat nunmehr auf die Umgebung Delhis beschrĂ€nkte. Auch eine vorĂŒbergehende Expansion unter der Lodi-Dynastie (1451–1526) konnte die frĂŒhere GrĂ¶ĂŸe und Macht des Reiches nie wieder herstellen.

1504–1530: Entstehung unter Babur

Ausdehnung des Delhi-Sultanats zu Beginn des Jahres 1526 und Baburs Indien-Feldzug


Das endgĂŒltige Aus fĂŒr das Delhi-Sultanat kam 1526, als Zahir ud-Din Muhammad, genannt Babur (persisch „Biber“), den letzten Sultan besiegte. Babur stammte aus dem heute usbekischen Fergana, einem der vielen muslimischen KleinfĂŒrstentĂŒmer Transoxaniens, die von den Timuriden beherrscht wurden. Babur war vĂ€terlicherseits ein direkter Nachfahre Timurs in der sechsten Generation, seine Mutter fĂŒhrte ihre Abstammung gar in direkter Linie auf Dschingis Khan zurĂŒck.[6] Nachdem er das Erbe seines Vaters in Fergana angetreten hatte und zweimal kurzzeitig in den Besitz Samarkands gelangt war, musste er 1504 vor den erstarkenden Usbeken unter Schaibani Khan aus seiner Heimat fliehen. Er zog sich nach Kabul zurĂŒck, das er fortan als Königreich regierte. Seit der Auslöschung des letzten anderen verbliebenen Timuridenhofes in Herat 1507 fĂŒhrte er den Titel Pad(i)shah (Kaiser), der formal einem Schah (König) ĂŒbergeordnet ist, und beanspruchte so die FĂŒhrungsposition unter den timuridischen FĂŒrsten. Von Kabul aus unternahm er erste ErkundungszĂŒge ĂŒber den Chaiber-Pass nach Nordwestindien (in das Gebiet des heutigen Pakistan), verbĂŒndete sich dann aber mit dem Schah des safawidischen Persien, Ismail I., um Samarkand zurĂŒckzugewinnen, das er zwar tatsĂ€chlich einnehmen, aber nicht halten konnte. Als Gegenleistung fĂŒr die UnterstĂŒtzung des Schahs musste er sich öffentlich zum schiitischen Islam bekennen, kehrte jedoch spĂ€ter zum sunnitischen Glauben zurĂŒck, von dem er innerlich ĂŒberzeugt war.[7] Das neuerliche Scheitern der Samarkand-Unternehmung schien endgĂŒltig den Entschluss reifen zu lassen, sich Indien zuzuwenden, zumal Babur dank seines Vorfahren Timur AnsprĂŒche auf die Besitzungen des Delhi-Sultans stellen konnte.[8] Dieser lehnte es jedoch ab, sich Babur zu unterwerfen.

In Vorbereitung seines Indien-Feldzuges fĂŒhrte Babur nach osmanischem Vorbild Kanonen und Gewehre ein, die bis dahin in Nordindien noch nie in einer Feldschlacht zum Einsatz gekommen waren. 1522 fiel Kandahar, und bis Anfang 1526 hatte er seine Herrschaft weit in den Punjab hinein ausgedehnt. Dort kam es am 20. April des gleichen Jahres zum entscheidenden Zusammenstoß mit der zahlenmĂ€ĂŸig deutlich ĂŒberlegenen Armee des Sultans Ibrahim II.: Der Einsatz von Feuerwaffen, die hohe Beweglichkeit der berittenen BogenschĂŒtzen an den Flanken und eine vom osmanischen Heer inspirierte defensive Taktik verhalfen Babur in der Schlacht bei Panipat zu einem ĂŒberlegenen Sieg ĂŒber den letzten Delhi-Sultan.[9] Nach der Besetzung Delhis und Agras, das zwei Jahrzehnte zuvor zur Hauptstadt der Lodi-Dynastie ausgebaut worden war, rief er sich zum Kaiser von Hindustan aus und begrĂŒndete somit das Mogulreich.

Gleichwohl war Baburs Herrschaft noch lange nicht gefestigt, denn ihm war in dem RajputenfĂŒrsten Rana Sanga von Mewar ein neuer Feind entstanden. Dieser suchte die Hindu-Herrschaft in Nordindien wiederherzustellen und hatte sich zu diesem Zweck mit anderen rajputischen Herrschern zu einer Konföderation formiert. Babur musste seine Soldaten, die es zur RĂŒckkehr nach Kabul drĂ€ngte, mit großzĂŒgigen Entlohnungen aus dem Staatsschatz des besiegten Sultans zum Bleiben bewegen.[10] Erst mit dem Sieg ĂŒber die Rajputen-Konföderation am 17. MĂ€rz 1527 in der Schlacht von Khanua war seine Herrschaft in Hindustan einigermaßen gesichert.

In der Folge bereiste Babur sein neues Reich ausgiebig, schlug mehrere Revolten nieder und verteilte großzĂŒgige Geschenke an seine Untergebenen und Verwandten, was die Staatskasse stark belastete. Seinen Untertanen gegenĂŒber zeigte er sich entschieden liberal und versöhnlich,[11] behielt aber die auf Vergabe von jagir (Lehen) und somit lokalen LoyalitĂ€ten aufbauenden Verwaltungsstrukturen der Lodi-Dynastie nahezu unverĂ€ndert bei. Baburs Sohn Humayun erbte 1530 ein innerlich wenig gefestigtes Reich, das vom Hindukusch bis Bihar reichte.

1530–1556: Humayuns Herrschaft und Suriden-Interregnum

Die Zeit Humayuns war durch RĂŒckschlĂ€ge geprĂ€gt, welche dem Kaiser zeitweilig die Kontrolle ĂŒber sein Reich entzogen und die Herrschaft der Moguln in Indien nach nicht einmal 15 Jahren beinahe beendet hĂ€tten. Nach timuridischer Tradition besaßen alle rechtmĂ€ĂŸigen Söhne eines Herrschers Anspruch auf die Thronfolge. Humayun, der als nachgiebig und aberglĂ€ubisch, bisweilen gar kindisch galt,[12] sah sich daher in Auseinandersetzungen mit seinen HalbbrĂŒdern verwickelt. Dazu traten Ă€ußere Bedrohungen. Im SĂŒdwesten expandierte Sultan Bahadur von Gujarat, wĂ€hrend in Bihar im Osten Sher Khan Suri als AnfĂŒhrer einer Gruppe von bei der Lodi-Dynastie in den MilitĂ€rdienst eingetretenen Paschtunen eine Rebellion vorbereitete. Beide hatten Humayun nach dessen Thronbesteigung den Treueschwur versagt.

Humayun, der sich bevorzugt der Planung einer neuen Hauptstadt widmete, entschied sich erst 1535 zu einem Feldzug gegen Gujarat, der zunĂ€chst erfolgreich verlief. Der Ausbruch der Rebellion Sher Khans in Bihar zwang ihn zur RĂŒckkehr nach Agra und zur Aufgabe der eroberten Gebiete. 1537 zog er gegen Sher Khan, der noch vor dem Zusammentreffen die bengalische Hauptstadt Gaur plĂŒnderte und sich fortan Sher Shah nannte. Bei Chausa östlich von Varanasi unterlag Humayun 1539 Sher Shah, der zunĂ€chst dem RĂŒckzug seines Heeres zugestimmt hatte, dann aber Humayuns Lager bei Nacht ĂŒberfiel und dessen Soldaten in den Ganges trieb, wo die meisten von ihnen ertranken. Humayun wĂ€re dabei beinahe selbst ums Leben gekommen, hĂ€tte ihm nicht ein Diener das Leben gerettet. Derweil hatte sein Halbbruder Hindal erfolglos versucht, den Thron zu usurpieren. Dennoch spaltete und demoralisierte der Geschwisterstreit Humayuns Truppen. Die Schlacht bei Kannauj im Jahre 1540 besiegelte den Verlust Hindustans. Humayun floh ins Exil nach Persien, an den Hof von Tahmasp I. Nur mit Hilfe einer persischen Armee konnte er 1545 Kabul wiedergewinnen.

Sher Shah begrĂŒndete als Sultan von Delhi die kurzlebige Dynastie der Suriden. Umfangreiche Reformen in den Bereichen Verwaltung und Finanzwesen sollten die Herrschaft konsolidieren, doch ein Erbfolgestreit stĂŒrzte die Suriden 1554 ins Chaos und ermöglichte so ein Jahr darauf Humayuns RĂŒckkehr nach Indien. Aufbauend auf den Reformen Sher Shahs plante Humayun die Errichtung eines neuen Verwaltungssystems. Sein plötzlicher Tod 1556 verhinderte dieses Vorhaben.

1556–1605: Konsolidierung durch Akbar

Akbar (reg. 1556–1605) auf einer Zeichnung (um 1605)
Ausdehnung des Mogulreiches beim Tode Akbars (1605)

Humayuns Ă€ltester Sohn Akbar war innerhalb der Dynastie unumstritten, sein Reich aber von den Nachfahren der Suriden bedroht. Deren Zerstrittenheit und die SchwĂ€che des gerade erst wiederhergestellten Mogulreiches nutzte der hinduistische Suriden-General Hemu, um eigenmĂ€chtig Delhi zu besetzen und sich im Oktober 1556 zum Raja auszurufen, unterlag aber am 5. November dem Heer Akbars in der Zweiten Schlacht bei Panipat. Innerhalb eines Jahres wurden auch die noch verbliebenen Suriden endgĂŒltig besiegt. Das Mogulreich war damit militĂ€risch vorerst gesichert.

Mittels zahlreicher FeldzĂŒge und politischer Heiraten vergrĂ¶ĂŸerte Akbar das Reich betrĂ€chtlich. 1561 wurde das zentralindische Sultanat Malwa unterworfen. 1564 fiel Gondwana, 1573 Gujarat und 1574 Bihar. Bengalen wurde von Suleiman Karrani fĂŒr Akbar verwaltet. Nach dessen Tod kam es zu AufstĂ€nden, die Akbar 1576 niederschlug. Die Gebiete wurden nun auch formal dem Mogulreich zugeschlagen und Provinzgouverneuren unterstellt. Von großer Bedeutung war die Unterwerfung der militĂ€risch starken Rajputenstaaten, deren volle Integration zuvor keinem islamischen Reich geglĂŒckt war. Durch eine geschickte Heiratspolitik schwĂ€chte Akbar die Rajputen schrittweise. Gleichzeitig ging er militĂ€risch gegen die ihm feindlich gesinnten FĂŒrsten vor. 1568 nahmen Mogultruppen die stĂ€rkste Rajputenfestung Chittor nach mehrmonatiger Belagerung ein und massakrierten die Zivilbevölkerung. Innerhalb weniger Jahre hatten schließlich alle RajputenfĂŒrsten mit Ausnahme des Rana von Udaipur die Vorherrschaft des Mogulreiches anerkannt. Die Rajputen stellten danach eine wichtige StĂŒtze der Armee dar, zumindest bis Aurangzeb sie mit seiner intoleranten Politik gegen sich aufbrachte.

Neben seinen EroberungszĂŒgen widmete sich Akbar als erster Mogulherrscher ausgiebig der inneren Festigung des Reiches. Eine der wichtigsten Grundlagen war die religiöse Toleranz gegenĂŒber der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit des Reiches. Zwar hatte es auch unter frĂŒheren muslimischen Herrschern auf dem indischen Subkontinent eine Zusammenarbeit zwischen beiden Glaubensgruppen gegeben, doch ging das Ausmaß der religiösen Versöhnung unter Akbar ĂŒber das vorheriger Herrscher weit hinaus. So traten unter Akbar mehr Hindus in den Staatsdienst ein als je zuvor, und Sondersteuern fĂŒr Nicht-Muslime wurden abgeschafft.[13] Akbar selbst entfernte sich immer weiter vom orthodoxen Islam und verkĂŒndete sogar eine eigene Religion namens din-i ilahi („Göttlicher Glaube“). DarĂŒber hinaus fĂŒhrte er die von Sher Shah begonnene Reform der Provinzverwaltung und der Steuereintreibung fort, indem er das noch unter Babur ĂŒbliche Lehnswesen weitestgehend durch einen rationaleren, zentralisierten Beamtenapparat ersetzte. Auf sozialem Gebiet bemĂŒhte sich Akbar unter anderem um die Abschaffung von Kinderheiraten und Witwenverbrennungen (sati), die Vereinheitlichung von Maßeinheiten sowie um ein verbessertes Bildungssystem.[14] Viele seiner modernen Ideen zeigten jedoch in Folge der weit verbreiteten Korruption nur begrenzt Wirkung.

Akbars Politik der religiösen Toleranz und die Abkehr vom orthodoxen sunnitischen Islam veranlasste einige konservative Religionsgelehrte, seinen Halbbruder Hakim zur Rebellion in Kabul aufzurufen. Das Mogulreich geriet in eine bedrohliche Lage, da Hakim Beistand durch die in Bengalen lebenden Paschtunen erhielt, die einst schon Sher Shah unterstĂŒtzt hatten und nun einen Aufstand auflösten. Im Sommer 1581 zog Akbar in Kabul ein, schlug die Rebellion Hakims nieder und stellte damit die Einheit des Reiches wieder her. Auf die Befriedung der westlichen und östlichen Provinzen folgte die Eroberung des Kaschmirtals 1586, des Sindh 1591/92 und Orissas 1592/93. Damit standen die gesamte nordindische Tiefebene sowie große Teile der heutigen Staaten Afghanistan und Pakistan unter der Kontrolle des Mogulreiches, das mit dem Himalaya im Norden und den Randgebirgen des Hochlands von Dekkan im SĂŒden ĂŒber natĂŒrliche Grenzen verfĂŒgte. Im Westen und Nordwesten sicherte Akbar das Reich durch eine ausgeglichene Außenpolitik, die Persien und die Usbeken gegeneinander ausspielte.[15]

Ab 1593 unternahm Akbar mehrere FeldzĂŒge zur Eroberung des Dekkan, jedoch mit nur mĂ€ĂŸigem Erfolg. So konnte das schiitische Dekkan-Sultanat Ahmadnagar zwar 1600 niedergerungen, aber nicht voll integriert werden. Nach Akbars Tod 1605 erlangte es vorĂŒbergehend seine UnabhĂ€ngigkeit zurĂŒck.

Dennoch hatte die Herrschaft Akbars das Mogulreich innerlich und Ă€ußerlich so gefestigt, dass es zur unangefochtenen Vormacht SĂŒdasiens aufsteigen konnte. Akbars zentralisiertes Verwaltungssystem machte das Mogulreich zu einem der modernsten Staatswesen der frĂŒhen Neuzeit. Kein frĂŒheres Reich der indischen Geschichte konnte ein so großes Gebiet dauerhaft und effektiv verwalten, obschon das antike Reich der Maurya unter Ashoka und das mittelalterliche Sultanat von Delhi unter der Tughluq-Dynastie das Mogulreich Akbars an Ausdehnung noch ĂŒbertrafen.[16]

1605–1627: Phase relativen Friedens unter Jahangir

Jahangir (r.) und Schah Abbas I. von Persien (GemÀlde von Abu al-Hasan, um 1620)

Akbars Ă€ltester Sohn Selim bestieg 1605 unter dem Namen Jahangir (persisch „Eroberer der Welt“) den Thron. Unter ihm erlebte das Mogulreich eine Phase relativen Friedens, die zu seiner weiteren Festigung beitrug. Entscheidenden Anteil daran hatten Jahangirs Gemahlin Nur Jahan und deren Familie, die in zunehmendem Maße Einfluss auf die Reichspolitik nahmen. Auch Jahangirs Sohn Khurram, der ihm spĂ€ter als Shah Jahan nachfolgte, erlangte bereits zu Lebzeiten seines Vaters eine wichtige Machtposition am Hofe. Die liberale Politik Akbars wurde fortgesetzt, unter anderem mit der Milderung der Erbschaftsgesetze und einem verbesserten Schutz des Eigentums. Zudem war Jahangirs Regierungszeit, entsprechend den Neigungen des Herrschers, eine Phase ausgeprĂ€gten Kunstschaffens.

1614 gelang die endgĂŒltige Befriedung Rajputanas durch Unterwerfung des letzten noch unabhĂ€ngigen Rajputenstaates Udaipur (Mewar). Khurram, der von Jahangir mit dem Feldzug gegen Udaipur betraut worden war, verwĂŒstete und plĂŒnderte die LĂ€ndereien des Rana von Udaipur und zwang diesen schließlich durch diplomatische Verhandlungen zum Treuebekenntnis gegenĂŒber dem Mogulreich. Unter den wenigen militĂ€rischen Eroberungen war das Himalaya-FĂŒrstentum Kangra (1620) die bedeutendste. Wenig erfolgreich verliefen dagegen die ab 1616 unternommenen Versuche, die Grenze auf dem Dekkan nach SĂŒden zu verschieben. Vor allem die guerillaartige Taktik des in Diensten Ahmadnagars stehenden Feldherrn Malik Ambar verhinderte die Ausdehnung des Mogulreiches auf den Dekkan.

In den letzten Regierungsjahren Jahangirs fĂŒhrte ein Machtkampf zwischen der inoffiziellen Herrscherin Nur Jahan und Khurram, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits Shah Jahan (persisch „König der Welt“) nannte, zu Unruhen. Als Kandahar 1622 von den Truppen des persischen Schahs Abbas I. bedroht wurde, trat Shah Jahan mit einem von ihm befehligten Heer auf dem Dekkan in Rebellion. Der Einsatz des Mogulheeres gegen ihn entblĂ¶ĂŸte Kandahar, das bald darauf an Persien fiel. Shah Jahans Rebellion dauerte vier Jahre an.

Nach Jahangirs Tod 1627 entmachtete der Wesir Asaf Khan Nur Jahan und verhalf Shah Jahan auf den Thron, indem er alle weiteren ThronprĂ€tendenten ermorden ließ.

1628–1658: Kulturelle BlĂŒte unter Shah Jahan/Schahdschahan

Shah Jahan (reg. 1627–1657/58) wĂ€hrend eines darbar (Audienz) in der Audienzhalle seines Palastes (Miniaturmalerei um 1650)

Shah Jahan gilt als glanzvollster Mogulherrscher, unter dessen Herrschaft die Hofhaltung den Höhepunkt ihrer Prachtentfaltung erreichte und die Architektur im indisch-islamischen Mischstil zu höchster BlĂŒte gelangte. Das bekannteste Mogulbauwerk, das Taj Mahal in Agra, entstand als Grabmal fĂŒr Shah Jahans Frau Mumtaz Mahal, ebenso eine Vielzahl weiterer herausragender BaudenkmĂ€ler. Allerdings belastete Shah Jahans Kunstförderung die Staatskasse stark. Die Inflation konnte nur mit MĂŒhe im Zaum gehalten werden, und höhere Steuern auf ErnteertrĂ€ge setzten eine Landflucht in Gang.

Kostspielige militĂ€rische FehlschlĂ€ge wirkten sich zusĂ€tzlich negativ auf die Wirtschaft des Reiches aus. Zwar zeigte der schon seit Akbar gefĂŒhrte Krieg auf dem Dekkan erste greifbare Erfolge – 1633 unterlag Ahmadnagar und wurde endgĂŒltig annektiert, 1636 unterwarf sich Golkonda, wenn auch nur symbolisch, und im gleichen Jahr konnte das zweite nun noch bestehende Dekkan-Sultanat Bijapur vertraglich zur Tributzahlung gezwungen werden – doch auf die anfĂ€nglichen Siege folgte eine Reihe von RĂŒckschlĂ€gen. 1646 veranlassten Unruhen in Transoxanien Shah Jahan, gegen die Usbeken zu Felde zu ziehen, um die Urheimat der Moguln zurĂŒckzugewinnen, insbesondere Samarkand, das sein Vorfahr Babur drei Mal fĂŒr kurze Zeit hatte besetzen können. Der Feldzug endete ein Jahr spĂ€ter in einer Niederlage. Zudem entzĂŒndete sich ein Streit mit Persien an der bedeutenden Handelsstadt Kandahar, die 1638 durch eigenmĂ€chtige Verhandlungen des persischen Statthalters mit den Moguln wieder in den Besitz des Mogulreiches gelangt war. 1649 fiel Kandahar erneut an Persien. Drei aufeinanderfolgende Belagerungen Ă€nderten daran nichts, vor allem, weil die persische Artillerie der mogulischen ĂŒberlegen war. Persien entwickelte sich zunehmend zu einer Bedrohung fĂŒr das Mogulreich, zumal der schiitische Nachbar den ebenfalls schiitischen Dekkan-Sultanaten freundschaftlich verbunden war. Die Gegnerschaft Persiens und der damit verbundene nachlassende persische Einfluss am Mogulhof war möglicherweise auch ein Grund fĂŒr den Machtzuwachs der sunnitischen Ulama im Mogulreich,[17] wenngleich Akbars und Jahangirs Prinzip der religiösen Toleranz nicht gĂ€nzlich ausgehöhlt wurde.

Die RivalitĂ€t zwischen Shah Jahans Söhnen Aurangzeb und Dara Shikoh um die Thronfolge prĂ€gte die letzten Jahre seiner Herrschaft. Dara Shikoh verhinderte durch Intrigen das Vorankommen auf dem Dekkan, wo Aurangzeb 1656 gegen Golkonda und 1657 gegen Bijapur zog. Als Shah Jahan Ende 1657 schwer erkrankte, riefen sich seine Söhne Shah Shuja – Statthalter von Bengalen – und Murad Baksh – Statthalter von Gujarat – jeweils zum Kaiser aus, um eine mögliche Machtergreifung ihres Ă€ltesten Bruders Dara Shikoh zu verhindern. Aurangzeb indes konnte Murad ĂŒberzeugen, ihm sein Heer zu ĂŒberlassen, um mit vereinten KrĂ€ften gegen Delhi zu marschieren.[18] Shah Shuja unterlag im Februar 1658 bei Varanasi Dara Shikoh, letzterer wurde am 29. Mai 1658 nahe Agra von Aurangzeb besiegt. In Agra nahm Aurangzeb seinen Vater gefangen, der 1666 im GefĂ€ngnis starb. Nachdem Aurangzeb auch seinen Bruder Murad hatte festsetzen lassen, rief er sich noch im selben Jahr zum Kaiser aus.

1658–1707: SĂŒdexpansion und beginnender Verfall unter Aurangzeb

Aurangzeb (reg. 1658–1707) im hohen Alter bei der LektĂŒre des Korans (Miniatur, 18. Jahrhundert)
Das Mogulreich um 1700 unter Aurangzeb

Zwei gegenlĂ€ufige Tendenzen kennzeichneten die Herrschaft Aurangzebs: Zum einen dehnte er das Mogulreich weit nach SĂŒden auf fast den gesamten indischen Subkontinent aus, zum anderen erschĂŒtterte er durch andauernde Kriege das wirtschaftliche Fundament des Mogulreiches. Mit einer Politik der religiösen Intoleranz schĂ€digte er die Symbiose von muslimischer Elite und hinduistischen Untertanen, die seine VorgĂ€nger gefördert hatten. Bereits das letzte Drittel seiner Herrschaft war vom Kampf gegen den drohenden Reichsverfall bestimmt.

Aurangzeb festigte seine Herrschaft, indem er seine BrĂŒder und Rivalen Dara Shikoh und Murad Baksh hinrichten ließ. Sein dritter Bruder und Widersacher, Shah Shuja, floh ins Exil nach Arakan, nachdem er Aurangzeb militĂ€risch unterlegen war, und wurde dort wahrscheinlich ermordet. Als Herrschaftslegitimation diente Aurangzeb der Islam, dessen Gesetze er im Gegensatz zu seinen VorgĂ€ngern streng auf das Reich anwandte. Die drastischsten Maßnahmen waren die WiedereinfĂŒhrung der Kopfsteuer fĂŒr Nichtmuslime (jizya), die Akbar 1564 abgeschafft hatte, sowie das Verbot des Neubaus von Hindu-Tempeln und GotteshĂ€usern anderer Glaubensgemeinschaften 1679. Im ganzen Land wurden zahlreiche kurz zuvor erbaute Tempel zerstört. Aurangzebs theokratische Politik rief Spannungen zwischen Hindus und Muslimen hervor, die den inneren Frieden des Mogulreiches empfindlich störten und den Widerstand hinduistischer FĂŒrstenhĂ€user erregte. So löste die Invasion des hinduistischen Rajputenstaates Marwar 1679, dessen Herrscher ohne Erben verstorben war, Unruhen unter den Rajputen aus, die bis zum Tode Aurangzebs schwelten.

Auf dem Dekkan war dem Mogulreich neben Bijapur und Golkonda ein dritter starker Feind entstanden. Der Hindu Shivaji hatte seit Mitte des 17. Jahrhunderts die StĂ€mme der Marathen unter seiner FĂŒhrung einen können und war mit dem Aufbau eines hinduistischen Staatswesens beschĂ€ftigt. Shivaji wandte wie schon Malik Ambar ein halbes Jahrhundert zuvor eine Guerilla-Taktik an und bediente sich zudem Ă€ußerst erfolgreich der Diplomatie, um seine Nachbarn, darunter auch die Moguln, gegeneinander auszuspielen. 1664 war ihm sogar die Brandschatzung der wichtigsten Hafenstadt des Mogulreiches, Surat, geglĂŒckt. WĂ€hrend eines Besuchs am Hofe Aurangzebs wurde er gefangen genommen, konnte aber fliehen und auf dem westlichen Dekkan ein Reich errichten. 1681 schloss Aurangzebs abtrĂŒnniger Sohn Akbar ein BĂŒndnis mit Sambhaji, dem Nachfolger Shivajis. Dies veranlasste Aurangzeb, alle KrĂ€fte auf die Eroberung des Dekkan zu konzentrieren. Zu diesem Zweck verlagerte er die Hauptstadt und somit den Schwerpunkt des Reiches nach Aurangabad. Der Dekkan-Feldzug verlief zunĂ€chst Ă€ußerst erfolgreich: 1686 fiel Bijapur und ein Jahr darauf Golkonda. Beide Staaten wurden dem Mogulreich eingegliedert, das nun den gesamten Subkontinent mit Ausnahme der MalabarkĂŒste sowie der Gebiete sĂŒdlich der Kaveri umfasste. 1689 schien die Kontrolle ĂŒber den Dekkan mit der Gefangennahme und Hinrichtung Sambhajis endgĂŒltig gesichert. TatsĂ€chlich waren die Marathen jedoch nicht besiegt, sondern lediglich in kleinere Gruppierungen zersplittert worden. Shivaji hatte einen neuen Widerstandsgeist angeregt, der durch einzelne militĂ€rische Siege nicht zu brechen war.[19] Aurangzeb verbrachte den Rest seines Lebens auf dem Dekkan im Kampf gegen marathische StammesfĂŒhrer. Unterdessen ließ seine AutoritĂ€t in Hindustan, dem eigentlichen Herzland des Mogulreiches, spĂŒrbar nach. AufstĂ€nde wie die der Jat im Gebiet um Delhi und Agra sowie der Sikhs im Punjab waren aber auch die Folge erdrĂŒckender Steuern, die zur Finanzierung der KriegszĂŒge erforderlich geworden waren.

Aurangzeb beging den gleichen Fehler wie Muhammad bin Tughluq im 14. Jahrhundert, indem er seine Machtbasis im Norden vernachlĂ€ssigte und so die Verwaltung zerrĂŒttete. Das Reich wurde durch die Expansion auf den zerklĂŒfteten, schwer zu beherrschenden Dekkan, der zudem ein weitaus niedrigeres Steueraufkommen erbrachte als die fruchtbaren Ebenen des Nordens, ĂŒberdehnt und finanziell ĂŒberlastet.[20] Nur Aurangzebs persönliche AutoritĂ€t hielt das Reich noch zusammen, wĂ€hrend der Kaiser fĂ€higen FĂŒhrungspersönlichkeiten – wie sie frĂŒhere Herrscher in Form von GenerĂ€len, Ministern oder Angehörigen besaßen – misstraute und sie sogar unterdrĂŒckte.[21]

1707–1858: Nieder- und Untergang

Muhammad Shah (reg. 1719–1748), Miniatur, etwa 1720−1730
Dieses Foto von Robert Christopher Tytler zeigt Bahadur Shah II. im Alter von 82 Jahren kurz vor seiner Verurteilung in Delhi 1858. Es ist möglicherweise die einzige Fotografie, die je von einem Mogulkaiser gemacht wurde

Nachdem Aurangzeb 1707 gestorben war, setzte sich sein Sohn Bahadur Shah an die Spitze des Staates. Er schloss Frieden mit den Marathen und erkannte deren Herrschaftsgebiet auf dem westlichen Dekkan an, um das Mogulheer zur Niederschlagung des Sikh-Aufstandes im Norden einsetzen zu können. Die abtrĂŒnnigen Rajputen gerieten allerdings zunehmend außer Kontrolle. Seine ehrgeizigen Versuche, das Reich nach dem Vorbild Akbars durch umfassende Reformen noch einmal zu festigen, scheiterten am bereits fortgeschrittenen Verfall der Verwaltungsstrukturen. Viele Beamtenposten waren erblich geworden, darunter das Amt des Statthalters von Bengalen, was die Steuereintreibung erschwerte. Bahadur Shah, der den Thron bereits in hohem Alter bestiegen hatte, starb 1712 nach nur fĂŒnf Regierungsjahren.

Bahadur Shahs Nachfolger vermochten die kaiserliche AutoritĂ€t nicht mehr aufrechtzuerhalten. Sein Sohn Jahandar Shah wurde nach nur wenigen Monaten auf dem Thron ermordet. FĂŒr das Attentat verantwortlich waren die Sayyiden, zwei BrĂŒder, die als Kommandanten am Mogulhof dienten und in den folgenden Jahren zu einem wesentlichen Machtfaktor am Hof aufstiegen. Farrukh Siyar regierte lediglich als Marionette der mit den Marathen verbĂŒndeten Sayyiden. WĂ€hrend seiner Regierungszeit 1713–1719 erhielt die Britische Ostindien-Kompanie, die sich im Laufe des 17. Jahrhunderts als fĂŒhrende europĂ€ische Handelsgesellschaft an der indischen KĂŒste festgesetzt hatte, weitreichende Konzessionen. Die davon erhoffte Verbesserung der Finanzsituation durch Belebung des Außenhandels blieb jedoch aus, da die Briten die zunehmende wirtschaftliche AbhĂ€ngigkeit der Moguln vom Seehandel der EuropĂ€er auszunutzen wussten. Auch die Provinzen des Mogulreiches konnten nur durch ZugestĂ€ndnisse, die sie zu halbautonomen Staaten machten, gehalten werden.

1719 ließen die Sayyiden auch Farrukh Siyar umbringen, der sich nicht imstande zeigte, das Reich zu alter StĂ€rke zurĂŒckzufĂŒhren. Es folgte ein blutiger Machtkampf, aus dem Muhammad Shah (reg. 1719–1748) als Sieger hervorging. Er ließ die Sayyiden zwar hinrichten, ĂŒberließ die Macht aber ansonsten den anderen Interessengruppen, die sich seit Bahadur Shah am kaiserlichen Hofe gebildet hatten. Die Verwaltung wurde auf das Ernennen der Statthalter beschrĂ€nkt, deren Provinzen nur noch nominell dem Kaiser unterstanden. 1724 trat Muhammad Shahs Wesir Asaf Jah I. zurĂŒck. Er löste seine Provinz Dekkan de facto aus dem Reichsverbund und regierte sie als Nizam von Hyderabad. Damit verlor das Reich ein Drittel seiner StaatseinkĂŒnfte sowie beinahe drei Viertel seines Kriegsmaterials.[22]

Die SchwĂ€che des Reiches machte sich der afscharidische Herrscher von Persien, Nadir Schah, zu Nutzen. Er schlug 1739 das Mogulheer bei Karnal nördlich von Delhi, nicht weit von den historischen Schlachtfeldern von Panipat entfernt, und zog nach einem Übereinkommen friedlich in Delhi ein. Als ein Aufstand gegen ihn losbrach, ließ er ein Massaker anrichten, die gesamte Stadt, einschließlich der mogulischen Staatskasse, plĂŒndern und kehrte nach Persien zurĂŒck.[23] Damit hatte er dem Mogulreich endgĂŒltig den Todesstoß versetzt: Der Prozess der „Regionalisierung der Macht“,[24] der bereits vorher eingesetzt hatte, setzte sich nun rapide fort und beschrĂ€nkte das tatsĂ€chliche Herrschaftsgebiet der Moguln bald nur mehr auf die Region um Delhi und Agra. Bengalen und Avadh erlangten faktisch SelbststĂ€ndigkeit, auch wenn sie formal die Oberhoheit des Mogulkaisers anerkannten und symbolische Tribute entrichteten. Die persische Grenze wurde an den Indus verlegt. Zugleich expandierten die Marathen nach Malwa und Gujarat.

Den letzten militĂ€rischen Sieg errang das Mogulreich 1748 bei Sirhind nordwestlich von Delhi ĂŒber den afghanischen Herrscher Ahmad Schah Durrani, doch wenige Tage darauf starb Muhammad Shah, dessen schwache Nachfolger den Afghanen nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Diese annektierten den Punjab, den Sindh und Gujarat. 1757 plĂŒnderten sie Delhi. Im gleichen Jahr besiegte die Britische Ostindien-Kompanie in der Schlacht bei Plassey den Nawab von Bengalen und zwang diesen zur Abtretung des Gebietes um Kalkutta. Damit begann die britische Territorialherrschaft in Indien, die in den folgenden Jahren auf ganz Bengalen und nach dem Sieg in der Schlacht von Baksar im Jahre 1764 auch auf Bihar ausgedehnt wurde. Die von Osten her auf ehemals mogulischem Gebiet expandierenden Briten waren zu einer ernstzunehmenden Bedrohung fĂŒr das Mogulreich geworden. Auch die Marathen drangen rasch immer weiter nach Norden vor, unterlagen aber 1761 in der Dritten Schlacht bei Panipat den Afghanen.

Erst 1772 konnte der wĂ€hrend des afghanisch-marathischen Krieges im Exil in Allahabad lebende Großmogul Shah Alam II. (reg. 1759–1806) mit marathischer UnterstĂŒtzung nach Delhi zurĂŒckkehren. Von plĂŒndernden Afghanen 1788 geblendet, musste er 1803 die Britische Ostindien-Kompanie, die bereits zwei Jahre zuvor Awadh einen Schutzvertrag aufgezwungen hatten, als Schutzmacht akzeptieren. Zwar besaß der Großmogul formal weiterhin HerrscherwĂŒrden, doch die eigentliche Macht lag nun beim britischen Residenten. Das mogulische Hoheitsgebiet beschrĂ€nkte sich auf das Rote Fort von Delhi.

1858 endete auch die nominelle Herrschaft der Großmoguln, nachdem die Briten den im Jahr zuvor ausgebrochenen Großen Aufstand niedergeschlagen hatten. Bahadur Shah II. (reg. 1838–1858), den die aufstĂ€ndischen Soldaten gegen seinen Willen zur symbolischen Leitfigur der Meuterei ausgerufen hatten, wurde im MĂ€rz 1858 von einem Kriegsgericht der Mitschuld an der Revolte schuldig gesprochen, abgesetzt und nach Rangun im britisch besetzten Teil Birmas verbannt, wo er 1862 starb. Sein Territorium wurde am 2. August 1858 gemeinsam mit allen anderen Territorien unter direkter Kontrolle der Britischen Ostindien-Kompanie mit Wirkung zum 1. November der neu gegrĂŒndeten Kolonie Britisch-Indien ĂŒbereignet. Die britische Königin Victoria nahm 1876 in AnknĂŒpfung an die Mogulherrschaft den Titel einer Kaiserin von Indien an.[25]

Staat und Verwaltung

Zahlreiche Elemente, die fĂŒr heutige moderne Staaten typisch sind, wie zum Beispiel zentralisierte Verwaltung, Steuerveranlagung aufgrund einer exakten Landvermessung oder das Vorhandensein einer staatlichen BĂŒrokratie, sind in Indien erstmals im Mogulreich zu beobachten. Aus diesem Grund kann es durchaus mit den zeitgenössischen absolutistischen Staaten Europas verglichen und wie diese als ein „frĂŒhmoderner“ Staat bezeichnet werden. Allerdings wies das Mogulreich im Vergleich zu den heutigen, aber auch den zeitgenössischen Staaten in Europa einige deutliche Unterschiede auf: So war das Mogulreich kein Staat mit klar abgesteckten Grenzen, sondern vielmehr ein Flickwerk verschiedenster Territorien mit – von ihrer Lebensweise her − sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Dementsprechend war auch die MachtausĂŒbung keineswegs einheitlich. Ackerbaugegenden mit sesshafter Bevölkerung waren weitaus effektiver zu kontrollieren als logistisch schwer beherrschbares Wald- und Ödland mit teils nomadischer oder halbnomadischer Stammesbevölkerung. Zwischen solchen Stammesgebieten, etwa denen der Gond, Bhil und weiterer Völker in Zentralindien oder denen der Paschtunen im heutigen Pakistan und Afghanistan, und den unmittelbar kontrollierten Reichsteilen bestanden fließende Grenzen, die das Reich innerlich untergliederten. Gleichwohl verband ein dichtes Straßen- und Wegenetz alle Regionen einschließlich der Stammesgebiete mit den stĂ€dtischen Zentren und ermöglichte so die Mobilisierung von Ressourcen ĂŒber die inneren Grenzen hinweg.[26]

Steuerwesen

Die Moguln unterschieden sich von den frĂŒheren Delhi-Sultanen mit ihrer auf KontinuitĂ€t ausgerichteten Verwaltung, die vor allem das Werk Akbars war. Er, seine Minister und Nachfolger (ausgenommen Aurangzeb) bemĂŒhten sich in erster Linie unter politischen und nicht unter religiösen Gesichtspunkten zu regieren, wie es bei den mĂ€chtigsten der Delhi-Sultane noch nicht der Fall gewesen war. Dementsprechend war das Mogulreich auch stabiler.

Die Lodi-Dynastie verwaltete das Sultanat von Delhi durch die Vergabe eroberter Gebiete als MilitĂ€rlehen (jagir) an militĂ€rische Gefolgsleute, die dadurch schnell zufriedengestellt werden konnten. Dieses System ermöglichte eine gewisse Kontrolle der auf diese Art vergebenen Provinzen durch den Sultan, barg aber zugleich die Gefahr in sich, dass die Lehen in erbliche Territorien umgewandelt wurden, die sich dann von der Zentralgewalt abkoppeln konnten. Zudem wurde nur ein verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig geringer Anteil der erhobenen Steuern an die Zentralregierung weitergeleitet. Als Babur das Delhi-Sultanat unterwarf und damit die Mogulherrschaft begrĂŒndete, ĂŒbernahm er das jagir-System seiner VorgĂ€nger. Sein Sohn Humayun organisierte die Verwaltung wenig systematisch nach astrologischen Gesichtspunkten, indem er die StaatsĂ€mter den vier Elementen Erde (Landwirtschaft), Wasser (BewĂ€sserung), Feuer (Heereswesen) und Luft (ĂŒbrige Ressorts, darunter Religion) zuordnete.[27] Politisch blieben diese AnsĂ€tze einer reformierten Verwaltung bedeutungslos.

Erst die umfassenden Verwaltungsreformen, die Akbar wĂ€hrend seiner fast 50-jĂ€hrigen Regierungszeit durchsetzte, sicherten den langfristigen Erfolg der Mogulherrschaft. Akbar baute auf dem Steuersystem Sher Shahs auf, das die GrundsteuersĂ€tze in den Provinzen anhand der örtlichen Preise festlegte. Auch Akbar bestimmte die SteuersĂ€tze unter BerĂŒcksichtigung der teils erheblichen regionalen Preisunterschiede, indem er alle Lehen einzog, diese neu vermessen ließ und ĂŒber einen Zeitraum von zehn Jahren Steuer- und Preisdaten der Provinzen erfasste. Anhand der ermittelten Durchschnittswerte ließ er die SteuersĂ€tze bemessen und fortschreiben. Besteuert wurde unter Akbar der Ernteertrag, ein Drittel der Produktion war in Geld oder Naturalien abzuliefern. Der Vorteil fĂŒr die Bauern lag darin, dass bei einer Missernte keine Steuern gezahlt werden mussten, der Nachteil war, dass der Staat bei einer Reihe guter Ernten mit den Naturalien nichts anfangen konnte. Akbars Nachfolger gaben das Besteuerungssystem zu einem unbekannten Zeitpunkt wieder auf: Sie fĂŒhrten die pauschale Besteuerung wieder ein. Allgemein gab es Steuern auf Grund und Boden – im agrarisch geprĂ€gten Mogulreich die bei Weitem wichtigste Einnahmequelle –, Zölle, MĂŒnz- und Erbschaftsteuern sowie die Kopfsteuer fĂŒr Nichtmuslime (jizya). Letztere schaffte Akbar 1564 ab, erst Aurangzeb fĂŒhrte sie 1679 wieder ein. SpĂ€ter wurde sie verschiedentlich wieder abgeschafft und eingefĂŒhrt, allerdings zu einer Zeit, da das Steuersystem der Moguln bereits nicht mehr voll funktionstĂŒchtig war.

Die territoriale Einteilung in Steuerbezirke wies seit Akbar neben den herkömmlichen jagirs auch KronlĂ€nder (khalisa) auf. Letztere unterstanden der unmittelbaren Verwaltung des Mogulkaisers, die dort erhobenen Steuern wurden direkt der Staatskasse zugefĂŒhrt. Das jagir wurde einem MilitĂ€radligen (jagirdar) zugewiesen, welcher die Verantwortung fĂŒr die Steuereintreibung trug. Dabei blieb das Land allerdings stets Eigentum des Staates. Die jagirdars durften lediglich einen festgelegten Teil des daraus erwachsenden Steueraufkommens als privates Einkommen zurĂŒckbehalten, alles darĂŒber hinaus musste unter Aufsicht kaiserlicher Beamter an die Staatskasse abgefĂŒhrt werden. Außerdem wurden die jagirdars regelmĂ€ĂŸig ausgetauscht, um der Gefahr einer Dynastie- oder Hausmachtbildung in den Provinzen entgegenzuwirken. Die Kehrseite dieses Verfahrens war, dass die jagirdars kaum Interesse am Gedeihen ihres Lehens hatten, da sie es nicht behalten konnten. Stattdessen suchten sie oft möglichst hohe Steuerabgaben zu ihrem eigenen Vorteil herauszupressen, bevor sie in einen anderen Reichsteil versetzt wurden.[28]

Regierungs- und Beamtenapparat

Eines der Hauptmerkmale des Verwaltungssystems der Moguln war der hohe Grad an Zentralisierung, ganz im Gegensatz zur losen Struktur des Delhi-Sultanats. Der Zentralregierung unterstanden die Provinzen (suba), diese wiederum teilten sich in Distrikte (sarkar), deren Untereinheiten als pargana bezeichnet wurden. Der zentrale Verwaltungsapparat wurde vom Premierminister (wakil) geleitet, dessen wichtigster Untergebener der Finanzminister (diwan-i kull oder wazir-i mamalik) war. Letzterem oblag die Abstimmung der Zusammenarbeit mehrerer hoher Finanzbeamter, maßgeblich des diwan-i khalisa (zustĂ€ndig fĂŒr Staatseinnahmen), des diwan-i tan (Gehaltsauszahlungen), des mustaufi (RechnungsprĂŒfung) und des mir saman (Verwaltung des Hofes und der kaiserlichen WerkstĂ€tten). Ein weiterer Untergebener des Finanzminister war der mir bakshi, der sich um Heeresangelegenheiten kĂŒmmerte und somit, da sĂ€mtliche Beamten einen militĂ€rischen Rang innehatten, auch fĂŒr die FunktionstĂŒchtigkeit der Verwaltung Sorge zu tragen hatte. Unmittelbar dem Kaiser unterstand der fĂŒr religiöse Angelegenheiten zustĂ€ndige sadr as-sudur, der stets auch das höchste Richteramt (qadi al-qudat) des Staates bekleidete, denn der Rechtsprechung lag das islamische Recht, die Scharia, zugrunde.

Diese Verwaltungsstruktur spiegelte sich auch in den Provinzen wider, an deren Spitze der Statthalter (sipasalar, nizam-i suba oder subadar) stand. Die Provinzbeamten waren jedoch nicht dem Statthalter, sondern dem Reichsbeamten ihres entsprechenden Ressorts untergeordnet. So entstand eine pyramidal angeordnete Verwaltungshierarchie, die zum einen eine effektive Aufsicht der Provinzen durch die Zentralregierung ermöglichte, zum anderen aber in Folge der GrĂ¶ĂŸe des Mogulreiches den Staatsapparat stark aufblĂ€hte. Der bĂŒrokratische Aufwand war enorm. Dennoch war das Verwaltungssystem unter Akbar zumindest in den KronlĂ€ndern Ă€ußerst effizient, erst unter seinem Nachfolger Jahangir machten sich Korruption und ĂŒbersteigerter Ehrgeiz allmĂ€hlich breit: Zunehmend wurden Offiziere mit Land entlohnt, und GenerĂ€le und Minister stritten sich um die Macht in der Verwaltung.

MilitÀr

Obwohl Muslime auslĂ€ndischer Herkunft oder Abstammung grundsĂ€tzlich die mogulische Oberschicht stellten, existierte der Stand des Erbadels, wie er in Europa bekannt ist, im Mogulreich nicht. Die Stellung einer Person hing allein von ihrer Position im Heer ab, unabhĂ€ngig davon, ob sie tatsĂ€chlich im Kriegsdienst beschĂ€ftigt war oder in der zivilen Verwaltung. Selbst die KĂŒnstler am Mogulhof bekleideten einen militĂ€rischen Rang. Offizielle Ämter waren somit nur ĂŒber eine militĂ€rische Laufbahn zu erreichen. Umgekehrt war freilich lĂ€ngst nicht jeder militĂ€rische Ranginhaber auch TrĂ€ger eines Amtes.

Entsprechend dem militĂ€rischen Charakter der Mogulverwaltung korrespondierte das Gehalt höherer und mittlerer Beamter mit deren militĂ€rischem Rang (mansab), der wiederum von der Anzahl der unterhaltenen Kavallerieeinheiten abhing. Der TrĂ€ger eines mansab hieß mansabdar. Allerdings verringerten die mansabdars ihre MilitĂ€rstĂ€rke in Friedenszeiten immer mehr, sodass ihr Gehalt in Kriegszeiten angehoben werden musste, um die alte Zahl an berittenen Einheiten wiederherzustellen. Um diese inflationĂ€re Entwicklung einzudĂ€mmen, fĂŒhrte Akbar ein doppeltes Rangsystem ein, das die Besoldungsgruppe (zat) unabhĂ€ngig von der StĂ€rke der zu unterhaltenden Kavallerie (suwar) regelte. Nur der Mogulkaiser konnte einen mansabdar ernennen, befördern oder herabstufen, die RĂ€nge waren nicht erblich. Die mansabdars wurden entweder in bar oder durch ein jagir entlohnt. Ihre zunehmende Zahl fĂŒhrte dazu, dass unter Akbar 75 Prozent, unter Jahangir bereits 95 Prozent des gesamten Grund und Bodens als jagir vergeben waren.[29]

Die fortschreitende Verknappung des als jagir zu vergebenden Ackerlandes machte die Ausdehnung des Reiches daher zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Nur ĂŒber territorialen Gewinn war die wachsende Zahl an Gefolgsleuten mittelbar zufriedenzustellen, indem diese sich in den eroberten Gebieten bereicherten.[30] FĂŒr Aurangzeb standen bei der Unterwerfung des Dekkan 1686/87 aber nicht wirtschaftliche, sondern politische ErwĂ€gungen im Vordergrund. Der Mangel an fruchtbarem Ackerland im Dekkan-Hochland und die damit verbundene UnrentabilitĂ€t der dortigen jagir steigerte die Unzufriedenheit bei den Lehnsherren und untergrub deren LoyalitĂ€t.

Die Treue der mansabdars war fĂŒr die Moguln vor allem deswegen unentbehrlich, da der weitaus grĂ¶ĂŸte Teil aller berittenen und unberittenen Einheiten des Heeres auf sie verteilt war. Daneben gab es ein kleines stehendes Heer, das vorwiegend aus Kavalleristen bestand und die Elite der Armee darstellte. Vermutlich ging seine StĂ€rke aber nie ĂŒber 45.000 Mann hinaus.[31] Einschließlich der Kontingente der mansabdars vermochte das Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht 100.000 bis 200.000 Kavalleristen zu mobilisieren. Die GesamtstĂ€rke des Heeres einschließlich sĂ€mtlicher regionaler Milizen soll zur Zeit Akbars ĂŒber 4,4 Millionen Soldaten umfasst haben, eine gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl von 100 bis 150 Millionen Menschen ĂŒberaus beachtliche Zahl.[32] Das Mogulreich war jedoch wie die meisten indischen Großreiche eine reine Landmacht. Am Aufbau einer schlagkrĂ€ftigen Kriegsflotte war den Herrschern wenig gelegen. Akbar und Aurangzeb ließen zwar einige hochseetĂŒchtige Kanonenboote bauen, die jedoch den Schiffen der in Indien vertretenen europĂ€ischen SeemĂ€chte nicht ebenbĂŒrtig waren.

Zusammenbruch des Beamtenstaates

Der Zusammenbruch des mogulischen Beamtenstaates wurde durch Aurangzeb eingeleitet, der die Verwaltung der Provinzen und damit die zentrale Kontrolle der Peripherie gegen Ende seiner Regierungszeit zu Gunsten militĂ€rischer Ziele stark vernachlĂ€ssigte. Nach seinem Tode 1707 erstarkten die regionalen KrĂ€fte unter schwachen Herrschern immer mehr. Die Statthalter Bengalens, Avadhs und des Dekkan (Hyderabad) vererbten ihre Provinzen an ihre Nachkommen und begrĂŒndeten somit dynastische Regionalreiche, ohne jedoch offen mit den Moguln zu brechen. So wurden die Statthalter offiziell zwar nach wie vor vom Kaiser ernannt, tatsĂ€chlich ließen diese dadurch nur ihre dynastische Herrschaft legitimieren. Die gewonnene UnabhĂ€ngigkeit Ă€ußerte sich in der RĂŒckhaltung von Steuergeldern sowie der Weigerung, dem Mogulreich militĂ€rische Hilfe zukommen zu lassen.

HauptstÀdte

Auf dieser SĂ€ule im diwan-i khas, der privaten Audienzhalle in Fatehpur Sikri, stand der Thron Akbars.

Hauptstadt des Mogulreiches war die offizielle Residenz des jeweiligen Herrschers, an der auch der kaiserliche Hofstaat und die kaiserliche Familie lebten. Aus politischen und strategischen Überlegungen verlegten die Moguln mehrfach ihren Herrschersitz. Insgesamt dienten fĂŒnf StĂ€dte zu verschiedenen Zeiten als Hauptstadt: Agra (1526–1540, 1556–1571, 1598–1648), Delhi (1540–1556, 1648–1682, 1707–1858), Fatehpur Sikri (1571–1585), Lahore (1585–1598) und Aurangabad (1682–1707).

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte Sikandar II. die Hauptstadt des Delhi-Sultanats von Delhi, das dem Staat seinen Namen verliehen hatte, in das rund 200 Kilometer sĂŒdlich gelegene, bis dahin unbedeutende Agra verlegt, wo auch Babur ab 1526 als erster Mogul residierte. Humayun plante eine neue Hauptstadt namens Din-panah („ZufluchtsstĂ€tte des Glaubens“) am sĂŒdlichen Stadtrand von Delhi. 1533 erfolgte die Grundsteinlegung, allerdings war die Stadt zum Zeitpunkt der Vertreibung Humayuns aus Indien durch Sher Shah im Jahre 1540 nicht fertiggestellt. Sher Shah verlegte die Residenz wieder nach Delhi und ließ an der Stelle von Humayuns geplanter Hauptstadt die bis heute erhaltene Festung Purana Qila errichten.

Akbar hielt erneut in Agra Hof, bis er sich 1569 fĂŒr den Bau einer neuen Residenz in dem Dorf Sikri 35 Kilometer sĂŒdwestlich von Agra entschied. In Sikri lebte ein Angehöriger des muslimischen Chishti-Ordens, zu dem Akbar ein freundschaftliches VerhĂ€ltnis pflegte. 1571 war der Bau so weit fortgeschritten, dass Akbar seinen Hof dorthin verlegte. Die neue Hauptstadt erhielt den Namen Fatehpur Sikri, verlor ihre Bedeutung jedoch bereits 1585, als Akbar mitsamt seinem Hofstaat nach Lahore zog, um den FeldzĂŒgen im Nordwesten des Reiches nĂ€her zu sein. Nur ein kleiner Teil der Stadt war weiterhin bewohnt, vermutlich verschlechterte Wassermangel die Lebensbedingungen. Auch Lahore blieb nur vorĂŒbergehend Herrschersitz. Nach der erfolgreichen Erweiterung des Mogulreiches nach Nordwesten kehrte Akbar 1598 nach Agra zurĂŒck.

Shah Jahan grĂŒndete 1638 anlĂ€sslich des zehnten Jahrestags seiner Thronbesteigung eine neue Stadt in Delhi. Das nach ihm benannte Shahjahanabad (heute Alt-Delhi) war 1648 weitestgehend fertiggestellt und blieb bis 1858 Residenz der Moguln, mit Unterbrechung von 1682 bis 1707, als sich Aurangzeb in Aurangabad aufhielt, um von dort aus FeldzĂŒge auf dem Dekkan zu fĂŒhren.

TatsĂ€chlich weilten die Mogulherrscher jedoch meist nur kurze Zeit in ihrer jeweiligen Hauptstadt. Wie eine moderne Untersuchung zeigte, verbrachten die Mogulherrscher zwischen 1556 und 1739 rund 40 Prozent ihrer Regierungszeit in Zeltlagern, entweder weil sie auf Reisen, FeldzĂŒgen oder ausgedehnten JagdausflĂŒgen waren.[33] Der bewegliche Hofstaat der Moguln war somit nicht bloß ein Relikt der nomadischen Lebensweise ihrer turkomongolischen Vorfahren, sondern geradezu ein Charakteristikum mogulischer Herrschaftspraxis. Auf diese Weise ließ sich nicht nur Kontrolle vor Ort ausĂŒben, sondern es konnten auch LoyalitĂ€ten gefestigt und den Untertanen quasi die „Allgegenwart“ des Herrschers suggeriert werden.

Kaschmir war seit Akbar ein beliebter Aufenthaltsort, doch auch dem Nordwesten des Reiches und dem unruhigen Dekkan statteten die Moguln regelmĂ€ĂŸig fĂŒr jeweils einige Monate Besuche ab. Allein Shah Jahan verlegte wĂ€hrend seiner 30-jĂ€hrigen Regentschaft 36-mal seinen Aufenthaltsort.[34] Auf Reisen wohnten die Moguln in ausgedehnten Zeltlagern, deren Ausstattung stets doppelt mitgefĂŒhrt wurde, sodass wĂ€hrend des Lageraufenthalts des Kaisers bereits ein zweites, identisches Lager am nĂ€chsten vorgesehenen Aufenthaltsort errichtet werden konnte. Begleitet wurden sie vom gesamten Hofstaat sowie einer je nach Zweck der Reise schwankenden Zahl an Fußsoldaten und berittenen Einheiten. Als Tragtiere dienten Kamele, Pferde, Ochsen und Elefanten. Wie europĂ€ische Beobachter des 17. Jahrhunderts ĂŒbereinstimmend berichteten, glich der reisende Mogul-Hofstaat einer wandernden Stadt, in der sich mehrere Hunderttausend Personen und ebenso viele Tiere aufhalten konnten.[35]

Wirtschaft

Marktszene in Kand-i Badam, Mandeln werden gewogen und transportiert (Illustration zum Baburnama von Sur Das, um 1598)

Allgemeines Wirtschaftssystem

Das Mogulreich war ein Agrarstaat, dessen Wohlstand auf landwirtschaftlichen ProduktionsĂŒberschĂŒssen beruhte, die in Form von Grundsteuern abgeschöpft und der Staatskasse zugefĂŒhrt wurden. Indien um 1600 verfĂŒgte ĂŒber ausreichend fruchtbares Ackerland und eine ArbeitsproduktivitĂ€t, die in etwa der eines westeuropĂ€ischen Bauern entsprach, sodass ein Viertel bis die HĂ€lfte des Ernteertrages als Steuer einverlangt werden konnte, wobei den Bauern wenig mehr blieb als zum Überleben nötig.[36] Unter Akbar ersetzten Geldzahlungen zunehmend die zuvor ĂŒblichen Naturalienabgaben. Die Steuereinnahmen wurden hauptsĂ€chlich fĂŒr das MilitĂ€r (einschließlich der militĂ€risch organisierten Verwaltung) und die Hofhaltung der Moguln aufgewendet oder gehortet. Unter Akbars Nachfolgern, besonders Shah Jahan, erhöhte sich der Steuerdruck auf die Bauern, um die immer prunkvollere Hofhaltung und kostspielige KriegszĂŒge finanzieren zu können. Dennoch lag der durchschnittliche Lebensstandard eines indischen Bauern zur Zeit Shah Jahans noch immer um etwa ein Drittel ĂŒber dem eines europĂ€ischen Landwirts.[37]

Obwohl Akbar wichtige Handelsstraßen ausbessern ließ und die Förderung von Handel und Handwerk etwa durch staatliche Anleihen anregte, blieben staatliche Investitionen in produktive Wirtschaftsbereiche und Infrastruktur die Ausnahme. In den grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten existierten zwar hoch spezialisierte staatliche Manufakturen (karkhana) fĂŒr die Metallverarbeitung sowie die Herstellung von Textilien, Schmuck und verschiedenen LuxusgĂŒtern, ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung war jedoch gering. Auf dem Land stellten Handwerker mit einfachsten Mitteln GebrauchsgegenstĂ€nde her, die sie oft gegen Naturalien eintauschten. Die meisten Dorfgemeinschaften waren somit mehr oder weniger autark, die WirtschaftskreislĂ€ufe kleinrĂ€umig.

Landwirtschaft

Der weitaus grĂ¶ĂŸte Teil der Bevölkerung verdiente sich seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Die wichtigsten Anbaupflanzen waren, wie auch heute noch, Weizen, Reis (vor allem im Osten des Reiches), Hirse und HĂŒlsenfrĂŒchte, außerdem Baumwolle und Jute (in Bengalen). Seit der zweiten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts wurden viele neue Pflanzen aus Amerika eingefĂŒhrt, darunter Tabak, Paprika, Kartoffeln, Mais sowie eine Reihe von Obstsorten wie Guaven, Ananas und Netzannonen. Aus Persien stammen Weintrauben, die erstmals unter Jahangir kultiviert wurden, und Honigmelonen, eingefĂŒhrt zur Zeit Shah Jahans. Die Anbaumethoden verĂ€nderten sich dagegen wĂ€hrend der gesamten Mogulzeit kaum. Die Bauern waren keine Leibeigenen, arbeiteten aber fĂŒr einen Lehnsherren (jagirdar) oder einen adeligen Großgrundbesitzer (Zamindar), der einen bestimmten Teil der Ernte als Steuer einzog. Die Höhe der Besteuerung war von der jeweiligen Feldfrucht abhĂ€ngig. Kommerzielle Anbaupflanzen, etwa Indigo oder Schlafmohn, wurden weitaus höher besteuert als Nahrungspflanzen. Die bearbeiteten Schollen waren im Durchschnitt sehr klein, DĂŒrren fĂŒhrten hĂ€ufig zu Hungersnöten.

Handwerk

Die handwerkliche Produktion fand vorwiegend in den StĂ€dten statt, wo die Handwerker zumeist unmittelbar in ihren LĂ€den arbeiteten und die fertigen Waren entweder im Laden selbst oder auf dem Basar auslegten. Nur fĂŒr hochpreisige LuxusgĂŒter gab es grĂ¶ĂŸere private WerkstĂ€tten mit Festangestellten.[38] Daneben existierten die bereits erwĂ€hnten staatlichen Manufakturen (karkhana). Das weitaus wichtigste Handwerk war die Herstellung von Textilien. Hochburg der Baumwollweberei war Gujarat, das als eine der reichsten Provinzen galt und auch in der Waffen-, ParfĂŒm-, FĂ€rbemittel- und Möbelherstellung sowie im Schiffbau eine fĂŒhrende Stellung einnahm. Bengalen produzierte Jute und Rohseide. Die Verarbeitung von Wolle konzentrierte sich auf Lahore und Kaschmir. Teppiche wurden vor allem in den Provinzen Agra und Lahore sowie im Sindh geknĂŒpft. Agra war zudem fĂŒr Gold- und Silberarbeiten berĂŒhmt. In der weiteren Umgebung gab es reiche Erz- und Salpetervorkommen. Salz wurde nahe Jhelam im Punjab und Ajmer in Rajasthan abgebaut. Bihar stellte Holz und Papier her.[39]

WĂ€hrung

Silberrupie, geprÀgt im Jahre 983 AH (1575/76 n. Chr.) unter Akbar

Die zunehmende Bedeutung der Geldwirtschaft unter Akbar setzte ein funktionierendes WĂ€hrungssystem voraus. Bereits Sher Shah hatte die silberne Rupie mit einem Gewicht von rund 11,5 Gramm eingefĂŒhrt, die unter Akbar endgĂŒltig zur gemeinhin akzeptierten SilbermĂŒnze des Reiches wurde. Eine Rupie unterteilte sich in 40 kupferne Dam. Zudem fĂŒhrte Akbar den goldenen Mohur mit einem Wert von acht Rupien ein. Schwankende Edelmetallpreise fĂŒhrten zeitweilig zu verĂ€nderten MĂŒnzwerten. Es gab Dutzende von PrĂ€gestĂ€tten ĂŒber das ganze Land verteilt. Selbst nach dem Verfall des Mogulreiches ĂŒbernahmen zahlreiche indische Staaten bis hin zur Britischen Ostindien-Kompanie (seit 1717 in Bengalen) das WĂ€hrungssystem und prĂ€gten MĂŒnzen im Mogulstil.

Außenhandel

Da Indien selbst arm an Silber- und Goldvorkommen ist, musste der Außenhandel einen steten Zufluss an Edelmetallen fĂŒr die MĂŒnzprĂ€gung sichern. Das wichtigste Ausfuhrerzeugnis waren Textilien, zunĂ€chst Seidenstoffe, die vor allem in Europa (dort wiederum hauptsĂ€chlich in den Niederlanden), aber auch in SĂŒdostasien, Japan und Ostafrika nachgefragt wurden. Zur Zeit Jahangirs kamen zwei Drittel der weltweiten Seidenproduktion aus dem Mogulreich.[40] Zur gleichen Zeit drĂ€ngten zunehmend auch Baumwollstoffe auf den europĂ€ischen Markt. Weiterhin waren GewĂŒrze, Rohrzucker, Elfenbein, Tee, Opium sowie Farbstoffe wie Ultramarin, Indigo und Indischgelb bedeutende ExportgĂŒter. EingefĂŒhrt wurden neben Edelmetallen vor allem Pferde und Kaffee aus Arabien, Textilien, Teppiche und Wein aus Persien, chinesisches Porzellan, Ebenholz aus Ostafrika und LuxusgĂŒter aus Europa. Der bis ins frĂŒhe 16. Jahrhundert blĂŒhende Sklavenhandel mit Ostafrika war seit Akbar verboten.

Da die Moguln ĂŒber keine staatliche Handelsflotte verfĂŒgten, beherrschten die Portugiesen im 16. Jahrhundert den Seehandel zwischen Europa und dem Mogulreich. Im 17. Jahrhundert zerstörten andere europĂ€ische SeemĂ€chte, allen voran England und die Niederlande, das portugiesische Handelsmonopol. Der Landhandel wurde hauptsĂ€chlich ĂŒber Afghanistan abgewickelt. Von Delhi fĂŒhrte eine der wichtigsten Handelsstraßen ĂŒber Lahore und Kabul nach Zentralasien und von dort weiter ins Kaiserreich China, eine weitere ĂŒber Lahore, Multan und Kandahar nach Persien. In östlicher Richtung verlief eine Handelsroute entlang des Ganges ĂŒber Allahabad und Varanasi sowie durch Bengalen hindurch nach Birma. FĂŒr den Anschluss an den Überseehandel von allergrĂ¶ĂŸter Bedeutung war die Verbindung zwischen Agra und dem Haupthafen Surat, die in zwei Alternativstrecken ĂŒber Burhanpur bzw. Gwalior fĂŒhrte.[41]

Die enge Einbindung in den Welthandel machte das Mogulreich jedoch auch von inneren Entwicklungen seines Hauptabsatzmarktes Europa abhĂ€ngig. Hatte der Ausbruch des DreißigjĂ€hrigen Krieges zunĂ€chst fĂŒr einen sprunghaften Anstieg der Salpeterausfuhren gesorgt, so schlugen sich seine verheerenden wirtschaftlichen Folgen fĂŒr Mitteleuropa mehr und mehr auch auf die mogulische Handelsbilanz nieder: Ab 1640 nahm das Außenhandelsvolumen ab und bis 1653 war der Export von Baumwolle um 20 Prozent sowie von GewĂŒrzen und Farbstoffen um 15 Prozent gegenĂŒber dem Vorkriegsstand zurĂŒckgegangen.[42] Im 18. Jahrhundert, als dem Mogulreich durch fortschreitenden Kontrollverlust ĂŒber seine Provinzen ein großer Teil der Grundsteuereinnahmen als wichtigste Geldquelle wegbrach, machte sich die Britische Ostindien-Kompanie die wachsende AbhĂ€ngigkeit des Reiches vom Außenhandel zunutze, indem es den Moguln weitreichende ZugestĂ€ndnisse abverlangte.

Religionspolitik

An einer religiösen Debatte in Akbars Ibadat Khana in Fatehpur Sikri nehmen zwei Jesuitenpater, Rodolfo Acquaviva und Francisco Henriques (links oben), teil. Illustration zum Akbarnama von Nar Singh, um 1605

Das geografische Verbreitungsgebiet der großen Religionen Islam und Hinduismus in Indien zu Beginn der Mogulzeit entsprach weitestgehend der heutigen Situation. Im Nordwesten (in etwa auf dem Gebiet der modernen Staaten Afghanistan und Pakistan) sowie im östlichen Bengalen (dem heutigen Bangladesch) hatte sich der Islam zu verschiedenen Zeiten des Mittelalters fest als fĂŒhrende Glaubensrichtung etabliert. In der dazwischen liegenden Gangesebene stellten Muslime lediglich die zahlenmĂ€ĂŸig geringe stĂ€dtische Elite, wĂ€hrend die Land- und ein großer Teil der einfachen Stadtbevölkerung fast ausschließlich dem Hinduismus anhingen. Im mittleren und sĂŒdlichen Indien dominierte der Hinduismus deutlich, doch gab es auch dort nennenswerte muslimische Minderheiten. Da das öffentliche Leben in Indien in außerordentlich hohem Maße von der Religion geprĂ€gt war und zum Teil bis heute ist, nimmt die Religionspolitik der Moguln einen besonderen Stellenwert in der historischen Betrachtung ein.

Religiöse Toleranz unter Akbar

Akbar erkannte als erster Mogul, dass ein Ausgleich zwischen den beiden großen Religionen Indiens die AutoritĂ€t der muslimischen Moguln stĂ€rken wĂŒrde. Dabei suchte er die Hindus nicht nur zufriedenzustellen, sondern untrennbar in das mogulische StaatsgefĂŒge einzubinden. Die von Akbar eingeleitete Politik der religiösen Toleranz ist daher vor allem im Kontext einer ausgewogenen, auf dauerhafte Machtsicherung bedachten Staatspolitik zu sehen, obwohl sie sich zum Teil auf persönliche Ansichten Akbars zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst. Dies spiegelt sich in den politisch motivierten Heiraten Akbars mit hinduistischen Rajputen-Prinzessinnen und der Vergabe auch hoher Posten in Heer und Verwaltung an Rajputen und andere Hindus wider. Diese Verfahrensweise stellte keineswegs ein Novum in der indischen Geschichte dar – beispielsweise war auch der erste Minister des Sultanats Malwa im frĂŒhen 16. Jahrhundert ein Hindu gewesen –, griff aber wesentlich tiefer als unter frĂŒheren islamischen Herrschern. Als bedeutendste Maßnahme ist die Abschaffung der religiösen Sondersteuern zu nennen: 1563 die an hinduistischen Wallfahrtsorten erhobene Pilgersteuer und ein Jahr darauf die im Koran festgeschriebene Kopfsteuer fĂŒr Nichtmuslime (jizya). Akbar ließ auch die AusĂŒbung hinduistischer Riten am Mogulhof zu. Die islamische Zeitrechnung ersetzte er durch ein neues, mit seiner Thronbesteigung beginnendes System. 1582 stiftete er gar eine eigene, synkretistische Religion namens din-i ilahi (persisch „Göttlicher Glaube“), die jedoch keine nennenswerte AnhĂ€ngerschaft fand. Akbars persönliches und politisches AbrĂŒcken vom orthodoxen Islam geschah gegen den Willen der einflussreichen sunnitischen Ulama am Mogulhof, deren Macht er 1579 durch ein Dekret zu beschrĂ€nken suchte, wonach dem Mogulkaiser das endgĂŒltige Entscheidungsrecht in theologischen Rechtsfragen zukam.

Islamisierung durch Aurangzeb

Erste Anzeichen einer Abkehr von der liberalen Religionspolitik Akbars fallen in die Regierungszeit Shah Jahans. AllmĂ€hlich erstarkte die orthodoxe muslimische Rechtslehre, begĂŒnstigt durch den nachlassenden hinduistischen und schiitischen Familieneinfluss auf den Kaiser. Dennoch blieben Maßnahmen gegen die hinduistische Bevölkerungsmehrheit, wie die 1632 befohlene Zerstörung aller kĂŒrzlich erbauten Hindutempel, die Ausnahme.

Erst der strengglĂ€ubige Aurangzeb brach endgĂŒltig mit dem Konzept der annĂ€hernden Gleichberechtigung von Moslems und Hindus. Er bestand auf der strengen Einhaltung der Gesetze des Korans, insbesondere der Sittengesetze. Zahlreiche BrĂ€uche am Mogulhof wurden abgeschafft, etwa Musik- und TanzauffĂŒhrungen oder die unter Akbar eingefĂŒhrte Praxis des Mogulkaisers, sich dem Volk auf einem Balkon zu zeigen. Bedeutender waren aber die Versuche, das islamisch-hanafitische Recht in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Aurangzeb ließ eine umfangreiche Gesetzessammlung (fatawa-i alamgiri) zur StĂŒtzung der islamischen Rechtsprechung anlegen und hob nach islamischem RechtsverstĂ€ndnis unzulĂ€ssige Steuern auf. Im Gegenzug ließ er die jizya wieder eintreiben (ab 1679); auch mussten Hindus doppelt so hohe ZollgebĂŒhren abfĂŒhren wie Muslime. Aurangzebs Religionspolitik zielte auf die StĂ€rkung der islamischen Komponente im Mogulstaat. Sie zog somit zwangslĂ€ufig eine Benachteiligung der Hindus mit sich, zum Beispiel wurden viele Hindus aus dem Staatsdienst entfernt oder im Rang herabgestuft, nicht jedoch eine gezielte Verfolgung. Zwar richtete sich ein Gesetz gegen den Neubau von Hindu-Tempeln, und tatsĂ€chlich wurden viele neu errichtete GotteshĂ€user der Hindus zerstört, doch standen bereits bestehende Tempel unter dem Schutz des Staates. Streitigkeiten unter Hindus wurden weiterhin nach deren eigenem, nicht nach islamischem Recht geschlichtet.[43] Zudem trafen Aurangzebs Maßnahmen zur Islamisierung des Reiches nicht nur AndersglĂ€ubige, sondern auch von den Geboten der Hanafiten abweichende Muslime. Oft dienten religiöse BegrĂŒndungen lediglich als Vorwand fĂŒr machtpolitische Entscheidungen, wie im Falle der Hinrichtung von Aurangzebs BrĂŒdern oder der Machtbeschneidung der RajputenfĂŒrsten. Aurangzebs Versuche, das Reich durch eine streng islamische Ausrichtung noch einmal zu festigen, waren nicht die entscheidende Ursache fĂŒr das innere Auseinanderbrechen des Mogulreiches nach seinem Tode, doch trug die negative Wahrnehmung dieser Maßnahmen durch die hinduistische Bevölkerungsmehrheit neben wirtschaftlich-sozialen, regionalen und militĂ€rischen Faktoren zur Aushöhlung der mogulischen Machtposition bei.

Kunst und Kultur

Die Epoche der Moguln prĂ€gte die indische Kunst und Kultur besonders in den Bereichen Architektur, Malerei sowie Sprache und Literatur nachhaltig. So stammen einige der bedeutendsten BaudenkmĂ€ler des indischen Subkontinents aus jener Zeit. Die aus Persien ĂŒbernommene Tradition der Miniaturmalerei wurde am Hof gepflegt, ebenso die Dichtkunst in persischer Sprache, spĂ€ter auch in Urdu. Da die höfische Kultur von den Mogulkaisern in unterschiedlichem Maße gefördert wurde, hatten die individuellen Vorlieben der Herrscher starken Einfluss auf das Kunstschaffen ihrer jeweiligen Epoche. Die frĂŒhen Moguln Babur und Humayun waren noch tief in der persisch geprĂ€gten Kultur ihrer zentralasiatischen Heimat verwurzelt, doch etwa seit Mitte des 16. Jahrhunderts entstand in der Bildenden Kunst ein eigenstĂ€ndiger Mogulstil unter Verschmelzung der persischen und zentralasiatischen islamischen Kunst mit indischen, insbesondere hinduistischen, Elementen und der Herausbildung einer eigenen Formensprache. Die zahlreichen KĂŒnstler und Gelehrten auslĂ€ndischer Herkunft am Mogulhof spiegeln die verschiedenen kulturellen EinflĂŒsse wider, gleichermaßen die ethnische Zusammensetzung des Adels: Es gab Perser (Iranis), Turkomongolen (Turanis) verschiedener, zumeist zentralasiatischer Herkunft, muslimische Inder, Paschtunen (Afghanen) und hinduistische Rajputen.

Architektur

Die Epoche der islamischen Architektur auf dem indischen Subkontinent begann gegen Ende des 12. Jahrhunderts, als die Ghuriden in Nordindien Fuß fassten. Bereits in spĂ€ter vormogulischer Zeit entstand in einigen Randregionen Indiens, besonders in Gujarat, ein stark hinduisierter Mischstil, in dem indische Elemente – etwa die plastische Fassadengestaltung und die Verwendung von Pfeilern und SĂ€ulen – die Konzeption islamischer Baukunst auflockern. Die vormogulische indo-islamische Architektur des Nordens beherrschen gleichwohl strenge, mehr auf FlĂ€che denn auf Form beruhende Vorstellungen, die sich vorwiegend an arabisch-vorderasiatischen Vorbildern orientierten. Viele der erhaltenen Bauten aus der Regierungszeit Sher Shahs (1540–1545), darunter die Festung Purana Qila in Delhi und Sher Shahs Grabmal in Sasaram (Bihar), weisen aber bereits starke einheimische ZĂŒge auf; sie nehmen einzelne Merkmale der spĂ€teren Mogularchitektur voraus. Die wichtigsten GebĂ€udeformen der Mogularchitektur sind die Moschee (masjid), das Mausoleum oder monumentale Grabmal (maqbara), der Palast (mahal) sowie die Festung (qila).

FrĂŒher Mogulstil

Erster Meilenstein des Mogulstils: Humayuns Grabmal (1562−1570) in Delhi

Zur Zeit Akbars (reg. 1556–1605) nahm der indische, aber auch der persische Einfluss so weit zu, dass sich der Mogulstil herausbilden konnte, der keineswegs nur einen eklektizistischen Mischstil darstellt, sondern sich sowohl durch einen hinduistischer Tradition entstammenden verspielten Formwillen als auch einen eigenwilligen Hang zum dekorativen Luxus von frĂŒheren Bauwerken abhebt.[44] Ungewöhnlich starken indischen Charakter tragen die zierlichen, auf zahlreichen SĂ€ulen ruhenden Palastanlagen in Akbars Hauptstadt Fatehpur Sikri, nachempfunden dem Palast der Rajas von Gwalior. Sie wurden spĂ€ter nicht wieder aufgegriffen, spiegeln aber Akbars tolerante Geisteshaltung auch in kĂŒnstlerischen Belangen wider. Als erster fĂŒr die weitere Entwicklung richtungsweisender Bau gilt das zwischen 1562 und 1570 in rotem Sandstein errichtete Grabmal Humayuns in Delhi. Seine hohe, dominante Kuppel trĂ€gt im Gegensatz zu den flacheren Kuppeln, wie sie zuvor in Indien ĂŒblich waren, eindeutig persische ZĂŒge, ebenso die rings um den achteckigen Haupt- und Unterbau angeordneten, nach außen offenen Bogennischen (Iwane). Westindischen Ursprungs (Rajasthan) sind dagegen die kleinen, fĂŒr fast alle Mogulbauwerke charakteristischen Gewölbepavillons (chhatri) auf dem Dach. Die Einlegearbeiten der WĂ€nde bedienen sich sowohl abstrakter, geometrischer Muster aus islamischer Tradition als auch unter indischer Einwirkung entstandener Pflanzenmotive.

Die Verwendung von rotem Sandstein als Baustoff, der den Fassaden eine besondere Farbigkeit verleiht, ist eines der kennzeichnenden Merkmale der frĂŒhen Mogularchitektur. FĂŒr die Roten Forts von Delhi und Agra ist er sogar namensgebend. Seit Jahangir (reg. 1605–1627) wurde zunehmend auch weißer Marmor fĂŒr dekorative Zwecke genutzt. Ein frĂŒhes Beispiel dafĂŒr ist Akbars Grabmal, erbaut zwischen 1612 und 1614, in Sikandra nahe Agra. Das vorstehende, hoch aufragende Portal (pishtaq) des ansonsten flachen Sandsteinbaus ist mit marmornen Einlegearbeiten ausgeschmĂŒckt, auch die zahlreichen chhatris bestehen ganz oder teilweise aus weißem Marmor. Zudem wird das Eingangstor zur umgebenden Gartenanlage von vier marmornen Minaretten gekrönt – ein wieder mehr an persischen Vorbildern orientiertes Merkmal, das bei spĂ€teren Bauprojekten vielfach Nachahmung fand.

BlĂŒte und SpĂ€tzeit des Mogulstils

Höhepunkt der Mogularchitektur: Taj Mahal (1632–1648) in Agra
Jama Masjid (um 1650) in Delhi

Der Mogulstil der Shah-Jahan-Zeit (1628–1657) ist zwar weniger experimentierfreudig, aber ausgereifter als die Architektur Akbars. Islamisch-persische Elemente treten wieder mehr in den Vordergrund – eine Tendenz, die sich schon unter Jahangir andeutete –, ohne jedoch die persische Architektur der Epoche zu imitieren, denn der indische Anteil bleibt auch unter Shah Jahan allgegenwĂ€rtig. Neu ist die Verwendung von Stuck. Am Beginn steht das zwischen 1622 und 1628 errichtete Grabmal des Ministers Itimad ud-Daulah in Agra. Es besteht komplett aus weißem Marmor und weist nun auch am Hauptbau vier Minarette an den Eckpunkten auf. In seinen Ausmaßen ist es noch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig bescheiden, im Gegensatz zum einschließlich Podium 73 Meter hohen Taj Mahal, wiederum einem Grabmal, mit dem der Mogulstil zu höchster Harmonie und Formvollendung gelangte. Shah Jahan ließ es 1632–1648 in Marmor fĂŒr seine Frau Mumtaz Mahal errichten. Es besteht aus einer von einer Zwiebelkuppel ĂŒberragten quadratischen Zentralhalle, um die vier kleinere, vollstĂ€ndig symmetrische Hallen mit je einem großen und vier kleineren Iwanen angeordnet sind. An den Eckpunkten der quadratischen Plattform befindet sich jeweils ein freistehendes Minarett. Die Fassade schmĂŒcken Reliefs und Mosaiken aus Edel- und Halbedelsteinen. Eine Nebenentwicklung stellt der vor allem in Lahore vertretene nordwestliche Regionalstil dar, der vom persischen Stil ĂŒberlagert ist. So dienen statt Marmor und Sandstein Ziegel als Baustoff, und zur Wandverkleidung werden vielfarbig glasierte Kacheln eingesetzt. Stellvertretend fĂŒr diese Stilrichtung ist die Wasir-Khan-Moschee (1634/35) in Lahore.

In der Zeit Aurangzebs (reg. 1658–1707) dominieren Sakralbauten. Dieser Umstand entsprang zum einen den persönlichen Neigungen des als strengglĂ€ubig geltenden Mogulkaisers, zum anderen den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die die FortfĂŒhrung der BautĂ€tigkeit zu weltlichen, reprĂ€sentativen Zwecken im bisherigen Ausmaß unmöglich machte. Die weltliche Architektur erreichte daher nicht den Prunk frĂŒherer Bauwerke. Das Bibi-ka Maqbara in Aurangabad, das Grabmal einer Frau Aurangzebs, Ă€hnelt zwar Ă€ußerlich dem Taj Mahal, ist jedoch wesentlich kleiner und verzichtet auf allzu kostbaren Dekor. Dagegen zĂ€hlen die zierliche Perlmoschee im Roten Fort von Delhi und die imposante Badshahi-Moschee in Lahore neben der unter Shah Jahan errichteten Jama Masjid in Delhi zu den Höhepunkten der mogulischen Sakralarchitektur.

Nawabi-Stil

Der einsetzende Verfall des Mogulreiches gegen Ende von Aurangzebs Regierungszeit begĂŒnstigte die Entwicklung von Regionalstilen, unter denen der Nawabi-Stil in Awadh herausragt. Er ist vor allem mit dem Namen der Stadt Lakhnau verbunden, wo sich die bedeutendsten Beispiele dieses Stils finden, darunter der Bara Imambara, ein monumentales, dreistöckiges Mausoleum aus dem Jahre 1784. Er ist Teil eines GebĂ€udekomplexes, zu der unter anderem eine Moschee und mehrere Torbauten gehören. Obwohl der Bara Imambara keinerlei Verteidigungsfunktion erfĂŒllt hat, greift er Elemente der mogulischen Festungsarchitektur, zum Beispiel Zinnen, auf. Im 19. Jahrhundert verstĂ€rkten sich europĂ€ische EinflĂŒsse. Umgekehrt regte der Mogulstil die Entstehung einer eklektizistischen Kolonialarchitektur an.

Gartenarchitektur

Shalimar-GĂ€rten, durch Shah Jahan um 1641 in Lahore angelegt

Aus zentralasiatischer Tradition stammt die Vorliebe der Moguln fĂŒr weitlĂ€ufige, ummauerte Gartenanlagen (rauza), die meist Teil eines GebĂ€udekomplexes, seltener auch eigenstĂ€ndig sind. Babur ließ bereits wĂ€hrend seines Aufenthalts in Kabul zum Teil bis heute erhaltene GĂ€rten anlegen. Nach schematischen Gesichtspunkten lassen sich zwei Typen von MogulgĂ€rten unterscheiden. Der erste, char bagh (Vierergarten) genannte Typ ist quadratisch und wird von steinernen WasserlĂ€ufen durchzogen, die das GelĂ€nde in vier symmetrische Abschnitte gliedern und zugleich als Sichtachsen dienen. Das bekannteste Beispiel ist der Shalimar-Garten von Srinagar in Kaschmir. Palast- und Grabanlagen werden oft durch einen char bagh ergĂ€nzt. Der zweite Typ ist der Terrassengarten, der durch die Shalimar-GĂ€rten in Lahore herausragend vertreten ist.

Malerei

MĂ€dchen mit Papagei, Illustration aus dem „Papageienbuch“ (Tutinama) im Mogulstil, um 1580
Truthahn, Miniatur von Ustad Mansur, 1612

Obwohl der Koran kein ausdrĂŒckliches Bilderverbot enthĂ€lt, wird die figĂŒrliche Darstellung von Lebewesen in der islamischen Kunst bis heute verschiedentlich vermieden. Dennoch bestand im Mogulreich eine hochstehende Malerei, die sich aus persischen (safawidischen) und timuridischen Maltraditionen ableitet, aber auch indische Elemente absorbiert hat. Die höfische Malschule der Moguln entstand unter Humayun, der bei seiner RĂŒckkehr aus dem persischen Exil im Jahre 1555 erstmals zwei persische Maler, Mir Sayyid Ali und Khwaja Abd as-Samad, am indischen Mogulhof eingefĂŒhrt hatte. Die Malerei der Mogulzeit beschrĂ€nkt sich auf Miniaturen, die zur Illustration von BĂŒchern meist im Hochformat geschaffen wurden. Die Themen sind ĂŒberwiegend weltlich. Übliche Motive sind Darstellungen des Hofes, Jagdszenen, Abbildungen von Tieren und Pflanzen, Illustrationen zu Chroniken und Dichtungen sowie – zum ersten Mal in der indischen Kunstgeschichte – PortrĂ€ts fĂŒhrender Persönlichkeiten des Staates einschließlich der Herrscher selbst.

Die Datierung der Miniaturen ist mitunter schwierig, da viele GemĂ€lde, einschließlich der KĂŒnstlernamen und Datierungsangaben, von KĂŒnstlern spĂ€terer Epochen kopiert wurden. Eines der frĂŒhesten datierbaren Werke ist eine zwischen 1558 und 1573 wĂ€hrend der Regierungszeit Akbars (1556–1605) verfasste Handschrift des Hamzanama, das ursprĂŒnglich etwa 1400 Miniaturen enthielt. Von den rund 150 erhaltenen Illustrationen folgen einige der persischen Maltradition: Textzeilen sind in die flĂ€chigen, eher statischen wirkenden Abbildungen integriert. Die meisten weisen jedoch deutliche indische EinflĂŒsse auf: Die Bildkomposition ist weitaus flexibler, die Figurenanordnung Ă€ußerst dynamisch, Bild und Text sind meist nebeneinander gestellt. Anders als frĂŒhere jainistische und hinduistische Manuskripte ist jedoch jedes Folio mit einer Abbildung versehen. TatsĂ€chlich waren die SchĂŒler der von persischen KĂŒnstlern geleiteten Malschule Akbars fast ausschließlich Hindus.[45] In der weiteren Entwicklung verschmelzen Dynamik und Freisinn der indischen Malerei immer mehr mit persisch-timuridischen Maltechniken zu einem eigenstĂ€ndigen Mogulstil, der sich durch die Verwendung der Kavaliersperspektive, ĂŒberwiegend punktsymmetrische Kompositionen und durch Binnenzeichnungen aufgelockerte FarbflĂ€chen auszeichnet.[46] Viele der Miniaturen aus der Zeit Akbars illustrieren historische Ereignisse: Akbar ließ nicht nur seine eigene Biografie, sondern auch die Chroniken Baburs und Timurs reich bebildern. Einen hohen Stellenwert in der Kunst der Akbar-Zeit genießen die Miniaturen des „Papageienbuches“ (Tutinama). Bekannte KĂŒnstler der Epoche waren Daswanth, Basawan und dessen Sohn Manohar.

Neue Impulse erhielt die Mogulkunst unter Jahangir (reg. 1605–1627), der ein außerordentliches persönliches Interesse an der Malerei hatte und diese nach LeibeskrĂ€ften förderte. Jahangir legte wenig Wert auf Massendarstellungen, wie sie unter Akbar ĂŒblich waren. Stattdessen forderte er möglichst realistische Darstellungen von Personen und Dingen. Dies kommt unter anderem in zahlreichen naturalistisch wirkenden Abbildungen der indischen Tier- und Pflanzenwelt sowie in Ă€ußerst detailgetreuen PortrĂ€ts, die in Alben gesammelt wurden, zum Ausdruck. Auch ersetzen indische Landschaften die vorher ĂŒblichen stilisierten persischen BildhintergrĂŒnde. Die Farbgebung bleibt hingegen persisch: Leuchtende Farben und Gold dominieren. WĂ€hrend zuvor oft mehrere KĂŒnstler an einem GemĂ€lde gearbeitet hatten, waren die meisten Malereien der Jahangir-Zeit Einzelwerke. Dadurch entstanden zwar weniger Kunstwerke, die dafĂŒr ein höheres kĂŒnstlerisches Niveau erreichten. Selbst europĂ€ische EinflĂŒsse machen sich bemerkbar, wenn auch nur in geringem Maße. EuropĂ€ische GemĂ€lde waren bereits 1580 durch portugiesische Missionare erstmals an den Hof Akbars gelangt, doch erst Jahangir ordnete seine Hofmaler an, europĂ€ische Kunstwerke zu studieren und deren Stil zu kopieren. In der Folge fanden MiniaturportrĂ€ts nach europĂ€ischem Vorbild ebenso Eingang in die Mogulkunst wie der christlichen Heiligendarstellungen entnommene Heiligenschein, der das Haupt des Herrschers schmĂŒckte.[47] Insgesamt gilt die Epoche Jahangirs als BlĂŒtezeit der Mogulmalerei. Aus jener Zeit sind viele Namen berĂŒhmter KĂŒnstler ĂŒberliefert, darunter Abu al-Hasan, Ustad Mansur, Bichitr und Bishandas.

Der Malstil unter Shah Jahan (reg. 1627–1657/58) unterscheidet sich kaum von dem der Jahangir-Zeit. Es entstanden hauptsĂ€chlich höfische Szenen, in denen der Kaiser im Mittelpunkt steht, und Sittenbilder. Aurangzeb (reg. 1658–1707) vernachlĂ€ssigte die Pflege der Malerei. Viele KĂŒnstler verließen den Mogulhof, trugen aber andernorts zum AufblĂŒhen der Regionalschulen des 18. Jahrhunderts bei, etwa in Rajasthan, wo sich bereits im 16. Jahrhundert parallel zum Mogulstil der Rajputenstil herausgebildet hatte. Der höfische Mogulstil selbst erlosch gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Sprache und Literatur

Sprache

In der FrĂŒhzeit der Moguln konkurrierten das Persische, das bereits im Sultanat von Delhi als Beamtensprache verbreitet war, und das Tschagataische (zur damaligen Zeit noch als tĂŒrki, „TĂŒrkisch“, bekannt),[48] die Muttersprache des ReichsgrĂŒnders Babur, um den Status der Hof- und Amtssprache, wĂ€hrend der Großteil der Bevölkerung des Mogulreiches im Alltag eine indoarische Sprache benutzte. SpĂ€testens nach dem Ende von Humayuns langem Exil in Persien hatte sich das Persische vollends durchgesetzt und wurde von Akbar zur Administrationssprache in allen Ebenen erhoben.[49] Persisch wurde von nun an die Sprache des Königs, der königlichen Familie und des Hochadels (FārsÄ«-e DarÄ«, „Persisch der höfischen Gesellschaft“).[50] Das ist nicht nur auf Akbars ungewöhnlichem Interesse an der persischen Sprache und Literatur[50] und auf die engen kulturellen Beziehungen der Moguln zu Persien zurĂŒckzufĂŒhren, sondern auch auf die allgemein hohe Anerkennung, die das Persische als lingua franca in einem großen Teil Vorder- und Zentralasiens im 16. Jahrhundert genoss. Ohne Zweifel wurde diese Entwicklung auch vom gleichzeitigen Niedergang des Tschagataischen unter den Usbeken begĂŒnstigt. TĂŒrki wurde aber dennoch ĂŒber Generationen als private Sprache der kaiserlichen Familie gepflegt.[51] Das Interesse der Kaiser an tĂŒrki war unterschiedlich und wechselhaft. So waren Akbar und sein Sohn Jahangir nicht besonders versiert darin,[50] wĂ€hrend Aurangzeb deutlich mehr Interesse an der Sprache seiner Vorfahren zeigte, obgleich auch er im alltĂ€glichen Gebrauch das Persische bevorzugte.[50] Vermutlich war der 1819 verstorbene Azfari der letzte Mogulprinz, der die Sprache noch wirklich beherrschte.[52] In den Heerlagern der Moguln entwickelte sich auf Grund der ethnisch Ă€ußerst heterogenen Zusammensetzung der Gefolgschaft eine Mischsprache aus persischen, arabischen, turkischen und indoarischen Elementen, deren Name Urdu auf das tĂŒrkische Wort ordu „Heer, Streitmacht“ zurĂŒckgeht. Urdu löste in der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts das Persische als Hofsprache ab und wird bis heute als Variante des Hindustani in persisch-arabischer Schrift von vielen Muslimen in Indien und Pakistan verwendet. Seit 1947 ist Urdu die National- und Staatssprache Pakistans.

Literatur

Auch in der Literatur dominierte bis ins 18. Jahrhundert hinein die persische Sprache. Babur brachte persische Dichter nach Indien, spĂ€tere Herrscher taten es ihm gleich. WĂ€hrend die Safawiden-Dynastie in Persien nur mĂ€ĂŸiges Interesse an der Pflege der Literatur zeigte, entstanden im Mogulreich einige der bedeutendsten Werke persischer Literatur jener Epoche. Zur Zeit Akbars bildete sich ein komplexer, bilderreicher Stil heraus, der als sabk-i hindi („Indischer Stil“) bezeichnet wird. FrĂŒhe Vertreter waren Faizi (1547–1595) und Muhammad Urfi (1555–1591), die am Hofe Akbars beschĂ€ftigt waren. Seinen Höhepunkt erreichte der Indische Stil mit den philosophischen, vieldeutigen Ghaseln Abdul-Qādir Bēdils (1644–1721), der dem toleranten Gedankengut des Sufismus nahestand. Eine besonders beliebte Form der Poesie war das Chronogramm, bei dem jedem Buchstaben ein bestimmter Zahlenwert zugeordnet war. ZusammengezĂ€hlt ergaben diese eine Jahreszahl, in dem das beschriebene Ereignis stattfand.

Im frĂŒhen 18. Jahrhundert hatte der Indische Stil seinen Zenit ĂŒberschritten. Die persische Literatur verfiel zusehends, obwohl sie vereinzelt noch bis ins frĂŒhe 20. Jahrhundert gepflegt wurde. Stattdessen begann der Aufstieg der von den Moguln zuvor wenig beachteten Urdu-Literatur, die auf dem Dekkan bereits beachtliche Leistungen hervorgebracht hatte. WĂ€hrend der Dekkan-FeldzĂŒge Aurangzebs gelangten die Werke Muhammad Walis, genannt „Wali Dekkani“, nach Nordindien und trugen wesentlich zur Popularisierung der Urdu-Dichtung bei. Diese ĂŒbernahm die persischen Vers- und Reimschemata – insbesondere das Ghasel –, ebenso viele der traditionellen Metaphern, wandte sich aber einfacheren Themen und Ausdrucksformen zu. Zentrum der Urdu-Dichtung war zunĂ€chst die Mogulhauptstadt Delhi, nach dessen Niedergang vor allem Lakhnau. In beiden StĂ€dten wirkte der bedeutendste Urdu-Poet des 18. Jahrhunderts, Mir Taqi Mir (1723–1810). Als einer der grĂ¶ĂŸten Urdu-Dichter ĂŒberhaupt gilt Mirza Ghalib (1797–1869), der im Umkreis des letzten Mogulkaisers Bahadur Shah II. – selbst Verfasser vieler berĂŒhmter Poeme – tĂ€tig war.

Einen besonderen Stellenwert fĂŒr die Geschichtsschreibung besitzen die Chroniken und Biografien der Mogulkaiser. Baburs Autobiografie, das Bāburnāma, stellt zudem ein wichtiges Zeugnis der tschagataischen Sprache dar und wurde unter Akbar ins Persische ĂŒbersetzt. Akbars eigene Memoiren (Akbarnāma), die er dem Chronisten Abu 'l-Fazl diktierte, gehören zu den umfangreichsten Herrscherchroniken, die je verfasst wurden. Aus der Feder Abu 'l-Fazls stammt auch das Āin-i-Akbari, eine Sammlung von kaiserlichen Erlassen, die zugleich landeskundliche Aufzeichnungen enthĂ€lt. Den offiziellen Chroniken Akbars stehen die kritischen Anmerkungen Badaunis gegenĂŒber. Einen historisch bedeutsamen Einblick in die religiöse Vielfalt Indiens um die Mitte des 17. Jahrhunderts verschafft der Dabistān-i-Mazāhib („Schule der Religionen“).

Literarische Werke entstanden jedoch nicht nur unter der Schirmherrschaft der Moguln. Auch mogulische Adlige und regionale Herrscher trugen zur Entfaltung regionalsprachlicher Literaturen unter anderem in Bengali, Hindi, Kashmiri, Panjabi, Paschtu und Sindhi bei. Zudem begĂŒnstigte der relative Frieden und Wohlstand, den die Moguln auf dem Höhepunkt ihrer Macht zumindest den StĂ€dten des indischen Subkontinents bescherte, allgemein die Entwicklung der Dichtung in den zahlreichen Regionalsprachen Indiens. Die hinduistische Reformbewegung der Bhakti war im 16. und 17. Jahrhundert in ganz Nordindien verbreitet. Tulsidas (1532–1623) verarbeitete hinduistische Themen in Hindi. Sein Hauptwerk, das Ramacharitamanasa, eine Version des klassischen Sanskrit-Epos Ramayana, entstand zur Zeit Akbars. Letzterer ließ eine Reihe altindischer Werke aus dem Sanskrit ins Persische ĂŒbersetzen, darunter die Hindu-Epen Mahabharata und Ramayana sowie die Fabelsammlung Panchatantra, ebenso tschagataische und lateinische Schriften.

Musik

Akbar (links) und sein Hofmusiker Tansen (Mitte) besuchen den Musiker Swami Haridas in Vrindavan, Miniatur im Rajasthani-Stil (Jaipur / Kishangarh), um 1750

Akbar zeigte großes Interesse an der Musik, ebenso Shah Jahan. Beide förderten die Musikkultur am Mogulhof. Aurangzeb ließ dagegen musikalische Darbietungen am Hofe verbieten, da sie seinen religiösen Auffassungen widersprachen. Im orthodoxen Islam spielt die Musik eine untergeordnete Rolle, wĂ€hrend im Sufitum hingebungsvolle GesĂ€nge einen wichtigen Bestandteil der religiösen Praxis darstellen. Die höfische Musik der Moguln diente aber in erster Hinsicht der Unterhaltung und ist daher weltlich. Die meisten Hofmusiker waren Hindus, sodass die Mogulmusik eine außergewöhnlich starke indische PrĂ€gung erhielt. Charakteristisch ist der ursprĂŒnglich hinduistische Raga, das melodische GrundgerĂŒst, das hĂ€ufig BezĂŒge zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten und der damit verbundenen Stimmung herstellt. GesĂ€nge wichen zunehmend reiner Instrumentalmusik, wobei neben einheimischen auch persische Instrumente wie die Sitar zum Einsatz kamen. Die höfische Musik der Moguln bildet die Grundlage der bis heute in Nordindien gepflegten Klassik („Hindustani-Musik“). Als bedeutendster Musiker der Mogulzeit gilt der Hindu Tansen (1506–1589). Von der höfischen Kultur entscheidend geformt wurde auch der heute besonders im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh gepflegte klassische Tanz Kathak.

Nachwirkung

Elefantenkutsche des Maharaja von Rewa auf dem Delhi Durbar von 1903 anlĂ€sslich der Krönung Eduards VII. zum Kaiser von Indien. Auf den Delhi Durbars von 1877, 1903 und 1911 ließen sich die britischen Monarchen, persönlich oder stellvertreten durch den Vizekönig, als Kaiser von Indien durch indische FĂŒrsten huldigen. Mit den prachtvoll inszenierten Zeremonien und der Bezeichnung Durbar knĂŒpften sie an die darbars (Versammlungen des Hofstaates, Audienzen) der Moguln an.
Silberrupie der PrĂ€sidentschaft Madras der Britischen Ostindien-Kompanie im Namen von Großmogul Alamgir II. (reg. 1754–1759), Jahr: 1172 AH (1758/59 n. Chr.), tatsĂ€chlich erst zwischen 1817 und 1835 geprĂ€gt

Obwohl die Zentralgewalt der Moguln nach dem Tode Aurangzebs rasch verfiel, erklĂ€rte keiner der neu entstehenden Regionalstaaten seine UnabhĂ€ngigkeit. Die faktisch selbststĂ€ndigen Dynastien regierten formal weiterhin im Namen des Kaisers, dessen rituelle Macht ihnen als Herrschaftslegitimation diente. Entscheidenden Anteil daran hatte die feste ideelle Verankerung der regionalen Eliten im mogulischen MachtgefĂŒge und die damit verbundene starke Durchdringung durch die indo-persische Kultur.[53] Im 18. Jahrhundert bildete sich ein regelrechter „Mogul-Mythos“ heraus, dem sich sogar die Briten unterwerfen mussten.[54] So verwendeten sie mogulische Titel und beteiligten sich an formalen Respektsbekundungen gegenĂŒber dem Kaiser, bis sich die Britische Ostindien-Kompanie selbst als dessen Schutzmacht in Delhi festsetzen konnte. Das rituelle Ansehen des Moguls stand nun dem Hegemonialstreben der Kompanie im Wege. 1814 scheiterte sie mit dem Versuch, den Nawab von Awadh anstatt des Kaisers durch die anderen aus dem Mogulreich hervorgegangenen Dynastien als souverĂ€nen Herrscher anerkennen zu lassen. Dass Awadh einige Jahre darauf schließlich doch seine UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€rte, wurde von den anderen HerrscherhĂ€usern ignoriert. Sie betrachteten den pad(i)shah von Awadh weiterhin als nawab wazir unter nomineller mogulischer Oberhoheit. Noch wĂ€hrend des Aufstandes von 1857 gegen die britische Fremdherrschaft spielte der faktisch machtlose letzte Mogul Bahadur Shah II. eine wichtige Rolle als symbolische FĂŒhrungsfigur der aufstĂ€ndischen Inder. Mit der Annahme des Titels „Kaiserin von Indien“ durch Königin Victoria 1877 sollte nicht nur die Gleichrangigkeit der britischen Monarchie mit dem deutschen Kaiser untermauert, sondern bewusst auch an die AutoritĂ€t der Mogulkaiser in Indien angeknĂŒpft werden. Ebenso griffen die Delhi Durbars, die prachtvoll inszenierten Feierlichkeiten anlĂ€sslich der Krönung britischer Monarchen als Kaiser von Indien, die Tradition der mogulischen darbars (Versammlungen des Hofstaates) auf.[55]

Im Bereich der Verwaltung wurde der Beamtenapparat der Moguln im 18. Jahrhundert sowohl von den Regionaldynastien als auch von den Briten weitgehend ĂŒbernommen. Die Einteilung der großen Verwaltungseinheiten in Distrikte mit einem hohen Steuerbeamten an der Spitze besteht in Indien, Pakistan und Bangladesch noch immer. Bis in die erste HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts hinein rekrutierte sich der Großteil der indischen Beamten in Diensten der Kolonialherren aus muslimischen Beamtenfamilien, die bereits den Moguln gedient hatten. Großmogul Shah Alam II. ĂŒbertrug den Briten 1765 die diwani, also das Recht auf Steuereintreibung und die AusĂŒbung der zivilen Gerichtsbarkeit, in Bengalen und Bihar. Das mogulische Steuersystem wurde fortgefĂŒhrt, bis die Kompanie 1793 mit dem Permanent Settlement die Zamindars, die ursprĂŒnglich nur im Namen der Moguln Steuern eintrieben, zu de facto-EigentĂŒmern des von ihnen verwalteten Landes und die darauf ansĂ€ssigen Bauern zu PĂ€chtern machte.

WĂ€hrend BesitzverhĂ€ltnisse und Steuerwesen nach britischen Vorstellungen umgestaltet wurden, erfuhr das WĂ€hrungssystem keine wesentlichen Änderungen. Die Kompanie prĂ€gte bis 1835 SilbermĂŒnzen im Namen des Mogulkaisers. Das Raugewicht der Rupie wurde von den Moguln ĂŒbernommen und blieb bis zur Abschaffung der SilberwĂ€hrung im Jahre 1945 unverĂ€ndert. Hierin zeigt sich die nachhaltige standardisierende Wirkung des Mogulreiches. So ging eng mit der Reform des MĂŒnzwesens die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten einher, von denen einige neben den offiziellen metrischen Einheiten auch heute noch in SĂŒdasien verwendet werden, etwa die Gewichtseinheiten ser (0,933 Kilogramm) und tola (11,66 Gramm). Auch terminologische Festlegungen wirken bis heute nach: Das vereinheitlichte politische und administrative Vokabular der Mogulzeit hat den modernen Sprachgebrauch nordindischer Sprachen mit geprĂ€gt. Zugleich schufen die Moguln durch die Standardisierung von Ortsbezeichnungen (Regionen, StĂ€dte, Straßen) dauerhaft neue lokale IdentitĂ€ten.[56] Titel und Amtsbezeichnungen der Mogulzeit wurden vielfach zu modernen Familiennamen.

AllgegenwĂ€rtig sind bis heute die kulturellen Nachwirkungen der Mogulherrschaft. In der Baukunst fanden Elemente des Mogulstils Eingang in die eklektizistische Kolonialarchitektur. Vor allem der britisch-indische Pavillon- und Landhausstil nahm zahlreiche Anleihen bei den Moguln, ebenso die Garten- und Parkgestaltung. Merkmale der Mogularchitektur prĂ€gen insbesondere in der westlichen Welt bis heute die Wahrnehmung von BaudenkmĂ€lern als „typisch indisch“. Besonders hervorzuheben ist die vermittelnde Rolle des Mogulreiches im kulturellen Austausch zwischen Indien und Persien. Die persische Sprache musste zwar 1835 im Machtbereich der Britischen Ostindien-Kompanie dem Englischen als Schul- und Amtssprache weichen, seine ĂŒber Jahrhunderte beherrschende Stellung als Hof-, Behörden- und Literatursprache der Moguln manifestiert sich aber noch heute unter anderem in dem hohen Anteil persischer Lehnwörter in nordindischen Sprachen und der Pflege traditioneller Dichtformen. Die klassische Hindustani-Musik bedient sich verschiedener Instrumente persischen Ursprungs, die in der Mogulzeit ihren Weg nach Nordindien fanden. Auch die nordindische KĂŒche (Mughlai-KĂŒche) weist persische und vorderasiatische EinflĂŒsse in der Verwendung bestimmter Zutaten (Fleischsorten wie Lamm und Hammel; Hefe fĂŒr Backwaren; Mandeln, Pistazien und Rosinen als GewĂŒrze) und bei Bezeichnungen vieler Gerichte (besonders Fleisch- und SĂŒĂŸspeisen) auf.

Siehe auch

Literatur

FĂŒr den Artikel wurden hauptsĂ€chlich die folgenden, ĂŒberwiegend deutschsprachigen Werke verwendet:

  • Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979; Neuauflage: Heyne, MĂŒnchen 1982 ISBN 3-453-01515-0
  • Stephan Conermann: Das Mogulreich. Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-53603-4.
  • Ainslee T. Embree, Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Fischer Weltgeschichte, Band 17: Indien. Geschichte des Subkontinents von der Induskultur bis zum Beginn der englischen Herrschaft. 12. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2005, ISBN 3-596-60017-0.
  • Heinrich Gerhard Franz: Das alte Indien. Geschichte und Kultur des indischen Subkontinents. Bertelsmann Verlag, MĂŒnchen 1990. ISBN 3-572-00852-2.
  • Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X.
  • Jos J. L. Gommans: Mughal Warfare. Indian Frontiers and high roads to Empire, 1500–1700. In: Jeremy Black (Hrsg.): Warfare and History. Routledge, London 2002. ISBN 0-415-23989-3.
  • Gustav Edmund von Grunebaum (Hrsg.): Fischer Weltgeschichte, Band 15: Der Islam II. Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel. 13. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1999, ISBN 3-596-60015-4.
  • Gordon Johnson: Weltatlas der alten Kulturen. Indien. Christian Verlag, MĂŒnchen 1995. ISBN 3-88472-271-9
  • Hermann Kulke, Dietmar Rothermund: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 1998. ISBN 3-406-43338-3.
  • Hermann Kulke: Indische Geschichte bis 1750 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte). MĂŒnchen 2005, ISBN 3-486-55741-6.
  • David Ludden: Geschichte Indiens. Magnus-Verlag, Essen 2006, ISBN 3-88400-440-9.
  • Michael Mann: Geschichte Indiens vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, ISBN 3-8252-2694-8.
  • Annemarie Schimmel: Im Reich der Großmuguln. Geschichte, Kunst, Kultur. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2000, ISBN 3-406-46486-6.

Weblinks

 Commons: Mogul â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Johnson, S. 85
  2. ↑ Annemarie Schimmel: Im Reich der Grossmoguln. Geschichte, Kunst, Kultur. MĂŒnchen 2000, S. 7
  3. ↑ Franz, S. 134
  4. ↑ Annemarie Schimmel: Im Reich der Großmoguln; S. 14–15; ĂŒber Babur: „Sein [Baburs] Vater war Mirza Omar Shaykh, in direkter Linie von dem großen Timur abstammend. [
] Baburs Mutter war die Tochter Yunus Khan Moguls, einem Nachfahren Chingiz Khans“. J.B. Harrison, P. Hardy: BĀBUR, áș’āឫīr al-DÄ«n Muáž„ammad; in: Encyclopaedia of Islam, digitale Edition
  5. ↑ Stephan Conermann: Das Mogulreich. Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-53603-4, S. 7.
  6. ↑ Schimmel, S. 372 f.
  7. ↑ Fischer Weltgeschichte Band 15, S. 241. DafĂŒr spricht auch, dass Babur seinen Sohn Humayun im sunnitischen Glauben großzog.
  8. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 23.
  9. ↑ Außerdem versuchte Babur das Heer Ibrahims durch die Hinrichtung einiger Kriegsgefangener zusĂ€tzlich zu demoralisieren (Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 24 f.).
  10. ↑ Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 71.
  11. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 36
  12. ↑ Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 79 ff.
  13. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 77 f.
  14. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 104.
  15. ↑ Kulke / Rothermund, S. 257
  16. ↑ Fischer Weltgeschichte Band 17, S. 234
  17. ↑ Fischer Weltgeschichte Band 17, S. 246
  18. ↑ Möglicherweise hatten Aurangzeb, Murad und Shah Shuja schon 1652 vereinbart, sich bei Gelegenheit gegen Dara Shikoh zu verbĂŒnden. In jedem Falle bestand zwischen Aurangzeb und Murad 1657 eine Übereinkunft, wonach Aurangzeb zwei Drittel des Reiches einschließlich Delhi und Agra und somit vermutlich auch den Kaisertitel bekommen sollte (vgl. Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 202).
  19. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 232.
  20. ↑ Kulke/Rothermund, S. 263 ff.
  21. ↑ Das Misstrauen, das Aurangzeb seinen Umgebenen entgegenbrachte, sei exemplarisch am Umgang mit seinen eigenen Kindern verdeutlicht: Drei seiner fĂŒnf Söhne verbrachten eine Zeit lang im Kerker, wobei einer von ihnen in Gefangenschaft starb, ein weiterer Sohn verstarb im persischen Exil (vgl. Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 241. und Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 236).
  22. ↑ Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 254.
  23. ↑ Dem Massaker waren angeblich mehr als 30.000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Beute, die Nadir Schahs Truppen mitfĂŒhrten und zu der angeblich auch der berĂŒhmte Pfauenthron Shah Jahans gehörte, soll einen Wert von einer Milliarde Rupien gehabt haben. Stanley Wolpert, A New History of India, New York 1982 (2. Auflage), S. 173
  24. ↑ Kulke/Rothermund, S. 284
  25. ↑ Rulers.org: India
  26. ↑ Gommans, S. 201 f.
  27. ↑ Kulke/Rothermund, S. 256
  28. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 102.
  29. ↑ Stephan Conermann: Das Mogulreich. Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-53603-4, S. 51.
  30. ↑ Ludden, S. 92
  31. ↑ Fischer Weltgeschichte Band 17, S. 237
  32. ↑ Gommans, S. 74
  33. ↑ Gommans, S. 101, bezieht sich hier auf die Studie von Stephen P. Blake: Shahjahanabad: The Sovereign City in Mughal India, 1639–1739. Cambridge 1991, S. 97. Gommans selbst kommt fĂŒr die Regierungszeiten Akbars, Jahangirs, Shah Jahans und Aurangzebs zu nahezu denselben Ergebnissen.
  34. ↑ Stephan Conermann: Das Mogulreich. Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-53603-4, S. 96 f.
  35. ↑ Der französische Arzt und Reisende François Bernier (1625–1688) hielt sich beispielsweise in der Zeltstadt Aurangzebs auf, als dieser in den Punjab marschierte. Seiner SchĂ€tzung zufolge begleiteten den Herrscher weit mehr als 300.000 Personen und fast ebenso viele Tiere. Gommans, S. 107
  36. ↑ Dirk Bronger: Indien. GrĂ¶ĂŸte Demokratie der Welt zwischen Kastenwesen und Armut. Justus Perthes Verlag, Gotha 1996, S. 247
  37. ↑ Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 203.
  38. ↑ Stephan Conermann: Das Mogulreich. Geschichte und Kultur des muslimischen Indien. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-53603-4, S. 103.
  39. ↑ Schimmel, 115 ff.
  40. ↑ Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 173.
  41. ↑ Schimmel, S. 113 f.
  42. ↑ Hans-Georg Behr: Die Moguln. Macht und Pracht der indischen Kaiser von 1369–1857. Econ Verlag, Wien/DĂŒsseldorf 1979, S. 213.
  43. ↑ Fischer Weltgeschichte Band 17, S. 258 ff.
  44. ↑ Heinz Mode: Die Kunst der Mogul-Zeit. In: Kunst in SĂŒd- und SĂŒdoastasien. Verlag der Kunst / Verlag Iskusstwo, Dresden / Moskau 1979 (Gemeinschaftsausgabe), S. 135
  45. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 99 f.
  46. ↑ Joachim K. Bautze: Die transportable Malerei ab dem 13. Jahrhundert. In: Indien. Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Umwelt. Ein Handbuch. Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 1995, S. 265 f.
  47. ↑ Bamber Gascoigne: Die Großmoguln. Glanz und GrĂ¶ĂŸe mohammedanischer FĂŒrsten in Indien. Prisma Verlag, GĂŒtersloh 1987, ISBN 3-570-09930-X, S. 146 ff.
  48. ↑ B.F. Manz, W.M. Thackston, D.J. Roxburgh, L. Golombek, L. Komaroff, R.E. Darley-Doran: TÄ«mĆ«rÄ«ds; in Encyclopaedia of Islam; Brill; digitale Edition
  49. ↑ Sheldon I. Pollock: Literary Cultures in History: Reconstructions from South Asia; University of California Press, 2003, S. 162
  50. ↑ a b c d Muzaffar Alam: The languages of political Islam: India, 1200–1800; University of Chicago Press, 2003, S. 124ff
  51. ↑ Prof. Annemarie Schimmel: Im Reich der Großmoguln. Geschichte, Kunst, Kultur. MĂŒnchen 2000, S. 9
  52. ↑ Schimmel, S. 286
  53. ↑ Ludden spricht in diesem Zusammenhang von einer „imperialen Elitegesellschaft“ auf regionaler Ebene, deren „imperiale IdentitĂ€t“ auch nach dem Verfall der mogulischen Zentralmacht bestehen blieb und die sich zur Legitimation „auf jene Kraft bezog, die ein VermĂ€chtnis der Mogulherrschaft war“ (S. 96 ff.). Dies spiegelt sich unter anderem in der Übernahme mogulischer Titel durch die Regionalherrscher wider. Der Titel nawab etwa kam im 17. Jahrhundert fĂŒr die Provinzstatthalter (subadar) des Mogulreiches auf und wurde im 18. Jahrhundert von den de facto unabhĂ€ngigen Herrschern Bengalens, Awadhs, Bahawalpurs und einiger anderer Staaten weitergefĂŒhrt.
  54. ↑ Mann, S. 33
  55. ↑ Mann, S. 79 f.
  56. ↑ Ludden, S. 93
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