Montaigne

Montaigne auf einem zeitgenössischen Gemälde

Michel Eyquem de Montaigne (* 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne in der Dordogne; † 13. September 1592 ebenda) war Politiker, Philosoph und Begründer der Essayistik.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Michel Eyquem (genannt „de Montaigne“) war der Sohn eines katholischen Franzosen und einer dem sephardischen Judentum entstammenden Mutter. Er folgte der Tradition seiner dem Amtsadel entstammenden Familie und wurde 1557, nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Toulouse und Bordeaux, Parlementsrat und später Bürgermeister von Bordeaux. Im selben Jahr machte er in Bordeaux die Bekanntschaft von Étienne de La Boétie, ein Ereignis von größter Bedeutung für Montaignes weiteres Leben. 1565 heiratete er Françoise de la Chassaigne; die beiden hatten sechs Töchter, von denen nur eine das Kindesalter überlebte. 1569 veröffentlichte er ein erstes Werk, die Übersetzung der Theologia Naturalis von Raymond de Sebond.

1570, nach dem Tod seines Vaters, gab er alle Ämter auf und zog sich 1571 auf Schloss Montaigne zurück, wo er eine für die damalige Zeit außergewöhnlich umfangreiche Bibliothek anlegte. Er widmete sich der Herausgabe der postumen Schriften seines Freundes la Boétie, las klassische Autoren und begann mit der Niederschrift seines Hauptwerks, den Essais, von denen er 1580 die ersten beiden Bände veröffentlichte. Montaigne hat die Essais bis zuletzt immer wieder überarbeitet und annotiert.

Neben seiner literarischen Betätigung war er in den 1570er Jahren immer wieder in Paris, wo er als Vermittler zwischen den verfeindeten Parteien der Gegenreformationszeit aktiv war. Sowohl der katholische König Heinrich III. als auch der (damals noch) protestantische Heinrich von Navarra schätzten seine Fähigkeiten.

Danach reiste er 1580-1581 mit vier jungen Adeligen zu Pferde über Deutschland nach Venedig, von dort nach Rom und Lucca. Ein zentrales Reisemotiv war die Heilung von einem Blasenleiden, daneben strebte er aber auch nach kulturell-historischer Horizonterweiterung. Obgleich Montaigne es sich in Rom nicht nehmen ließ, beim Papst zum traditionellen Fußkuss anzutreten, war seine Reise doch bereits völlig säkular und in keiner Weise die eines Pilgers. Montaigne führte dabei ein Reisetagebuch, das 1770 (oder vielleicht schon 1769) durch den Abbé Prunis wiederentdeckt und 1774 unter dem Titel Tagebuch einer Reise Michel de Montaignes durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581 von Meunier de Querlon herausgegeben wurde. (Prunis beschwerte sich daraufhin bitter, er sei von Querlon um die Früchte seiner Entdeckung und Entzifferung gebracht worden.)

Que sais-je? (Was weiß ich?) Vignette mit Montaignes Wahlspruch

In Italien erreichte ihn im Herbst 1581 die Nachricht, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt sei. Trotz des fortbestehenden Steinleidens und der religiösen Auseinandersetzungen bekleidete er dieses Amt bis 1585. Die zweite Amtsperiode war überschattet vom Ausbruch der Pest in Bordeaux, der die Familie zeitweilig zur Flucht zwang, und Kriegshandlungen nahe Château Montaigne. Trotz der Beanspruchung durch weitere politische Vermittlungsaktionen (auf Bitten von Katharina von Medici) gelang ihm 1587 die Fertigstellung des dritten Bandes der Essais. Dieser erschien 1588, 1595 folgte eine erweiterte Ausgabe. Wegen seiner Loyalität zu Heinrich III. wurde er von Hugenotten kurze Zeit gefangen gesetzt.

Seit einem Besuch in Paris 1588 war er mit der frühen Frauenrechtlerin und Philosophin Marie de Gournay befreundet, der er später auch die Verwaltung seines literarischen Nachlasses übertrug. Sie wird als seine Adoptivtochter bezeichnet.

Nach der Ermordung Heinrichs III. (1589) sorgte er dafür, dass Bordeaux den neuen Herrscher Heinrich IV. unterstützte. Von wenigen Reisen abgesehen lebte er in den letzten Lebensjahren recht zurückgezogen. Er verstarb – von verschiedenen Krankheiten geschwächt – auf dem Château seiner Vorfahren.

Werk

Titelblatt des dritten Bandes (1588)

Mit seinem Hauptwerk, den Essais, begründete der unorthodoxe Humanist Montaigne die literarische Kunstform des Essay, zu Deutsch in etwa „Versuch“. Damit distanzierte er sich bewusst von der klassischen Wissenschaft, seine „Versuche“ sind vielmehr von subjektiver Erfahrung und Reflexion geprägte Erörterungen. Stoische Geringschätzung von Äußerlichkeiten, Kritik des Wissenschaftsaberglaubens und der menschlichen Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen sowie Skepsis gegenüber jeglichen Dogmen kennzeichnen die Essais, in denen sich der Freidenker Montaigne mit einer Vielzahl von Themen auseinandersetzt: Literatur, Philosophie, Sittlichkeit, Erziehung usw. In letzterer Hinsicht betonte er den Wert konkreter Erfahrung und unabhängigen Urteilens als Ziele der Bildung junger Menschen.

Montaigne war das Kind einer Zeit grausamer Religionskriege, die dominiert war von moralischer Korruption und unversöhnlicher Macht- und Rachsucht auf beiden Seiten. So sah er den Menschen als ein durchaus fehlerbehaftetes Geschöpf. Daraus wiederum erwuchs sein grundlegender Skeptizismus: „...der Mensch, an der Hand Montaignes auf sich selbst gelenkt, auf die liebevolle und rücksichtslose Erforschung seiner Besonderheiten und Idiotismen, Irrationalismen und Paradoxien, Zweideutigkeiten und Hintergründe, muss notwendigerweise zum Skeptiker werden, indem er erkennt, dass er sich nicht auskennt“ (Egon Friedell). Dies bedeutet jedoch nicht, dass er Wahrheit für unmöglich hielt (Skepsis im rein negativen Sinn); er wollte nur die Fallstricke vorgefertigter Lehrmeinungen vermeiden. Sein Suchen nach Wahrheit außerhalb normierender Systematik, seine Ablehnung dogmatischen Denkens und aller Autoritäten führten ihn zu sich selbst, zu dem denkenden Subjekt Montaigne. (Damit war er Vorläufer von Descartes, jedoch ohne dessen dogmatisch eingesetzte Logik.) Dieses Selbst ist jedoch durchaus wandelbar; aus diesem Grunde schloss er seine Arbeit auch nie ab, sondern revidierte und erweiterte ständig.

Trotz der Zuneigung zu Marie de Gournay blieb sein Bild vom Zusammenleben der Geschlechter konservativ. Er hielt wahre geistige Freundschaft nur unter Männern (etwa mit Étienne de la Boétie) für möglich; von der Liebe behauptete er, sie lege dem Mann nur Fesseln an.

Wie mein Geist mäandert, so auch mein Stil“ – diese Worte sind charakteristisch für die spielerische Offenheit seiner vielfältigen Abschweifungen, der Entwicklung seiner Gedanken. Seine Schriften sind so reichhaltig und flexibel, dass sie von nahezu jeder philosophischen Welle adaptiert werden können. Gleichzeitig widersetzen sie sich noch heute so konsequent jeder konsistenten Interpretation, dass sie eben dadurch deren Grenzen aufzeigen.

Sein tiefgründiger Skeptizismus bildete die Brücke zur radikalen Logik der Philosophie des Barock (Barockscholastik); gleichzeitig griff seine Einsicht in Reichtum und Grenzen menschlicher Erkenntnis weit in die Zukunft. Seine vorurteilsfreie Menschenbetrachtung und sein liberales Denken leiteten die Tradition der französischen Moralisten der Aufklärung ein und beeinflussten weltweit zahlreiche Philosophen und Schriftsteller nach ihm, unter ihnen Voltaire und Friedrich Nietzsche.

Die geisteswissenschaftliche Teil-Universität der Universität Bordeaux wurde nach ihm benannt: Université de Bordeaux III Michel de Montaigne.

Werke

Französisches Original

  • Les Essais de messire Michel, seigneur de Montaigne. Erster und zweiter Band 1580, dritter Band 1588
  • Journal du voyage de Michel Montaigne en Italie, par la Suisse et l’Allemagne. 1774

Deutsche Übersetzungen

Vollständige Übersetzungen:

  • Essais: [Versuche]; nebst des Verfassers Leben. Nach der Ausgabe von Pierre Coste ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz. Leipzig 1753. Satzfaksimilierter Nachdruck Zürich 1991–1992, ISBN 3-257-01921-1
  • Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett. Frankfurt am Main 1998. Taschenbuchausgabe München 2000, ISBN 3-442-72577-1
  • Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581. Übersetzt, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Hans Stilett. Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-8218-0725-3

Ausgewählte Essais:

  • Essais. Auswahl und Übersetzung von Herbert Lüthy. Zürich 2000 (revidierter Nachdruck der Ausgabe von 1953), ISBN 3-7175-1290-0
  • Die Essais. Ausgewählt, übertragen und eingeleitet von Arthur Franz. Stuttgart 1980, ISBN 3-15-008308-7
  • Montaigne:" Von der Kunst, das Leben zu lieben" übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett im Eichborn-Verlag ISBN 3-8218-5766-8
  • Michel de Montaigne: Über die Freundschaft. In: Klaus-Dieter Eichler (Hg.): Philosophie der Freundschaft. Leipzig: Reclam, 1999, S. 83-97 (deutsch von Hans Stilett) ISBN 3-379-01669-1
  • Vom Schaukeln der Dinge: Montaignes Versuche; ein Lesebuch von Matthias Greffrath. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 1984. ISBN 3-8031-2110-8

Literatur

  • Uwe Schultz: Michel de Montaigne. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-499-50442-1
  • Jean Firges: Michel de Montaigne. Das Glück dieser Welt. Sonnenberg, Annweiler 2001, ISBN 978-3-933264-14-5, (Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, Bd. 07, 81 Seiten).
  • Peter Burke: Montaigne zur Einführung. 3. Auflage, Hamburg 2004, ISBN 3-88506-392-1
  • Ralf Nestmeyer: Französische Dichter und ihre Häuser. Frankfurt am Main, Leipzig 2005, ISBN 3-458-34793-3
  • Hugo Friedrich: Montaigne. Dritte Auflage mit einem Nachwort von Frank-Rutger Hausmann, Tübingen und Basel 1993, ISBN 3-7720-0348-6
  • Jean Starobinski: Montaigne. Denken und Existenz. Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-596-27411-7
  • Stefan Zweig: Montaigne. Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12726-2
  • Mathias Greffrath: Montaigne. Ein Panorama. Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-8218-4432-9
  • Jean Lacouture: Michel de Montaigne. Ein Leben zwischen Politik und Philosophie. Frankfurt am Main, New York 1998, ISBN 3-593-36025-X
  • Christian Schärf: Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno. Göttingen 1999, ISBN 3-525-01224-1

Weblinks


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