Nabucco-Pipeline

Nabucco-Pipeline

Das Nabucco-Pipeline-Projekt sieht den Bau einer Erdgas-Pipeline vor, beginnend in der Türkei bis in das österreichische Baumgarten an der March, wo das zentrale Verteilerzentrum der OMV für Erdgas liegt. Am 13. Juli 2009 wurde ein Rahmenabkommmen von den fünf beteiligten Transitstaaten (Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich) unterzeichnet. Der endgültige Baubeschluss wird im Jahr 2011 erwartet.[1] Die Pipeline soll zirka 14 Milliarden Euro kosten[2][3], die zu einem Drittel durch das Betreiberkonsortium selbst, zu zwei Drittel durch Kredite aufgebracht werden soll.

Der Baubeginn wurde schon mehrfach verschoben und ist derzeit für 2013 vorgesehen. Die erste Ausbaustufe soll bis 2017 fertiggestellt sein.[4] Die Pipeline selbst soll die EU mit den kaspischen Erdgasvorkommen verbinden (möglicherweise auch mit iranischen, ägyptischen und irakischen) und so neue Gasquellen für Europa erschließen. Im EU-Programm Transeuropäische Netze gilt die Pipeline als eines der fünf wichtigsten Vorhaben beim Ausbau des europäischen Energieleitungsnetzes.

Inhaltsverzeichnis

Technische Daten

Die Nabucco-Pipeline ist in einer Länge von zirka 3.300 km (davon 2.000 km Türkei, 400 km Bulgarien, 460 km Rumänien, 390 km Ungarn und 46 km Österreich) und einem Durchmesser von zirka 1,42 m geplant.[5] Dies ergibt eine Anzahl von rund 200.000 Rohren aus 2 Mio. Tonnen Stahl.[6] Die Pipeline hat eine Kapazität von etwa 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr.

Hintergrund

Hintergrund des Projekts ist der politische Wunsch der EU nach einer Diversifizierung der Erdgasquellen, vor allem, um die starke Stellung des Hauptlieferanten Gazprom zu begrenzen oder zu verringern. Russland lieferte 2010 knapp 25 Prozent des europäischen Gasbedarfs.[7] Die EU verbrauchte 2007 rund 475 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission könnte der Bedarf im ungünstigsten Fall (Nicht-Realisierung der eigenen Klima- und Energieeffizienz-Ziele) bis 2030 auf zirka 575 Milliarden Kubikmeter steigen. Dem gegenüber steht eine sinkende Eigenproduktion in Europa selbst. Der Importbedarf der EU wird deshalb im gleichen Zeitraum voraussichtlich stark anwachsen. Dadurch ist die Erschließung neuer Erdgasquellen ein wichtiger Beitrag zur Energieversorgungssicherheit Europas. Neben der Diversifizierung der Erdgasquellen wird die Pipeline eine Diversifizierung der Gastransportwege - unter Umgehung Russlands und der Ukraine - bewirken.

Die Nabucco-Pipeline konkurriert mit der durch die Ostsee führenden Pipeline Nord Stream.[8]

Beteiligte

Initiator des Projektes ist die österreichische OMV AG. Eigentümer sind neben der OMV Gas International GmbH die MOL aus Ungarn, S.N.T.G.N. Transgaz S.A. aus Rumänien, Bulgargaz-Holding EAD aus Bulgarien und BOTAŞ Petroleum Pipeline Corporation aus der Türkei. Die Entscheidung für einen weiteren sechsten Partner ist im Februar 2008 auf RWE aus Deutschland gefallen. Der entsprechende Vertrag wurde am 5. Februar 2008 in Wien unterzeichnet. Bis dahin hielt jeder der Beteiligten einen Anteil von 20 % an der Nabucco Gas Pipeline International GmbH; seither sind es gleichmäßig 16,67 % je Anteilseigner.[9]

An den Kosten beteiligen wird sich auch die Europäische Investitionsbank (EIB). Zur Absicherung der Finanzierung des Projektes streben die beteiligten Unternehmen ein Regierungsabkommen zwischen den betroffenen fünf Staaten an. Die endgültige Bauentscheidung wird im Jahre 2010 fallen.

Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer ist als politischer Berater für die Anteilseigner RWE und OMV für das Projekt tätig.[10]

Ein weiteres Pipelineprojekt zur Versorgung Europas mit Erdgas wird voraussichtlich die Gaspipeline South Stream. Sie soll von Russland durch das Schwarze Meer zunächst nach Bulgarien führen. Der südliche Strang wird über Griechenland nach Italien geführt, der mit Nabucco direkt konkurrierende nördliche über Serbien nach Ungarn.[11]

Projektierung

Die Durchführung des Projektes soll über nationale Gesellschaften erfolgen, die als Tochtergesellschaften der Nabucco Gas Pipeline International GmbH derzeit in Gründung begriffen sind (Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien schon gegründet; Türkei noch in Gründung). Mit der Bestellung der britischen Firma Penspen als Generalingenieur Anfang Januar 2008 geht das Projekt nunmehr in die technische Detailplanung. Nach Beendigung der ersten Bauphase 2013 wird nach den Plänen der Nabucco Gas Pipeline International GmbH mit einer Anfangslieferkapazität von jährlich acht bis zehn Milliarden Kubikmeter begonnen werden. Der Markt soll in weiterer Folge die Ausbaugeschwindigkeit auf die maximale technische Kapazität von rund 31 Milliarden Kubikmeter pro Jahr mitentscheiden. Die ersten Lieferungen könnten aus Aserbaidschan kommen, darüber hinaus bestehen derzeit keinerlei Lieferzusagen. In der Diskussion ist die Einspeisung von turkmenischem, irakischem und vor allem iranischem Gas, dessen baldige Verfügbarkeit jedoch fraglich ist.[12]

Nach dem russisch-ukrainischen Gasstreit plant die Europäische Union, den Bau der Nabucco-Pipeline zügig voranzutreiben. Bei einer internationalen Konferenz zum Pipeline-Projekt am 27. Januar 2009 in Budapest sprach sich auch der tschechische Regierungschef und EU-Ratspräsident, Mirek Topolánek, für eine zügige Vereinbarung der Regierungen der beteiligten Staaten aus. Der Präsident der Europäischen Investitionsbank Philippe Maystadt erklärte, sein Institut könne etwa 25 Prozent der benötigten 7,9 Milliarden Euro für das Projekt garantieren. Der Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung würde eine Beteiligung ebenfalls prüfen.[13]

Am 13. Juli 2009 unterzeichneten Regierungsvertreter der fünf beteiligten Staaten in der türkischen Hauptstadt Ankara das Abkommen über den Bau der Pipeline. Die Beteiligten verpflichten sich u.a die Durchleitung von Erdgas nicht zu behindern. Unterbrechung der Lieferungen wie im Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine sollen damit verhindert werden.[14]

Wirtschaftskonzept

Als Logistikprojekt bietet die Nabucco-Pipeline die technische und logistische Infrastruktur für Gastransporteure („shippers“), kauft aber selber kein Gas. Potentielle Gastransporteure müssen daher selbst entscheiden, woher sie das Gas beziehen wollen und daher auch Lieferverträge abschließen. Die Nabucco-Gesellschaft schließt ihrerseits daher Transportverträge mit den entsprechenden Transportkunden ab.

Schwachstellen

Kapazitätsauslastung und Rentabilität

Die große Schwachstelle der Nabucco-Pipeline, die Investoren verunsichert, ist die fehlende Garantie der Kapazitätsauslastung und somit der Rentabilität. Staaten, die für die nötigen Gasmengen sorgen könnten, sind Aserbaidschan, Turkmenistan oder der Iran, überwiegend politisch instabile Regime, bzw. mit denen, wie im Falle des Irans, eine Kooperation zur Zeit aus politischen Gründen kaum möglich erscheint. Hinzu kommt, dass Turkmenistan bereits große Mengen seiner künftigen Förderung Russland und China[15] vertraglich zugesichert hat. Obwohl Turkmenistans Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow die Reserven seines Landes als groß genug für alle Abnehmer bezeichnet, gilt dies unter Experten als nicht sicher. Auch dürfte die benötigte transkaspische unterseeische Pipeline nach Aserbaidschan wegen des ungünstigen Meeresprofils extrem hohe Investitionen erfordern. Erschwert wird ein solches Projekt auch durch den immer noch nicht geklärten rechtlichen Status des Kaspischen Meeres und seiner Aufteilung. Unter den Anrainern, die am langjährigen Verhandlungsprozess teilnehmen, befinden sich auch Russland und der Iran.

Nachdem auch Aserbaidschan Ende Juni 2009 einen Teil seiner Gasreserven (speziell aus dem größten Schah-Deniz-Gasfeld) an Russland verkauft hat, sind die Chancen der Realisierung Nabuccos noch weiter gesunken.[16] Nach Meinung der Experten kann Aserbaidschan nur noch 4 Milliarden der zirka 30 Milliarden Kubikmeter beisteuern, die benötigt werden.[17]

Es ist auch fraglich, ob ein Projekt in der Größenordnung von Nabucco nicht die Umsetzung von kleiner dimensionierten, aber deutlich realistischeren Pipeline-Projekten im „Südlichen Gaskorridor“ behindert. Dazu zählen etwa die Pipelines Interconnector Turkey-Greece-Italy (ITGI) und Trans Adriatic Pipeline (TAP), mit denen europäische Energieversorger Gas aus Aserbaidschan bzw. Iran nach Italien bringen wollen, unter Nutzung der bestehenden Gasnetze in der Türkei und in Griechenland.[18] [19]

Position der Türkei

Die Türkei sieht in Nabucco ein willkommenes Instrument, um ihre EU-Mitgliedschaft zu forcieren. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan forderte im Januar 2009 die Beschleunigung der EU-Beitrittsverhandlungen und brachte diese erstmals direkt mit Nabucco in Verbindung. Im Falle des Scheiterns der Verhandlungen betrachte die Türkei das Projekt Nabucco als „gefährdet“.[20]

Ferner besteht unter den „Nabucco”-Partnern Uneinigkeit über die Verteilung des Gases. Die rohstoffarme Türkei fordert 15 Prozent des „Nabucco”-Gases zum Eigenverbrauch oder Weiterverkauf auf dem Weltmarkt, was die Europäer ablehnen.[17]

Steigende Kosten und Verzögerungen

Im Mai 2011 bestätigte der EU-Energiekommissar Günther Oettinger eine deutliche Kostenexplosion bei der geplanten Gaspipeline Nabucco. Seinen Worten nach werden die Kosten von Nabucco von den bislang veranschlagten 7,9 Milliarden auf 12 bis 15 Milliarden Euro steigen.[21] Das Konsortium bezeichnete diese Angaben im Juni 2011 als Spekulation, gab jedoch bekannt, dass die voraussichtliche Fertigstellung der Pipeline sich um weitere zwei Jahre bis 2017 verzögern wird.[4]

Weitere Entwicklung

Akquise zusätzlicher Lieferländer

Um die Auslastung der Pipeline und dadurch die Versorgung Europas mit Erdgas sicherstellen zu können, treibt insbesondere die Türkei die Akquise von zusätzlichen Lieferländern voran. So setzt sie sich u.a. für den Iran und das Emirat Katar als zusätzliche Lieferanten ein und nutzt dabei Ihre nachbarschaftlichen Kontakte im Nahen Osten.[22][23]

Herkunft des Projektnamens

Nach dem ersten Treffen des Konsortiums gingen die Teilnehmer in die Wiener Staatsoper, um sich Giuseppe Verdis Oper „Nabucco” anzusehen. Beim anschließenden Abendessen stimmten bei der Suche nach einem Projektnamen die Anwesenden für den Namen Nabucco.[24][25]

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. money.oe24.at: EconGas spürt wieder belebte Nachfrage, 5. November 2010, Zugriff am 20. Januar 2011
  2. Eisenerz macht Nabucco immer kostspieliger
  3. European gas pipeline costs double
  4. a b FAZ: Nabucco-Pipeline kommt später, 6. Mai 2011
  5. Europa-Information 2006
  6. Wiener Wirtschaft, Nr. 28/29, 10. Juli 2009, Seite 14
  7. Oliver Geden: Versorgungssicherheit - auch ohne neue Gasleitungen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. August 2010
  8. Die Pläne der Russen (16. Juli 2011)]
  9. Auskunft über Anteilseigner und -quoten auf der Website des Unternehmens
  10. „Fischer wird Lobbyist für Nabucco-Pipeline“, tagesschau.de vom 6. Juli 2009 (nicht mehr online verfügbar)
  11. Gas: Russland bringt Nabucco in Bedrängnis auf ORF
  12. Oliver Geden, Andreas Goldthau: Phantomdebatte um Nabucco-Pipeline. Financial Times Deutschland, 30. November 2008, abgerufen am 1. März 2009.
  13. EU will Nabucco-Gasleitung zügig vorantreiben. Netzeitung, 27. Januar 2009, abgerufen am 20. Juli 2009.
  14. Nabucco-Pipeline: Europa emanzipiert sich von russischem Gas. Spiegel Online. Abgerufen am 20. Juli 2009.
  15. RIA Novosti: Turkmenistan wird 1,2 Billionen m³ Gas im Laufe von 30 Jahren nach China pumpen, 24. Juni 2009
  16. Die Presse: Nabucco hat schlechte Karten im Gaspoker, 10. Juni 2009
  17. a b Thomas Seibert: Gaslieferant verzweifelt gesucht, Der Tagesspiegel, 10. Juli 2009
  18. die tageszeitung: Geopolitische Fantasien, 15. Juli 2009
  19. Die Presse: Die EU braucht einen Gas-Binnenmarkt. Nabucco kann ein wichtiger Mosaikstein für die Versorgungssicherheit der EU sein - aber nur einer von mehreren, 17. Juli 2009
  20. „Erdogan will schnelleren Beitrittsprozess – sonst sei Nabucco-Pipeline gefährdet“, Der Standard,
  21. Dow Jones: Oettinger: Nabucco kostet 12 bis 15 Mrd EUR, 9. Mai 2011
  22. „Türkei feilscht für Nabucco um Gas aus Katar“, DiePresse.com,
  23. „Iran verhandelt über Beteiligung“, Sueddeutsche,
  24. Projekt-Seite: FAQ, Pkt. 15
  25. http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/494511/index.do

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